Der Samariter [Speirton-Reihe Teil 2]

von RamonaXX
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16
Captain Ronald Speirs Second Lieutenant C. Carwood Lipton
05.02.2018
17.02.2018
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05.02.2018 3.215
 
Vorbemerkung:
Dies ist die Fortsetzung zum ersten Teil (Verwundbar) meiner kleinen Speirton-Reihe . Dort ist es Speirs, der krank ist und unerwartet von Lipton umsorgt wird. Hier habe ich den Spieß nun umgedreht. Und bevor ich euch jetzt in den Lesegenuss entlasse, noch ein weiterer Link. Der Titel „Refuge“ von den Antlers lief bei mir beim Schreiben dieser Fanfiction in Dauerschleife. (Und taucht auch am Ende der Geschichte nochmal auf. Vielleicht entdeckt ja jemand die Verbindung?)



Der Samariter

Es hatte alles vor drei Tagen angefangen. Carwood hatte sich schlapp und müde gefühlt. Schlapper und müder als gewöhnlich, als brütete sein Körper irgendetwas aus. Seine erste Gegenmaßnahme war es gewesen sich mehr Schlaf zu gönnen. Auf ihrer Route nach Hagenau war das recht einfach, da sie die meiste Zeit auf Lastwagen verbrachten.

Erst am späten Nachmittag, wenn es ans Abladen ging und daran die Männer für die Nacht auf die Quartiere zu verteilen, war Liptons volle Aufmerksamkeit als First Sergeant gefordert gewesen. Die Zeit dazwischen hatte er auf der Ladefläche gedöst, im Versuch seinem Körper durch Nichtstun Erholung zuzuführen. Doch es hatte nicht viel genutzt. Das ständige durchgerüttelt werden und der stechend kalte Fahrtwind Mitte Februar hatten ihm in seinem angeschlagenen Zustand mächtig zugesetzt.

Also war er zur zweiten Maßnahme übergegangen; hatte darauf geachtet, dass er keine warme Mahlzeit ausließ und sich daran erinnert viel zu trinken. Aber auch das hatte keine Besserung herbeigeführt. Sein Körper hatte sich weiter kränklich und kaum belastbar angefühlt. Zu allem Überfluss waren am zweiten Tag fiese Gliederschmerzen in Abwechslung mit bohrenden Kopfschmerzen dazugekommen.

Schließlich hatte sich Lipton zur dritten und letzten Maßnahme aufgerafft und den Sani aufgesucht. Aber auch Eugene Roe hatte nichts weiter für ihn tun können, außer ihm ein paar weiße Pillen gegen das aufkommende Fieber zu geben und ihm Bettruhe zu empfehlen. Bettruhe. Für einen First Sergeant? Lipton hätte gerne darüber gelacht. Seine Aufgabe war es den bunten Haufen zusammen- und die Männer unter Wind zu halten. Und ausgerechnet er sollte sich jetzt eine Auszeit nehmen?

Es hatte bis zum dritten Tag gedauert, dass Lipton sich diesem Rat widersetzt hatte. Bis er in seinem entkräfteten, fiebrigen Zustand am Vormittag beim Absprung von der Ladefläche abgerutscht und gestürzt war. Außer ein paar blauen Flecken hatte er sich glücklicherweise keine Verletzungen zugezogen. Dennoch war sein Sturz nicht ohne Folgen geblieben. Zwei seiner Kameraden hatten ihn unter den Armen gepackt und ihn gegen jedes Argument, das er vorbrachte, zu dem Haus geschleift, wo das Hauptquartier eingerichtet worden war. Viel hatte Lipton mit seinen brennenden Halsschmerzen ehe nicht hervorbringen können und die Aussicht zumindest im Zentrum des Geschehens zu sein, hatte ihn seinen Widerstand gänzlich aufgeben lassen.

Doch auch dort wollte man den kranken First Sergeant nicht haben. Er hatte sich auf eine abgewetzte Couch mit fleckigem Polster fallengelassen und Luz, einer der anderen Unteroffiziere, hatte ihm sogar noch eine Decke besorgt. Aber als ihr Kompaniechef Speirs im Hauptquartier erschienen war, hatte dieser Lipton achtkantig rausgeworfen. Ohne zu Zögern hat er ihm befohlen sich gefälligst in ein »anständiges« Bett zu legen und sich »verdammt noch mal« auszuruhen.

Mit seiner letzten Kraft hatte Carwood sich auf die andere Straßenseite und in ein Haus geschleppt. Auf der ersten Etage hatte er besagtes Zimmer gefunden. Ein kleiner, für Kriegsverhältnisse intakter Raum, mit einem kalten Ofen in der Ecke und einem schmalen Bett an der gegenüberliegenden Wand. Das Letzte wozu er noch im Stande gewesen war, war seine Ausrüstung abzustreifen und sich auf das Bett zu legen; die Decke von Luz fest um seine Schultern gezogen.

***

Ein lautes, herzhaftes Lachen füllte die Küche. Und man hätte gut und gerne sagen können, dass dieser winzige Raum in den letzten Monaten selten mit so viel Leben gefüllt gewesen war.

In einem der besetzten Häuser hatte sich eine kleine Gruppe der Easy-Kompanie zusammengefunden und sich zum Abendessen niedergelassen. Um einen klapprigen Esstisch gedrängt, saßen die fünf Männer vor den Resten ihrer Mahlzeit und hatten angefangen sich zotige Witze und Anekdoten zu erzählen. Die ehemals knurrenden Mägen waren mit einem Eintopf aus Erbsen und Speck zum Schweigen gebracht worden und dem entsprechend ausgelassen war die Stimmung. Der breitschultrige Bull Randleman, der stets eine Zigarre zwischen den Zähnen hielt, hatte gerade seine Pointe abgeschlossen.

Webster, der Harvard-Abbrecher mit dem leicht gewellten, dunklen Haaren, hatte größte Mühe sich zu beherrschen. Er hatte sein Kochgeschirr beiseitegeschoben, die Arme auf der Tischplatte gekreuzt und seine Stirn darauf abgelegt, um sein Gesicht vor den anderen zu verstecken. Seine Schultern bebten unter jedem vergeblichen Versuch sein Lachen zu dämpfen und gleichzeitig Luft zu bekommen.

Heffron und Roe, die auf der anderen Seite des Tisches saßen, brüllten vor Heiterkeit und mussten sich die feuchten Augen trocken reiben. Was allerdings weniger an der vollendeten Pointe von Bull lag, als dass sie sich über das Verhalten von Webster scheckig lachten.

Und selbst der in schmutzigen Witzen gefestigte George Luz konnte sich sein Lachen nicht verkneifen. Das Grinsen auf seinem Gesicht wurde immer breiter und er musste tatsächlich seine gerade angesteckte Zigarette aus dem Mund nehmen, bevor sie ihm runterfiel.

„Der war gut, Bull“, sagte Luz anerkennend und deutete auf den großen, blonden Kerl, „Der war wirklich gut.“

„Besten Dank.“, erwiderte Bull und ließ seine Zigarre von einem Mundwinkel zum anderen wandern. Sein Blick fiel auf Webster, der den Kopf noch immer kichernd auf dem Tisch hatte.

„Komm schon Web“, sagte Bull und gab dem Mann mit seiner linken Pranke einen Klaps auf die Schulter, der stark genug war, dass die Löffel in den Blechnäpfen auf dem Tisch klapperten, „komm wieder runter.“

Die Männer waren noch dabei sich wieder einzukriegen, als sie eine Gestalt im Türrahmen wahrnahmen. Überrascht hoben vier der fünf ihre Köpfe und verstummten schlagartig. Es war ihr Kompaniechef, Ronald Speirs. Mit düsterer Miene und in gestrafter Haltung stand er da, als wollte er ihnen deutlich machen, dass er solch ausgelassenes Verhalten nicht duldete.

Von der plötzlichen Stille irritiert, tauchte Websters dunkler Schopf wieder auf, und er war unmittelbar im Angesicht seines Vorgesetzten um seine Fassung bemüht.

Luz bekam als erster den Mund auf. „Guten Abend, Sir.“, sagte er im Versuch die aufkommenden Wogen glätten. Er wollte vermeiden, dass sich die Situation aufschaukelte und ihr, vor kurzem zum Captain beförderte, Kompaniechef in eine seine Launen verfiel.

Speirs gab bloß ein Nicken, vermischt mit einem kurzen Brummen von sich und fixierte dann auf seine ganz spezielle Art Doc Roe. „Wie geht es ihm?“

Unüberlegt platze Heffron dazwischen: „Sie meinen Lipton, Sir?“

Speirs warf dem Mann einen bösen Blick zu, der ihn zum Einen wissen ließ, dass seine Frage überflüssig war und ihm zum Anderen klarmachte, dass er es schwer bereuen würde, sich noch einmal ungefragt in das Gespräch einzumischen.

Als Roe wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit seines Kompaniechefs hatte, antwortete er: „Um ehrlich zu sein, Sir, es geht ihm schlechter. Das Fieber ist angestiegen und er hat Schüttelfrost bekommen. Ich war vorhin bei ihm. Es sieht nicht gut aus.“

„Was heißt das?“, wollte Speirs wissen.

„Wir müssen abwarten, Sir.“, sagte Roe. „Wenn das Fieber nicht wieder runtergeht, muss er doch ins Lazarett.“  

Erneut kam von Speirs ein brummendes Nicken. Und zu ihrer Verwunderung sahen die Männer, wie sich seine harten Gesichtszüge entspannten und sein ungewohnt weicher Blick auf die Tischplatte sank. Für einen kurzen Moment glaubten die fünf sogar so etwas wie Besorgnis in seinem nachdenklichen Gesicht lesen zu können. Konnte das wirklich sein? Ein Ronald Speirs, der sich mit in Falten gelegter Stirn und mahlenden Kiefern Sorgen machte?

Binnen weniger Sekunde hatte Speirs zu seiner gewohnte Form zurückgefunden und den Kopf gehoben. „In Ordnung.“, sagte er knapp. „Ich werd’ die Option im Hinterkopf behalten. Ich wollte heute Abend sowieso noch mal rübergehen und nach ihm sehen. Danach werd’ ich mich entscheiden.“ Mit diesen Worten drehte Speirs sich um und verließ die Küche.

„Ah, Captain Speirs, Sir?“ Es war die Stimme von Roe.

Ungehalten wandte sich Speirs dem Esstisch wieder zu. „Was?“ Sein Ton klang gereizt, wobei sich nicht sagen ließ, ob er so reagierte, weil er eben schlechte Nachrichten erhalten hatte oder weil er generell in keiner guten Stimmung war.  

Roe ließ sich davon nicht beirren und gab dem Kompaniechef mit auf den Weg, was er noch medizinisch Relevantes zu sagen hatte. „Wenn Sie dem First Sergeant einen Besuch abstatten, dann können Sie ihn vielleicht davon überzeugen, dass er etwas isst. Ich hab es heute Nachmittag versucht, aber er konnte kaum den Löffel halten. Es wäre wirklich wichtig, dass er etwas zu sich nimmt.“

Die Gruppe kassierte ein drittes Nicken von Speirs, diesmal schweigend. Dann verschwand der Mann so plötzlich, wie er gekommen war. Angewachsen saßen die fünf Männer am Tisch und sahen ihrem Captain nach.

Als Webster die Haustür ins Schloss fielen hörte, atmete er erleichtert auf. Der Spuck war vorbei. Zur Sicherheit warf er noch einen Blick über die Schulter aus dem Küchenfenster. Im Dämmerlicht erkannte er, wie sich die straffe Gestalt von Speirs vom Haus entfernt. Ohne sich der Gruppe zuzuwenden, kommentierte er: „Komischer Vogel.“

Bull zog bestätigend an seiner Zigarre. „Du sagst es.“

„Wieso?“, warf Heffron ein.

Luz griff den Faden auf. „Denk doch mal nach, Babe. Wir reden hier von Speirs! Hast Du schon mal erlebt, dass sich Speirs um irgendjemanden kümmert? Also ich meine sich wirklich echte Sorgen macht?“

Heffron schüttelte übertrieben heftig den Kopf und als Antwort erhielt er im Chor von Bull, Luz und Webster: „E-ben.“

***

Als sich Speirs eine halbe Stunde später mit einem dampfenden Kochgeschirr auf dem Weg zu Lipton befand, war es bereits dunkel geworden. Die Essenszeit war längst vorüber und es hatte eine Weile gedauert, bis er jemanden aufgetrieben hatte, der ihm eine Portion von der Erbsensuppe aufgewärmt hatte. Dass sein First Sergeant nichts aß, gefiel Speirs überhaupt nicht.

Es war ihm keinesfalls entgangen, dass Lipton – dessen Feldbeförderung irgendwo auf dem Schreibtisch eines dilettantischen Adjutanten auf seine Weiterleitung wartete – in den vergangenen Tagen nicht auf der Höhe gewesen war. Im Gegenteil, er hatte seinen stetigen Abbau mit Argusaugen verfolgt. Und er war wirklich sauer gewesen, als er Lipton am Vormittag auf einer Couch im Hauptquartier gefunden hatte; verschwitzt und fiebrig, mit einer Nachschubliste in der zitternden Hand und in dem kläglichen Versuch einige Sachen geregelt zu bekommen. Ohne Umschweife hatte Speirs ihm befohlen das Bett aufzusuchen.

In diesem Punkt bot Hagenau einen gewissen Vorteil. Sie alle würden voraussichtlich länger hier bleiben und dass hieß, dass es die Chance gab sich zumindest etwas häuslich einzurichten. Die Stadt war nicht weniger zerstört als andere Städte entlang des Rheins. Berge aus Schutt und Ziegelsteinen türmten sich zu beiden Seite der Straße auf, Dachstühle waren ausgebrannt und verkohlt, Gebäude teilweise oder auch ganz eingestürzt und nahezu jede Häuserwand wies Einschlusslöcher auf.

Aber halb zerstörte Gebäude, wie das vornehme Wohnhaus, in dessen großen Salon im Erdgeschoss das Hauptquartier untergebracht war, gab es hier einige. Eingeschlagene Fenster, kaputte Türen, Tapeten, die sich von den Wänden schälte und Putz, der bei jedem entfernten Granateneinschlag von der Decke rieselte, waren zu verschmerzen. Mehr noch, es war überlebenswichtig bei diesen frostigen Temperaturen, dem nasskalten Schneematsch auf den Straßen und dem eisigen Wind, zur Nacht vier Wände und ein Dach über dem Kopf zu haben. Selbst wenn es durch jede nur erdenkliche Ritze zog.

Eine solche vergleichsweise luxuriöse Unterkunft hatte Speirs am Morgen auch für sich und Lipton räumen lassen. Das Haus befand sich schräg gegenüber dem Hauptquartier, was für Speirs kurze Wege bedeutete und ihm gleichzeitig die Chance bot, Lipton im Auge zu behalten, sollte sich dieser wider Erwarten aus dem Bett stürzen, um seinem Job nachzugehen.

Doch Speirs musste sich eingestehen, dass er über den Tag keine Zeit gehabt hatte, an seinen kranken First Sergeant nur zu denken. Erst gegen Abend als es etwas ruhiger geworden war, waren seine Gedanken wieder zu Lipton zurückgekehrt und er hatte sich auf die Suche nach ihrem Sanitäter gemacht, um die Informationen über seinen Gesundheitszustand aus erster Hand zu erhalten.

Was er gehört hatte, hatte etwas in ihm alarmiert und bei dem Blick in die verdutzten Gesichter seiner Männer, war Speirs sich sicher gewesen, dass sie etwas davon aufgeschnappt hatten. Aber das sollte ihn heute Abend nicht mehr jucken, er würde schon bei Zeiten einer Verweichlichung seines Rufes entgegensteuern. Jetzt, gehörte seine volle Aufmerksamkeit Lip.


Speirs betrat das dunkle Wohnhaus und stieg die knarrende Treppe hoch; in der einen Hand das heiße Essen, in der anderen seine eingeschaltete Taschenlampe. Oben angekommen fiel ihm sofort der helle Schein unter dem Türspalt auf. Offensichtlich brannte Licht im Zimmer. Er konnte sich jedoch nicht erinnern, dass der Strom in diesem Haus ging. Die Lichtschalter im Erdgeschoss jedenfalls funktionierten nicht, dass wusste er gesichert. Und für eine Kerze oder eine Öllampe war der Lichtschein eindeutig zu hell.

Die Taschenlampe wieder in seiner Jackentasche, griff Speirs nach der Klinke. Er hatte die Tür noch keine zwanzig Zentimeter geöffnet, als ihm die Antwort auf seine Frage entgegen strömte. In dem Zimmer war es warm. Deutlich wärme als auf dem Flur. Und sehr viel wärmer als draußen. Jemand musste den Ofen befeuert haben.

Schleunigst schob sich Speirs durch die Tür und schloss sie so rasch und so leise wie möglich wieder hinter sich, um möglichst viel Wärme in dem kleinen Raum zu behalten. Tatsächlich brannte im Ofen ein Feuer und der hohe Stapel aus Büchern an der Seite zeugte davon, dass sich jemand redlich um Nachschub an Brennmaterial bemüht hatte. Speirs’ Mundwinkel hoben sich anerkennend; er schien bei weitem nicht der einzige zu sein, der sich Sorgen um Lipton machte. Bei diesem Gedanken wurde er sich wieder seinem mit Erbsensuppe gefülltem Kochgeschirr bewusst und wandte sich dem Bett zu, das hinter seinem Rücken an der Wand stand. Was er darin vorfand, brachte die Sorgenfalten zurück auf seine Stirn.

Unter einem Berg aus Decken – anscheinend hatte es auch hier jemand gut gemeint – lag eine zitternde Gestalt; die Arme vor der Brust verschränkt, den Kopf ins Kissen gepresst und die Augen fest geschlossen. Vor dem Bett auf dem Fußboden stand ein ebensolches Kochgeschirr, wie Speirs es in der Hand hielt. Wahrscheinlich das, von dem Roe vorhin gesprochen hatten. Daneben stand ein dreibeiniger Hocker; darauf eine Feldflasche und eine angebrochene Medikamentenschachtel. Über einen der Bettpfosten am Fußende hatte man Liptons Ausrüstung zusammen mit seinem Helm gehängt. Sein Gewehr lehnte etwas weiter an der Wand und selbst seine Stiefel hatte man ordentlich dazugestellt.

Speirs trat näher, stellte sein Kochgeschirr auf dem Hocker ab und ging vor der Bettkante in die Hocke. Behutsam legt er dem Kranken seinen kühlen Handrücken an die Stirn. Was er fühlte, fühlte sich nicht gut an. Liptons Körper war viel zu heiß, und das lag gewiss nicht an dem Feuer im Ofen, das den Raum frostfrei hielt oder den vielen Decken, die man über ihn geworfen hatte. Das Aspirin, das Roe ihm gegeben hatte, wirkt offensichtlich nicht.

Doch was Speirs noch mehr beunruhigte als das hohe Fieber, war die Tatsache, dass Lipton bis jetzt nicht auf seine Anwesenheit reagiert hatte. Er war sich mit einem Mal ziemlich sicher, das er sein Erscheinen noch gar nicht wahrgenommen hatte.

„Lip?“, fragte Speirs gedämpft und klang dabei verhaltener als beabsichtigt. „Hörst Du mich?“

Ein Moment der Ungewissheit verstrich, bis er sehen konnte wie sich Liptons Lippen bewegten. Die Antwort – was immer es auch war – ging allerdings in einem heiseren Stöhnen unter. Speirs reichte es dennoch als Kommunikation zwischen ihnen.

„Okay, First Sergeant.“, sagte er nun mit deutlich gefestigter Stimme. „Wir werden jetzt etwas essen, damit Sie wieder zu Kräften kommen. Und ja, das ist ein Befehl.“ Es fiel ihm deutlich leichter es so zu formulieren, als es anders zu formulieren. Dass er Lipton bei der Aufführung dieses »Befehls« unter die Arme greifen würde, war für ihn selbstverständlich. Wofür war er sonst hier?

Entschlossen richtete Speirs sich auf, öffnete sein Koppelschloss und streifte sich die Träger von den Schultern um sein unnötiges Zeug abzulegen und sich mehr Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Er hängt es einfach zu der anderen Ausrüstung über den Bettpfosten. Dann schlug er die vielen Decken zur Seite und legte Liptons zitternden Körper, der nach wie vor in seine vor Dreck strotzende Uniform gekleidet war, frei. Er musste ihn zwingend aufrichten, wenn er ihm etwas von der Suppe einflößen wollte. Also machte er sich an die Arbeit.

„Ich darf doch mal, oder?“, fragte Speirs etwas schroff und zog Lipton das Kissen unter dem Kopf weg. Vielleicht war er in solchen Angelegenheiten nicht der Sensibelste, aber er wusste was er wollte. Und er tat was nötig war. Mit dem nächsten Handgriff hatte er Liptons kraftlosen Körper ein Stück zur Seite gehievt, sich auf das Bett gesetzt und das gemopste Kissen zwischen das Kopfende und seinen Rücken gestopft. Er brauchte eine stabile Position, wenn er Lipton – einen ausgewachsenen Mann – halten und gleichzeitig füttern wollte. Etwas anders blieb ihm auch gar nicht übrig, da der First Sergeant, so wie Roe es gesagt hatte, in seinem Zustand unmöglich einen Löffel halten konnte.

Speirs’ Blick wanderte zu dem Mann, der schlotternd neben ihm kauerte, die Augen weiterhin geschlossen, wie die eines neugeborenen Hundebabys. Es ließ ein unerwartet schlechtes Gewissen in ihm aufkeimen, zu sehen, wie Lipton sich mit den Schmerzen und dem Fieber quälte. So oft war er für die Männer da und nun hatte es ausgerechnet ihn erwischt.

Eben noch grob und leicht fahrlässig, wollte Speirs mit einem Mal alles richtig machen und sich die Zeit nehmen, die es brauchte. Sachte, aber mit der nötigen Entschiedenheit berührte er Lipton an der Schulter. „Komm, Lip.“, flüsterte er und zog ihn zu sich. „Komm her zu mir. Du musst was essen.“

Es überraschte Speirs kaum, als das blinde Hundebaby schwerfällig begann auf ihn zuzurobben. Er half ihm dabei und manövrierte Lipton so, dass er nach einigem hin und her halb auf seinem Schoß und halb in seinem Arm lag. So würde es gehen, dachte Speirs im ersten Augenblick pragmatisch. Doch dann stieg da plötzlich dieses Gefühl in seiner Brust auf; klammerte sich erschreckend fest an sein Herz.

Liptons schlaffer Oberkörper wog schwer in seinem Arm. Speirs konnte sein Gewicht deutlich spüren, ebenso wie seine Anstrengung zu Atmen und die Hitze, die von seinem fiebrigen Körper ausging. Aber vor allem konnte er sein tiefes Vertrauen spüren. Carwood vertraute ihm.

Ihre Hemmungen einander zu berühren, sich Halt zu geben und auch darauf einzulassen, hatten sich bereits vor einiger Zeit verflüchtigt. Es war passiert, als sich Speirs’ Magen mal wieder quergestellt und ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte. Wie schon einige Male zuvor war Lipton – der nie mehr als ein paar Meter von ihm entfernt schlief – davon wach geworden und hatte ihn nach Kräften unterstützt. Und dann, später, als Speirs’ Magen sich vollständig entleert und wieder beruhigt hatte, hatte Lipton ihm davon erzählt, wie er sich als Schulkind vor Klassenarbeiten immer hatte übergeben müssen und wie seine Mutter jeden Morgen die Geduld aufgebracht hatte ihm seine Bauchschmerzen und seine Nervosität wegzumassieren. Speirs musste immer noch zufrieden schmunzeln, wenn er daran zurückdachte, wie er in jener Nacht auf dem Rücken liegend und in vollem Vertrauen sein Hemd aufgeknöpft, das Unterhemd hochgezogen und Lipton gebeten hatte ihn am Bauch zu berühren.

Dass der gleiche Mann nun wie ein Schluck Wasser in der Kurve in seinem Arm hing, hätte also eigentlich keine große Sache für Speirs sein sollen. Doch es bewegte ihn, kehrte diese eine Seite von ihm an die Oberfläche, die er sonst nie jemandem zeigen konnte. Niemandem, außer Carwood.
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