Von Königsberg bis zu den Karpathen

GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P18
27.01.2018
11.04.2018
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Dobsch, der 23. Februar 1847

Es ist Nacht und wir sind in Dobsch, einem kleinen Örtchen kurz vor Bromberg.
Die Fahrt verlief heute ohne Ereignisse. Außer uns war nur ein Amtmann in der Kutsche, der aber die ganze Zeit gelesen hat, zuerst eine Zeitung und dann wohl Berichte.
Wir haben uns ebenfalls der Lektüre gewidmet, auch um ihn nicht zu stören, der Professor hat ein schmales Bändchen Cicero hervorgeholt und ich das Englischbuch.
Die Mittagsrast in Graudenz war leider so kurz, dass wir uns nichts von der schönen Stadt ansehen konnte, obwohl ich gerne die Kornspeicher besucht hätte, die ja gar nicht weit von der Poststation gelegen sind, denn die Tante hat ein Gemälde davon, dass ich schon als kleiner Junge immer angeguckt und bewundert hatte.
Immerhin kamen wir nach dem Mahl (Pellkartoffeln mit Quark und Schnittlauch) im Gasthaus "Vogelsang" durch das bekannte Wassertor, als wir weiterfuhren.
Weil die Sonne so schön schien, habe ich auch eine Strecke - bis zum nächsten Pferdewechsel - neben dem Kutscher auf dem Bock gesessen und die frische Luft genossen, aber dann bin ich wieder eingestiegen, denn es war doch noch kalt.
Hier in Dobsch haben wir unser Quartier im Gasthaus "Zum grünen Kranz" genommen, nachdem uns der Kutscher versichert hat, dass es ein reputierliches Haus ist.
Allerdings ist es eng und dunkel in meinem Zimmer, denn vor dem schmalen Fenster steht ausgerechnet eine Pappel, die voller Misteln ist, so dass sie auch jetzt in Februar fast belaubt erscheint.
Der Professor schläft eine Etage über mir, denn die anderen beiden Zimmer im Haus waren schon belegt. Nach dem Abendessen (erst eine klare Brühe, danach Glumse-Klöße mit Zimt und Zucker!) hat der Professor mir zuerst aus dem Cicero vorgelesen, damit ich übersetze.
Dann, als die anderen sich schon zurückgezogen hatten, hat er wieder eine Flasche Wein kommen lassen und mir nun von Marburg erzählt, wo er Zoologie studiert hat und zum ersten Mal von den Vampiren erfahren.
Ein Professor namens Herold, den mein Mentor sehr schätzte, hatte sich dort nämlich mit besonderer Hingabe den Fledermäusen gewidmet und bei deren Studium von Desmodus rotundus erfahren, einer Fledermausart aus Mittelamerika, die sich vom Blute verschiedener Herdentiere wie Rinder oder Schafe ernährt, aber auch Menschen beißt und dann das Blut aufleckt.
Abronsius, der zu diesem Zeitpunkt ja bereits Doktor der Medizin und überdies im Besitz des reichlichen Vermögens war, begann sich ebenfalls dafür zu interessieren, zumal er auch schon Forschungen zu den Eigenschaften des menschlichen Blutes gemacht hatte, vor allem in Bezug auf Risiken und Komplikationen bei Blutübertragungen.
Bei der Beschäftigung mit Desmodus rotundus und deren ungewöhnlicher Ernährungsweise hörte er auch auf einem Kongress, wie einige serbisch- und rumänischstämmige Tierkundler nach dem Vortrag Herolds scherzhaft von Vampirfledermäusen sprachen.
Der Begriff Vampir war Abronsius damals unvertraut, also sprach er die Kollegen an, und von ihnen erfuhr er zum ersten Mal von den gräßlichen Nachtgestalten. Als er gewahr wurde, dass es sich dabei um Menschen handele, die sich von Blut anderer ernähren, war sein Interesse geweckt.
In der Folgezeit bemühte er sich, die wenigen, verstreuten Berichte über das Phänomenon zusammenzutragen, doch mit der Zeit stieß er sogar auf einige europäische Kollegen, die ihre gesamte Tätigkeit diesem Thema verschrieben hatten. Von den Namen, die er mir nun nannte, schienen mir einige bekannt, aber vertraut war ich nur mit dem Aliboris.
Abronsius erklärte nun sein tiefes Bedauern, dass er ja Gelegenheit gehabt hätte, Alibori noch persönlich kennenzulernen, wenn er nur schon früher auf dessen Forschungen aufmerksam geworden wäre: Als Abronsius im Jahr 1817 von Vampiren erfuhr, lebte Alibori noch, doch mein Mentor hat von dem Schweizer mit Lehrstuhl in London erst 1821 Kenntnis erhalten, als dieser bereits im Sterben lag.
An dieser Stelle seufzte Abronsius tief und schwieg nun eine Weile. Als es kurz danach neun schlug, erhob er sich und meinte, nun sei es Zeit, zu Bett zu gehen, damit wir uns morgen wieder auf den Weg machen könnten.
Er verabschiedete mich mit der Berechnung, dass, wenn uns nicht wieder unvorhersehbares Unbill aufhalten würde, zwischen uns und dem erhofften Nachlass Aliboris nur noch eine Woche Reisezeit liegen würde.
Mit dieser Aussicht nahm ich mir vor, mich von nun an noch mehr dem Englischen zu widmen, um meinem Mentor auch recht assistieren zu können.
Vor dem Zubettgehen schreibe ich jetzt noch gleich einen kurzen Brief an die Tante, denn ich habe ich ja alle drei Tage Meldung versprochen und bin also schon im Rückstand.
Die Toilette und das Nachtgebet eingerechnet, werde ich wohl dennoch vor zehn die Augen zu tun.
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