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Baby on Board

von KiraNear
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P6 / Gen
C.C. Babcock Fran Fine Maxwell Sheffield Niles
22.01.2018
22.01.2018
5
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22.01.2018 4.195
 
Ein paar Minuten später saß Fran wieder im Wohnzimmer auf der Couch, aufgeregt plauderte sie über das Telefon mit ihrer Mutter. In allen Einzelheiten erzählte sie Sylvia, welche Kleidung die Fannings trugen, welches Parfum Mrs. Fanning zierte und wie niedlich die kleine Dakota sei, von den kleinen Pausbäckchen bis zu den Minizehen.
Niles hatte derweil viel Spaß dabei, Gegenstände im Wohnzimmer zu entstauben und zu polieren, Maxwell dagegen hatte sich wieder in sein Büro zurückgezogen. Vor allem ging es ihm darum, noch die letzten Details zu organisieren, wie er den Beiden schnell herunter gerattert hatte, bevor er sie zurückließ.
Hin und wieder warf Fran einen kurzen Blick zu dem Babybett, doch Dakota war viel zu sehr im Traumland vertieft, um jede Sekunde aufwachen zu können.
„Jaja, Ma, keine Angst, ich habe alles im Griff, solange du deinen Mund hältst und es nicht in der gesamten Familie herumerzählst. Oder noch schlimmer, in halb Queens! Mr. Sheffield würde durchdrehen, hätte ich deine gesamte Nachbarschaft im Wohnzimmer. Oder sie brennen gleich mit dem Kind durch und ich darf mir wieder eine von Mr. Sheffields Wutreden anhören. Worauf ich ehrlich gesagt nicht sonderlich scharf bin!
Dieses Mal mache ich alles anders! Wir werden uns einfach drei schöne Tage machen, und es wird absolut nichts schief gehen! Dieses Mal mache ich keine Fehler und werde Mr. Sheffield beweisen, dass er sich auch mal auf mich verlassen kann.“
Zweifelnd sah Niles das Kindermädchen an, wusste er doch, dass so gut wie fast alles zu einer Katastrophe wurde. Zwar endete das fast jedes Mal gut für sie, dennoch war sie nie weit vom nächsten Fettnäpfchen entfernt. Dann ließ sie etwas fallen, was ihn noch mehr aufhorchen ließ.
„Wie, du musst schon weg, wir haben doch erst drei Stunden miteinander geredet? Aber gut, viel Spaß bei deinem … Fitnessclub?!“
Ein ungläubiges Schweigen folgte.
„Ja, gut, ich muss ebenfalls Schluss machen, Val könnte jede Sekunde hier sein.“

Kopfschüttelnd drückte sie auf den roten Hörerknopf und sah ungläubig in Niles Richtung hinüber.
„Können Sie sich das vorstellen? Meine Mutter hat sich bei einem neuen Fitnessstudio für Frauen im mittleren Alter angemeldet und hat auch noch tatsächlich vor, dorthin zu gehen?“
„Ja, leider kann ich mir das sogar sehr gut. Auch wenn ich mir nicht erklären kann, weshalb.“
Er musste wieder an das Bild denken, dass er für den Rest seines Lebens nicht mehr aus dem Kopf bekommen wird: Sylvia Fine, in einem knallengen pinken Trainingsbody, mit fluffigen Schweißbändern und Kuchenresten in den Grübchen.
„Aber Sie glauben doch selbst nicht, dass sie dorthin gehen will, um etwas für ihre Figur im positiven Sinne zu tun? Mit Sicherheit hat dieses Fitnessstudio eine sehr große Auswahl an Kuchen, Cupcakes und anderer Leckereien … und das wird der wahre Grund sein. Der Sport nebenbei wird nur das Ablenkungsalibi sein.“
Fran schüttelte den Kopf.
„Ach was, nein, Niles. Da müsste ich ja schon vollkommen naiv sein, um das zu glauben. Die Lieblingswörter von Ma waren ja auch noch nie Fitness oder Ausdauer, sondern Dessert und Buffet. Abgesehen davon machen Sie immer noch die besten Kuchen und Cupcakes, Sie müssen also keine Angst haben, dass Sie ihnen abhandenkommen wird.“
„Diese Angst habe ich schon lange nicht mehr“, meinte er mit einem sarkastischen Unterton. Dann lächelte er.
„Aber vielen Dank für das Kompliment. Ich fühle mich geschmeichelt.“
Er wollte gerade zum Gehen ansetzen, da fiel ihm etwas ein und er drehte sich wieder zu Fran um.
„Moment, sagten Sie, Miss Toriello wird uns mit ihrer Anwesenheit beglücken? Hier und heute?“
Fran, die mittlerweile neben dem Babybettchen stand und mit verträumten Augen das Kind betrachtete, brauche ein paar Sekunden, bis sie auf seine Frage reagierte.
„Ja, wissen Sie, seit Val diesen neuen Job hat, haben wir kaum noch Gelegenheiten, um uns wieder zu sehen. Das mit den Babysitten kam ja recht spontan um die Ecke, also dachte ich mir, dass Val einfach zu mir kommen könnte. Die heißen, jüdischen Kerle können wir auch das nächste Mal aufreißen, die werden schon nicht so schnell vergeben sein. Wenn doch, dann warten da draußen bestimmt noch bessere Männer auf uns.“
Gedanklich war sie wieder an der Seite eines gutaussehenden, jüdischen Arztes oder Anwaltes, was man ihr nur allzu gut im Gesicht ablesen konnte.
Niles lächelte amüsiert. Zwar hoffte er unentwegt, dass sein Vorgesetzter und die Nanny zueinander finden würden, fand aber ihre Männergeschichten mehr als unterhaltsam. Auch gab er ihr immer wieder Ratschläge und Tipps; denn letztlich wünscht er sich nichts mehr, als das seine gute Freundin glücklich wird. Nichts auf der Welt wäre ihm dafür lieber, als dass sie an der Seite von Maxwell Sheffield zu sehen. Zudem wäre es seine Wunderwaffe im ewigen Streit mit C.C., um ihr ein für alle Mal den vernichtenden Todesstoß verpassen zu können.

Vorsichtig klopfte es an der Tür, Val stand davor und winkte zu Fran hinein.
„Ich mach das schon“, sagte diese zu Niles, stöckelte eifrig zur Türe und öffnete diese.
„Fran!“
„Val!“
Im Rausch der Wiedersehensfreude umarmten sie sich herzlich, als hätten sie sich für Monate, wenn nicht sogar für Jahre nicht mehr gesehen. Dabei waren es in Wirklichkeit nur wenige Wochen gewesen.
Mit lauten, quietschigen Stimmen beteuerten sie, wie sehr sie sich gegenseitig vermisst hatten und wie sehr sie sich über ihr gemeinsames Treffen freuen, bis sie Niles mit einem deutlichen Räuspern wieder auf eine normale Tonhöhe zurückbrachte. Nachdem ihr Niles aus ihrem dünnen Sommerjäckchen geholfen hatte, zog Fran ihre beste Freundin ungeduldig zu dem Babybettchen. Gerührt legte Val die Hand auf ihre Brust, auch sie war der Niedlichkeit des Babys komplett verfallen.
„Das ist also das kleine Kind, auf das du aufpassen musst? Hast du ein Glück, sieht sowas von putzig aus, wenn sie schläft …“
„Sie sieht einfach zu goldig aus; und sie schläft schon seit heute Morgen, als sie hier angekommen ist. Wenn ich es nicht besser wüsst, würde ich sagen, dass wir entfernte Verwandte sind. Die meisten meiner Cousins schlafen wir ein Stein, und wachen selbst dann nicht auf, wenn sie vor ihrem Fenster die Straße aufreißen. Die bekommst du erst aus dem Bett, wenn sie den Geruch von frischen Pancakes in der Nase haben.“
Während Niles nun das Wohnzimmer in Richtung Küche verließ, konnten sich die beiden Frauen nur schwer vom Bettchen lösen und sich aufs Sofa setzen. Erst, als Niles mit zwei Tassen Milchkaffee und einem Tablett voller bunter Cupcakes zurückkam, fiel es ihnen deutlich leichter.

„So, erzähl mir jetzt doch mal, wie ist dein neuer Job denn so? Hast du nette Kollegen? Einen attraktiv aussehenden Juniorchef? Viele Kunden, die ebenfalls gut aussehen? Als was arbeitest du eigentlich genau?“
Wie ein Platzregen prasselten die neugierigen Fragen der Nanny auf sie ein, doch da sich die beiden schon fast ihr ganzes Leben lang kannten, war sie das von Fran gewohnt. Zumal sie selbst genau die gleiche Angewohnheit hatte und dafür Fran auch gerne mal mit einer Menge Fragen den Bauch löcherte.
„Mein Job ist ganz in Ordnung, ich arbeite jetzt in einem Sandwich-Laden. Die Arbeit an sich ist ganz gut, es ist nur manchmal ziemlich stressig, wenn sich die ganzen Schüler und Büromenschen zu uns hinein verirren. Die Kollegen sind ganz nett, da sie aber alle unterschiedliche Schichtzeiten haben, kenne ich sie noch nicht gut genug. Dafür kenne ich den Unterschied zwischen Essig- und Salatgurken. Ich dachte immer, diese Gürkchen sind nur so klein, weil sie auf nem Hamburger zusammenschrumpfen …
Aber auch der Name der Firma war so  … verwirrend. Als ich mich dort spontan übers Telefon beworben habe, dachte ich, das wäre ein LKW-Verleih oder etwas in der Richtung. Dann sollte ich zum Probearbeiten kommen und dort hieß es dann, ich soll Sandwiches machen. Da habe ich aber ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt, das kannst du mir glauben!“
Dumm trifft es da ziemlich gut, dachte Fran und sah ihre Freundin mehr als misstrauisch an. Diese bemerkte das wie üblich nicht und fuhr mit ihrem kleinen Bericht über ihre neue Arbeitsstelle fort.
„Sonst gefällt mir der Job recht gut, ich kann mich nicht darüber beschweren. Es ist nur unglaublich, wie viele sich eine Sandwich-Sub-Verlängerung kaufen, nur um dann die Hälfte unangetastet auf dem Tablett liegen zu lassen.“
Sie schüttelt den Kopf.
„Natürlich mache ich es wie der Rest meiner Kollegen und mein Chef; und entsorge sie ordnungsgemäß!“
Ein belustigtes Lächeln zierte Frans Lippen, und sie boxte Val leicht in die Seite.
„In dem du mögliche abgebissene Stellen wegschneidest und sie dann später selbst verputzt?“
Val bejahte dies und fing ebenfalls zu lächeln an.
„Ganz genau, wie du es mir damals in der Schule immer beigebracht hast. Das waren schöne Zeiten …“
In Erinnerungen schwelgend seufzte sie.
„Auf jeden Fall kann ich mir so das Geld fürs Abendessen sparen, verdiene ja nicht die Welt dort. Weißt du, was das lustige daran ist? Seitdem ich dort arbeite, respektiert mich deine Mutter vollkommen. Es hat zwar gedauert, aber ich habe endlich meine Bestimmung gefunden. Das scheint sie wohl mächtig beeindruckt zu haben.
Stolz ballte Val die Faust und starrte in die Ferne. Die nüchterne Tatsache, dass Sylvia nicht von Val, sondern von ihren kostenlosen Sandwichen beeindruckt war, verschwieg Fran ihr lieber.
„Dir habe ich natürlich auch welche mitgebracht, frisch von meiner Spätschicht gestern Abend!“, dabei klopfte sie auf den kleinen Korb, der die ganze Zeit über neben ihr lag.
„Ach, Val, das wäre doch nicht nötig gewesen! Vielen Dank dir!“
Küsschen links, Küsschen rechts. Mit einer Umarmung bedankte sie sich bei ihrer besten Freundin.
„Wenn du willst, könnte ich euch öfters ein paar Sandwiches vorbeibringen, das wäre für mich kein Problem. Bezahlt sind sie bereits, der Kunde will sie nicht mehr und mein Boss bedient sich immerhin selbst daran“, schlug Val ihr augenblicklich vor.
Fran musste nicht lange über das Angebot nachdenken, sie nickte sofort.
„Mr. Sheffield hätte sicherlich gerne mal eine Abwechslung zu dem ganzen asiatischen Essen, dass wir uns in letzter Zeit des Öfteren mal bestellen. Niles … nun, je weniger Niles wirklich arbeiten muss, desto glücklicher wäre er!“
„Das habe ich gehört!“, kam es scherzhaft aus der Gegensprechanlage.
„Ich arbeite immer fleißig und engagiert, das ist immer meine Berufung!“
Fran und Val sahen sich an, sie mussten sich stark zurückhalten, dass sie nicht in ein lautes Gelächter ausbrachen.
„Aber ja, ich wäre wirklich sehr glücklich darüber … Miss Toriello, wären dann auch welche mit Schicken oder Thunfisch dabei?“
„Ich kann es nicht versprechen, aber ich denke mal, ja, es könnten welche dabei sein!“
„Damit haben sie mich noch glücklicher gemacht!“
Jauchzend verließ seine Stimme die Gegensprechanlage; oder zumindest sein Finger den Knopf für das Mikrofon. Dass er es mit dem Lauschen im gesamten Haus nicht sein lassen konnte, war Fran von Anfang an klar gewesen.

Nachdem sie sich für eine große Weile über Vals gut aussehenden Chef („So ein Knackhintern, so richtig schön zum Reinbeißen! Schade, dass er bereits einen Ring trägt …“) und viele ihrer gutaussehenden Kunden unterhalten hatten, kamen sie bei einer gemütlichen TV-Sendung zur Ruhe und aßen die Reste der letzten Cupcakes. Hin und wieder hatte Fran nach Dakota gesehen, wie auch jetzt. Doch außer ein paar Positionswechsel im Schlaf hatte sie keine große Regung von sich gegeben.
„Wie ein kleiner Kieselstein“, kommentierte sie Dakotas Schlaf.
Dann sah sie auf den Fernseher, eine ihrer unzähligen Lieblingssoaps fing gerade an.
„Ich finde, dass Amanda diesen blöden Brooklyn endlich in die Wüste schicken sollte. Sie ist einfach zu blind, um zu sehen, dass er sie nur ausnutzt, um an das Erbe ihres Vaters heran zu kommen.“
„Dabei sieht sie nicht, dass Joey eigentlich viel besser zu ihr passen würde. Oh Mann, und dann sagen die Leute immer, ich wäre blöd“, fügte Val empört hinzu.
Fran seufzte, dann hob sie die Schultern.
„Ich weiß gar nicht, wie sie es so offensichtlich schafft, so dermaßen blind zu sein! Da läuft die ganze Zeit jemand vor ihrer Nase herum, der ohne es zu wissen, wahre Gefühle für sie hegt. Sie selbst sieht nicht einmal ihre eigenen Gefühle für ihn und landet von einer Lachnummer zum nächsten Typen, der ihr nur weh tut. Es ist echt bitter, das zu sehen. Da habe ich es sogar noch besser getroffen und ich bin erst … 29!“
Val konnte nicht anders, als ihr nickend zuzustimmen. Kaum sahen sie die Serie für ein paar Minuten, kam Niles mit Schweißperlen auf der Stirn um die Ecke.
„Uff, gerade noch rechtzeitig! Warum hat mir keiner was gesagt …  egal, viel wichtiger ist: Ist Amanda immer noch mit diesem Trottel von einem Mann zusammen?“
Fran und Val bejahten dies gequält, als Reaktion darauf ließ sich Niles enttäuscht auf den Sessel fallen.
„Diese dumme Gans wird erst sehen, dass sie einen großen Fehler begeht, wenn es bereits viel zu spät ist. Sie sollte bitte endlich die Augen aufmachen, sonst verschwendet sie ihre besten Jahre an diesen ekelhaften Kerl!“
So verbrachten sie die nächsten 40 Minuten, bis die Episode mit einem Cliffhänger endete, gefolgt von einer Ankündigung, dass die nächste Episode aufgrund eines anderweitigen Serienspecials erst in zwei Wochen laufen würde. Die drei stöhnten genervt auf.
„Das können die doch nicht machen, nicht so!“, wetterte Niles ein wenig. Da er immer noch den kleinen Staubwedel in der Faust hielt, wirke es wie der Kommentar einer empörten Hausfrau.
„Erst hören die an einer super-spannenden Stelle auf und dann machen sie auch noch eine Woche Pause bis zur nächsten Episode! Wie soll ich denn ohne meine wöchentliche Dosis an Familiendrama auskommen, vor allem, da die meisten anderen Soaps in Frühlingspause sind?
Immer mit der Frage im Hinterkopf: Werden Joey und Amanda es miteinander tun, oder wird Mr. Goldkettchen dazwischen funken? …“
Fran und Val sahen ihn stumm an, zwar saßen sie in dem Thema mit ihm in einem Boot, wussten dem aber nichts hinzuzufügen.
„Wie auch immer, ich geh jetzt erst mal zurück in die Küche. Master Brighton hatte gestern zu meinem Leidwesen die Idee, Schokoladenpudding in verschiedenen Töpfen zu kochen. Den darf ich nun wieder hinaus kratzen, nicht mal Ihre Mutter würde darin noch etwas Essbares erkennen. Aber zuerst brauche ich das hier!“
Mit diesen Worten schnappte er sich eines der letzten Sandwiches und zog sich zurück, ließ die beiden wieder alleine.
„Er soll ja nicht glauben, dass Ma sich von so etwas abschrecken lassen würde. Die isst doch alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist.“
Mit diesen Worten schnappte sie sich die Fernbedienung, das weitere TV-Programm kündigte eine weitere Wiederholung eines beliebten Science-Fiction-Filmes an; weswegen sie mangels Interesse begann durch die anderen Kanäle zu zappen. Doch da lief auch nicht sonderlich viel anderes, was die beiden interessieren würde. So ließ sie es einfach bleiben und schaltete den Fernseher aus.

„So, und was machen wir nun?“
Fragend sahen sich die beiden an. Die neuesten Geschichten aus ihrem Liebes- und Familienleben hatten sie bereits bis zum Boden hin durchgekaut. Ein Beautyprogramm kam ihnen in den Sinn, waren jedoch nicht in der richtigen Stimmung dafür.
Erst ein stechender Geruch, welcher ihnen wie aus dem Nichts um die Nase wehte, riss sie aus ihren Gedanken. Es dauerte nicht lange, nur wenige Sekunden, dann konnte man auch das Weinen des Babys hören. Was ihre Tonhöhe betraf, schien Fran in ihr ihre Meisterin gefunden zu haben. Mit nicht sehr lauten, aber dafür umso schrilleren Schreien beklagte sich die kleine Dakota über den Zustand ihrer Windel.
„Meine Güte, was haben die der denn in die Milchflasche getan? Pulverisierte Autoreifen?“
Sie wedelte sich Luft zu, doch gegen den Geruch half es nicht.
„Fran, wir müssen ihr den Windeln wechseln!“
Doch diese sah sie nur hilflos an.
„Ich hab das noch nie gemacht, ich weiß doch gar nicht, wie man das macht! Selbst Tracie oder meine jüngsten Verwandten sind längst aus dem Windelalter heraus. Kannst du das machen, Val?“
Doch diese schüttelte nur energisch den Kopf.
„Was machen wir denn jetzt?“, dachte Fran laut nach, als Niles ins Wohnzimmer geschlendert kam.
„Ich wusste gar nicht, dass Sie mit ihrer Stimme neuerdings so hoch gehen können. Was drückt denn bei der kleinen Fran? … Oh, ich kann es riechen!“
Leicht angewidert warf er einen kurzen Blick auf die Herkunft des unangenehmen Geruchs.
„Lassen Sie mich raten, die kleine Miss Fanning hat sich die Windeln vollgemacht und Sie beide sind nun völlig mit der Situation überfordert.“
Mehr als schnell nickten die beiden Frauen mit den Köpfen.
„Ich nehme mal an, dass Sie hierbei meine Hilfe benötigen könnten?“
Ein noch eifrigeres Nicken.
„Können Sie das denn überhaupt?“, hakte Val ohne Hintergedanken nach.
„Wenn es Sie beruhigen sollte, ich habe bereits drei Sheffieldkindern den Hintern saubergewischt, das ist eine meiner leichtesten Übungen.“
Mit geübtem Griff schnappte er sich die kleine Dakota; welche sofort mit dem Weinen aufhörte, dazu die Tragetasche und verschwand für die nächsten Minuten im nächsten Badezimmer.
„Weißt du, Fran, es ist wirklich zu schade, dass Mr. Sheffield dir nicht erlaubt hat, mit der Kleinen hinauszugehen. So ein kleiner Spaziergang wäre jetzt echt toll, besonders bei dem Wetter …“
Bedauernd betrachtete sie die Blumen im Eingangsbereich, als wären sie die Antworten auf alle Fragen und Probleme. Fran ging dabei ein Licht auf.
„Moment, nein, Mr. Sheffield hat nichts in der Richtung erwähnt. Stimmt, er hat gar nichts davon gesagt!“
Ihre Miene hellte sich auf, Val sah sie nur verwirrt an.
„Mr. Sheffield meinte nur, dass ich auf Dakota aufpassen und mich um sie kümmern muss. Dazu zählt auch, dass ich darauf achte, dass das Mädchen auch regelmäßig an die frische Luft muss. Solange wir Bars und Diskotheken bei unserer Tour außen vor lassen, dürfte so ein kleiner Aufenthalt draußen im Freien sicher schaden.
Oder wie sehen Sie das, Niles?“
Dabei klopfte sie an der Tür zum Bad.

Dieser war natürlich längst fertig, und hatte die meiste Zeit wieder mit seiner Lieblingsbeschäftigung verbracht: Lauschen. Das Baby im einem Arm, die eingetütete Windel in der anderen Hand und die Tasche unterm Arm, öffnete er die Tür.
„Soweit ich informiert bin, haben Sie nur die Aufgabe, das Baby der Fannings zu Babysitten. Wie Sie das machen, hat er dagegen nicht näher festgelegt. Warten Sie, ich habe da sogar was Passendes für Sie!“
Ein paar Minuten später kam er mit einem Baby-Kinderwagen zurück, im gleichen guten Zustand wie das Bettchen. Fran war begeistert.
„Oh, Niles, Sie sind ja wirklich ein Goldstück! Sie haben den Wagen bestimmt auch so lange aufbewahrt, wie Sie es mit dem Bett getan haben. Man könnte fast glauben, dass Sie sich noch ein weiteres Baby in diesem Haus wünschen.“
Zwinkernd stupste sie ihn mit dem Ellenbogen an.
„Ja, das könnte man tatsächlich glauben“, kommentierte Niles, innerlich schlug er die Hände auf seinem inneren Kopf zusammen.
Eines Tages, alter Junge, und dann wird sich C.C. dafür in Staub verwandeln.
Fran verfrachtete Baby und Tragetasche an ihre richtigen Stellen am Wagen, dann machte sie sich selbst ausgehfertig. Dakota sah sich mit neugierigen Augen um, neugierig auf all die neuen Eindrücke um sie herum; und was die fremden, aber auch freundlichen Frauen mit ihr vorhatten. Sie gluckste und fing zu lächeln an.
„Fran, sieh nur, sie lächelt uns an. Das ist ja goldig!“
Fan nahm ihren Blick vom Spiegel, und schmolz wie Val augenblicklich dahin.
„Na, Kleine? Bist du bereit, mit uns beiden die Welt ein wenig zu erkunden?“
Dabei fischte sie aus der Tragetasche die über alles geliebte Schmusedecke und Schnuller, beides reichte sie Dakota. Mit ihren kleinen Fingern umklammerte sie das Tuch so fest sie konnte, an ihrem Schnuller nuckelte sie begeistert.
„Mr. Sheffield wird sicher nichts dagegen haben, wenn dieser süße Engel für ein paar Stunden frische Luft in die Lungen bekommt. Gut, so frisch wie sie hier in New York nun mal so ist … aber positiv betrachtet bekommt sie etwas mehr von New York zu sehen. Das könnte eine wertvolle Erfahrung für die Kleine sein!“
„Ach, Fran, du bist wirklich eine der besten Kindermädchen, die ich kenne!“; schwärmte Val sie an.
„Zumindest bin ich gut genug, dass Mr. Sheffield mich noch nicht zur Türe hinausbefördert  hat.“
Sie öffnete die Tür, verabschiedete sich von Niles und schob den Wagen zusammen mit Val hinaus.

Nach einem langen und erfrischendem Aufenthalt im Central Park (mit einer kleinen Hot Dog und Babybrei Pause) machten sie auf den Weg zur nächsten Mall. Fran war der Ansicht, dass Dakota dringend Sonnencreme und ein Sonnenhütchen benötigt, und dass sie schon mal erste Einblicke in das Shoppingleben einer Frau bekommen kann.
Doch sie und Val wussten es besser: In Wirklichkeit war letzteres eine Ausrede, um auf eine weitere große Shoppingtour gehen zu können. Lediglich der Teil mit der Sonnencreme und dem Hut entsprach der Wahrheit, denn die Sonne hatte in den letzten Stunden freie Bahn zum Scheinen bekommen. Dakotas Haut war sehr hell, daher wollte Fran nicht, dass sich die Kleine einen möglichen Sonnenbrand holt.
Kaum hatten sie die Mall betreten, kam ihnen die angenehme, von den Klimaanlagen gekühlte Luft entgegen. Erst jetzt merkten sie, wie warm es draußen mittlerweile geworden war.
„Dafür, dass wir erst Ende Februar haben, ist es schon fast sommerlich da draußen. Hatten die von der Wettervorhersage also doch mal recht“, stellte Fran fest, während sie sich vorsichtig den Schweiß vom Kinn tropfte.
Nachdem sie und Val ihr verschwitztes Make up erneuert hatten, steuerten sie das nächstbeste Babygeschäft an. Babyhüte in allen Formen, Farben und Varianten wurden durchprobiert. Das schien Dakota nicht sonderlich zu stören, glucksend hieß sie es über sich ergehen, bis auch der letzte Hut anprobiert war. Sie wurde allmählich müde, so dauerte es auch nicht lange, bis wie wieder tief und fest schlief.
„Diesen Schlafrhythmus hätte ich auch gerne mal!“, flüsterte Fran ein wenig neidisch.
„Weißt du, ich stelle mir das toll vor: Keine Verpflichtungen gegenüber anderen Leuten. Andere Leute waschen dich. Kümmern sich darum, was du isst und trägst und du hast Zeit, dich um was anderes zu kümmern.“
Da kam Fran ein ernüchternder Einfall.
„Val, so wie du das beschreibst, klingt es stark nach dem Leben von Oma Jedda. Und die wohnt in einem Altersheim!“
„Oh!“, kam es von Val nur, dann verfiel sie wieder in Schweigen.

Während Fran, sich nun in der Drogerieabteilung nach einer geeigneten Sonnenmilch für Dakota umsah, schweifte Vals Blick durch die Gänge, bis er an einem jungen Mann hängen blieb.
„Psst, Fran, hey Fran!“
Sie stupste ihre beste Freundin und deutete unauffällig auf ihre Entdeckung.
„Sieht der nicht einfach nur umwerfend schön aus? Der ist bestimmt Arzt, Anwalt oder Model!“
Auch Fran gefiel der Anblick des jungen Mannes und fragte sich sofort, ob sie ihm wohl auch gefallen würde.
„Ob der wohl eine Freundin hat? Auf jeden Fall sehe ich schon mal keinen Ring an seinem Finger.“
Stumm beobachteten sie ihn, wie er mit jemanden telefonierte; er selbst bemerkte die beiden gar nicht.
„OK, gut, dann treffen wir uns dort.“
Dann verließ er schnurstracks das Geschäft.
In einem unauffälligen Abstand folgten sie ihm, in der Hoffnung, dass er sich nur mit einem besten Freund oder einem Geschäftspartner treffen würde. Sie wussten, dass sie ihn nicht beide haben können, und dass er sich für eine von ihnen entscheiden müsste.
Auch wussten sie, dass es die Möglichkeit gab, dass er sich nicht entscheiden würde. Am Ende würde es damit enden, dass keine von beiden ihn bekommt. Doch das Risiko würden sie eingehen, dazu waren sie viel zu entschlossen, ihrem Singledasein ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.
Vorsichtig den Kinderwagen vor sich herschiebend, folgten sie ihm zum anderen Ende der Mall, ließen hier und da etwas Abstand; achteten darauf, nicht auffällig zu wirken.
Schließlich kam er an seinem Ziel-Treffpunkt an, an welchem bereits eine junge, hübsche Frau auf ihn wartete. Die herzliche Art, wie die zwei sich begrüßten und küssten, zeigte, dass sie nicht gerade Freunde oder Bruder und Schwester waren. Enttäuscht sahen sich die beiden Frauen an.

„Das ist ja mal wieder eine schöne Pleite. Da finden wir einen attraktiven, jungen Mann und dann ist er bereits vergeben. Zu schade aber auch, denn er sah wirklich zum Anknabbern schön aus!“
Sie sah ihrer besten Freundin in die Augen.
„Cappuccino und Frustshoppen?“
Auf die Antwort musste Fran nicht lange warten.
Um ihren Frust zu verarbeiten, gönnten sich die beiden eine ausgiebige Tour durch diverse Kleidungs- und Schmuckläden. Aus den meisten, nicht allen, kamen sie mit leeren Händen beziehungsweise mit noch mehr Tüten im Gepäck wieder heraus. Im Anschluss gab es noch einen Anti-Frust-Cappuccino und Anti-Frust-Kekse.
„Fran, ich habe irgendwie ein seltsames Gefühl. Warum finden wir keine Männer?“
Fran umarmte ihre beste Freundin, kannte sie das Gefühl nur allzu gut.
„Das weiß ich leider auch nicht. Ich meine, die Kinder und Dakota werden noch mehr Glück haben, aber …“
Dann fiel ihr auf, dass Dakota eine sehr lange Zeit bereits sehr still war, nicht mal Atemgeräusche waren zu hören. Sie sah zur Seite … und ihr Gesicht wurde aschfahl. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie Dakotas Wagen, der die ganze Zeit neben ihrem Tisch gestanden hatte, war spurlos verschwunden. Nur das kleinen Tuch, dass dem kleinen Baby mehr als wichtig war, lag vergessen auf dem Boden. Woraufhin ihr klar wurde, dass Dakota nicht mehr bei ihnen war, dass sie verschwunden war.
Das Blut rauschte in ihren Ohren, ihr Mund wurde trocken und sie spürte, wie alles Leben aus ihr wich.
„Val, wir haben ein Problem“, kam es stockend aus ihr heraus.
„Wir haben Dakota verloren … jemand hat sie entführt!“
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