Eilean Mór

GeschichteÜbernatürlich / P12
29.01.2018
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Mach was draus!, 4. Auflage
Runde 2


Eilean Mór



Das Meer schlägt nun mit einer unnatürlich klingenden ruhigen Regelmäßigkeit an die Klippen der Insel. Ein Beobachter hätte den Takt der brechenden Wellen mitzählen können, es wäre eine einschläfernde und langweilige Beschäftigung gewesen. Doch es gibt keinen Beobachter – niemanden, der sich in einem Boot der Anlegestelle nähert, und auch auf der Insel ist nun niemand mehr. Die Lampe des Leuchtturms brennt nicht.

Noch vor wenigen Stunden war das kleine Zimmer, in dem sich die drei Leuchtturmwärter aufhielten, in warmem Gelb erleuchtet. Im Gegensatz zu den meisten Abenden, die sie hier gemeinsam verbrachten, scharten die drei sich nicht um ein Kartenspiel, führten sie keine entspannten Gespräche. Stattdessen schwiegen sie sich mit verschränkten Armen stumm an, ängstlich, verzweifelt und müde. Die Dämmerung war gerade erst hereingebrochen; bald würden sie die Lampe anzünden müssen, die Schiffe davor bewahrte auf Grund zu laufen. Das war ihre Aufgabe, der sie immer verlässlich nachgegangen waren. Natürlich war es kein einfaches Leben, diese Abgeschiedenheit von der Zivilisation, Tag für Tag nur die selben zwei anderen Gesichter zu sehen. Ganz zu schweigen vom Wetter – man konnte schon froh sein, wenn es tagelang nur nieselte, statt so zu stürmen, dass man sich kaum vor die Tür wagen konnte. Die Sonne war selten zu sehen. Aber dennoch waren die drei auch irgendwie stolz. Was sie taten war wichtig, sie bewahrten Schiffe vor dem Untergang, Menschen vor dem Tod.

Dieser unausgesprochene aber stumm verstandene Stolz auf die Rolle, die sie spielten, hatte es auch verhindert, dass sie in den letzten Tagen dem Drängen der Wellen nachgegeben hatten. Dem Drängen und Drohen der Wellen, denen es nach Opfern verlangte.

Der Beruf machte schweigsam, selbst wenn man ihn nicht alleine ausübte, und wenn man etwas zu erzählen hatte, das die anderen am eigenen Verstand zweifeln lassen könnte, dann umso mehr. Deswegen hatte es eine Weile gedauert, bis sie sich einander geöffnet hatten, bis jeder einzelne den anderen gestanden hatte dass auch er das Wispern, Fauchen und Zischen vernahm, wann immer er sich dem Ufer näherte. Zunächst hatte das Meer es fast schmeichelnd versucht. Mit seiner klatschenden, gleichsam rauen und unangenehm feuchten Stimme hatte es den Wärtern ihren Stolz zugestanden, sogar Bewunderung geäußert, für all das Leben, das sie rettenden. So hatte es begonnen, und auch das war schon beängstigend genug gewesen – die Stimme des Meeres zu hören, die so uralt, tief und tödlich klang, egal, wie sanft sie sprach. Doch dann hatte das Meer deutlich gemacht, dass es von den dreien nicht mehr und nicht weniger verlangte, als das sie ihre Aufgabe niederlegten. Das Meer war hungrig, es sehnte sich nach Schiffen, die an den Klippen zerschellten und dem Schreien und Flehen von Menschen die langsam realisierten dass sie in eiskalten und gnadenlosen Wellen ertrinken würden.

Als die drei Männer sich geweigert hatten, hatte das Meer die Schmeicheleien beendet. Seitdem drohte es, so laut, dass man diese entsetzliche Stimme auch im Turm wahrnahm. Die Stimme, die schreckliche Versprechungen machte – dass die See den Turm hinwegreißen würde und die Männer darin zerfetzen, sollten sie nicht nachgeben. Dass Eilean Mór gereinigt würde von diesem menschlichen Ungeziefer, das den höheren Naturgewalten zu beugen sich weigerte, genauso wie die umliegende See, die wieder nur sich selbst gehören würde.

Es war Zeit geworden, das Leuchtfeuer zu entzünden. Niemand rührte sich. Die Wellen wurden lauter, genauso das Brüllen und Dröhnen der grausamen Stimme. Tom Marshall war es, der sich als erster regte. Mit einem verzweifelten Seufzen sprang er ruckartig auf. Er stürmte zu Tür, fahrig und hastig zog er den Regenmantel und die Gummistiefel über. Auf die entsetzten Blick seiner Kollegen entgegnete er mit einer Stimme, die nahe an hysterischem Weinen war: „Ich kann es nicht mehr ertragen! Das Meer will Reinigung, es soll sie haben. Ich gebe mich den Wellen, unseren reinigenden Wellen.“ Nur für einen Augenblick saßen die anderen stumm da, dann war es Duncat, der es ihm gleichtat, so hastig aufsprang, dass er kurz stolperte. „Unsere reinigenden Wellen, unsere reinigenden Wellen …“ wiederholte er nur stumpf während auch er sich ankleidet. Wie erstarrt blieb MacArthur alleine am Tisch sitzen. Sollte er als einziger übrig bleiben? Den Drohungen standhalten, das Feuer entzünden. Nein, er wird nicht zulassen, dass die anderen beiden einfach aufgeben! Ohne sich noch etwas überzuzuiehen stürmte auch er hinaus.

Schlitternd und rutschend folgte er seinen Freunden zur kleinen Anlegestelle am Westufer, und der Anblick, der sich ihm bot, steigerte seine Panik mehr, als er es noch für möglich gehalten hätte. Ein aus Wellen geformtes Maul öffnete sich vor ihm, wie Geifer tropfte Seewasser herab, und aus dem Zentrum, aus dem das Röhren und Rauschen kommt, schien ein blassweißes Licht, das Marshall schon fast verschlungen hat. Duncat war noch da, lief aber zielstrebig wie ein Schlafwandler auf den Schlund zu. „Geh‘ nicht ins Licht!“ stieß MacArthur heiser hervor, doch dann spürte er es auch. Den unwiderstehlichen Sog, der ein Umkehren unmöglich macht und der auch ihn in sein nasses Grab leitete.


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Vorgaben:
- Bildung einer Phrase aus URW oder GEMA
- Der Satz "Geh' nicht ins Licht!" muss in der Geschichte vorkommen

Anmerkung:
Eilean Mór gibt es wirklich, und es stimmt auch, dass 1900 drei Leuchtturmwärter spurlos verschwanden und das Leuchtfeuer im Turm daraufhin drei Tage nicht brannte. Nachzulesen z.B. im mare-Magazin #119 oder auf diversen Internetseiten, beispielsweise hier.
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