Vertrau mir !!

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18
30.01.2018
09.02.2018
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Ich rannte im Zickzack durch das Dorf. Die Strassen waren voller Leute. Hinter mir hörte ich immer noch seine Rufe. „Haltet diese Göre, dieses Miststück hat mich bestohlen!“ Meine Güte, der wollte nicht locker lassen. Obwohl er ein Fass auf zwei Beinen war, konnte er sich noch gut bewegen. Aber wenn man genauer hinschaute, schnaufte er, hatte Seitenstechen und der Schweiß rann ihm die Stirn herunter.

   

   Ich tauchte in einer dunklen Gasse unter und presste mich an die Wand. Ich atmete tief ein und aus und versuchte, mich zu beruhigen. Das Fass blieb stehen. Er hatte mich wohl aus den Augen verloren.

   

   „Na warte, wenn ich dich verdammte Göre kriege, fahre ich mit dir Schlitten!“, schrie er und drehte sich wutentbrannt um, um zu seinem Stand zurück zu gehen.

   

   „Alter Geizkragen! Der Apfel, den ich geklaut habe, war schon angefault! Und der verlangt dafür noch Geld!“, zischte ich und schnaufte genervt.

   

   So, ihr wollt jetzt bestimmt wissen, wer ich bin, oder?

   

   Ich heiße Tina, bin zwölf Jahre alt, habe graublaue Augen und braune, kurze Haare. Ich mag meine Haarfarbe nicht, ich finde sie zu langweilig. Zur Zeit trage ich ein weißgraues, und ein bisschen zu großes, Shirt und eine kurze, blaue Hose.

   

   Ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen. Keiner wollte mir sagen, wer mich abgab. Einmal lauschte ich und hörte, wie sie sagten, dass es ein junger Mann war, den sie später als Bastard beschimpften.

   

   Bastard und Abschaum nannte uns die Heimleitung immer. Die Pfleger, die dort arbeiteten, waren alles andere als freundlich zu uns. Das liessen sie uns immer wieder spüren. Ein Stück trockenes Brot und ein Glas Wasser, das war alles, was wir bekamen.

   

   Als ich abgeben wurde, war ich vier Jahre alt. Ein paar junge Männer, die schon Achtzehn waren, wohnten auch dort. Sie beschützten mich sogar vor der Heimleitung, indem sie immer wieder sagten, sie wüssten nicht, wo ich war, wenn sie fragten, wo ich denn sei. Die Jungs lebten schon von Klein auf bei ihnen, und obwohl sie jetzt älter waren, wussten sie nicht wohin.

   

   Ich erfuhr, als ich bereits abgehauen war, warum sie es machten. Vor mir gab es auch mal ein Mädchen im Waisenhaus. Auch sie war lieb und hübsch. Dann kam das Unglück in Form von Himmelsdrachenmenschen. Man kuschte vor ihnen, weil sie ja so was von besser waren. Wer's glaubt!

   

   Sie entdeckten Lia – so hieß das Mädchen – und kauften sie. Ja, ihr habt richtig verstanden, sie verkauften sie als Sklavin. Die Jungs meinten, sie könnten noch immer ihre Schreie hören, als man sie wegschleppte.

   

   Auch die Pfleger hingen mir an der Backe.Da ich den Pflegern noch zu jung war, nahmen sie sich die Jungs vor. Es war ihnen egal, ob sie wollten oder nicht. Sie waren Abschaum, und niemand wollte sie. Sie verbrachten ihre ganze Freizeit damit, um sich mit den Bälgern zu beschäftigen, später dann auf ihre Weise.

   

   John, so hieß einer der Jungen, blieb immer bei mir, um mich an sich zu drücken, wenn die Schreie der Jungs erklangen. Ich wollte es nie wissen, sie sagten mir auch nicht, was mit ihnen geschah. Nur, dass sie nie richtig sitzen konnten und blaue Abdrücke hatten. Ich war zwar jung, aber nicht dumm, und begriff schnell, dass sich die Pfleger und die Heimleitung an den Jungs vergriffen.

   

   Sie meinten, um den Stress, den sie mit den Gören hatten, abzubauen.

   

   Als ich sie anblickte, wussten die Jungs, dass ich es wusste. John nahm mich eines Tages in den Arm und meinte: „Tina, wenn du neun oder zehn Jahre alt bist, dann hau ab von hier! Wir kommen dann nach. Wir leben dann zwar im Wald und müssen stehlen, aber wir sind dann frei!“ Ich konnte nur nicken.

   

   Aber wie es das Schicksal so wollte, kam es nie dazu. Eines nachts holten sie alle Jungs. Mich sperrten sie in meinem Zimmer ein, damit ich nicht floh oder half. Aber ich war ein kleines Mädchen, wem konnte ich schon helfen? Richtig, niemandem! Also kletterte ich auf Johns Bett und drückte sein Kissen an mich.

   

   Derweil im Keller

   

   John, Joel und die anderen Jungs spannten sich an. Sie wurden wieder in den Keller geführt, sie wussten, was ihnen blühte, aber zum Glück war Tina nicht mit dabei. Jeder Pfleger bekam einen der Jungs und machte das, was sie immer machten.

   

   John bekam immer den Heimleiter, da er Tina immer beschützte. Er war so etwas wie der Anführer. Daher bekam er immer die ganze Wut und die Brutalität des Heimleiters zu spüren.

   

   John war zwar achtzehn Jahre alt, doch die Brutalität des Heimleiters war zu viel für ihn. Dem Heimleiter gefielen seine Schreie so sehr, dass er immer schneller, härter und brutaler wurde. Er verlor sogar Blut! Auch die anderen Pfleger animierten diese Schreie und sie machten sich daran, ihre Jungs zu verwöhnen.

   

   Aber dieses mal hatte der Heimleiter übertrieben. Dadurch, dass John seine Größe nicht gewöhnt war und er immer brutaler in ihn stieß, verletzte er eine Ader, und somit verlor John zu viel Blut. Als der Heimleiter in ihm kam, schaute John seine Freunde und gleichzeitig Brüder an, dachte an seine kleine Schwester, lächelte schwach und schloss die Augen.

   

   Als der Heimleiter merkte, das John tot war, grunzte er. Nun, er hatte ja seinen Spaß. Da er keine Leiche haben wollte, zündete er sie an.

   

   Sie zerrten die Jungs wieder ins zimmer und schmießen Verbandszeug hinterher, damit Tina sich um ihre Wunden kümmern konnte. Tina, die hörte, wie die Tür aufgeschlossen wurde und ihre Freunde hinein geworfen wurden, erschrak. Sie sahen grauenhaft aus! Sie kletterte schnell vom Bett und fing an, sie zu verarzten. Dabei schaute sie sich um. Die Jungs konnten sich schon denken, nach wem sie suchte.

   

   „Joel, wo ist John?“, fragte Tina leicht ängstlich. Als sie sah, wie sie die Köpfe schüttelten, fing sie an zu weinen.

   

   „Tina, sag mal. Wann hast du eigentlich Geburtstag?“, erkundigte Joel sich schwach. „Im Dezember, warum?“, gab ich ängstlich Auskunft.

   

   „Na ja, John meinte doch, wenn du neun oder zehn Jahre alt bist, hauen wir ab, oder?“, fragte Raul. Ich nickte nur.

   

   Das Ganze ist jetzt zwei Jahre her. Als ich zehn Jahre alt wurde, halfen mir die Jungs, abzuhauen. Aber die Pfleger machten ihnen einen Strich durch die Rechnung. Gerade, als ich draußen war und auf die Anderen wartete, ertönten Schüsse. Ich wusste, was das bedeutete. Sie hatten sie umgebracht!

   

   Vor lauter Wut zündete ich das Waisenhaus an. Das wollten wir gemeinsam machen, aber jetzt war ich alleine. Was ich aber damals nicht wusste, der Heimleiter konnte fliehen.

   

   Als ich meinen Apfel verputzt hatte, ging ich an die Stelle, an der das Waisenhaus stand und betete für meine Freunde. Oder wie ich sie auch nannte, Brüder. Denn das waren sie für mich. Während ich so kniete und an diese schreckliche Zeit dachte, merkte ich nicht, dass ich beobachtet wurde.

   

   Es war der Heimleiter. Er hatte Verbrennungen im Gesicht erhalten, aber sie hatten diese anderen Bälger getötet. Er wollte sie schon damals für sich haben, aber das bekamen diese Rotzgören mit und verhalfen ihr zur Flucht!

   

   Da die anderen Pfleger auch auf sie heiß waren und sie ein schönes Spielzeug war, erlaubte ich ihnen, sie auch nehmen zu dürfen.

   

   Sie töteten die Jungs und gerade, als alles vorbei war, zündete sie das Haus an. Diese Bälger hatten das geplant! Nur er kam raus. Und warum sich an etwas halten? Er erschoss seine Leute und rettete sich ins Freie, mit ein paar Verbrennungen im Gesicht.

   

   Diese Göre, wenn sie dachte, er wäre auch tot und sie wäre sicher, hatte sie sich geirrt!