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Räubertraum

von grantaire
OneshotAllgemein / P12 / Gen
08.02.2018
08.02.2018
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Julchen's Sicht
☆☆☆☆☆☆☆☆☆

Ich hatte immer gefürchtet dass es so enden würde, aber ich war nie darauf vorbereitet gewesen. Sein schlaffer Körper lag in meinen Armen und bewegte sich nicht mehr. Ich schloss behutsam seine jetzt blicklosen braunen Augen und legte seinen leblosen Körper sanft auf den Tisch. Erst danach wurde mir die Tragweite der Ereignisse völlig bewusst und ich fing hemmungslos an zu weinen. Das konnte nicht derselbe Mann sein, der mich und unsere Kinder so über alle maßen geliebt hatte - nein, der echte musste irgendwo hier sein ... er konnte nicht tot vor mir liegen.
Mein geliebter Hannes würde jeden Moment aus seinem Versteck kommen, stolz auf seinen Scherz und mich umarmen, wenn er sah, dass ich sauer auf ihn war ... mal wieder( ich war zwar nie richtig sauer auf ihn aber seine Scherze trieben mich hin und wieder in den Wahnsinn). Fast ängstlich streckte ich die Hand aus, um seine reglose Gestalt zu berühren. Die braunen Augen, die ich so geliebt hatte, waren geschlossen. Seine Kleidung war blutverschmiert, tränennass und viel zu groß für ihn da er in den letzten Wochen durch seine Krankheit extrem abgemagert war. Ich zog sein Hemd zurück, und als ich die Narben auf seinem Rücken sah, weinte ich wieder, stärker als zuvor. Auch seinen Armstumpf berührte ich ( den Arm hatte ich ihm abnehmen müssen da er sonst an einer Infektion gestorben wäre). Das konnte nicht real sein. Nichts davon konnte sein. Mein mutiger Räuber musste noch da sein, lebendig, irgendwo in der Nähe. Ich strich ihm die Haare aus dem Gesicht, schloss die Augen und erinnerte mich an unsere letzte gemeinsame Nacht nur Stunden vor dem Stallbrand - wie er mich zärtlich umarmte, als wäre ich zerbrechlich, wie seine große, warme Hand meine Kleinere umschloss, Die Art, wie er seine Lippen gegen meine gedrückt hatte... und vor allem erinnerte ich mich an das Gefühl seines Körpers - Fleisch presste gegen Fleisch, unser Schweiß vermischte sich in der Glückseligkeit, die wir nur zusammen finden konnten. Der Samen dieser Nacht wuchs in mir heran. Ich hörte seine Stimme wieder in meinem Kopf wie er zärtlich meinen Namen flüsterte oder sein Lächeln als er unser erstes Kind im Arm hielt. Seine Küsse süß wie Honig... ach er hatte mich so über alle maßen geliebt. Ich konnte es immer noch nicht glauben dass er jetzt... weg war. Die Erinnerungen waren genug, um mein Herz wieder vor kummer schwer werden zu lassen, und ich Juliane Blasius Bückler( nach der Geburt von Alice hatten Hannes und ich in aller stille geheiratet) brach in Tränen aus für den Mann, den sie nie wieder sehen würde - für ihren Johannes( Hannes) Bückler. Wie sollte ich das nur meinen Kindern erklären dass ihr Vater nicht mehr da war? Wie sollte ich für meine Kinder sorgen? Konnte ich ihnen überhaupt ein gutes Leben bieten? Gedankenverloren ging ich zum Fenster und öffnete es. Draußen war es kalt und es regnete ich schloss die Augen um mich einen Moment lang zu sammeln und zu entscheiden wie es jetzt weitergehen sollte. Im Wind meinte ich ganz kurz die Worte" mir geht es gut mein Herz. Kümmere dich bitte um die Kinder" zu hören. Ich wusste nicht genau ob es Realität oder Einbildung war doch ich nahm mir vor diesem, dem letzten Wunsch meines geliebten zu folgen.


Fast fünfzig Jahre später lag ich abends in meinem Bett und erinnerte mich an meine Zeit mit Hannes zurück. An die viel zu kurze Zeit die uns gegönnt worden war... bis ich fühlte, wie mein Leben sich langsam dem Ende zuneigte - mein Herzschlag wurde langsamer, meine Gliedmaßen wurden kalt -  mir war klar, dass ich keine Angst vor dem Tod hatte. Im Jenseits würde ich meinen geliebten Hannes wiedersehen.
Ich lächelte glücklich, als ich mich an den Mann meiner Träume erinnerte, den ich so sehr geliebt hatte. Ich erinnerte mich an sein Lächeln, sein Lachen, seine zärtlichen Berührungen und seine Beschützende Art.

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In den ersten Monaten nach seinem Tod hatte ich vor Kummer nicht mehr aus noch ein gewusst. Tagelang hatte ich mich in meinem Zimmer eingeschlossen und wollte mit niemandem reden. Bis meine Kinder an die Tür geklopft hatten und fragten ob ich sie überhaupt noch lieb hatte. Das riss mich aus meiner Melancholie. Ich schwor mir meinen Kindern eine gute Mutter zu sein. Zu dritt trauerten wir noch sehr lang in Hannes doch den Kummer zu teilen half uns damit fertig zu werden. Die Lücke die er hinterlassen hatte würde sich jedoch nie wieder füllen lassen. Acht Monate nach Hannes Tod brachte ich mein drittes Kind (Rose) zur Welt. In den nächsten dreißig Jahren kümmerte ich mich rührend um meine Kinder und Enkelkinder. Als sie nach und nach wegzogen kehrte die Einsamkeit zurück besonders nachts fühlte ich mich allein. Ich vermisste Hannes mit jeder Faser meines Körpers. Benedum der meine Einsamkeit bemerkte half mir dabei ein Wirtshaus zu eröffnen. Das Geschäft boomte schon nach kurzer Zeit. Auch die ärmeren Leute bekamen bei mir ein warmes Plätzchen am Ofen und gutes Essen. Einige Male versteckte ich auch einen Bettler oder Dieb vor der Polizei. Besonders beliebt waren meine Geschichten die ich abends immer erzählte. Die Geschichten meiner Jugend, meiner Abenteuer und der außergewöhnlichen Liebe die einst mein Eigen war. In der Zeit als ich noch jung und schön war und mit dem Schinderhannes die Wälder unsicher machte. Benedum starb viel zu früh mit gerade mal 50 Jahren als ihn ein betrunkener Kutscher übersah. Mit ihm war die letzte Verbindung zu meiner Jugend zerbrochen. Mit sechzig Jahren verkaufte ich das Wirtshaus zu dessen Instandhaltung ich nicht mehr im Stande war. Die Einsamkeit kehrte zurück doch inzwischen fürchtete ich sie nicht mehr. Ich gestehe dass ich den Tod herbeisehnte um endlich wieder bei meinem geliebten Hannes zu sein. Ich hatte seinen Wunsch erfüllt. Ich hatte gelebt, die Kinder großgezogen und ein schönes Leben geführt.
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Ich werde ihn bald wiedersehen,  ... es wird nicht mehr lange dauern ... als sich meine Sicht langsam verdunkelte, konnte ich ihn sehen, und er lächelte. Er sah genauso aus wie an dem Tag, an dem er starb- die rote Weste, das weiße Hemd, die hellbraune Hose und die schwarzen Stiefel - aber er leuchtete leicht golden, mit einem schimmerden Glanz wie ein Engel. "Ich wusste, dass du bald kommen würdest, ", sagte er. Seine Stimme klang jetzt anders - ein wenig tiefer, als ich mich erinnerte und irgendwie melodisch. "Es stimmt, was die Legenden sagen; Liebe besiegt alles. Sogar den Tod." Durch ein komisches glitzern irritiert guckte ich an mir selbst herab und war schockiert. Ich war wieder 20 Jahre alt- , jung, schlank und schön. Ich sah genauso aus wie damals als ich mich in Hannes verliebt hatte. Ich versuchte zu sprechen und bemerkte, dass mein Stimme fast genauso klang wie seine. "Hannes ... Schatz ..." korrigierte ich mich langsam. "Bin ... ich ...?" "Tod?" fragte er leise. "Ja. Aber mach dir keine Sorgen; es geht so schnell und einfach wie Einschlafen. Es war sogar für mich leicht". Ich nickte leicht mit dem Kopf. Dass sterben für ihn  eine Erlösung gewesen war konnte ich mir vorstellen. Dass es ihm leicht gefallen war mich und die Kinder zu verlassen nicht." Ich habe dich so vermisst Liebster" sagte ich leise und warf mich Hannes in den Arm. Er umarmte mich fest und küsste mich leidenschaftlich. "Danke dass du dich um die Kinder gekümmert hast, mein Herz. Es tut mir leid dass ich dich allein mit den Kindern gelassen habe. Du hast dich gut um sie gekümmert. Alice, Milo und Rose sind zu guten Menschen herangewachsen die es weit bringen werden und wir beide werden sie von oben behüten". Bei seinen Worten kam mir ein Gedanke" soll das heißen du hast mich... uns...?" "Ja mein Herz. Ich war immer bei euch. Auch wenn du mich nicht gesehen hast". "Es wird Zeit..." Hannes sah über seine Schulter, wo ein Licht hinter ihm aufleuchtete, bevor er mich ansah. "Bist du bereit?" "Wieder bei dir zu sein?" Fragte ich ebenso leise und sah in seine Augen. "Hannes, mein Schatz, ich wollte niemals ohne dich leben. Ich warte seit 50 Jahren auf dich." Er lächelte und streckte mir die Hand entgegen. "Komm mit mir, Julchen, mein Herz." Einen langen Moment lang guckten wir uns zärtlich an. Dann nahm ich seine Hand und folgte ihm ins Licht.

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