Die Macht der Ignoranz

GeschichteRomanze, Übernatürlich / P16 Slash
Chikage Kazama Kyuujyu Amagiri
04.02.2018
17.09.2018
10
17.098
 
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
04.02.2018 1.446
 
Menschen waren dumme, engstirnige Geschöpfe. Seit Chikage Kazama nach Japan gekommen war, um die Satsuma zu unterstützen, hatte er sich schon oft davon überzeugen können. Ein wenig erinnerten sie an Ameisen – stur, winzig und leicht zu zertreten.
Chikage wandte seine Aufmerksamkeit auf den Schnee, der draußen unaufhörlich vom Himmel rieselte. Das war wesentlich spannender, als den ewigen Ränkespielen zuzuhören, die gegen Shogunat und damit auch gegen die Shinsengumi geschmiedet wurden. Chikage konnte es nicht mehr hören und es langweilte ihn, hier neben den alten Fettsäcken zu stehen und den Clan vertreten zu müssen, welcher noch Schulden bei diesen törichten Menschen hatte.
Der Honigblonde spielte gerade mit dem Gedanken, sein Schwert in die feisten Körper dieser unwürdigen Maden zu versenken, als er spürte, wie er angestarrt wurde. Er hob den Blick und begegnete cyanfarbenen Augen, die seinem Untergebenen Amagiri Kyuuju gehörten. Der andere spürte seine Unruhe und gab ihm mit einem leichten Nicken zu verstehen, dass er durchhalten und ruhig bleiben sollte. Dies war leichter gesagt als getan.
Viel lieber hätte Chikage diesen Ort verlassen und sich um eine wirklich interessante Sache gekümmert, die sich zuletzt ergeben hatte. Er hatte eine reinblütige, weibliche Oni namens Chizuru Yukimura gefunden und seitdem beherrschte sie seine Gedanken. Gut, sie war nicht das, was er unter einer wahren Oni verstand, denn in den Erzählungen seines Clans waren dies eher starke, unnahbare Schönheiten. Tatsächlich war Chizuru das glatte Gegenteil, denn sie war schwach, ihrer selbst nicht bewusst und wirkte eher wie ein kleiner Junge. Aber ihr Name war einflussreich, ebenso wie ihre Blutlinie. Mit ihr konnte Chikage möglicherweise die Linie seines Clans fortführen und mächtige Nachkommen zeugen, welche die Menschen unterjochen konnten.
Chikage lächelte kaum merklich, wenn er über diese Möglichkeit nachdachte und seine Laune besserte sich ein wenig. Ja, vielleicht sollte er seine Zeit lieber darauf verwenden, anstatt auf diese sabbelnden alten Männer.
„Entschuldigt mich“, sagte Chikage also und verließ das Teezimmer, in welchem sie sich zu viert aufhielten, ohne eine Antwort abzuwarten.
Er trat nach draußen und schlug den Weg Richtung Shinsengumi Hauptquartier ein, was relativ simpel war, denn er konnte Chizurus Aura selbst von hier aus wahrnehmen.
„Ihr verärgert die Satsuma, Chikage-sama“, äußerte sich Amagiri seufzend hinter ihm.
„Dann beschäftige sie, damit sie Ruhe geben. Ich habe andere Pläne“, sagte Chikage ungerührt und setzte seinen Weg fort.

Amagiri Kyuujus Seufzen war leiser als der wispernde Schnee, der auf schon vorhandenen Schnee fiel. Er verfolgte, wie Chikage das Quartier der Satsuma verließ und sein Pflichtbewusstsein sagte ihm, dass er dem anderen folgen musste. Normalerweise hätte der Rothaarige das auch getan, doch leider musste er zuerst an ihre Aufgabe denken, welche darin bestand, dass die Satsuma zufrieden waren.
Nochmals seufzend kehrte Amagiri zurück zu den beiden älteren Herren, die sehr griesgrämig und in ihrer Ehre gekränkt aussahen. Niemand verließ einfach so politische Verhandlungen, es sei denn, es wurde ihm erlaubt. Amagiri entschloss sich, die Wogen zu glätten, eine Aufgabe, die ihm mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen war.
„Chikage-sama lässt sich entschuldigen“, sagte er also und verbeugte sich höflich.
„Seine Umgangsformen scheinen nicht sehr ausgeprägt“, meinte einer von ihnen spöttisch und obgleich Amagiri friedliebend war, hätte er nun gerne seine Fäuste sprechen lassen.
Doch er hielt sich zurück, berief sich auf seine innere Ruhe und lächelte die beiden Satsuma-Männer gewinnend an.
„Höflichkeit ist nicht unbedingt angebracht, wenn ein Oni-Clan ums Überleben kämpft. Bitte sehen Sie es Chikage-sama nach“, meinte er und verbeugte sich noch ein wenig tiefer.
Die Männer schien dies zu besänftigen und sie verfielen wieder in ihre ursprünglichen Gespräche. Amagiri war froh, dass er die Krise abgewendet hatte und er entspannte sich wieder. Seine Gedanken wanderten jedoch wieder zu Chikage Kazama, welcher garantiert dieser Oni-Frau nachstellte. Es war normal, dass Oni-Männer den Oni-Frauen nachjagten, doch in diesen Zeiten und dieser Situation war dieses Verhalten eher fatal.
Amagiri war besorgt und er hoffte, dass Chikage kein unnötiges Risiko einging. Manchmal handelte er einfach zu unbesonnen und ging mit einer Härte vor, die nicht unbedingt gerechtfertigt war. Zum Beispiel hatte er eindeutig überreagiert, als sie auf die Shinsengumi getroffen waren. Es war selbst für einen Oni zu herzlos gewesen, wie Chikage mit Okita Souji umgegangen war und Amagiri wünschte sich im Nachhinein, er hätte beide aufgehalten. Aber Amagiri musste genauso sein eigenes Verhalten infrage stellen, schließlich hatte er den Jungen, der Okita begleitet hatte, fast getötet. Manchmal vergaß er, dass seine Stärke nichts Alltägliches in der Welt der Menschen war und dass diese Wesen zerbrechlich wie Schmetterlinge anmuteten.
Manchmal wäre es wirklich besser gewesen, wenn Amagiri doch zum Schwert gegriffen hätte, doch ihm war nie wohl dabei gewesen. Seine Hände waren seine Waffen und er genoss es, sich mit ihnen zu messen, wenn es sein musste. Nun schien aber der Fall einzutreten, dass er öfter zum Kampf gezwungen werden würde, als je jemals zuvor.

Die Dämmerung schlug gerade zu, als Chikage endlich das Hauptquartier der Shinsengumi erreichte. Chizurus Duft lag wie ein schweres Parfum in der Luft und benebelte seine Sinne, doch er wusste trotzdem noch genau, was er tat, schließlich war er kein blutjunger Oni mehr. Das Verlangen in ihm wütete zwar wie ein wütender Stier, aber damit konnte Chikage umgehen, schließlich waren extreme Empfindungen sein tägliches Brot.
Chikage spürte noch andere Energien in Chizurus Nähe und er gab ein leises Knurren von sich. Was fand sie nur an diesen Menschen? Wieso hielt sie nur so an diesen schwächlichen Kreaturen fest? Warum war eine Oni der mächtigsten Zweigfamilien nur derart verweichlicht und besaß so viele friedliche Gefühle? Wo war ihr Kampfgeist, ihre Härte?
Kazama zweifelte, dass sie die Richtige für ihn selbst war, aber es war ja nicht so, als hätte er viel Auswahl, seit die Clans vom Aussterben bedroht waren. So sehr er sich auch den Kopf darüber zerbrochen hatte, ihm waren nur zwei andere Wege eingefallen, wie er das Überleben seines Clans sichern konnte. Entweder er ließ sich mit einem Halbblut ein, was er jedoch nicht über seinen Stolz brachte oder er wartete, bis eine angemessene Braut für ihn geboren wurde. Da beide Wege undenkbar waren, blieb ihm nur der Ausweg, Chizuru zu der seinen zu machen und das möglichst bald, bevor ihn seine Triebe zu einem Massaker verleiteten.
Oh ja, es juckte ihn geradezu, in das Hauptquartier der Shinsengumi einzufallen und Krawall zu schlagen, so wie es einem Oni gebührte. Sein Schwert vibrierte quasi von selbst, als ob es seinen Blutdurst imitieren wollte und Chikages Mund verzog sich zu einem fast wahnhaften Grinsen. Es war so lange her, dass er diesen unnützen Menschen gezeigt hatte, zu was er fähig war und am liebsten hätte er bei diesem Kerl mit den schwarzen, langen Haaren und den lila Augen angefangen, der sich das letzte Mal zwischen Chizuru und ihn gedrängt hatte.
„Ruhig Blut, Chikage“, sagte eine freche Stimme über ihm und riss den Rotäugigen aus seinen mordlustigen Gedanken.
„Verfolgst du mich, Kyo?“
Mit einem gezielten Sprung und einer punktgenauen Landung befand sich Kyo Shiranui nun neben dem Honigblonden. Wie immer spielte der Grau-Blauhaarige mit seiner westlichen Waffe, einem silbernen Revolver, der im letzten Licht des Tages verführerisch glänzte.
„Nicht doch. Ich denke, wir hatten zufällig das gleiche Ziel“, grinste Kyo breit und entblößte dabei seine Zähne.
„Du kannst nicht von diesem Sanosuke Sagara ablassen, was?“, erkundigte sich sich Chikage und Kyo lachte leise.
„Erraten... und dich lässt dieses Weib nicht los, oder?“
Chikage gab keine Antwort, schließlich schien Kyo die Antwort schon zu kennen und so hielt er Worte für überflüssig.
„Wo hast du deinen riesigen Schatten gelassen? Ohne ihn wird es nur halb so spaßig“, meinte Kyo jetzt und sah sich um, womit er ohne Frage Amagiri meinte.
„Er kümmert sich um die Satsuma...“
„Wie lästig.“
Chikage konnte Kyo nur zustimmen. Es wäre so leicht gewesen, diese Menschen wie Maden zu zerquetschen, aber Amagiri mahnte immer, dass sie den Clan würdig vertreten und sich nichts zu schulden kommen lassen durften. Chikage konnte förmlich hören, was Amagiri sagen würde, wenn er gewusst hätte, was die beiden anderen Oni viel lieber gemacht hätten. Das Ganze trübte die Stimmung und Chikage nahm sich vor, Amagiri in nächster Zeit ein paar entwürdigende Aufgaben zu geben, um sich dafür zu rächen.
Seufzend wandte sich der Honigblonde ab und trat den Rückweg an.
„Lass uns gehen. Wir sollten nicht überstürzt handeln...“, meinte er und konnte selbst nicht glauben, dass er das sagte.
„Hilfe, Amagiri hat dich mit menschlicher Vernunft angesteckt“, grinste Kyo und Chikage knurrte nur feindselig.
Doch wie Kyo so war, ließ er sich davon nicht abschrecken und er nahm die Spielerei mit seinem Revolver pfeifend wieder auf. Die beiden Oni traten den Rückzug an und überließen die Menschen ihrem tristen Alltag. Zumindest vorläufig~