Von Prinzen und Drachen

von Baabylon
GeschichteHumor, Romanze / P18
21.01.2018
17.02.2018
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Sie fuhren ein paar Stationen mit der U¬Bahn und stiegen an der Haltestelle Feldstraße aus.
Sie überquerten die vierspurige Fahrbahn und er führte sie durch eine Seitenstraße, die sie für einen Augenblick ein wenig an Staines erinnerte. Sie verschränkte die Arme vor dem Körper, denn ihr lief unwillkürlich ein kleiner Schauer über die Haut.
»Hier sind wir schon«, erklärte er und betrat einen Laden mit großem Schaufenster.
»Ein Tattoo-Studio?« Damit hatte sie nicht gerechnet. »Du hast hier Freunde, die du besuchen willst, oder?«
Er schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe einen Termin.«
Eine junge Frau mit Piercings in Augenbrauen und Lippen kam Kaugummi kauend von hinten in den Verkaufsraum. »Hi!« Sie blickte auf ihr Terminbuch und nickte.
»Wally, oder?«
»Richtig.«
»Dann komm mal durch.«
Er zog seine Jacke aus. Seine Hand streckte er nach Luca aus, die schüttelte jedoch den Kopf. »Ich warte lieber hier.«
»Wirklich?«
Sie nickte bestimmt und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Ich glaube nicht, dass ich das sehen möchte.«
»Ist überhaupt nicht schlimm«, erklärte die Frau.
Er gab ihr die Jacke. »Okay, wie du willst. Würdest du die so lange halten?«
»Sicher.« Sie nahm sie an sich und er folgte der Frau nach hinten. Luca blieb zurück. Sie war unentschlossen. Sollte sie dabei zusehen? Brauchte er seelische Unterstützung? Sie wollte so etwas nicht wirklich mit ansehen.
Eine echte Tätowierung. So etwas hatte sie ihm gar nicht zugetraut. Was gab es noch alles, was sie nicht wusste? Sie blickte sich um und entdeckte an den Wänden Bilder von Armen, Beinen und Rücken, die von gigantischen Motiven bedeckt waren. Was die Leute sich so antaten. Bisher hatte sie sich nie über Tattoos Gedanken gemacht. Natürlich war ihr klar, dass dieser Trend immer mehr an Beliebtheit gewann. Sophie hatte auch ein kleines. Sie selbst hatte es aber nie in Erwägung gezogen.
Auch Said hatte keines und niemand sonst, den sie je kennengelernt hatte. In ihr stieg eine gewisse Aufgeregtheit auf, die sie schwer einordnen konnte. Was ließ er sich stechen und wohin? Ihre Neugier wuchs. Wie würde es aussehen? Ob es sexy war? Sie lachte in sich hinein. Der Typ war so herrlich verrückt. Und so unerwartet.
Erst als sie auf einem Sofa an der Seite Platz nehmen wollte, bemerkte sie, dass dort schon jemand saß.
Eine rundliche Blondine, die etwa in ihrem Alter sein mochte, lächelte ihr zu. Sie grüßten sich kurz, dann setzte Luca sich.
»Wieso willst du nicht zusehen?«
Luca verdrehte die Augen. »Lieber nicht.«
»Magst du keine Tattoos?«
Luca blickte die Frau an. »Eigentlich habe ich mich damit noch nie so richtig befasst.«
Sie schnaubte lachend. »Vielleicht solltest du dich einfach mal damit befassen. Ich meine, wenn dein Freund sich tätowieren lässt. — Du könntest dich selbst tätowieren lassen.«
»Ich?« Sie hob abwehrend die Hände. »Ganz sicher nicht. Ich wüsste ja nicht mal, was für ein Motiv.«
»Och, da gibt's hier reichlich Mappen.« Sie griff zum Tisch neben sich und reichte Luca eine. »Guck einfach mal ganz unverbindlich rein.«
»Hast du ein Tattoo?«
»Mehrere.« Sie schob einen Ärmel hoch und zeigte ihr eine Sphinx auf dem Oberarm, dann drehte sie sich um. Im Nacken hatte sie ein arabisches Schriftzeichen und am Knöchel eine Lilie.
Luca zögerte. Sie blickte auf den Durchgang, durch den Wally verschwunden war. Vermutlich würde es eine ganze Weile dauern. Schauen konnte sie ja mal. Sie nahm die Mappe und schlug sie auf. Seine Jacke legte sie neben sich über die Lehne. Dabei rutschte etwas aus der Tasche und landete auf ihrem Schoß.
Luca nahm den Gegenstand hoch und betrachtete ihn. Es war ein goldener Ring an einer Kette.
»Ist das der Ring aus Herr der Ringe?«, fragte die Frau und beugte sich vor, um das Stück zu berühren.
»Das weiß ich nicht«, gab sie zu. Aber bei genauerem Hinsehen entdeckte sie die typischen Schriftzeichen auf dem Ring und sie nickte. »Wow! Es sieht ganz so aus.«
»Der ist ja wunderschön.«
Luca schob die Kette zu einem kleinen Häufchen zusammen und steckte sie zurück in die Seitentasche. Als sie die Jacke ablegte, rutschte das Schmuckstück erneut heraus. Sie untersuchte die Tasche genauer und registrierte, dass sie keinen Verschluss besaß. Kurzerhand steckte sie den Ring mit der Kette selbst ein. Sie würde es ihm später wiedergeben. Besser, als wenn er verloren ging.
Dann wandte sie sich der Mappe zu und begann zu blättern. Es waren ein paar Motive dabei, die sie sich gut auf der Haut vorstellen konnte. Bisher hatte sie bei Tattoos an Totenköpfe und Rücken füllende Drachen gedacht, aber sie musste feststellen, dass die Palette unendlich war. Immer mehr gefiel ihr der Gedanke, einen Freund mit Hautbemalung zu haben. Es hatte einen Hauch von Verbotenem, eine Spur Exotik.
Sie ging tief in sich und suchte nach dem Widerstand gegen diese Art von Körperschmuck. Doch er war nicht mehr da. Sie war überraschend aufgeschlossen dafür und freute sich schon darauf, es zu sehen.
Nach einer Weile erhob sie sich und wandte sich an die Tattoo-Künstlerin am Tresen. »Mal angenommen, ich hätte etwas gefunden, was mir gefällt. Wann könnte ich dann kommen, es machen zu lassen?«

Zum Mittagessen gingen sie wieder in das italienische Restaurant, in dem sie an ihrem ersten Abend gegessen hatten. Wally hatte ihr noch andere Vorschläge gemacht, doch sie hatte darauf bestanden. Sie bestellte sich Tortellini, während er sich über Cannelloni freute.
»Wieso bist du nicht mit reingekommen? War es nicht schrecklich langweilig, so lange zu warten?«
»Es ging«, antwortete sie kurz, »ich habe mich anderweitig beschäftigt.«
»Ich dachte echt, du würdest es dir noch überlegen und mir ein wenig beistehen.«
»Hat's denn sehr wehgetan?«
»Es war nicht ganz ohne«, nickte er mit dem Käse auf seinen Cannelloni kämpfend.
»Was hast du für ein Motiv?«
»Sag ich nicht.«
»Wieso nicht?«
»Vielleicht zeige ich es dir irgendwann mal.«
»Das will ich hoffen. Dafür habe ich mir schließlich stundenlang die Beine in den Bauch gestanden.«
»Hey, ich hab dir gesagt, komm mit rein. Das wäre nicht so öde gewesen. Ich dachte nicht, dass du so spießig bist, sonst hätte ich dich nicht ...«
»Wie bitte?«, fuhr sie auf. »Du hast ja vielleicht Nerven.«
Er hob entschuldigend die Hände. »Okay, ich formuliere es mal anders: Es tut mir leid, dass es für dich heute Morgen so langweilig war. Das nächste Mal warne ich dich vor, okay?«
Sie nickte. »Find ich fair.«
»Wie viel Zeit hast du noch?«, fragte er am Ende der Mahlzeit.
»Um vier sollte ich zu Hause sein, um pünktlich zur Arbeit zu kommen.«
»Dann würde ich gerne noch jemanden besuchen. Ist nicht weit von hier. Und wird auch garantiert nicht so einschläfernd.«
»Wer ist es?«
»Mein Bruder Dieko.« Er blickte auf die Uhr. »Vermutlich ist er gerade aufgestanden, könnte passen.«
»Ach, einer von den ganz frühen?«
»Ja, so ist Dieko.«
Sie zahlten und verließen das Lokal.

Das Wohnhaus von Dieko war ein Altbau mit dunklem Flur und holzvertäfelten Wänden. Sie gingen durch den Hausflur und dann auf der anderen Seite wieder hinaus. Sie durchquerten den Hinterhof.
Auf der gegenüberliegenden Wand klingelte Wally an einer unscheinbaren Tür. Es dauerte ein paar Minuten, dann wurde geöffnet.
Ein schlanker Mittzwanziger blickte ihnen gelassen entgegen. Seine strubbeligen, braunen Haare standen ihm wild vom Kopf ab. Rasiert hatte er sich anscheinend auch schon eine ganze Weile nicht mehr. Als Erstes fielen Luca seine Augen auf. Er hatte dieselben grünen Smaragdaugen wie sein großer Bruder. Er war lediglich mit einer Jeans bekleidet. Aus dem Inneren war Musik zu hören, die ganz offensichtlich nicht von einer CD stammte.
»Schon aufgestanden?«, fragte Wally salopp und hob seine rechte Hand hoch.
Dieko lachte, schlug ein und sie umarmten sich mit einem Ruck. »Was willst du Penner denn hier so früh?«, konterte er und blickte dann auf Luca. »Oh, und womit hast du diese Lady bestochen mit dir abzuhängen?«
»Das ist Luca.«
Luca wollte ihm zunächst die Hand geben, empfand das dann aber als zu spießig und winkte einfach kurz. »Hallo.«
»Kommt rein, kommt rein! Wir sind gerade voll dabei. Du kannst gleich Witch of Souls einspielen, wenn du schon da bist.«
Sie gingen durch einen extrem schmalen Flur bis zu einem Raum am Ende, wo die Musik herkam. Hier standen ein paar Leute mit Instrumenten in einem schmalen Raum. Sehen konnte man sie durch eine riesige Fensterscheibe. Vor der Scheibe war ein riesiges Mischpult aufgebaut und hier saß ein dunkelhäutiger Bursche mit Kopfhörern und schob die Regler hinauf und hinunter.
Dieko ging zu ihm und setzte sich ebenfalls Kopfhörer auf. Dann diskutieren die beiden eine Weile über die Einstellungen und schließlich schienen sie sich einig zu sein.
»Das hier ist mein Kumpel Mustafa. Er ist der beste Tontechniker in Town.«
Mustafa drehte sich zu ihr um und rang sich ein müdes Kopfnicken ab, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte. Er gab den Musikern ein Zeichen, dass sie starten konnten.
Wally machte sich an einem Stoß Unterlagen zu schaffen, der auf dem Regal neben dem Mischpult lag.
»Wo sind denn die Texte?«, rief er über seine Schulter.
Dieko blickte auf. »Sind die nicht dabei? Warte mal, vielleicht hier.« Er zog ein mitgenommenes Blatt aus einem weiteren Stapel und reichte es Wally.
Er las es. »Das ist die alte Fassung. Wo hast du die Korrektur?«
»Keine Ahnung. Hast du was geändert?«
»Die ganze zweite Strophe hab ich neu geschrieben. Diese funktionierte nicht.«
»Sieh mal drüben auf dem Schreibtisch nach.«
Wally ging hinaus.
Luca sah ihm nach. Das war die dritte Überraschung heute: sein richtiger Name war Claudios, er liebte Tattoos und jetzt war er auch noch Musiker?
Sie fragte sich, welches Instrument er wohl beherrschte. Gitarre? Keyboard? Oder etwas total Ausgefallenes?
Die Jungs hinter der Scheibe spielten ihr Stück ein. Es klang professionell. Natürlich hatte sie keine Ahnung davon, aber es war kein lautes Geklampfe, wie man es manchmal abschreckenderweise auf Homevideos zu sehen bekam.
Wally kam zurück. »Ich hab sie.«
»Okay, dann spielen wir es gleich ein.« Dieko hob den Daumen, zum Zeichen, dass die Aufnahme der Jungs fertig war. »Das war großartig. Pause jetzt, Leute, wir machen erst mal Witch of Souls.«
Die vier Musiker kamen aus der Kabine. Und Wally ging hinein.
Luca beobachtete fasziniert, wie er sich das Mikrofon einstellte und die Kopfhörer zurechtrückte.
Dieko diskutierte erneut mit Mustafa, dann erklangen die ersten Töne einer langsamen Melodie.
Wally spielte gar kein Instrument, dachte sie, er sang. Er bewegte sich im Rhythmus, schloss die Augen und wartete auf seinen Einsatz. Dann hörte sie seine Stimme und bekam eine Gänsehaut. Er brach die Aufnahme zweimal ab, hatte ein paar Einwände, die er mit Dieko und Mustafa über die Kopfhörer ausdiskutierte. Beim dritten Anlauf zog er den Titel durch.
In seinem Lied ging es um Liebeskummer und darum, dass er eine Frau zurückgewinnen wollte, die sich von ihm abgewandt hatte. Es versetzte ihr einen Stich. Der Song gefiel ihr auf Anhieb, aber seine Bedeutung wog schwer. Als Wally fertig war, trat er ihr mit einem erwartungsvollen Lächeln entgegen.
Sie umarmte ihn begeistert. »Du hast eine irre Stimme.«
»Es hat dir also gefallen?« Seine Augen strahlten, während sie ihn ein weiteres Mal lobte: »Ich hab 'ne Gänsehaut bekommen, sieh doch!«
Er strich über ihren Arm und gab ihr dann gut gelaunt einen Kuss. Anschließend unterhielten sie sich noch kurz mit Dieko und den anderen Musikern.
Sie standen gemeinsam in der Küche herum und tranken Kaffee. Einer kippelte mit einem Stuhl, den Fuß auf dem Küchentisch und drehte sich mit einer Hand eine Zigarette, die er sich anschließend einfach hinter das Ohr klemmte. Die Jungs waren aufgedreht und alberten herum. Luca fühlte sich wie ein Teil der Band, obwohl sie keinen von ihnen vorher gekannt hatte. Es war so lustig, dass sie es bedauerte, als Wally entschied: »Sorry, Leute, aber wir müssen wieder. Bis nächste Woche. Dich sehe ich am Freitag, Dieko.«
Sie gingen hinaus.
Luca war in ihre Gedanken versunken, als sie in der S¬Bahn zu ihrer Wohnung fuhren. Wally griff nach ihrer Hand.
»Alles klar bei dir?«, fragte er.
»Ja.« Sie lächelte. »Ein verrückter Tag. Wie immer, wenn ich mit dir zusammen bin.«
»Was war den so verrückt an diesem Tag?«
»Für mich war das zumindest in großen Teilen recht ungewöhnlich.«
Er hob die Schultern. »Ich nehme das mal als Kompliment. Sag mir noch mal, wie dir mein Lied gefallen hat.«
»Das war sehr nett.«
»Nett?« Er rückte von ihr ab. »Au, das schmerzt.«
Sie lachte, »ich weiß nicht, was du hören willst: Es war ganz toll. Ich bin begeistert.«
»Etwas besser. Das ist zumindest ausbaufähig.« Er holte Luft und setzte dann zu einer weiteren Frage an. »Hast du am nächsten Wochenende schon etwas vor?«
Luca überlegte. »Bisher nicht. Wieso?«
»Ich muss noch einmal nach Köln fahren und ich möchte, dass du mitkommst. Hast du Lust?«
»Zu deiner Mutter?«
»Dieko wird auch dabei sein und du lernst meine kleine Schwester Phoebe kennen, die dort wohnt.«
Sie nickte. »Ja, das würde ich gerne.« Würde sie das? Sie hatte ja noch nicht einmal darüber nachgedacht. Wie leichtsinnig von ihr.
»Super. Wann hast du Freitag Dienst?«
»Ich habe Frühdienst, glaub ich. Das würde heißen, ich hab um fünf Schluss.«
»Das haut hin. Ich bin auch etwa um die Zeit zu Hause. Und auf Dieko müssen wir sowieso warten. Du musst also keinen Stress machen.« Er nahm ihre Hand. »Sehen wir uns am Montag?«
Seine Berührung war wie Magie. Wie konnte sie da Nein sagen? »Wenn du Lust hast.«
»Ich komme zu dir, nach der Arbeit.«
Sie schwiegen eine Weile, dann ging es Luca wieder durch den Kopf: »Dein Name ist tatsächlich Claudios?« Endlich traute sie sich, diese Frage zu stellen.
Er hob die Augenbrauen. »Sexy, oder?«
Sie schmunzelte. »Sehr!« Zur Bestätigung lehnte sie sich vor und gab ihm einen Kuss.
Er schnaubte, beugte sich zu ihrem Ohr und flüsterte: »Nenn mich niemals so, wenn wir im Bett sind, sonst muss ich dich leider umbringen.«
Sie blickte ihn von der Seite an und fragte sich, ob es wohl jemals so weit kommen würde. Doch der Gedanke breitete sich in ihr aus und versorgte sie mit einer kräftigen Portion Sehnsucht danach.