Brombeeren und Motoröl

OneshotRomanze, Freundschaft / P6
06.02.2018
10.05.2020
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06.02.2018 1.749
 
An einem windigen Herbsttag machte Daphne sich auf den Weg in Berge, um nach Pilzen und Brombeeren zu suchen. Es gab ein paar ausgetretene Wege im Wald und sie mochte den, der sie zu Robin und Demetrius‘ Haus führte. Als sie eintrat, wehte der Wind mit ihr herein ließ die Blueprints, die Robin gerade auf dem Arbeitstisch ausgebreitet hatte, zittern und hochwehen. „Hi Robin.“
Robin sah von ihrer Arbeit auf. Als sie Daphne erkannte, breitete sich ein warmes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Oh hey! Komm rein. Ich hab gerade von neuen Handwerksprojekten geträumt”, sagte sie mit einem Zwinkern und einem Lachen, das im gleichen Maße ernst und scherzhaft wirkte. Daphne lächelte zurück. „Heute nicht. Ich suche nach Pilzen. Ich habe ein gut klingendes Rezept in einer Küchenschublade gefunden, das sich perfekt als Snack eignet, wenn ich in den Minen arbeite.” Sie stellte ihren Korb auf dem Thresen ab. “Wie geht es euch?“
„Oh, ganz gut“, antwortete Robin und streckte sich in ihrem Drehstuhl. „Demetrius ist komplett von seinem neuen Projekt gefangen und Maru hilft ihm natürlich, wann immer sie kann. Tatsächlich sind sie gerade im Labor, falls du eben reinschauen willst.“ Daphne nickte. Es wäre schön, die beiden zu sehen und Hallo zu sagen. Außerdem hatte sie die Batterie dabei, um die Maru sie gebeten hatte. Ihr Blick wanderte in Richtung Flur, aber eine kleine Änderung in Robins Körperhaltung brachte ihre Aufmerksamkeit zurück. Robin war normalerweise kein Mensch von falscher Scheu und Selbstbewusstsein dominierte ihre Körpersprache. Deswegen wusste Daphne sofort, an wen Robin gerade dachte.
„Und Sebastian?“, fragte sie und hoffte, dass sie nicht zu neugierig wirkte. Seit sie ihn einmal gestört hatte, als er sein Motorrad reparierte und er sie daraufhin eingeladen hatte, ihn zu begleiten, machte seine Anwesenheit sie scheu. Nervös. Ein wenig hoffnungsvoll, diesen seltenen, offenen Wesenszug an ihm noch einmal erleben zu können.
Robin lächelte und sagte: “Oh Sebby geht es wie immer. Entweder er arbeitet oder er bastelt an seiner Maschine.“ Daphne spürte, dass da mehr hinter ihren Worten steckte und so antwortete sie nicht darauf, sondern gab Robin etwas Zeit, ihre Gedanken zu sortieren. Aber anscheinend wollte die rothaarige Handwerkerin nicht darüber reden, denn was auch immer sie beschäftigte, sie schüttelte es von sich wie eine große Spinne, lächelte und sagte: „Aber das kennt man ja von ihm. Du findest ihn in seinem Zimmer, falls du mit ihm reden willst. Vielleicht kannst du ihn ja dazu überreden, mit dir Pilze sammeln zu gehen.“
Daphne lächelte. „Mal schauen, was sich machen lässt.“ Sie begab sich in Richtung Labor. „Erinnere mich nächste Woche noch einmal daran, mit dir die neue Stallerweiterung zu besprechen“, sagte sie.
Vorsichtig öffnete sie die Tür am Ende des Flurs und spähte hinein. „Hallo ihr beiden“, rief sie und trat komplett ein, nachdem sie überprüft hatte, dass es sicher war.
„Daphne!“
Aus irgendeinem Grund war Maru immer froh sie zu sehen. Die Frauen umarmten sich zur Begrüßung und Demetrius winkte mit einer Hand, ohne die Augen von dem Mikroskop, mit dem er arbeitete, zu nehmen. Daphne kramte in ihrer Tasche. „Hier“, sagte sie schließlich und überreichte Maru eine große, blau-gelb gestreifte, zylindrische Form. Ihre Augen fingen an zu glänzen. „Du hast es tatsächlich geschafft, die Elektrizität von Blitzen einzufangen?“ Daphne fühlte, wie Stolz sie überflutete und blendete damit komplett das winzige Detail aus, dass ihr das nur gelungen war, weil die Junimos ihr zuvor einen speziellen Blitzableiter geschenkt hatten. Aber es machte sie unglaublich glücklich und stolz, den Dorfbewohnern ihre Wünsche zu erfüllen. Sie hatte sich niemals in ihrem Leben zuvor so nützlich und geschickt gefühlt. Es war außerdem, fand sie, trotzdem noch eine Leistung, Blitze in Batterien umzuwandeln.
“Dad! Sieh nur, was Daphne mir mitgebracht hat.” Maru hielt die Batterie in die Luft als wäre sie Artus und die Batterie Excalibur und sagte dann zu Daphne: “Vielen, vielen Dank. Das wird mir unglaublich bei meinem Ro…jekt helfen.“
“Gerne doch.” Daphne grinste, während Maru sich bereits die Batterie in ihren Laborkittel gesteckt hatte und auf dem Weg in ihr Zimmer war. „Ich sage Mum, dass sie dir einen Nachlass bei deiner nächsten Erweiterung geben soll“, rief sie glücklich. Und zu Demetrius sagte sie: „Ich bin gleich wieder da.“ Der nuschelte nur ein „Okay“ und machte dann weiter konzentriert Notizen auf seinem Klemmbrett. Daphne schloss vorsichtig die Tür hinter sich.
An der Treppe zum Keller blieb sie kurz stehen, dann entschied sie sich gegen ein Hinabsteigen. Sebastian mochte seine Ruhe und etwas war ganz offensichtlich mit Robin vorgefallen. Es war wahrscheinlich am besten, ihn alleine zu lassen. Also ging sie zurück in den Laden zu Robin, die eine Thermoskanne mit Tee vorbereitet und in ihren Korb gestellt hatte und ihr das Versprechen abrang, sie wieder zu besuchen, wenn sie in der Nähe war. Daphne bedankte sich und gab gerne das Versprechen. Jeder, der außerhalb des Dorfes lebte, war bereits ab vom Schuss und es konnte schnell einsam werden. Sie wusste das.

Wieder draußen atmete Daphne die frische, kalte Herbstluft ein. Die Erde roch nach Regen und nassen Blättern und der Geruch füllte sie mit Wohligkeit. Es würde ein schöner Herbstnachmittag werden. Perfekte Voraussetzungen für Pilze sammeln. Sie nahm einen kurzen Umweg, um zu schauen, ob Linus vielleicht Lust auf eine Tasse Tee hatte, doch er war nicht da, obwohl sein Feuer brannte. Also ging sie weiter durch das Dickicht.
Als das Licht bereits zu schwinden begann, setzte sie sich an den See, schenkte sich einen Becher Tee ein und aß den Feldsnack, den sie eingepackt hatte. Ihr Pilzerfolg war ausgeblieben und es wurde bereits zu dunkel, um noch richtig Chanterellen und Morellen zu sehen, also gab sie auf. Während sie überlegte, ob sie sich noch einen Fisch für das morgige Abendbrot fangen sollte, hörte sie Fußtritte im Unterholz.
Eine leichte Nervosität ergriff sie und ihren Magen, den auch ein weiterer Biss aus ihrem Riegel nicht beruhigen konnte. Sie wusste, wer an den See kam, sobald die Sonne unterging. Ein paar Meter von ihr entfernt kam Sebastian an das Ufer. Es raschelte, dann das helle Flick seines Zippos und ein tiefer Atemzug. Ihre Blicke trafen sich. „Hi“, sagte Daphne.
“Hey.” Es klang, als wäre er mit seinen Gedanken woanders und sie beließ es dabei. Sie war selbst keine große Rednerin. Nachdem sie ihre kleine Zwischenmahlzeit beendet hatte, holte sie ihre Angel hervor und begann ihren Versuch, Abendessen zu fangen.
Und so standen sie für eine Weile. Still und ruhig. Nur unterbrochen von dem Abbrennen seiner Zigarette und dem Surren ihrer Angel. Nachdem Sebastian seine erste Zigarette beendet hatte, holte er sofort eine zweite aus seiner Jacke hervor. Das neue Geräusch in ihrer zweisamen Stille ließ Daphne ihren Kopf neugierig drehen und sie konnte im matten Licht des Feuerzeuges sein Gesicht erkennen. „Hey. Warst du beim Friseur?“ Sein Haar sah geschnitten aus und… „Ist das ein Undercut?“
Sebastian lachte leise. „Ja. Als ich letzten Abend in Zuzu City war, hab ich das machen lassen.” Er fuhr mit seiner Hand über seinen Kopf und Daphne stellte sich vor, wie ungewohnt es sich für ihn anfühlen musste, die Hand nach seinem langen Pony auszustrecken, nur um geschorene Stoppeln und seine Kopfhaut nahe seinen Fingerspitzen zu finden.
„Ich hab mir auch diese neue Jacke besorgt.“ Er streckte die Arme aus und drehte den Oberkörper ein wenig in beide Richtungen, aber das Licht war sehr gedämmt, da die Sonne nur noch Reststrahlen über den Horizont schickte und so konnte Daphne nicht viel erkennen. Hinzu kam, dass die Jacke sich nicht sonderlich weit von seinem gewohnten grau-schwarzen Farbspektrum entfernte. Doch sie klang schwer und knarzte leise. „Eine Lederjacke?“, riet sie. Sie stellte die Angel in ihre Vorrichtung und ging dann zu ihm. „Lass mich sehen“, bat sie, während ihre Hände bereits ausgestreckt waren. Ihre Finger strichen kurz über das Material und das kalte Metall der Knöpfe. Eindeutig Leder. Gefiel ihr. “Warum trägst du sie nicht morgen Abend in der Bar? Du wirst bestimmt Eindruck machen“, schlug sie mit einem Zwinkern vor. Auf wen oder warum, wusste sie auch nicht genau. Aber er verzog nur das Gesicht und schnaubte. „Bestimmt”, echote er.
Sein Zynismus ließ sie verstummen. Sie wusste nicht, wie sie darauf reagieren sollte ohne die Grenzen ihrer relativ jungen Freundschaft zu überschreiten. Es hatte sie sehr viel Zeit gekostet, ihn kennen zu lernen, da er stets in seinem Zimmer war, dessen Privatsphäre  er sehr schätzte. Sie wollte diesen Fortschritt nicht zerstören, aber sie hatte die Ahnung, dass seine Laune etwas mit Robins Unsicherheit von vorhin zu tun hatte. Daphne trat einen Schritt zurück in die Richtung ihrer Angel und wandte den Blick ab. Sie wollte ihn nicht zwingen, über irgendetwas zu reden, zu dem er sich nicht äußern wollte.
Er fuhr wieder mit der Hand über seinen Kopf und sog tief an der Zigarette. Noch beim Ausatmen sagte er: „Nächstes Mal nehme ich dich mit. Ich hab dich nicht vergessen, weißt du.“
Sie wusste sofort, dass er von Zuzu City sprach und lächelte. Sie müsste eigentlich etwas sagen, um die Konversation am Laufen zu halten, aber sie war einfach glücklich, dass er seine Einladung erneuert hatte und wollte noch ein wenig in diesem Zustand schweben, bevor der Smalltalk sie beide wieder einholte.
„Und? Gefällt es dir?“
Als sie sich zurück gezogen und wieder angefangen hatte zu angeln, war er ihr an den Rand des Seeufers gefolgt. Die Schatten der Bäume versteckten ihn nun nicht mehr und sie konnte ihn und sein neues Outfit besser erkennen. Milchiges Mondlicht schien sich auf seinen Wangenknochen, Haaren und Schultern niedergelassen zu haben. Es machte seinen sonst so stark kontrastierenden Look weicher und freundlicher. Sie bewunderte die Unterschiede, die dieser Wechsel des Lichts an ihm verdeutlichte, bis ein schiefes Grinsen sich auf sein Gesicht malte und er kurz die Augenbrauen runzelte. Da erst fiel ihr ein, dass sie seine Frage noch nicht beantwortet hatte.
Für einen kurzen Moment, wollte sie ihn necken. Ihn fragen, ob es ihm sonst nicht völlig egal ist, was andere von ihm dachten. Aber dann dachte sie, dass genau das seine Frage umso bedeutsamer mochte. Es kümmerte ihn nicht, wie andere ihn sahen, aber in diesem Moment wollte er wissen, ob sein neues Aussehen ihr gefiel. In diesem Moment war es ihm nicht egal, was sie dachte.
Diese Erkenntnis ließ sie tief rot werden. Genau wie damals, als er sie gefragt hatte, ob sie Lust hätte, ihn einmal auf seinem Motorrad zu begleiten, wurde sie unerwartet von seiner Ehrlichkeit getroffen und fühlte sich geschmeichelt – nein, geehrt.
„Es lässt dich erwachsener aussehen. Gefällt mir.“
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