Untote riechen widerlich

von Amaineko
GeschichteHumor, Übernatürlich / P12
29.01.2018
29.01.2018
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Wettbewerb: „Mach was draus! Nr. 4“ von Panayota
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Vorgaben:
Abkürzungen: URW (You are welcome) – GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte)
Zusatzvorgabe: Der Satz „Geh‘ nicht ins Licht“ muss vorkommen.


Untote riechen widerlich

Jacques Moullier würgte. Hielt inne, würgte noch einmal und übergab sich schließlich geräuschvoll in die nächstbeste Ecke. Als er seine eigene Kotze sah, würgte er noch einmal und setzte ein Häubchen gelbroten Magensaft auf die grünbraunen Bröckchen.
Als er wieder aufsah und sein Gesicht im Spiegel erblickte, war sein Mund blutverschmiert und seine Haut totenbleich.
Ein letztes Mal griff Jacques nach seinem Lieblingsduft (Pour un homme von Caron) und hüllte sich damit ein, und das war das letzte, was er roch. Zumindest dachte er das.

Monsieur Jacques, wie seine Bediensteten ihn dank seiner allseits bekannten Güte nennen durften, hatten ihn und sein feines Näschen stets verehrt. Ständig hatte er eines der Dienstmädchen, manchmal auch eine Gruppe von Dienstmädchen, dabei erwischt, wie sie in seinem privaten Bad standen und sich seine Düfte auf die ausgemergelten Handgelenke sprühten. Es hatte ihn wütend und glücklich zugleich gemacht, nichtsdestotrotz hatte er die Weiber sofort aus seinem Bad gescheucht und sie Überstunden schieben lassen. Seine Düfte waren nicht dafür gedacht, auf der unwürdigen Haut von Dienstmädchen verschwendet zu werden; dafür waren sie viel zu exquisit.
Als Monsieur Jacques die Augen öffnete, vermutete er zuerst, dass seine sieben Sinne streikten, denn das vorherrschende Zwielicht strengte seine Augen an, zudem roch es ganz und gar widerlich. Intuitiv hielt er sich mit zwei Finger die Nase zu und schürzte die Lippen, nur fühlten sich seine Finger merkwürdig glitschig an und so fest er sie auch auf seine Nasenflügel presste, der Gestank schien nur noch schlimmer zu werden.
„Regel Nummer eins: Geh' nicht ins Licht“, flüsterte eine Stimme in seinem Kopf.
„Was zum Henker -“ Monsieur Jacques richtete sich in eine sitzende Position auf und erschrak sich beinahe zu Tode, als er jemanden vor sich stehen sah. „Wer sind Sie? Reden Sie!“
Ein hohles Lachen füllte Monsieur Jacques' Ohren, eines, das ihm normalerweise Gänsehaut bereitet hätte, doch nichts passierte. Zur Beruhigung legte er sich die Hand, mit der er sich vorher die Nase zugehalten hatte, auf seine Brust. Irgendetwas fehlte, doch er konnte es nicht benennen.
„Du wills' wissen, wer ich bin?“, nölte der Unbekannte. „Das geht dich gar nix an.“
Das wurde Monsieur Jacques nun endgültig zu bunt. Der Kerl wusste offenbar nicht, wen er vor sich hatte!
„Zügeln Sie Ihre Zunge, oder ich lasse Sie Ihnen entfernen!“
„Hah, das will ich seh'n!“, sagte der Fremde mit seiner monotonen Stimme und lachte. Zumindest vermutete Monsieur Jacques, dass es sich um ein Lachen handelte, denn es erinnerte ihn eher an den Rasenmäher seines unverschämten Gärtners, der es vor kurzem tatsächlich gewagt hatte, um eine Gehaltserhöhung zu bitten. „Weiß nicht', wo du bei mir 'ne Zunge finden wills'.“
„Wie meinen -“
„Hab' sie aufgegessen, sieht man doch wohl. Sind alle Neulinge so hohle Fritten wie du?“
„Wie können Sie es wagen, mich so bezeichnen? Wer sind Sie überhaupt?“
Ein Glucksen ertönte und der unverschämte Kerl schlurfte ein paar Schritte von ihm weg, hin zu einer Tür, die Monsieur Jacques bis dahin nicht bemerkt hatte. „Guck' mich doch an, du Fritte.“
„Mein Name ist nicht Fritte, sondern Jacques Moullier“, wollte Monsieur Jacques eigentlich sagen, doch die Worte blieben ihm im Halse stecken. Als er sein Gegenüber zum ersten Mal richtig sah, beschienen vom fahlen Mondlicht, verstand er endlich, warum es an diesem Ort so bestialisch stank.
„Au revoir, Monsieur Jacques“, röchelte er und sank wieder gen Fußboden.

Caron. Caron. Caron.“
„Was nuschelt der da?“
„Was weiß ich, lass' ihn doch einfach da liegen“, murmelte jemand. Monsieur Jacques beschlich das dumpfe Gefühl, dass er damit gemeint war.
„Wer is' das überhaupt?“, fragte der Erste.
„Neuling“, antwortete der Zweite. „Is' aber ziemlich durch'n Wind, wenn du mich frags'. Oder weiß' du, was Karong is'?“
„Nee.“
Caron. Caron. Alles stinkt. Madeleine, ich will Caron. Sofort!“ Das letzte Wort brüllte er in die Welt hinaus, ohne sich jemals bewusst dazu entschieden zu haben, doch es verlieh ihm neue Kraft und er öffnete die Augen. Hätte er sie bloß geschlossen gehalten, denn nun breitete sich Panik in ihm aus. Wenn die zwei so aussahen, wie sie aussahen (er wollte wirklich wegsehen und konnte den Blick doch nicht lösen), was –
„Bitte sagen Sie mir nicht, dass ich genauso aussehe wie Sie.“
Die beiden starrten sich eine halbe Ewigkeit an, bis sie lauthals in Gelächter ausbrachen.
„'Türlich bis' du'n Untoter, was hast du denn gedacht? Alle Idioten werden Untote, das weiß doch jeder.“
„Lustig, dass alle es wissen und es trotzdem immer wieder Neulinge gibt“, ergänzte der andere und schien das tatsächlich lustig zu finden.
„Ich – ich werde das nicht hinnehmen!“, rief Monsieur Jacques und merkte erst jetzt, dass seine Stimme fast genauso monoton klang wie die der – der beiden vor ihm, wer auch immer sie wirklich waren. „Wo ist hier ein Arzt? Ich verlange, einen Arzt zu sehen! Er soll sofort zu mir kommen, anderenfalls lernt er meinen Anwalt kennen!“
„Anwalt“, flüsterte der eine und setzte ein amüsiertes „Pffft“ hinterher.
„Hey, warte. Pierre war doch mal Anwalt.“
„Wer is' Pierre?“ Der Zombie, der Jacques eine Fritte genannt hatte, kratzte sich am Kopf und sah dabei ziemlich bescheuert aus.
„Na du weiß' schon. Pierre? Der mit den schiefen Schultern und dem fehlenden Knie?“
„Ach, Pierre! Der is' doch ins Licht gegang'n.“ Er schüttelte den Kopf und wandte sich wieder Monsieur Jacques zu. „Wie heiß' du eigentlich?“
Monsieur Jacques hatte es angesichts des gerade stattgefundenen Dialogs die Sprache verschlagen. Das alles konnte nur ein schlechter Traum sein. Er hätte tot sein müssen. Mausetot, so tot wie sein Vater, als der vor Jahrzehnten tragischerweise von einem Zug überrollt worden war. Stattdessen stand er nun mit zwei Zombies mitten im Nirgendwo (wo auch immer das sein mochte) und wurde von faulen Dämpfen erschlagen, statt sich mit seinem heißgeliebten Caron einzuhüllen. Er hob seinen rechten Arm und schnüffelte. Von dem Gestank, der seiner Achselhöhle entfleuchte, wurde ihm speiübel.
„Untote riechen widerlich, wa'? Jetzt sag' schon, wie du heißt!“
Monsieur Jacques hustete kräftig und schlug sich auf die Brust, um ein Würgen zu ersticken. „J-Jacques. Jacques Moullier.“
Die Zombies glotzten ihn an, als hätte er versucht, ihnen ein Steak für ein Filet zu verkaufen.
„Jacques Moullier“, wiederholte er krächzend.
„Ui, 'nen Chuck ham' wir noch nich'!“
„Herzlich willkomm' in Zombietown, Chuck! Und denk' dran, nich' ins Licht geh'n, Chuck!“
Von irgendwoher holten die Zombies ein paar Einmachgläser, schmissen sie auf den Boden und sich selbst gleich hinterher.
„Mach' mit, Chuck!“, riefen sie mit vollgestopften Mündern. „Schmeckt super!“
Wie gerne hätte Monsieur Jacques den beiden erklärt, dass sein Name nicht Chuck lautete und dass sie ihn mal kreuzweise konnten, wie sein Gärtner es ihm nach der Ablehnung seines Gehaltserhöhungsgesuchs entgegengeschleudert hatte. Doch aus irgendeinem Grund roch die glibbrige Gehirnmasse auf dem Boden sehr verlockend (wenn auch nicht so verführerisch wie sein Caron) und wenn er nur so den widerwärtigen Geruch aus seiner Nase bekam, dann sollte es so sein.

*

Fortsetzung folgt... (hoffentlich in der nächsten Runde! ^-^)
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