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Tattoosalon

von samweller
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P12 / Gen
Fabeltiere & mythologische Geschöpfe
28.01.2018
28.01.2018
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28.01.2018 6.949
 
Fox eierte schon seit Stunden durch die nächtlichen Straßen von Berlin, uneasy, uneinig mit sich selbst. Egal, was man tut, es ist ist alles für die Katz, murmelte er. Genau, am besten um zwei Uhr morgens auf einer leeren Straße mit sich selbst reden. Das hilft. Hallo? Keiner da.
Was tatsächlich helfen würde, wäre gute Schlägerei, oder eine Flasche Schnaps, zusätzlich zu der, die er schon intus hatte; am besten beides. Doch er sah heute Nacht niemanden, der kampffähig aussah, und nichts Alkoholisches, bis auf einen Kanister Frostschutzmittel, den er in den Ruinen einer Tankstelle gefunden und nach einigem Überlegen lieber liegen gelassen hatte, gut sichtbar für andere einsame Nachtgestalten, die noch schlimmer drauf waren, als er selbst.
Was er jetzt bereute. Er machte von einer weiteren verschlossenen Kneipentür Halt, starrte sie eine Zeit lang hasserfüllt an und schlug sie kurzerhand zu Kleinholz.
Schon besser. Uhm, nicht wirklich. Er leckte sich abwesend das Blut von den Knöcheln und trottete weiter. Bis er auf einmal vor einem Laden stand, der betrieben aussah und allem Anschein nach zu dieser Geisterstunde geöffnet hatte. Es war ein Tattoosalon. Wie praktisch, dachte Fox, genau das, was ich brauche.

Er riss die Tür auf und trat ein. Drinnen war es wohlig warm. Der Laden war sehr eng und vollgestopft mit allerlei Krimskrams, das für das Gewerbe notwendig war, plus einige Habseligkeiten des Besitzers, der den Raum augenscheinlich auch als Wohnzimmer nutzte. Doch all das war säuberlich aufgeräumt und das Zimmer wirkte auf eigentümliche Weise gemütlich.
Der Ladenbesitzer saß gerade beim späten Abendbrot, oder beim frühen Frühstück. Er aß ein Omelette mit weißen Bohnen und las in einem abgegriffenen »Sandman«-Heft. Als er die Bimmel hörte, las er noch den Satz zu Ende, legte das Heft beiseite, mit dem Messer als Lesezeichen, und richtete einen verträumten Blick auf den späten Gast.

- Haben Sie geöffnet?, fragte Fox.
Der Besitzer  ̶  er war ein junger Mann Mitte Zwanzig, mit schönen, dezenten Beispielen der eigenen Kunst auf beiden Handrücken  ̶  kämmte sich mit den Fingern durch das dichte Haar und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um den Besucher besser in Augenschein zu nehmen. Sein rundes Gesicht verfinsterte sich. Er warf einen diskreten Blick nach oben.
- Ich denke schon, antwortete er schließlich mit einer etwas unsteten Stimme. - Ich habe geöffnet. Was kann ich für Sie tun?
Fox verfolgte das Mienenspiel seines Gegenübers, legte den Kopf in den Nacken und sah direkt in einen, wohl speziell für diese Zwecke quer über der Tür angebrachten Spiegel, der einen komplett leeren Eingangsbereich widerspiegelte. Aha. Er fragte sich, wen oder was der Ladenbesitzer wohl vor sich wähnte - einen besoffenen Obdachlosen? Einen Marodeur? Einen Fixer? Einen ausgehungerten Vampir? All das zusammen? Er straffte seinen Rücken, klopfte sich den Schnee von den Schultern und machte ein zivilisiertes Gesicht, oder besser gesagt, soweit es ging, ein völlig normales, alltägliches, harmloses Gesicht, das ausdrücken sollte - ja, ich bin vielleicht all das, aber hier und jetzt bin ich etwas ganz anderes. Ich bin ein Kunde.
- Ich möchte ein Tattoo, sagte er.
- So, dann …Der junge Mann entspannte sich, lächelte ihm geschäftig entgegen und machte Anstalten, aufzustehen.
Was erreicht man nicht alles mit Charme, auch um zwei Uhr morgens in einer sterbenden Stadt, dachte Fox.
- Essen Sie in Ruhe zu Ende, sagte er, - ich schau mich derweilen um.
Der junge Mann griff nach der Gabel. – Derweilen-, murmelte er, -meine Fresse.
Fox sah sich eine Weile, mit hochgezogenen Augenbrauen, die überlebensgroßen Schwarz-Weiß-Fotos an den Wänden an, ließ sich anschließend auf ein durchgesessenes Plüschsofa in der Ecke fallen und griff nach einem der Kataloge, die wie diese Magazine beim Zahnarzt auf einem Beistelltisch ausgefächert lagen.
- Sie haben Glück, dass ich noch eine halbe Flasche Weihwasser da habe, sagte der junge Mann mit vollem Mund. Ich weiß nur nicht, wo sie ist. Ist schon eine Weile her.
- Wunderbar, antwortete Fox. Sieh an, er weiß Bescheid, wie es geht, und wasserlösliche Tinte wird er wohl auch haben - gut.
- Nicht wahr?
- Mhmm.
Der Ladenbesitzer merkte, dass der Kunde nicht zum Plaudern aufgelegt war, und vertiefte sich in sein Comicheft. Als er, etwa  eine Stunde später, am Ende der Lektüre angelangt war, fiel ihm wieder ein, dass er nicht allein war. Er schlug das Büchlein zu und trommelte unschlüssig mit den Fingerkuppen auf der Tischplatte.
- Und,  haben Sie ein passendes Motiv gefunden?
- Noch nicht, antwortete Fox und blätterte eine Seite im Katalog mit Nachdruck um.
Der junge Mann pfiff zerstreut den Fetzen einer Melodie.
- Lassen Sie sich ruhig Zeit, sagte er. Es ist ja schließlich für immer, was? Nicht nur für die nächsten fünfzig Jahre oder so.
Fox hob den Kopf. Er würde gern weiter sitzen bleiben, in der schönen Wärme, eingehüllt in staubigen Plüsch und Omelette-Geruch, doch es ging nicht. Er klappte den Katalog zu.
- Wissen Sie was, sagte er, - lassen Sie sich etwas einfallen. Sodass es einigerrmaßen zu den anderen passt. Ich habe schon einige Tattoos, wissen Sie. Moment, ich zeige sie Ihnen. Er stand auf und zog seine Jacke und den Sweater bedächtig aus, um seinen  Oberkörper freizulegen.
Der Tätowierer ging langsam um ihn herum.
- Oh ja, Sie haben einige, sagte er nach einer kleinen Pause, während der er Fox abwägend in die Augen sah. Sein Gesicht nahm den falschen Ausdruck eines  Onkologen an, der sich gerade anschickt, dem Patienten durch die Blume beizubrigen, seine Läge wäre hoffnungslos.
- Schwerer Fall, sagte er.
- Ja, stimmte Fox ohne Umschweife  zu.
- Dies und das haben Sie selbst angebracht, stimmt's? Der Tätowierer  zeigte auf die fraglichen Stellen, ohne sie jedoch zu berühren.
- Nun, ich bin kein Künstler ...
- Das war jetzt keine Kritik, nur − was könnte zu alldem passen? Wie wäre es ...  ähm,  mit einem Flammenherz?
- Ich habe schon eins.
Der junge Mann kniff die Augen zusammen und machte noch eine Runde um Fox herum.
- Und das wäre − welches davon?
- Keins. Das Flammenherz ist auf dem Hintern, sagte Fox.
- Lassen Sie mal sehen.
Fox dachte ein wenig nach.
-  Wissen Sie ..., sagte er gedehnt.
-  Ja?
-  Lieber nicht. Es ist wirklich nichts Besonderes.
-  Verstehe. Klar. Trotzdem, ich würde gern eine Vorstellung haben, weil ...
-  Nein.
-  Ok. Ok, ok, ok. Flammenherz auf dem Hintern ...
-  Nichts Besonderes.
- Ja, schon gut, kapiert. Was ich meine  ̶  es ist einfach nur pathetisch. Oder?
- Kann sein.
- Kann sein, kann nicht sein  ̶  das geht hier nicht. Irgendwann ist Schluss, klar? Ganz ehrlich, ich könnte Ihnen irgendwas hinbasteln. Vom "Passen" kann nicht die Rede sein, aber rein vom  Platz her würde es gehen. Man sieht hier und da noch freie Hautstellen, ja? Die Frage ist − würde ein weiteres Tattoo den Zweck erfüllen. Ich meine − nein.
- Was für einen Zweck?
- Na, sich zu bestrafen.
- Wie kommen Sie darauf?
- Erzählen Sie mir nicht, Sie bringen sich diese Höhlenmalereien zur Belohnung an. Ich bin nicht seit gestern in diesem Gewerbe, und außerdem, jeder mit zwei Augen würde Ihnen dasselbe sagen.
- Es ist rein dekorativ!
- Ich bitte Sie!
Fox sah ihn feindselig an und griff nach seinem Sweater.
-  Moment mal, sagte der Künstler und wedelte mit einer Hand suchend in der Luft. - Ich habe eine Idee. Wir machen diesen ganzen Krempel weg. Das wäre doch was, oder?
...
***

- Sind drei Stunden nicht schon um?
- Noch nicht, bitte nicht bewegen.
- Definitiv um.
- Lassen Sie mal sehen .. Wie gesagt. Ihre Uhr geht falsch. Es ist Winterzeit.
- Ach so. Im Grunde haben Sie recht, im Winter schleppt sich die Zeit nur so dahin.
- Brennt oder drückt es irgendwo? Soll ich nachsehen?
- Nein, lassen Sie nur. Es ist bloß höllisch langweilig. Höllisch, maulte Fox.
-  Da hilft nichts. Wir müssen warten.
- Sind Sie sicher, dass diese ganze Einweicherei überhaupt einen Sinn hat?
- Sehen Sie, das,  was wir gerade versuchen zu erreichen, ist ein bisschen experimentell, sozusagen. Kommt nicht so oft vor. Aber, ich habe mich in den Fachkreisen umgehört, und  ̶  wir machen alles richtig. Im Prinzip.
- Beim letzten Mal hat es nicht funktioniert.
- Ja, weil jemand zu wenig Geduld hatte, und die Essigkonzentration war wahrscheinlich zu schwach. Deswegen habe ich diesmal statt Tafelessig gleich die Essenz genommen; und deswegen müssen Sie zwei weitere Stunden ganz ruhig liegen bleiben, um die Haut ordentlich einzuweichen. Sonst verheilt sie wie gehabt, inkusive Tattoo.  
Fox lag bäuchlings auf der Couch, mit einer Kompresse aus Essig-Essenz auf der rechten Pobacke, und versuchte still zu sein und nicht zu lachen.
- Ich muss gleich niesen, sagte er.
- Nö.
Das Gespräch versiegte eine zeitlang.
- Ich würde gern eine rauchen, sagte Fox.
- Nuh-uh. Hier wird nicht geraucht.
- Ich frage mich  ̶  warum nehmen Sie nicht gleich Königswasser? Das würde den Prozess drastisch abkürzen, und ...
- Oh ja, warum habe ich nicht daran gedacht? Ratzfatz, Arsch im Eimer, Hauptsache dalli.
- Das war ein Scherz.
Der Tätowierer schnaubte verächtich.
- Ihnen ist schon klar, - fing er an, - dass, wenn man etwas wegmachen will, was nicht zum Wegmachen gedacht ist, dass es dann schwierig sein muss? Klar?
- Ich wollte gar nichts wegmachen. Das war Ihre Idee.
- Schon gut, Mann.
- Ich habe Ihnen gleich gesagt, das wird nicht funktionieren. Es ist ja auch nicht so, als ob ich es nicht probiert hätte.
- Lassen Sie mich raten  ̶  mit Königswasser.
- Nun ...
- Es ist doch so, man kann statt Essig die Essenz nehmen und hat statt drei Tagen drei Stunden Einwirkzeit. Man kann es versuchen. Aber man bekommt nichts sofort. Nichts. Sie haben so gar keine Geduld, und das in Ihrem Alter, tsts. Gut Ding braucht Zeit. Wir kriegen das schon hin, ja?
...
- Ok, wo sind Ihre Zigaretten?
- In der Jacke.
Fox hörte ein Rascheln und unterdrückte das Bedürfnis, hinzusehen.
- Das Feuerzeug ist in der Jeans, sagte er, drückte die Stirn kurz in die Polsterung und hob den Kopf  an.
Vor seiner Nase erschien eine kleine Untertasse.
- Es ist die letzte. Darf ich?
- Bitte, sagte Fox.
Das Feuerstein klackte leise. Sein Gastgeber setzte sich an den Couchrand,  zog zweimal tief ein und hüstelte.
- Hier, sagte er und drückte Fox die angezündete Zigarette zwischen die Finger.
- Danke schön.
- Es ist ... Ich bin ein wenig müde. - Er sank zusammen, in einem ausgedehnten Hustenanfall. -
und wetterfühlig. Ich denke,  ich lege mich kurz hin. Ich stelle uns den Wecker. Noch anderthalb Stunden, und Sie sind erlöst. Für heute.
- Fein.
Fox hielt die Zigarette ungeschickt in der Mitte, weg vom Filter. Er wollte sich nicht zu allem Überfluss auch noch an dieser dämlichen Pest anstecken, die schon ein Drittel der Berliner Bevölkerung dahigerafft hatte, Vampire eingeschlossen.
- Wenn etwas ist, Sie können nach mir rufen. Ich - kha - ich heiße Peter, übrigens.
Fox hörte, wie Peter in der kleinen Küche die Stühle zurechtrückte.  Der große Kachelofen strahlte eine heitere Wärme aus. Der Wecker tickte.  "Der ist vielleicht richtig krank.", dachte er,  - "Armes Schwein. In der Küche wird es kalt sein. Er schläft sonst hier ...". Fox streckte sich auf der Couch bequemer aus. Vielleicht kommt der gar nicht mehr wieder. Ich könnte hier bleiben ... Warum nicht? Schön .... Er schaute die brennende Zigarette voll Verlangen an. Ach, scheiß drauf. Er steckte sich die Zigarette zwischen die Lippen. Muss morgen mal nachsehen, was mit ihm ist ..., dachte er noch
und schlief ein.
...
- Hallo ... Hallo?
Der Wecker hatte nicht geklingelt, doch Peter stand über ihm, leider quicklebendig, und schüttelte ihn an der Schulter.
- Was?
- Sie sind verrückt. Meine Güte, es ist ein Riesenbrandloch, ich meine − hallo?
Jetzt klingelte der Wecker. Peter schmiss mit einerm Couchkissen danach.
- Die Zeit ist um, sagte Fox.
Peter nahm die Kompresse hoch und sah nach.
- Warten wir noch eine halbe Stunde ab, sicherheitshalber, sagte er mit einer leiser werdender Stimme.
- Es wird langsam unlustig. Alles schön und gut ...
Plötzlich klopfte jemand an der Tür. Es war nicht die Eingangs-, sondern die Innentür, die zu dem Hausaufgang führte. Peter sah sich im Raum um, wie um zu prüfen, ob alles soweit aufgeräumt war, sah zum Schluß Fox mit gerunzelten Augenbrauen an und ging zur Tür. Fox hörte aus den Tiefen der Wohnung einen hastigen Wortwechsel.
- Es passt gerade ganz schlecht.
- Nur für einen Augenblick - und schon kam eine junge Frau in den Wohnraum hereineingestürzt.
Fox hatte es kurz davor gerade noch geschafft seine Klamotten anzuziehen und stand mitten im Raum, mit einem Flair von jemanden, der möglicherweise gerade eben von der Straße hereingekommen war. Sie lief fast in ihn hinein.
- Oh! rief sie aus. Was ... wer ist das?
- Das nennt sich "Privatsphäre", sagte Peter von oben herab.
Die Frau sah mit feurigen Blick zwischen den beiden Männern hin und her.
Fox lächelte sie unverbindlich an.
- Entschuldigung, sagte die junge Frau ernst und streckte ihre rechte Hand, schmal und schüchtern, Fox entgegen.
- Natascha.
Fox sah in ihr liebes, spitzes, mit einer flüchtigen Röte überzogenes Gesicht und nahm ihre Hand.
- Viktor.
- Sehr angenehm.
- Na dann, sagte Fox über ihren Kopf zu Peter, schönen Abend noch?
- Wir sind noch nicht durch, Viktor, warf Peter bedeutungsschwer ein.
- Wirklich?
- Komm, Natascha, wir gehen in die Küche.
Fox setzte sich auf die Couch und hörte unwillkürlich zu.
- Es tut mit so leid, Petja.
- Ach, es ist nichts. Aber sag du mal − was ist jetzt schon wieder los?
- Es ist schlimm. Kolja ist außer Rand und Band. Als er gehört hatte ...
- Soll ich mit ihm reden?
- Nein, lieber nicht. Ich mach‘ das schon, ich wollte dich nur warnen.
Das leise, ernste Gemurmel ging eine Weile hin und her. Danach verabschiedete Peter seine Besucherin wieder aus der Wohnung, ohne sie erneut in das Wohnzimmer zu lassen.
- War das Ihre Ex?, fragte Fox, als Peter wieder auftauchte.
- Wer? - Peter kratzte sich an der Augenbraue. - Natascha? Nein, überhaupt nicht. Das ist nichts. Er lief im Zimmer auf und ab. - Natascha ist wie ein Kind. Sie braucht nur ein hübsches Mannsbild zu sehen, und schon ist es um sie geschehen. Sie achtet nicht auf ...
- Innere Werte?
Peter sah ihn gequält an.
- Bitte, sagte er, sie ist wie ein Kind. Oha, dachte Fox, da ist einer eifersüchtig meinetwegen?   Er wusste nicht, ob er sich wegen dem "hübschen Mannsbild" geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte.
- Sie ist eine Feine, sagte Fox stattdessen, bleiben Sie mal dran.
Peter winkte ab.
- Wer ist denn dieser Kolja? fragte Fox.
- Warum Kolja?
- Ich dachte nur, umh, Konkurrenz ... Vor seinem inneren Auge erschein ein bulliger, fieser Typ, ausgestattet mit verwaschenem weißen Muskelshirt und, nach einigem Überlegen, malerischen, etwas öligen schwarzen Locken, tragischen Rehaugen und einem goldenen Vorderzahn.
- Warum Kolja?
Peter blieb erschrocken stehen.
- Er ist nur ein kleiner Junge. Das heißt, er selbst würde es nicht so sehen, natürlich, aber er ist wirklich sehr klein, für sein Alter, und schmächtig, buchstäblich Haut und Knochen, wirklich nicht der Rede Wert.
- Ich esse keine Kinder, sagte Fox.
- Ich meinte nicht, flüsterte Peter betreten.
- Ja, verdammt.
Sie schwiegen.
- Sie können gern die Tage vorbeikommen, sagte Peter schließlich, wir machen weiter.
***

Fox hatte es nicht vor, wieder den Tattooladen aufzusuchen. Er war sich ziemlich sicher, dass es besser wäre, nicht hinzugehen. Doch Peter hatte ihm Flausen in den Kopf gesetzt. Außerdem war da die Neugier. Seine eigenes Leben ware gerade etwas monoton, wenn nicht direkt freudlos, und so zerbrach er sich den Kopf lieber über Peter und dessen süße Freundin, oder wer immer sie war, überschattet von dem mysteriösen, schmächtigen Kolja außer Rand und Band. So kam es , dass er sich drei Tage später auf der Plüschcouch wiederfand.
Peter machte einen munteren und rundum gesünderen Eindruck. Er schien im ersten Moment zwar etwas überrascht, Fox wieder zu sehen, fasste sich aber schnell und lächelte ihm freundlich entgegen.
- Ah! Herein, herein! Sie kommen wie gerufen, grüßte er.
- Ich wollte mich für  das letzte Mal entschuldigen, sagte Fox.
- Ach das. Quatsch. Die Frage ist, wollen Sie weitermachen? Ich habe inzwischen recherchiert ...
Fox ließ seine mürrische Stimmung nur zu gern draußen, wie einen altgedienten Kamphund, und trat in den Laden ein. Er sah sich gleich nach dem Kachelofen um, der nun ungeheizt war.
- Ein wenig frisch heute, sagte Peter optimistisch und rieb die Handflächen aneinander. Das Holz, wissen Sie, aber, ich heize es gleich an. Und, was macht das Flammenherz?
- Viel besser, sagte Fox. Fast weg. Man muss schon genau hinsehen ... (Das war nicht wirklich der Fall, doch er wollte Peters Elan nicht abwürgen).
- Gut. Gut.
- Ich schlage vor, wir machen erst einmal an einer anderen Stelle weiter, sagte Fox.
- Ja?
- Ja, weil - es ist doch ein wenig kühl. Etwas Kleines, einverstanden?
- Na, dann mal los.
Fox fläzte sich auf der Couch, während Peter die Regale absuchte und über seine neuesten Erkenntnisse sprach.
- Es ist wichtig, wie die Tattoos ursprünglich angebracht wurden. Zum einen, die technische Seite. Sind Sie ein Christ?
Fox ließ es die Frage ernstlich duch dem Kopf gehen.
- Ich glaube nicht, dass es hier noch greift.
- Nun, rein technisch gesehen.
- Dann − ja.
- Passen Sie auf − welche Konfession?
- Katholisch?
- Bingo, sagte Peter. Ich dachte erst, es lag daran, dass das Weihwasser abgelauben war.
- Wie kann es ablaufen? Das ist doch völlig unlogisch.
- Sie haben vielleicht recht, das ist aber egal. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist − ich hatte die Flasche von einem bekannten Pater, und der ist orthodox.
- Weihe ist Weihe, sagte Fox.
- Sehen Sie, Glaube ist etwas Methaphysisches, nicht wahr? Und da macht es einen Unterschied. Was halten Sie davon?
- Ich halte es für einen  ausgemachten Blödsinn, sagte Fox. Er würde viel lieber über Peters persönlichen Umstände reden, doch es schien ihm unpassend, und er verkniff es sich.
- Dann wäre noch die andere Sache, fuhr Peter fort, - und die ist viel wichtiger. Warum?
- Warum was?
- Warum haben Sie das gemacht? Es gab einen besonderen Anlass. Den muss man beachten.
- Der Anlass war, dass mir langweilig war.
- Pfft.
- Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?
Peter setzte sich hin.
- Sehen Sie ...,  fing er an.
- Warum war Kolja so aufgebracht?,  fragte Fox. - Was ist mit ihm?
- Die Sache ist die. Kolja will einen Inkubator bauen.
- Wirklich?, sagte Fox mit aufrichtiger Überraschung.
- Ja. Das ist echt interessant. Haben Sie es schon mal probiert?
- Ehrlich gesagt − nein.
Peter sah ihm ein wenig mißtrauisch in die Augen, als wollte er eventuell erwidern - "Das sollten Sie mal tun", oder etwas in der Art.
- Wir haben schon mal angefangen, das heißt, er war schon fertig, als Prototyp, aber er war nicht ganz durchdacht.
- Was war denn nicht korrekt?
- Die Temperaturregulierung.
- Oje, sagte Fox.
- Die erste Charge ist zu warm geworden. Deswegen war Kolja etwas durch den Wind. Frische Eier liegen nicht auf der Straße ...
Daher die Omlette, dachte Fox. Traurig eigentlich.
- Aber − wir haben ihn optimiert, und ich glaube ...
- Lassen Sie mal sehen, sagte Fox.
***

Diesmal kam Fox bereits in der ersten Dämmerung zu dem Tattoosalon. Die Kälte und der immerwährende Schneefall machten ihm zu schaffen, machten ihn launisch und schwermütig. Er sehnte sich nach Wärme und einem freundlichen, alltäglichen Gesicht, ausnahmsweise frei von Angst und Wut.
Doch die Schaufenster waren dunkel. Ein Pappschild "Bin gleich wieder da" baumelte in den unregelmäßigen Windstößen hin und her. Er zerrte vorsichtig an dem Türgriff. Verschlossen. Der Gehweg vor der Ladentür war verschneit, er konnte keine Fußspuren ausmachen. Dieses "gleich" schien schon eine Weile her zu sein.
Fox setzte sich auf das niedrige, schmale Fensterbrett, fest entschlossen, so lange zu warten, wie es nötig war –  trotz unbequemer Stellung und der Gefahr, sich lächerlich zu machen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein kleiner, bunt bemalter Transporter, der nach kurzer Zeit seine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. Ihm kam es sogar so vor, als hätte er diesen Transporter bei früheren Besuchen nicht gesehen. Das ist vielleicht ein Ding, dachte er. Auf der ihm zugewandten Seite war ingeneursmäßig eine Art Hose in gelber Farbe dargestellt. Darunter stand in Großbuchstaben: "Zunfthosen mal anders". Und ein wenig kleiner: "Große Farbauswahl. Lagerverkauf in ... Straße ... Hausnummer ... Berlin-Weißensee". Er nahm sich sofort vor, bei der nächsten Gelegenheit hinzugehen, holte sein Notizbuch hervor und machte sich daran, die Adresse niederzuschreiben. Ein leises Quetschen rieß ihn aus den Gedanken.
- Ah, Sie sind es, sagte Peter zerstreut. Er hatte gerade die Ladentür von Innen geöffnet und linste um die Ecke.
- Heute etwas früh, sagte Fox.
- Macht nichts, herein mit Ihnen.
Fox klopfte umständlich den Schnee von seiner Kleidung und trat ins Innere.
- Guten Abend, redete Peter abwesend weiter, - und, äh ... wie sieht es aus?
Fox schüttelte den Kopf.
- Mist, sagte Peter. -  Aaaaber! Warten Sie, - er suchte seine Taschen ab. - Ich habe mittlerweile eine bessere Idee.
- Wie läuft es eigentlich mit dem Inkubator?, fragte Fox, während er es sich bereits auf der Couch bequem machte.
- Ganz gut. Aber egal  ̶  was ich sagen wollte  ̶  ich hab‘s! Es kommt auf die Reihenfolge an.
- Reihenfolge von was?
- Von ... ̶  na, von den Tattoos natürlich.
- Echt?
- Ja. Genau. Die Frage ist. was ist das Erste von allen, das Allererste? Das müssen wir nämlich angehen. Danach ist es ein Kinderspiel.
- Lassen Sie mich nachdenken, sagte Fox. - Es ist, glaube ich, dieses eine, auf der Schulter.
- Okay, und dazu müssten Sie mal erzählen, warum es da ist.
- Ich weiß nicht, ob das eine so gute Idee ist.
- Doch. Ich meine, wir könnten es probieren. In aller Kürze, wissen Sie. Muss ja kein Roman sein.
Peter setzte sich auf die Tischkante und wartete. Fox schlug die Beine übereinander und betrachtete eine Zeit lang aufmerksam seine Stiefelspitze.
- Nun ..., hob er an, - es mag ein wenig ungewöhnlich klingen, aber ich mag keine Babys. Wirklich zum Erbrechen. Ich weiß nicht, die sind widerlich. Es ist schwer zu beschreiben ... Dieses - er schnippte mit den Fingern - Kindchen-Schema, und der Geruch. Sie werden wahrscheinlich sagen, wie ist das möglich? Es ist gegen die Natur ...
- Nein, warum soll ich so etwas sagen?, erwiderte Peter unruhig.
- Das ist nur so eine Floskel. Wie auch immer, Sie werden es denken. Mögen Sie schwarzen Kaviar?
- Also ... nein. Ich finde ihn zum Kotzen.
- Sehen Sie.
- Woher wussten Sie das?
- Man merkt es gleich.
- Aha.
Sie schwiegen etwas.
- Nun denn, fuhr Fox fort, niemand zwingt einen, schwarzen Kaviar zu essen, und das ist gut.
- Jaaa.
- Doch manchmal ...
Obwohl er mit dem Ganzen angefangen hatte, verließ Peter jetzt wohl der Mut. Er wollte keine traurige, und/oder grausige, vielleicht auch peinliche Geschichte über Babys hören, womöglich noch eine von der Sorte, nach der es schwierig ist, einander in die Augen zu sehen.
- Es ist doch schon sehr frisch in dem Laden, sagte er, sprang auf und fröstelte. - Ich gehe mal kurz in den Keller, wegen Brennholz. Möchten Sie eine Tasse Tee?
- Nein, danke.
Fox holte einen Flachmann aus der Jackentasche und hielt ihn hoch.
- Gut, dann - bin gleich wieder da, murmelte Peter, bereits an der Tür.
Er kam kurze Zeit später zurück, viel zu schnell, mit leeren Händen, und setzte sich wieder hin. Er hatte ein besorgtes Gesicht.
- Es ist gar nicht ..., fuhr Fox fort, als hätte es keine Unterbrechung gegeben.
- Vielleicht nachher, schlug Peter vor.
-  Grrr, ich könnte mich manchmal in den Arsch treten. Also gut, ganz von vorn. Es ist das kleine Schätzchen hier. - Fox schälte eine Schulter aus der Jacke hervor.
Peter sag unwillig hin.
- Was ist das eigentlich?, - sagte er, - doch nicht etwa ...
- Eine Lilie.
- Nein.
- Doch.
- Und dazu noch auf der Schulter? No way.
Fox hielt ihm den Flachmann hin.
- Es geht natürlich um eine Frau, sagte er. - Sie hieß Lilly ...
- Versteht sich. - Peter nahm einen großen Schluck und lehnte sich nun etwas entspannter zurück.
- Ich wohnte damals auf einem Hausboot auf der Spree. Es war Anfang der Fünfziger. Jaaa. Lilly war - fast ein Kind. Ein kleines süßes Ding, eine Straßenschwalbe, wissen Sie, doch in Wirklichkeit war sie nur ein kleiner Spatz ...
- Moment, ich muss nur mal kurz die Eier umdrehen. Lassen Sie sich nicht ablenken.
Peter sprang auf, lief zu dem Kachelofen und fing an, in dem Wärmefach zu hantieren. Dazu musste er sich fast auf die Zehenspitzen stellen.
- Darf ich mal sehen?
Peter holte einen größeren Versandkarton herunter. Darin lagen, in Watte eingepackt, in akkuraten Reihen zwölf große weiße Eier. Peter drehte jedes Ei behutsam um.
- Wozu sind eigentlich diese schwarzen Punkte?, fragte Fox.
- Nun, damit man weiß, welches Ende nach oben kommt.
- Sieht man das nicht sowieso schon? Ich meine, jedes Ei hat ein spitzes und ein stumpfes Ende ...
- So hat man eine bessere Übersicht. Vor allem im Dunkeln.
- Ah. Sie haben eins vergessen. Da. Darf ich? Fox nahm das vergessene Ei in die Hand. Es warm. Er legte es richtig herum in das Wattenest.
- Gut, damit wären wir durch, sagte Peter, stellte den Karton wieder ins Wärmefach und kehrte zu seinem Platz an dem Arbeitstisch zurück. Er sah so aus, als säße er auf heißen Kohlen. Anscheinend wartete er auf etwas oder jemanden.
- Wissen Sie was, sagte Fox, - mir fällt gerade ein - ich muss ganz dringend etwas erledigen. Eine kleine Besorgung.
- Schade, antwortete Peter, sichtlich erleichtert. - Merken Sie sich die Stelle, wir machen später genau da weiter, ja?
- Schön, dann - bis demnächst?
Peter nickte.
Fox verließ den Laden und fand sich abrupt wieder auf dem verschneiten Gehweg. Inzwischen war es fast dunkel, man musste schon genau hinsehen, um die gelbe Hose auf dem Transporter gegenüber auszumachen.
Hm, Weißensee. Große Farbauswahl. Vielleicht haben sie auch etwas anderes als Gelb, zum Beispiel ..., sinnierte er. Ach, ich lasse mich überraschen. Weißensee war für ihn ein schwarzes Loch. Er wog ab, ob er lieber einen Abstecher nach Hause machen sollte, um seinen Falkplan zu konsultieren (uhh, langweilig), oder kurz in die nächstgelegene U-Bahnstation zu tauchen, um dort auf dem Stadtplan nachzusehen (brr, dieser Leichengeruch); entschied sich gegen beides und
schlenderte drauf los, grob Richtung Norden.
***

Als er zum nächsten Mal den Laden aufsuchte, stand die Eingangtür sperrangelweit offen. Jemand war im Türrahmen zu sehen, eine kleine schwarze Gestalt, starr wie ein Scherenschnitt auf dem dämmrig-goldenen Hintergrund des mit Kerzenlicht erleuchteten Ladeninneren.
Er spürte tief im Bauch, dass etwas nicht in Ordnung war, so sehr nicht in Ordnung, dass es keinen Sinn mehr machte, hier anzuhalten, dass er besser Gas geben und schnellstmöglich verschwinden sollte. Nichts zu sehen hier, gehen Sie weiter. Doch irgendeine Schwerkraft, die Schwerkraft, die ihn immer wieder hierherzog, ließ nicht los, und er brachte sein Motorrad genau an der Ladentür zum Stehen.
So hatte er sich diesen Abend nicht vorgestellt. Er hatte bei seinem Ausflug nach Weißensee ein Riesenglück. Nicht nur war das Lager vollkommen unberührt von den Plündereien, sodass er sich eine, wie er fand, geile eierschalenfarbene Zunfthose aussuchen konnte, sondern er fand obendrein diesen kleinen süßen Vogel, eine liebevoll restaurierte Triumph Bonneville in grandiosem Zustand, plus drei Kanister Benzin ₋ DREI KANISTER BENZIN! ₋ plus eine Kiste Pot. Er plante einen schönen, ruhigen Abend unter Freunden, währenddessen er den Pot mit Peter großzügig teilen würde. Peter würde sich sehr freuen, ganz bestimmt, denn das war ein richtiger Schatz, ein richtig guter Stoff noch dazu, sowohl zum Eigengebrauch als auch zum Tauschen bestens geeignet.
Sie würden zusammen Pot rauchen, und Peter würde zu seiner neuen Hose sagen "Geile Kluft, Mann" oder etwas Ähnliches; und dann würde Fox vorschlagen, einen kleinen Ausflug auf seinem neuen Motorrad zu machen, Berlin bei Nacht, haha, und das Leben würde für ein paar Stunden leicht und schmerzlos sein.
All das war nun im Eimer, das spürte er ganz genau.
Er stieg ab und fummelte übermäßig lang an dem Ständer herum. Natascha rührte sich nicht von der Stelle. Er kam näher.
- Sie sind es, sagte sie heiser, wie im Schlaf. - Was wollen Sie?
- Alles in Ordnung?, fragte er.
- Sind Sie betrunken?
Ihre Worte drangen mit einer kleinen Verzögerung in sein Bewusstsein. Er sah, wie sich ihre Lippen bewegten, und dann erst kam der Ton - wie in einem Film mit asynchron gelaufener Tonspur.
- Ich? Nein, sagte er.
- Was ist es dann? Es riecht so - nach Rahat Lokum, sagte sie.
Er schniefelte pflichtbewusst.
- Pot, sagte er.
- Ah.
- Darf ich reinkommen?
- Sie haben Nerven, sagte sie und stieß sich vom Türrahmen ab, um ihm Platz zu machen.
Er steuerte direkt auf die Couch zu.
- Hier, auf den Stuhl, sagte Natascha.
Er nahm auf dem Stuhl Platz.
Sie ging vor ihm in die Hocke. Er sah in ihr zu ihm nach oben gerichtetes Sphynxgesicht. Ihre Augen waren geschwollen, wie vom langen Weinen, tiefschwarz und voller Hass.
- Wollen Sie Sex, sagte sie beiläufig, als würde sie ihm Tee anbieten.
- Danke, nein, sagte er dümmlich.
Sie griff an seinem Knie fest und zog sich daran hoch.
- Nur einen Moment, sagte sie.
Er hörte, wie sie hinter ihm mit irgendetwas klirrte. War wahrscheinlich wirklich nur "Tee", dachte er - ich bin nicht richtig im Kopf. Sie kam von hinten und fasste ihm vorsichtig in die Haare.
- Peter ist nicht da. Sie müssen solange mit mir … vorliebnehmen, flüsterte sie und schon war sie in seinem Gesicht, mit ihren nassen, weichen Lippen (sie war diese ganze Zeit im Regen, dachte er, das hier ist schlecht, ganz ganz schlecht) - und machte trotzdem seinen Mund auf, um ihren Kuss zu treffen, weil ihre kleine Hand auf einmal da war, wo sie nicht hingehörte, sie rieb ihn fest und gekonnt, und das fühlte sich verdammt gut an ...
- Nein, ich will das nicht, wollte er sagen, als er hörte, wie die Eingangstür geöffnet wurde, und es roch nach - ja, es war Peter, Peter war da ...Was soll ... er spürte einen scharfen Stich, wie von einer Wespe, von hinten in seinem Hals, und es war Feuer, es breitete sich blitzschnell in seinem Körper aus, ein Höllenfeuer war das - Ich will NICHT!
***

Peter beobachtete, wie der Stuhl in Zeitlupe nach hinten kippte und Fox großer, sehniger Körper auf dem Boden aufschlug und anfing zu zucken, wie unter Starkstrom. Peter hatte immer gedacht, dass sich hinter dieser rauer Einsamer-Wolf-Fassade seines seltsamen Kunden ein älterer, kultivierter Mann verbarg, doch es war genau anders herum. Diese Fassade war bereits die Schokoladenseite von Fox. Und darunter, war diese grauenhafte Kreatur mit Freddy-Krüger-Krallen und einem Maul voll scharfer, weißer Zähne, einem mächtigen Wolfsgebiss.
Was hat sich die Natur dabei gedacht, dass hundert Milliliter Weihwasser, intravenös, ein bestenfalls homöopathisches Mittel, auf reinem Glauben gegründet, ein Raubtier diesen Kalibers zu einem heulenden Haufen rauchenden Fleisches machen konnte? Musste ein Monster nicht simpel und unverwüstlich sein, wie eine Kalaschnikow, denn was hatte es sonst für einen Sinn? So als Tötungsmaschine jedenfalls.
Während Peter diese wenig produktiven Gedanken zäh durch den Kopf eierten, kletterte Natascha auf die Couch, so wie sie es vielleicht gemacht hätte, wäre eine fette, widerliche Ratte im Raum unterwegs, und schrie aus voller Kehle: -Wo ist Kolja? Wo ist Kolja, du Arschloch?
Das war nun noch weniger zielführend als Peters Starre. Fox war so eindeutig jenseits von jeglicher Kommunikation, und Peter ging auf, dass, wenn er nicht gleich handelte, egal wie, die Kolja-Frage sehr wahrscheinlich für immer unbeantwortet bleiben würde.
- Küchenmesser! Irgendwas! rief er aus.
Natascha schien nicht zu hören, nicht zu verstehen, dass diese Aufforderung an sie gerichtet war. Sie stand sehr aufrecht auf der Couch und hickste nur noch.
Peter überschlug im Kopf, dass ein Ausflug in die Küche zu lange dauern würde, auch wenn das große Psycho-Messer genau da liegen würde, wo er es vermutete, was in solchen Situationen regelmäßig nicht der Fall war, und griff nach einem mit alter Farbe bekleckerten Teppichmesser, das genau neben seiner rechten Hand im Regal lag.
Ich muss eine Hauptschlagader treffen, hoffentlich hat er eine - und das gleich beim ersten Mal, dachte er. Er ging vor Fox in die Hocke, ergriff ihn an den Haaren, beugte seinen Kopf mitsamt den schrecklichen Krokodilszähnen  zur Seite und nach hinten und schnitt ihm mit fester Hand so tief und weit wie es ging in den Hals. Augenscheinlich hatte Fox eine Schlagader, und Peter hatte  sie sehr gut getroffen. Er legte den Kopf und das Messer akkurat auf den Boden und stellte mit Erleichterung fest, das Richtige getan zu haben, als er sah, wie aus der klaffenden Wunde flüssiges, hellrotes Blut fontanierte und rasch zu einer zischenden Masse auf dem Boden gerann. Peter musste zwischendurch zweimal abrücken, weil er nicht im Blut sitzen wollte. Natascha verließ die Couch und stellte sich daneben.
***

- Das war eben ... Tierquälerei, sagte Fox dünn. Er setzte sich langsam in seinem Blut auf, die Knie mit beiden Händen umklammert. Wenn er mit so etwas wie "Sorry" oder "Wie geht es dir?" gerechnet haben sollte, wartete er vergeblich.
- Wofür?, fragte er schließlich.
Jetzt konnte Natascha ihre Replik endlich anbringen.
- Wo ist Kolja?, fragte sie barsch.
- Ich habe keinen blassen Schimmer, antwortete Fox.
***

Zwei Stunden später fand sich Fox, nun minus Motorrad, dessen stolzer Besitzer er nicht mehr war, wieder vor diesem Laden, dem er gerade eben, wie er sich gedacht und sogar geschworen hatte, für immer den Rücken gekehrt zu haben glaubte. War sowieso eine Schnapsidee, weniger Kiffen, mehr denken, mein Lieber! Er klopfte an, laut und penetrant, wie ein Gerichtsvollzieher, oder etwa der BND. Natascha machte die Tür wider Erwarten fast sofort auf.
Er traf ein und schob ihr wortlos, mit einer angewiderten Grimasse, ein unordentliches, schmutziges  Bündel vor die Brust. Sie griff danach. Das Bündel war schwer und unhandlich, bewegte sich ein wenig und machte miauende Laute.
- Was ist das? fragte sie.
- Na was schon? Kolja, sagte Fox unwirsch.
Das Bündel fiel auseinander, daraus kullerte ein noch schmutzigeres, etwa dreijähriges Kind.
- Das ist nicht Kolja, sagte sie.
- Nein? Bist du Kolja?, herrschte er den Jungen an. Der gab ein leises Piepsen von sich, das genauso ein "Ja" wie ein "Nein" hätte sein können.
- Sehen Sie, sagte Fox.
- Das ist nicht Kolja. Nicht der Kolja, Sie Idiot. Unser Kolja ist zehn, hören Sie? Und nicht ...
Fox fasste den Jungen am Kragen und hob ihn in die Luft.
- Geben Sie her, griff er nach der Decke. Arschlöcher, geben mir den falschen Bengel, grr ...
- Wo wollen Sie hin? Stop! - rief Natascha und zerrte an einem der Beine des Jungen, während sie Fox wegschob. Sie merkte, dass er am ganzen Leibe schlotterte, und dass er Mühe hatte, ein menschliches Antlitz beizubehalten. Es fiel ihm offensichtlich gleichermaßen schwer, ordentlich zu sprechen; seine Zunge verfing sich an den spitzen Zähnen. Die einzelnen Worte kamen zwischen Lispeln und Knurren herausgepresst. Ihr ging auf, dass er das Kind vielleicht gar nicht "umtauschen" wollte, wie von ihr zunächst angenommen, oder es doch wollte, aber nicht dazu käme, weil er den Jungen direkt hier vor dem Laden auffressen würde, in dem Zustand, in dem er gerade war.
- Sie wollen es behalten? Fein! - schrie Fox nun auch, ließ das Kind los und schmiss die Ladentür beim Hinausstürzen so heftig zu, dass die Schaufenster klirrten.
Er riss die Tür gleich nochmal auf, bellte: - Sagen Sie Peter, er soll zu Hause bleiben - und schmiss sie mit gleichem Elan erneut zu.
Natascha wartete ab, ziemlich lange, bis ihr Herz wieder anfing, wie vorgesehen zu schlagen, und spähte nach draußen. Die Straße war leer.
- Kolja ist zehn, er hat blonde Haare und blaue Augen! - rief sie in die Nacht.
***

Der Tagesanbruch hatte sie in die U-Bahn hineingetrieben. Fox jagte sein Motorrad - voran, voran, auf dem schmalen Gleis entlang. Kolja saß hinter ihm und klammerte sich leicht wie ein Vogel an seiner Jacke fest. Noch drei U-Bahnhöfe. Noch dreimal absteigen und zwischen den halbgefrorenen Leichen manövrieren, und dann freie Fahrt. Der Gegenwind presste das nasse T-Schirt an seine klamme Haut, schwer und nass vom Blut. Größtenteils nicht meinem eigenen, dachte Fox mit grimmiger Freude. Oh, die haben es verdient, und wie. Schamlose Kreaturen, greifen sich fremde Sachen - Motorräder, kleine Jungs - alles für den Profit, und das schimpft sich Menschen. Die haben es verdient, kein Wenn und Aber, zu Fetzen gerissen zu werden von einem hungrigen Dämon. Ich bin der dritte Reiter, dachte er, der auf dem schwarzen Pferd, und ...
- Haalt, halt halt ...! Kolja zerrte kräftig an der Jacke.
- Lass das! Gütiger ... Ahh!
Das Vorderrad verlor den Kontakt und das Motorrad hob sich an, überschlug sich zweimal und landete krachend auf dem Gleisbett. Fox drehte sich noch in der Luft wie eine Katze und hielt Koljas leichten Körper fest, um allein die Wucht des Aufpralls abzubekommen.
Kolja sprang gleich wieder auf und lief geschwind zurück, in die Dunkelheit des Tunnels.
Der Motor lief noch, der Scheinwerfer warf schiefe Schatten an die Tunnelwände. Fox schleppte sich an die Seite und machte eine Inspektion. Nichts Fatales, bis auf – ja, das Knie. Er fühlte es bereits durch den Stoff, rollte das breite Hosenbei hoch und sah es dann auch. Das Knie der Prothese war zerschmettert. Soviel dazu, murmelte er und klopfte seine Innentaschen nach Zigaretten ab.
Er hörte leise kratzende Geräusche und da war der Junge wieder, mit einem manischen Grinsen auf dem blassen spitzen Gesicht.
- Guck, was ich gefunden habe, sagte Kolja, und zeigte ihm aus der sicheren Entfernung ein großes gelbliches Ei.
- Und guck, was ich da habe, sagte Fox und zeigte ihm das kaputte Knie. Weißt du was das ist? Gute Nacht.
- Es tut mir leid, sagte Kolja störrisch. Sie hockten eine Weile schweigend nebeneinander, jeder in seine Gedanken vertieft. Fox zog den Rauch ein.
- An deiner Stelle würde ich das Ei lieber dort lassen, sagte er  gelangweilt.
- Es ist etwas Besonderes, sagte Kolja voller Ehrfurcht. - Schau wie groß.
- Sicher ist es das. Es ist ein Drachenei.
- Ein Draaachenei?
- Was dachtest du denn, Einstein? Ein Straußenei etwa? Wie wahrscheinlich ist es denn, hier unten in der U-Bahn ein Straußenei zu finden?
- Ich will es unbedingt behalten. Ich tu‘ es in den Inkubator, und dann ... Koljas Augen blitzen in einer unbändigen Freude auf.
- Nun, was auch immer. Hör zu, Kleiner, lauf du mal da lang. Es sind noch drei Stationen, und dann bist du fast zu Hause. Hier - er warf sein Feuerzeug in Koljas Richtung. - Ein Geschenk. Mach‘s gut.
- Und … was ist mit dir?
- Ich ruhe mich erstmal aus. Jaa, ich ruhe mich hier in aller Ruhe einfach aus. Husch.
Kolja klaubte das Feuerzeug auf, erhob sich zögerlich und trottete davon. Er drehte sich noch ein paarmal um und dann war er weg. Der Motor ging aus, und mit ihm das Licht.
Wie wahrscheinlich ist es, dass der Junge es in dem Tunnel nach Hause schafft, ohne aufgefressen zu werden oder Schlimmeres, du Artist, dachte Fox noch, indem er den letzten Zug nahm und den Stummel wegwarf. Das hast du fein hingekriegt, genau wie immer.
Das verdammte Knie war schon immer seine Schwachstelle. Er ließ es mindestens einmal pro Jahr warten. Ja, ich weiß, es ist wartungsfrei, sagte dann der Orthopäde kopfschüttelnd, doch nicht bei Ihrem Lebenswandel - nicht wirklich. Ehrlich gesagt, es wird langsam Zeit für ein neues Modell, so ist es nun mal, nichts hält ewig, ach ja.
Ja nichts, bis auf einen gut in Schuss gehaltenen, fast unversehrten Körper, der leider nicht so ohne Weiteres aufgab, und für den so manche Kreaturen, die vielleicht oder auch ganz bestimmt hier unten umherwanderten, eine kreative Verwendung finden konnten, rein theoretisch gesehen, oder auch praktisch, wie er nur zu gut wussste. Der Benzintank des Motorrads war noch zur Hälfte voll, aber es nutzte nichts, jetzt, ohne Feuerzeug.
Noch ist Polen nicht verloren, dachte er, bis zum nächsten Ausgang sind es vielleicht zwei Kilometer. Dann ist bestimmt Mittag ... Er zog das Jagdmesser, legte es sich auf die Brust und ruhte sich erst einmal aus.
Nach einiger Zeit kam er wieder zu sich, denn er hatte Schritte gehört, zunächst weit entfernt, dann immer näher. Es war auf jeden Fall jemand mit zwei Beinen, und mit einer Taschenlampe, wie er bald ausmachen konnte. Mal angenommen, derjenige hätte einen Krückstock bei sich... Ja genau, träum weiter ...

Der Zweifbeiner - es war ein Mensch - kam in fünf Schritten Entfernung zum Stehen und leuchtete ihm mit der Taschenlampe ins Gesicht. Es war Peter.
***

In Peters Laden war es diesmal sehr warm. Das schmutzige Kleinkind war nicht zu sehen, aber es war da, irgendwo - das konnte Fox riechen - wahrscheinlich war es ins Bett gebracht worden. Natascha war jedenfalls auch da, und wach, sie saß mit dem großen Kolja vor dem Kachelofen, vor Koljas "Inkubator", wie Fox sich vorstellte, mit dem Drachenei an der prominenten Stelle, ganz in der Mitte, und unterhielt sich mit ihm leise, auf Russisch, über dessen letzes Abenteuer. In Koljas Erzählung kam Fox das Ganze wie ein  Märchen vor, weit entfernt von der Realität. Er würde gern dies oder das berichtigen, war aber zu müde und - was soll‘s. So gut war sein Russisch auch wieder nicht.
Peter hockte sich vor ihm hin und sagte mit einer besorgten Stimme - Es wird schon. Es wird schon,  Sie brauchen nur etwas Blut, nicht wahr? Dann ist alles in Butter.
- Was ich brauche, ist ein Feinmechaniker, sagte Fox.
- Wissen Sie, dieser Tattoladen hier, - ist noch nicht alles, sagte Peter. Ich bin hauptberuflich Künstler ...
- Aha.
- … arbeite mit Metall. Später, ich meine irgendwann einmal, könnten Sie mein Werk im Innenhof angucken. Na ja jedenfalls - lassen Sie es mich mal sehen, gut?
Fox schnallte seine Prothese ab und reichte sie weiter.
- Inzwischen … wollen Sie vielleicht duschen? Natascha hat einen Eimer Wasser warm gemacht.
Fox schaute zu Natascha hinüber. Sie senkte ihren Blick.
- Passen Sie auf. Ich helfe Ihnen. So ist es gut.
Mit dem warmen Wasser konnte er das ganze eingetrocknete Blut und die feine Schicht Asche, die von der Weihwasser-Attacke auf seiner Haut kleben geblieben war, nach und nach abwaschen.
- Peter!, rief Fox. - Peter!
Peter steckte seinen Kopf in das kleine Bad. - Ist was? Brauchen Sie Hilfe?
- Schauen Sie mal. Schauen Sie mal her.
- Und?
- Die Tattoos sind weg. Ich meine ₋ das hat doch was gebracht, oder?
- Nun ...Tatsache, weg. Alles ...
- Nun geht alles von vorn, wie? Alles von vorn.
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