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Requiem

KurzgeschichteÜbernatürlich, Tragödie / P12 / Gen
21.01.2018
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Noch konnte er ihn nicht sehen. Noch wollte er ihn nicht sehen. Noch hielt er sich am Leben fest, auch wenn seine Finger schon begannen abzurutschen.

Doch das Kind am Fuße seines Bettes, sah ihn. Es blickte immer wieder zu ihm auf, zwischen den vergeblichen Versuchen mit der trockenen Feder noch Noten aufs Papier zu kratzen.
Er hatte es schon einmal gesehen. Als er die Mutter des Mannes küsste, dem sein heutiger Besuch galt.
Auf eine gewisse Weise waren sie sich ähnlich. Doch das Kind war Teil des Sterblichen. Und damit selbst sterblich.

„Du hast ihn zugrunde gerichtet“ Kein Spott. Kein Mitleid. Eine Feststellung.
„Das war immer unser Schicksal. Meinetwegen wird er sterben und meinetwegen wird er ewig leben.“ Der Besucher wusste nicht, dass er der Erste war, an den das Kind Worte richtete. Dass es nicht einmal zu dem Mann sprach, dem es ständiger Begleiter, bester Freund und ärgster Feind gewesen war.
„Kein Mensch lebt ewig.“
„Der Mensch lebt solange man sich an ihn erinnert. Und an unsere Musik wird man sich in Jahrhunderten noch erinnern.“
Der Besucher wusste, dass es die Wahrheit war.
Er verstand nichts von Musik. Musik war für ihn bedeutungslos. Musik lebte nicht, atmete nicht, besaß keine Seele. Aber er wusste, dass die Menschen von jener Musik, die aus der Feder des Kindes quoll, genau das glaubten. Weil sie an ihre eigene Seele rührte.
Er wusste, dass der Mann einer jener Menschen war, deren Werk die Zeit überdauerte.
Einer jener Menschen, die an ihrem Werk zerbrachen.
Er hatte schon viele von ihnen besucht. Der heutige Tag war nicht einmalig für ihn.
Alltäglich aber auch nicht, sonst wäre er nicht so früh gekommen.
„Die Menschen werden sich an die Musik erinnern, nicht an ihn. Sie werden aus ihm machen, was ihnen gerade passt. Moral, Politik, Spektakel, Kitsch.“
„Solange sie sich an unsere Musik erinnern, kann ich die Feder zufrieden niederlegen.“
Der Besucher schwieg. Was sollte er auch sagen.
„Es ist so weit, findest du nicht?“, fragte der Knabe und sah in diesem Moment fast menschlich, fast kindlich, fast ängstlich aus.
„Ich kann das nicht entscheiden. Ich darf erst handeln, wenn es vorüber ist.“
Der Knabe dachte ruhig nach, wieder gefühllos wie der Besucher. „Ein wenig werde ich noch warten“
Also warteten sie. Das Kind mit Feder und Papier ringend, der Besucher ruhig dastehend, den Mann, der im Fieberdelirium lag, fest im Blick.

Plötzlich klärten sich die Augen des Sterbenden, für einen Augenblick schien er ihn zu erkennen, denn Angst entstellte die erschöpften Züge. „Ich schmecke den Tod schon auf der Zunge.“
Nein, das tust du nicht, dachte der Besucher. Noch nicht.
Mit letzter Kraft drehte der Mann den Kopf um das Kind zu ansehen zu können und den Besucher, der langsam immer näher zum Bett trat, nicht mehr ansehen zu müssen. „Mit mir dauert es nicht mehr lange.“ Das Kind würdigte seinen vertrocknenden Quell keines Blickes, kritzelte weiter. „Das Requiem an dem du schreibst, ist für mich bestimmt“
Es drehte sich weg, sah dem Besucher fest ins Gesicht. Seine Angst war verschwunden. „Fast ist es so weit. Selbst er kann es schon spüren. Ich bereue nur, dass ich das Requiem nicht beenden kann“
In einem letzten verzweifelten Versuch, rammte das Kind seine Feder direkt in die Pulsschlagader des Sterbenden. Kein Blut benetzte sie.
In purer Frustration stach wieder und wieder zu, doch das Ergebnis blieb das selbe.
„Nein, nein, ich kann nicht mehr.“ Jedes Wort bereitete dem Mann Mühe. „Was willst du noch? Du hast erreicht, was du wolltest. Gib auf! Ich bin ausgeblutet.“
Er fing die Hand mit der Feder die schon wieder ausgeholt hatte aus der Luft, hielt sie fest. Ein keuchendes Lachen entfuhr ihm. „Du müsstest mir schon ins Herz stechen um noch einen Tropfen Blut aus mir herauszuholen. Aber das wäre mein Ende. Und mein Ende wäre auch dein Ende.“
Damit ließ er los.
Der Besucher wusste nicht, ob der Sterbende wirklich so naiv war, nicht einmal zu ahnen wie weit sein Peiniger gehen würde für ein paar Takte mehr seiner Vision, ob er seinen Plan durchschaut hatte und ihn überzeugen wollte ihn zu verwerfen oder ob er nicht sogar heimlich darum bat, seinem Dahinsiechen  ein Ende zu machen.

Dann starrten die glasigen Augen des Mannes nur noch ins Leere. Er sah weder das Kind, noch seinen Besucher, während er im Fieberwahn kaum hörbare Worte stammelte.
Der Besucher fragte sich, warum das Kind immer noch zögerte, hatte es die Feder doch schon entschlossen umklammert. Dann bemerkte er den faszinierten Blick des Knaben.
Ein Requiem… Er war sich selbst die Inspiration.
Ruckartig setzte der Sterbende sich auf, Tränen im Auge. „Und ich gab alles was ich bin!“, schrie er, packte das Kind, schüttelte es wütend, mit einer Kraft, die er gar nicht mehr besitzen konnte. „Ich hab geopfert, was ich hab! Die Kindheit, die Jugend, die Schwester, den Vater… Freundschaft, Liebe und ein Zuhaus! Ich wollte –“
Die Feder steckte in seinem Herzen.
Saugte sich ein letztes Mal voll Blut.
Das Kind riss sie heraus, sah den Besucher bittend an, begann fieberhaft zu schreiben.
Einen Aufschub konnte er ihm aber nicht gewähren. Er holte was ihm gehörte, egal ob jung oder alt, Genie oder nicht.

Sanft lehnte er sich über den Beinahetoten.
„Constanze?“ Die meisten Menschen sahen ihn so wie sie ihn sehen wollten, auch wenn sie in Wahrheit wussten, wer er wirklich war.
Der Tod sah keinen Sinn darin ihnen die Illusion zu rauben. Also schwieg er, als er sich herabbeugte um Mozart zu küssen.
Als er wieder aufsah war das Kind verschwunden.
Doch das Manuskript lag noch auf dem Boden.
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