Schlachtplan

GeschichteDrama, Freundschaft / P12
Ai Haibara / Shiho Miyano Conan Edogawa Kaito Kid / Kaito Kuroba Ran Mori Shuichi Akai Toru Amuro / Bourbon
25.01.2018
24.07.2018
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Er wusste, dass er nicht nutzlos war. Natürlich wusste er das. Er war schlau. Er konnte Rätsel lösen, die anderen auf ewig. Achtung schlechtes Wortspiel, ein Rätsel bleiben würden. Conan wusste, dass Shinichi wichtig war. Er wusste, dass Koruba ihn hatte loswerden wollen. Er wusste, dass nichts von dem, was der andere gesagt hatte, irgendeine Bedeutung hatte. Aber er war nicht in der Stimmung, differenziert zu denken. Stattdessen war er im Moment in der Stimmung, sich tatsächlich sehr nutzlos zu fühlen.

Er konnte durch die Wand Ran telefonieren hören. Gerne würde er sie jetzt anrufen, als Shinichi und ihr alles erzählen. Die abgemilderte Variante natürlich. Aber er wollte ihre Stimme hören, wie sie ihm sagte, dass sie an ihn glaubte.

Tat sie das überhaupt noch? Glaubte man noch überhaupt an jemanden, der sich seit zwei Jahren kaum noch meldete? Konnte man an so jemanden überhaupt noch glauben? War das Psychologisch möglich?

Conan vergrub sein Gesicht in seinem Kissen. Seine Schulter pochte rhythmisch zu dem Brennen seiner Augen. Er war verdammt noch mal nicht nutzlos. Aber wahrscheinlich war es ihm einfach nicht vergönnt eine Freundschaft aufzubauen. Vielleicht war er dessen auch gar nicht fähig. Vielleicht hatte Sonoko die ganze Zeit Recht gehabt. Er war im Weg gewesen. Und jetzt konnte er nur dabei zusehen, wie Koruba sich in etwas verbiss, was ihm das Genick brechen würde.

Er durfte sich nicht ruckartig bewegen, dachte er, während er seine Fingerspitzen über den Verband gleiten ließ. Kein Sport, kein schnelles Rennen, der Arzt hatte gesagt, dass man ihn am besten in Watte einpacken sollte.

Conan verzog die Lippen zu einem dünnen Strich. Er hätte aufpassen sollen, das wusste er natürlich. Aber alles woran er hatte denken können, war, dass schon wieder jemand unter seinen Arm verbluten würde. Und jetzt hatte er den Salat.

Shinichi wäre jetzt praktisch. Shinichi könnte wenigstens Koruba eine reihauen, ihn anschreien und ihn dann aus seinem Loch zerren. Shinichi war fast 18, war so groß wie der Magier und vielleicht ein wenig wacklig auf den Beinen, was nur verständlich war, wenn man innerhalb von Minuten 10 Jahre alterte, aber er war alles, was Conan eben nicht war.

Und vielleicht würde Koruba auf ihn hören. Würde ihn ansehen und sagen, dass er falsch gelegen hatte und dann würden sie zusammen einen Plan schmieden und dann wäre alles wieder gut.

Aber natürlich würde das nicht gehen. Nichts in Conans Leben war jemals so einfach gewesen und nur weil er seit ein paar Wochen mit einer Art Glücksbringer an seiner Seite durch Tokyo gestreift war, hieß das nicht, dass auch nur ein einziger Tropfen Glück auf ihn übergeflossen war. Aber der Gedanke war verlockend.

So verlockend, dass Conan sich auf seiner Matratze aufstemmte und blind links nach seinem Handy fischte.

Das war eine dumme Idee, dachte er bei sich, während er durch seine Kontakte scrollte. Eine hirnrissige, abstruse Idee, die alles nur noch schlimmer machen könnte. Aber dann dachte er wieder daran, wie Koruba ihn angesehen hatte, so verloren und kalt und da zog es dem Jungen den Magen zusammen.

„Ach verdammt“, zischte er bevor er auf wählen drückte. Zum Teufel mit den Konsequenzen, er würde jetzt nicht einfach aufgeben.

„Edogawda“, meldete sich Ai am anderen Ende. Conan unterdrückte das Gefühl, dass sie genau wusste, was er vorhatte und ihn deshalb gleich einen Idioten nenne würde, und konzentrierte sich stattdessen darauf, seine Habseligkeiten mit einer freien Hand zusammenzusuchen.

„Haibara, kann ich kurz vorbeikommen?“ fragte er während er seine Brille überstreifte.

„Wieso?“ erwiderte die Wissenschaftlerin im Körper eines Kindes viel zu kalt. Der Meisterdetektiv hatte seit ein paar Tagen das leise Gefühl, dass sie sauer auf ihn war. Er war sich sogar ziemlich sicher, dass es etwas mit dem Projektil zu tun gehabt hatte, dass sich in seine Schulter gefräst hatte.

„Ich brauche deine Hilfe in einer Sache“, antworte er halbwegs wahrheitsgemäß während er einen Blick in den Flur warf. Er konnte Rans Rücken im Wohnzimmer sehen, Onkelchen war bei einem Klienten. Er hatte also eine halbwegs freie Bahn, wenn er das Mädchen davon überzeugen konnte, dass er etwas unblutiges, ungefährliches und unfassbar langweiliges tun würde.

„Nee-chan“ rief er laut, während er die Ohrmuschel seines Handys zuhielt. „Ich gehe zum Professor und helfe Ai bei etwas okay?“

Der Junge glaubte wahrzunehmen, dass Ai etwas in der Richtung von „Ich bin nicht derjenige der auf Knien um Hilfe fleht“ zu sagen schien. Ran drehte sich um und Conan bereute es für einen kurzen Moment, aus dem Zimmer gekrochen zu sein. Ihre Augen waren voller Sorge und blieben an dem weißen Verband hängen. Es wäre kontraproduktiv, ihr zu sagen, dass er schlimmeres überlebt hatte und tagtäglich überlebte, aber in dem Moment hätte er ihr am liebsten alles erzählt. Und dann hätte sie sich nie wieder Sorgen machen müssen.

`Weil sie dich dann hassen wird` sagte eine kleine Stimme in seinem Kopf. Der Grundschüler schluckte trocken.

Das war ein Thema für einen anderen Tag, für einen klaren Kopf und vor allem, es war jetzt ganz bestimmt  nicht der perfekte Moment. Jetzt war der perfekte Moment für eine Flucht durch die Mitte zu einem alten Mann und einem rothaarigen Mädchen.

„Aber pass auf ja?“ sagte Ran und Conan nickte sehr heftig und lächelte so groß und breit wie er es irgendwie hinbekam.

Ran zog die Augenbrauen zu einer steilen Falte zusammen und sah einen Moment so aus, als würde sie vielleicht doch darüber ihre Meinung revidieren, und Conan dazu bringen wollen, vielleicht doch hier zu bleiben, wo es sicher war.

Aber dafür ließ ihrer Conan keine Zeit, auch wenn er kleine Stiche der Reue in seinem Nacken spüren konnte.

„Bis später“, rief er über die Schulter. Vor wenigen Wochen hatte an dieser Tür, die er gerade hinter sich ließ, ein Zettel geklebt. Conan wünschte sich, dass er die Zeit zurück drehen könnte. Dann würde er anders handeln. Er würde einfach Koruba ignorieren. Und dann würde er Scharfschützen ausschalten, Polizisten in die richtige Richtung schubsen und dann wäre alles okay. Koruba würde sich nicht um ihn Sorgen machen sondern einfach weiterhin ein nerviger, arroganter aber sehr lebhafter Dieb sein.

Leider hatte der Professor, was zwar wirklich verwunderlich bei all den abstrusen Dingen war, die der Mann im Laufe der Jahre erfunden hatte, noch keine Zeitmaschine erfunden.

„Wo gehst du hin?“ tönte es ihm von der Treppe entgegen, bevor er die Hälfte hinter sich gelassen hatte. Amuro stand mit verschränkten Armen am Fuße der Stufen und verkörperte voll und ganz einen besorgten und anständigen Bürger, der im Moment sich eine Pause von seinem stressigen Job zu gönnen schien. Conan neigte jedoch dazu, niemanden, und schon gar nicht den blonden als einen anständigen und unbescholdenen Bürger anzusehen.

„Was bist du, ein Wachhund?“ rutschte es ihm heraus, bevor er sich dazu ermahnen konnte, sich gefälligst wie ein 7 jähriger aufzuführen. Weniger Sarkasmus, weniger Ironie.

„Es ist so ein herrlicher Tag, und im Moment ist wirklich nicht viel los. Da dachte ich, gönn ich mir ein paar Sekunden der Ruhe!“ Amuros kleiner Finger zuckte ganz kurz, fast so, als würde er Conan liebend gerne aus diesem wunderbaren Wetter in einen stickigen, geschlossen Raum zerren.

Der junge Meisterdetektiv konnte spüren, wie seine Schläfe anfing zu pochen. Alle, wirklich alle, behandelten ihn, als wäre er aus Glas. Und das war etwas, was er nicht ausstehen konnte. Ran, Haibara, Amuro, selbst Akai sah ihn hinter seiner Maske immer so seltsam an, dass sich die Nackenhaare des Kleineren aufstellten. Er konnte nicht damit umgehen, dass man ihn so sehr beobachtete. Das war unpraktisch auf vielen, tief psychologischen Ebenen und wenn auch manche Menschen es als Zeichen von Wertschätzung sahen, wenn man sich um sie sorgte, Conan tat das nicht. Dafür machte er sich selbst viel zu viele Sorgen um andere.

„Das ist ja toll“, flötete er gespielt freudig und hüpfte die letzten Stufen hinunter. Wenn er es geschickt anstellte, dann würde er sich an den Beinen des anderen herumdrücken können. Leider war entweder er nicht so geschickt wie er dachte, oder Amuro hatte irgendwo einen sechsten Sinn dafür entwickelt, wann man wo zupacken musste, um Dinge vor dem Entwischen zu bewahren.

Eine Hand schloss sie warnend um seine Schulter. Es tat nicht direkt weh, aber es war alles andere als angenehm.

Der Grundschüler unterdrückte den Wunsch, genervt zu schnauben. Stattdessen zwang er sich, den Blick  auf das Gesicht seines Gegenübers zu richten. Das war ganz sicher eine Sache, die er nie wieder vermissen würde. Er würde es nie vermissen, zu anderen aufsehen zu müssen.

„Lass mich los“, zischte er unter seinem Atem und zog ganz leicht am Griff des anderen. Die Hand rührte sich keinen Zentimeter. Amuro sah ihn mit einem durchdringenden Blick an, und dieses Mal war sich Conan sehr sicher, dass der andere wusste, dass er etwas dummes tun würde. Obwohl es eigentlich nicht wirklich dumm sein würde. Verzweifelt? Ein wenig. Er würde es vielleicht bereuen? Gut möglich. Aber so dumm war die Idee wirklich nicht, die er sich in den Kopf gesetzt hatte.

Langsam ging ihm die Geduld aus.

„Hör zu. Ich brauche kein Ex-Mitglied von was weiß ich wie vielen Organisationen, um vor der Tür wache zu schieben. Ich bin sehr gut allein klar gekommen, wenn du also die Freundlichkeit besitzen würdest …“

„Du hast dich mit KID zerstritten“, unterbrach ihn Amuro. Conan wurde stockstill.

Der Mann ließ sich auf die Augenhöhe des Detektivs herunter und starrte diesen mit durchdringenden Augen an.

„Ich bin kein Idiot Conan. Ich kann zwei und zwei zusammenzählen. Und um ehrlich zu sein, gefällt mir das Ergebnis kein bisschen.“

Conan spürte, wie seine Gedanken anfingen zu rasen. Verdammt, was hatte er wann übersehen? Was hatte Koruba übersehen? Er hatte sich geschworen, dass niemand KIDs wahre Identität herausfinden würde und nun eröffnete ihm ein Mann, dem er nur sehr knapp genug vertraute, um ihm in einer dunklen Gasse begegnen zu wollen, dass er sehr wohl wusste, was zwischen ihm und dem Magier vorgefallen war.

„Halt dich da raus“, biss Conan etwas zu laut und etwas zu heftig zurück. Amuro zuckte nicht einmal mit der Wimper.

„Sieh mich nicht so an Conan-kun“, erwiderte er in seiner nervtötenden einlullenden Art, die er gerne an den Tag zu legen schien. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wer dieser verehrte Herr ist, für den du dir eine Kugel eingefangen hast. Ich habe auch nicht wirklich ein tiefes Bedürfnis, das jemals heraus zu finden. Mein Bedürfnis im Moment ist es, dir zu sagen, dass du aussiehst, als wärst du im Begriff, etwas sehr dummes zu tun um irgendetwas wieder in Ordnung zu bringen. Bitte schau nicht so entsetzt, du bist ein offenes Buch wenn man nur weiß wo man hinsehen muss.“

Conan überlegte sich, ob es sehr verzweifelt aussehen würde, wenn er jetzt versuchen würde, Amuro mit seinem Gewicht umzuwerfen. Er entschied sich dagegen. Es gab Peinlichkeiten, die er vermeiden wollte.

„Ich wiederhole mich nur ungern, aber ich kann selbst auf mich aufpassen.“

„Das kannst du eben nicht“, zischte Amuro. Er zischte tatsächlich! Wäre das eine andere Situation, dann wäre Conan sehr stolz auf sich gewesen, dass er es geschafft hatte, unter die Haut des anderen zu kommen. „Du hast ein unfassbares Talent, in Situationen zu geraten, die dir das Leben kosten könnten. Und du hast das unfassbare Talent, in solche Situation durch Person zu geraten. Du riskierst zu schnell zu viel für Menschen die dir wichtig sind. Und so sehr ich diese Eigenschaft an dir schätzte, du hast dir das letzte Mal eine Kugel dafür eingefangen. Also finde ich, dass mein Verhalten seine Berechtigung hat oder?“

Conan brachte ein verwirrtes Blinzeln zustande. Ein sehr verwirrtes Blinzeln um genau zu sein. Vielleicht war es doch nicht so toll, unter die Haut des anderen zu gelangen, denn Conan war sich nicht sicher, wie er mit der Tatsache umzugehen hatte, dass Amuro sich wirkliche Sorgen zu machen schien. Und zwar auf eine Art, die ihn fast menschlich und vertrauenswürdig erscheinen ließ.

Er kam damit klar, dass er und der Kellner eine Art Waffenstillstand hatten. Aber er hatte immer erwartet, dass Amuro irgendwann einmal etwas von ihm haben wollte. Oder das er Conan half, um sein eigenes Leben einfacher zu machen.

Der geschrumpfte Meisterdetektiv musste an den Teller mit Sandwichs denken, den Amuro das letzte mal dazu verwendet hatte, um ihn aus der Wohnung zu locken.

‚Eigentlich ist das alles deine Schuld’, dachte er sich, während er den Anderen anstarrte. ‚Hättest du mich damals nicht aus der Wohnung gezerrt, hätte ich KID nicht im Park getroffen.’ Er mochte den Ausdruck in den Augen des Anderen nicht. Amuro war kalt, berechenbar, ein guter Schauspieler und ein Wackelkandidat was seine Verbündeten anging. Er war keinem dem man vertraute!

„Ich hab das unter Kontrolle“, wisperte er, aber ihm fehlte der Wunsch, Amuro aufzuregen oder ihn anzumaulen. „Ich habe das wirklich alles im Griff.“ Sogar für ihn hörte sich das ganze wie ein schlechter Scherz an.

„Natürlich“, antworte Amuro und atmete aus. Dann ließ er ruckartig den Grundschüler los und richtete sich auf.

Conan starrte ihm einen Moment nach.

„Verdammt“, wisperte er ganz leise. „Verdammt, verdammt, verdammt.“

Den restlichen Weg zum Haus des Professors, legte er sich das Gespräch zurecht, welches er mit Haibara führen würde. Es würde wahrscheinlich hässlich, nicht angenehm und ein wenig wahnsinnig werden. Aber er kam damit klar.

Als er das Gartentor öffnete, konnte er den verkleideten Akai durch die Vorhänge spähen sehen. Der Grundschüler winkte ihm halbherzig zu. Akai hob die Hand zum Gruß. Es war seltsam, einen quasi Toten im Haus zu haben, einen, wahrscheinlichen, Doppelagent unter sich zu wissen, und sich jetzt mit einem Ex-Organisationsmitglied zu treffen, die ihm hoffentlich bei einem Problem mit einem Dieb helfen konnte

Wann war sein Leben noch einmal so kompliziert geworden?

Der Käfer des Professors war nicht zu sehen, also schien er verreist zu sein. Vielleicht auf eine Tagung, überlegte Conan während er die Türglocke läutete. Das würde ein paar Dinge erleichtern. Weniger Leute, die versuchen konnten, es ihm auszureden!

Haibara öffnete noch bevor die Klingel verstummt war.

„Kudo“, sagte sie, machte jedoch keine Anstalten, die Tür noch weiter zu öffnen.

„Ich brauche deine Hilfe“, setzte der Junge an.

„Wann brauchst du das nicht?“ entgegnete die Rothaarige und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie machte immer noch keine Anstalten ihn hereinzubitten.

Conan holte tief Luft.

„Ich brauch ein temporäres Gegenmittel“, sagte er dann langsam.

„Nein“, antwortete Haibara, drehte sich abrupt um, und wollte ihm die Tür vor der Nase zuknallen.

Der Grundschüler stellte seinen Fuß dazwischen.

„Bitte, hör mir zu Haibara“, rief er ihr durch die Tür zu. „Mach die Tür auf.“

„Vergiss es Kudo“, knurrte die Wissenschaftlerin zurück. „Wir hatten dieses Gespräch schon einmal. Weißt du, was du deinem Körper damit antust? Ich weiß es nämlich. Sehr genau sogar.“

Conan unterdrückte ein Schnauben. Natürlich hätte es nicht einfach werden können. Natürlich musste er dieses Gespräch mit einem Fuß in der Tür führen.

„Hör mir bitte zu“, wiederholte er sich. „Fünf Minuten, danach bin ich wieder weg und frage dich nicht wieder, bis wir eine permanente Lösung haben okay?“

Das ließ Haibara kurz stocken. Conan erkannte es daran, wie die Tür aufhörte, seinen Fuß zu zerquetschen. Er zählte seine Atemzüge während er sich vorstellte, wie Ai mit gerunzelter Stirn sein Angebot überdachte.

Dann, endlich, nach 13 langsamen und qualvollen Atemzügen: „Gut, fünf Minuten. Keine Sekunde länger!“

Die Tür wurde ein wenig weiter geöffnet und Conan nutzte die Gunst der Stunde, um durch den Spalt zu schlüpfen bevor es sich die Wissenschaftlerin anderes überlegen konnte.

„Rede“, sagte sie, sobald sie sich ansahen. Conan hätte gerne darauf verzichten können, dieses Gespräch im Flur zu führen, aber war er nicht flexibel in letzter Zeit? Also lehnte er sich gegen die Wand, verschränkte die Arme und ging in Gedanken noch einmal alles durch.

„Ich muss für ein paar Stunden Shinichi werden, Haibara“, fing er an. Haibaras Stirn legte sich in missmutige Falten. „Es ist wirklich dringend.“

„Wenn es wieder darum geht, Ran zu zeigen dass du …“ „Nein Haibara, es geht nicht um Ran. Es geht um KID.“

Jetzt sah Haibara immerhin interessiert aus. Nicht wirklich überzeugt, aber immerhin interessiert.

Conan schluckte hart. „Ihm geht es nicht gut. Seit“, er gestikulierte vage in Richtung seines Arms. „Und ich weiß nicht was ich machen soll.“ Der Junge spürte, wie es ihm die Kehle zuschnürte. Wenn das hier nicht funktionieren würde, wenn er Koruba nicht wieder auf die Beine bekommen würde, was dann? Was würde dann aus dem Magier werden, der so sturköpfig Conans Freundschaft hatte erlangen wollen?

Haibara schwieg. Conan war sich nicht sicher, ob sie die fünf Minuten abwarten würde oder ob sie einfach tatsächlich überrascht war.

„Wie geht es deiner Wunde?“, fragte die Wissenschaftlerin nach ein paar Sekunden. Conan zuckte die Schultern. „Sie heilt.“ Manchmal brannte sie etwas, aber das würde er Haibara nicht auf die Nase binden.

„Und was glaubst du wird passieren wenn du urplötzlich um 10 Jahre alterst?“ stellte sie die nächste Frage.

„Dann reißt sie nun mal wieder auf. Das ist nicht weiter tragisch. Es ist eine Fleischwunde Haibara. Wieso führt ihr euch alle so auf, als hätte ich eine Lungenpunktion oder eine Kugel in den Schädel überlebt?“ Der Detektiv konnte wieder das Pochen seiner Schläfen spüren. Wenn die blöde Kugel nicht gewesen wäre, dann wäre alles noch beim Alten.

„Du bist ein Idiot Kudo“, schnaubte Haibara und drehte sich auf dem Absatz um.

„Du kannst mich doch jetzt nicht einfach so stehen lassen“, rief ihr der Junge hinterher. Sie blieb nicht einmal stehen. „Haibara“, sagte Conan und folgte ihr. „Ich brauche dieses Gegenmittel!“

Sie ignorierte ihn.

„Ich weiß, dass es nicht die beste Möglichkeit ist, die es gibt, aber es ist die einzige die ich habe und …“

„Hast du schon einmal daran gedacht, dass dich die Kugel auch in den Kopf hätte treffen können?“, unterbrach sie ihn und blieb abrupt stehen. Conan konnte gerade noch verhindern, dass er gegen sie prallte.

„Nein“, antwortete er wahrheitsgemäß. Natürlich wusste er, wie einfach irgendwann einmal ein Schuss daneben gehen konnte. Aber in diesem Moment hatte er nicht daran gedacht.

Haibara lachte laut auf. Ein hässliches, abgehacktes Haha. „Natürlich nicht“, sagte sie dann mehr zu sich selbst als zu ihrem ungewollten Gast. „Du denkst wirklich wenig für einen anscheinend so brillanten Detektiv.“

„Haibara“, sagte Conan leise und streckte seine Hand nach ihrem Arm aus.

„Oh, komm mir jetzt nicht damit Kudo! Du hättest sterben können! Wegen diesem Dieb und wegen deinem Idiotischen Gerechtigkeitssinn“, knurrte sie ihn an.

„Was hätte ich denn tun sollen?“ schoss Conan zurück. „Ihn sterben lassen? Ist es das was du sagen willst?“

Haibara spannte ihre Schultern an. „Vielleicht.“ sagte sie dann leise.

„Aber das kann ich nicht“, antworte Conan und ließ seine Schultern nach unten sacken. Er war auf einmal müde, so unfassbar müde. „Ich will ihn nicht verlieren, genauso wenig wie ich dich verlieren will oder …“

„Aber vielleicht haben manche von uns es nicht verdient“, blaffte das Mädchen zurück und wirbelte herum. Ihre Augen schimmerten verräterisch. „Vielleicht wirst du irgendwann auf einem Dach verbluten oder ein Messer im Rücken haben für jemanden, der es nicht verdient!“

„Jeder hat es verdient gerettet zu werden“, sagte Conan automatisch. „Und du hast ihn nicht gesehen! Es geht ihm schlecht. Ich kann es nicht erklären, aber irgendetwas in ihm ist kaputt und es friss ihn auf. Und es ist meine Schuld!“ Er konnte an nichts anderes denken, als daran, wie Koruba ihn angesehen hatte. Diesen leeren Ausdruck in seinen Augen.

„Es ist nicht deine Schuld“, hielt Haibara dagegen.

„Doch ist es“, sagte Conan und starrte auf seine Hände. „Ich bin so nutzlos, verstehst du? Er kann mit mir nichts anfangen. Aber wenn ich wieder Shinichi bin, dann kann ich ihm vielleicht helfen!“

„Kudo“, sagte Haibara sanft, und da bemerkte er, dass irgendwie alles verschwommen wirkte.

„Es ist meine Schuld“, sagte er noch einmal und wischte sich hastig über die Augen. „Und ich muss das wieder in Ordnung bringen! Koste es was es wolle!“

Haibara sah ihn nachdenklich an.

Vielleicht dachte sie in diesem Moment an all die Menschen, die Conan nicht geschafft hatte zu retten. Wie ihre Schwester. Oder wie die Krankenschwester, die Rache nehmen wollte und am Ende in den Flammen gestorben war.

„Ich kann nicht schon wieder versagen“, wiederholte er mit Nachdruck. Aber was sollte er schon tun? Sie angreifen? Ihr versuchen, das Gegenmittel abzunehmen? Conan unterdrückte ein Schnauben. Man zwang Haibara nicht zu Sachen. Nicht mehr.

Das rothaarige Mädchen kniff die Lippen zu einer verhärmten Geste zusammen.

„Du willst im also helfen oder? Wieso tust du das nicht einfach als Conan“, sagte sie nach einer Weile.

Conan blinzelte verwirrt. „Haibara, sieh mich mal an. Ich bin ein Zwerg. Wie soll ich ihm denn da helfen sollen?“

Haibara sah so aus, als würde sie sich am liebsten mit der Hand gegen die Stirn schlagen. „Edogawa, du bist manchmal ein wahrer Idiot.“

Und dann zog sie ihm am Hemdzipfel hinter sich her.

„Wo gehen wir hin?“ rief der Junge und warf einen letzten Blick auf die Tür zum Keller.

„Wir fordern Gefallen ein“, antworte Haibara ohne sich umzudrehen. „Hast du eigentlich auch nur die geringste Ahnung, wie viele Menschen du in den letzten Jahren eingesammelt hast?“

„Ich verstehe immer noch nicht, worauf du hinaus willst“, sagte Conan, inzwischen sehr verwirrt und auch etwas verzweifelt. Er mochte es nicht, wenn er einem Gedankengang nicht folgen konnte.

„Idiot.“ war alles, was von Haibara kam, bevor die Wohnungstür hinter ihnen ins Schloss fiel.
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Fun Fact? Das ursprüngliche Ende sollte mehr Drama enthalten! Haibara hätte Conan betäubt, hätte dann Koruba einen Besuch abgestattet und hätte ihn mit ihrer unechten Pistole bedroht! Aber ich hatte keine Lust den ganzen Vertrauensbruch und dann die Konsequenzen zu schreiben und außerdem brauchte ich ein bisschen Fluff und Freundschaft und Vertrauen nach "Fortschritt". Nicht dass die Kapitel davon strotzen werden (also vielleicht ein klein, klein wengi).
LG und lasst doch ein Review da!
Anemonenfisch
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