Dont you worry child

GeschichteRomanze / P18
Florian David Fitz OC (Own Character)
30.01.2018
10.10.2019
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„I wanna know you name!” Die Show war fantastisch. Es fühlte sich an, als würden wir alle uns in einem anderen Raum-Zeit-Kontinuum befinden. Doch die Musik endete, die Lichter, Scheinwerfer und Lichtbalken konzentrierten sich nach vorn.
„Ist es rum?“, schrie Florian zu uns rüber, doch Jan und ich schüttelten den Kopf.
„Die beiden wichtigsten Lieder wurden noch gar nicht gespielt!“, rief ich entsetzt und Jan nickte. „Da kommt noch was!“ Er sah sich etwas hektisch um, dann nahm er meine Hand. „Mina, wir müssen weiter nach vorn!“ „Was?!“, brüllte Florian über die Menge hinweg, die auf Schwedisch „Zugabe!“ rief. „Wir gehen nach vorn, wir müssen das tun, wir müssen das erleben!“, antwortete Jan in gleicher Lautstärke und begann sich den Weg nach vorn freizumachen – mit Ellenbogeneinsatz und schlangenartigen Bewegungen um Menschen herum. Ich blickte nach hinten zu Florian und Anna, doch schon nach drei Metern verlor ich sie in der Menschenmasse aus den Augen.
„Miami…“, hallte die Stimme von Axwell durch die Nacht, „Miami… I have one question… Are you ready to save the world one last time?“
Die Masse, stolze 75.000 Zuhörer, schrie begeistert.
Jan bahnte sich unaufhörlich den Weg nach vorn, hielt meine Hand fest umklammert. Gut 15 Meter vor der Bühne blieb er stehen und schob, wenn auch wahrscheinlich etwas grob, zwei Jungs weg, die nicht älter als 18 sein durften. „Hey Man!“ „Get out of my way bitches! I've known the Swedish House Mafia since before you even knew what House even is. So this is my legal place!” Die beiden schauten bedröppelt durch ihre bunten Sonnenbrillen, dann machten sie etwas mehr Platz.

‚Save the world‘ war eines der besten Lieder der Swedish House Mafia. Und es passte wie die Faust aufs Auge zu diesem Abschluss. Doch ein Lied fehlte. Jans und meine Hymne des Lebens. Die Lichter spielten verrückt, Axwell, Ingrosso und Angello sprangen ebenfalls auf ihrem Pult herum, winkten, lachten und freuten sich an dieser großen, letzten Party.
Doch ihr Lachen hatte etwas Trauriges. Für uns endete eine Musik-und-Band-Ära. Für sie endete ein großes Kapitel in ihrem Leben. Und vor allem endete an diesem Punkt ihre Freundschaft. „We realized that we aren´t friends anymore.“ hatten sie kürzlich traurig in einem Radiointerview zugegeben. Die Gründe waren zahlreich, doch der triftigste war der, dass der Erfolg ihrer Band sie auseinandergebracht hatte – sie hatten als Freunde angefangen, die Spaß an dieser neuen Art von Musik hatten, die feiern und Spaß haben wollten. Doch je erfolgreicher sie wurden, desto mehr lebten sie sich menschlich auseinander.
Ich sah zu Jan herüber.
Es wurde ruhig.
„Miami… We came, we raved, we loved! Please, never forget that! And never forget: Heaven has got a plan for you!”
Die uns nur zu gut bekannten Takte begannen zu spielen.

„There was a time… I used to look into my fathers eyes… In a happy home, I was a king I had a gold throne - Those days are gone, now the memories are on the wall I hear the sounds from the places where I was born”
Ich bekam Gänsehaut am ganzen Körper und schloss für einen Moment meine Augen.

„Hey, warte mal!“
Verdutzt drehte ich mich um. Ein Junge in meinem Alter kam auf mich zu. Großgewachsen und schlank, braunes Wuschelhaar, dunkelblaue Augen, eine schwarze Regenjacke, dunkelblaue Jeans und um die Mundwinkel ein verschmitztes Grinsen. „Du siehst aus, als müsstest du auch in so eine grässliche Institution, die sich Schule nennt.“, sprach er locker, als er zu mir aufgeschlossen hatte. „Da dachte ich mir, ich schließe mich mal dem morgendlichen Leidensweg an.“ Seine Stimme klang schon recht erwachsen, von Stimmbruch war nicht mehr viel zu hören, was mit geschätzten 15 Jahren doch eine Leistung war. „Du kennst den Weg bestimmt nicht.“, grummelte ich und ging weiter. „Eine bodenlose Unterstellung für das männliche Ego und dessen super Orientierungssinn, in meinem Fall allerdings hier und heute zutreffend.“, antwortete er lässig und grinste zu mir herüber. „Ha, ich hab Recht.“, triumphierte ich, sah aber nicht herüber. „Um dich aber gleich vorzuwarnen: Wir laufen noch eine Weile zur Bushaltestelle und müssen dann zehn Minuten Bus fahren. Und dann sind wir erst da. Jeden Morgen 30 Minuten. Und mittags dann auch.“
„Hm, ich sehe schon, hier gibt es deutliches Potential nach oben, was Infrastruktur betrifft.“ „Was hast du erwartet?“, entgegnete ich irritiert und er zuckte mit den Achseln. „Weiß nicht. Jedenfalls kotzt mich das jetzt schon an. Ist im Winter sicherlich auch rutschig hier.“
„Jap. Aber wenn es dich so ankotzt, wieso bist du dann hier? Andere zahlen viel Geld, sowas zu sehen.“
„Und genau da liegt der springende Punkt: Die zahlen Geld dafür. Ich wurde zwangsweise hierher verfrachtet.“, erklärte er und hob in Erklärer-Manier den Zeigefinger.
Ich zog die Augenbrauen zusammen. „Du bist ein komischer Kauz.“ Er grinste wieder herüber. „Und du bist so bierernst. Aber ich weiß jetzt schon, dass wir uns verstehen werden. Ich bin Jan Michels.“ Ich musste einseitig den Mund verziehen. Er war zwar irgendwie komisch, aber in einer Weise, die interessant war. „Mina Hauk.“

„Up on the hill across the blue lake, That's where I had my first heart break I still remember how it all changed”
„Liebe ist scheiße.“
„Liebe ist schmerzhaft.“
„Liebe ist scheiße.“
„Liebe ist aber auch erfüllend.“
„Liebe ist scheiße.“
„Liebe kann so vieles sein…“
„Liebe ist scheiße.“
„Wärme und Trost spendend…“
„Liebe ist scheiße.“
„Natürlich auch aufbrausend und wild, leidenschaftlich und zärtlich…“
„Liebe ist scheiße.“
„Es gibt so viele Formen der Liebe…“
„Liebe ist scheiße.“
„Manche verspüren die Liebe zu einem besonderen Menschen, andere zu ihrem Haustier. Oder zu Geld…“
„Sag mal hörst du mir eigentlich zu?“, stellte ich die Frage an Jan, der an der Wodka-Flasche nippte. „Naja, dass Liebe scheiße ist, ist nach einer Trennung nix neues, da muss ich nicht zuhören.“ „Jan! Du nimmst mich nicht ernst!“ „Doch, tue ich. Aber manchmal muss man einfach akzeptieren, wie es ist. Und was man dabei fühlt. Das ist okay. Aber Liebe per se ist nicht scheiße. Es ist immer das, was du draus machst.“ Ich griff mir die Wodka-Flasche und trank ebenfalls wieder einen Schluck. Jan rülpste. „Wo sind wir eigentlich nochmal?“, fragte er mit Blick aufs das uns entgegenleuchtende Tal vor uns. Über uns strahlten die Sterne. „Aufm Kandel.“, gab ich sachlich von mir und Jan verzog den Mund. „OK, das ist zu weit, um nach Hause zu laufen. Und ich bin zu betrunken zum Autofahren.“ „Und ich erst.“
In dieser ersten Nacht, in der ich mit Liebeskummer umzugehen hatte, schlief ich mit Jan auf einer Bank in einem kleinen Aussichtshäuschen auf dem Kandel.

“My father said
Don't you worry, don't you worry child
See heaven's got a plan for you
Don't you worry, don't you worry now…”
Jan sah mich an. Ich versuchte ein Lächeln. „Ich habe Angst Mina.“
„Die schnippeln ein bisschen an deinem Hoden rum, der Rest bleibt so, wie du es kennst.“, witzelte ich, doch er blieb weiterhin ernst.
„Was ist, wenn es Komplikationen gibt und ich inkontinent werde? Oder gar keinen mehr hochkriege? Oder beides? Oder ich eine künstliche Blase und Ausgang brauche? Oder einen Krankenhauskeim abbekomme und hier nie wieder rauskomme? München hatte doch keine Ebola-Patienten, oder?“ „Hey, ruhig Blut.“, beruhigte ich ihn und griff seine Hand. Sie war schweißig und dennoch kalt. „Du musst das mal anders betrachten: Wäre ganz schön unfair, wenn du schon unfruchtbar bist und einen blöde genetische Disposition hast und dann noch einen Krankenhauskeim abbekommen würdest. So unfair ist keiner, zumindest nicht zu dir. Ist ja schon unfair der Welt gegenüber, dass du dich nicht fortpflanzen kannst. Die ganzen Samenbanken und Frauen dieser Welt heulen gerade um deine guten Gene.“ Ich war recht schlecht darin, jemanden aufzumuntern. Jan war darin viel besser, daher stellte ich ihm die Frage: „Was würdest du mir sagen, wenn ich an deiner Stelle wäre?“
„Dass du dich wie eine Pussy anhörst und Florian ein Idiot wäre, wenn er dich trotz allem nicht weiterhin lieben würde und dass Fruchtbarkeit nicht den Menschen definiert. Und dass du immer noch mich hast und wir beide im Altenheim die Zivis ärgern wollen und du deswegen nicht vorzeitig an irgendwas abkratzen oder verzweifeln darfst. Das wichtigste ist aber, dass du dich an mir festhältst, weil das alles ist, was bleibt.“
Ich lächelte und zog die Nase hoch. „Siehste. Und ein Lied hast du auch noch zitiert.“ „Ich bin einfach toll.“, grinste Jan traurig und sah einer Schwester zu, wie sie mit einer Spritze näher kam. „So Herr Michels, es geht los.“ Er nickte und das Narkosemittel wurde gespritzt. „Sind Sie die Freundin?“, fragte mich die Schwester freundlich und noch bevor ich widersprechen konnte, antwortete Jan für mich: „Nein, viel besser: Meine Lebenspartnerin. Aber rein platonisch. Fürs amouröse kennen wir uns zu gut, aber genau das ist gut so.“
Er lächelte und seine Augen wurden schwer. Ich verstärkte den Druck um seine Hand. „Ich bin da, wenn du aufwachst. Halt dich an mir fest, weil das alles ist, was bleibt.“ Mit einem müden Lächeln sank Jan in die Narkose.

“Don't you worry, don't you worry child
See heaven's got a plan for you
Don't you worry, don't you worry now”
Wieder im Hier und Jetzt sah ich zu Jan herüber, der auch mich in diesem Augenblick ansah. Wir mussten nichts sagen um zu wissen, was der andere gerade dachte und fühlte. Doch unsere Hände fanden zusammen und wir verschränkten sie einander. Wir lächelten und hüpften.
Und wir weinten.
Wir weinten um all die traurigen Momente, die wir gemeinsam überwunden hatten. Weinten um all die schönen Momente, die wir erlebt hatten. Weinten um das, was bald anders sein würde. Weinten, weil dieser Moment nur uns gehörte und für immer in unseren Köpfen eingebrannt bleiben sollte.
“Don't you worry, don't you worry child
See heaven's got a plan for you
Don't you worry, don't you worry now… Yeah! Oh-oh-oh, oh-oh-oh-oh - yeah!”
Mit einem Mal war alles leise und dunkel. Die Musik war verstummt, die Lichter erloschen.
Zurück blieben 75.000 Fans in vollkommender Stille, die so unwirklich erschien, da es bis vor wenigen Augenblicken noch dröhnend laut und grell-hell gewesen war. Und nun: Dunkelheit. Stille. Es dauerte einige Momente, dann hörte man einige schreien. Manche begannen lautstark zu weinen. Andere standen wie wir mit Tränen in den Augen da.

Jans Gesicht war nur Zentimeter von meinem entfernt.
„Ich heirate Florian… Am 20.April. In Ebringen.“
„Und ich ziehe mit Anna zusammen.“, brachte er atemlos heraus und wir lösten uns.
Wir beide atmeten tief ein und aus. „Und jetzt?“, fragte ich und Jan zuckte mit den Achseln. „Ich weiß es nicht. Ich habe gerade das Gefühl, dass sich alles ab diesem Punkt hier ändern wird. Das macht mir Angst, weil ich nicht weiß, wie es uns dabei ergehen wird.“
Doch sein Blick war fest, als er mir wieder in die Augen sah. „Aber ich verspreche dir, hier und heute, dass egal, was das Leben für uns bereithält, wir zusammenhalten. Wir immer, egal wann und wo und wie, für den anderen da sind und kein Mensch, keine Ehe, keine Beziehung, kein Kind, keine Karriere oder was auch immer, ein Grund ist, nicht für den anderen da zu sein. Ich weiß nicht, was mein heavens plan ist. Ich weiß auch nicht, was deiner ist. Aber es ist ziemlich offensichtlich, dass deiner und meiner so stark miteinander verbunden sind, dass vielleicht gerade das der Plan ist. Diesen Menschen zu haben, der immer da ist und an dem man sich immer festhalten kann.“
Vorne auf der Bühne leuchtete die Leinwand auf.
Im Hintergrund begann die Akustik-Version von Don´t you worry child zu spielen. Auf der Leinwand wurde eine Art Dankesschreiben der Swedish House Mafia eingeblendet.
“There was a time, I met a girl of a different kind: We ruled the world I thought I'll never lose her out of sight - We were so young, I think of her now and then, I still hear the songs reminding me of a friend”



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... Bevor es zu Missverständnissen kommt: Jan und Mina haben auf dieser Bank auf dem Kandel übernachtet und ganz harmlos geschlafen. Nichts sexuelles.

Ansonsten freue ich mich sehr über Feedback :)
Bis bald
LG
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