Zweifeln tun wir ein Leben lang

GeschichteRomanze, Freundschaft / P18
Ian Gallagher OC (Own Character)
31.01.2018
21.02.2018
29
42975
2
Alle Kapitel
10 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
Wenn ich heute auf der Veranda, vor unserem Haus, sitze und das Geschehen auf der Straße vor mir beobachte, so denke ich oft an den Zeitpunkt zurück, an dem ich mit meinem Großonkel hier saß. Mein Vater hatte mir gerade erzählt, dass meine Mum schwer krank sei und nur noch ein paar Monate zu leben hatte. Damals war ich gerade einmal sieben Jahre alt gewesen. Ich war vom Sofa aufgestanden und hinaus gegangen, nur um mich hier, auf die hölzernen, weißen Stufen, fallen zu lassen. Weinend saß ich dort, während meine Welt in einem Scherbenhaufen lag. Ich erinnere mich daran, dass mein Großonkel zu diesem Zeitpunkt bei uns zu Besuch war – mein Lieblingsmensch aus meiner ganzen Familie (nach meinem älteren Bruder natürlich). Er kam nach einer Weile zu mir hinaus und setzte sich einfach neben mich. Stillschweigend, ohne ein Wort zu sagen. Wir saßen einfach so nebeneinander und starrten auf die leblose, düstere Straße, während prasselnder Regen vor uns auf den grauen Asphalt fiel. Nicht mehr ganz genau weiß ich, wie wir mit einem Gespräch begonnen hatten oder worüber wir redeten. Aber an eine Stelle kann ich mich heute noch so genau erinnern, als wäre es erst fünf Minuten her gewesen: Mein Großonkel blickte auf die nasse Straße und hatte seine knochigen Finger ineinandergefaltet. Sein weißes, flusiges Haar wehte leicht im Wind. Er seufzte und sagte: „Weißt du, Cynthia, wir zweifeln ein Leben lang. Es gehört einfach zum Leben dazu – ein jeder Mensch zweifelt, das gehört zur Menschlichkeit.“. Früher hatte ich nicht verstanden, was das zu bedeuten hatte. Wieso sollte man zweifeln, wenn man doch schon eine Meinung zu einer Sache hatte? Schließlich war man doch aus reifer Überlegung oder aus Erfahrung zu dieser Position gelangt! Aber damals – mit meinen sechszehn Jahren – wusste ich es schließlich besser. Ich war nicht erwachsen – das weiß ich wiederum heute – aber dachte, schon alles über mich und die ganze Welt zu wissen. Fast alles, wie ich herausfinden sollte.
Vor einigen Wochen war ich gerade sechszehn geworden. Ich blickte auf die sonnige Straße, die durch die drückende Hitze zu flimmern begann. Die heiße, stechende Sonne brannte auf Chicago schon seit Tagen. Es war der heißeste Sommer seit dreißig Jahren, so sagte man. Niemals hätten wir Einwohner gedacht, einmal den Regen zu vermissen. Langsam wurde diese ständige Hitze wirklich zu viel. Die Luft war drückend, die Motivation für jegliche Unternehmungen dahin und den Pflanzen schadete die heiße Atmosphäre ebenfalls. Auf den Straßen war dementsprechend nicht viel los. Die meisten versteckten sich zu Hause vor ihren Klimaanlagen oder suchten an Seen oder in Freibädern nach Abkühlung. Mein verschwitzter Körper sehnte sich nach einer kühlen Brise. Notdürftig versuchte ich mir mit meiner flachen Hand etwas Luft zuzufächern, doch wirklich viel bringen tat es nicht.
Mein Blick fiel nach rechts. Schräg gegenüber von meinem Haus befand sich das Haus der Großfamilie Gallaghers, in der mein bester Freund Ian Gallagher lebte. Seit Kindertagen kannten wir uns. Kennengelernt hatten wir uns am ersten Tag in der Vorschule und waren seitdem beste Freunde. Ich mochte diesen rothaarigen, sommersprossigen Kerl mit seinen großen, grünen Augen und der kleinen Stupsnase mehr als alle anderen Personen auf dieser Welt. Na ja, außer vielleicht meinen Großonkel und meinen Bruder, aber mit denen war ich ja auch verwandt. Ian hatte ich mir ja ausgesucht.
Hinter mir ging die hölzerne Haustür auf. Das riss mich unsanft aus meinen Gedanken. Kurz hörte ich Schritte auf der Veranda und bemerkte dann, wie jemand die Stufen neben mir herunterstieg. Es war Dale – mein neunzehnjähriger Bruder. Äußerlich glichen wir uns deutlich. Beide hatten wir die dunkelblonden Haare, die hellblauen Augen und die gerade Nase von unserem Vater geerbt. Wir waren beide schlank – nur war Dale natürlich durchaus muskulöser als ich. Das aber Verrückteste war, dass wir beide einen identischen, ovalen Leberfleck auf dem Hals hatten.
  „Wohin gehst du?“, fragte ich Dale, als er unten angekommen war und die Straße hinunterlaufen wollte.
Der Lockenkopf drehte sich um. In seinem Gesicht war ein wissendes Lächeln zu sehen: „Zu Mandy.“, erklärte er, was mich mit den Augen rollen ließ.
Mandy Milkovich war Dales Auserwählte für eine seiner “Bettgeschichten“. Ich wusste, dass Mandy mehr von ihm wollte, doch das interessierte Dale nicht. Er wollte nur seinen Spaß mit ihr haben – nicht mehr und nicht weniger. Die Paradoxie war allerdings, dass er selbst womöglich jeden umgebracht hätte, der mich in dieser Art und Weise behandelt hätte. Eben war er in dieser Beziehung der beschützende, große Bruder. Ein ebenso beschützender, großer Bruder war allerdings auch Mickey Milkovich, der große Bruder von Mandy, weshalb es die beiden kaum eine Woche aushielten, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen. Dale hatte immer noch ein Veilchen wegen der letzten Schlägerei mit Mickey.
  „Ist Mickey wieder für ein paar Stunden weg?“, fragte ich, da ich mich daran erinnerte, Dale sagen gehört zu haben, dass die beiden sich künftig nur noch trafen, wenn Mickey nicht da war. Natürlich durchkreuzten “Überraschungsbesuche“ des hitzköpfigen Schwarzhaarigen oftmals deren Pläne. Aber das war ja nicht mein Problem.
  „Jup.“, entgegnete Dale breit grinsend und hob zum Abschied die Hand. „Bis später.“, meinte er und joggte dann fröhlich die Straße entlang.
Ich sah ihm hinterher und fragte mich, ob er es überhaupt bis zu dem Haus der Milkovichs schaffte, wenn er bei der Hitze so weiter joggte. Wahrscheinlich würde er nach einem Block einfach umfallen und liegen bleiben. Kopfschüttelnd wandte ich mich von ihm ab und blickte wieder zum Hause Gallaghers.
Das Haus war ganz still – beinahe so, als ob niemand darin leben würde. Aus Erfahrung konnte ich aber sagen, dass im Normalfall das Gegenteil der Fall war. Ständig war das Haus unter Strom, aber was konnte man bei einer Großfamilie schon erwarten? Ich kannte derartige Familienverhältnisse nicht. Meine Familie war klein. Sie war auch nicht so “abgefuckt“ wie die der Gallaghers. Sie bezeichneten sich selbst so, also war es legitim dieses Wort zur Beschreibung dieses wirren Haufens zu verwenden. Aber obwohl sie so chaotisch waren, waren sie auch liebenswürdig. Vielleicht lag es auch gerade an dieser Verrücktheit, die sie so liebenswürdig machte? Sie waren eben etwas ganz besonderes.
Plötzlich zerbrach ein strenger, wütender Schrei die sommerliche Stille: „Caaaaaaarl!“, hörte man Fiona Gallaghers Stimme aus dem Hause Gallaghers brüllen, das vor ein paar Sekunden noch so friedlich dagestanden hatte. Man hörte aus dem Haus wildes Glaszerspringen und eine ebenso fluchende Fiona.
Ich schüttelte mit dem Kopf. Was hatte Carl Gallagher nun wieder angestellt? Ich bewunderte Fiona – die Älteste unter den Gallagher-Geschwistern. Wie sie ihre Rolle als Mutter einnehmen konnte und sich um alle Familienmitglieder (einschließlich ihren Vater) kümmerte, brachte ihr großes Lob ein. Es brauchte schon ein hohes Maß an Durchhaltevermögen, um nicht bei dieser Familie durchzudrehen. Hätte ich ihren Platz einnehmen müssen, so wäre ich schon nach den ersten drei Tagen in der Psychatrie gelandet. Doch Fiona tat dies schon seit Jahren. Seit sie ein kleines Mädchen war. Womöglich war es einfach Gewohnheitssache.
Plötzlich ging die weiße Haustür der Gallaghers auf. Schon von Weitem erkannte ich den müde-wirkenden Rotschopf, der kopfschüttelnd die Tür hinter sich schloss und die paar Stufen der Veranda hinunterstieg. Während er seinen Weg Richtung meines Hauses fortsetzte, fuhr er sich einmal durch seine Haare. Ein paar seiner roten Haarsträhnen fielen ihm wieder in die Stirn. Durch die längeren, nach hinten liegenden Haare sah er erwachsener und reifer aus. Mir gefiel es. Was mir allerdings weniger gefiel, war sein müder und beinahe trauriger Blick. Er wirkte antriebslos. Vielleicht unterlag er wieder der depressiven Phase? Bei ihm wurde nämlich eine bipolare Störung festgestellt – etwas, woran seine Mutter schon gelitten hatte.
  „Hey.“, begrüßte ich ihn mit einem milden Lächeln.
Ian sagte nichts, zog seine Mundwinkel nur halbherzig nach oben und nickte mir einfach zu, als er schließlich vor der Treppe stehen blieb und unschlüssig seine Hände in Taschen seiner grauen Jogginghose schob. Dazu trug er ein schwarzes Tanktop und schwarze Turnschuhe. Heute war wohl der lässige Style angesagt.
  „Wie geht’s?“, fragte ich ihn und hob meine flache Hand, um meine Augen vor der Sonne zu schützen, damit ich dem Rothaarigen in seine grüne Augen blicken konnte.
  „Ich bin okay.“, meinte er. Allerdings sah er nicht so aus. Aber ich nickte.
  „Was hat Carl wieder angestellt?“, harkte ich weiter nach.
  „Frag nicht.“, entgegnete Ian knapp und schüttelte mit dem Kopf.
Oh man, dachte ich. Lange war seine depressive Phase nicht mehr so schlimm gewesen. Ich vermisste den alten Ian – meinen alten Ian. Doch ich wusste, dass ich ihn trotz seiner Erkrankung niemals im Stich lassen würde. Er hätte es auch nicht getan, wenn es anders herum gewesen wäre – das wusste ich zu einhundert Prozent. Zudem versprachen die Tabletten, die er künftig nehmen sollte, Besserung.
  „Wollen wir ein wenig herumlaufen?“, fragte ich meinen besten Freund, woraufhin er nickte. Ich erhob mich von den Stufen und klopfte mir den Dreck von meiner kurzen Jeansshorts. „Na dann.“, meinte ich. „Gehen wir.“.
Review schreiben