Die Wunderfrage

KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
28.01.2018
28.01.2018
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Und wieder ein Beitrag für das Projekt "Mach was draus #4"
Ziel ist es, einer Abkürzung eine neue Bedeutung zu geben und eine weitere Vorgabe mit in die Geschichte einzubauen. Mein Vorhaben, an meiner Referendariatsgeschichte anzuknüpfen, hat leider nicht geklappt. Darum hier die folgende Kurzgeschichte.
Ein großes Dankeschön an meine Freundin Franzi, die mich mit psychologischem Hintergrundwissen und Gesprächstaktiken versorgt hat, nachdem ich sie aus heiterem Himmel am Sonntagabend damit überfallen habe. Tausend Dank! <3

Vorgaben waren:
Eine neue Bedeutung für die Abkürzung GEMA
Der Satz "Geh nicht ins Licht" soll in der Geschichte vorkommen

Und nun, viel Spaß!


Die Wunderfrage

Es war wie an fast jedem anderen Tag, an dem ich ehrenamtlich bei der GEMA arbeitete. Ich heiße Ela und bin hauptberuflich Psychologin – diese Berufsgruppe ist hier mehr gefragt, als viele vermuten würden. Es vergeht kein Tag, an dem nicht mein Pieper geht und ich zu einem Einsatz gerufen werde. So war es auch an diesem Dienstagabend. Ich saß in meinem Büro und fertigte gerade den Bericht des letzten Einsatzes an, der im Vergleich zu dem, was noch kommen sollte, ein Kinderspiel gewesen ist. Eine alte Dame hatte nach einer unschönen Begegnung mit einer Glasscheibe einen emotionalen Schock erlitten. Die Betreuung solcher Opfer sind zwar wie alle anderen auch ernst zu nehmen, aber doch recht unspektakulär.
Ich saß also in meinem Büro und plötzlich stürzte Tine von der Zentrale mit einem Poltern herein. Mit angespanntem Gesichtsausdruck presste sie hervor: „Ela, lass alles liegen – wir haben einen A5!“ Sofort war ich hellwach. Vergessen war die alte Dame, vergessen war der Bericht. A5 bedeutete, dass eine Selbstmordgefährdung vorlag. Einen A5 gibt es immer wieder, aber jedes Mal hofft man, dass ein anderer Ehrenamtlicher gerade Bereitschaft habe. Die Notfälle der Kategorie A sind immer Vorfälle mit sehr wahrscheinlicher Todesfolge. Während man bei einem A5 den tödlichen Ausgang durch gute psychologische Betreuung noch abwenden kann, kann man bei einem A1 (Brand) oder A2 (Überschwemmung) nur noch versuchen, die Zahl der Toten durch eine Evakuierung einzuschränken.
Ich ließ meine Unterlagen liegen und folgte Tine zu den Einsatzkräften, die mich zum Ort des Geschehens begleiten sollten. Unterwegs klärte sie mich über die Eckdaten des Opfers auf: männlich, mittleren Alters, instabile geistliche Verfassung aufgrund einer schweren Depression. Innerlich bereitete ich mich auf das Gespräch mit dem Patienten vor. Beim Hinweis „depressiv“ klingelten alle Alarmglocken, die ich im Lauf meines Berufes angesammelt hatte. Depressive Patienten erfüllt eine allumfassende Hoffnungslosigkeit: in Bezug auf sich selbst, auf die Welt und auf die Zukunft – die berühmte kognitive Triade der Depression. Jegliche Lockmittel, mit denen man hofft, den Patienten vom Suizid abzubringen, würden ins Gegenteil schlagen und sich ihrem negativen Gedankenkarussell anschließen. Ich wägte in Gedanken ab, welche Gesprächstaktik am sinnvollsten wäre. Die „Foot in the door“-Taktik war bisher immer sehr erfolgreich. Die „Door in the face“-Taktik konnte auch vielversprechend sein, ging aber genauso oft in die Hose. Ich beschloss, mich intuitiv zu entscheiden – je nachdem wie der Patient auf mich wirken sollte. Meine Gedanken waren so mit dem bevorstehenden Fall beschäftigt, dass der Weg zum Einsatzort wie im Flug verging.
Schaulustige hatten sich – wie immer – um den Ort des Geschehens versammelt und wurden mit Mühe von den Einsatzkräften zurückgehalten. Es ging ein starker Wind, so wurde das dumme Geschwätz der Gaffer zum Glück nicht bis zum Selbstmordgefährdeten getragen. Dieser war nur eine Armlänge von der Brüstung entfernt, die das einzige war, das ihn vom sicheren Tod trennte. Langsam näherte ich mich ihm. Er schien mich nicht zu bemerken, starrte nur stur geradeaus. Vorsichtig räusperte ich mich, um seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Es funktionierte, denn wie in Trance drehte er seinen Kopf zu mir. Mein erster Gedanke war, dass er schöne Augen hatte. Große, dunkle Augen, die aber eine gewisse Melancholie ausstrahlten. Ich blieb auf höflichem Abstand, um ihm nicht das Gefühl zu geben, in die Enge getrieben zu werden. Insbesondere jetzt, wie ihn nur ein Sprung vom Tod trennte, sollte dies vermieden werden.
„Hey, hallo! Ich bin Ela“, begann ich vorsichtig ein Gespräch mit ihm. Er blickte mich an, als würde er mich nicht verstehen.
Ich zeigte auf mich und wiederholte meine Begrüßung. „Ich bin Ela. Ela Chistidae. Und wer bist du?“
Er stockte, schluckte ein paar Mal schwer und warf verwirrt einen Blick zwischen mir und der Brüstung hin und her. Mit einem Stolpern in der Stimme krächzte er regelrecht einen Namen hervor: „Ephestia.“
Ich nickte ihm freundlich zu. „Das ist aber ein schöner Name!“ Damit hatte ich seine Aufmerksamkeit wieder bei mir, denn er blickte mich leicht fragend an. Ich beschloss, die „Foot in the door“-Taktik anzuwenden, um mich ihm Stück für Stück zu nähern und ihn in ein Gespräch zu verwickeln.
„Ja, das ist wirklich ein schöner Name. Ein alter Name, den man nicht mehr so oft hört“, ergänzte ich mein Lob. Sein rechter Mundwinkel zuckte leicht. „Darf ich näher kommen? Der Wind ist so stark, sonst kann ich dich gar nicht richtig hören.“
Er schien kurz darüber nachzudenken, nickte aber dann. Ich kam langsam auf ihn zu. Stets behielt ich seinen Gesichtsausdruck im Blick, um abzuschätzen, wann ich stoppen musste. Als ich noch zwei Armlängen von ihm entfernt war, verzog er leicht sein Gesicht. Ein Zeichen für mich, es hierbei zu belassen. Ich lächelte ihn an. „Erzähl mir, wie es dir geht.“
Ephestia zögerte einen Moment, schien aber durchaus offen dafür zu sein, mit sich reden zu lassen. „Es geht mir schlecht.“
„Und warum geht es dir schlecht?“
„Ich möchte einfach nicht mehr.“ Wieder zögerte er. „Ich wüsste nicht, wofür ich noch wollen sollte.“ Sein Blick fiel wieder auf die Brüstung. Er bewegte sich für einen Moment auf die Brüstung zu, schwankte dann aber wieder zurück. In meinem Kopf rasten die Gedanken durcheinander. Wie sollte ich weitermachen? Ich wusste den Grund für seine schwere Depression nicht und hier oben wäre es schwierig bis beinahe unmöglich, ihr auf den Grund zu gehen. Eine Möglichkeit war, es mit einer paradoxen Intervention zu versuchen und ihn aufzufordern tatsächlich zu springen. Bei einigen Patienten funktioniert es, sie dadurch von ihrem Vorhaben abzubringen, weil sie selbst merken, dass die Idee vom Suizid verrückt ist oder dass sie nicht die Kraft haben, den letzten Schritt zu tun. In manchen Fällen aber ist das die falsche Herangehensweise und bringt die Patienten tatsächlich dazu, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ich beschloss, auf diese Möglichkeit zu verzichten. Dazu kannte ich Ephestia nicht gut genug.
Stattdessen entschied ich mich für die „Wunderfrage“, von der mir vor langer Zeit eine gute Freundin erzählt hatte – mittlerweile meine Lieblingsmethode. Aber zunächst musste ich ihm zeigen, dass ich Verständnis für seine Gefühle hatte.
„Ich kann das gut verstehen, wie du dich fühlst, Ephestia. Es gibt Tage, an denen alles sinnlos und grau erscheint.“ Ephestia richtete seinen Blick wieder auf mich. Ein kleiner Gewinn.
„Ephestia, stell dir vor, du gehst heute nachhause und gehst schlafen. Am nächsten Morgen wachst du auf und stellst fest, dass all deine Probleme gelöst sind. Stell dir vor, das wäre so.“ Ich wartete kurz, um zu sehen, ob er meiner Bitte folgte. Seine Gesichtszüge entspannten sich leicht. Der Gedanke schien bei ihm Wurzeln zu schlagen, also machte ich weiter: „Wie würde sich das anfühlen?“
Ephestias Mundwinkel zuckte wieder leicht und es kam ein kleines Lächeln zustande. „Gut“, antwortete er knapp.
„Beschreibe das Gefühl genauer“, forderte ich ihn auf und kam ihm unbemerkt ein kleines bisschen näher.
Ephestia schien seine Gedanken zu sortieren und abzuwägen, was er sagen sollte. „Leicht. Und warm.“ Er hielt kurz inne. „Aber hauptsächlich leicht.“
„Wie sähe die Welt um dich herum aus?“ Ich liebe es, diese Gedankenreise für die Patienten anzuleiten. Gerne versuche ich dabei, in ihre Welt zu schlüpfen; mir auf der Grundlage ihrer Antworten vorzustellen, wie eine ideale Welt aussehen könnte. Und auch dieses Mal spürte ich, wie ich versuchte, mich in Ephestias Welt hineinzuversetzen.
Nachdenkend wandte sich Ephestia mir etwas mehr zu. „Ich weiß es nicht…“, fing er an.
„Lass dir ruhig Zeit.“
Er nahm sie sich. „Ich denke, sie sähe nicht groß anders aus. Die Bäume sähen immer noch aus wie Bäume.“
„Wie sähe dein Tag aus?“ Ich jubelte innerlich. Es schien gut zu klappen. Als nächsten Schritt würde ich ihn fragen, was sich ändern müsste und was wir tun könnten, um zu erreichen, dass die Welt so für ihn sei. Ab diesem Punkt wäre es möglich, Depressionen entgegen zu steuern und eine Verbesserung herbei zu führen.
Wieder brauchte er einen Moment, bevor er antwortete. „Wenn alle Probleme und Zweifel nicht da wären… dann würde ich gerne...“ Er stockte und sein entspanntes Gesicht verkrampfte sich. Ich ahnte Böses: ich verlor ihn. Er stöhnte und machte eine fahrige Bewegung. „Das hat alles keinen Sinn. Die Welt wird niemals so sein, wie du sie mir hier ausmalst! Ich möchte das alles beenden!“ Er dreht sich wieder der Brüstung zu – diesmal entschlossener als zuvor. „Ich möchte nicht mehr… Ich kann das Ende schon sehen – und ich bin bereit!“
„Nein, Ephestia, geh nicht ins Licht!“, machte ich einen letzten Versuch. „Was könnten wir tun, um die Welt doch so zu gestalten, wie du sie dir eben ausgemalt hast?“ Während unseres Gespräches war ich immer wieder ein bisschen näher gekommen – jetzt war er fast zum Greifen nah.
Ephestia schüttelte bestimmt den Kopf. Ein letztes Mal warf er mir einen Blick zu und schaute mich mit diesen großen dunklen Augen an. Mit einem traurigen Lächeln sagte er nur: „Ich danke dir, Ela. Aber ich gehe jetzt.“ Er wandte mir den Rücken zu und flog auf die hellleuchtende Insektenlampe zu. Jeden Moment würde er die Brüstungsstangen passieren und die Brennstäbe berühren, um dann mit einem grauenerregenden Zischen zu sterben.
Ich warf mich ihm hinterher, brachte seinen Flug ins Straucheln und riss ihn mit in die Tiefe. Auf halben Weg kamen uns die Einsatzkräfte, die mich begleitet hatten, entgegen und brachten Ephestia sicher zur Erde.
Ausgelaugt landete auch ich auf dem Boden. Meine Flügel zitterten. Dieses kurze Gespräch hatte mir viel Kraft abverlangt. Ich atmete tief durch und dachte an diese großen dunklen Augen Ephestias und an seine Welt ohne Probleme, in der man sich leicht und warm fühlen würde. Ein erschöpftes Lächeln schlich sich auf mein Gesicht. Es war ein harter Job bei der GEMA, aber ich hatte einer Motte das Leben retten können. Dafür lohnte es sich immer wieder, in der psychologischen Abteilung der Gesellschaft ehrenamtlicher Mottenagenten zu arbeiten.

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Namensherkunft
Ela ~ Elachistidae – Grasminiermotte
Tine ~ Tineidae – Echte Motte
Ephestia ~ Ephestia kuehniella – Mehlmotte

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