Unten redet wer

KurzgeschichteDrama / P12
27.01.2018
27.01.2018
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Mein Beitrag zum Wettbewerb Mach was draus! Nr. 4, Runde 2.
Abkürzungen: URW (You are welcome) oder GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte)
Zusatzvorgabe: Der Satz „Geh nicht ins Licht“ muss vorkommen.

Unten redet wer.

Sie lag auf dem Bett. Ihre Augen waren geöffnet, ihr Blick auf den Wecker gerichtet, der auf dem Nachttisch stand. Angestrengt versuchte sie ihre Atmung zu verlangsamen und ihre Zerstörungswut zu zügeln.
Sie zog die Knie an den Körper.
Sie streckte die Beine von sich.
Sie warf sich auf den Bauch.
Sie drehte sich auf die Seite.
Sie wälzte sich auf den Rücken und starrte ins Halbdunkel. Ihre Füße stießen gegen das Bettende. Wie von selbst fanden ihre Zehen die Kerben im Holz. Abermals rollte sie sich zurück auf die Seite, mit ihrem Blick den Wecker streifend. Sie kniff die Augen zusammen. Ihre Ellenbogen waren ihrem Körper im Weg. Es war klar, dass sie nicht schlafen konnte und nun auch nicht mehr schlafen würde, aber sie fühlte, dass sie genauso wenig wach sein konnte. Sie drückte den Rücken durch, zog die Schulterblätter zusammen, ihre Muskeln spürend, und fand schließlich die Kraft den Oberkörper aufzurichten. Ihre Hand schnellte vor in Richtung Nachttisch, geleitet vom Leuchtdisplay des Weckers und kippte besagten auf dessen Vorderseite, sodass sie die Zeit nicht mehr sehen musste.
Sie stand auf.
Sie setzte sich wieder, nur um erneut aufzustehen, dieses Mal langsamer:
Erst die Beine über die Bettkante schwingen,
die Hände aufstützen,
das Gewicht verlagern,
sich nach oben drücken und auf die Beine stellen.

Sie atmete die abgestandene Luft. Ihre Hand fand den Lichtschalter mühelos und kalte Beleuchtung erfüllte den Raum. Sie öffnete das Fenster, zog das Bett ab, gab die Wäsche in die Maschine und stellte sie an. Dann verharrte sie für einige  Momente auf der Stelle. Langsam verlagerte sie ihr Gewicht abwechselnd auf die Fußballen und die Fersen, auf den rechten Fuß, auf den Linken und wieder zurück. Die Dielen waren kalt. Ihre nackten Sohlen fanden den abgewetzten Teppich und retteten sich darauf. Sie mochte den Teppich. Er gab ihrem Zimmer einen etwas schäbigen Eindruck, der ihr gefiel. Bücherregal, Kleiderschrank und Kommode, alle in dem gleichen Holz, waren akkurat aufeinander abgestimmt.

Auf dem Schreibtisch, ebenfalls Buche, neben den Papieren mit Kaffeerändern und auf den säuberlich gestapelten Büchern, derer sie überdrüssig geworden war, stand ein Zuckerstreuer. Sie ging hinüber und strich mit ihren Fingern behutsam darüber. Sie umfasste den Zuckerstreuer mit der Hand, hielt ihn vor ihr Gesicht und fixierte jede Wölbung, folgte jeder Linie seiner Form, betrachtete die einzelnen Körner in seinem Innern und wie sie sich bewegen, unter ihrer nicht ganz regungslosen Berührung. Ihre Augen spiegelten sich in seiner gläsernen Oberfläche.

Plötzlich spannte sie ihre Muskeln. Sie riss den Arm scharf nach hinten und holte aus. Bereit den Zuckerstreuer an der Wand zerschellen zu sehen. Doch sie hielt inne - wieder einmal - halb enttäuscht, halb stolz, und stellte den Zuckerstreuer bedachtsam zurück an seinen Platz. Noch nicht, dachte sie. Morgen. Sie ging hinüber zur Spüle, öffnete den kleinen Schrank darüber, holte daraus alle benötigten Utensilien hervor und kochte sich eine Tasse Kaffee.

Man musste immer drei Mal mit den Fingern gegen das Glas tippen, bevor man sich Zucker ins Getränk geben durfte. Erst den kleinen Finger, dann den Ringfinger, den Mittelfinger und zuletzt den Zeigefinger. Es musste die linke Hand sein und es musste ein ganz bestimmter Rhythmus eingehalten werden. Es musste außerdem ein sachtes Klopfen sein, die Zuckerkörner durften sich nicht bewegen, sonst musste sie von vorn beginnen. Sie süßte ihr Getränk, rührte es um, trank jedoch nicht daraus, sondern stellte die Tasse unberührt ab. Man musste den Zuckersteuer auf eine ganz bestimmte Art schütteln, oder vielmehr mit einer ruckartigen Bewegung des Armes nach vorne stoßen, um einige Zuckerkörner – so viele wie möglich - nach oben und durch die röhrenförmige Öffnung nach draußen zu befördern. Jedes Mal wenn ihr dies gelang, durfte sie sich einen Schluck ihres Kaffees nehmen.  

Die Gestalt der Zuckerdose erinnerte an eine Körperkontur. Ein dicker Bauch, der in dicke Beine überging, birnenförmig. Sie erinnerte sich an eine Frau, die sie einmal auf der Straße gesehen hatte. „Schau mal, die Dicke“, hatte sie bemerkt. „Wenn ich so aussehen würde, würde ich mich nicht auf die Straße trauen.“ Ihr Freund hatte entgegnet: „Es ist schon erstaunlich. Übergewichtig zu sein ist in unserer Gesellschaft eines der letzten anerkannten Ziele von Diskriminierung.“

Vielleicht sollte sie zunehmen, dachte sie. Wahrscheinlich wäre es das Beste dick zu werden. Sie sollte den Zuckerstreuer nehmen und seinen gesamten Inhalt in ihren Mund schütten, dann könnten andere Leute sie hässlich und fett nennen. Aber sie erkannte, dass das ein absurder Gedanke war und stellte den Zuckerstreuer eilig wieder zurück auf den Schreibtisch.  

Der Kaffee war geleert. Sie lag auf dem Bett. Der Becher war ausgespült. Alles war erledigt, was es zu erledigen gab, sie hatte sogar die Kaffeemaschine gereinigt. Wenn sie die Augen leicht zusammenkniff, konnte sie einzelne Unebenheiten im Putz über sich erkennen. Nichts geschah. Sie wartete darauf, dass die Decke näher kommen würde. Die kahle, weiße Zimmerdecke rührte sich nicht. Sie sollte näher kommen, sie sollte sich auf sie zubewegen, dann hätte das beklemmende Gefühl der Ausweglosigkeit, das sie verspürte, zumindest einen Grund.

Einmal hatte sie einen Freund gehabt, der sie geliebt hatte und sie hatte ihn geliebt. Aber dann hatte er einen Unfall gehabt und sein Gesicht war entstellt gewesen. Sie erinnerte sich wie sie ihn danach einmal besucht hatte. Er hatte das Licht ausgeschaltet gelassen, aus Angst, dass sie vor seinem Gesicht erschrecken würde. „Ich kann verstehen, wenn du mich nicht mehr schön findest. Wenn du mich nicht mehr liebst.“, hatte er gesagt, Tränen in der Stimme. „Es ändert nichts“, hatte sie geantwortet. Er hatte ihr erklärt was passiert war, dass sein Gesicht verbrannt war, dass er eine Operation, eine Gesichtstransplantation durchgestanden hatte. Er hatte im dunklen Zimmer gestanden, hatte Anstalten gemacht zur offenen Zimmertür und in den beleuchteten Flur zu treten. „Geh nicht ins Licht“, hatte sie gesagt, um ihn zurückzuhalten. „Ich will dich nicht sehen.“ Was sie gemeint hatte war: „Ich habe Angst.“

Aber letztendlich, dachte sie, war sie nicht einsam. Sie hätte ihn ohnehin irgendwann verlassen. Sie war nicht einsam, sie langweilte sich nur. Und alle unangenehmen Erinnerungen waren aufgebraucht, die sie sich gegen die Langeweile hätte ins Gedächtnis rufen können.

Sie lauschte dem Ticken der Uhr.
Sie atmete.
Unten redete wer. Sie lauschte den Stimmen der Nachbarn, die sie als undeutliches Raunen aus der Wohnung unter der ihren vernahm. Sie lauschte angestrengter, aber Worte waren nicht auszumachen. Im nächsten Moment entfaltete sich eine Kette von Handlungen wie von selbst: Sie erhob sich vom Bett. Sie legte sich flach mit dem Bauch auf den Fußboden. Aber noch immer konnte sie die Worte nicht verstehen. Sie setzte sich auf, robbte hinüber zur Wand und legte ein Ohr an die Mauer. Schall breitete sich über die Wände aus. Dort saß sie, das Ohr an die kahle, weiße Tapete gepresst und lauschte dem Gespräch der Nachbarn. Denn es gab sonst nichts zu tun.

Sie stellte sich vor, wie sie hinunter gehen würde. Sie würde beim Nachbarn klingeln und wenn er die Tür öffnete, würde sie ihn schlagen. Einfach so. Aber sie tat es nicht. Sie war insgeheim dankbar für dieses Gespräch. Der Gedanke: Unten lebte wer, war wertvoll. Doch nach einer Weile verstummte das Gespräch. Von unten kam kein Laut mehr. Jetzt hatte sie nichts mehr, um sich abzulenken. Der Drang etwas zu zerstören brandete an. Ihr Blick war auf den Zuckerstreuer gerichtet, der jetzt auf dem Nachttisch stand. Noch nicht, dachte sie. Aber es war verführerisch.

Schlagartig saß sie aufrecht, griff nach dem Zuckerstreuer und warf ihn mit voller Kraft gegen die Wand. Es war als beobachtete sie das Geschehen von außerhalb. Der Aufprall war eigentümlich geräuschlos. Zucker rieselte aufs Bett und den Fußboden. Scherben landeten weich auf der Matratze. Sie stieß die Luft aus. Ihr Arm war noch immer vom Wurf erhoben und sie senkte ihn langsam. Ein unsicheres Grinsen bildete sich auf ihrem Gesicht. Ein Laut entfuhr ihr. „Ha!“. Dann lachte sie. Sie war erleichtert. Sie war euphorisch. Sie war … bestürzt. Plötzlich schwer atmend, kauerte sie sich auf den Boden, versuchte die Scherben aufzulesen, kehrte mit der Handkante ein wenig Zucker zu einem kläglichen Häufchen zusammen.
Sie dachte an die Tage, die noch kommen würden. Wie sollte sie ihren Kaffee trinken? Wie sollte sie die Stunden füllen, wenn nicht mit dem inneren Kampf „zerstören oder nicht“?
Was sie herbei gesehnt hatte war passiert und das bedeutete, es konnte nicht noch einmal passieren.
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