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Mit Zimt und Zucker zum Ziel

von KiraNear
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft / P6 / Gen
Megumi Tadokoro Satoshi Isshiki Shun Ibusaki Soma Yukihira
22.01.2018
22.01.2018
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8.120
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22.01.2018 3.434
 
Gespannt, aber ruhig sahen die vier die Heimleiterin an, jetzt würde sich entscheiden, wer von ihnen den Winter-Wettbewerb gewinnen würde. Die Leiterin kicherte.
„Ihr seid bestimmt genauso gespannt wie ich, nicht wahr? Ich kann es an euren Augen ablesen. Keine Angst, ich werde heute nicht ganz so streng mit euch sein“, zwinkerte sie in Megumis Richtung.
„Nur glaubt deswegen bloß nicht, dass ich nicht trotzdem eure Gerichte sehr genau bewerten werde. Ganz so leicht mache ich es nun auch wieder nicht.“
Sie schnappte sich die Tasse und pustete ein wenig hinein.
„Gut, dann fange ich hiermit an. Das ist also dein Getränk, Isshiki. Sieht sehr interessant aus und riecht auch gut. Auf jeden Fall sind Äpfel und Nelken drin. Ein winterlicher Punsch ist es also geworden. Dann probieren wir ihn doch mal …“

Sie nahm einen ordentlichen Schluck und riss sofort die Augen auf. Zwar hatte sie sich auf die Süße des Apfels und den Geschmack der Nelken eingestellt, doch dazu gesellte sich ein Geschmack, mit dem sie überhaupt nicht gerechnet hatte.
Sie fühlte sich, als wäre sie auf einer Ski-Tour und würde den schönen Tag am Kamin mit einem erfrischenden Punsch ausklingen lassen. Das Feuer knackte im Kamin, und sie spürte, wie die zwei verschiedenen Geschmäcker auf ihrer Zunge harmonierten.
„Du hast für diesen Punsch keine Orangen verwendet, nicht wahr? Nein, da ist etwas anderes drin …“
„Da haben Sie vollkommen recht, Frau Daimido, ich habe hier tatsächlich keine Orangen benutzt, sondern Zitronen. Das hier ist ein Zitronen-Apfelpunsch!“
Begeistert sah sie zwischen Satoshi und dem Punsch hin und her.
„Ich dachte mir, dass ich einfach einen etwas anderen Punsch als üblich mache, einen, der sowohl von innen wärmt, einen aber auch gleichzeitig mit Energie versorgt. So hat man etwas mehr vom gemütlichen Zusammensein, als wenn man etwas trinkt, das einen erwärmt und müde macht. Davon hat man meiner Meinung nach nicht sehr viel in diesem Moment. Auf Alkohol habe ich komplett verzichtet, zumal die meisten von uns noch minderjährig sind und er bei der Zubereitung nicht verkochen würde.
Was den Zimt und den Zucker angeht, beide habe ich beim Mischen und Erhitzen des Punsches hinzugefügt.
Die Zitrone und der Apfel heben sich gegenseitig vom Geschmack her auf, ohne sich dabei zu stark zu beeinflussen. Daher ist der Punsch weder zu süß, noch zu sauer, er liegt genau in der Mitte davon.“

„Du setzt die Messlatte für diesen Wettbewerb ganz schön hoch, weißt du das? Dabei bist du der erste, der drangekommen ist. Wird nicht leicht für die anderen werden. Aber gut, vom letztjährigen Sieger kann ich wohl auch nichts anderes erwarten, nicht wahr?“
Sie nahm einen letzten Schluck und schob die Tasse von sich weg.
„Dann kommen wir mal zu deinen Punkten. Es war sehr kreativ und es war vom Geschmack her gut ausgewogen. Auch gefällt mir der Gedanke dahinter; dass du dir um das Thema Gedanken gemacht hast. Alles in allem gebe ich dir dafür acht von zehn möglichen Punkten!“
„Hey, das ist ja klasse, gratuliere, Isshiki-senpai!“, sagte Soma beeindruckt. Shun schien es nicht zu interessieren oder zu bekümmern, ganz im Gegensatz zu Megumi, der jetzt schon der Angstschweiß auf der Stirn stand.
„Danke, Yukihira! Damit habe ich die gleiche Punktzahl wie im letzten Jahr. Kann man gut oder schlecht sehen … aber ich will mich nicht darüber beschweren.
Dein Gericht wird allerdings noch überzeugender und noch umwerfender als meins sein müssen, damit du mich noch schlagen kannst!“
„Glaub mir, es wird einschlagen wie eine Bombe!“, neckte Soma ein wenig zurück.
„Gut“, sagte Satoshi, dann richtete er seinen Blick wieder auf das Geschehen. Denn nun war Shuns Gericht an der Reihe.

Ebenfalls gespannt, welches geschmackliche Erlebnis sie dieses Mal erwarten würde, griff sie sich den Teller mit Shuns Essen. Kleine, runde Pfannkuchen, verziert mit einer ordentlichen Schicht Zimt und Puderzucker, Waldbeeren und ein paar Minzblättern.
„Das gleiche Lob kann ich dir auch mitgeben, Ibusaki. Die Pfannkuchen sehen einfach, aber gut aus. Sie sind nicht zu weich, aber auch nicht zu trocken oder zu fest. Genau in die Mitte, so wie sie gehören …
Auch die Farbe ist gut … wie ich sehe, ist der Zimt Bestandteil der Bestäubung. Bin ich richtig in der Annahme, dass im Teig selbst nur Zucker und kein Zimt enthalten ist?“
„Ganz genau“, sagte er leise und tonlos.
„Ich habe mich bewusst dafür entschieden, den Zimt nur auf die Pfannkuchen zu legen. Im Pfannkuchen selbst würde der Geschmack innerhalb des Teiges nur untergehen und sich nicht entfalten können.“
Die Leiterin drückte noch ein wenig mehr auf den Pfannkuchen herum, dann schob sie die Beeren ein wenig zur Seite und schnitt sich mit den Stäbchen ein Stück herunter. Sie wunderte sich noch, dass es im Inneren teilweise fester wurde, dann begann sie zu essen.
Und auch dieses Gericht hatte eine positive Überraschung für sie parat. Die festen Stücke in den Pfannkuchen stellten sich als dünne Apfelscheiben heraus, die sowohl fruchtig, als auch von einer halbwegs festen Konsistenz waren.
„Wie ich sehe, gefällt Ihnen die kleine Überraschung, die ich in die kleinen Pfannkuchen hinein gebacken habe. Sie sollen den Teig lockerer machen und verhindern, dass er zu trocken wird. Das Risiko ist bei dieser Art von Essen schnell vorhanden und dann ist es aufwendiger beim Essen. Etwas, das meiner Ansicht nach nicht zur einer gemütlichen Grunde in Gesellschaft passt.“
Zufrieden kaute die Leiterin weiter den Pfannkuchen, er hatte ihre Erwartungen genau getroffen. Doch zögerte sie ein wenig.
„Mir gefällt der Gedanke, den du bei diesem Gericht hattest. Auch finde ich es bewundernswert, dass du und Isshiki euch beide an westliche Gerichte gewagt habt. Das finde ich schon sehr toll, ja ja.
Ebenso finde ich es auch gut, dass du nicht zu viel Zimt verwendet hast, das hätte dem Geschmack mehr geschadet als geholfen. Die Pfannkuchen an sich sind gut, sie sind weder staubtrocken noch hart; noch kauen sie sich nicht wie diese ekligen Billigteile aus den Kombinis ...“
Allein beim Gedanken schüttelte es sie von den Zehen bis zu den Haarspitzen.
„Nein, sie sind dir mehr als gut gelungen. Allerdings gibt es eine Kleinigkeit, die mich dann doch ein wenig stört und dafür werde ich dir bei der Bewertung einen Punkt abziehen müssen.“
Überraschte Blicke von allen Seiten. Die Leiterin war doch zufrieden mit dem Gericht gewesen; sie konnten sich nicht vorstellen, was sie daran auszusetzen haben könnte.
„Das ist jetzt keine Kritik gegen dich oder gegen deine Idee, im Gegenteil, ich finde sie wie gesagt wundervoll. Nur leider hatte der Apfel zwar genug Feuchtigkeit, aber zu wenig Geschmack. Ob es nun an der Apfelsorte liegt oder ob der Pfannkuchen ein paar Sekunden zu lang in der Pfanne war, das kann ich nicht beurteilen. Dennoch wäre es besser, wenn noch ein wenig vom Eigengeschmack des Apfels vorhanden geblieben wäre, so kommt mir das Gericht dann doch einen Ticken zu blass vor.
Es muss ja nicht gleich eine kräftige Sorte wie Granny Smith sein, aber etwas intensiver als die Sorte, die du hierfür verwendet hast.
Sonst ist das Gericht wie bereits gesagt wundervoll und ich würde mich freuen, wenn ich es eines Tages wieder essen könnte. Dann aber mit stärkeren Äpfeln!“

Erleichterung machte sich in den Gesichtern der anderen breit, Shun selbst stand nur regungslos auf der Stelle. Es war unmöglich zu sagen, ob und inwieweit ihn die Kritik getroffen hatte oder wie sehr er es sich zu Herzen nahmen. Sanft lächelte die Leiterin ihn an.
„Keine Angst, so groß ist die Differenz zwischen dir und deinen Konkurrenten nicht. Denn für dein Gericht vergebe ich sieben von zehn möglichen Punkten!“
Wieder kam es zu Geklatsche und Applaus, man konnte den Hauch eines Lächelns auf Shuns Lippen erkennen. Jedoch nur für ein paar wenige Sekunden. Kaum hatte er sich zu den anderen zurück in die Reihe gestellt, war seine Miene so wie immer.

Frau Daimido fing zu lachen an, lauter und andauernder als beim letzten Mal.
„Hab ich es mir doch gleich gedacht, dass es hier ein wahres Fest an Köstlichkeiten geben würde! Hatte mein Gefühl also doch recht. Herrlich!“
Sie schnalzte mit den Lippen. Ihr Blick fiel auf Somas braun-goldenen Haufen.
„Ich muss sagen, dass sieht sehr interessant aus, Yukihira! Dass du eine Hauptspeise machen würdest, trotz der Vorgabe, das hätte ich nicht vermutet. Die meisten würden sich wohl für Milchreis oder Reispudding entscheiden.“
Allerdings bist du nicht wie die meisten anderen. Nein, das war schon dein Vater nicht …
Sie tauschte die Teller vor sich und betrachtete das fremdartige Gericht von allen Seiten. Ihre Nase gab ihr dann doch mehr Aufschluss darüber, was sie vor sich stehen hatte.
„Daher kommt also dieser starke, süße Geruch!“, stellte sie fest und sah sich den Reis noch genauer an. So etwas hatte sie in ihrem Leben noch nie gesehen, doch das war beim Essen der Yukihiras fast immer der Fall.
Dann wollen wir doch mal sehen, wie das hier schmeckt …

Kaum hatte sie den ersten Bissen genommen, spürte sie, wie der Geschmack auf eine angenehme Art und Weise auf ihrer Zunge explodierte. Ihre Gedanken fast schon gewaltsam in die Ferne gerückt, versuchte sie diese neue Erfahrung irgendwo einzuordnen – vergeblich.
„Dieser fluffig-leichte Reis, der so schrecklich süß und kräftig nach Weihnachten schmeckt … ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll! Trotzdem kann ich nicht aufhören ihn zu essen, dazu ist er viel zu gut. Er macht gleich beim ersten Löffel süchtig!“
Ihre Augen glänzten, als sie den Reis regelrecht in sich hineinschaufelte. Sie konnte einfach nicht genug davon bekommen.
Als sie den Teller leer gefuttert hatte, gab sie einen enttäuschten Laut von sich.
„Junge, es war wohl weitaus mehr als Zufall, dass genau du Reis als Vorgabe bekommen hast. Das Los war wie für dich gemacht!
Sag mir, woher hast du das Rezept dafür? Oder ist dir das vorhin spontan eingefallen?“
Sie sah ihn an, als würde sie jederzeit vor Spannung und Neugierde platzen. Soma lächelte, zog das Tuch von seinem Kopf und band es sorgfältig um seinen Arm fest.
„Es ist sehr deutlich zu sehen, dass Ihnen der Reis geschmeckt hat, Frau Daimido!“
Er war mehr als zufrieden und das zeigte er auch.
„Was sie da probiert haben, ist afghanischer Reis mit karamellisiertem Zimt und Zucker. Mein Vater hat das Rezept auf einer seiner Dienstreisen in Afghanistan aufgeschnappt und mit nach Hause gebracht. Seitdem machen wir es uns oder den Kunden vom Imbiss.
Allerdings meist nur vor oder nach der Winterferienzeit. Ihr habt gesehen, wie zeitintensiv allein diese kleine Menge war. Das ist dann in den beliebten Ferienzeiten, wenn viel mehr Menschen Zeit haben, nicht gerade sehr förderlich. Wenigstens haben unsere Gäste dafür vollstes Verständnis.
Als ich dann das Thema zog, wusste ich gleich, dass ich das kochen würde. Weshalb das Handicap dann doch zu einem  Vorteil für mich wurde.“

„Du hast wahrlich meinen vollen Respekt dafür, mein Junge“, sagte sie amüsiert.
„Die meisten Schüler hatten ein Problem mit dem Spezialgericht. Letztes Jahr sollte jemand ein Sandwich mit Senf und Karotten als Sonderzutaten machen, der arme Junge ist mir fast schreiend davon gelaufen. Gut, dass ich damit bei dir einen Nerv treffen konnte – wenn auch nicht beabsichtigt.“
Sie blickte zurück auf ihren nahezu blanken Teller, und unterdrückte den Wunsch, den Rest ebenfalls aufzuessen oder sich wenigstens Nachschlag geben zu lassen.
Halt dich zurück, meine Liebe, die anderen wollen später ja auch noch davon essen können. Abgesehen davon willst du noch das letzte Gericht probieren. Das geht ja schlecht, wenn du dir vorher den Magen vollhaust. Hach, den Jungen und sein Essen werde ich vermissen, wenn er später seinen Abschluss macht…
„Nun, wie du dir bereits denken kannst, hast du mich voll und ganz mit deinem Gericht überzeugt. Der Reis ist gut durch; und die schwere Süße überzeugt, wie auch die Stärke des Zimts.
Zwar ist es nicht für jede Art von gemütlichem Beisammensein geeignet, aber bei einem tollen Themenabend mit Freunden könnte ich es mir sehr gut als Hauptspeise vorstellen.
Kommen wir nun zu deiner Bewertung. Dein Essen macht es mir echt nicht leicht, damit wieder aufzuhören, sobald ich einmal damit angefangen habe.
Es ist mehr als herrlich, aber da dein Essen das Thema nicht ganz zu 100% trifft, werde ich dir ebenfalls einen Punkt abziehen müssen. Gleiches Recht für alle, ich war zu Ibusaki streng, aber fair. Also werde ich es bei dir auch sein.
Was im Klartext bedeutet, du bekommst von mir neun Punkte für das Gericht!“

Siegessicher rekte Soma die Faust, die andere gratulierten und freuten sich für ihn.
„Ich hab dir ja gesagt, es wird einschlagen wie eine Bombe“, neckte er Satoshi ein weiteres Mal. Dieser legte ihm amüsiert eine Hand auf Somas Schulter, klopfte sie ein wenig.
„Ich hätte es eigentlich ahnen müssen, dass du mich schlägst. Allerdings hatte ich dich schon einmal besiegt, also war ich mir sicher, dass es heute genauso ablaufen würde wie damals. Wie sehr man sich doch täuschen kann. Du hast weitaus größere Fortschritte gemacht als vermutet.“
„Aber so gerne ich mich als Sieger bezeichnen würde, so kann ich es noch nicht!“, warf Soma ein und blickte zu seiner Mitschülerin. Welche durch das Ergebnis nun wieder leicht verunsichert wirkte.
„Erst muss Tadokoro ihr Gericht präsentieren, sie hat sich extra so viel Mühe gegeben! Alles andere wäre nur unfair ihr gegenüber.“
Dann nickte er ihr aufmunternd zu.

„Ganz genau, ich muss noch das Essen der lieben Tadokoro probieren. Komm ruhig näher, meine Kleine, du musst dich nicht hinter Yukihira verstecken!“
Diese schob sie nach vorne, wo sie nervös von einem Bein aufs andere sprang und ihre Finger verknotete.
„Du musst dich wirklich nicht für dein Gericht schämen, Liebes. Es sieht sehr köstlich aus und man kann dein liebevolles Wesen darin wiedererkennen.“
Megumis Gesicht lief rot an, während Frau Daimido zum Kühlschrank ging und seine Fingerspitze voll Ingwerscheiben herausholte. Diese nahm sie mit zu ihrem Platz und aß sie so hastig sie konnte.
„So, jetzt ist es wieder fairer für dich geworden, ich hatte immer noch den Geschmack von Yukihiras Reis auf der Zunge. Ingwer ist sehr geeignet dafür, auch wenn es mich jedes Mal davon schüttelt.“
Sie verzog kurz das Gesicht, spülte mit Wasser nach und holte sich den Teller, der mit Megumis Plätzchen belegt war.
„Ah, du hast dich also für diese Art von Naschereien entschieden – eine gute Wahl, würde ich sagen!“
Erwartungsvoll nahm sie sich das größte Plätzchen, führte es zu ihrem Mund und biss ein Stück ab.
Erst passierte nichts. Dann, mit einem Schlag, breitete sich der schokoladene Geschmack auf ihrer frisch neutralisierten Zunge aus und der Raum um sie herum verschwand.

Mutter, wann können wir endlich wieder was Normales essen? Wann gibt es wieder Reis und wann kommt Vater wieder nach Hause?“
Kalt zog es durch die Ritzen und Löcher des kaputten Hauses. Zwar lebte die Familie in keinem markanten Gebiet, doch auch hier zeigten sich längst die Spuren des Krieges. Hier und da gab es ein paar Erschütterungen, doch die meiste Zeit blieb es gespenstisch still. Es war Stunden her, dass jemand von der Essensversorgung vorbeigekommen war und ihnen etwas brachte. Wenn, dann war es meist nur trockener Zwieback und kaltes Wasser.
Doch es war die Menge, die ihnen beim Überleben half, satt wurden sie davon nur selten. Doch wie die meisten Japaner fehlte ihnen nicht einen höhere Menge an Essen. Sie hungerten nach ihrem geliebten Reis, doch dieser war zu dieser Zeit rar und meist nur den Soldaten vorbehalten.
„Ich weiß es leider nicht, Fumio, ich kann es dir nicht sagen.“
Dabei küsste sie die kleine Stirn ihrer Tochter und drückte sie an sich. Dass sie jeden Tag mit einer Nachricht vom Tod ihres Mannes rechnete, ließ sie sich so gut es ging nicht anmerken.
„Mutter, ich habe Hunger!“, sagte ihre schwache, hungrige Kinderstimme. Doch ihre Mutter konnte ihr nichts anbieten. Die Vorräte waren längst geplündert, geleert und als Zwangsabgabe geendet. Nicht mal ein kleines, trockenes Stückchen Brot konnte sie ihr anbieten. Denn so selten, wie sie mit Nahrung versorgt wurden, hatte kein Essen bei ihnen die Chance, schlecht oder hart zu werden.
Sie spürte Fumios kleine Kinderrippen durch ihre enge Kleidung, und auch wenn sie selbst im untergewichtigen Bereich lag, machte sie sich noch mehr Sorgen um ihre Tochter als um sich selbst.
„Keine Sorge, mein Kind, ich bin mir sicher, der Soldat kommt bald vorbei und bringt uns eine Kleinigkeit zum Essen …“

In diesem Moment klopfte es wild und ohne Rhythmus an der Tür.
„Wer ist da?“, rief die Mutter, schob ihre Tochter unter den Tisch und schlich mit einem Küchenmesser bewaffnet zur Haustüre. Der Soldat, der sonst immer ihr Essen brachte, konnte es nicht sein.
Wer war es dann? Etwa die Armee, um sie zu holen? Oder fremde Männer, die sie als Kriegsgefangene an sich reißen würden?
„Ich frage ein letztes Mal, wer steht da vor der Tür? Wenn Sie Essen wollen, hier gibt es schon lange keins mehr. Nur zwei arme Gestalten, die selbst nach jedem Krümel greifen, den sie bekommen können!“
Dann ging die Tür auf und bevor sie überhaupt registrieren konnte, wer da vor ihr stand, lief Fumio an ihr vorbei zu der Gestalt.
„Vater, Vater, du bist wieder da!“
Glücklich, sie wiederzusehen, nahm er seine beiden Frauen in die Arme und umarmte sie herzlich. Auch ihm entging nicht, wie dürr sie geworden waren. Besorgt drückte er sie fest an sich, fürchtete jedoch, sie würden dabei auseinanderbrechen. Dann löste er sich von ihnen.
„Ich bin auch froh, wieder hier zu sein. Leider kann ich nicht lange hier bleiben …“
Es tat ihm in der Seele weh, in die traurigen und enttäuschten Augen seiner Tochter zu sehen. Doch leider lag diese Entscheidung nicht in seiner Hand, er musste sich den Befehlen seiner Vorgesetzten fügen.
„Das ist jetzt wichtig, Hauptsache, du bist wieder hier und bist noch gesund und am Leben … wie lange kannst du hier bleiben?“
„Zwei oder drei Tage, aber das erfahre ich noch. Hauptsächlich konnte ich deswegen überhaupt zurückkommen.“
Er zog seinen Rucksack hervor und öffnete ihn.
„Wir haben heute ein kleines Lager der Tommys gestürmt und erobert. Dabei konnten wir auch einen kleinen Vorrat sicherstellen. Die Hälfte davon haben sie wohl den deutschen Soldaten geklaut … denkt euch nichts dabei, wir haben die Erlaubnis von oben, sie zu essen und mit unseren Angehörigen zu teilen.“
Er holte mehrere verschiedene Konserven heraus, gab seiner Tochter eine kleine, leicht verbeulte Metalldose. Sie öffnete diese, darin lagen eine Menge Schokoladen-Plätzchen, verziert mit ein paar wenigen bunten Streuseln.
„Darf ich ein paar davon probieren?“, fragte Fumio und ihr Vater nickte.
Hungrig und neugierig aß sie das Plätzchen. Glücksgefühle überspülten sie, hatte sie doch seit Wochen nichts anderes als trockenen Zwieback von den Soldaten bekommen.
„Vielen lieben Dank, Vater!“, sagte sie und umarmte ihn stürmisch.

Tränen liefen ihre Wangen herunter, die Erinnerungen und die Gefühle an diesen Wintertag, als ihr Vater ihr die kleinen Plätzchen gab, überschwemmten sie nun. Lächelnd wischte sie sich die Tränen aus den Augen.
„Frau Daimido, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragten die Schüler besorgt. Doch sie nickte nur.
„Ja, es ist in Ordnung. Ich habe mich nur an etwas aus meiner Kindheit erinnert … aber gut, hier geht es jetzt nicht um mich, sondern um Tadokoro und ihr Gericht. Und ihre Plätzchen werde ich nun bewerten.“
Sie aß noch zwei Stück, ließ sich dabei ein wenig mehr Zeit.
„Der Zimt wurde anscheinend in den Teig hineingemischt, das gibt dem Ganzen neben dem Kakao einen angenehmen Geschmack. Auch ist es ein guter Kontrast zu den ganzen süßen Zutaten, die auf und in den Plätzchen drin sind. Sie sind knusprig, nicht zu trocken und sehr, sehr lecker.
Da fällt es mir noch schwerer, mit dem Essen aufhören, noch mehr als bei Yukihiras Gericht!
Dafür gibt es von mir zehn volle Punkte!
Gratulation, Tadokoro, du hast meinen kleinen Wettbewerb gewonnen, ich bin ehrlich, mit dem Verlauf hatte ich nun wirklich nicht gerechnet. Und du bist auch die erste, die seit fünf Jahren die Höchstpunktzahl erreicht hat!“
Lauter Applaus, stolz klopften sie auf Megumis Schulter, welche tomatenrot anlief und sich leise bedankte.
Stolz überreichte die Leiterin Megumi ihren Preis, ein kleine Urkunde und einen Großhandelsgutschein, als diese fast vor Freude und Scham in Ohnmacht fiel.
Dann sah sie zu den anderen Teilnehmern.
„Im Grunde seid ihr alle Gewinner, jeder von euch hat wunderbare Gerichte auf den Tisch gezaubert. Ich bin wirklich stolz auf euch!“
Sie zwinkerte ihnen zu.
„Und jetzt, lasst uns essen, bevor es noch zu kalt wird. Das wäre nun wirklich eine Schande!“
Der Einladung gingen nur zu gerne nach und sie erfreuten sich an all dem leckeren Essen, dass sie selbst zu verdanken hatten. Nur die Aussicht, hinterher alles wieder wegzuräumen, gefiel ihnen nicht so ganz. Doch das gehört zum Alltag eines Kochs dazu, auch, wenn es nicht ihre Lieblingsbeschäftigung war.
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