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dachaigh

KurzgeschichteFantasy, Freundschaft / P16
07.02.2018
30.06.2020
21
36.883
10
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Dieses Kapitel
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17.04.2018 4.051
 
Hey,
dieser Oneshot ist wieder im Rahmen eines Wichtelns entstanden und zwar durch Willkommen in Hogwarts! von Shattered Memories.

Ein großer Dank geht noch an meine Betaleserin  Teekay18, die sich in allerkürzester Zeit durch mein Werk gefuttert hat.

Liebe Livre,
ich muss sagen, zuerst konnte ich mit den Charakteren, die du mir vorgeben hast, nicht wirklich etwas anfangen und ich habe mehr so drauf los geschrieben. Dann hatte ich für Myrte einen ganz wunderbaren Plan, wo die Geschichte eigentlich hinsollte, aber sie hatte ihren eigenen Kopf und hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Auf jeden Fall hatte ich dann mit deinem ausgewählten Charakter doch noch viel Spaß, ich danke dir für die inspirierenden Vorgaben und hoffe, dass es dir gefällt.
Lg
Julie


Wichtelkind: Livre
Charakter: Myrte Warren (die Maulende Myrte)

Überarbeitet: 22.08.2019

Ein bisschen Mut für den Anfang


Das schrille Klingeln an der Haustür ließ alle überrascht von ihrer Suppe aufsehen. Es war ein Freitagmittag und keiner rechnete mit Besuch. Niemand rührte sich, dann klingelte es erneut. Nach einem auffordernden Blick des Vaters erhob sich die Frau, um die Tür zu öffnen.
Gemeinsam mit einem fremden Mann betrat sie die Küche wieder. Myrte fiel als erstes die ungewöhnliche Kleidung auf, so etwas hatte sie noch nie gesehen. Natürlich waren Anzüge nicht ungewöhnlich, aber einer aus dunkelrotem Samt mit goldenen Stickereien?
„Möchten Sie etwas essen, Sir?“
„Gerne, Mrs Warren.“
Die Stimme des Mannes war angenehm, vermutlich könnte man ihm stundenlang zuhören.
Schweigend beobachtete sie, wie ihre Mutter dem Fremden einen Teller mit Suppe vor die Nase stellte und dieser auch prompt zu essen begann.
Nach einem verunsicherten Blick zu ihren Eltern widmete sich auch Myrte wieder ihrem Teller.
Nachdem sich der Mann vorsichtig mit einer Serviette abgetupft und diese anschließend wieder ordentlich gefaltet hingelegt hatte, räusperte er sich: „ Mister Warren, wie ich Ihrer Frau an der Tür schon mitgeteilt habe, ich bin Professor Dumbledore und möchte über Ihre Tochter Myrte reden.“
„Sie sind Lehrer? Myrte, ist in der Schule etwas passiert?“
Ruckartig hatte sich ihr Vater zu ihr umgedreht, so schnell, dass Myrte erschrocken zurückgewichen war. Ihre Mutter griff vorsichtig nach ihrer Hand, das langsame Kreisen ihres Daumens war beruhigend.
Bevor Myrte auf die Frage antworten konnte, hatte es schon der Professor für sie übernommen: „Ja, Mister Warren, ich bin Lehrer, aber nicht an der Schule Ihrer Tochter.“
Ihr Vater verschränkte die Hände auf dem Tisch, während er gleichzeitig die Stirn runzelte: „Dann verstehe ich nicht wirklich, was Sie von uns wollen, Professor. Liebling, geh doch auf dein Zimmer, bis wir hier fertig sind, ja?“
Folgsam erhob Myrte sich von ihrem Stuhl, der lautstark über den Küchenboden schabte. Eigentlich hätte sie wirklich gerne gewusst, was ihre Eltern und dieser Professor besprachen, aber sie wollte ihren Vater auch nicht unnötig verärgern.
Wie jedes Mal quietschte die Treppe unglaublich, als Myrte sie nach oben lief, weshalb sie auch die Anfänge des wieder aufgenommenen Gesprächs nicht verstehen konnte. Ihr Zimmer lag ganz am Ende des Ganges, auf der weiß lackierten Tür stand in bunten Holzbuchstaben ihr Name.
Alles in ihrem Zimmer war wie immer, auf dem Schreibtisch lagen die Bilder aus dem Kunstunterricht, die Bücher standen ordentlich im Regal und die geblümte Tagesdecke war ausgebreitet. Am liebsten saß Myrte auf der gepolsterten Fensterbank, von dort konnte sie direkt auf den gegenüberliegenden Spielplatz sehen.
Auch jetzt setzte sie sich dorthin. Auf dem Spielplatz konnte Myrte ein paar Mädchen aus der Schule sehen, sie waren fast jeden Nachmittag dort und hatten wie so oft die Schaukeln in Beschlag genommen. Sie selbst war nicht eingeladen worden, noch nie.
Dabei wollte Myrte doch so gerne dazu gehören. Sie fanden sie komisch, das war ihr mehrmals gesagt worden. Deshalb wurde Myrte auch nie zu irgendwelchen Kindergeburtstagen eingeladen, die jemand aus ihrer Klasse feierte. Zwar hatte sie selbst Einladungen verteilt, aber es war keiner gekommen und ihre Familie hatte letztendlich knapp zwei Wochen an dem Kuchen gegessen.
Plötzlich deutete eines der Mädchen auf Myrtes Fenster, anscheinend war sie entdeckt worden. Jetzt schauten auch die anderen zu ihr nach oben und begannen zu lachen.
Hastig hüpfte Myrte von der Fensterbank wieder herunter und riss die Spitzengardine nach vorne, um sich hinter ihr zu verstecken. Eigentlich hatte sie nicht von ihnen gesehen werden wollen.
Myrte ließ sich auf ihr Bett fallen, die Hände vor dem Gesicht. So konnte sie fühlen, wie heiß ihre Wangen geworden waren. Seufzend drehte sie sich auf den Bauch, um ihr Gesicht im Kopfkissen zu vergraben, wobei ihre Brille sich schmerzhaft in ihre Backen bohrte. Morgen würde Myrte sich in der Schule wieder einiges anhören können.
Dann ertastete sie etwas kantiges unter ihrem Kissen. Irritiert zog Myrte das flache Ding hervor. Es war ein Brief, aber er war nicht aus normalem Papier, sondern aus altem, fleckigem Pergament. Auf der Vorderseite stand ihr Name, noch nie war ein Brief nur an Myrte adressiert gewesen.
Langsam drehte sie ihn um, die Lasche war mit einem roten Siegel verschlossen, in das ein Wappen mit einem „H“ geprägt war. Vorsichtig löste Myrte das Wachs, dann zog sie die beiden gefalteten Blätter heraus.

Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei

Schulleiter: Armando Dippet

Sehr geehrte Ms Warren,
wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Sie an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei aufgenommen sind. Beigelegt finden Sie eine Liste aller benötigten Bücher und Ausrüstungsgegenstände.

Das Schuljahr beginnt am 1. September. Wir erwarten Ihre Eule spätestens am 31. Juli.

Mit freundlichen Grüßen

Albus Percival Wulfric Brian Dumbledore
Stellvertretender Schulleiter

Mit zitternden Händen las Myrte den Brief noch zweimal, bis sie den Inhalt komplett verstanden und verarbeitet hatte. Sie sollte auf eine Schule für Zauberer? Dieser Mann unten hatte gesagt, er wäre Dumbledore. Aber wie hatte er es geschafft, den Brief unter ihr Kopfkissen zu legen?
Ein Klopfen riss Myrte aus ihren wirren Überlegungen und beinahe sofort öffnete sich auch schon die Tür. Es war der Professor, der langsam ihr Zimmer betrat und auf ihrer Bettkante Platz nahm.
„Du bist sicherlich sehr verwirrt über diesen Brief, nicht wahr?“
Myrte nickte zögerlich, tatsächlich konnte sie nicht ganz begreifen, was hier vor sich ging. War das alles nur ein Scherz, den dieser Mann sich mit ihrer Familie erlauben wollte? Und was hatte er so lange mit ihren Eltern besprochen?
Als hätte er ihre Gedanken lesen können, sprach er auch schon weiter: „Hogwarts ist die Schule, an der ich unterrichte und wie du schon gelesen hast, ist sie eine Schule für sehr besondere Kinder. Eine Schule für Hexen und Zauberer, so wie du es bist.“
„Es gibt keine Hexen.“
Nur die in den Märchen, die Myrtes Großmutter ihr früher immer vorgelesen hatte und das waren alte Frauen gewesen, die hübschen Prinzessinnen das Leben schwer machten.
Der Professor lächelte nachsichtig: „Das mag schwer zu begreifen sein, aber manchmal gibt es Dinge jenseits unserer Vorstellungskraft, die wir einfach glauben müssen. Schau her.“
Aus der Innentasche seines Anzugs zog er einen länglichen Stab aus Holz, ließ ihn mit einer schwungvollen Bewegung durch die Luft gleiten und murmelte gleichzeitig ein Wort, das Myrte nicht verstand.
Aus dem Nichts erschienen blau-weiße Schmetterlinge, die ein paar Augenblicke durch das Zimmer tanzten, bevor sie sich in Staub auflösten, der auf die hübsche Tagesdeckel rieselte.
Mit offenem Mund starrte Myrte Dumbledore an, dann kniff sie sich in den linken Unterarm. Sofort setzte der unangenehme Schmerz ein und erst danach streckte sie wie in Zeitlupe ihre Hand aus. Der Staub färbte ihre Fingerspitzen blau.
„Sie können zaubern...“
Es war keine Frage, er hatte es so eben eindrucksvoll bewiesen. Ob er das wohl auch ihren Eltern gezeigt hatte?
„Und du kannst das auch, Myrte. Deshalb möchte ich, dass du unsere Schule besuchst und ausgebildet wirst.“
Ohne, dass sie es wollte, entkam Myrte ein Schnauben. Sie und zaubern. Das war wohl ein Witz. Vermutlich hatte der Professor sich einfach nur vertan. Er suchte jemand anderen. Sie, Myrte Warren, war ein ganz normales Mädchen.
„Ich glaube, Sie irren sich. Sie müssen jemand anderen meinen.“
Interessiert lehnte er sich ein Stück nach vorne und musterte Myrte intensiv, als würde er sie von Kopf bis Fuß durchleuchten wollen.
„Dann ist dir nie etwas seltsames aufgefallen? Du hast nie etwas geschehen lassen, wenn du wütend warst oder fröhlich?“
Schlagartig fiel Myrte wieder der Tag im Sommer ein. Sie war mit ihren Eltern im Urlaub gewesen und an einem Abend, sie hatten gerade erst viele Brettspiele gespielt, hatten urplötzlich die Kerzen angefangen zu brennen, als es langsam dunkel geworden war.
Dann war da noch das Schulschwimmen gewesen, eine Welle hatte Mary-Ann einfach untergehen lassen. Sie war diejenige gewesen, die am meisten über Myrtes uralten und geborgten Badeanzug gelacht hatte.
„Na, siehst du? Du bist nicht so gewöhnlich, wie du immer gedacht hast.“
„Muss ich auf diese Schule gehen?“
Der Professor hob erstaunt eine Augenbraue, anscheinend hatte er nicht mit dieser Frage gerechnet. Trotzdem antwortete er ihr sofort: „Wir werden dich auf keinen Fall zwingen, Hogwarts zu besuchen. Allerdings werden sich solche Vorfälle vermutlich häufen. Wenn du aber wirklich nicht-“
„Doch, ich möchte“, fiel Myrte ihm ins Wort und er lächelte sie wieder freundlich an. Eine neue Schule. Mit Leuten, die so waren wie sie. Vielleicht würde dort ja alles besser werden.
„Das freut mich sehr. Ich werde dir jetzt noch einige Dinge erzählen und danach kannst du mir noch Fragen stellen, wenn du magst, einverstanden?“
Myrte nickte nur eifrig. Sie wollte alles wissen.

~*~


Professor Dumbledore war noch lange geblieben, hatte sich mit Myrte und ihren Eltern über Hogwarts und auch allgemein über die Welt der Zauberer unterhalten und auch einige ihrer Fragen beantwortet.
Ein paar Tage später hatte er gemeinsam mit Myrte und ihrer Mutter die Winkelgasse besucht, um ihnen beim Kaufen ihrer Schulsachen zu helfen. Es war ein absolut überwältigendes Erlebnis gewesen.
Egal, wie sehr Myrte es versuchte, sie schaffte es einfach nicht, sich an jede Kleinigkeit aus dieser wirklich zauberhaften Straße zu erinnern, obwohl ihr Tagebuch mit Beschreibungen von diesem Tag förmlich überquoll.
Heute war der 31. August und morgen, morgen würde es endlich nach Hogwarts gehen. Mittlerweile konnte Myrte es kaum noch abwarten. Sie hatte schon in einigen ihrer Bücher geblättert und immer wieder strich sie bewundernd über das glatte Holz ihres Zauberstabes.
Gemeinsam mit ihrer Mutter hatte Myrte den riesigen Koffer gepackt, den sie mitnehmen würde und zusätzlich hatte sie noch eine Umhängetasche mit ihrer Uniform und einem Buch für die Fahrt.
„Bist du aufgeregt, mein Schatz?“
Myrte hatte sie gar nicht kommen hören, so versunken war sie in den Anblick ihres Koffers gewesen. Auf dem Arm balancierte ihre Mutter ein Tablett, das sie vorsichtig auf Myrtes Nachttisch abstellte.
„Ein bisschen, aber ich freue mich.“
„Das glaube ich dir. Ich habe dir ein paar Kekse und eine heiße Schokolade mitgebracht.“
Lächelnd griff Myrte nach einem der Schokoladenkekse. Es gab nichts auf der Welt, was sie lieber aß und was sie besser aufheitern konnte. Sie waren noch warm und die Schokolade sogar noch geschmolzen.
Während Myrte genüsslich die Kekse aß, begann ihre Mutter, ihr die Haare zu bürsten. Es war zu einer Art Ritual geworden, dass sie jeden Abend machten. Es beruhigte Myrte immer ungemein.

~*~


Der Bahnsteig war komplett chaotisch, Kinder verabschiedeten sich tränenreich von ihren Eltern, begrüßten lautstark ihre Freunde und krächzend taten Eulen ihren Unmut über die hektische Atmosphäre kund. Überall standen Koffer und Taschen, die ein schnelles Vorankommen unmöglich machten.
Den Kopf gesenkt haltend, schlängelte Myrte sich durch das Durcheinander, sorgfältig darauf achtend, ja niemanden anzurempeln. Dank Professor Dumbledore hatte sie den Weg zum Bahnsteig gut gefunden, aber es war trotzdem ein seltsames Gefühl gewesen, einfach gegen eine Wand zu laufen.
Direkt vor ihr befand sich der Eingang in die rote Lok. Ihr Vater griff nach dem Koffer und hob ihn fast schon mühelos die paar Stufen hoch, während Myrtes Mutter sich mit einem Taschentuch die Tränen zum wiederholten Mal wegwischte.
„Ich werde dich vermissen, meine Kleine. Pass auf dich auf, ja?“
Myrte wurde so fest an ihre Mutter gedrückt, dass sie kaum noch Luft bekam. Noch immer weinte diese, schon seit sie heute morgen ins Auto gestiegen war.
„Werde ich, versprochen, Mum.“
Mit einem weiteren Schniefen wandte sich ihre Mutter ab, leise vor sich hin murmelnd.
„Du schaffst das schon, mein Mädchen. Wir sind stolz auf dich.“
Myrtes Vater war noch nie ein Mann vieler Worte gewesen, stattdessen legte er ihr nur eine Hand auf die Schulter, bevor er einen Schritt zurücktrat.
Myrtes Augen brannten, am liebsten würde sie auch anfangen zu weinen, aber ihre Eltern wollten, dass sie stark war, sie wollte sie stolz machen.
Ein letzter tiefer Atemzug, dann drehte sie sich um und betrat selbst den Zug. Er war mit einem roten Teppich ausgelegt, ihre Schritte machten keinerlei Geräusche und auch der Koffer ließ sich einfach ziehen.
Es waren schon viele Abteile mit älteren Schülern gefüllt, die sich unterhielten, vermutlich ihre Erlebnisse aus den Ferien teilten und Myrte, als sie vorüber ging, keinerlei Beachtung schenkten.
Dann erreichte sie eines, in dem man sich offensichtlich gerade vorstellte. Myrte nahm all ihren Mut zusammen und öffnete die Tür.
Sofort erstarben die Gespräche und sie wurde neugierig gemustert. Ihre Wangen wurden heiß, nervös senkte sie den Blick. Wenn Myrte eines hasste, dann waren es Leute, die sie anstarrten.
„Komm, setz dich.“
Myrte wurde am Arm gepackt und von dem brünetten Mädchen auf den Platz neben ihr gezogen, förmlich im weichen Polster der Sitzbank versinkend.
Jetzt waren alle Plätze in diesem Abteil belegt, vier Mädchen, die nicht hätten unterschiedlicher sein können.
Die Schwarzhaarige Myrte gegenüber, die sie immer noch kritisch betrachtete, bevor sie sich mit einem arroganten Lächeln zurücklehnte. Sie erinnerte Myrte stark an Mary-Ann, was ihr einen kalten Schauer über den Rücken laufen ließ.
„Ich bin Abby.“
Die Blondine griff nach Myrtes Hand und schüttelte sie kräftig, während sie sie gleichzeitig glücklich anstrahlte. Vollkommen überrascht erwiderte Myrte den Händedruck, damit hatte sie nicht gerechnet.
„Lauren“, meldete sich die Brünette zu Wort und winkte noch einmal, um ihre Aussage zu verdeutlichen. Myrte zwang sich zu einem Lächeln. Sie war es nicht gewohnt, dass sich andere Mädchen so wertfrei mit ihr unterhielten.
In der Schule hatte man nur verächtlich über sie getuschelt, wenn ein Lehrer in der Nähe war und vollkommen laut und offen, wenn niemand in Hörweite war.
Als die Schwarzhaarige sich auf einmal ruckartig nach vorne bewegte, wich Myrte erschrocken zurück. Dieses Mädchen hatte etwas an sich...
„Olive, und du? Oder kannst du nicht sprechen?“
Da, da war es. Die Verachtung, auf die Myrte irgendwie schon gewartet hatte.
Nervös rückte Myrte ihre Brille zurecht: „Myrte.“
Ihre Stimme war dünn und leise, was nur ein Schnauben von Olive zur Folge hatte.
Dann nahmen die Mädchen das Gespräch von vorher wieder auf. Sie erzählten sich gegenseitig von den Berufen ihrer Eltern und schon nach ein paar Sätzen war Myrte klar, dass es sich bei ihren Mitschülern wohl um so genannte Reinblüter handelte.
„Was arbeiten denn deine Eltern, Myrte?“, wollte Abby wissen, während sie schon wieder auf ihrem Sitz hin und her rutschte. Es machte Myrte ganz unruhig, dass das Mädchen nicht einfach stillsaß.
Wie sie wohl reagieren würden?
„Meine Eltern sind Muggel“, erklärte Myrte, gespannt auf die Reaktionen der anderen.
Myrte wurde förmlich mit Fragen von Abby und Lauren überhäuft, während sich Olive aus dem entstanden Gespräch komplett heraushielt. Anscheinend hatten die Mädchen vorher noch nicht wirklich Kontakt zu Muggeln gehabt, weshalb sie jetzt umso neugieriger waren.
Die ersten Sätze kamen noch ein wenig zögerlich aus ihrem Mund, aber je länger Myrte redete, desto sicherer fühlte sie sich und begann auch ihrerseits, Fragen zu stellen.

~*~


„Na, ihr Hübschen? Möchtet ihr etwas essen?“
Die Mädchen wurden mit einem sanften Lächeln von der älteren Dame begrüßt, die einen mit Süßigkeiten fast überbordenden Wagen irgendwie in das Abteil manövriert hatte.
Es waren Sachen, die Myrte vorher noch nie gesehen hatte, aber ihre Reisegefährten schienen sie dafür wesentlich genauer zu kennen, denn sie wählten zielsicher aus, was sie wollten.
Myrte kaufte nichts, sie hatte das Geld dazu sowieso nicht und noch am selben Tag ausgiebig gefrühstückt.
Lauren breitete ihre Beute auf ihrem Schoß aus, während Myrte sich bemühte, nicht allzu doll zu starren. Natürlich war sie neugierig und hätte wirklich gerne vielleicht eine dieser Bohnen probiert.
Anscheinend war Myrte aber nicht unauffällig genug gewesen, denn fast sofort bekam sie von Lauren die Schachtel unter die Nase gehalten: „Möchtest du eine?“
Hastig schüttelte Myrte den Kopf, aber Lauren verdrehte nur die Augen: „Jetzt nimm schon!“
Zögernd griff Myrte nach einer blauen Bohne und drehte sie vorsichtig zwischen ihren Fingern. Sie war ein wenig klebrig, aber bis auf die Farbe gab es rein gar keinen Hinweis auf den Geschmack.
Unter dem wachsamen Blick der anderen Mädchen begann sie, darauf herumzukauen und musste lächeln, als sich in ihrem Mund der Geschmack von frischen Blaubeeren ausbreitete.
„Merlin sei dank, ich hatte schon befürchtet, dass du eine ekelhafte erwischt hast.“
Grinsend lehnte Abby sich wieder zurück, um Myrtes Reaktion besser sehen zu können, hatte sie sich extra nach vorne gebeugt.
Inzwischen hatten sie schon ein gutes Stück des Weges hinter sich gebracht, die Landschaft hatte sich drastisch verändert, war jetzt hügelig und grün geworden, so weit das Auge reichte.

~*~


Myrtes Schuluniform roch genauso neu, wie sie war und der Stoff war ebenfalls noch ein bisschen steif. Eine Krawatte zu tragen, war für Myrte vollkommen ungewohnt, sie war eng und unbequem.
Zum Glück musste sie sich nicht noch mit ihrem Koffer herumschlagen, den durfte Myrte, genau wie alle anderen, im Zug lassen und jemand anderes würde sich darum kümmern.
Fasziniert starrte sie nach oben zu dem hell erleuchteten Schloss. Es hob sich fabelhaft vom dunklen Nachthimmel ab, nur der Mond strahlte wie eine Goldmünze.
Gemeinsam mit den Mädchen aus ihrem Abteil und weiteren Erstklässlern lief Myrte zielstrebig zu dem riesigen See, der unterhalb von Hogwarts lag.
Zitternd zog sie ihren Umhang enger um sich, es war seltsam, so ein Kleidungsstück zu tragen, das früher nur passend für Halloween oder vielleicht Fasching gewesen war.
Dann standen sie alle am Ufer des Sees, auf einem quietschenden Steg aus Holz, an dem viele kleine Bötchen mit Fackeln befestigt waren. Es waren nur Nussschalen, die nicht besonders sicher aussahen, aber trotzdem freute sich Myrte auf die Überfahrt.
Anscheinend würde Myrte sich das Boot mit Olive, Abby und Lauren teilen, immer vier Kinder saßen zusammen.
Mit einem Satz war Olive drinnen und das Boot schwankte unter ihrem Gewicht. Myrte schluckte, sie hatte nicht sonderlich Lust, in dieser eh schon frischen Nacht baden zu gehen. Der See sah tief aus.
Lauren war die Nächste und zu ihrer Erleichterung hielt sie ihr die Hand hin. Dankbar über ihre Unterstützung trat Myrte vorsichtig in das Boot, aber trotzdem zuckte sie erschrocken zusammen, als der Boden unter ihr ein wenig nachgab.
Dann saß Myrte auf der Bank, direkt neben Lauren, die wie ein Honigkuchenpferd strahlte.
„Sieht das nicht traumhaft aus?“
Langsam nickte Myrte, es war wirklich wunderschön. Das Schloss spiegelte sich im Wasser, genauso wie der Nachthimmel mit den Sternen. Obwohl der Wind über dem See noch stärker war, spürte sie die Kälte nicht, so versunken war sie in den Anblick.

~*~


Mit zitternden Fingern strich Myrte sich zum wiederholten Mal ihren Rock glatt, obwohl er das eigentlich überhaupt nicht nötig hatte. Die vielen Blicke der anderen Schüler machten sie unruhig, sie kam sich beobachtet vor. Als würde jede Bewegung und jeder Atemzug registriert und bewertet. Myrte hasste jede einzelne Sekunde.
Professor Dumbledore hatte über die Zeremonie gesprochen und auch im Zug hatten sich die anderen Mädchen über die verschiedenen Häuser und deren angebliche Eigenschaften ausgelassen.
„Myrte Elizabeth Warren.“
Hektisch schnappte sie nach Luft, wischte ihre schweißfeuchten Hände an ihrem Rock ab und ging mit wackeligen Schritten auf das Podest zu. Jetzt starrte sie wirklich jeder einzelne Schüler an.
Der Sprechende Hut war nicht besonders schwer, aber als er auf ihren Kopf gesetzt wurde, überkam Myrte ein seltsames Kribbeln.
Das ganze dauerte nur ein paar Sekunden, dann wurde auch schon mit donnernder Stimme ihr neues Haus verkündet.
„Ravenclaw!“
Mit noch immer weichen Knien lief Myrte zu dem Tisch, von dem ihr schon kräftig zugejubelt wurde. An einem Ende befanden sich extra noch freie Plätze, die sich nach und nach füllten, auch Lauren setzte sich mit einem strahlenden Lächeln.
Abby war nach Hufflepuff und Olive nach Gryffindor eingeteilt worden. Somit hatte sich ihre kleine Zugrunde aufgelöst, aber Myrte war nicht unbedingt enttäuscht, dass sie Olive nicht dauernd um sich hatte.
Schulleiter Armando Dippet hielt eine Rede über den Zusammenhalt der Schule, aber Myrte achtete eher auf den Mann, der zu seiner Linken saß, Professor Dumbledore. Sie freute sich darauf, ihn als Lehrer zu haben.
Auch ihr Hauslehrer, Professor Flitwick, ein sehr kleiner Mann, wirkte nett und auch auf sein Unterrichtsfach war Myrte gespannt.
Inzwischen war die Rede beendet, Professor Dippet klatschte in die Hände und wie aus dem Nichts füllten sich die vorher noch leeren Schüsseln und Teller, die die vier Haustische bedeckten. Myrte hatte in ihrem ganzen Leben noch nie so viel Essen auf einmal gesehen, geschweige denn auf so teuren Tellern.
„Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Es gibt so viel.“
Lauren rieb sich voller Vorfreude die Hände, während sie schon verschiedene Speisen ins Visier nahm. Auch Myrte begann, sich Gedanken zu machen.

~*~


Seufzend lehnte Myrte sich zurück, sie hatte das Gefühl, gleich platzen zu müssen. Dabei hatte sie gar nicht mal so viel gegessen. Aber der Nachtisch war einfach zu gut gewesen, weshalb sie gleich mehrere Stücke von dem Kuchen gefuttert hatte.
Auch Lauren legte mit einem gequälten Gesichtsausdruck ihre Gabel beiseite und schob ihren Teller von sich.
Schweigend beobachte Myrte die anderen Schüler in der Halle. Alle wirkten entspannt und glücklich, sie waren im Kreis ihrer Freunde, etwas, das Myrte auch wollte, um jeden Preis.
„So, wenn alle Erstklässler jetzt fertig mit essen sind, würde ich mich gerne vorstellen. Mein Name ist Joseph Simpson und ich bin der Vertrauensschüler von Ravenclaw. Ich werde euch jetzt den Weg zu unserem Gemeinschaftsraum zeigen.“
Der Junge erhob sich und die anderen folgten ihm. Lauren hakte sich beinahe sofort bei Myrte ein, die erschrocken zusammenzuckte, so etwas war auch noch nie passiert. Noch nie hatte sich jemand bei ihr einhaken wollen und Lauren hatte nicht einmal gefragt.
Hogwarts war einfach atemberaubend. Durch die steinernen Wände und Fußböden wirkte es uralt, aber die ganzen Schüler und die Portraits, die Myrte noch immer in Erstaunen versetzten, ließen es wieder lebendig wirken.
Auch die Geister, die immer mal wieder vorüber schwirrten, verstärkten nur die eigenartige, aber keineswegs unangenehme Stimmung, die im kompletten Schloss herrschte.
Es war ein seltsames Gefühl, auf einer der Treppen zu stehen, die sich bewegten. Genau wie Lauren klammerte sich auch Myrte am Geländer fest. Es schien beinahe unendlich weit nach unten zu gehen.
Als sie endlich im Gemeinschaftsraum standen, Myrte hatte gar nicht wirklich mitbekommen, wie sie jetzt eigentlich hinein gekommen waren, klappte ihr die Kinnlade herunter.
Es war einfach nur wunderschön und gemütlich, in blau und bronze gehalten. An den Wänden befanden sich Bücherregale, davor waren in kleinen Sitzgruppen Sofas und Beistelltischchen angeordnet.
„Das ist unsere Hausgründerin, Rowena Ravenclaw.“
Joseph deutete auf die weiße Statue, die in der Mitte des Raumes stand.
„Ich kann mir richtig gut vorstellen, hier abends gemütlich vor dem Feuer zu sitzen. Du nicht auch?“
Abwartend sah Lauren Myrte an, die begeistert nickte.
Je länger Myrte sich in dieser zauberhaften Umgebung befand, desto mehr schien ihre anfängliche Nervosität und Unsicherheit von ihr abzufallen. Es war, als hätte sie schon immer hierhin gehört. Auch Laurens ständige Präsenz und Offenheit trug dazu bei.
Als nächstes bekamen sie ihre Schlafsäle zugewiesen und Myrte war erleichtert, dass sie sich ihren mit Lauren sowie zwei anderen Mädchen teilte.
Die Betten waren schnell verteilt, so dass ihres und Lauren direkt nebeneinander waren. Die blauen Vorhänge fühlten sich weich unter Myrtes Fingern an, als sie darüber strich. Zuhause hatte sie sich immer ein Himmelbett gewünscht, aber ihre Eltern hatten den zusätzlichen Stoff für Verschwendung gehalten.
Sorgfältig legte Myrte ihre Brille auf dem Nachttisch ab, dann kuschelte sie sich tief in das Kissen. Leise hatte sie den anderen Mädchen und auch Lauren eine gute Nacht gewünscht.
Morgen würde es richtig losgehen. Morgen würde der erste Schultag sein und ihr neues Leben würde beginnen. Myrte mochte Lauren, vielleicht könnten sie Freunde werden.
Nein, sie würden Freunde werden, da war Myrte sich sicher. Alles würde sich ändern und zwar zum besseren.
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