Die Stimme der Drachen

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
OC (Own Character)
07.02.2018
15.10.2018
8
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"Die Stimme der Drachen" (Zeichnerin des Titelbildes: Winterfaux)
Erstes Kapitel: "Aufbruch"

Das Sonnenlicht zwängte sich derart durch das Laubdach des Blütenburgwaldes, dass es beinahe greifbar wirkte. Unter dem Baldachin aus Blättern ging ich auf einem unbefestigten, erdigen Pfad voran, von uralten, moosbewachsenen Bäumen umgeben. Die geradezu mystische Stimmung des Waldes gab mir ein beflügelndes Gefühl von Abenteuerlust. Immerhin war heute der Tag, dem ich seit Kindergartentagen entgegen fieberte – der erste Tag meiner Pokémonreise! Ich war zu einer jungen Frau herangewachsen, die aufbrach, um ihre Träume zu verwirklichen.

Ab und an kreuzten Spaziergänger meinen Weg. Gut gelaunt grüßte ich jeden von ihnen. Ein lässig gekleideter Passant mit Dreitagebart und Geheimratsecken erwiderte auf mein beschwingtes „Hi!“ nur trocken: „Magst wohl Drachen, was?“ Er hob die Hand zum Abschied, ging vorüber und ich warf flüchtig einen amüsierten Blick herab auf meine heutige Garderobe. Mein verwaschen schwarzes, weit geschnittenes Shirt – welches ein wenig kaschierte, dass ich nicht die Schlankste war – zeigte das Motiv eines gefiederten Drachen: Reshiram, der aus einem Flammenmeer emporstieg. Meine offene, nachtschwarze Sweatjacke zierten generische Tribal-Drachenmuster. An einer Halskette trug ich einen silbern verschlungenen Rayquaza-Anhänger. Mein Rucksack, der in den Farben von Gluraks megaentwickelter Drachenform gestaltet war, besaß ein Schwingen- und Feuermuster. Zudem baumelte ein Plüsch-Giratina von ihm herab. Eine Feuergravur schmückte auch mein metallenes Armband. Meine dunkelgraue, nietenbesetzte Jeanshose war drachenlos. Meine sportlichen, schwarzen Stiefel hingegen waren mit einer durchscheinend blauen Schuppenhaut überzogen: Die Haut, die Dratini bei seinem Wachstum abstreift, ist ein begehrtes Naturmaterial für luxuriöse Schuhe. Eigentlich finde ich Schuhe gleichauf mit Mathematik und Wirtschaftslehre das Langweiligste, was es auf unserer faszinierenden Welt gibt. Aber über dieses Geschenk meines Großvaters zu meinem Abschluss der Trainerschule hatte ich mich wie ein kleines Kind gefreut. Schließlich vergötterte ich Drachen geradezu. Und jetzt war ich endlich, endlich unterwegs, um die entlegenen Orte aufzusuchen, an welchen jene großartigen Geschöpfe noch lebten.
Ich wollte Drachen verschiedener Arten einfangen und zähmen. Ich wollte sie trainieren und ihre Geheimnisse ergründen. Ich wollte mein Wissen und die Stärke meiner Drachen in den Kampfarenen Hoenns auf die Probe stellen.

Hier und dort sah ich ein Waumpel, das eifrig einen Baumstamm hinauf oder hinab kletterte oder sich, auf einem Ast sitzend, an der Blätterpracht gütlich tat. Einmal erhaschte ich auch den Blick auf ein Knilz, das rasch im Bodenlaub verschwand wie ein heimlicher Waldgeist. Die schrillen, kurzen Rufe der Schwalbini tönten gelegentlich aus den Wipfeln. Vielleicht ein halber Nachmittag war seit meinem Aufbruch von Zuhause vergangen, als in tänzelndem Flug ein Papinella hinter einem Dickicht aus hohen Farnen hervorkam. Die schwarz und farbenfroh gemusterten Flügel des großen Schmetterlings boten einen herrlichen Kontrast zu seiner wilden Umgebung. Und eine gewisse Wildheit lag auch in seinen runden, himmelblauen Augen, als er mich wahrnahm und mich durchdringend ansah. Dieses Wesen war anders als die übrigen Waldbewohner, denen ich heute begegnet war. Trotz seiner Eleganz besaß es die Ausstrahlung eines Kämpfers. Und so war es meine Entscheidung aus dem Bauch heraus, meinen bislang einzigen bewohnten Pokéball zu zücken und das Geschöpf darin durch Betätigung des Knopfes hinaus auf den Waldweg zu schicken.

„Papinella, wir fordern dich heraus“, sagte ich so bestimmt wie möglich und hielt dem Blick des wilden Pokémon fest stand, während sich mein eigenes Dratini aus einem roten Energiestrahl materialisierte. Da „Atlantis“ noch ein Jungtier war, besaß er weiche Schuppen und kaum einen Meter zwanzig Körperlänge.
In seinen Augen lag ein entschlossenes Funkeln, als sie seinen Gegner fixierten. Sein Schwanz peitschte in aufgeregter Erwartung.
Er war seit nunmehr sechs Wochen an meiner Seite – ich kaufte ihn bei einem renommierten Züchter aus Sinnoh, nachdem ich jahrelang für das Drachenjunge gespart hatte. Doch hier und jetzt begann unser erster gemeinsamer Kampf – bisher kannten wir lediglich das Training ohne tatsächliche Gegner.
Papinella ließ sich nicht zweimal bitten. Rasch flatterte es ein Stück weit auf Atlantis zu, hielt dann in der Luft inne und fing an, in einem Rüttelflug sehr kräftig mit den Flügeln zu schlagen.
„Atlantis, setz Windhose ein!“, befahl ich. Mein Pokémon schlängelte daraufhin flink in einem engen Kreis herum, bis innerhalb weniger Herzschläge die Luft in dessen Innerem zu wirbeln begann. Atlantis drückte seinen schlangenhaften Leib flach auf den Waldboden, als er den wirbelnden Wind mit schierer Willenskraft über sich selbst hinweg zu Papinella wehen ließ. Die Windhose entriss den umstehenden Pflanzen indes die Blätter sowie kleine Zweige und nahm sie in sich auf.
Die Schmetterlingsschwingen schlugen noch hektischer, um dem Sog des Miniatursturmes standzuhalten, der auch an mir, meiner Kleidung und meinem üppigen, dunkelbraunen Haar zog – und damit entfesselte Papinella endlich seine eigene Attacke. Ein silbrig schimmernder Windstoß schien geradewegs aus seinen Flügeln zu brausen. Der Silberhauch zerschlug Dratinis Sturm mit immenser Wucht, hob den Seedrachen in die Luft. Ich legte instinktiv den Arm vor mein Gesicht und taumelte zwei Schritte zurück, als auch mich – obgleich weniger stark – silberner wie farbloser Wind traf. Zweige schleuderten mir entgegen; einer streifte meine Hand und schrammte sie. Dann verging der Wind urplötzlich.
Atlantis fiel aus ungefährer Manneshöhe zur Erde. Er klatschte auf den hell geschuppten Bauch und ich zuckte zusammen. Doch tapfer hob Atlantis den rundschnäuzigen Kopf sogleich wieder, wenn auch Schmerz in seinen Augen lag.
Papinella stürzte sich auf seinen geschwächten Herausforderer hernieder, während es einen hellen, zittrigen, aggressiven Ruf vernehmen ließ. Atlantis schaute treuherzig zu mir auf, meinen Befehl erwartend.
Aber meine Nervosität wegen unserer misslichen Lage brachte mich vollkommen aus dem Konzept. Wäre es klüger, mein Pokémon ausweichen oder es mit einem Gegenangriff kontern zu lassen? Ich wusste es nicht, konnte keine Entscheidung treffen. Meine Gedanken waren wie gelähmt. Was sollte ich tun?
Papinellas chitingepanzerte Stirn rammte seitlich Atlantis‘ Hals. Der Aufprall des Tackles warf den jungen Drachen zu Boden. Dort blieb er benommen liegen, die Lider halb geschlossen, und rührte sich nicht.
Papinella landete anmutig neben seinem besiegten Gegner. Blitzschnell rollte es seinen langen, dünnen, spiralförmig gewundenen Rüssel aus. Dieser endete in dem spitz zulaufenden Mund des Falters – einem harten, sehr filigranen Schnabel, der erkennen ließ, dass das Insekt mehr als bloß Nektar fraß.
Und dann stieß Papinellas Rüssel gezielt wie ein Dolch auf Dratinis entblößt daliegende Kehle zu.

Da erfasste ich mein Pokémon – in allerletzter Sekunde – mit dem roten Strahl seines Pokéballs, sodass Atlantis sofort entmaterialisiert und in die Sicherheit der Kapsel zurückbefördert wurde. Papinellas tödliche Mundwerkzeuge stießen ins Leere. Es wandte sich zu mir um und starrte unverwandt den Ball in meiner Hand an. Einige Momente verstrichen, in denen das wilde Waldgeschöpf und ich beide bewegungslos dastanden. Letztlich erhob sich Papinella wieder in die Lüfte, wandte sich um und flatterte schlichtweg davon, entschwand in die reiche Vegetation.

Ich ließ mich auf einen knorrigen Ast sinken, der am Wegesrand lag. Aufgewühlt sah ich in das satte Grün des Waldes, ohne wirklich irgendetwas zu betrachten. Meine Hände bebten und mein Herz pochte spürbar. Meine eigene Niederlage kümmerte mich kaum. Ohnehin hätte ich Papinella nicht eingefangen, selbst wenn ich es hätte schwächen können; es war ein interessantes Pokémon, aber eben kein Drache. Nein – was mich bestürzte, war, dass mein kleiner Atlantis besiegt und beinahe getötet wurde – nur wegen meiner Unfähigkeit, ihm eine rechtzeitige Anweisung zu geben! Und war es nicht grundsätzlich eine fahrlässige Aktion, ein Jungtier in den Kampf gegen einen ungezähmten Prädator zu schicken? Wildlebende Pokémon spielen nicht nach den Regeln der Pokémonliga; das jedoch hatte ich nicht bedacht, als ich Papinella so leichtsinnig herausforderte…

Ich blickte auf den Pokéball, den ich noch immer in der Hand hielt. Die kleine Schramme auf meinem Handrücken war nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die Atlantis bereitwillig in unserem ersten Kampf ertragen hatte… bloß um von mir in seinem Vertrauen enttäuscht zu werden. Nun wusste ich, dass es nicht genügte, die strategische Theorie zu beherrschen – das Wichtigste war wohl, im Kampf schnell reagieren zu können, und das erschien mir wie eine viel schwierigere Disziplin…
Ich öffnete die Kapsel und der junge Seedrache nahm auf meinem Schoss seine materielle Gestalt an. Er schmiegte sich schwach an meinen Bauch und zitterte.
„Shhhh“, machte ich und strich ihm behutsam über den Kopf. „Alles ist gut. Das böse Pokémon ist fortgeflogen. Es wird dir nichts antun.“
Für eine Weile saßen wir still auf dem Ast. Ich tat nichts, als mein Drachenjunges gleichmäßig zu streicheln und allmählich ließ sein Zittern nach.
„Darf ich dich mal genau anschauen?“, fragte ich es dann. „Ich bin vorsichtig.“
Atlantis gab einen leisen, zustimmenden, doch bekümmert klingenden Laut von sich. Ich hob ihn hoch und besah seinen Hals- und Bauchbereich: An mehreren Stellen bildeten sich schon violette Blutergüsse. Ich seufzte, setzte den Drachen wieder auf meinen Schoß und nahm den Rucksack von meinem Rücken, um in dem für mich typischen, heillosen Durcheinander im Innenraum nach einem Trank zu wühlen.
Gerade schob ich auf meiner Suche in meinem kleinen Reich des Chaos ungeduldig Zeichenutensilien und Kartoffelsnacks beiseite, als auf einmal ein heller Schrei voller Angst und Leid die würzige Waldluft zerriss und mich zusammenfahren ließ.

Der Schrei schien aus dem Himmel herab zu tönen, aber gehörte er einem Pokémon oder einem Kind? Ich sah hinauf, doch durch das Blätterdach hindurch konnte ich nur wenige Fetzen Himmelblau erkennen.
Ein zweites Mal erklang der Schrei und Atlantis schlängelte verängstigt unter meine Jacke.

Hört mich irgendjemand? Hilfe!, erreichte mich zeitgleich ein verzweifelter Ruf. Diesen jedoch vernahm ich nicht mit den Ohren. Nein, er drang direkt an meinen Geist – so als würde mir ein plötzlicher Gedanke kommen, nur dass dieser Gedanke keinesfalls von mir selbst stammte. Ich stutze. Hatte da etwa… jemand telepathisch kommuniziert? Ich wusste, dass manche Psycho-Pokémon solcherlei verblüffende Fähigkeiten besaßen.

„Atlantis. Hast du den Hilferuf auch… gehört?“, fragte ich leise, in Ermangelung eines besseren Wortes, und ich konnte die Furcht in meiner Stimme nicht unterdrücken. Ich spürte, dass das Jungtier im Schutz meiner Jacke schwach nickte und sich noch enger an mich drängte. Mein Herz hatte abermals begonnen, zu flattern und mein Atem ging schneller. Ich versuchte, Ruhe zu bewahren, als ein dritter akustischer Schrei erklang – schriller und noch schmerzerfüllter als die ersten beiden, nun jedoch weiter entfernt.
Die Ungewissheit um die Herkunft der Schreie und des Rufs um Hilfe war grauenvoll. Aber ich wusste, dass es mehr als unklug wäre, in dieser Situation laut eine Frage heraus zu posaunen. Welches Geschöpf auch immer sich dort in Gefahr befand, konnte es bloß Gedanken senden oder auch welche empfangen? Ich probierte es aus und dachte fest: Wo bist du? Was geschieht?
Die Augenblicke verstrichen, während ich die Fragen stetig in meinem Kopf wiederholte. Diese monotone Konzentration auf fünf Worte war seltsam beruhigend; bald schon kamen mein Herzschlag und meine Atmung wieder ein wenig zur Ruhe.
Dann wurde mein gleichförmiger Gedankenfluss von einem erneuten fremden Gedanken unterbrochen: Brillant, ich konnte euch orten! Wo ich bin? Ich komme zu euch! Bitte helft mir! Seid kampfbereit, Mensch und Dratini.
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