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Baby on Board

von KiraNear
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P6 / Gen
C.C. Babcock Fran Fine Maxwell Sheffield Niles
22.01.2018
22.01.2018
5
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22.01.2018 5.623
 
Verwirrt und orientierungslos öffnete sie die Augen. Die Sicht verschwommen, versuchte sie ihre Umgebung zu erkennen. Aus der Ferne erklangen Stimmen, dichtes Gemurmel, das in ihren Ohren keinen Sinn ergab. Ein Stechen fuhr durch ihren Hinterkopf, gefolgt von einem leichten Pochen. Fragend schob Fran sich eine Strähne aus dem Gesicht, sie hatte immer noch keine Erklärung dafür gefunden, wo sie sich befand. Zu welchem Ort die weiße Decke mit dem Wasserschaden gehörte. Auf was für eine Art von Bett sie sich im Augenblick befand.
Denn eines konnte Fran mit einer hohen Sicherheit sagen: Dass sie sich nicht freiwillig auf diesen Gegenstand gelegt hatte. Er war lange nicht so angenehm wie ihr eigenes Bett, doch welchen Zweck er auch immer hatte, sie ging davon aus, dass er ihn voll und ganz erfüllte. Die Stimmen näherten sich; und sie hörte eine gewisse Freude heraushören. Schnell kniff sie ihre Augen zusammen; und als sie sie wieder öffnete, war sie nun in der Lage zu erkennen, zu wem die Stimmen gehörten.
Val, ihre beste Freundin seit sehr vielen Jahren, sah sie sowohl erleichtert, aber auch besorgt an.
„Val, wo bin ich, was ist passiert?“, fragte sie mit einem Kratzen im Hals. Ihre Stimme krächzte stärker als sonst, was sogar ihr selbst unangenehm war. Sie wollte Fran gerade antworten, wurde dabei jedoch unterbrochen.
„Schön zu sehen, dass es Ihnen wieder besser geht, Miss Fine“, sagte eine sanfte, männliche Stimme, die Frans Verstand zu einem spontanen Neustart verleitete. Augenblicklich standen ihr wieder sämtliche Sinne zur Verfügung, mit einer flinken Kopfbewegung drehte sie sich in die Richtung, aus der sie die Stimme hörte. Dabei stützte sie sich an der Kante ihres unbequemen Schlafortes ab, ein paar Hände hielten sie fest.

„Sie sollten sich nicht so schnell bewegen, ihnen könnte dabei schwindelig werden“, sagte der Fremde mit einer gewissen Menge an Sorge in seiner Stimme, dass Frans Herz zu flattern begann. Sie konnte sich für gewisse Dinge innerhalb von wenigen Herzschlägen begeistern, besonders, wenn sie eine Stimme hatten, die für Ohren und Seele ein streichelnder Genuss waren. Aber auch ihre Augen wurden nicht enttäuscht. Mit ihrem Blick wanderte sie seine Arme hinauf über seine breiten Schultern in ein freundliches, sportlich aussehendes Gesicht. Er war jemand, der darauf achtete, besonders fit zu sein, ohne dabei seinen Körper zu verschandeln oder auf dubiose Hilfsmittel zurückzugreifen. Welche er, nach Frans und auch Vals spontaner Meinung, auch nicht nötig hatte.
„Wir müssen auf jeden Fall warten, bis der Arzt nach ihnen gesehen hat. Vorher kann ich Sie leider nicht gehen lassen, Miss … uhm, Fine.“
„Ohh, das ist aber lieb, dass Sie sich so um mich Sorgen, Mister … wie war noch gleich ihr Name?“
Andere Leute würden ihr jetzt sagen: „Fran, das ist doch nicht der richtige Moment dafür“, doch wenn es nach ihr ging, dann gab es nie einen falschen Moment dafür, seinen zukünftigen Traum-Ehemann kennenzulernen. Zumindest gab es ein paar wenige Ausnahmen, allesamt Resultate von vergangenen Dates und geplatzten Hoffnungen; doch dieser Moment war keiner davon.
Ein Mann, der auf sich und auf andere achtet … hach, dass sich den noch keiner geschnappt hat … das muss ich sofort überprüfen!

Mit geübtem Blick suchte sie seine Finger ab, doch wurde nicht fündig. Lediglich ein Tattoo auf der Innenseite seines Handgelenks, doch der Name, den er sich dort hatte verewigen lassen, gehörte nachweislich zu einer Person männlichem Geschlechts.
„Pinetree, aber Sie können mich auch einfach Stan nennen, so wie jeder andere hier auch“, sagte Stan freundlich, dann bemerkte er ihren Blick. Nachdenklich starrte er für ein paar wenige Sekunden auf seine Tätowierung, bevor er sich wieder seiner Patientin zuwandte.
„Das ist mein Bruder, wir sind zusammen aufgewachsen und haben eine Menge durchgemacht. Manche Leute finden es seltsam, sich überhaupt einen Namen stechen zu lassen, doch mein Bruder und ich, wir sind unzertrennbar. Auch wenn er gerade in Houston sitzt und ich hier in New York …“
Fran sah die ideale Chance, wie sie auf das Thema „Freundin“ zu sprechen kommen würde, ohne dass sie ihn gleich vergraulen würde. Er machte einen gesprächsbereiten Eindruck auf sie und das würde sie ausnutzen. Mit einem kurzen Seitenblick auf ihre beste Freundin sah sie, dass sie ihr dabei keine Schwierigkeiten machen würde, sie war zu sehr mit Schwärmen und Zuhören beschäftigt. Sie spürte, dass sie vorerst freie Bahn haben würde; und packte die Gelegenheit gleich am Schopfe.
„Dann sehen Sie Ihren Bruder ja nicht gerade so oft, oder? Fühlen sie sich da nicht schrecklich einsam hier in dieser großen Stadt?“, fragte sie neugierig. Er lächelte, schüttelte jedoch nur den Kopf.
„Es geht, wir telefonieren oft und treffen uns so oft es uns möglich ist. Abgesehen davon habe ich meine Freunde hier und auch meinen Partner, dank ihnen fühle ich  mich hier ganz so verloren.“
Man konnte hören, nahezu spüren, wie die kleine Luftblase, genannt Hoffnung, über den Köpfen der Frauen zerbrach. An sich hatten sie nichts gegen homosexuell orientierte Menschen; vielmehr fanden sie es schade, dass er bereits vergeben war. Und selbst wenn er ein Single gewesen wäre, hätte er keinerlei romantisches Interesse für sie entwickelt.
Enttäuscht, ohne es sich anmerken zu lassen, legte sie ihr inneres Bild von ihrer gemeinsamen Zukunft zu den Akten; und versuchte sich wieder auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren.
Sie sah zwischen den beiden hin und her, denn so sehr sie versuchte sich zu erinnern, so schleierhaft kamen ihr ihre Erinnerungen vor. Lediglich eine Schale, gefüllt mit warmen Pommes und viel geschmolzenem Käse, kam ihr in den Sinn. Wie auch der Name Dakota. Der Rest blieb hinter einem hauchdünnen Nebel vor ihr verborgen. Nebel, der sich immer weiter auflöste, je mehr sich die Schmerzen in ihrem Kopf zurückzogen. Mittlerweile hatte sie erkannt, dass man sie in das Erste-Hilfe-Zimmer der Mall gebracht hatte. Als hätte er ihre Gedanken gehört, nickte Stan und ließ die beiden alleine. Verwirrt sah sie ihre Freundin an.

„Val, ich bin mir ganz und gar nicht sicher, was passiert ist … ich weiß nur noch, dass wir mit jemanden namens Dakota einen heißen Kerl verfolgt hatten, der leider schon vergeben war. Und wir haben uns bei Charleys ein kleines Mittagessen gönnen, bis wir gemerkt haben, dass …“
„Dass Dakota weg ist!“
Fran klatschte ihre Hand auf die Stirn und ließ sich auf die Liege zurückfallen. Wehleidige Geräusche kamen aus ihrem Mund, und sie wünschte sich in den Traum zurück, welchen sie vor wenigen Minuten noch hatte. In welchem sie sich mit einem jüdischen Arzt, welcher auch gleichzeitig Hobby-Delfintrainer war, auf einer tropischen Insel aufgehalten hatte. Warme Sonne, keine Sorgen und ein volles Buffet. Fran hätte viel dafür gegeben, die Realität gegen diesen Traum einzutauschen. Doch sie sah ein, dass es niemals möglich sein würde und versuchte sich zu erinnern, wann sie das Kind das letzte Mal gesehen hatte.
„Val, wir stecken in echten Schwierigkeiten. Wenn wir das Baby nicht finden, dann bekommen wir mehr als nur mit Mr. Sheffield Ärger. C.C wird uns die Augen auskratzen; und was werden erst ihre Eltern sagen? Wir müssen sie unbedingt finden, koste es was es wolle!“
Ihre Freundin, die nicht weniger besorgt war als sie selbst, sah ratlos zu ihr zurück.
„Wir haben nur absolut keine Ahnung, wie und wann wir das Baby verloren haben. War es, als wir den Typen verfolgt hatten? Oder erst danach? Hach, Fran, das macht mich jetzt gerade wirklich fertig …“
Verzweifelt fuhr sie sich durch die Haare, bevor sie sich auf die Liege gegenüber setzte. Schon oft waren sie in Schwierigkeiten geraten, in mehr als genug für drei Leben, aber dieses Mal hatten sie das Gefühl, den Karren nun vollkommen versenkt zu haben. Fran richtete sich erneut auf, und versuchte das Ganze ruhig zu analysieren. Was ihr mit der aufkeimenden Panik in ihrem Inneren noch schwerer fiel, als es normal der Fall war.
„Wir müssen uns nur überlegen, was alles möglich wäre. Und dann werden wir sie schon finden … irgendwie. Also, hast du irgendeine Idee, Val?“
Val schob ihre Lippe nach oben, mit dem Blick durch den Raum wandernd versuchte sie ihre Gedanken zu ordnen. Dann riss sie ihre Augen auf und packte Fran grob an den Oberarmen.
„Was, wenn sie jemand entführt und nun Lösegeld von uns möchte! Das wäre ja schrecklich!“
„Suchen Sie etwa jemanden?“, fragte Stan vorsichtig nach. Sie waren sich nicht sicher, ob sie sich ihm anvertrauen sollten, entschieden jedoch stumm dafür.
„Es ist so“, erzählte Fran für sie beide, „dass wir für eine Bekannte von uns auf ihr kleines Baby aufpassen sollten. Allerdings ist uns … etwas passiert und das Baby ist verschwunden. Jetzt wissen wir nicht genau, wo wir sie suchen sollen. Ob sie jemand gefunden, oder entführt hat. Wissen Sie zufällig etwas darüber?“
Zu ihrer Enttäuschung schüttelte er mit dem Kopf.
„Nein, leider nicht, zumindest ist mir da nichts zu Ohren gekommen. Aber ich bin auch nur für die erste Versorgung der Kunden zuständig, denen es nicht gut gehen oder ohnmächtig werden, so wie Sie. Allerdings gibt es eine andere Stelle hier, an die sie sich wenden können.“
Er begann, in einer der Schubladen herumzukramen und zog eine kleine Mappe der Mall heraus.
„Ich an Ihrer Stelle würde mal zum Kinder-Container vorbeischauen. Dort werden täglich alle möglichen Kinder vorbeigebracht, die von ihren Eltern getrennt wurden. Es könnte durchaus sein, dass euer gesuchtes Baby dorthin gebracht wurde. Höchstwahrscheinlich wartet das Kind dort und bekommt gerade die Windeln gewechselt. Auf jeden Fall wünsche ich Ihnen beiden viel Erfolg bei Ihrer Suche … doch vorher müsste ich noch wissen: Geht es Ihnen gut? Ihre Stimme scheint wenig unter ihrer Ohnmacht gelitten zu haben, sie klingt ein wenig … nasal. Notfalls sollten sie sich das von einem HNO-Arzt untersuchen lassen.“
Mit vielsagenden Blicken sahen sich die Freundinnen gegenseitig an, dann begannen sie zu kichern und klärten ihn über Frans Stimme auf. Nachdem sie ihn mehrfach beteuert hatte, dass sie in Ordnung wäre und keine weitere medizinische Aufmerksamkeit mehr benötigte, ließ er sie gehen. Nicht, ohne dass sie sich beide die Taschen mit diversen Bonbons und Lutschern, wie sie normalerweise nur kleinen Patienten vorbehalten waren, füllen ließen. Der junge Mann verdrehte mit einem Lächeln die Augen, ließ die Damen jedoch großzügig zugreifen. Hatten sie dabei noch mehr Manieren an den Tag gelegt als so manch andere Patienten, die er in den letzten Jahren versorgen durfte. Mit einem letzten prüfenden Blick in Richtung der Frau mit den hochtoupierten Haaren, verabschiedete er sich von ihnen und wies ihnen den Weg zum erwähnten Kinder-Container.

Dieser stellte sich als eine Art „Kinder-Aufbewahrungslager“ heraus, in welchem Eltern ihre Kinder für ein paar Stunden unter Beobachtung spielen lassen konnten, ohne sich um sie sorgen zu müssen. So konnten sie in der Zeit gemütlich in den Läden schlendern, und auch die einen oder anderen Geburtstagsgeschenke zurück legen lassen, um sie dann ein paar Tage später wieder abholen zu können.
Dort angekommen mussten sie feststellen, dass sie nicht die Einzigen waren, die sich für einen Mallbesuch um diese Uhrzeit entschieden hatten. Viele Eltern holten ihren Nachwuchs aus der Kinder-Ecke; und doppelt so viele lieferten diese gerade ab. Die Helfer hatten alle Hände voll zu tun; ohne dass ihre Autorität oder ihre Glaubwürdigkeit darunter litt. Nach und nach konnten sie die Kinder unterbringen, bis sie sich gezwungen sahen, die Eltern zu einem anderen Teil der Mall zu verweisen. Zu einem weiteren Kinder-Bespaßungspunkt, welcher noch genug Platz für die kleinen Jungen und Mädchen haben sollte. Voller Bewunderung beobachteten Fran und Val, wie die Mitarbeiter die Eltern samt Kinder koordinierten; und diese ohne zu murren ihren Weg zu ihrem Ziel bahnten. Was angesichts der mehr als chaotisch anmutenden Situation mehr als außerordentlich für die beiden war.
Bunte Sicherheitswesten und eine keckes Häubchen waren das Kennzeichen der Kinderhort-Mitarbeiter; eine davon pickte sich Fran heraus und befragte sie  nach dem vermissten Baby samt vermisstem Kinderwagen. Doch wie auch ihre Kollegen hatte sie keine positive Antwort für die zwei Frauen. Enttäuscht beobachteten sie Claire, Steven und Ashley dabei, wie sie mit ihnen zusammen sämtliche Kinderwägen durchgingen, ihrer befand sich jedoch nicht darunter.
„Es tut uns leid, dass wir ihnen nicht weiterhelfen können“, sagte Ashley mit ehrlicher Miene, die sie bedauernd ansah.
„Möglicherweise wurde ihr Wagen bei unserem anderen Hort abgeben, er ist genau auf der anderen Seite der Mall. Die Leute kommen oft hier her, weswegen hier meist mehr los ist als dort drüben. Aber wenn Sie mich fragen, ist es einen Versuch wert.“
Rasch notierte sie eine kurze Wegbeschreibung auf eine der Papierkarten, die einen recht groben Umriss der Mall zeigten und auf welcher die wichtigen Punkte vermerkt waren, inklusive sämtlichen Notausgängen, Toiletten oder eben Kinder-Aufwahrungshorten.
„Wir könnten vorab schon mal bei unseren Kollegen nachfragen, allerdings wird es wohl besser sein, wenn sie sich vor Ort erkundigen. Sie erkennen ihren Kinderwagen viel schneller, bevor wir die Beschreibung über die Leitung durchgegeben haben.“
Sie nahm Frans Hand und drückte sie herzlich. Man sah ihr an, dass sie wie ihre Kollegen in ihrem Beruf nicht feststeckte, sondern voll und ganz aufging. Dennoch hatte keiner der freundlichen Mitarbeiter weder die Kapazitäten, noch die Zeit, den beiden bei der Suche großartig zu helfen. Rund 40 Kleinkinder und Babys mussten von ihnen betreut werden, was laut Ashley noch nicht die Höchstzahl an liebreizenden Zwergen war, die für ein paar Stunden in ihre Obhut kamen.
Die beiden Frauen bedankten sich, und machten sich auf den Weg durch die Mall.
Diverse Uhren zeigten ihnen, dass die Mittagszeit angebrochen war. Männer in Anzügen, Frauen in schicken Kostümen und viele Schulkinder pilgerten zur Foodcourt-Ecke, für viele von ihnen stand die erste Mahlzeit des Tages bevor. Aber auch immer mehr und mehr Hausfrauen bevölkerten die Mall, wollten ihre alltäglichen Einkäufe oder Shoppingtouren erledigen. So füllte sich das Gebäude immer mehr und die beiden Frauen brauchten länger, von einem Ende zum anderen zu kommen, als erhofft.

Der andere Kinderhort war genauso gut besucht wie der erste, den sie aufgesucht hatten, viele Mütter und Väter warteten in einer Reihe darauf, ihre kleinen Zwerge für ein paar Stunden in die Obhut freundlicher Kinderbetreuer zu geben. Aufmerksam begutachteten sie die Kinderwägen der diversen Mütter, doch auch hier wurden sie nicht fündig. Die Mitarbeiter hatten leider keine guten Nachrichten für sie, als sie sich nach dem Baby und Kinderwagen erkundigten. Wie auch seine Kollegin entschuldigte er sich bei ihnen, konnte ihnen dafür ein paar gute Tipps mit auf den Weg geben. Fran bedankte sich seufzend, dann zog sie sich mit Val in das nächstbeste Café zurück. Selbst zum Frustshoppen war sie zu verzweifelt. Dass sie wenigstens ihre Geldbeutel in ihren Handtaschen bei sich hatten, war ein kleiner, wenn auch schwacher Lichtpunkt in der ganzen Angelegenheit.

„Ach, Fran, was machen wir denn jetzt? Wir sind geliefert!“
Mehrere Schokoladen-Smoothies später saßen sie an einem gemeinsamen Tisch und waren in ihre sorgenvollen Gedanken versunken. Dabei kam ihnen das kostenlose Refill-Angebot des Cafés mehr als recht. Halbherzig schwenkte Fran mit dem Becher umher, schlaff hing sie im Stuhl und streckte alle Glieder von sich.
„Wenn Mr. Sheffield und C.C. das erfahren, sind wir mehr als nur geliefert, das kannst du mir glauben!“.
Selbst ihre Stimme klang erschöpft, stöhnend rutschte sie noch tiefer in den ledernen Sessel. Val dagegen richtete sich auf, versuchte sich durch eine standhafte Haltung mehr Mut zu machen. Was ihr nur mäßig gelang.
„Was, wenn sie jemand entführt hat? Dann müssen wir ja Lösegeld bezahlen und das können wir uns ja nie leisten!“
Fran richtete sich ebenfalls auf, die Müdigkeit, die die vielen Smoothies in ihr verursacht hatten, zog sich langsam aus ihrem Kopf zurück. Sie nahm einen letzten Schluck, dann schob sie den Becher von sich.
„Rede doch keinen Unsinn“, sagte sie überzeugt.
„Wer sollte denn heutzutage ein Baby entführen. Wir leben in den 90igern, das ist ja nicht einmal mehr in den zweitklassigen Dramas mehr aktuell. Nein, Val, ich denke eher, dass es sicherlich viel einfacher ist, als wir vermuten.“
Val sah sie neugierig an. Auch sie hatte sich mittlerweile von ihrem Becher getrennt, aber auch von der Vorstellung, in ihrem vor wenigen Stunden frisch erstandenen Badeanzug hineinzupassen.
„Was, wenn wir sie irgendwo stehen gelassen haben? Und es hat einfach keiner daran gedacht, sie zu diesen Kinderecken zu bringen?“
Die Vorstellung kam Fran seltsam vor. Dennoch verschwamm ihre Erinnerung immer mehr, je länger sie versuchte Details im Kopf aufzurufen. Mittlerweile war sie sich nicht mal mehr sicher, was davon tatsächlich passiert war und was davon lediglich Wunschdenken ist. Was davon sich ihr Gehirn gerade nur ausdenkt.
Nachdenklich erwiderte sie: „Möglich wäre es. Zumindest ist es unsere letzte Chance, dass sie in irgendeiner Ecke steht oder dass sie jemand zur Seite geschoben hat. Vielleicht haben wir sie auch in einer Umkleidekabine vergessen … nein, vergiss das letzte, das wäre uns garantiert aufgefallen. Auf jeden Fall müssen wir jede Chance nutzen. Allein jetzt schon kann ich mir Mr. Sheffields Gesichtsausdruck vorstellen, wie er mich anschreien wird. Bestimmt wird er alles an mir auslassen – und ich bin meinen Job los …“
Den Tränen nahe zog sie ein Taschentuch hervor, in welches sie kräftig hineinschnäuzte. Val, der es nicht besser ging als ihr, stand auf und streichelte ihre beste Freundin vorsichtig an den Schultern.
Val sprach kein Wort, doch allein diese Berührung tat der jungen Frau mehr als gut. Dankend sah Fran sie an, bevor sie wieder an ihren Platz zurückkehrte. Lächelnd bedankte sie sich bei Val, doch diese winkte ab.
„Du wärst doch auch für mich da, wenn ich Trost brauche“, war ihre einzige Meinung dazu. Fran nickte, wischte sich ein paar letzte Tränen weg und stand abrupt auf.
„Dann sollten wir keine Zeit verlieren. Je länger wir warten, desto niedriger ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir die kleine Dakota wiederfinden. Wir müssen sie finden, bevor wir mit hängenden Köpfen in Mr. Sheffields Büro gehen. Komm, Val, wir machen uns frisch und dann suchen wir sie!“
Die beiden Frauen sahen sich an, ihre Augen sprachen mehr als Bände.
„Fran, die Frauentoilette ist dort vorne.“
„Melden sich bei dir auch die Smoothies wieder?“
„Ohja!“

Eilig stöckelten sie in die Richtung der Toiletten, was ein paar neidische Blicke anderer Frauen nach sich zog. Die Schlange vor der Frauentoilette hatte eine angenehme Länge, weshalb sie sich dazu entschlossen, sich ebenfalls dort anzustellen. Gerade waren sie zum Stehen gekommen, als Fran aus der Ferne eine ihr mehr als bekannte Stimme hören konnte.
„Fraaaa-haaaan!“
Eilig, mit wedelnden Armen, näherte sich ihre Mutter den beiden. Fran wollte ihr Winken erwidern, als ihr sämtliches Blut aus dem Gesicht rauschte. Zitternd packte sie Val am Arm; und begann sie wegzuziehen.
„Fran, ich muss dringend auf Toilette!“, doch Fran ließ sie nicht los.
„Val!“, zischte sie ihre beste Freundin an.
„Komm jetzt, wir müssen so schnell wie möglich weg von hier! Ich erkläre es dir gleich … aber wenn dir mein Leben lieb ist, beeil dich!“
Auf eine Erklärung wartend, ließ sich Val von ihr in den nächstbesten Aufzug ziehen, in welchem Fran panisch auf die Knöpfe einhämmerte. Auf ihre Fragen ging die Nanny nicht ein, auch nicht, als sie sie zu anderen Toiletten zog, welche zu ihrem Glück nicht so gut besucht war wie die zwei Stockwerke tiefer. Erst hinterher war sie bereit, über ihr seltsames Verhalten wenige Minuten vorher zu reden.
„Fran, was war da gerade los mit dir?“
Verwundert sah sie ihre Freundin an. Sie konnte verstehen, dass sie im Moment nicht in der Verfassung war, sich großartig mit ihrer Mutter zu beschäftigen. Aber dass sie gleich die Flucht ergriffen hat, erschien ihr dann doch mehr als seltsam.
„Val, es ist schrecklich … gut, dass sie uns nicht gefolgt ist. Vielleicht hat sie nicht mitbekommen, dass wir hier sind. Und das ist auch gut so. Wir müssen nur aufpassen, dass sie uns kein weiteres Mal sieht.“
So richtig wurde Val aus ihren Worten nicht schlau, für sie machte ihr Verhalten nach wie vor keinen Sinn. Was sie Fran auch direkt wissen ließ, die sich immer mal wieder nach ihrer Mutter umschaute.
Diese sprach auch nicht groß um den heißen Brei herum, sondern kam gleich zur Sache.
„Meine Mutter weiß von Dakota. Bevor du zu uns gekommen bist, habe ich mit ihr über die Kleine telefoniert. Und wenn sie mich jetzt ohne sieht, könnte das eine sehr unangenehme Situation werden.“
Nervös kaute  Fran auf den Fingerspitzen herum, immer noch auf der Suche nach ihrer eventuell auftauchenden Mutter.
„Ja, aber dann sag ihr einfach, dass Niles auf die Kleine aufpasst, oder etwas in der Richtung. Dass du mal eine Stunde für dich brauchst und ich zufällig dabei bin.“
Fran schüttelte den Kopf.
„Das ist eine liebe Idee, aber leider wird sie nicht funktionieren. Wenn ich sage, dass das Baby zuhause ist, wird sie es erst recht sehen wollen. Und ich glaube nicht, dass sie sich mit Niles Sahneplätzchen zufrieden geben wird, wenn sie noch das Baby sehen möchte …“
Val überlegte ein paar Augenblicke. Auch wenn sie nicht viel von dem, was Fran gesagt hatte, verstand, wollte sie ihrer Freundin helfen. Entschlossen sahen sich die beiden an.
„Gut, dann sorgen wir dafür, dass wir den Kinderwagen und Dakota finden, bevor wiederum deine Mutter uns findet. Ich bin mir sicher, dass sie hier irgendwo sein muss … fangen wir einfach da an, wo wir zuletzt waren und gehen dann einfach Laden für Laden durch.“
Fran schien von der Vorgehensweise überzeugt zu sein, sie warf einen letzten Blick in den Flur und atmete auf.
„Sieht so aus, als hätten wir sie wirklich abschütteln können. Aber lass uns lieber von hier weggehen, bevor sie hier doch noch auftaucht und uns findet. Denn dann kommen so richtig in Teufels Küche … nicht, dass wir nicht bereits jetzt in Schwierigkeiten stecken. So wie Tante Nora letztens Probleme mit ihrer Zahnprothese bekam, da sie immer noch Bonbons kaute, obwohl es ihr Arzt verboten hatte. Oh, ich schweife ab, lass uns lieber gehen!“

Mit flinken Schritten eilten die beiden Frauen zu dem Laden, den sie als allerletzten betreten hatten. Nicht ohne aufmerksam die Umgebung zu beobachten, und sich gegenseitig in Sicherheit zu bringen, wenn jemand auch nur im Entferntesten wie Sylvia Fine aussah. Oft stellte es sich als blinder Alarm heraus, gelegentlich war jedoch auch die richtige Sylvia dabei. Manchmal schaute sie in eine andere Richtung; bei anderen Malen sah sie sie und kam erneut auf sie strahlend lächelnd auf sie zu.
Nebenbei suchten sie nach dem Kinderwagen; und fragten so vorsichtig sie konnten diverse Kunden und Mitarbeiter. Die Reaktionen waren gemischt, die meisten von ihnen wünschten ihnen viel Glück bei ihrer Suche. Ein paar Einzelne nutzten die Gelegenheit, um nach Geld für ihre zahllosen Kinder zu betteln; dabei wunderten sich Fran und Val mehr als einmal, wie sich die wenigen Zähne noch so standhaft in den Münden der ärmlich aussehenden Frauen halten konnten.
Doch weder Fotos von kleinen Kindern, die ihnen mit Engelsaugen entgegenblickten, noch hungrige Hundeaugen konnten sie davon überzeugen, den Frauen ein wenig Geld zu spenden, wofür sie das eine oder andere Mal in einer fremden Sprache beleidigt wurden. Davon ließen sich die beiden nicht beirren, dennoch kaum waren die fremden Frauen außer Hörweite, begannen Fran und Val über diese zu tuscheln.
„Das ist echt unglaublich, davon habe ich im Fernsehen so viel gehört. Mittlerweile sind da auch so viele Trickbetrüger darunter, dass man echt nicht sagen kann, wer in Not ist und wer nicht. Als nächstes kommen die noch an dein Auto, während du auf die Ampel wartest und klopfen dir an die Scheibe.“
„Einem meiner Kollegen, Jimmy, ist das angeblich schon passiert.“, war Vals einziger Kommentar dazu, bevor sie Fran ein weiteres Mal in eine Boutique zerrte. Fran sah sich um, in Erwartung den Kinderwagen oder im schlimmsten Fall ihre Mutter zu sehen, oder Val wollte ihr lieber ein zweiteiliges BH-Set in Pastell-Rosa zeigen.
„Val, wir haben jetzt keine Zeit zum Einkaufen, außerdem hast du dir doch erst vorhin ein paar dieser Sets gekauft. Wenn wir den Wagen wiederfinden würden, dann würdest du dich daran erinnern.“
„Jaja“, stimmte Val ihr zu, dann machten sie sich wieder auf den Weg.

So vergingen die letzten zwei Stunden, und die beiden suchten die komplette Mall von oben bis unten ab. Auch gingen sie in alle möglichen Geschäfte, Ecken und Kurven, um keine einzige Möglichkeit außer Acht zu lassen. Sie befragten so viele Personen wir möglich, die den Eindruck machten, etwas wissen zu können. Doch keiner von ihnen konnte wirklich weiterhelfen, lediglich eine Frau mittleren Alters und ihr gleichaltriger Mann überlegten für einen kurzen Moment. Dann merkten sie an, dass sie einen Kinderwagen gesehen hatten, der sich in der Nähe einer bekannten Schuhkette aufhalten und auf die Beschreibung passen sollen.
Überglücklich bedankten sie sich bei dem Ehepaar, bevor sie die Beine in die Hände nahmen und sich auf dem Weg zur besagten Filiale machen.
„Hast du das gesehen? Die haben beide rote Haare – und eine ganz niedliche kleine Tochter!“
Val schwärmte vor sich hin, doch Fran konnte und wollte sich die Zeit dafür nicht nehmen. So schnell sie konnte, eilte sie durch das Einkaufszentrum, bis sie den Laden erreichten, den ihnen das Paar genannt hatte. Fran konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt so schnell gelaufen war, außer bei den letzten paar Sonderangeboten und Schlussverkäufen.
Als sie ankamen, sahen sie sich genauestens um, sowohl vor, als auch im Laden selbst, allerdings wurden sie dabei nicht fündig. Erschöpft ließen sie die Köpfe hängen, langsam wussten sie auch nicht mehr weiter.
Fran war nun mehr denn je der Verzweiflung nahe: „Val, was sollen wir nun tun? Das hier war unsere letzte Spur und nun haben wir gar nichts mehr. Was, wenn sie doch entführt wurde … Val, hörst du mir überhaupt zu?“
Val sah geistesabwesend an ihr vorbei, vermutlich immer noch auf der Suche nach dem Kinderwagen, wenn auch vergeblich.
„Val, vergiss es, wir haben den Laden praktisch ausgezogen und immer noch nicht gefunden, was wir gesucht haben. Wir gehen jetzt nach Hause und erzählen es Mr. Sheffield. Vielleicht wird er uns auch nur ganz ganz laut anschreien und nicht extrem laut …“

„Kann ich euch beiden bei etwas helfen?“
Erschrocken fuhren die beiden zusammen, Sylvia war neben ihnen aufgetaucht und sah zwischen ihnen hin und her. Fran war sich sicher, wäre sie in diesem Moment 40 Jahre älter, ihr wäre schlicht das Herz stillgestanden. Doch sie war „nur“ 29, so rutschte es ihr lediglich in die Hose. Ein wenig floss ihr der Schweiß über die Stirn, drehte sich zu ihrer Mutter um und versuchte mehr schlecht als recht ihr Lächeln zu erwidern.
Jetzt bin ich sowas von geliefert … wenn sie es weiß, weiß es bald ganz Queens und dann dauert es nicht mehr lange, bis es auch Mr. Sheffield hört. Dann ist in ein paar Stunden meine Welt kaputt, mein Job weg, sowie es das Baby jetzt ist …
„Fran, ich bin froh dich zu sehen, es gibt da etwas, was ich dir unbedingt sagen muss! Also …“
Doch Fran hörte ihr nicht zu, sie ahnte bereits, was ihre Mutter ihr erzählen wollte. Doch im Moment war sie ganz und gar nicht in der Stimmung, einen möglichen Heiratskandidaten zu treffen, so dass sie ihre Mutter mit ein paar Erklärungen abzuspeisen versuchte.
„Es tut mir leid, ich hab gerade leider überhaupt keine Zeit für dich“, doch Sylvia ließ sich nicht beirren. Es war für Fran nur eine Frage der Zeit, bis ihre Mutter eins und eins zusammenzählen und sie nach dem Baby befragen würde. Das konnte sie nicht riskieren, also musste  sie ihre Mutter definitiv loswerden. Gespielt beiläufig sah sie sich im Raum um, während sie die Worte ihrer Mutter versuchte zu ignorieren. Nur um dann wie wird mit dem Finger in die Leere zu deuten.
„Guck mal Val, da vorne! Ist das nicht ein hübscher Single, der keinen Ring am Finger trägt?“
Neugierig sahen Val und Sylvia in die Richtung, wurden berechtigterweise nicht fündig. Fran nutzte die Zeit und zog Val leise, aber ruckartig mit sich mit. Sylvia bemerkte das nicht sofort, und als Fran gerade am Wegrennen war, konnte sie hören, wie ihr Name gerufen wurde.
„Fran, da war kein Single, ich hab da keinen gesehen“, meckerte ihre beste Freundin herum, diese ließ sich jedoch nicht davon aufhalten. Sie verzogen sich tief in den nächstbesten Kleidungsladen, bevor sie zum Stehen kamen.
„Natürlich war da keiner“, zischte Fran leise und reckte den Hals.
„Aber irgendetwas musste ich mir doch einfallen lassen, um Ma loszuwerden.“
„Hier habt … ihr euch also versteckt“, schnaufte Sylvia und stützte sich an einem Regal mit pinken Hemden ab.
„Fran, ihr beide seit so schnell abgehauen, dass ich euch gar nicht sagen konnte, was ich euch erzählen wollte. Ich bin ein wenig abgeschweift dabei, das tut mir leid. Und zu deiner Info, der gutaussehende Mann war leider bereits vergeben, da muss ich dich enttäuschen.“
Unsicher, aber auch erstaunt darüber, dass ihre Mutter tatsächlich einen Mann in einem Frauen-Schuhladen hatte finden können, schüttelte den Kopf.
„Es tut mir echt Leid, Ma, und ich bin mir sicher, dass deine Geschichte mehr als interessant für uns wäre. Allerdings haben Val und ich es mehr als eilig, daher können wir dir jetzt nicht zuhören … nicht wahr, Val?“
Diese nickte und schwieg, aus Angst, sich ein weiteres Mal zu verplappern.
„Aber Fran …!“
Diese ließ sich ein weiteres Mal nicht aufhalten, nahm Vals Hand und startete einen neuen Fluchtversuch.

Doch egal, wohin sie rannte und sie sich zu verstecken versuchte, ihre Mutter ließ nicht von ihr ab. Selbst wenn Fran der festen Überzeugung war, dass sie sie nun nicht aufholen oder zumindest finden würde, tauchte sie von der Seite auf.
Am Ende gab es einen, für keine von ihnen überraschend, einen komplett anderen Sieger: Ihre Unsportlichkeit. Erschöpft und schnaufend schleppten sich die drei Frauen zur nächsten Bank, an welcher sie ihre Lungen mit Luft füllten. Mehrere Minuten schnappten sie nach Luft, versuchten sie sich von der vielen Rennerei zu erholen und fächerten sich mit den Händen die Gesichter an.
„Fran, wenn du mir nur für einen kurzen Moment zuhören würdest, dann könnte ich dir etwas erzählen, dass für dich bestimmt mehr als interessant sein wird.“
Fran, die es mittlerweile leid war ständig davon zu rennen, gab auf. Erschöpft sagte sie ihr, dass sie ihr ruhig erzählen kann, was auch immer ihre Mutter loswerden möchte. Als sie es dann hörte, wurde sie von Wort zu Wort immer hellhöriger.
„Fran, ich wollte euch beiden nur sagen, dass ich euer Baby bei mir habe. Tut mir leid, wenn ich euch eventuell Unannehmlichkeiten bereitet habe. Das versuche ich euch die ganze Zeit zu erklären, aber ihr seid immer wieder davongelaufen und euch einzuholen ist nicht so leicht.“
Atemlos stieß sie das aus, dann kramte sie „zur Beruhigung ihrer Nerven“ einen fettigen, mit Schokolade überzogenen Donut hervor und biss kräftig davon ab.
Fran sah sie dagegen ungläubig an, genauso wie ihre beste Freundin. Hätten sie in dem Moment einen Donut gegessen, wären sie wohl gerade beinahe an ihrem Bissen erstickt.
„Wie bitte?“, brachten beide entsetzt raus, Sylvia sah sie dagegen wie die Unschuld vom Lande an. Zumindest versuchte sie es, wollte sie nicht den Zorn ihrer Tochter auf sich ziehen.
„Nun ja, Fran hatte mir so viel mit dem Baby vorgeschwärmt, da wurde ich doch etwas neidisch. Als ich euch beide dann damit hab fahren sehen, konnte ich nicht anders und habe mir die Kleine ein wenig … ausgeliehen. Sie ist so ein putziges Mädchen … sie schläft nur furchtbar viel. Man könnte meinen, sie wäre mit uns verwandt. Auf der Familienseite deines Vaters sind auch sehr viele Langschläfer. Vor allem dein Großonkel Steven ist oft nicht aus den Federn zu bekommen … ihr seid nicht zufällig sauer auf mich, oder?“
Sie versuchte es mit einem kleinen Funkeln in den Augen, doch ihre Tochter sah sie nur finster an. Zwar war sie auch erleichtert, da sie nun endlich wusste, was genau mit Dakota passiert war. Dennoch hätte sie auf den ganzen Schock und die Suchaktion von Anfang an verzichten wollen.
„Ma! Wie konntest du? Ich hab mich schon unter der Brücke gesehen, mit einem Schild auf dem steht Verkaufe Ihnen Make-up für Essen! Wie konntest du nur? Du hättest uns wenigstens fragen können!“
Wütend sah Fran ihre Mutter an, auf der anderen Seite konnte sie sie auf eine merkwürdige Art und Weise verstehen. An ihrer Stelle hätte sie wohl genauso reagiert, wenn auch eher unabsichtlich.  Außerdem wusste sie, dass ihre Mutter zwar viel in den Sand setzen konnte, aber ein Baby betreuen gehörte zu den wenigen Fähigkeiten, die sie beherrschte. Ebenso 45 Hamburger in zwei Minuten zu verschlingen, wie sie einmal tatkräftig beweisen konnte.
„Es tut mir wirklich Leid, Fran. Die Kleine hatte so süß gelächelt – außerdem habe ich es nur getan, weil ich wusste, dass ihr darauf aufpasst. Bei anderen Leuten hätte ich es nicht einmal zu wagen versucht. Ich wollte euch Bescheid geben, aber ihr wart auf einmal verschwunden; und als ich euch endlich gesehen hatte, seid ihr immer davon gelaufen. Den Rest kennt ihr ja bereits.“
„Ach Ma!“
Herzlich umarmten sich die zwei Frauen, immer wieder und wieder entschuldigte Sylvia sich bei ihrer Tochter, bis es ihr schließlich zu viel wurde. Mit einem Ruck zog sie sich wieder aus der Umarmung zurück und sah ihre Mutter ernst an.
„Aber wenn du uns die ganze Zeit über verfolgt hast, wo ist Dakota jetzt?“
In ihren Gedanken hatte schon bereits ein Vierter das Baby abermals an sich genommen, doch den faulen Zahn konnte ihr ihre Mutter wieder ziehen.
„Jetta passt auf die Kleine auf. Sie ist zwar alt und senil, aber das bekommt sie hin. Außerdem ist da diese reizende Bedienung, die versprochen hat ab und zu ein Auge auf sie zu werfen.“
„Auf wen, Grußmutter Jetta oder Dakota?“, fragte Fran nach.
Ihre Mutter sah sie mit hochgezogener Stirn an.
„Auf beide natürlich!“
Sie klopfte ihr auf den Schenkel, dann stand sie auf und gönnte sich einen weiteren Donut.
„Dann gehen wir mal lieber, bevor Jetta noch auf die Idee kommt, das Baby wärst du oder sie füttert es wieder mit Kaffee, so wie sie es vorhin vorhatte!“
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