Darkness Embrace Her

OneshotFamilie, Fantasy / P12
28.01.2018
28.01.2018
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»Darkness Embrace Her« ist eine autorisierte Übersetzung aus dem Englischen.

Autor des Originals: SpellCleaver
Das Original: Bitte hier klicken!
Altersempfelung: P12
Protagonisten: Rhiannon Crochan, Manon Blackbeak, Mutter Blackbeak
Kapitelanzahl: 1
Genre: Fantasy, Familie
Anmerkung(en): In diesem OS befinden sich Spoiler für den im Deutschen noch nicht erschienenen Band 5 der Throne of Glass-Reihe, Die Sturmbezwingerin. Wenn Spoiler euch nicht kümmern oder ihr den Teil bereits gelesen habt, schaut doch mal rein!

Reviews sind gern gesehen. Falls ihr Verbesserungsvorschläge habt oder einen Rechtschreibfehler, etc. entdeckt, sagt mir Bescheid. :)


Während Rhiannon Crochan, die letzte reinblütige Erbin der Crochan-Königinnen, regungslos auf dem Tisch in der Folterkammer lag, die böse Großmutter ihrer Halbschwester mit gefletschten Eisenzähnen über ihr, dachte sie an ihren Vater.

Ihren Vater, ihren sanften, ruhigen, energischen Vater, der sie in ihrer Kindheit abgöttisch geliebt hatte, als ihre Mutter gestorben war, der eine seiner weiblichen Crochan-Freunde dazu veranlasst hatte, eine Zeremonie zur Verleihung ihres scharlachroten Mantels nach ihrer ersten Blutung abzuhalten, der ein Jahrzehnt verschwunden gewesen war, als sie alt genug war, für sich selbst zu sorgen. Sie hatte solche Angst um ihn gehabt und es hatte sich angefühlt, als sei ihr Herz – der feste, klopfende Muskel, über den man munkelte, dass die Ironteeth ihn nicht besaßen – um ein Tausendfaches leichter geworden, als er zurückkehrte, ihr Komplimente zu ihrer unsterblichen Schönheit machte, sie in seine Arme schloss und sie herumwirbelte. Sie hatte überglücklich gelacht, doch ihm feierlich zugehört, als er ihr erzählte, wo er gewesen war.

Als er ihr erzählte, dass er einer Ironteeth-Hexe – der Erbin des Blackbeak-Clans – begegnet war und sich in sie verliebt hatte, nicht minder.

Sie hatte ihn für seine Dummheit beschimpft, so sehr, dass eine der jungen Hexen hereingekommen war, um zu fragen, ob etwas nicht stimmte. Schnell und effizient hatten sie ihre Sorgen zerstreut, hatten ihr versichert, dass alles gut sei, doch Rhiannons Wut war noch nicht abgeflaut. Sie war weit davon entfernt.

Er war ihr Vater. Er sollte der Vernüftige sein, der Prinz, der sich niemals beeinflussen lassen sollte, der niemals ihrem Volk und ihrer Blutlinie, die er zu beschützen geschworen hatte, mit etwas ansatzweise Schlechtem schadete. Und nun war er abgehauen, um jemanden zu umwerben, ohne es auch nur einer Seele zu sagen und hatte sein unbezahlbares, zerbrechliches Herz an ein Blackbeak-Miststück verloren, die es ihm lieber aus der Brust reißen und sein königliches Blut von ihren götterverdammten Nägeln lecken würde als seine Zuneigung zu erwidern. Die eher zusehen würde, wie das Leben aus seinen erdfarbenen Augen – denselben Augen wie die Rhiannons – rann, nachdem sie seinen Bauch aufschneiden würde, als auch nur darüber nachzudenken, das Bett mit ihm zu teilen.

Es war falsch von ihr, das zu denken; wenigstens teilweise. Es war falsch von ihr zu denken, dass die Frau, der er verfallen war, ihm nicht alles geben wollte, was sie konnte oder dass sie ihn nicht im Gegenzug nicht auch über alles lieben konnte und nicht irgendwie eine Art von Friedensverhandlungen zwischen ihren Völkern sicherstellen wollte. Doch sie hatte nicht Unrecht damit zu denken, dass man, wäre es jemand Anderes als diese Frau gewesen, ihrem Vater die Kehle herausgerissen hätte.

Sie wollte sich nicht ausmalen, was hätte passieren können, wäre nicht sie es gewesen. Es war schlimm genug, dass sie sich verstecken mussten, da Sterbliche und Ironteeth gleichermaßen sie bis zur Auslöschung jagen wollten; sie brauchte nicht auch noch ihren Vater zu verlieren.

Als sie das hörte, brachte sie ihre Protestrufe zum Verstummen, und willigte ein, dem Rest der grauenhaften Geschichte ihres Vaters zu lauschen, wie sich die Beiden irgendwie von Räuber und Beute zu zwei unglückseligen Liebenden entwickelt hatten, wie in den Klagegesängen der Fae, die das Land in den besseren Zeiten noch immer heimsuchten.

Die Blackbeak-Erbin war schwanger geworden, sagte ihr Vater ihr mit glühenden Augen. Sie war schwanger von seinem Kind. Die Blackbeak-Erbin (denn Rhiannon, Halbschwester oder nicht, weigerte sich, ihren geschworenen Feind beim Namen zu nennen, sie hatte Angst, auch nur zu versuchen, die Silben zu wiederholen, die ihrem Vater mit einem ehrfürchtigen Seufzer von den Lippen gingen, eine Weise, auf die sie ihn seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr gesehen hatte) würde ein götterverdammtes Baby haben und sie würden es Manon nennen. Und ihr Vater hatte die Hexe zu ihrem Klan zurückgeschickt, weil er wusste, dass sie ein Hexenkind niemals töten würden, ungeachtet ihrer Blutlinie. Hexenkinder waren wertvoll, sie waren heilig, und wurden vom gesamten Klan beschützt. Die Blackbeaks würden das Kind nur als eine der ihren aufziehen, doch die Mutter würde sich die Ohren zuhalten, um von ihrem Hass nicht vergiftet zu werden. Sie würde ihr die Wahrheit zuflüstern: dass sie nicht ohne Herzen geboren wurden, dass sie sie liebte und dass eine Crochan zu hassen oder zu töten ein ebenso großes Verbrechen war, wie eine weitere Blackbeak zu hassen oder zu töten.

Sie hatten es alles geplant; ihr Vater und das Blackbeak-Miststück würden ihre Tochter, die Hexe, die von Veteranen beider Seiten eines Krieges, der das Land zerrissen hatte, abstammte, zu einem Kind des Friedens erziehen. Ein Kind, das die Welt ändern konnte.

Doch alles ging schief. Natürlich fuhr alles zur Hölle.

Denn die Großmutter ihrer Halbschwester – die Klanmutter der Blackbeaks und eine der drei Oberhexen der Ironteeth-Klans hatte von diesem Plan erfahren. Und hatte sie alle verdammt.

Sie würde ihre Enkelin, die Tochter ihres größten Feindes, formen, aber nicht zu einem Kind des Friedens, sondern einem Kind des Krieges, hatte sie an dem Tag geschworen, als sie ihre unsterbliche Schönheit noch hatte. Sie hatte geschworen, der gesamten Königsfamilie der Crochan damit ins Gesicht zu spucken, dass sie einen der ihren bei sich aufnahm und sie zwang – nein, sie darin ausbildete – ihr eigenes Volk abzuschlachten. Sie würde ihr beibringen, keine Gnade oder Liebe zu verspüren; sie würde ihr beibringen, nichts zu fühlen.

Und Rhiannon wusste es. Sie wusste es aus erster Hand, da sie bei ihrem Vater gewesen war, außer Sichtweite und in Sicherheit, als diese Schlampe ihn mit ihren Nägeln aufgeschlitzt und sein blaues Blut getrunken hatte. Er hatte sie angefleht, nichts zu sagen, und sie hatte gehorcht, wenn sie doch nur erstarrt vor Schrecken angesichts des Anblicks, der sich ihr bot, war.

Diese götterverdammte Klanmutter hatte ihren Vater über alles verspottet, was er gehofft und wofür er gestanden hatte. Sie hatte seinen Bauch mit ihren Nägeln aufgeschlitzt und hatte zugesehen, wie er ausblutete, während sie die saphirblaue Flüssigkeit, die wie Frost an ihren Nägeln haften blieb, prüfend betrachte. Dann hatte sie geredet.

Und Rhiannon musste einen Schrei ersticken.

Die Blackbeak-Erbin hatte letzten Endes ihr Kind zur Welt gebracht Blackbeak. Nach Monaten endloser Verhörungen seitens ihrer Mutter – nein, der Klanmutter, denn Ironteeth stellten die Loyalität dem Klan gegenüber über Blutbande – über die Identität des Vaters, hatte das Miststück ihr Kind zur Welt gebracht. Die Klanmutter der Blackbeaks hatte die Geschichte mit großem Genuss erzählt, wie ihre Tochter geschrien und geschrien hatte, als die junge Manon brüllend aus ihr herauskam, ihre Schmerzensschreie schollen über die Baumwipfel des Oakwalds hinweg. Wie sie ihre Tochter inmitten der Wehen gefragt, ein letztes Mal, wer der Vater war, und die Frau hatte, in ihrem Schmerz, gestanden.

Sie hatte gestanden, dass ihr Liebhaber – nicht ehemaliger Liebhaber, denn sie waren immer noch Partner – ein Crochan-Prinz war, einer der wenigen, die geboren noch worden war. Außerdem hatte sie gestanden, dass er ihr gezeigt hatte, dass sie tatsächlich ein Herz besaß, weil sie es ihm gestohlen hatte. Er hatte ihr beigebracht, dass ihre Mutter eine Lügnerin war und eine Manipulatorin und dass sie ihre Loyalität keine weitere Sekunde lang verdiente. Sie hatte gestanden, dass sie hofften, dass ihr Kind – die einzige Hexe auf der Welt mit vermischtem Blut – der Schlüssel zum Frieden war. Sie hofften, dass sie ihrer beider Völker zurück ins lang verlassene Königreich der Hexen führen und den Fluch brechen würde.

Die Klanmutter hatte gelacht, ein dunkles hämisches Lachen, als sie von der Schwäche ihrer Tochter sprach und dass sie sich, erschöpft, wie sie von den Wehen war, nicht einmal wehren konnte, als die Klanmutter ihre Enkelin zur Erbin erklärte, und der Mutter des Hexenkindes vor seinen Augen die Kehle durchschnitt, wenngleich das Kind damals zu jung war, um es zu realisieren.

Und schließlich hatte die Klanmutter die Augen ihrer Enkelin beschrieben: nicht gesprenkelt mit den edlen Goldtupfern, die ihr Volk so schätzte, sondern von einem Gelb wie bei zwei polierten Kupfermünzen. Sie grübelte laut, während der Vater seiner Enkelin zu ihren Füßen ausblutete, ob es zufällig war oder ein Ergebnis ihrer vermischten Blutlinie.

Und schließlich, während der Crochan-Prinz seinen letzten, zitternden Atemzug tat, sah die Klanmutter nur desinteressiert zu, als er umkippte und mit ausdruckslosen, leeren Augen dalag. Als letzte Demütigung spuckte sie auf die abkühlende Leiche und ging dorthin, wo ihr Eisenholzbesen bereits wartete.

Rhiannon hatte lediglich gefühlte Stunden dagesessen. Sie fand nicht den Willen, sich zu bewegen.

Nun, während sie in dasselbe hasserfüllte Gesicht starrte, wusste sie, dass es ihr Ende war. Es war der gleiche Moment noch ein ganz von Neuem; die Klanmutter der Blackbeaks, die die Kontrolle hatte, und das sagte, was ihr Opfer zerstören würde, wie ein Räuber, der es genoss, seine Beute am Haken zappeln zu sehen.

Auf Kosten der verschwundenen Magie hatte ihr Gesicht Falten bekommen und ihr tintenschwarzes Haar, dunkler als die Düsternis, die sie erwartete, war von silbernen Strähnen durchzogen, doch es war noch immer dasselbe Gesicht. Noch immer dieselbe Aussicht, wieder und wieder.

Ihre Finger schmerzten dort, wo dieses Miststück sie gebrochen hatte. Ihre Zähne schmerzten dort, wo dieses Miststück sie abgebrochen hatte. Ihr Gesicht schmerzte, ihre Glieder schmerzten, ihr Kopf schmerzte – das Miststück hatte sie gebrochen. Unbehebbar und unwiderruflich.

Sie schloss die Augen. Sie würde sterben. Sie würde ihren Vater niemals stolz machen.

»Weißt du, ich bin neugierig«, sagte nun die Klanmutter. Rhiannon öffnete die Augen, um zuzuhören. »Warum würde sich eine hübsche Crochan wie du ins Herz der Ironteeth-Festung wagen, wenn du weit, weit weg von hier sein könntest? Es wäre sicherlich eine weisere Entscheidung.« Sie hob Rhiannons rechte Hand und betrachtete die gebrochenen Finger dort prüfend, die auf eine solch groteske Weise verkrümmt waren, dass der Crochan allein vom Anblick schon übel wurde. Ihr Griff um das Messer wurde fester. »Antworte mir«, knurrte sie.

Das Messer richtete sich auf ihren kleinen Finger.

»Nein!«, schrie Rhiannon. Sie würde ihren Vater niemals stolz machen sie würde ihren Vater niemals stolz machen sie würde ihren Vater niemals stolz machen. Sie musste leben. »Bitte.« Ihre Stimme brach und sie schluckte kurz, im Versuch, etwas Feuchtigkeit in ihre lange ausgedörrte Kehle zu bekommen. »Ich bin gekommen, um Manon Blackbeak auszuspionieren.«

Die Klanmutter hielt inne und ließ Rhiannons Hand fallen. Sie prallte gegen ihren Bauch, der mit Wunden übersät war, und Rhiannon hatte nicht einmal die Kraft zusammenzuzucken, während mehr blaues Blut auf den steinernen Foltertisch sickerte. »Oh?«

Rhiannon nickte heftig und wimmerte, als die Tat die Wunde an ihrem Schlüsselbein sich verschlimmerte. Sie wartete darauf, dass ihr Kopf sich klärte, ehe sie fortfuhr. »Sie ist die verlorene unseres toten Prinzen – des Prinzen, den Ihr ermordet habt. Sie ist – sie ist meine Halbschwester.«

Die Klanmutter war nun vollkommen still. »Oh?«, wiederholte sie, die dunklen Augen glommen. »In der Tat.«

Ich muss leben. Würde die Klanmutter sie mit diesem Wissen verschonen?

»Wie lautet dein Name, Mädchen?«, erkundigte sich die Klanmutter.

»Rhiannon«, stieß sie hervor, fast schon schluchzend vor Erleichterung. Gnade. Das götterverdammte Miststück ließ ihr Gnade zuteilwerden. »Nach –«

»Der letzten Crochan-Königin; ich weiß, ich weiß.« Die Klanmutter winkte gereizt mit der Hand. »Es ist nicht so schwer zu erraten.« Eine Pause, dann das Lächeln der Klanmutter, genauso tödlich und blendend wie das Blitzen eines Dolches, wenn er zurück in seine Scheide glitt. »Nun denn, Rhiannon Crochan«, gurrte sie. »Ich denke, es ist an der Zeit, deine Schwester zu treffen, oder?«

Rhiannon hatte nicht einmal Zeit, ihren Fehler zu erkennen, bevor Dunkelheit sie einhüllte.


Das, was sie am meisten störte, waren nicht die Reihen um Reihen voller Ironteeth – ein Haufen eklatanter Mörder –, sondern der Applaus. Applaus für etwas Ungeheuerliches wie Kampfspiele.

Von ihrer Position im Speisesaal aus konnte sie, flankiert von drei Bestien der Yellowlegs und größtenteils verborgen von der Menge, gerade die feiernden Hexen sehen, die Krüge voll Bier hinunterspülten und die Zähne bleckten, wenn auch nur irgendein Menschenmann ihnen zu nah kam. Sie schauderte – ihr Kopf hämmerte noch immer dort, wo die Klanmutter sie mit einem Stein außer Gefecht gesetzt hatte –, aber dann zog ein weißer Blitz jäh ihre Aufmerksamkeit auf sich und sie kniff die Augen zusammen, während sich ihre Augenlinsen anpassten, um sich auf die Szene zu fokussieren.

Eine atemberaubend schöne Hexe mit Haar wie der Mondschein saß inmitten einer Gruppe von zwölf Hexen. Die Art und Weise, wie sie zu ihr sahen und wie die zwei, die am dichtesten bei ihr saßen, – eine Hexe mit Haaren so hell wie die Sonne und eine weitere, die mit ernster Miene dasaß – sich unentwegt misstrauisch umsahen, als seien sie dazu bestimmt, sind zu beschützen, verriet, dass sie das Sagen hatte. Die blonde Hexe, die ihr Haar zur Hälfte zu einen widerspenstigen Zopf geflochten hatte, beanspruchte den Krug der Anführerin, bevor diese es konnte, und nahm einen tiefen Zug. Sie atmete ein, dann richtete sie beim Ausatmen einige abgehackte Wörter an ihren Schützling. Das Gesicht der Anführerin verlor seinen verärgerten Ausdruck und sie nickte dankbar.

Rhiannon konnte nicht anders, als das seltsam zu finden. Seltsam, dass man innerhalb der Reihen der Ironteeth solch eine Art von Treue und Hingabe finden konnte.

Dann bedeutete die blonde Hexe der Anführerin mit den elfenbeinfarbenen Haaren zur Vorderseite des Raumes zu gehen, wo die drei Klanmütter standen – und Rhiannon. Ihr Herz begann schneller zu schlagen.

Die weißhaarige Hexe stand regungslos vor den Klanmüttern, zwei Finger als Zeichen des Respekts an eine Braue gedrückt. Ein Zeichen des Gehorsams. Der Disziplin. Der Grausamkeit.

Alles, was diese Miststücke wertschätzten. Rhiannon verkniff sich ein höhnisches Lächeln, das mit ihren abgebrochenen Zähnen sicherlich höllisch wehtun würde.

»Willkommen, Schwarmführerin«, sagte die Klanmutter der Blackbeak und ohrenbetäubende Beifallsrufe übertönten Rhiannons Knurren. Selbst die Yellowlegs-Wachen, deren Griffe die Blutzufuhr an ihren Handgelenken abschnitten, brachten die Wände zum Wackeln, wenn auch nur mit wenig Begeisterung, und sahen die Hexe mit Verachtung und beinahe unverhohlenem Hass an. Nur die Schwarmführerin selbst und die zwölf Hexen, mit denen sie zusammengesessen hatte, blieben still und das auf eine kühle, unbeteiligte Weise, die Rhiannon mehr Angst einjagte, als der gesamte Rest der Halle zusammen.

»Was für ein Geschenk können wir dir geben, was für eine Krone können wir dir aufsetzen, um zu würdigen, was du für uns tun wirst?«, grübelte die Klanmutter der Blackbeaks. »Du hast ein feines Schwert, einen furchterregenden Zirkel« – die blondhaarige Hexe und die anderen, die allesamt ruhig blieben, grinsten – »was können wir dir sonst noch geben, das du nicht schon besitzt?«

Ein feines Schwert, ein furchterregender Zirkel … Jetzt wurde ihr alles klar. Das weiße Haar, die Farbe der Spinnenseide, die auf dem kaputten Flügel ihres Wyvern schimmerte; die Ironteeth-Hexe – die Schwarmführerin – war der Weiße Dämon; die Hexe auf Platz eins ihrer Liste derer, die man sofort töten sollte.

Rhiannons Blut wurde kalt.

Die Schwarmführerin neigte den Kopf. »Es gibt nichts, das ich mir wünsche, außer der Ehre, die du mir bereits erwiesen hast.«

Dann lachte die Klanmutter der Blackbeaks und als ihr Gelächter verklungen war, sagte sie verschlagen: »Wie wär's mit einem neuen Umhang?«

Rhiannon zog ihren scharlachroten Umhang instinktiv enger um sich. Die Yellowlegs-Wachen spotteten und grinsten über ihre sichtliche Angst. Es war klar, dass sie nicht die Einzige war, die verstanden hatte, was diese götterverdammte Klanmutter plante.

Da richtete sich die Schwarmführerin auf und Rhiannon hatte einen guten Blick auf ihre Augen. Sie hatten die Farbe von geschmolzenem Gold; die Farbe des Sonnenuntergangs, der auf dem Wasser glitzerte.

Der Anblick raubte ihr den Atem. Augen, nicht gesprenkelt mit den edlen Goldtupfern, die ihr Volk so schätzte, sondern von einem Gelb wie bei zwei polierten Kupfermünzen.

Dies war ihre Schwester. Die Schwarmführerin der Ironteeth-Clans war Rhiannons Halbschwester, diejenige, die sie seit dem Tag des Blutvergießens vor hundertsechzig Jahren suchten. Dies war Manon Blackbeak, die Furcht einflößendste Zirkelanführerin, der Weiße Dämon – und diejenige, die den Befehl für Rhiannons Tod geben würde.

Sie konnte sich die wilde Freude auf dem Gesicht dieser verdammten Klanmutter nur zu gut vorstellen.

Doch in Manons Gesicht war Unsicherheit. Dort war Unsicherheit und ihr Herz machte einen Hüpfer bei dem Gedanken daran, dass diese Mörderin vielleicht doch wusste, wann Schluss war. Vielleicht war das Blut ihres Vaters doch nicht vergeudet worden und das Blut dieses Blackbeak-Miststücks so stark verdünnt, dass es machtlos war.

»Deiner sieht ziemlich abgetragen aus«, fuhr Manons Großmutter fort, dann wurde Rhiannon vorwärtsgestoßen und sie stolperte und alles schmerzte und nun war sie nahe genug dran, um zu ihrer Schwester zu gehen und sie zu berühren, wenn sie nur gewollt hätte, wären da nicht Eintausend Nägel, die ihr die Kehle aufschlitzten, ehe ihr das gelang. Sie bekam den nächsten Satz beinahe nicht mit. »Hier ist also unser Geschenk an dich, Schwarmführerin: ein neuer Umhang.«

Mittlerweile hatten sich die Leute, die sich um Manon gedrängt hatten, durch die Menge gekämpft und es war unerträgliches, hungriges Keuchen zu hören, während die gesamte Bevölkerung der Ironteeth sie ansah und bei ihrem Anblick beinahe speichelte. Sie wurde vor ihrer Halbschwester auf die Knie gezwungen, die sie kühl betrachtete. In ihrem Gesicht war kein Anflug von Reue oder Bedauern, aber auch kein Blutdurst.

»Ein Geschenk«, sagte die Klanmutter nun. »Meiner Enkeltochter würdig.« Rhiannon zuckte beinahe zusammen; es war ein verbaler Schlag. Ihre Enkeltochter. Manon war ihrs. Sie würde niemals den Crochans angehören. »Töte sie und nimm dir einen neuen Umhang.«

Es lag nun bei Manon, entschied Rhiannon. Falls ihre Schwester sich entschloss, keine wehrlose Crochan zu töten, dann wäre dies das Einzige, was ihr genügend Hoffnung geben würde, um danach weiterzuleben, im Wissen, dass sie nicht mit einem Monster verwandt war. Doch wenn Manon ihr die Kehle durchtrennte … Nun, sie würde lieber sterben, als dieses Miststück ihre Schwester zu nennen.

In Manons Augen erkannte sie die Intelligenz, das Funkeln, das ihr sagte, dass sie begriff, dass etwas Herausforderndes in den Worten ihrer Großmutter lag – wenngleich es eine Herausforderung war, die Rhiannon nicht erfassen konnte. Der Weiße Dämon zog dennoch seinen Dolch und die hellhaarige Hexe – ihre Zweite, begann sie zu begreifen – trat näher.

Ein Augenblick verstrich. Zwei. Rhiannon begann zu hoffen.

»Wenn es dir beliebt, Manon«, gurrte die Klanmutter und Rhiannons Herz sank, als sie das Licht in Manons Augen erlöschen sah. Sie würde dies nicht ausschlagen; sie würde sich ihrer Großmutter nicht widersetzen.

Gehorsam. Disziplin. Grausamkeit. Das war alles, was sie war.

Und so hob Rhainnon, die nicht kampflos sterben wollte, das Kinn und lachte leise. »Manon Blackbeak«, sagte sie, obwohl ihre Stimme brach und ihr Hals schmerzte. »Ich kenne dich.«

Sie entnervte ihre Schwester, das wusste sie. Doch der Griff um den Dolch blieb fest und ihre Zielstrebigkeit blieb unerschütterlich. Sie zuckte auf den Ruf hin nicht zusammen: »Bring das Luder um!« Manon hob lediglich die Augenbrauen – tat aber nichts.

Also fuhr Rhiannon fort. »Weißt du, wie wir dich nennen?«, fragte sie und ein Stechen und ein heißer Schwall aus Blut schoss hervor, als ihre Lippe beim Lächeln aufplatzte. Sie schloss die Augen, plötzlich wollte sie ihre Augen nicht mehr auf sich spüren – das Erbe zweier großer und mächtiger Völker –, die über ihr Gesicht schweiften. »Wir nennen dich den Weißen Dämon. Du stehst auf unserer Liste – der Liste mit euch Monstern, die man sofort töten soll, wenn man ihnen jemals begegnet. Und du …« Sie öffnete die Augen und grinste, in ihren letzten Momenten erfasste sie der Mut. »Du stehst auf Platz eins dieser Liste. Für alles, was du getan hast.«

»Es ist mir eine Ehre«, antwortete ihre Halbschwester. Doch die monotone Stimme war wie das Donnern der See; bedeutungslos, obligatorisch, unaufhaltsam. Sie sagte es, weil sie musste.

Nicht, weil sie es wollte.

»Schneid ihr die Zunge heraus!«, rief jemand im Publikum. Sogar Manons Zweite zischte ihr zu, ihrem Leben ein Ende zu setzen.

Manon ließ den Dolch schnellen. Und Rhiannon lachte, es kümmerte sie nicht länger, dass Blut aus ihr herausströmte. Sie hatte sich damit abgefunden, dass sie sterben würde.

Zumindest würde sie ihren Vater wiedersehen.

Und so hielt Rhiannon Manons festem Blick und sagte: »Sieh mich an, solange du willst. Sieh dir an, was deine Schwestern mit mir gemacht haben.« Sie spuckte ihr die Worte entgegen. »Wie schmerzhaft es für sie sein muss zu wissen, dass sie mich am Ende doch nicht brechen konnten.« Sie hielt inne und Manon blieb still. »Weißt du, was das hier ist, Manon Blackbeak?«, fragte sie. »Ich weiß es nämlich. Ich habe gehört, was du während eurer Kampfspiele getan hast.«

Oh, sie hatte solche Hoffnung, solch närrische Hoffnung, dass ihre Schwester vielleicht bereit war zu verstehen, dass sie nicht herzlos war. Aber womöglich begriff sie es doch. Ihre Worte sollten nicht dafür sorgen, dass ihre Schwester sie verschonte, oh nein; sie akzeptierte den Tod. Sie sollten sich in Manons Kopf prägen sie und sie vielleicht irgendwann – irgendwann – auf den richtigen Pfad führen.

»Das hier« – sie hob die Stimme, damit es alle Welt hören konnte – »ist eine Mahnung. Mein Tod – meine Ermordung durch dich – ist eine Mahnung. Nicht für die da«, hauchte sie und da sah sie das Flackern von Unentschlossenheit in Manon Augen. »Sondern für dich. Eine Mahnung dafür, was sie aus dir gemacht haben. Du würdest zu dem gemacht, was du bist.«

»Willst du das große Geheimnis der Crochan wissen?« Sie hätte jetzt nicht aufhören können zu reden, selbst wenn sie gewollt hätte. »Unsere große Wahrheit, die wir euch verheimlichen, die wir mit unserem Leben schützen? Nicht, wo wir uns verstecken oder wie man den Fluch über das frühere Hexenreich lösen kann. Ihr habt die ganze Zeit gewusst, wie man ihn lösen kann – ihr wisst seit fünfhundert Jahren, dass eure Rettung allein in euren Händen liegt. Nein, unser größtes Geheimnis ist, dass wir Mitleid mit euch haben.«

Stille im Raum. Nicht einmal Manons Zweite hohnlächelte ihr zu. Doch niemand rührte sich.

»Wir haben Mitleid mit euch, mit jeder einzelnen von euch. Wegen dem, was ihr mit euren Kindern macht. Sie kommen nicht böse zur Welt. Aber ihr zwingt sie zu hassen und zu verletzen und zu töten, bis nichts mehr in ihnen übrig ist – in euch übrig ist. Deswegen bist du heute Abend hier, Manon. Wegen der Gefahr, die du für das Ungeheuer darstellt, das du deine Großmutter nennst. Wegen der Gefahr, die du darstellst, weil du dich für Barmherzigkeit entschieden und das Leben der Rivalin gerettet hast.« Sie schnappte nach Luft und freute sich beinahe, dass sich bei den Worten etwas in ihr aufschloss, während Tränen ihre Wangen hinabliefen. Wenigstens konnte sie ein letztes Mal weinen; sie hatte es eine Ewigkeit lang nicht getan. »Sie haben euch zu Ungeheuern gemacht. Gemacht, Manon. Und deswegen haben wir Mitleid mit euch.«

»Schluss jetzt«, brüllte die Klanmutter schließlich. Rhiannon schloss die Augen. Sie hatte gesagt, was gesagt werden musste. Und ihre Schwester hatte ihr nicht geglaubt. In ihr war eine Unsicherheit, doch kein Gefühl der Entschlossenheit.

Sie würde weiter ein Monster sein und niemand würde das jemals ändern können.

Rhiannon hob ein letztes Mal den Kopf und nahm den Anblick ihrer Schwester in sich auf, stark und mächtig und kämpferischer als jeder Mensch, dem sie jemals begegnet war. Sie dachte sehnsüchtig daran, was in einem anderen Leben hätte sein können, wo sie gemeinsam auf Eisenholzbesen hätten fliegen und lachen und leben und lieben können. Sie sehnte sich nach diesem Leben.

Womöglich wäre dies der Ort, an den sie gehen würde, wenn sie starb.

»Tu es«, flüsterte sie und sie wusste, dass Manon es als Bitte verstand.

Sie war froh darüber, wie schnell es passierte. Sie hatte kaum Zeit, ihre Gedanken zu ihren verlorenen Eltern abschweifen zu lassen, die sie bald begrüßen würde, ehe Manon ihren Kopf bei den Haaren zurückriss und ihr die Kehle aufschlitzte.

Und als sie zu Boden sank, während sie an ihrem eigenen Blut erstickte, ließ sie sich von der Dunkelheit einhüllen. Es gab ohnehin nichts, was sie auf dieser Welt tun konnte.
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