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GeschichteRomanze, Familie / P16 Slash
21.01.2018
07.12.2018
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Marina wusste nicht wie das möglich war, aber Yuri war bei ihr. Fast jedenfalls. Er war noch in der Zwischenwelt gefangen und drohte im Nichts zu verschwinden, aber das wusste sie zu verhindern. Sie streckte die Hand nach ihm aus und war unendlich glücklich, als er sie ergriff. Auch wenn das bedeutete, das sie jetzt reinen Tisch machen musste. Aber wie sollte sie ihm das alles nur erklären? Würde er ihr überhaupt glauben? Ratlos blickte sie ihn an. Er schien ebenfalls in Gedanken versunken zu sein und sah dabei unendlich traurig aus. Mit Tränen in den Augen blickte er sie an und wusste scheinbar nicht, was er sagen sollte. Marina zerbrach dieser Anblick fast das Herz. Deshalb musste sie das alles jetzt beenden. Damit wenigstens einer von ihnen glücklich weiterleben konnte.
„Hör mir zu, Yuri. Ich weiß, das es schwer ist, aber du musst meinen Tod endlich akzeptieren und weiterleben. Egal, wie sehr du an der Vergangenheit festhältst, es wird mich nicht zurückbringen.“ sagte sie leise und spürte wie die Tränen in ihr aufstiegen. Ihrem Bruder schien es nicht anders zu gehen. „Aber ich will nicht das du gehst. Bleib bei mir.“ flüsterte er mit tränenerstickter Stimme. Wie gerne würde sie ihm seinen Wunsch erfüllen, aber es ging nicht. Alleine diese drei Tage waren nur durch ein Wunder möglich gewesen. „Ich will, das du weißt, das ich dich niemals gänzlich verlassen werde, Yura. Egal wohin du gehst, ich werde immer in deinem Herzen sein. Aber lass mich dort nicht allein. Öffne dich und akzeptiere deine Liebe zu den anderen. Sie können sonst nicht bei dir bleiben.“ sagte sie und wischte ihm zärtlich die Tränen weg, die ihm unaufhörlich über die Wangen flossen.
„Was mache ich, wenn ich sie in mein Herz lasse, aber sie mich nicht in ihres?“ fragte er schließlich und klang dabei unglaublich unsicher. Als wenn er wirklich an den Menschen um sich herum zweifeln würde. Dabei hatte er bereits in jedem ihrer Herzen einen festen Platz. Nur deshalb konnten sie sein wahres Ich sehen und seine abweisende Art ignorieren. Doch das würde nicht für immer so bleiben. Würde die Liebe nicht erwidert werden, würde sie irgendwann erlischen. Und dann würden sich Yuris Ängste bestätigen, was ihn zerstören könnte.

„Dann tust du das, was du am besten kannst; kämpfen. Kämpf dich in ihre Herzen und krall dich fest. Otabek ist der bester Beweis, wie hartnäckig du dich festsetzen kannst. Nur mit deinen Augen hast du es geschafft, das er sich in dich verliebt. Und das er an diesen Gefühlen festhält. Jahrelang hat er auf dich gewartet und sich dennoch nicht mehr als Freundschaft erhofft. Du weißt doch schon längst, wie sehr er dich liebt. Und du liebst ihn. Jetzt musst du es ihm nur noch zeigen.“ erklärte sie ihm und fing an zu lächeln. Natürlich war Otabek nicht der einzige, der Yuri liebte. Aber seine Gefühle zu ihm waren am stärksten und wurden von Yuri am meisten erwidert. Aber Yuri tat es zu oberflächlich. Er hielt sein Herz immer noch fest und zeigte es Otabek nur aus der Ferne. Dabei musste er es ihm geben, damit das Band zwischen den beiden bestand haben konnte. Denn Otabek hatte ihm das seine schon damals in Barcelona geschenkt, als Yuri seine Freundschaft angenommen hatte. Ob ihr Bruder das überhaupt wusste? Marina bezweifelte das ehrlich gesagt.
Bevor er ihr widersprechen konnte redete sie weiter. „Und du weißt ganz genau, das Otabek nicht der einzige ist, der dich liebt. Da wären noch Yakov, Lilia, Victor, Mila, Yuuri, Yuuko und ihre Töchter, deine Fans und noch so viele mehr. Nur unser Großvater liebt dich mehr als alle zusammen.“ zählte sie freudig strahlend auf und auch Yuri musste lächeln. Ja, er wurde wirklich geliebt. Das wusste er und er liebte sie alle auch, aber trotzdem wusste er, das sie nicht ewig bei ihn bleiben würden. Egal wie, jeder von ihnen könnte ihn verlassen. Und das jederzeit. Das machte ihm Angst und hinderte ihn daran, sie in sein Herz zu lassen. Denn dann würde der Verlust nur noch mehr schmerzen. Er wollte diesen Schmerz nicht. Nie wieder wollte er sich so fühlen wie damals, als seine Schwester ihn für immer verlassen hatte. Der Tod ihrer Eltern war nichts dagegen gewesen. Deshalb hatte er auch nie das Grab seiner Schwester besucht. Weil er dann die Wahrheit hätte akzeptieren müssen.

Plötzlich verschwand Marinas lächeln und sie wurde wieder ernst. Die Zeit lief ihnen davon. Sie spürte, das sie Yuri nicht mehr lange hier festhalten konnte. Er musste wieder zurück in die Welt der Lebenden gehen.
„Wir müssen uns jetzt verabschieden, Yurochka. Unsere Eltern warten auf mich.“ sagte sie leise und er sah sie erschrocken an. „Nein! Ich will nicht, das du gehst. Komm mit mir zurück. Victor und das Katsudon werden dich bestimmt auch vermissen. Du kannst nicht hier bleiben.“ sagte er sofort und zog sie in eine feste Umarmung. Als wenn er so verhindern könnte diesen Ort alleine verlassen zu müssen.
„Sie werden sich nicht an mich erinnern. Niemand wird das. Die letzten Tage waren nur wie ein Traum von dir, Yuri. Als wenn ich nie wirklich da gewesen wäre. Und trotzdem werde ich immer an deiner Seite sein. Ich liebe dich, Bruderherz.“ erklärte sie ihm und drückte sich von ihm. Die Zeit war abgelaufen.

Yuri wollte wieder nach ihr greifen, doch er fasste nur ins Leere. Seine Schwester war nicht mehr, als ein schwaches Abbild. „Wie meinst du das? Warum war das nur wie ein Traum? Warte!“rief er total verwirrt aber sie antwortete ihm nicht mehr. Alles was sie tat war, ihn anzulächeln und dabei zu winken. Langsam verschwand das Licht und Dunkelheit griff wieder nach ihm. „Marina!“ rief er ein letztes mal und wachte auf.

Mit rasendem Herz riss er die Augen auf und fand sich in einem fremden Bett wieder. Den Arm hatte er immer noch ausgestreckt. Warum wusste er allerdings nicht mehr. Im ersten Augenblick wusste er noch nicht mal, wo er überhaupt war. Er musste ein paar mal blinzeln, um etwas erkennen zu können, da ihm die Sonne direkt ins Gesicht schien. Nach ein paar Sekunden klärte sich seine Sicht und er erkannte, das er in einem Krankenhausbett lag. Warum war er hier?
Seine Erinnerungen waren vollkommen durcheinander und er fühlte sich, als wenn er sehr lange geschlafen hätte. Als er den Kopf leicht zur Seite drehte erkannte er, das Otabek neben ihm auf einem der Stühle saß oder eher gesagt lag. Denn sein Kopf ruhte auf Yuris Bett und dabei hielt er seine Hand fest umklammert. Besorgt musterte der Russe seinen Freund. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen und selbst im Schlaf sah sein Gesicht alles andere als entspannt aus. Eher, als wenn er sich verdammt große Sorgen gemacht hätte und noch immer macht. Langsam und vorsichtig entzog Yuri ihm seine Hand und strich seinem Freund beruhigend übers Haar. Das hatte sein Großvater immer gemacht nachdem er einen Albtraum gehabt hatte. Vielleicht würde es auch dem Kasachen helfen. Und tatsächlich entspannten sich schon nach wenigen Sekunden seine Gesichtszüge und ein wohliges Seufzen war zu hören. Alle Anspannung wich aus dem jungen Mann und er schmiegte sich noch mehr an die Hand, die ihm durchs Haar strich. Bei diesem Anblick musste Yuri lächeln und er genoss diesen Moment der Ruhe. Denn er wusste jetzt schon, das ihm eben jene Ruhe nicht ewig gegönnt sein wird. Und wie Recht er damit doch hatte.

Schon nach wenigen Minuten wurde die Tür ohne anklopfen geöffnet. Herein kam ein besorgt drein schauender Victor mit einem verzweifelten Japaner im Schlepptau. „Vitya! Du kannst da nicht einfach so reingehen! Das gehört sich nicht.“ flüsterte er und unterdrückte mühsam sein Entsetzen über die fehlenden Manieren seines Verlobten. Doch dieser hörte ihm gar nicht zu. Dafür fiel ihm fast hörbar ein Stein vom Herzen. „Yurio, du bist ja endlich aufgewacht!“ sagte er erfreut und weckte damit den schlafenden Kasachen auf. „Du bist zu laut, Victor.“ nuschelte er verschlafen und richtete sich mühsam auf. Er schien wirklich ein paar schlaflose Nächte hinter sich zu haben. Das würde auch erklären, das er Yuri erst ein paar Sekunden ansah bevor sich ein erleichtertes Lächeln auf seine Züge schlich. „Guten Morgen, du Schlafmütze. Wie geht es dir?“ fragte Otabek seinen Freund und strich ihm dabei liebevoll eine Strähne aus dem Gesicht. Dieser war sichtlich verwirrt wegen dem Verhalten seiner Freunde. „Warum zur Hölle bin ich im Krankenhaus?“ war deshalb das einzige, was er sagte. Wenn ihm das sprechen auch durch seine staubtrockene Kehle etwas schwer viel.

Sofort verschwand wieder das Lächeln von Otabeks Lippen und niemand sagte ein Wort. Dafür schloss Yuuri leise die Tür und ging mit Victor zu dem Bett wo der junge Russe drin lag. Er hatte das Zimmer zum Glück für sich alleine, wie er nebenbei feststellte. Wahrscheinlich war das hier sogar ein Privatzimmer. Aber das interessierte ihn nicht wirklich. Außerdem fing sein Kopf langsam an weh zu tun. Schließlich war es Otabek, der das Wort ergriff. „Du bist ganz schön auf den Kopf gefallen, Yura. Kannst du dich nicht daran erinnern?“ fragte er seinen Freund und sah ihn besorgt an. Yuri konzentrierte sich auf seine letzte Erinnerung aber alles schien wie im Nebel zu sein. „Nein. Ich kann mich ehrlich gesagt an ziemlich vieles nicht erinnern. Nur, das ich in Japan mit Victor und dem Katsudon trainieren wollte.“ gab er ehrlich zu. Dabei wurden seine Kopfschmerzen wieder schlimmer. Etwas stimmte nicht, aber er wusste nicht was. Seine Freunde tauschten besorgte Blicke aus und Otabek ergriff wieder Yuris Hand. Dabei wurde Yuri, anders als sonst, ziemlich unwohl. Als wenn ihm etwas schlimmes bevorstand. Otabeks Worte bestätigten seine Befürchtung. „Du wurdest fast von einem Auto überfahren, Yura.“ fing er an und wurde sofort von seinem Freund unterbrochen. „Das kann nicht sein! Ich bin doch kein Idiot. Wie zur Hölle soll ich ein Auto übersehen habe, bevor ich über die Straße gegangen bin?“ fragte er erbost und war wirklich sauer, das ihm so ein Anfängerfehler unterstellt wurde. Wie alt war er? Drei?
Otabeks Blick wurde mitleidiger und Yuris Alarmglocken fingen an zu schrillen. „Es gab einen Grund, das du sogar bei Rot über die Straße gegangen, oder eher gerannt bist. Dein Großvater liegt im Krankenhaus und die Ärzte wissen nicht, ob er es lebend wieder verlassen kann. Sein Herz ist einfach zu schwach.“ erklärte er ihm und wurde zum ende hin immer leiser. Als wenn es ihm ebenfalls nahe gehen würde, das der alte Mann nicht mehr lange zu leben hatte. Dabei kannten die beiden sich nicht mal.

Yuris Herz blieb stehen. Nur um dann schmerzhaft rasend weiter zuschlagen und ihm dabei die Luft zum atmen nehmend. Tränen schossen ihm in die Augen und er krümmte sich schluchzend zusammen. Seine Kehle war wie zugeschnürt und mehr als ein verzweifeltes wimmern kam ihm nicht über die Lippen. Sofort hatte Otabek die Arme um ihn geschlossen und drückte ihn fest an sich. Auch Victor und sein Verlobter, die sich bis ebend noch rücksichtsvoll im Hintergrund gehalten hatten, umarmten den jungen Russen, als wenn sie so etwas von seinen Schmerz von ihm nehmen könnten. Die Nähe und die dadurch entstehende Wärme, ließen Yuri aber nur noch hemmungsloser weinen. Er wollte am liebsten Schreien, aber mehr als ein paar gequälte Laute brachte er nicht zustande. Der Gedanke, das sein Großvater sterben würde, war zu viel für ihn. Ohne ihn hätte er gar keine Familie mehr. Dabei hatte er doch schon so viel in seinem jungen Leben verloren. Erst seine Eltern, sein Zuhause und dann.......

Plötzlich verstummte Yuri. Mit leeren Augen starrte er auf seine Hände und versuchte dieses Gefühl der Erkenntnis zu verstehen. Etwas, das er für vergessen hielt, fiel ihm von einem Augenblick auf den anderen wieder ein. Das Gesicht eines lächelnden Mädchens mit strahlend blauen Augen tauchte vor seinem Inneren Auge auf. Viel zu lange hatte er sie verdrängt und fest in sich verschlossen. Schon damals wäre er fast an ihrem Tod zerbrochen und er hatte immer Angst gehabt, es vollständig zu tun, sobald er sich an sie erinnerte oder nur an sie dachte. Doch dem war nicht so. Jedenfalls nicht jetzt in diesem Augenblick. Ruhe erfüllte ihn und sein Herzschlag wurde wieder langsamer. Der Schmerz war immer noch da, aber es war okay. Denn jetzt erinnerte er sich wieder an alles. Auch an die vergangenen drei Tage. Als er aufsah blickte er in drei besorgte Gesichter. „Alles okay, Yurio?“ fragte Victor und strich ihm sacht über den Kopf. Angesprochener nickte und lächelte sogar leicht. Die Tränen versiegten langsam und mit einem letzten schniefen wischte er sich über die Augen. „Ich bin okay. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das passieren würde. Und die Zeit kann man nicht aufhalten. Wann kann ich zu ihm?“ fragte er seltsam gefasst und erntete dafür ungläubige und erstaunte Blicke, die jedoch sofort in Besorgnis wechselten. „Hol einen Arzt, Yuuri. Er hat sich scheinbar stärker verletzt, als angenommen wurde.“ meinte Otabek nur ernst.

Yuuri sah den Kasachen kurz unsicher an und wollte sich grade erheben, um seinen Auftrag zu erfüllen, als er von dem Verletzten am Arm festgehalten wurde. „Warte! Ich sagte nicht, das es mich nicht unendlich traurig macht auch noch meinen Großvater zu verlieren. Ihr wisst, wie sehr ich ihn liebe. Aber ich kann es doch auch nicht ändern. Wenn ich es könnte würde ich es tun, aber den Tod kann man nicht verhindern. Und ihr wisst, das ich das wohl am besten weiß. Er ist immerhin nicht ohne Grund mein letzter Blutsverwandter.“ erklärte Yuri ruhig und dachte dabei an das letzte Gespräch mit seiner Schwester. „Wenn ihr mir versprecht, mich nicht für verrückt zu erklären, erzähle ich euch, warum ich so denke und was ich....bis jetzt noch nie jemanden erzählt habe.“ fügte er hinzu und sah seine Freunde bittend an. Diese schienen kurz überlegen zu müssen, aber sie kannten den Russen gut genug um zu wissen, wie stark er eigentlich war. Deshalb setzten sich Yuuri und Victor auf die anderen Besucherstühle und nickten ihm zu. Sein Startzeichen.

„Ich habe euch zwar nie von ihr erzählt, aber ich hatte früher eine Zwillingsschwester. Ihr Name war Marina und wie für Zwillinge üblich glichen wir uns wie ein Haar dem anderen. Nur unsere Augen waren verschieden. Ihre waren wunderschön blau und immer am strahlen. Sie war wirklich meine Sonne und ich liebte sie abgöttisch.“ begann er zu erklären und merkte schnell, wie schwer ihm diese Worte fielen. Das war immerhin das erste mal, das er über sie sprach.
„Nach dem Tod unserer Eltern war sie mein stärkster Halt. Ich hätte alles für sie getan und trotzdem habe ich sie vor ziemlich genau acht Jahren für immer verloren. Wir lebten damals bei unserem Großvater in der nähe von einem großen Wald, in dem wir fast täglich spielten. So auch an eben jenem kalten Tag im Winter, an dem ich ihr zu sehr vertraute.
Sie wollte aus irgendeinem Grund auf einen sehr hohen Baum klettern. Ich selbst hatte mich das nicht getraut und wollte es ihr ausreden, aber sie war sich sicher es schaffen zu können. Und ich vertraute ihr, das sie sicher rauf und wieder runter kam. Immerhin kletterte sie die ganze Zeit überall rum, was des öfteren zu einer Standpauke von unseren Großvater führte. Aber sie war ein richtiger Wildfang und hielt sich höchstens zwei Sekunden an eine Regel.“ erzählte er weiter und musste lächeln, als er sich an den verzweifelten Blick seines Großvaters erinnerte, wenn er ihr zum hundertsten mal erklärte, warum sie nicht überall rauf klettern konnte und dass das gefährlich war.

Doch sein lächeln verschwand, als er weitererzählte.
„Ich bewunderte sie für ihren Mut, aber heute wünschte ich mir, das sie etwas ruhiger gewesen wäre. Dann wäre sie jetzt vielleicht noch am Leben.
Denn der Baum, auf den sie geklettert war, war schon alt und morsch, was wir damals nicht erkannt hatten. Sie war schon fast auf der Krone, als der Ast unter ihr plötzlich abbrach und sie damit den Halt verlor. Beim fallen schlug sie sich den Kopf an und hatte dadurch eine stark blutende Platzwunde. Doch für mich sah es damals weitaus dramatischer aus. Ich meinte, aufgerissene Haut sehen zu können und das ich gehört hätte, wie ihre Knochen beim Aufschlag zerbrachen. Aber anstatt Hilfe zu holen hatte ich sie im Arm gehalten und einfach nur geschrien. Ich hatte trotzdem gespürt, wie ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen und war deshalb lange in einer Schockstarre gefangen. Irgendwann wurden wir von unserem Großvater gefunden, der uns ins Krankenhaus brachte. Doch für Marina kam jede Rettung zu spät. Ihre Kopfverletzung war zu gravierend und durch die zu späte Behandlung war nichts mehr für sie zu tun gewesen. An diesem Tag ist etwas von mir mit ihr gestorben und ich war nicht mehr der selbe wie vor dem Unfall.“

Beim erzählen hatte er wieder angefangen zu weinen und der Schmerz von damals nahm ihm die Luft zum atmen. Otabek hatte seine Hand ergriffen und strich mit dem Daumen zärtlich über seine  Handrücken. Das beruhigte und tröstete Yuri genug, um weiter machen zu können. Denn er war noch nicht fertig.
„Ich habe es vor allem der strengen Erziehung von Yakov und Lilia zu verdanken, das ich nicht gänzlich an dem Tod meiner Schwester zerbrochen bin. Auch wenn ich es nicht zeige, bin ich ihnen dafür sehr dankbar. Genauso wie dir Victor.“ mit diesen Worten griff er mit seiner freien Hand nach der des älteren Russen und drückte diese leicht. Victor sah ihn ganz erstaunt an, als wenn er nicht wüsste, was er eigentlich getan hatte. Wahrscheinlich entsprach das sogar die Wahrheit.
„Du hast die Hand nach mir ausgestreckt, obwohl ich mich wie ein Arsch verhalten habe. Und du hast nicht losgelassen, obwohl ich dir so oft weh getan habe. Ich bin euch allen und noch so vielen mehr unendlich dankbar, das ihr mich nicht alleine gelassen habt. Nur dank euch konnte ich weiter machen.“ erklärte Yuri und schaffte es sogar wieder zu lächeln.
„Aber das war nicht genug, um mir meinen Schmerz und meine Ängste zu nehmen. Das hat Marina, die mich die ganze Zeit über nicht verlassen hatte, erkannt und beschloss zu handeln. Mit aller Kraft hatte sie sich gewünscht, mir diesen Schmerz zu nehmen und irgendjemand hatte ihn ihr erfüllt. In der Zeit, in der ich Bewusstlos war, habe ich von ihr geträumt. Auch wenn es sehr real war und sie sagte, das es nur so ähnlich wie ein Traum war. Ob es nun wirklich einer war weiß ich nicht, aber in nur drei Tagen hat sie das geschafft, was ich für unmöglich hielt. Ich habe ihren Tod akzeptiert. Natürlich nicht sofort. Erst, als es fast zu spät war und sie wieder zurück musste. Ich weiß nicht wo sie sich gerade befindet aber ich hoffe, das sie sich keine Sorgen mehr um mich macht. Denn das braucht sie nun nicht mehr.“ beendete er und schweigen breitete sich aus. Niemand traute sich ein Wort zu sagen. Dafür waren sie von diesem Geständnis viel zu betroffen. Victor und sein Verlobter hatten sogar Tränen in den Augen und Otabek strich weiterhin über die Hand seines Freundes.

Obwohl Yuri grade erfahren hatte, das sein Großvater wahrscheinlich sterben würde, war er erfüllt von Frieden. Als wenn sich ein Sturm in seinem Inneren gelegt hätte und endlich wieder die Sonne auf seine Seele scheinen ließ. Natürlich würde er trotzdem um ihn trauern. Immerhin liebte er seinen Großvater mehr als jeden anderen, aber er konnte es akzeptieren. Er würde Zeit brauchen, um seine Trauer zu verarbeiten, aber er würde nicht daran zerbrechen. Und er würde es diesmal besser machen. Diesmal würde er die Gräber der Verstorbenen besuchen und pflegen. So, wie es sich eigentlich auch gehört. Inzwischen bereute er es zutiefst, nie das Grab seiner Schwester und das seiner Eltern besucht zu haben. Bestimmt waren sie trotzdem liebevoll von seinem Großvater gepflegt worden. Und so, wie Yuri ihn kannte, hatte er Marina sogar kleine Geschenke zum Geburtstag gebracht. Bei diesem Gedanken war Yuri wieder zum weinen zu mute. Sein Großvater hat so viel ertragen müssen und er hatte es ihm nur noch schwerer gemacht. Und jetzt konnte er das wahrscheinlich noch nicht mal wieder gut machen. Deshalb wiederholte er seine Frage vom Anfang. „Wann kann ich zu ihm?“
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