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Wie es ist zu fühlen

von Lukina
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Crowley Eusford Ferid Bathory Lacus Welt René Simm
25.01.2018
25.01.2018
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25.01.2018 9.471
 
Der OneShot ist ein Wichtelgeschenk für Asurabell aus dem Wichtelprojekt "Offen für Neues".

Ein riesiges Dankeschön an meine Beta Dark Angel Darcy, die sich das ganze vorab durchgelesen und mir vor allem bei dem romantischen Teil geholfen hat. Ohne sie wäre der OneShot erstens noch lange nicht fertig und zweitens bei weitem nicht so gut.
Jetzt habe ich euch aber genug zugetextet. Viel Spaß mit der Geschichte.

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Ein Tag, wie jeder anderer. Ein Auftrag wie jeder anderer. Und der gleiche Partner, Lacus, wie jedes andere Mal auch. Eigentlich also alles wie immer, aber etwas störte René. Er wusste nicht genau was es war, irgendetwas stimmte allerdings ganz und gar nicht.

„Ist was, René? Du bist schon die ganze Zeit so angespannt. Wir sollen doch nur ein paar Menschen mit zurück bringen. Alles Routine, mit dem bisschen Vieh werden wir doch mit links fertig. Kein Grund also so ein langes Gesicht zu machen.“

Völlig unbeschwert lief Lacus vor ihm her. Gerade sogar rückwärts, vermutlich um einen besseren Blick auf ihn zu haben. Normalerweise wäre René derselben Meinung und er versuchte ja auch schon, sich zusammen zu reißen, aber es wollte einfach nicht funktionieren. Das seltsame Gefühl blieb, egal wie sehr er sich auch in den Kopf rief, dass der Auftrag völlig ungefährlich war. Es war nur ein weiterer Bezirk, den sie für sich beanspruchen würden. Es gab hier nicht einmal ein rivalisierendes Lager, um das sie sich Sorgen machen müssten. Wieso also konnte er nicht, genau wie Lacus, die einfache Aufgabe genießen und sich darauf freuen, direkt von der Quelle zu trinken? Was störte ihn so sehr, dass man es ihm sogar ansah?
Zu mehr als einem genervten Seufzen ließ er sich zwar nicht hinreißen, für seinen Partner war das allerdings Grund genug, ihn noch mehr auszufragen.

„Jetzt komm schon. Wie lange sind wir schon zusammen? Zehn Dekaden? Zwölf? Ich weiß es nicht mal mehr. Hab‘ irgendwann aufgehört zu zählen, so lange ist das schon her. Also sag‘ schon: Wo liegt das Problem? Ich lach auch nicht, versprochen.“

Aus Erfahrung wusste René, dass es zwecklos war, jetzt noch mit Lacus diskutieren zu wollen. Er würde so lange keine Ruhe haben, bis der andere Vampir endlich zufriedenstellende Antworten bekam oder sie auf Menschen trafen. Dass René selber auch gerne wüsste, was ihn störte, war Lacus vermutlich egal. Diese Erklärung konnte er sich also auch sparen. Blieb also nur, schnellstmöglich Blut aufzutreiben. Am besten einen kleinen Jungen, das schmeckte Lacus schließlich am besten.Ohne weiter auf die dauerhafte Beschallung von rechts vorne zu achten, lief René in die kleine Siedlung, aus der sie die frischen Menschen holen sollten. Es waren vielleicht noch drei Kilometer und ein Berg versperrte die Sicht. Der Karte nach lag das Dorf in einem Tal an einem Fluss und zählte etwa dreihundert Einwohner. Wenn zehn bis zwanzig davon fehlen würden, dürfte das wohl kaum auffallen. Es waren also genug Menschen für alle aus der sechsköpfigen Gruppe da. Dass es Streit um die Beute geben würde, konnte also nicht der Auslöser für dieses seltsame Gefühl sein. René beschloss einfach, sich noch mehr darauf zu konzentrieren es zu ignorieren. Da so etwas immer leichter ging, wenn man beschäftigt war, begann er einfach zu zählen, wie oft Lacus „komm schon“ sagte. Wenn er über hundert kam, würde er sich einen ganzen Menschen gönnen. Es war zwar eigentlich sehr verschwenderisch, aber er würde es dann zur Beruhigung wohl brauchen.

René war bei vierzig angelangt, als sie endlich die erste Häuserreihe erreichten. Erleichtert atmete er, überflüssigerweise, aus. Selbst nach all den Jahren als Vampir ertappte er sich noch dabei zu atmen. Vor allem wenn ihn etwas nervte oder er sich konzentrierte passierte es ihm häufig und er fragte sich jedes Mal ob er einfach noch zu jung war oder es eine dauerhafte Angewohnheit bleiben würde. Lacus war nicht wirklich älter, atmete aber nur noch zum Sprechen. Vielleicht würde ihn dieses kleine Überbleibsel seiner menschlichen Vergangenheit also wirklich bis in alle Ewigkeit verfolgen.

„Ungewöhnlich still hier, was?“, unterbrach Lacus plötzlich seinen noch immer andauernden Monolog.

Wenn er dabei nicht etwas ernsthafter geworden wäre, hätte René es vermutlich überhört oder zumindest ignoriert. So allerdings wurde er durch die für seinen Partner recht untypische Ruhe aus seinen Gedanken gerissen. Aufmerksam sah er sich um, konnte aber nichts Verdächtiges entdecken. Die Stille schien aber tatsächlich trügerisch. Eigentlich konnte man Menschen schon von weitem hören. Wie sie sich ängstlich in ihren Häusern verkrochen und erbärmlich vor sich hin vegetierten ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben. In diesem Dorf aber hörte man nichts. Keine Schreie, kein Wimmern. Je länger sich René darauf konzentrierte, desto stärker wurde sein mulmiges Gefühl. Egal wie sehr er es auch versuchte, er konnte keine Menschen spüren. Sie hätten sie aber mittlerweile längst bemerken und entsprechend reagieren müssen. Sie reagierten immer, sahen angsterfüllt zu den Vampiren auf. Selbst wenn René fast nie hinsah, spürte er es jedes Mal, nur heute nicht. Sicherheitshalber zog er sein Schwert. Vielleicht war eine andere Fraktion ihnen doch zuvor gekommen. Dann würde es auf einen Kampf, vermutlich sogar auf einen Rückzug ihrerseits hinauslaufen. Etwas zu gewinnen gab es hier dann schließlich nicht mehr.

Der Rest der Gruppe war seinem Beispiel gefolgt, sodass nun alle Vampire kampfbereit auf dem Marktplatz standen.Ein kleiner Luftzug, eigentlich nicht einmal das, ließ René zur Seite springen. Keine Sekunde zu früh, denn an der Stelle, an der er noch vor wenigen Augenblicken gestanden hatte, explodierte ein blauer Pfeil. Zeitgleich kamen aus den umliegenden Häusern Menschen gerannt. Nicht ängstlich oder wütend und verzweifelt, wie es gewöhnlich der Fall war, sondern geordnet, zielstrebig und wenn es nicht so absurd wäre, würde René sogar sagen, sie sahen siegessicher aus. Daher stammte also dieses nagende Gefühl, das sich nun zu einer warnenden Stimme gewandelt hatte.Die erste Welle fiel einem einzigen Schwertstreich Lacus zum Opfer. Das beruhigte René zwar, konnte sein Unbehagen aber trotzdem noch nicht gänzlich besiegen. Als selbst die zweite erlegte Welle nichts daran änderte, wandte er sich sicherheitshalber an den Vampir, der ihm am nächsten stand.

„Was auch passiert, werde nicht leichtsinnig. Irgendetwas stimmt hier nicht. Vielleicht sitzen in den Häusern noch Adlige, ich weiß es nicht, aber das hier ist noch lange nicht alles.“

Es hörte sich selbst in seinen eigenen Ohren lächerlich an. Es war nur Nutzvieh! Kein Vampir würde sich dazu herablassen, sie kämpfen zu lassen. Und alleine könnten sie niemals eine tatsächliche Bedrohung darstellen. Sie waren schwach. Hilflos. Minderwertig. Worüber machte er sich eigentlich Gedanken? Ihnen drohte hier keinerlei Gefahr!

Ein Mensch hatte es doch tatsächlich geschafft an Lacus vorbei zu kommen. Nun stand er mit erhobenem Schwert vor ihm. Selbstsichere, violette Augen starrten in die roten des Vampirs.

„Gib mir Kraft, Mahiru-no-yo!“

Der Schwerthieb, der folgte, war stärker, als er hätte sein dürfen. Selbst René hatte Probleme ihm standzuhalten, die meisten anderen scheiterten, drei Vampire zerfielen sogar sofort. Noch bevor sich der Staub legte, folgten weitere Hiebe mit ähnlicher Kraft. Mühsam parierte René den Großteil. Die, die ihn aber trafen, hinterließen Wunden ähnlich denen von Vampirwaffen. Sie schlossen sich einfach nicht und je länger der Kampf andauerte, desto mehr Blut verlor er. Um ihn herum sah es für die restlichen Vampire nicht viel besser aus. Lacus hielt sich von allen noch am besten, hatte aber mit seinen zwei Gegnern trotzdem alle Hände voll zu tun. Wenn das so weiter ging, würde keiner von ihnen das Schlachtfeld lebend verlassen. Woher hatten Menschen plötzlich so eine Stärke? Er wüsste es nur zu gerne, konnte es sich aber wirklich nicht leisten, auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.Renés Sicht nahm mit jedem Augenblick ab. Nur noch mit Mühe parierte er die Angriffen aus und es war mehr Glück als tatsächliches Können, dass er noch immer stand. Mühsam wich er aus. Er wusste nicht einmal mehr, ob es sich noch um den gleichen Gegner handelte, so sehr konzentrierte er sich einfach darauf nicht zu sterben. Ein blauer Tiger kam in Renés Richtung. Zu schnell, als dass er irgendwie ausweichen könnte, zu stark, als dass er auch nur den Hauch einer Chance hätte, es zu überleben. Getötet von Vieh. Ziemlich erbärmlich dafür, dass er schon mehr als doppelt so lange lebte. Das letzte, was er sah, waren die violetten Augen, die ihn triumphierend ansahen, während zusätzlich zu dem Tiger nun auch noch eine schwarze Klinge auf ihn zuraste.

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Es war schon erstaunlich, wie weit die Menschen mit dem Bisschen Information gekommen waren, das er ihnen gegeben hatte. Sie waren wirklich ein netter Zeitvertreib und dass er sie damit auch noch an sich band ein hübscher Nebeneffekt. Um Krul müsste sich er sich zwar noch kümmern, aber so, wie es zurzeit lief, sollte das auch kein Problem mehr werden. Der kleine blonde, den die Königin so lieb gewonnen hatte, war ein schlaues Kerlchen. Er hatte schneller als die anderen begriffen, dass es durchaus Vorteile hatte, sich an Ferid zu halten. Noch ein klein wenig mehr Sicherheit und er würde versuchen zu entkommen. Dann konnte Ferid nicht nur die herrlich verzweifelten Gesichter der Kinder sehen, nein, er würde dieses Mal auch noch ein wenig mehr gegen Krul in der Hand haben. Und das alles ohne selber wirklich in die Schussbahn zu geraten. Langsam wusste er nicht mehr, was amüsanter war. Vieh dabei zuzuschauen, wie es stetig zu rebellieren und aufzubegehren versuchte oder Vampire, die eigentlich deutlich stärker waren, in der Hand zu haben. Die Entscheidung war aber auch wirklich schwer.

„Sind wir eigentlich nur zum Zuschauen gekommen oder helfen wir dem Trupp noch? Wenn jemand mitbekommt, dass wir die ganze Zeit hätten einschreiten können, wäre das vermutlich nicht so günstig für uns. Meinst du nicht, Ferid?“

Ein kleiner Teil in Ferid wollte Crowley wiedersprechen, schließlich würde es kein Problem geben, wenn die Menschen alle Vampire töteten. Aber er wusste, dass das wohl doch recht unwahrscheinlich war. Außerdem hatte er noch das ein oder andere Informationshäppchen, das er unbedingt loswerden musste. Nicht auszudenken, wenn die japanische imperiale Dämonenarmee in den nächsten paar Jahren nicht weiter so schnell wuchs, wie jetzt. Das würde den gesamten Zeitplan durcheinander bringen! Gut, so schlimm wäre das auch nicht, in ein paar hundert Jahren gäbe es vermutlich die nächste Gelegenheit. Wäre ja nicht das erste Mal, dass er sich etwas verkalkuliert hätte und halt ein wenig länger warten müsste. Zeit hatte er schließlich mehr als genug. Vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, noch eine Weile hier oben zu bleiben. Die Aussicht war wirklich fantastisch und ein bisschen Triumph wollte er den kleinen Menschlein lassen. Dann wären sie glücklich und leichter zur Mitarbeit zu überzeugen.Ohne weiter auf den jüngeren Vampir zu achten, geschweigen denn seine Fragen zu beantworten, stellte sich Ferid auf einen der Felsen. Der Kampf hatte sich etwas weiter in die Mitte des Dorfes verschoben, sodass er nicht mehr alles hatte sehen können. Dabei war es doch gerade so spannend. Drei Menschlein griffen abwechselnd einen Vampir an und so langsam hatte dieser Probleme nicht getötet zu werden. Er blutete aus mehreren Wunden, die sich natürlich nicht so einfach wieder schlossen. Der andere überlebende Vampir hatte mit seinen zwei Gegnern auch genug zu tun und somit konnten sie sich auch nicht gegenseitig helfen. Es musste wirklich erniedrigend für sie sein, von Nutztieren so in die Enge getrieben worden zu sein.

„Darf ich jetzt? Sonst müssen wir am Ende noch alle Menschen alleine töten und haben gar keine Zeit zum Trinken. Ich will endlich mal wieder ordentliches Blut und nicht immer das von Kindern. Das ist so, weiß auch nicht, zart.“

Erwartungsvoll, aber trotzdem noch völlig entspannt sah Crowley zu ihm herüber. Es war doch immer wieder herrlich, wie wenig es einen Vampir interessierte, wenn Artgenossen starben. Nun gut. Eigentlich hatte es ja auch nur Vorteile. Mehr Nahrung für einen selbst.

„Wenn du so versessen darauf bist, nur zu. Aber töte sie möglichst nicht. Ich hab‘ noch was mit ihnen vor. Und versuch nicht zu sterben. Ich will ja nicht meinen kleinen Bruder verlieren.“

„Ach bitte. Als ob du dich jemals für mich als einen Teil deiner Familie interessiert hättet. Eigentlich bin ich doch nur eine weitere Spielfigur für dich.“

Das Grinsen, das sich Ferid weder hatte verkneifen können noch wollen, sah tatsächlich eher nach weiterführenden Plänen als Zuneigung aus. Innerlich musste er sich zwar eingestehen, dass Crowleys Anwesenheit durchaus ihren Reiz hatte, sagen würde er ihm das aber bestimmt nicht.

„Das verletzt mich jetzt aber. Als wenn ich mich nicht für meines Gleichen interessieren würde. Wir sind doch ein Volk, da müssen wir doch aufeinander aufpassen.“

Er bemühte sich wirklich sehr einen verletzten Ausdruck aufzusetzen, wirklich erfolgreich war er wahrscheinlich eher nicht. Das hinterlistige Funkeln konnte Ferid noch nie aus seinen Augen verbannen. Einmal hatte ihn ein Nutztier sogar darauf hingewiesen, als er die Augen geschlossen hatte. Wirklich viel hatte es dem Menschlein nicht gebracht, gestorben war es schließlich trotzdem, aber seither achtete Ferid darauf, seinen Kopf auch weg zu drehen, wenn er diesen so markanten Charakterzug verstecken wollte. Bei Vampiren durfte ihm ein solcher Fehler schließlich nicht unterlaufen. Wobei. Eigentlich kannten ihn die meisten, die ihm gefährlich werden konnten, sowieso gut genug, sodass es auch da nicht viel bringen würde.
Crowley sah tatsächlich nicht so aus, als hätte er auch nur ein Wort geglaubt. Verständlich, wenn man bedachte, dass im Tal vor ihnen gerade zwei Vampire um ihr Leben kämpften und vier weitere bereits dem Nutzvieh zum Opfer gefallen waren, während er gemütlich auf einem Berg saß und zuschaute.

„Natürlich. Du bist ja immer so fürsorglich. Aber keine Sorge, ich werde dich bestimmt nicht verraten. Sonst müsste ich mich mein restliches, unsterbliches Leben ja alleine langweilen. So kann ich mir wenigstens sicher sein, dass es dir, als dem Grund für meine nun immerwährende Langeweile, genauso geht. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie beruhigend, ja fast schon befriedigend, das ist. Außerdem ist es so um einiges interessanter.“

Mit einem Grinsen verabschiedete sich Crowley. Nun versperrte Ferid also ein brauner Hinterkopf die Sicht. Er überlegte, ob er ihm einfach einen kleinen Schubs geben sollte, aber bereits einen Augenblick später hatte sich diese kleine Unannehmlichkeit von alleine erledigt. Zufrieden lehnte sich der siebte Ahne zurück und genoss das nun noch amüsantere Schauspiel.

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Blut. Jede Faser in Renès Körper schrie danach. Er sah nichts, er hörte nichts, er konnte an nichts anderes denken als an Blut. Das Problem war nur: Er konnte sich auch nicht bewegen. Seine Arme und Beine wollten ihm einfach nicht gehorchen. Oder sie waren gar nicht mehr angewachsen. Spüren konnte er sie schließlich auch nicht. Wobei… Außer Durst spürte er generell nichts. Kein Schmerz außer dem, der durch den Durst kam, keine Enttäuschung, kein Unglauben. Absolut gar nichts. Er war sich nicht einmal sicher, wie lange er schon so lag. Oder stand er? Irrelevant, er hatte alles überwältigenden Durst. Oder?Irgendwo aus seinem Inneren kam langsam noch ein weiteres Gefühl: Gleichgültigkeit. Eine große Leere, die ihn langsam auszufüllen begann und dem unerträglichen Durst Konkurrenz machte. Je mehr sie ihn in Anspruch nahm, desto interessierte schaute er auf den kleinen Wettbewerb in seinem Inneren. Es war fast wie ein richtiger Kampf. Auf der einen Seite, in Rot, versuchte der Hunger nach Blut die Kontrolle zu behalten, auf der anderen Seite, in weiß –Oder war es doch schwarz?– versuchte etwas unbekanntes eben diesen zu vernichten. Wie zwei riesige Armeen, so groß, dass man die einzelnen Soldaten gar nicht mehr unterscheiden konnte, kämpften beide Seiten darum, die Oberhand zu gewinnen. An einer Stelle schaffte es ein wenig Weiß –Oder Schwarz?– eine Bresche in die Verteidigung von Rot zu schlagen. Zeitgleich, nur Kilometer weit weg, schaffte es aber auch Rot einen Teil von Schwarz – Oder doch Weiß? Er würde es einfach schwarz-weiß nennen. – einzukesseln und langsam zu verzehren.René wusste nicht, welche Seite er lieber gewinnen sehen wollte. Rot, oder besser gesagt den Vampir in ihm, für den diese Farbe stand, kannte er. Aber was war das andere? War es besser? Schlechter? Auf jeden Fall würde er sich dann nicht mehr von Menschen ernähren müssen. Wollte er das?
Parallel zu seinen Überlegungen wogten auch die beiden Seiten hin und her. Neigte er eher dazu ein Vampir bleiben zu wollen, wurde die weiße Seite deutlich in Bedrängnis gebracht. Spielte er aber mit dem Gedanken etwas Neues ausprobieren zu wollen, preschte diese sofort wieder vor. Fasziniert sah er zu und kam letztlich zu dem Schluss, dass diese Unentschlossenheit zumindest interessanter als der Durst war. Immer neue Taktiken versuchten die beiden Kontrahenten, aber solange er sich nicht entschied, änderte sich nichts an dem prinzipiellen Kräfteverhältnis. Mit der Zeit begann er den Kampf etwas zu manipulieren, indem er abwechselnd die rote und die schwarz-weiße Seite favorisierte. Wie Wellen, die gegen Felsen schlugen und brachen wiederholte sich dadurch ein und dieselbe Grundsituation ohne aber jemals komplett identisch zu einer vorhergehenden zu werden. Eine rote Welle traf auf, brach und zog sich zurück. Eine neue Welle kam, schwappte über den Felsen, musste sich aber geschlagen geben, als er begann Schwarz-weiß zu favorisieren. Immer weiter zog sich das rote Meer zurück, bis es in einer Ecke eingekesselt war.

Blut. Er roch es nicht nur, er schmeckte es auch. Schlagartig verschwand das Schlachtfeld und Renés ganzes Wesen wurde wieder von den unsäglichen Schmerzen seines Durstes durchzogen. Gierig trank er ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie es dazu gekommen war. Es war egal. Selbst wenn er gerade drei Tage altes Blut schluckte, es löschte den Durst, stillte die Schmerzen und jede Faser seines Körpers schrie nach mehr.Irgendjemand rief seinen Namen, aber er ignorierte es. Irgendjemand, vermutlich die gleiche Person, die davor gesprochen hatte, schlug ihn, aber er ignorierte es. Selbst als ihm jemand die Finger, die er wieder angefangen hatte zu spüren und in das blutgefüllte Etwas gegraben hatte, brach, ignorierte er es. Erst als man ihm seine Nahrung aus dem Mund riss kam er langsam wieder zu Sinnen.
Durst hatte René immer noch, aber mittlerweile war es nur ein leichtes Ziehen, das er durchaus ertragen konnte. Langsam kamen die Erinnerungen an den Kampf zurück. Blaue Tiger, ein schwarzes Schwert, aber vor allem eins: Violette Augen.

„Die haben dich ja wirklich ganz schön erwischt, René.“

Lacus Stimme unterbrach seine Gedanken und erst jetzt bemerkte er, woraus er die ganze Zeit getrunken hatte. Sein Partner zog gerade den Ärmel seines Hemdes herunter. Die beiden roten Punkte, die sich aber bereits wieder schlossen, hatte er trotzdem sehen können. Er hatte nicht nur irgendwelches Blut getrunken, nein, er hatte das Blut eines anderen Vampires getrunken. Es gehörte sich nicht, egal wie viel Durst man hatte. Das wurde jedem neuen Vampir ausdrücklich eingebläut. Das Blut anderer Vampire war tabu. Vorerst schob René diesen Gedanken aber beiseite. Darüber konnte er mit Lacus auch später noch sprechen. Viel wichtiger war, was er alles verpasst hatte.

„Was ist mit den anderen passiert?“

Den Durst ignorierend richtete sich René in eine sitzende Position auf, um seinem Partner besser ansehen zu können. Noch immer versuchte er zu verdrängen, was er vor wenigen Augenblicken getan hatte. Es war nicht richtig und schon gar nicht richtig war es, dass es ihm, jetzt, wo er darüber nachdachte, gefallen hatte. Das erste Mal seit Jahrzehnten hatte er sich wieder wirklich lebendig gefühlt und wenn er ehrlich war, wollte er es noch einmal spüren.

„Außer uns sind alle tot. Ich konnte dich auch nur ganz knapp da rausholen, weil die- weil meine Gegner einen Moment abgelenkt waren. Ich bin dann erst mal in eines der leerstehenden Häuser gegangen und habe gehofft, dass sie uns nicht finden. Keine Ahnung warum, aber bisher hat das ganz gut funktioniert. Irgendwas beschäftigt sie da draußen und was auch immer es ist, ich will es erstens nicht unbedingt treffen und bin ihm zweitens recht dankbar. Nach dir wäre wohl ich an der Reihe gewesen und so langweilig ewiges Leben auch sein kann, ich hänge doch sehr daran.“

Lacus hatte trotz der schmachvollen Niederlage wohl noch immer zumindest einen Teil seines Optimismus behalten oder zumindest sein Humor nicht verloren. René war auch aufgefallen, dass sein Partner sich sehr bemüht hatte werde Mensch noch Vieh zu sagen. Entweder konnte er, wie René auch, selbst nicht glauben, dass es sich bei ihren Gegnern tatsächlich um die eigentlich so schwache Beute gehandelt haben soll oder er wollte ihn nicht daran erinnern, was ihn beinahe getötet hatte. Letzteres hätte er sich durchaus sparen können, die Erinnerung war schließlich doch noch recht frisch. Auch wenn er die Menschen schon jetzt nicht mehr wirklich beschreiben konnte, die Augen des einen, würden ihn wohl noch eine Weile verfolgen. Es war nicht unbedingt Hass, den er in ihnen gesehen hatte, der ihn so sehr erschreckte, sondern eher der Wille alles zu tun, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Nun wusste er, was immer mit Gier gemeint war. Diese Bereitschaft war es, die die Menschen so gefährlich machte. Sie war der Grund, weshalb nur noch zehn Prozent der Bevölkerung der Erde lebte. Stumm saßen die beiden nebeneinander. Eigentlich sollten sie mal nachsehen, ob die Menschen noch immer in dem Dorf waren. Irgendetwas hielt René aber davon ab, es anzusprechen und auch Lacus war anscheinend nicht sonderlich erpicht darauf, sie vielleicht doch noch einmal zu treffen. Um zumindest nicht die ganze Zeit schweigend nebeneinander zu sitzen, versuchte René die Zeit mit einer Frage zu überrücken, die ihn beschäftigte, seit er wieder bei Bewusstsein war.

„Wieso hast du mir Blut gegeben? Jetzt fehlt dir vermutlich auch eine Menge und wenn es zu einem Kampf kommt hast du auch weniger Chancen zu überleben. Du hättest mich einfach sterben lassen können.“

Gespenstige Stille breitete sich in dem halb zerfallenem Gebäude aus. Lacus schien mit der Frage ein wenig überfordert zu sein. Gut, sie kam für ihn vermutlich wirklich sehr unerwartet, aber dass er so lange für die Antwort brauchte, war doch ein wenig ungewöhnlich. Es wirkte beinahe, als würde er sich dafür schämen.

„Naja, zum einen wollte ich nicht alleine mit diesen Monstern sein. Es war echt unheimlich, wie stark selbst die schwachen, mit denen ich zu tun hatte, waren. Außerdem. Ich weiß nicht. Es fühlte sich irgendwie- irgendwie falsch an, dich einfach im Stich zu lassen. So lange wie wir uns jetzt schon kennen. Die Vorstellung plötzlich einen anderen Partner zu haben war irgendwie… komisch. Der wüsste ja gar nicht mit mir umzugehen und würde am Ende noch auf meine dämlichen Vorschläge hören. Stell dir mal vor, wir würden immer das machen, was ich für richtig halte. Wir würden nie mit unseren Aufträgen fertig werden.“

Verwirrt starrte René zu ihm herüber. So ein Geständnis hatte er gerade nicht erwartet. Wenn es nicht so absurd wäre, würde er sagen, dass Lacus ihm gerade seine Gefühle gestanden hätte. Sie waren Vampire. Sie waren rein physiologisch gesehen tot. Ihr Herz schlug nicht, sie mussten nicht atmen, nicht essen, nicht schlafen und sie hatten keine Emotionen. Vampire konnten nicht einmal wirklich Freundschaften, wie sie die Menschen doch so häufig hatten, schließen. Partner: ja. Verbündete: auf jeden Fall. Aber Freunde? Freundschaft würde Zuneigung erfordern. Etwas, das Vampire nicht hatten, weil sie nichts empfinden konnten.

„Wie- Wie hat es sich eigentlich angefühlt von mir zu trinken? War es… anders als bei Menschen?“

Die Frage traf René nun völlig unvorbereitet. War das nur eine Art Rache für seine eigene? Oder wollte Lacus tatsächlich wissen, wie es war von einem anderen Vampir zu trinken?Er hatte keine Ahnung, aber er kannte auch die Antwort nicht. Schließlich hatte der Durst ihn vollständig im Griff gehabt. Je länger er aber über die Frage nachdachte, desto mehr musste er sich eingestehen, dass da etwas war. Ein Gefühl, dass er nicht beschreiben konnte. Nicht einmal zuordnen wollte ihm gelingen, obwohl er das Gefühl nicht loswurde, dass er es eigentlich kennen müsste.Langsam wurde Lacus ungeduldig und René sah ihm an, dass er bereits mit dem Gedanken spielte die Frage noch einmal anders zu formulieren. Trotzdem konnte er sich noch immer nicht dazu entschließen, etwas zu antworten. Er könnte einfach sagen, dass er durch den unglaublichen Durst nicht viel mitbekommen hatte. Es wäre nicht einmal wirklich gelogen, aber irgendetwas in ihm drängte ihn, Lacus nicht nur mit dieser unvollständigen Halbwahrheit abzuspeisen. Etwas, von dessen Existenz er noch vor Kurzem nichts gewusst hatte.

„War es genauso, als würdest du von einem Menschen trinken?“

Lacus Neugierde und Ungeduld hatten nun also gesiegt. Diese neue Frage war deutlich leichter, aber die Antwort würde Renés Partner nicht befriedigen. Es würden nur weitere Fragen kommen, die René auch sich selbst noch immer nicht beantworten konnte. Trotz allem blieb ihm nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass Lacus bereits nach der ersten Antwort Ruhe geben würde.

„Nein, war es nicht.“

Er hätte ausführen können, was genau anders war, wenn er es denn selber wüsste. So sehr er sich auch abmühte, er konnte es einfach nicht beschreiben. René versuchte seine Unsicherheit damit zu überspielen, dass er sich wegdrehte. Vielleicht deutete Lacus es fälschlicherweise als Erschöpfung und würde aufgeben. Wirklich viel Hoffnung hatte er zwar nicht, einen Versuch war es ihm dennoch wert.

„Jetzt sag nicht du weißt es nicht.“ Unglaube und Entrüstung lieferten sich beinahe einen Wettkampf in Lacus Stimme. „Du hast es doch gerade gemacht! So durstig kannst du zum Schluss gar nicht mehr gewesen sein. Auch wenn ich zwischenzeitlich echt Sorge hatte, dass du zu einem Dämon wirst und mich angreifst, hatte sich das recht schnell wieder gelegt. Du hast dich nicht verkrampft und auch keine Male bekommen, warst dementsprechend also noch weit davon entfernt.“

Jetzt wusste er zumindest, für was die schwarz-weiße Farbe gestanden hatte. Es war der Dämon, zu dem er fast geworden wäre und ihn hatte es nicht einmal mehr interessiert. Es hatte nicht viel gefehlt und er hätte seinen Kameraden angegriffen, der die Gefahr nicht einmal hätte kommen sehen.Da war es schon wieder: Dieses Gefühl, das er einfach nicht zuordnen konnte. Ein wenig abgeschwächt zwar, aber unverkennbar das gleiche, das er, wie er nun im Nachhinein feststellte, auch beim Trinken gespürt hatte. Sorge. Ja, das könnte es sein. Aber wieso? Und um wen?

„Darf ich, naja, es vielleicht mal bei dir ausprobieren? Nur einen ganz kleinen Schluck. Ich reiß‘ mich wirklich zusammen.“

Die Neugierde war deutlich in Lacus Augen zu sehen. Ein Teil von René wollte es ihm schon gelangweilt abschlagen, während ein anderer endlich diese Fragen beantwortet haben wollte. Und was wäre besser, als es seinen Partner ausprobieren und danach erklären zu lassen? Eigentlich kannte René diesen Kampf schon, war er doch seit seinem ersten Tag als Vampir sein ständiger Begleiter. Normalerweise war die neugierige Stimme recht einfach zur Ruhe zu bringen. Es war wie das Zuschlagen einer Tür. Ein kurzer Kraftaufwand und schon hatte man Ruhe. Dieses Mal funktionierte das aber nicht. Seine Neugierde und etwas anderes nahmen überhand, sodass er tatsächlich einwilligte. Was war nur mit ihm los? Hatte er heute früh abgestandenes Blut getrunken oder woher kamen diese seltsamen Anwandlungen?

Den kurzen Stich, als Lacus Zähne sich in seinen Hals bohrten, spürte René fast gar nicht. Viel präsenter war etwas anderes. Der Drang, es ihm gleich zu tun wurde immer stärker, aber nicht, weil der Durst überhandnahm. Etwas anderes in ihm regte sich. Etwas, dass er schon seit langem tot geglaubt hatte: Das Verlangen nach Zärtlichkeit und Zuneigung. Mit Macht versuchte der Vampir dieses Gefühl zu unterdrücken. Es musste an dem Blutmangel liegen. Anders ging es gar nicht. Es waren bestimmt nur die Nachwirkungen seiner Verletzungen. Morgen würde er all das nur als einen schlechten Tag abtun.Je stärker René versuchte sich gegen das fremde Gefühl zu wehren, desto mehr begann es ihn zu beherrschen. Immer wieder unterbrach er seine eigenen Gedanken, in denen er Lacus biss, aber schon kurz darauf kamen sie wieder. Und jedes Mal wurde es schwerer, sie zur Seite zu drängen.Er wusste nicht, wie lange er es schaffte, sich gegen sein eigenes Verlangen zu wehren, aber letztlich ließ Lacus von ihm ab. Es hatte sich wie Stunden angefühlt, obwohl es nur Augenblicke gewesen sein konnten. Renés Durst war nicht wirklich stärker geworden, sein Partner hatte sich also tatsächlich zusammen gerissen.

„Alles ok bei dir?“

Lacus hatte fragend eine Augenbraue hochgezogen und sah René besorgt an. Besorgnis. Wieder etwas, das ein Vampir nicht empfinden dürfte. Viel erstaunlicher war allerdings, die leichte Röte, die nur langsam aus Lacus Gesicht wich. Nein, das musste René sich wirklich eingebildet haben. Das Herz eines Vampirs schlug nicht mehr, wie also sollte das funktionieren? Andererseits: Außer dem Verlangen zu trinken, sollte ein Vampir auch nichts empfinden können. Vielleicht…

„Du hast es auch gespürt, oder?“

Lacus Frage riss ihn aus den Gedanken, hielt ihn gleichzeitig aber auch davon ab, weiter auf dessen Hals zu starren. Nur mit viel Mühe schaffte es René, dass seine Stimme sich genauso gelangweilt und emotionslos anhörte, wie sonst. Bei seiner Mimik scheiterte er aber. So sehr er es auch versuchte, er schaffte es einfach nicht das Verlangen, Lacus noch einmal zu beißen, zu unterdrücken.

„Ja“, brachte er gerade so heraus.

Zu mehr war er einfach nicht in der Lage. Zu sehr verwirrte ihn, was gerade eben passiert war. Irgendwo unter all den verwirrenden Empfindungen sah er den Gedanken vorbei huschen, dass er sich wohl jetzt einige Jahrhunderte anhören dürfte, dass auch er manchmal seine Instinkte nicht ganz so sehr unter Kontrolle hatte, wie er immer tat. Lacus würde es schließlich nicht interessieren, dass er kurz vor dem verhungern gestanden hatte, denn das war bereits seit einer ganzen Weile offensichtlich nicht mehr der Fall.Erleichtert stellte René fest, dass sich seine Gefühle langsam wieder beruhigten. Je länger er daran dachte, wie Lacus ihn wohl am ehesten damit aufziehen würde, desto mehr ebbte der Drang ihn zu beißen ab, verschwand aber trotz allem nicht ganz. Tief atmete er ein und langsam erkannte er sich wieder. Einen Augenblick noch und er könnte in aller Ruhe vorschlagen, dass sie wieder nach oben gingen. Die Menschen müssten schließlich wieder weg sein. Weshalb sonst hätten sie so lange ihre Ruhe haben sollen?

Ein Stechen in Renés Hals ließ ihn all die Vorsätze wieder vergessen. Erneut wurde sein gesamtes denken alleine von diesem unglaublich erregenden Gefühl eingenommen. Spätestens jetzt war er sich sicher, dass Lacus die gleichen Empfindungen hatte. Es spielte keine Rolle, ob man gebissen wurde, oder derjenige war, der trank. Alles Denken hörte auf. Der Wunsch, dass es niemals aufhörte wurde beinahe übermächtig und in der Hoffnung diese Lust noch zu vergrößern, wollte man sich immer näher an den anderen drängen. Dieses Mal hielt auch René sich nicht zurück. Ja, es war falsch. Aber es war das erste Mal seit Jahrhunderten, dass er wieder eine Empfindung hatte. Die erste Abwechslung in der unendlich andauernden Langeweile. Eine Unterbrechung der Eintönigkeit, die nun, da er wusste, dass es sich nicht nur um ein durch die Nahtoderfahrung hervorgerufene Reaktion war, unwiderstehlich wurde. Gierig biss er in den nackten Hals vor ihm, spürte das wohlige Zittern unter sich, als er, vorsichtig erst, zu saugen begann. Wie lange sie so eng umschlungen in dem Keller saßen, wusste René nicht. Auf der einen Seite hatte es sich nur wie ein Augenblick angefühlt, auf der anderen Seite spürte er, dass Lacus eine ganze Menge Blut von ihm getrunken hatte. Vampirblut war keine Nahrung. Ihm fehlten wichtige Bestandteile, die die veränderten Zellen des Vampires ständig daraus entzogen. Vermutlich war genau das auch der Grund, weshalb René es schaffte, sich von seinem Partner zu trennen und auch dieser vorerst keinen Versuch startete, ihn wieder zu beißen. Er ließ sich sogar wieder nach hinten fallen, sodass sie sich wieder gesittet gegenüber saßen und nicht mehr halb aufeinander hingen.
Ein wenig verlegen sah Lacus auf den Boden und zu Renés Erstaunen holte er mehrfach tief Luft. Seine eigene Atmung, die sich nur langsam wieder beruhigte, hatte ihn nicht sonderlich erstaunt. Es passierte schließlich nicht selten. Lacus aber hatte schon seit mehreren Dekaden nicht mehr geatmet.

„Ich glaube, erregend und interessant trifft es am besten, oder?“

Von unten her sah Lacus zu ihm hoch. Mit einem unsicheren Grinsen, das vermutlich seine Unsicherheit überspielen sollte, richtete sich Renés Partner auf und sah fragend zu ihm herüber.René musste zugeben, dass es Lacus recht gut getroffen hatte. So lange schon hatte nichts mehr gefunden, was er mit diesen beiden Worten beschrieben hätte, dass er schon fast vergessen hatte, was sie eigentlich bedeuteten. Doch die Gefühle von gerade eben riefen lange verloren geglaubte Erinnerungen wach. Ein weiches Bett unter ihm, zarte Arme, die ihn sachte herab zogen. Es war wirklich eine Ewigkeit her, dass er etwas Vergleichbares gespürt hatte.Langsam nickte er, um endlich die Neugier seines Partners zu befriedigen, der ihn aufmerksam anstarrte. Als wäre das ein Startsignal oder eine Erlaubnis gewesen, begann Lacus wieder zu reden. Vermutlich wollte er die unangenehme Stille überbrücken.

„Es war ein wenig, als würde man von einem unglaublich köstlichen Menschen trinken. Nur um ein vielfaches intensiver. Nicht unbedingt der Geschmack, an den erinnere ich mich kaum, hat es so, ich weiß nicht, besonders, gemacht. Vielmehr das Gefühl, wie sich das Blut langsam verteilt. Ein Kribbeln an all den Stellen, die es berührt. Ich hätte mir vorhin fast an die Brust gefasst, nur um sicher zu gehen, dass mein Herz noch immer nicht schlägt. Ich frage mich, wieso es verboten ist. Eigentlich ist doch nichts dabei, meinst du nicht auch?“

Lacus Blick war irgendwo zwischen verlangend und verwirrt einzuordnen. So normal er sich auch beim Reden angehört haben mochte, ganz so leicht steckte er das eben erlebte wohl auch nicht weg. All die Empfindungen, die René so sehr verwirrt hatten, spiegelten sich in Lacus Gesicht. Auch wenn ihn das ein wenig beruhigte, völlig konnte er seine Verunsicherung nicht ablegen. Es war noch immer verboten. Vermutlich weil es Vampire so menschlich machte. Emotionen, Gier, Verlangen. All das waren Dinge, die sie doch eigentlich bei ihrem Nutzvieh so sehr verachteten. Das waren doch die Gründe für die Apokalypse. Natürlich war es also verboten, wenn es doch einen Vampir auf die gleiche Ebene brachte. Auf der anderen Seite, konnte er sich nicht vorstellen, wie aus dem, was er gerade erlebt hatte, eine Katastrophe entstehen sollte. Es war endlich. Bereits jetzt spürte er, wie sich langsam wieder die Gleichgültigkeit einstellte, die er so gewohnt war. Noch hatte sie nicht das gewohnte Ausmaß erreicht, aber das würde mit ein wenig Zeit bestimmt noch kommen. Bei Menschen hingegen war das der Dauerzustand. Deshalb waren sie unberechenbar, gefährlich sogar, ließ man sie unbeaufsichtigt. Wie kleine Kinder.
Die Frage, ob es ein einmaliges Erlebnis bleiben würde, oder sie es wiederholten, stand unausgesprochen im Raum. Lacus Antwort war mehr als eindeutig. Begierig sah er auf Renés Hals, während dieser noch immer unentschlossen war.Wieder waren es Lacus Zähne, die ihn aus seinen Gedanken rissen. Sanft bohrten sie sich in seine Haut. Anstelle aber tatsächlich zu trinken, zog er nur ein klein wenig. Gerade genug, dass René es spürte, aber nicht so, dass Blut aus den zwei Wunden fließen konnte. Lacushatte wohl aus genau diesem Grund nur gerade so seine Haut verletzt.

„Wir könnten das regemäßig machen“, brachte Lacus hervor, als er sich kurz von Renés Hals trennte und ihn angrinste. „Es muss ja keiner wissen. Sollen sie doch die Ewigkeit damit verbringen sich zu langweilen. Ich jedenfalls habe keine Lust darauf.“

Noch bevor René etwas erwidern konnte, gruben sich die dünnen Zähne wieder in seinen Nacken. Das unglaubliche Gefühl einer Mischung aus Lust, Geborgenheit und Glückseligkeit gab ihm letztlich den Rest.

„Ja“, keuchte er gerade so, bevor er dem Drang nachgab und genüsslich in Lacus Hals biss.

Ja, er wollte mehr. Ja, er wollte, dass es nie aufhörte. Und ja, die Regeln und auch das Risiko waren ihm egal. Hier und jetzt wollte sich René einfach nur lebendig fühlen, in dem Wissen, dass es dem für ihn wichtigsten Vampir genauso ging. Ja, er wollte jetzt einfach nur glücklich sein.

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Nachdem Crowley in den Kampf eingegriffen hatte, war es, sehr zu Ferids Bedauern, nur noch eine Sache von Augenblicken, bis die Menschlein sich Wunden leckend zurückzogen. Zwei der Menschen blieb allerdings noch stehen, um ihren Freunden den Rückzug zu ermöglichen. Ein guter Zeitpunkt für Ferid, um sich zu zeigen. Crowley verstand den Wink mit dem Zaunpfahl wohl auch, denn sobald er Ferid sah, ließ er sich zurückfallen. Schon vor einer ganzen Weile waren sie zu der Übereinkunft gekommen, dass es besser wäre, wenn nur einer von ihnen alles wusste. Gut, viel Mitspracherecht hatte er Crowley zwar nicht gelassen, aber dieser schien es ihm trotzdem noch nicht wirklich übel zu nehmen, dass er die ganze Zeit wie eine Spielfigur hin und her geschoben wurde. Im Moment reichte es ihm wohl, dass Ferid für ein wenig Abwechslung sorgte. Hoffentlich wurde ihm die Abwechslung nicht bald langweilig. Denn so ungern Ferid es sich auch eingestand, er mochte den jungen Vampir. Er war nützlich und an einigen Stellen Ferid sogar ein ganz klein wenig ähnlich. Eine wunderbare Grundlage für eine gute, wenn auch nicht ganz gleichberechtigte, Zusammenarbeit.
Es waren wohl die stärksten der Gruppe, die ihren Kameraden den Rücken frei zu halten versuchten, aber auch sie hätten wohl nur wenige Sekunden überlebt, wenn es denn Ferids Ziel gewesen wäre, sie zu töten. So aber fand er es viel amüsanter den blonden Schützen nur schwer zu verletzen, während er den mit dem Schwert völlig in Ruhe ließ. Grinsend stellte er sich vor die beiden und ließ sein Schwert absichtlich in einem nahen Haus. Verzweiflung war doch etwas so herrliches. Und besonders schön war es, wenn kurz davor noch Hoffnung in den Augen geflackert hatte.
Leider tat ihm das Menschlein nicht den Gefallen, sondern schien sehr wohl zu wissen, dass es keine Chance hatte. Seinen schwerverletzten Kollegen hatte es zwar kurz mit einem wunderschönen verzweifelten Blick gemustert, aber es war deutlich weniger, als Ferid sich erhofft hatte. Normalerweise wurden sie doch immer so emotional, wenn jemand neben ihnen zu sterben drohte und es letztendlich dann auch tat. Waren sie tatsächlich schon so weit, dass sie ihre Heilungsfähigkeiten gesteigert hatten und die Wunde gar nicht so schlimm war, wie er angenommen hatte? Wenn dem so war, musste es noch jemand anderen geben, der ihnen Hinweise gab. Er selbst hatte schließlich nur hier und da etwas fallen lassen, wenn er den einen oder anderen Menschen entkommen ließ. Ein zweiter Vampir, der ihnen half, würde natürlich auch die Geschwindigkeit erklären, mit der sie lernten.

„Was willst du, Vampir?“

Wie unhöflich von dem Menschen, ihn einfach so in seinen Gedanken zu unterbrechen. Und ihn dann auch noch so direkt ansprechen, also wirklich. Keine Manieren, die Nutztiere heutzutage. Er hatte sich dabei noch schützend vor seinen Kameraden gestellt. Wie niedlich. Wirklich viel würde das zwar nicht bringen, aber der Versuch gefiel Ferid. Der Mensch hatte also etwas, das ihm wichtig war. Damit konnte er arbeiten.

„Ich will gar nichts, aber du anscheinend. Wieso hättest du dich sonst schließlich so weit von den lustigen Mauern entfernen sollen, die euch zumindest einen Anschein von Sicherheit geben?“

Man musste ja nicht immer gleich mit der Tür ins Haus fallen. Es würde das arme Menschlein nur erschrecken, wenn er ihm zur Begrüßung erklären würde, dass er absolut keine Chance hätte und, wenn er das Leben seines Freundes retten wollen würde, alles tun würde, was der Vampir von ihm verlangte. Es war viel besser, wenn er sich selber dazu entschied Ferid zu helfen. Dann wäre er auch eher bereit auch Dinge zu opfern. Ein wenig Angst war auch nicht schlecht, aber die würde er ausnahmsweise nicht zu seiner eigenen Belustigung auskosten. Ferids Satz hatte den Menschen erschreckt, sodass er ihn nun deutlich aufmerksamer und nicht mehr nur feindselig anstarrte. Sie hielten die Mauern also tatsächlich für sicher.
Da der Mensch aber keine Anstalten machte, etwas zu sagen, fuhr Ferid einfach fort.

„Ich habe eine Idee. Du wirst jeden zweiten Vollmond eine Stunde lang vor dem Tor am Rand des Waldes dort hinten stehen. Ein kleines Team darfst du meinetwegen mitnehmen, aber schlepp mir bitte nicht eine ganze Armee an. Sonst bekomme ich vielleicht Angst und töte ausversehen einen deiner ach so wichtigen Kameraden. Für jedes Mal, dass du dort stehst, darfst du dir eine Person aussuchen, die ich nicht töten werde, auch wenn ich es könnte. Für meine Artgenossen kann ich natürlich nicht bürgen. Und weil ich heute meinen ganz besonders spendablen Tag habe, darfst du dir heute schon jemanden aussuchen. Sozusagen als kleine Anzahlung.“

Möglichst unbedarft schaute Ferid dem Menschen direkt in die Augen. Er machte sich nicht einmal die Mühe, seine nicht sehr hohe Meinung von dem schwachen Wesen vor sich zu verstecken. Wieso auch? Es war schließlich allgemein bekannt, dass Menschen für Vampire nicht mehr als eine Nahrungsquelle waren. Dass sein Interesse in diesem Falle eher weniger mit Ferids Ernährung, als vielmehr seiner mit unglaublich schnell aufkommenden Langeweile zu tun hatte, musste der Mensch ja nicht wissen. Es war nicht der Durst nach Blut, der sich in den Augen des Vampirs spiegelte, sondern viel mehr die Vorfreude darauf seinen Plan, der immer wieder dazu führte, dass er für kurze Zeiten etwas fühlte, voran zu bringen. Vor seinem inneren Auge sah er bereits die verschiedenen möglichen Ausgänge ablaufen. Entweder starb er, oder er starb nicht. Er war schon ganz gespannt auf das Gesicht der-

„Und wo ist der Haken an der Sache?“, unterbrach eine Stimme erneut seine Gedanken.

Skeptisch, aber weiterhin ohne die sonst so typische Todesangst, sah der Mensch zu Ferid. Enttäuscht darüber, dass seine Überlegungen erneut von diesem zwar nicht ganz so schwachen, aber immer noch sehr harmlosen Würmchen unterbrochen wurden konzentrierte sich der Vampir wieder auf das, oder besser gesagt den vor ihm stehenden. Es wäre wirklich schön, wenn er auf diesen herab sehen könnte, aber leider stand er ein kleines Stück zu tief dafür. Wo waren auch immer die Steine, wenn man sie denn mal brauchte? Dadurch musste er sogar seinen Kopf ein Stück heben. Eigentlich könnte der Mensch sich hinknien.
Und zum dritten Mal innerhalb kürzester Zeit ermahnte Ferid sich, nicht so leicht abzuschweifen. Bevor seinem Gesprächspartner noch auffiel, dass er nicht ganz bei der Sache war, antwortete er auf dessen Frage mit einer Gegenfrage. Das gab ihm ein wenig Zeit, seine Gedanken zu ordnen.

„Wieso wird mir immer unterstellt, ich hätte Hintergedanken?“

Ferid versuchte sich wieder einmal an einem unschuldigen Gesichtsausdruck. Es gelang ihm schon ganz gut, nur das Grinsen sollte er beim nächsten Mal besser weglassen. Der Mensch schien ihm nämlich nicht wirklich zu glauben und da er die Augen geschlossen hatte, wusste er nicht, woran es sonst liegen könnte. Obwohl… Er hatte wieder einmal vergessen den Kopf weg zu drehen. Daran könnte es liegen. Dass er den Menschen noch vor wenigen Augenblicken gemustert hatte, als wäre er ein leckerer Happen zwischendurch, verdrängte der adlige Vampir einfach.

„Vielleicht macht es mir ja einfach Spaß, dir dabei zuzuschauen, wie du dir alle zwei Monate eine Stunde lang den Hintern abfrierst. Vielleicht bekommst ja auch du irgendwann etwas, wer weiß. Vielleicht komme ich dadurch aber auch einem meiner Ziele ein kleines Stück näher. Also: Willst du gemeinsam mit deinem Freund hier und jetzt sterben oder lieber das Risiko eines kleinen Handels eingehen? Wenn du nämlich keine Lust hast, suche ich mir einfach jemand anderes. Da du dann allerdings nutzlos bist, werde ich dich wohl oder übel töten müssen. Sonst könnte vielleicht etwas von unserer netten Unterhaltung an die falschen Ohren gelangen. Und das wollen wir doch vermeiden.“

Ferid versuchte mittlerweile gar nicht mehr, seine Vorfreude zu verstecken. Bisher hatte er sich immer Gedanken gemacht, wie er denn eines der kleinen Menschlein, auf die Krul so versessen war, halbwegs sicher zu den Menschen bekommen könnte. Wie er es aus Sanguinem bekam, wusste er schon, er hatte sogar einen Plan, bei dem er den kleinen mit dem Michaels Mal zu einem starken Vampir machen konnte. Wenn er Glück hatte, überlebte er selbst auch. Ganz wollte er es schließlich nicht vorbereiten. Wo würde denn sonst der Spaß bleiben. Jetzt hatte er aber endlich auch einen Weg gefunden, wie denn das zweite kleine Seraph nicht starb, sobald es in die kalte Welt hier draußen kam. Ferid musste nur noch das kleine Menschlein vor sich davon überzeugen und weit entfernt war er nicht mehr. Ob nun die Gefahr selber zu sterben oder seinem Kameraden das gleiche Schicksal aufzuzwingen der Auslöser war, wusste der Vampir nicht genau, aber es war ihm auch egal. Sein Ziel hatte er schließlich erreicht.

„Also gut. Jeden Monat eine Stunde, aber ich werde keine Minute länger dort stehen. Und wann ich komme bestimme-„

„Oh, das habe ich fast vergessen. Zwei Stunden nach Sonnenuntergang, bitte. Sonst verwechsle ich dich vielleicht mit einem deiner Kollegen und töte dich doch ausversehen. Ich hoffe doch, dass das in Ordnung für dich ist. Wenn es gar nicht geht, könnten wir uns auch auf drei Stunden nach Sonnenuntergang einigen. Aber wirklich nur im allergrößten Notfall.“

Dem Mensch war anscheinend sehr wohl bewusst, dass Ferid nur mit ihm spielte. Keinen Augenblick verlor er seine wachsame Haltung. Nichtsdestotrotz war ihm bewusst, dass er keine Chance hätte sich selbst, geschweige denn seinen schwer verletzten Freund lebend hinter die angeblich ach so sicheren Mauern zu bringen. Er schien den Vorschlag ernsthaft in Erwägung zu ziehen und als er letztlich tief Luft holte, war sich Ferid sicher: Er würde zustimmen. Vielleicht erst nach einer kleinen Verhandlung, aber letztlich würde er nachgeben und den in seinen Augen vermutlich unmoralischsten Handel in seinem ganzen, kurzen Dasein eingehen, nur um das kleine, erbärmliche Leben seines Freundes zu retten.

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Crowley durchsuchte nun schon das zehnte Haus, hatte aber immer noch keine Spur von den beiden überlebenden Vampiren. Es interessierte ihn zwar nicht wirklich, ob die beiden überleben würden, allerdings wollte er nur ungern von einem plötzlich entstehenden Dämon überrascht werden. So, wie er es aus den Augenwinkeln gesehen hatte, war einer der beiden wohl kurz davor gewesen, als sein Partner ihn vom Schlachtfeld geschleppt hatte, weswegen Crowley extra einen Menschen übrig gelassen hatte. Er hatte ihn sich unter den Arm geklemmt und lief nun in das elfte Haus, in der Hoffnung das zappelnde Etwas endlich loswerden zu können. Kurz hatte er mit dem Gedanken gespielt, ihn einfach ohnmächtig zu schlagen, aber aus Sorge ihn dabei zu töten letztendlich doch darauf verzichtet. Die Schläge waren langsam, schwach und einfach nur lächerlich. Wenn er sich nicht darauf konzentrierte, bemerkte er sie fast gar nicht. Es waren eher die dauerhaften Versuche sich zu befreien, die ihm so langsam auf die Nerven gingen.

Ein Stöhnen aus dem Keller des Gebäudes ließ Crowleys Alarmglocken schrillen. Der Vampir hatte sich durch den Blutmangel wohl doch schneller in einen Dämon verwandelt, als erhofft. Auch wenn es sich nur um einen mittelstarken handeln dürfte, wollte Crowley nicht das Risiko eingehen, mit einer Hand kämpfen zu müssen. Kurzerhand setzte er den immer noch wild strampelnden Menschen auf den Boden und tippte ganz leicht gegen seinen Kopf. Selbst wenn er jetzt starb, wäre das sowieso kein Problem mehr. Einen hungrigen Vampir müsste er schließlich nicht mehr damit füttern. Crowley schaute nur kurz, ob sich der Mensch tatsächlich nicht mehr bewegte, ging dabei aber bereits mit gezogenem Schwert in Richtung der Treppe.
Ein erneutes Stöhnen, dieses Mal in einer anderen Tonlage, ließ Crowleys Vorsicht noch weiter steigen. Vielleicht war der eine Vampir in seinem Durst über den anderen hergefallen und er hatte es nun mit zwei Dämonen oder Halbdämonen zu tun. Da es doch eher selten passierte, hatte Crowley leider keine Erfahrung, wie stark ein Dämon war. Natürlich war ihm bewusst, dass es von dem Vampir abhing, der sich verwandelte und da die beiden Vampire keine Adligen waren, standen die Chancen gut. Aber vielleicht waren Dämonen prinzipiell stärker, als der Vampir, aus dem sie entstanden. Kampfbereit schlich er um die nächste Ecke und erstarrte.Was er sah, war einfach nur absurd und ein wenig gruselig. Die beiden Vampire bissen sich gegenseitig in den Hals und zumindest der, dessen Gesicht er sehen konnte, sah dabei aus wie ein Mensch beim Geschlechtsverkehr. Crowley hatte zwar durchaus schon gehört, dass es angeblich ein unglaubliches Gefühl wäre, wenn man das Blut eines Vampirs trank. Bisher hatte er allerdings noch nie gesehen, dass so etwas passierte, weshalb ihn die Situation ein wenig überforderte. Er wusste nicht wirklich, wie er sich verhalten sollte. Eigentlich war es verboten, aber das war bei vielen Sachen, die er mit Ferid zusammen schon getan hatte auch der Fall. Die beiden taten niemandem etwas, nicht einmal einem Menschen, also entschied er sich letztlich noch einmal die Treppe herunter zu kommen. Dieses Mal nur ein wenig lauter. Vielleicht würden sie es bemerken und aufhören. Er selbst könnte dann einfach so tun, als hätte er nichts gesehen und ihnen den hoffentlich nur bewusstlosen Menschen geben. Soweit Crowley wusste wurde man nämlich nicht wirklich satt, wenn man von einem anderen Vampir trank.

Zu seiner Erleichterung hörten sie ihn beim zweiten Mal tatsächlich. Er hatte sich auch wirklich Mühe gegeben und den Menschen ein oder zwei Mal fallen lassen. Vielleicht war auch die Tatsache, dass er ihm in den Arm geschnitten hatte, der Grund. Hungrige Vampire rochen frisches Blut schließlich auf hunderte Meter. Selbst mit der Ablenkung sollte das also genug sein.Der einzige Nachteil war, dass sie ihn für einen Gegner hielten und gemeinsam angriffen. Wirklich Probleme bereitete ihm das natürlich nicht, aber mit dem leider wieder zappelnden Menschen unter dem Arm war es unbequem zu kämpfen. Hatte der Anblick der beiden ihn tatsächlich so sehr in den Bann gezogen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie die Zeit verging?
Letztlich siegten die Instinkte der beiden, die sich vermutlich gegenseitig halb leer getrunken hatten und anstelle Crowley anzufallen, tranken sie gierig aus dem Menschen, den er als eine Art Schild verwendet hatte.

Erst als der Mensch schließlich in ihrem gemeinsamen Griff erschlaffte und vermutlich keinen einzigen Tropfen Blut mehr im Körper hatte, kamen die zwei Vampire langsam wieder zu vollem Bewusstsein. Kurz sahen sie zu Crowley, der sich ein wenig von ihnen weg gedreht hatte, um ihnen zumindest eine gewisse Privatsphäre zu geben, und sie nur aus den Augenwinkeln beobachtete. Vermutlich überlegten sie, wie sie das Vorgefallene erklären sollten und was sie eigentlich alles erwähnen mussten.

„Ähm, ich, also-“, begann der kleinere der beiden.

Crowley nahm das als Startsignal sich umzudrehen. Freundlich lächelte er sie an und hoffte, dass seine immer noch andauernde Unsicherheit nicht sichtbar war. Er wollte vermeiden die Situation für alle beteiligten noch unangenehmer zu gestalten. Genau das würde aber passieren, wenn die beiden Vampire herausfanden, dass er sie gesehen hatte. Er wollte keine Entschuldigungen und schon gar keine Erklärungen hören.

„Ach gut, ihr seid satt. Ich hoffe er hat nicht allzu schlecht geschmeckt, ich konnte ihn leider nicht besser erhalten hier her bringen.“

Erleichterung spiegelte sich in den Augen seiner Gegenüber und ihre Haltung entspannte sich sichtlich. Bisher hatten sie anscheinend befürchtet, dass er sie über das Vorgefallene ausfragen würde. Dass sie nicht sonderlich begeistert von dem Gedanken waren, konnte Crowley sehr gut nachvollziehen. Ihm ging es schließlich nicht anders, obwohl er nur zuhören müsste.
Da seine Gedanken schon wieder zu der verstörenden Szene bei seinem ersten Betreten des Kellers abschweiften, zwang Crowley sich schnell dazu, sich auf das Anstehende zu konzentrieren. Er musste die beiden Vampire davon überzeugen, dass er durch Zufall hier vorbei gekommen war und, als er bemerkt hatte, dass sie zu Krul Tepes Garde gehörten, sofort eingegriffen hatte. In Anbetracht ihrer körperlichen und anscheinend auch geistigen Verfassung war das durchaus möglich, er durfte sich nur nicht versprechen.

„Was ist hier eigentlich vorgefallen? Die Menschen, die mich angegriffen haben, waren ungewöhnlich stark und selbst ich, als dreizehnter Ahne hätte fast Probleme bekommen. Habt ihr eine Idee, woran das liegen könnte?“

Natürlich hatte Crowley sich bei dem Kampf nicht einmal wirklich anstrengen müssen. Ja, die Menschen waren um einiges stärker, als er es gewohnt war, aber noch immer hatten sie sich für sein Gefühl wie in Zeitlupe bewegt. Aber zum einen wollte er die beiden Vampire vor sich nicht noch mehr erniedrigen, indem er vor ihnen damit angab. Zum anderen hätte ein dreizehnter Ahne vermutlich wirklich Probleme gehabt.

Der kleinere Vampir wollte gerade zum Sprechen ansetzen, als sein Partner ihm stumm zu verstehen gab, dass er das übernehmen würde. So gut, wie die beiden sich verstanden, waren sie wohl häufiger im selben Team. Sie verstanden sich ohne Worte und es kam, soweit Crowley es einschätzen konnte, zu keiner Entrüstung seitens des Kleineren. Für taktische Gespräche war er wohl generell nicht zuständig.

„Was genau passiert ist, kann ich Euch leider nicht sagen. Eigentlich hätten wir nur einige Menschen zusammentreiben und dann die Kinder nach Sanguinem bringen sollen. Allerdings trafen wir auf die bereits von euch beschriebenen Menschen, welche unsere vier Kammeraden töteten und mich schwer verletzten. Hättet Ihr sie nicht angegriffen, wären vermutlich auch wir beide ihnen zum Opfer gefallen. Woher sie eine solche Macht hatten, wissen wir leider auch nicht. Ihre Waffen haben allerdings Wunden verursacht, die sich nicht sofort wieder schlossen. Vielleicht hat ein abtrünniger Vampir ihnen geholfen.“

Natürlich hatte ein Vampir den Menschen geholfen. Alleine wären sie nie in der Lage gewesen, eine solche Stärke in so kurzer Zeit zu entwickeln. Selbst wenn man davon ausging, dass sie bereits vor der Apokalypse an derartigen Waffen gearbeitet hatten. Ein so schneller Fortschritt war dadurch trotzdem nicht zu erklären. Da Ferid ihn den ganzen Weg hier her geschleift hatte, hatte Crowley auch die ein oder andere Vermutung, weshalb die Menschen so stark waren. Aber das würde er für sich behalten und maximal den vermutlichen Strippenzieher persönlich darauf ansprechen. Aber auch nur, wenn der gerade gute Laune hatte.

„Ich denke es ist das Beste, wenn wir erst einmal wieder zurückgehen“, schlug Crowley vor, während er bereits die Treppe hoch lief.

Er hatte keine Lust noch länger hier unten zu bleiben. Ständig kam ihm das Bild von vor wenigen Minuten in den Sinn, so sehr er auch versuchte sich mit anderen Sachen zu beschäftigen. Nicht einmal der Gedanke an leckeres, frisches Blut half. Deshalb musste er so schnell wie möglich hier raus.

„Ihr beide seht noch immer recht mitgenommen aus und es könnte durchaus sein, dass noch mehr Menschen auftauchen, die dann ein ernstes Problem darstellen würden. Ich würde euch nun bitten, mit mir zusammen zu Königin Krul zu kommen, damit sie einen vollständigen Bericht bekommt.“

*****************************


Der Rückweg verlief schweigend. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach und auch wenn Lacus das ein oder andere Mal überlegte, ob er René nicht doch vielleicht auf das im Keller ansprechen sollte, hielt ihn die Anwesenheit Crowleys jedes Mal davon ab. Er glaubte noch immer, dass dieser nichts mitbekommen hatte und wollte sein Glück nicht auf die Probe stellen.
René hatte eher mit sich selbst zu kämpfen. Er hatte zwar zugestimmt, so etwas öfter zu machen, aber mittlerweile bereute er diesen Entschluss. Zu dem Zeitpunkt war er noch nicht wieder ganz bei Sinnen gewesen. Geschwächt durch den Blutmangel, gleichzeitig aber in einem Zustand unbeschreiblicher Befriedigung, hatte er ohne an eventuelle Konsequenzen zu denken auf sein Verlangen gehört und Lacus Vorschlag angenommen. Nun aber sah er das Risiko. Es verstieß nicht nur gegen die allgemeinen Normen unter Vampiren, es war eigentlich sogar verboten. Außerdem war er sich im Gegensatz zu seinem Partner nicht so sicher, ob Crowley nicht doch etwas gesehen hatte. Was wenn er es der Aufsicht erzählte oder gar selbst die Bestrafung vornahm, noch bevor sie in die Stadt erreichten?
Der adlige Vampir dachte allerdings nicht im Entferntesten daran. Er wollte es einfach nur so schnell wie möglich vergessen. Die Tatsache, dass Ferid bereits gegangen war gab ihm die Möglichkeit, seine Gedanken zu beschäftigen. Was hatte er eigentlich hier gewollt? Weshalb hatte er darauf bestanden Crowley mitzunehmen? Und wieso hatte er ihn jetzt einfach sitzen lassen? Gut, Letzteres war nicht weiter ungewöhnlich. Vermutlich hatte er es einfach nicht für nötig befunden zu warten. Vielleicht hatte er auch die Szene im Keller mit angesehen und freute sich nun darauf, Crowley bei der nächstbesten Gelegenheit damit aufzuziehen. Vorerst würde er nach Nagoya zurückgehen und darauf warten, dass Ferid entweder einen Auftrag für ihn hatte oder einen seiner Pläne in seiner Nähe abspielen ließ. Eine andere Möglichkeit hatte er auch nicht wirklich, schließlich hatte er selbst nach über dreihundert Jahren noch immer keine Ahnung, was eigentlich Ferids Ziel war. Wenn es nicht immer wieder für amüsante Abwechslung sorgen würde und meist auch Vorteile bereithielt, wäre er auch schon längst eigene Wege gegangen. So aber blieb er zumindest in der Nähe des exzentrischen Vampirs, um zumindest etwas weniger Langeweile zu haben.
Dass dieser einfach nur eine einmalige Chance gesehen hatte, seinen Plan weiter voran zu bringen und, damit er nicht wieder das Interesse verlor, schnell weitere Vorbereitungen treffen wollte, konnte Crowley nicht wissen. Ferid hatte sich nach der etwas einseitigen Unterhaltung mit dem Menschen sofort an die Arbeit gemacht, damit der arme nicht allzu oft warten musste. Den verletzten Vampir hatte er vollkommen vergessen, gab es doch wichtigere Angelegenheiten, die er regeln musste. Er brauchte eine Karte. Und er musste irgendwie den Zeitpunkt ein wenig eingrenzen, an dem das Seraph aus dem Tor stolpern würde. Eine Absicherung, dass Krul ihn nicht tötete wäre auch nicht schlecht. Obwohl, das würde den ganzen Spaß nehmen.
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