Absurditäten

von Aeroplane
GeschichteAbenteuer, Romanze / P18 Slash
02.02.2018
31.07.2018
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Kapitel 1 - Ein pinker Teddybär mit Kalaschnikow

Eine Woche zuvor…

Ein harter Schmerz durchzog mich. „Fuck, pass doch mal auf! Küne starrt dich schon an.“ Beleidigt warf ich einen bösen Blick zur Seite, während ich meine Rippen rieb, in die Kelly eben ihren Ellenbogen gerammt hatte. „Musst du gar nicht so blöd schauen, Max! Er hat dich gefragt, in welcher Zeile das Zitat steht. Wo bist du denn schon wieder?“ „Vers“, blökte ich stumpf. Ich hatte keine Lust, auf eine der ewig langen Reden meiner Sitznachbarin. Und ich musste einen Vers suchen. Verzweifelt durchscannte ich den Auftritt auf den gewünschten Nachweis, als ein riesiger Schatten vor mir auftauchte. „Wenigstens beherrschen Sie die korrekte Fachsprache. Wenn es jetzt mit dem rechtzeitigen Aufwachen aus ihren Fantasien auch noch klappt, bin ich vollends zufrieden“ Ich sah langsam hoch. Vor mir stand mein Lehrer, der mir einen mehr als sarkastischen Blick zuwarf. Fuck!

Mein Lehrer liebte es, Leute zu verarschen. „Aber sind Sie nicht auch der Meinung, dass Ihre Tagträume im Deutschunterricht irgendwie fehl am Platz sind? Es sei denn Sie können uns den Zusammenhang ihres verklärten Blickes mit dem werten Lessing und der Ringparabel erklären!“ Herr Küne schaute mich auffordernd an und ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden. Fuck! Fuck, fuck, fuck! Ich verzog meine Lippen zu einem schmalen Spalt, murmelte ein kurzes „`Tschuldigung“ und „Vers 6548“ und drehte, nachdem sich Herr Küne wieder verzogen hatte um den Vers anzuschreiben, meinen Kopf vorsichtig nach links.

Er sah mich nicht an, doch ich konnte erkennen, dass er zwanghaft versuchte, sich das Lachen zu verkneifen. Ich hasste Robin! Nein. Ich liebte ihn. Wenn ich ihn nicht gerade hasste! Außer Herrn Küne kannte ich keinen so sarkastischen, herablassenden und egozentrischen Menschen wie Rob. Außer vielleicht….Aber weiter kam ich mit meinem Gedankengang nicht, denn schon durchdrang die kräftige Stimme meines Deutschlehrers wieder den Raum. „Wie Sie sicher schon bemerkt haben, haben wir seit einigen Stunden eine Beisitzerin im Unterricht. Max dürfte sich ja schon ausgiebig Gedanken darüber gemacht haben, genug Zeit hatte er ja in seiner Traumwelt. Aber Max, eine Bitte: Haben sie den Anstand und versuchen sie ausnahmsweise einmal keine Löcher in die Luft zu starren. Oder in Frau Lortz. Schließlich wird sie Sie die nächsten Wochen als Referendarin unterrichten.“ Ein Lachen durchzog den Kurs. Scheiße! Ich wurde schon wieder rot. Und obwohl ich mich nicht traute, mich umzudrehen, wusste ich, dass es der Referendarin genauso ging. Ich würde diese Stunde schon überstehen, jeder war mal dran. Heute nun mal ich. Fuck!

Herr Küne schlenderte gut gelaunt nach hinten und ließ sich auf einen der leeren Stühle plumpsen. Er war immer gut gelaunt, wenn er jemanden mobben konnte. Stattdessen kam nun die Referendarin nach vorne. Sie zitterte etwas und wirkte auch sonst extrem nervös. Aber nicht so schlimm, wie der schlimmste Referendar, den ich jemals hatte. Er hatte uns ungelogen zehn Mal die gleiche Kopie gegeben und innerhalb von fünfzig Minuten 213 Mal Ähm gesagt. Eine inkompetente Flachpfeife wie sie im Buche steht! Frau Lortz also. Aha. Die kleine Frau zog einmal kurz ihren Pferdeschwanz fest, ordnete durch auf-den-Tisch-klopfen ihre Zettel und wollte gerade anfangen zu sprechen, als die Tür aufsprang.

Durch den Kurs lief ein Raunen, alle starrten gebannt zur Tür als wäre eben ein pinker Teddybär mit Kalaschnikow hereinspaziert, um zu sehen, wer für die Ruhestörung verantwortlich war. Es war kein pinker Teddybär mit Kalaschnikow. Die Person, die hereinspazierte, schlürfend den Fertigkakao austrank und den Tetrapak dann in den Restmüll schmetterte, war deutlich unaufregender – und spannender zugleich. Flo war immer zu spät. Und immer pünktlich in seiner Verspätung.Auch heute war er fast auf die Sekunde genau 33 Minuten zu spät. Manchmal kam es mir so vor, als würde er extra vor der Tür warten, um ja nicht zu früh zu kommen. Flo war das Klischee eines aufmüpfigen Teenagers. Die Anderen interessierten ihn einfach einen Scheiß – er tat, was er wollte. Als er Frau Lortz sah, die gerade ihren Namen an die Tafel malte – MALTE! Sie malte ihn. In schwungvollen Buchstaben zog sie die Linien auf das kühle Grün – konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen, aus dem schnell ein Prusten wurde.

Er kratzte sich einmal kurz an der Nase und der Augenbraue, hob dann seine rechte Hand zu seiner Cap, ohne die man ihn nie sah. Kurz ruckelte er sie zurecht und räusperte sich einmal kurz. „Aloha, ihr hübschen Menschen, tut mir sehr leid, die Verspätung. Ich hatte…“ hier räusperte er sich wieder einmal kurz „zu tun…“. Scheiße, hatte der Kerl vielleicht Eier. Einfach Charisma. Aber ein Arschloch war er trotzdem. Ob ihm wohl klar war, wie er auf Menschen wirkte? Denn irgendwie ließ man ihm alles durchgehen. Langsam verzettelte ich mich in meinen Gedanken. Und obwohl ich mich redlich darum bemühte, meine Konzentration wiederzuerlangen, landete ich doch schließlich beim Bären mit Kalaschnikow. Und Flo. Seine graue Snapback saß noch immer schief auf seinem Kopf. In der Hand hatte er einen kleinen Schlüsselanhänger, den er immer wieder um einen Finger kreisen und ihn von einer Seite zur anderen pendeln ließ. Jetzt blickte er die Referendarin abwartend an, musterte sie von oben bis unten, warf erst einen fragenden Blick in die Gruppe, dann an die Tafel. Hingegen starrte sie ihn einfach nur an. Flo war gut zwei Köpfe größer als Frau Lortz, sie war offensichtlich noch kleiner als ich, und wie er sie von oben herab ansah, war wirklich einschüchternd. „Der kriegt gleich sowas von auf die Fresse“, flüsterte Kelly in mein Ohr „Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass Küne ihm das durchgehen lässt!“

„Frau Lort?!“ Er sah zweifelnd zur Tafel, an der der halb fertige Name stand. Der Sarkasmus triefte in Flos Stimme. „Lortz!“ Die Einsilbigkeit seiner Lehrerin schien ihn zu amüsieren. „Noch schöner.“ Jetzt fing er an, freundlich zu lächeln. Tatsächlich freundlich, ohne jeden Sarkasmus. „Entschuldigen sie bitte die Verspätung!“ Und mit diesen Worten und einem kleinen Kopfnicken ging er an ihr vorbei nach hinten zu seinem Platz neben seinen Kumpels. Doch nicht ohne mir einen seltsamen Blick zuzuwerfen. Erstaunlicherweise hatte Küne nichts dazu gesagt. Er war die ganze Stunde über still gewesen, hatte sich nicht mal einen Kommentar über mich erlaubt. Und so war ich zum ersten Mal in den Genuss einer Schulstunde gekommen, in der ich komplett ignoriert wurde, obwohl ich mich wirklich oft meldete. Selten war ich so froh, als das viel zu laute Klingelzeichen mich erlöste, um mich in meine sehnlichst erwartete Freistunde zu entlassen.

Die Schüler strömten aus dem Raum, hinein in die Mensa. Innerhalb von Sekunden reichte die Schlange vor dem Kiosk bis zur Tür, die zum Hof führte. Ich hastete in die Mensa und schmiss mich auf einen Stuhl an einem der inoffiziellen Oberstufentische, die viel zu oft von nervigen Fünftklässlern besetzt waren. Gerade wollte ich Kelly irgendeine Frage beantworten, die ich nur mit einem Ohr mitgekriegt hatte, als mir Rob mit seinem Ordner von hinten auf den Kopf schlug. „Du hast jetzt Freistunde, oder? Du Wichser!“ Ich zuckte zusammen. Von hinten ertönte ein leises Kichern und Kelly sah mich spöttisch an. Der Hass, dem man ausgesetzt war, wenn man keinen Unterricht hatte, alles anderen aber schon, war beeindruckend. Die Schadenfreude, die man gegenüber den Neidern empfand, noch mehr.

Die erneute Klingel beendete unsere Unterhaltung – Robin und Kelly, und all die Anderen auch mussten zum Unterricht. David hatte heute Fahrstunde und Marti war krank. Wo Vanessa war, wusste ich sowieso nie. Also blieb mir nichts anderes übrig, als einsam meine Chemiehausaufgaben zu machen. Das waren meine Pläne. Nicht Flos. Denn Flo ließ sich plötzlich mir gegenüber hinfallen, zog mein Buch herunter und grinste mich dreckig an. Und wenn ich dreckig sage, meine ich dreckig. Er sah mich an mit einem fiesen Grinsen und dieser herrlichen Zweideutigkeit in den Augen, die mich wissen ließ, dass er etwas vorhatte. Irgendwas Großes. Irgendwas, wofür er mich brauchte. Seit wann hatte er eigentlich jetzt Freistunde?

„Du, Hobbit“, fing er an. Seine Stimme war rau. Dunkel. Aber nicht sehr tief. Irgendwie melodisch. Aber vor allem aufregend. „Ich bin kein Hobbit“, maulte ich beleidigt. Ja, ok, ich war klein. Wirklich klein im Vergleich zu vielen anderen. Aber absolut gesehen vollkommen normal. „Sooowas von egal! Aber gib es zu, du hast schon Ähnlichkeiten mit Einem. Klein, nerdig, tapfer, abenteuerlustig, niedlich.“ Den letzten Teil murmelte er nur noch kaum hörbar und da ich, wie so oft schon wieder in Gedanken versunken war, rutschte mir als Antwort nur ein „Was?“ heraus. Das „Was?“, das sofort darauf folgte, nahm ich schon wieder kaum wahr. Gerade wollte ich mich wieder in mein Chemiebuch versenken, als Flo seinen Kopf schräg legte, mir tief in die Augen sah und dann sagte. „Ist dir nicht langweilig?“ Darum bemüht, meine Konzentration wieder zurückgewinnen brachte ich nur ein „Hm?“ heraus. Das war ihm offenbar Antwort genug. „Ernsthaft, du wirkst sowas von abwesend. Du musst doch wohl vor Langweile vergehen. Wenn ich so leben würde, wäre ich schon ewig krepiert.“ Er hatte ja keine Ahnung, wie Recht er damit hatte. Ich verging täglich in meinem Zimmer vor Langeweile. Ja Freunde, ja Netflix, ja Musik. Aber das letzte Abenteuer hatte ich erlebt als ich mit fünf ein dünnes Seil oben an dem Baumhaus bei meinen Großeltern befestigt hatte und dann daran heruntergerutscht war. Ich hatte drei Wochen später noch die Verbrennungen an meiner Hand und bis heute eine gute Geschichte zu erzählen. Alltag war das alltäglichste Wort, das in meinem Leben nun herumschwirrte.

„Hm“ war wieder meine Antwort. Ja, er hatte völlig Recht. Ja, er war irgendwie interessant. Aber nein, nicht interessant genug, um mich aus meiner Welt zu holen. Er war halt doch nur ein seltsamer Vogel, der mir gegenüber saß. Obwohl ich gerne wüsste, wieso er jeden Tag genau 33 Minuten zu spät kam. „Ich glaube, du brauchst mal Ablenkung“, meinte er nun mit nachdenklicher Stimme, „Nein, wirklich, das Leben hat so viel Spannendes zu bieten. Du musst es nur greifen.“ „Du sagst das so leicht“, murmelte ich abschätzig „Aber wie soll ich denn bitte in eine aufregende Situation kommen? Mein Leben ist nun mal langweilig, daran kann ich nichts ändern, es passiert einfach nie etwas!“ Flo schüttelte leicht seinen Kopf. „Du bist so blöd! Echt, dumm wie Brot! Hast du mir denn gar nicht zugehört? Du musst dir das Abenteuer holen, danach greifen!“ Jetzt wurden seine Augen ganz glänzend, richtig euphorisch. Ich hingegen hatte nur ein kleines Lächeln dafür übrig. So ein naiver Gedanke, das Leben war halt einfach langweilig, oder?

Er musste die Veränderung in meinem Blick bemerkt haben, denn jetzt spannte sich sein ganzer Körper an, jeder der definierten Muskeln. „Ok, du hast doch jetzt Freistunde, oder?“ „Als ob ich schon eine Viertelstunde geschwänzt hätte. Du hast auch nicht viel mehr Intelligenz als eine Walnuss!“, grinste ich ihn an. Ein Kichern. Als ob der jetzt wirklich gekichert hatte! „Was hältst du von einem Deal“, warf er ein. Ich war verwirrt. Es klang auf jeden Fall eine Spur zu zweideutig für meinen Geschmack „Einen Deeaal?!“, wiederholte ich langezogen „Hä“. Er lachte kurz auf, lupfte einmal kurz seine Cap, von der ich sicher war, sie war vorhin noch grün gewesen, nicht rot, und sprach schmunzelnd weiter. „Also, ich hau gleich ab. Und du darfst mitkommen.“ Ich sah vermutlich wie ein Pferd aus, als ich ihm so unverhohlen in die Fresse starrte. Hatte der Typ `ne Schraube locker?! „Ok“ sagte ich gedehnt „Und was genau bringt mir das jetzt?“ Wieder lachte er. Dieses scheiß Lachen. Denn erstens wirkte es sehr herablassend und zweitens…war es irgendwie…. Der Kitsch nahm kein Ende. „Du bist ja süß! Du hast mir doch erzählt, dir wäre so langweilig. Dieses Problem kann ich ganz schnell lösen. Du musst mich heute einfach nur begleiten…“ Er hatte mir immer noch nicht verraten, was er vorhatte. „…Da du aber ein Anfänger bist, mich deshalb behindern wirst, will ich auch eine Gegenleistung“

Natürlich! Er wollte irgendwas von mir. Aber was? Was zum Teufel könnte dieser Typ von mir wollen?! „Und was genau soll das sein?“ Ich fuhr mir durch die Haare. Herrje, ich wollte doch einfach nur lernen…. „Naja…“, fuhr er fort „Einen kleinen Gefallen.“ Beim ‚kleinen‘ rutschte seine Stimme merkwürdig hoch. Und in der Sekunde, in der ich sein selbstgefälliges Grinsen bemerkte, wurde mir klar, dass das nicht gut ausgehen würde. „Welchen Gefallen?“ Man konnte meiner Stimme anhören, dass ich schon beinahe überzeugt war. Und ich konnte seinem Gesicht ersehen, dass er das genauso gut wusste, wie ich. „Daas…“, wieder rutschte seine Stimme eine Oktave nach oben „wirst du bald genug erfahren. Also, kommst du mit?“

Die Putzfrau, die bis eben noch neben uns gewischt hatte, lief jetzt zurück zum Putzmittelraum und ließ fröhlich summend ihren Schlüssel pendeln.

Es musste ein Moment geistiger Umnachtung gewesen sein, doch wie aus einem Paralleluniversum hörte ich meine Stimme „Aber ich bin zum Unterricht wieder da“ rufen. Den ermahnenden Unterton in meiner Stimme auslachend, griff Flo meinen Arm, zog mich vom Stuhl und raus aus der Tür. Die Kälte draußen erschlug mich beinahe, schließlich war es schon Ende November, während ich mich zwei Dinge fragte. War das nun ein Ja? , und wieso kribbelte mein Handgelenk jetzt so warm?



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Hi ;)

Das ist es auch schon, das erste Kapitel. Ganz nach Tradition um vier Uhr nachts xD.
Tja, grau, grün oder doch rot? Werden wir es jemals erfahren?
Oder wird der unterschwellige Kitsch auf Metaebene die Protagonisten nicht doch vorher zum Kotzen bringen?

Reviews sind immer herzlich willkommen!

LG
Eli <3
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