Wohnst du schon oder lebst du noch?

GeschichteHumor, Mystery / P12
Dana Scully Fox Mulder
20.01.2018
05.05.2018
16
22.052
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20.01.2018 1.067
 
Sie stand da mit einem Klemmbrett und einem Kugelschreiber. Es war halb neun an einem Samstagmorgen und sie stand tatsächlich mitten in den Resten, die noch von seinem Wohnzimmer übrig waren, und notierte säuberlich irgendetwas mit diesem Kugelschreiber auf dem Zettel, der auf diesem Klemmbrett steckte! Mulder rieb sich seine müden Augen und trat dann über einen kleinen Haufen Holzsplitter und Schutt hinweg, den sie offenbar bereits zusammengekehrt hatte. „Scully, was machst du da?“ fragte er leidend. Nach dem Tag gestern fühlte er sich wie gerädert. Beim Duschen hatte er einen großen Bluterguss an seiner rechten Flanke entdeckt – der Grund, warum er heute Nacht nur auf die linke Seite gedreht hatte schlafen können. Es tat noch immer weh, aber er war sich eigentlich ziemlich sicher, dass seine Rippen nicht gebrochen waren.

Scully sah von ihren Notizen hoch. „Ich liste den entstandenen Schaden auf. Ich habe mit Skinner gesprochen und das FBI wird uns die zerstörten Möbel ersetzen. Die haben offenbar extra für solche Fälle eine Haftpflichtversicherung“, bemerkte sie. Mulder lächelte schwach. „Aha. Obwohl so eine Couch mit Einschusslöchern schon das gewisse Etwas hat, findest du nicht? So was hat längst nicht jeder zuhause“, Er war inzwischen zu der olivgrünen Couch herüber getreten und betrachtete amüsiert die Einschusslöcher in der Rückenlehne. Zwischen zwei der Sofakissen blitzten leere Patronenhülsen. Ein Sechs-Millimeter-Geschoss, das nur noch in der ehemaligen Sowjetunion verwendet wurde. „Du kannst sie ja meistbietend im Netz versteigern“, Scullys Mundwinkel hoben sich leicht und sie machte ein paar Schritte durch den Raum, die Nase wieder in ihrer Arbeit vergraben. „Möchtest du auch einen Kaffee?“ fragte er über seine Schulter hinweg und warf die Patrone zu dem restlichen Schutt auf den kleinen Haufen. „Nein danke, Mulder“, gab sie abwesend zurück. Fox machte sich auf den Weg zur Küchenzeile und seufzte leise, als er die Bescherung sah. Quer durch die oberen Wandschränke ging eine Schneise von Einschusslöchern. Der Backofen war nicht mehr als solcher zu erkennen. Irgendjemand hatte das Glas zerschossen und die Ofentür hing nur noch an einem Scharnier.

„Fuck! Diese Arschlöcher! Jetzt guck dir das an!“ Alles, was von der Kaffeekanne geblieben war, waren der Griff und der eiserne Ring. Der Rest lag auf der Anrichte verstreut. Dana zuckte die Schultern. Ein Morgen ohne Kaffeekanne war für Mulder zwar eine Tragödie, aber immerhin war der Kühlschrank heil geblieben mit allem, was sich darin befand. Die Agentin zückte ihr Smartphone und schoss ein Foto von ihrem Partner, wie er die Reste der Kaffeekanne hochhielt und dazu gequält lächelte. „So.“, sie steckte das Telefon wieder weg, „Kaffeemaschine… Modell Gluck and Wrecker CCM 582, irreparabel zerstört…“, murmelte sie und kritzelte einen weiteren Punkt auf ihre Liste. Mulder ließ den Ring scheppernd auf die Anrichte fallen und warf einen Blick aus dem Fenster. Da draußen schien die Sonne, als habe es die beiden Angriffe auf sein und Scullys Zuhause niemals gegeben. Die Tür zum Gästebadezimmer hatte ein riesiges Loch, das wahrscheinlich von einer halbautomatischen  Großkaliberwaffe dort hineingefetzt worden war.

Der Esstisch, an dem er und der Rotschopf gestern Abend noch aufgewärmte Spaghetti mit Käsesoße gegessen hatten, lag auf der Seite wie ein totes Pferd. Die Tischplatte war löchrig wie ein mittelalter Emmentaler, aber immerhin hatte sie Scully vor der Gewehrsalve geschützt. Und mehr konnte man von einem Tisch nicht verlangen. Seine Seite schmerzte und er drückte vorsichtig seine Handfläche hinein, als er sich bückte, um ein paar verstreute Zettel und Aktenmappen wieder aufzuheben. Diese Mistkerle hatten wirklich keinen Stein auf dem anderen gelassen! Nur das gerahmte Poster mit der fliegenden Untertasse war noch heilgeblieben und hing lediglich etwas schief an der Wand. „I want to believe“ – Mulder schüttelte mit einem leichten Lächeln den Kopf. Nach einem solchen Tag fiel es schwer, noch an die Sache namens Wahrheit zu glauben, die er und seine Partnerin seit nun mehr 25 Jahren verfolgten. Scully hatte sich inzwischen zur Treppe vorgearbeitet und machte ein Foto von den Geländersprossen, die gebrochen waren. Sein rechter Mundwinkel hob sich zu einem schiefen Grinsen. Scully war unermüdlich, auch nach all den Jahren.  Was hätte er nur ohne sie angestellt? Doch der Großteil der Möbel war zum Teufel gegangen, sogar sein Lieblingssessel aus dunklem Rindsleder hatte etwas abbekommen. Es würde Tage dauern, das alles wieder aufzuräumen und kaputte Sachen zu ersetzen. Außerdem brauchte er jetzt unbedingt einen starken Kaffee. Fox kannte sich selbst gut genug, um zu wissen, dass an einem Morgen ohne mindestens zwei Tassen des starken, schwarzen Gebräus mit ihm nichts anzufangen war.

„Scully?“ – „Ja?“ – „Haben wir noch löslichen Kaffee im Haus?“ Mulder öffnete eine der stark mitgenommenen Schranktüren und blickte hinein. „Ja, ich glaube schon. Hinter der dritten Tür müsste noch was sein, aber ich bin mir nicht ganz sicher“, rief sie vom anderen Ende des Raumes. Mulder machte die nächste Schranktür auf. Dunkler Staub kam ihm in einem Schwall entgegen, den er hustend mit der Hand abzuwehren versuchte. „Ich hab ihn gefunden“, meldete er sich röchelnd zu Wort. Das Glas Instantkaffeepulver hatte die beiden Angriffe gestern nicht überlebt. Der FBI-Mann kniff frustriert die Lippen zusammen und knallte die Tür wieder zu. „Wir können doch gleich in Woodbridge im Restaurant zusammen frühstücken. Ich bin hier fürs erste fertig“, sagte Dana Scully und klemmte sich die Schreibunterlage unter den linken Arm. „Woodbridge?“ Mulder verstand nicht. Was wollte sie in Woodbridge? Heute war Samstag – und ein Café, in dem es literweise Kaffee und ein ordentliches Frühstück gab, war schon im nächsten Ort zu finden. Dafür brauchten sie nicht extra die 30 Meilen nach Woodbridge zu fahren.

„Ja, Woodbridge, Mulder. Erinnerst du dich noch, was du mir versprochen hattest, bevor hier zum zweiten Mal die Hölle losbrach?“ Die Agentin sah ihn mit rätselhaftem Gesichtsausdruck an. Ihre Züge verrieten nicht, was sie damit sagen wollte – aber ihm schwante Unheilvolles. „Äh… nein. Ehrlich gesagt nicht“, gab er zurück. „Vier Buchstaben: I – Ke – A.“ Triumphierend nahm sie die Liste, die sie gerade zusammengestellt hatte, in die Hand und wedelte damit herum. „Och nein, wirklich? Heute? Jetzt gleich?“ Er sah wenig begeistert aus, aber seine Partnerin schien fest entschlossen. „Jawohl. Wir treffen uns gleich in zehn Minuten draußen vor dem Haus. Und zieh dir bequeme Schuhe an! Bis gleich!“ Scully trabte die Treppe hoch und war auf einmal verschwunden. Mulder blieb sprachlos zurück. Für diese Katastrophe war er wohl oder übel selbst verantwortlich. Sein Blick ging zur Zimmerdecke. Vielleicht, wenn irgendwelche Aliens sich erbarmten und ihn genau jetzt in ihr Raumschiff hineinbeamten…
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