Der ewige Kampf zwischen Slytherin und Gryffindor

von Paula0407
GeschichteDrama, Familie / P12
OC (Own Character) Rose Weasley Scorpius Malfoy
22.01.2018
11.09.2019
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So selbstsicher ich auch bei der Diskussion mit Rose gewirkt hatte, nun hatte ich panische Angst. Der Samstag war endlich gekommen und es war kurz vor zehn Uhr morgens. Um zehn begann mein erstes Training. Lediglich Becca hatte ich von Charlys Warnung erzählt. Beim Frühstück hatte sie deshalb nicht zugelassen, dass mich jemand von den anderen in irgendeiner Weise nervte, wofür ich unglaublich dankbar war.

Als wir ins Schlafzimmer zurückgekehrt waren, sprach sie mir durchgängig gut zu.
„Du bist super in Quidditch!“
„Nick ist nur ein fünfzehnjähriger Junge, kein Monster!“
„Du hast dir diesen Platz verdient!“
„Nervosität ist was ganz Normales, verwandle sie in Aufregung.“

Tatsächlich munterten mich ihre Worte ein bisschen auf und stärkten mein Selbstbewusstsein. Noch nie hatte ich einen Menschen gehabt, der anscheinend wirklich an mich glaubte, außer natürlich Polly. Aber sie war eben meine Zwillingsschwester, da war das irgendwie vorprogrammiert. Beccas Zuneigung und Hilfe war allerdings alles andere als selbstverständlich. Ihre positive Art war wirklich angenehm.

Deshalb fiel es mir auch schwer, mich von ihr zu trennen. Am liebsten hätte ich sie einfach mit zum Training genommen, aber dann würde Nick wahrscheinlich vollkommen ausrasten. Sie umarmte mich zum Abschied und wünschte mir viel Glück. „Danke, Becca! Wirklich, danke!“, sagte ich vollkommen aufrichtig und zwang mich dann loszulaufen.

Auf dem Weg versuchte ich ruhig zu bleiben und nicht weiter über irgendwelche Situationen nachzugrübeln, die eventuell passieren könnten. Ich fühlte mich, als wäre ich auf dem Weg zu einer Prüfung. Man strebte sich mit aller Kraft dagegen, den gelernten Stoff im Kopf noch mal durchzugehen, weil man sonst bemerken könnte, dass man irgendwas vergessen hatte. Doch was, wenn man nun alles wieder vergaß, weil man es eben nicht noch einmal wiederholt hatte? So war es auch mit meiner Panik. Ich durfte nicht daran denken, weil ich sonst verrückt werden würde, hatte aber gleichzeitig Angst davor, zu unvorbereitet und zu locker dort anzukommen.

So kam es dazu, dass ich fast erleichtert war, als ich endlich am Quidditch Feld ankam, da ich nun nicht mehr darüber nachdenken konnte. Als erstes bemerkte ich Charly, die mich zu sich her winkte. Neben ihr stand eine ältere Schülerin, die bestimmt schon in ihrem letzten Jahr hier in Hogwarts war und sich als Jackie vorstellte. „Du hast Glück, Nick ist noch nicht da. Geht es dir gut?“, fragte sie und sah mit einem mitleidigen Blick zu mir herab. Ich erklärte, dass es mir abgesehen von der leichten Nervosität gut ginge, und untertrieb sehr stark.

Wahrscheinlich dauerte es gar nicht lange, bis Nick endlich auftauchte, doch mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Als er dann allerdings auf uns zukam, konnte ich gar nicht fassen, dass dies Nick sein sollte. Der Typ war nie im Leben fünfzehn. Er sah wirklich älter aus, da er zum einen riesen groß und zum anderen sehr breit und muskulär gebaut war. Auch wenn ich mir versprochen hatte, diesen Kerl zu hassen, musste ich chancenlos zugeben, dass er wirklich ein hübscher Kerl war. Seine kastanienbraunen Haare trug er an den Seiten kurz, während sie oben in Locken in sein Gesicht fielen. Ich konnte nichts anderes tun, als ihn anzustarren, aber ich bemerkte, dass es Charly und Jackie nicht anders ging, obwohl sie ihn ja schon kannten.

Als er dann endlich bei uns  und der restlichen Mannschaft stand, machte ich mich bereit, von ihm angesprochen zu werden. Allerdings kam rein gar nichts. „Was steht ihr denn hier noch rum! Nach oben bitte, alle auf eure Position und dann mit dem Quaffel alle zusammen einspielen.“, sagte er streng, woraufhin die ganze Mannschaft sofort gehorchte.

Ich blieb allerdings stehen, um nachzufragen, was ich machen sollte, doch ich wurde schnell unterbrochen. Charly hatte auf mich gewartet, packte mich am Arm und zog mich von Nick weg. „Komm, hoch mit dir. Ich zeig dir deinen Platz. Wir werfen uns jetzt einfach ein bisschen den Quaffel zu, bevor es richtig losgeht“, erklärte sie mir kurz und knapp. Ich brauchte einen kurzen Moment, um die Aufstellung zu verstehen. „Beeilung, Neuling!“, rief mir Nick von unten zu. Das waren also seine ersten Worte an mich, reizend.

Der Anfang lief eigentlich relativ gut. Schon bei den Flugstunden hatte ich gelernt mit dem Quaffel umzugehen, weshalb das zuwerfen und Fangen kein größeres Problem für mich darstellte. Keiner schien dies allerdings in irgendeiner Weise anzuerkennen, also war das wohl nichts Besonderes.

Die Situation änderte sich allerdings, als das Einspielen zu Ende war. Zum ersten Mal bestieg auch Nick seinen Besen und erklärte uns, wie es weitergehen sollte. „Das erste Spiel dieses Jahr wird gegen die Gryffindors sein, ihr wisst was das heißt. Gegen uns spielen sie gerne aggressiv, die Treiber werden keine Rücksicht nehmen. Das trainieren wir heute. In einem normalen Spiel gibt es zwei Klatscher, wir haben heute vier. Ich werde Ryan und Tony als dritter Treiber unterstützen, der Rest wird normale Spielzüge durchführen und versucht Tore gegen Jackie als Hüterin zu werfen. Los geht’s!“

Er wollte schon herunter fliegen, um die Klatscher frei zu lassen, doch Tony hielt ihn auf. Er flog zu ihm und sprach mit ihm im gedämpften Ton. Doch ich verstand ganz genau, was er sagte: „Wir haben eine Neue! Du kannst sie doch nicht beim ersten Mal vier Klatschern aussetzen.“ Einerseits war ich dankbar, da ich ja schon vor einem Klatscher Angst hatte, andererseits wollte ich nicht die Schwächste im Team sein. Nicks Antwort verstand ich nicht, doch man konnte in seinem Gesicht sehen, dass er Tonys Warnung kein bisschen nachvollziehen konnte.

Mit einem entschuldigenden Blick entfernte sich Tony und ließ Nick die Bälle holen. „Mir kann aber nichts passieren, oder? Das ist ja nur ein Training!“, fragte ich Charly ängstlich. Hilfesuchend sah sie sich um, anscheinend wollte sie mir keine Angst machen. „Zauberstäbe sind auf dem Besen verboten, keine Ahnung, wie man dir sonst mit einem Klatscher helfen soll“, überlegte Ryan laut und verursachte bei mir zittrige Hände. Von unten rief Nick, dass wir unsere Positionen einnehmen sollten. „Konzentrier dich erst auf die Klatscher, dann auf den Quaffel. Lieber lässt du ein paar Bälle fallen, als dass du vom Besen fliegst.“

Das war der letzte Tipp, den Charly mir zuraunte, bevor es losging. Ich versuchte mir diesen Rat wirklich immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, was mich tatsächlich davor bewahrte, von den Klatschern getroffen zu werden. Gleichzeitig bedeutete das, dass ich mich nicht wirklich auf die Spielzüge konzentrierte und deshalb immer wieder Schuld an einem missglückten Zug war.

Das ging natürlich nicht spurlos an Nick vorbei, weshalb er mich nach etwa zehn Minuten zur Seite nahm. „Kannst du dich vielleicht einmal konzentrieren! Glaubst du, dass du dich jetzt nicht mehr anstrengen musst, nur weil du in der Mannschaft bist. Das kannst du dir aber ganz schnell wieder aus dem Kopf schlagen.“, meckerte er streng. Wie gerne hätte ich nun dagegengehalten und angemerkt, wie fies diese Übung für einen Anfänger war, doch nach allem, was ich über Nick gehört und bis jetzt mitbekommen hatte, traute ich mich nicht. Also nickte ich nur, während ich seinem Blick auswich, woraufhin er mich zurück auf meinen Platz schickte.

Dann ging es weiter und ich strengte mich noch ein bisschen mehr an, auch wenn ich eigentlich vollkommen überfordert war. Nach einer Weile schafften wir ein paar durchgängige Würfe bis zum Torring, den ich nur knapp verfehlte. Zwar war das für mich ein kleiner Erfolg, doch Nick schüttelte genervt den Kopf. Ich versuchte, seine Meinung zu ignorieren, und hängte mich noch einmal richtig rein. Mein Gefühl wurde langsam ein bisschen besser, als ich mit Charly und Leo ein relativ gutes Team abgab.

Doch der schöne Moment war schnell wieder vorbei. Ich hatte begonnen, mich mehr um den Quaffel als um den Klatscher zu kümmern. Das sollte ich bereuen. Als ich nämlich gerade einen ziemlichen guten Wurf zu Leo geschafft hatte, war ich einen winzigen Moment unaufmerksam, aber dann war es schon zu spät. Ich hatte einen Klatscher, der von der Seite auf mich zuraste und den ich plötzlich im Augenwinkel sah, zu spät bemerkt. Es hätte mich hart vom Besen gestoßen, wenn Nick nicht mit seinem Zauberstab auf mich gedeutet und laut „Accio, Klatscher!“ geschrien hätte. Der Ball änderte vom einen auf den anderen Moment seine Flugrichtung.

Nachdem Nick alle Klatscher wieder in ihre Koffer befördert hatte und wir alle am Boden angelangt waren, kam er wutentbrannt auf mich zu. „Und genau wegen Leuten wie dir, muss ich die Regeln brechen.“, schrie er zornig und hielt mir seinen Zauberstab unter die Nase. Mir war klar, dass Zauberstäbe in Quidditch Umhängen nichts zu suchen hatten. „Man muss eben einfach mal die Augen aufmachen, dann ist das doch nicht so schwer! Ich bereue es jetzt schon, einen Erstklässler in die Mannschaft gelassen zu haben. Das Training ist für heute beendet, ich muss mir erst einmal etwas ausdenken, mit deutlich weniger Niveau.“

Ich hasste es, vor allen zur Sau gemacht zu werden, doch was sollte ich denn schon erwidern. Einen peinlichen Moment später, flüsterte ich: „Danke, für die Hilfe. Ich geh dann mal.“ Erleichtert darüber, endlich flüchten zu können, lief ich davon, auch wenn die Situation nicht gerade leichter wurde.

Am liebsten hätte ich Quidditch sofort geschmissen. Ich verabscheute diesen Nick, seine Arroganz, seine schlechte Laune, sein fehlendes Mitgefühl. Er war als Kapitän vollkommen unbrauchbar, in seiner Mannschaft wollte ich nicht spielen. Doch es gab einen Grund, nicht aufzugeben. Dieser war mir wichtiger als alle anderen, die gegen Quidditch sprachen. Rose hatte gesagt, dass Nick Stanton mich fertig machen würde, dass ich mich nicht in der Mannschaft halten würde. Ich wollte nicht, dass sie Recht hatte, und war bereit, dafür zu kämpfen. Ich schwor mir also selbst, nicht aufzugeben und mich durch das schreckliche Training zu beißen, nur um Rose zu übertrumpfen.

Deshalb hielt ich es auch nicht für nötig, irgendjemandem von den Geschehnissen im Training zu erzählen, weder Polly noch Becca. Lediglich die Mannschaft wusste davon, also hoffte ich inständig, dass sie sich nicht mit anderen Leuten darüber lustig machten.

Die nächsten Trainings liefen nicht wirklich besser. Zwar schaffte ich es nicht noch einmal, dass die ganze Mannschaft aufhörte und das Training abgebrochen wurde, doch ich wurde jedes Mal angeschnauzt. Nick hatte immer etwas an mir zu meckern, während er kein einziges Mal ein kleines Lob für mich übrig hatte. Ich hasste es, so behandelt zu werden, wusste allerdings auch nicht, wie ich mich wehren hätte sollen. Also ließ ich es über mich ergehen.

In den Herbstferien war es am schlimmsten, weil wir am Sonntag, bevor der Unterricht wieder losging unser erstes und gleichzeitig wichtigstes Spiel gegen Gryffindor hatten. Jeden Tag trainierten wir stundenlang, doch dabei fiel mir etwas auf. Nick hatte kein einziges Mal mittrainiert, sondern sich immer auf uns konzentriert. Der Schnatz kam in unserem Training kein einziges Mal vor. Als ich Charly danach gefragt hatte, erklärte sie nur, dass Nick nur alleine trainierte und er dabei niemanden um sich herum haben wollte. Keiner wusste genau, warum. Wahrscheinlich war er einfach der Meinung, dass er das gar nicht nötig hatte, weil er eh schon alles konnte.

Am Freitag vor dem Spiel hatte er es noch einmal richtig übertrieben. Wir trafen uns für drei Stunden vormittags, um dann am Nachmittag noch einmal vier Stunden zu trainieren und unsere Taktik durchzugehen. Ich war vollkommen fertig, als wir endlich fertig waren. Allerdings konnte ich mich nicht einfach ins Bett legen. Wegen meinen durchgeplanten Ferien, hatte sich Polly beschwert, dass ich keine Zeit mehr für die hatte. Sie hatte mich also dazu überredet, sie nach dem Training Freitagabend zu treffen.

Missmutig und schlecht gelaunt stapfte ich nun über die Ländereien von Hogwarts und wollte einfach nur schlafen, doch schon auf dem Weg zum Schloss wurde ich aufhalten. „Amilia Chapman?“, hörte ich eine tiefe Stimme hinter mir sagen. Irritiert drehte ich mich um und entdeckte Hagrid. Schon wieder fragte ich mich, warum er meinen Namen kannte. Schon bei unserer Ankunft in Hogsmead hatte er mich und meine Schwester sofort erkannt. „Äh, guten Abend, Professor“, begrüßte ich ihn schüchtern.

Er kam auf mich zu und fragte: „Glückwunsch, zu der Quidditch Mannschaft. Das schaffen nicht viele so früh. Wie geht es dir? Wie läuft es in der Schule?“ Hinter seinem dicken Bart konnte ich ein freundliches Grinsen auf deinen Lippen erkennen. Allerdings verstand ich nicht, warum er sich über so etwas erkundigte, ich war nicht einmal seine Schülerin. Warum interessierte er sich für mich? Natürlich wollte ich trotz allem nicht unhöflich sein, also antwortete ich zögerlich: „Ja, beim Quidditch hab ich wirklich Glück gehabt!“ Mit diesen Worten log ich mich zwar selbst jeden Abend an, doch ich versuchte positiv zu denken. Wenn es um den Unterricht ging, konnte ich dagegen getrost die Wahrheit sagen. „Die Schule ist super. Der Unterricht ist echt interessant, ich kann es immer noch nicht glauben, dass das hier alles echt ist. Ich glaube, ich verbringe jeden Tag mehrere Stunden in der Bibliothek!“

Daraufhin gluckste er belustigt und klopfte mir mit seiner gigantischen Hand auf die Schulter. Wahrscheinlich war dies als freundliche Geste gemeint, doch ich musste mir ein schmerzerfülltes Gesicht verkneifen. „Na dann, freut mich! Das gebe ich gerne weiter. Bis irgendwann!“, sagte er und lief mit winkender Hand davon. An wen wollte er bitte weitergeben, dass es mir gut ging?

Immer noch irritiert ging ich weiter, doch verdrängte schnell wieder dieses merkwürdige Gespräch, da ich erneut meine körperliche Erschöpfung spürte. Meine schlechte Laune kehrte also zurück, sobald ich im Schloss ankam, um mich mit Polly zu treffen. Wir hatten ausgemacht, dass sie in der Bibliothek auf mich warten würde. Natürlich war es grundsätzlich eine gute Sache, sich mit ihr zu treffen. Nur weil ich ein bisschen Kontakt mit den Slytherins hatte, bedeutete das nicht, dass ich Polly nicht mehr brauchte. Ganz im Gegenteil! Allerdings war dieser Tag wirklich eine ganz schlechte Wahl. Ich war fix und fertig und hatte auch noch nicht meine ganzen Hausaufgaben erledigt.

Das größte Problem war aber, dass ich Polly meine Leiden nicht anvertrauen konnte. Schon oft hatte ich versucht, mit ihr über mein schreckliches Quidditch Training zu sprechen, doch beim Thema Quidditch schaltete sie komplett ab. Vielleicht konnte sie gar nichts dafür, aber sie ertrug den Gedanken anscheinend immer noch nicht, dass ich in einem Sport besser war als sie. Ich versuchte das zu verstehen, aber ich konnte nicht leugnen, dass mich dieser Zustand ein bisschen nervig. Jedoch war ich nicht daran interessiert, auf Konfrontation zu gehen, also vermied ich dieses Thema einfach.

Das machte das Treffen allerdings nicht gerade einfach. Ich konnte ihr also nicht erklären, warum es mir am heutigen Tag nicht so gut ging. Etwa zwei Stunden lang, versuchte ich möglichst heiter und unbekümmert zu wirken, damit sich Polly keine Sorgen machte und kein Streit ausbrechen würde. Es war für mich hundertprozentig klar, dass sie ausrasten würde, wenn ich über das Training jammern würde, welches sie so gerne besuchen würde.

Ich war erleichtert, als sie endlich den Anschein machte, dass sie gehen wollte. Sie erklärte, dass sie noch Hausaufgaben machen musste und verschwand dann relativ schnell. Einerseits erleichtert, doch andererseits noch ein biss genervter als zuvor, da der Tag noch immer nicht vorbei war, ging ich herunter in den Kerker. Es war zwar erst acht Uhr abends, doch ich hätte mich nun hinlegen können und vierundzwanzig Stunden durchschlafen können.

Ich zwang mich, wach zu bleiben, schlüpfte schnell in etwas Bequemes und setzte mich dann an einen Schreibtisch. Becca wimmelte ich ab, indem ich ihr in möglichst höflichem Ton erklärte, dass ich noch viel zu tun hatte. So stürzte ich mich in die Arbeit, doch es lief nicht wie gewohnt. Eigentlich war ich eine sehr fleißige und konzentrierte Schülerin, weil der Stoff einfach unglaublich cool war, aber am heutigen Tag ging gar nichts.

Immer wieder erwischte ich mich dabei, wie ich in Gedanken abschweifte. Mir fiel es schwer, einen einzigen Absatz fokussiert zu lesen und mich dann an das Gelesene zu erinnern. Als ob ich plötzlich nicht mehr lesen konnte. Es war einfach nicht möglich, dass ich mich in meine Aufgabe hineindachte und etwas Anständiges hervorbrachte. Stattdessen starrte ich auf meine leere Papierrolle, ohne überhaupt zu merken, dass ich schon wieder in einer anderen Welt war. Es war, als ob ich alle paar Minuten in einen Sekundenschlaf verfiel, und ich konnte rein gar nichts dagegen machen. So verging die Zeit, die ich eigentlich produktiv hätte nutzen sollen, um möglichst viel Schlaf abzubekommen.

Um kurz elf war ich mal wieder in einer Art Trance gefangen, als jemand mit der Hand vor meinem Gesicht wedelte. Ich schüttelte benebelt den Kopf, wischte mir über die Augen und drehte mich dann um, um anschließend in Sams blödes Gesicht zu blicken. Nicht der schon wieder!

„Was?“, fauchte ich und drehte mich zurück, doch so leicht ließ er sich dieses Mal offenbar nicht abwimmeln. Er legte seine Hände über mein Buch, das vor mir lag, und schob mich sanft vom Schreibtisch weg. Sofort begann ich zu meckern und versuchte verzweifelt, mich zu wehren. „Ist dir eigentlich aufgefallen, dass so gut wie alle schon im Bett sind?“, fragte er und wirkte dabei fast belustigt.

Ich wollte nicht mit ihm sprechen oder ihm nur ansatzweise die Wahrheit anvertrauen, und doch antwortete ich: „Ich hab zu tun. Morgen wird Nick uns den ganzen Tag trainieren wollen und am Sonntag ist das Spiel. Ich muss heute fertig werden.“ Eine Weile beobachtete er mich, wie ich mir verzweifelt durchs Haar strich, doch er machte keine Anstalten, zur Seite zu gehen und mich in Ruhe zu lassen. „Bitte, Sam, lass mich jetzt in Ruhe! Ich muss wirklich fertig werden!“, bettelte ich und konnte nicht verhindern, dass mir die Tränen in den Augen standen. Mit aller Kraft kämpfte ich gegen sie an. Ich würde jetzt nicht vor diesem Blödmann heulen, ich konnte das nicht, ich durfte das nicht! Doch je mehr ich mich dagegen zierte, desto stärker brannten sie in meinen Augen. Die Erschöpfung, die Wut, der Stress und die Müdigkeit überforderten nicht nur meinen Körper.

Nun schien auch Sam meinen Zustand zu bemerken. Zum ersten Mal, seitdem ich ihn kannte, wich sein arroganter Blick von seinem Gesicht. Tatsächlich sah er mich in diesem Moment ehrlich besorgt an, als ob er sich wirklich um mich sorgte. Normalerweise wäre ich skeptisch gewesen, doch ich konnte in meiner Verfassung nicht mehr klar denken. „Hey, kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte er in einem genauso mitleidigen Ton und ging einen kleinen Schritt auf mich zu, um dann nach meiner Hand zu greifen. „Hau ab!“, wimmerte ich und weichte seinem Blick aus. „Ich glaub nicht, dass das der richtige Weg ist. Meinst du nicht, du brauchst jemanden zum Reden?“ Eine Weile stand er einfach nur neben mir, hielt meine Hand und sah mir dabei zu, wie ich mich abquälte, nicht wie ein kleines Kind loszuheulen.

Aber noch immer wusste ich nicht, was ich entgegnen sollte. Ich war nicht gut in so etwas. Niemand außer Polly hatte mich jemals so gesehen und ich hatte das auch immer zu verhindern versucht. Das Problem war, dass er vermutlich Recht hatte. Ich wollte gar nicht, dass er mich mit meiner Arbeit und meiner Überforderung allein ließ. Andererseits hatte ich nicht die leiseste Ahnung, wie man jemanden um Hilfe bat. Noch nie hatte ich Hilfe gebraucht, ich kam immer gut alleine zurecht, weshalb ich auch immer zurückgezogen und schüchtern war. Ich hatte ja Polly, vor der mir nichts auf dieser Welt peinlich war. Diese Situation war ganz neu und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte.

Doch glücklicherweise musste ich das nicht wissen, da mir Sam zur Hilfe kam: „Wie wäre es, wenn du jetzt schlafen gehst. Ich hab die Hausaufgaben schon erledigt, du kannst sie morgen also ganz schnell abschreiben.“ Sein Vorschlag war wahrscheinlich nett gemeint, doch für mich klang es wie eine Beleidigung. „Spinnst du? Ich schreib doch keine Hausaufgaben ab!“ Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass man aus welchen Gründen auch immer, seine Aufgaben nicht selbst erledigte. Das war falsch, das war gelogen. Auf Sams Lippen spiegelte sich ein dezentes Lächeln wider aufgrund meiner Einstellung.

„Wie wäre es, wenn ich dir morgen dabei helfe. Dann geht es noch mal doppelt so schnell. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass du heute noch etwas Richtiges zustande bringst. Sorry, aber hast du dich mal angeschaut? Du siehst aus, als hättest du eine Woche durchgemacht!“ Tatsächlich entwich mir wegen seiner Aussage ein leises Glucksen und ich fühlte mich kein bisschen angegriffen. Stattdessen dachte ich über seinen Vorschlag nach und kam zu dem Schluss, dass sein Angebot eigentlich richtig nett war.

Doch ich konnte jemandem, den ich vor einer Stunde noch gehasste hatte, kein Kompliment machen. Also brachte ich lediglich ein geflüstertes „Dankeschön!“ hervor. Sam aber wirkte damit vorerst zufrieden. Er begann meinen Schreibtisch leerzuräumen. Als er fertig war, nahm er mich erneut an der Hand, mit den Worten: „Und du kommst jetzt mit!“ Er zog mich mit sich, bis zur Tür des Mädchenschlafsaals. „Du schläfst dich jetzt richtig aus. Dieser Nick hat auch nichts davon, wenn du komplett fertig am Sonntag bist, da hilft das ganze Training. Außerdem hast du das doch eh nicht nötig!“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu und brachte mich damit erneut zum Lächeln. Er wünschte mir eine gute Nacht und verschwand dann, ohne irgendwelche Worte von mir zu erwarten.

Dafür war ich ihm dankbar. Ich wäre sogar mit dieser leichten Aufgabe überfordert gewesen. Ich stapfte also in mein Schlafzimmer und fiel genauso wie ich war ins Bett und fiel binnen Sekunden in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf.
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