Tina

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18
Timothy Tiberius "Timmy" Turner
20.01.2018
19.11.2019
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Dass sich sein gesamtes Leben noch vor dem Ende dieser Nacht komplett verändern würde, ahnte Rogan Keller nicht, als er um kurz vor acht Uhr das Büro der örtlichen Telefonseelsorge erreichte, um seinen Dienst anzutreten und sich ein weiteres Mal den zahlreichen Problemkindern dieser Welt zu widmen, die allesamt keinen anderen Ausweg mehr sahen als bei ihm anzurufen und sich seinen Rat zu den unterschiedlichsten Themen zu holen.
Eine Arbeit, die nicht nur ein überdimensionales Maß an Geduld und Verständnis, sondern auch Fingerspitzengefühl und in manchen Fällen sehr viel Überredungskunst erforderte – besonders dann, wenn es sich bei seinen Gesprächspartnern um psychisch angeschlagene Menschen handelte, die mit ihrem Leben nicht mehr allzu viel anzufangen wussten. Es kostete schon eine ganze Menge Nerven und bedurfte einer harten Schale, um bei so einem heiklen Job erfolgreich zu sein, all die ergreifenden Schicksale, die manche Anrufer hinter sich hatten, nicht allzu nah an sich heranzulassen und bei der Beratung ebenjener neutral zu bleiben.
Aber in den zwei Jahren, die Rogan mittlerweile ehrenamtlich hier arbeitete, hatte er sich ein ziemlich dickes Fell zugelegt – eine Voraussetzung, die für diese Tätigkeit nahezu unentbehrlich war. Denn er wusste, wenn er den Menschen, die sich vertrauensvoll an ihn wandten, wirklich helfen wollte, durften die Telefonate mit ihnen unter keinen Umständen zu emotional werden. Anteilnahme und Mitleid waren Gift für eine kompetente Beratung, wenngleich es vor allem in Extremfällen mehr als nur schwer fiel, die nötige Ruhe zu behalten.
Es war manchmal unglaublich hart, sich nicht von der Verzweiflung mancher Anrufer anstecken zu lassen und einfach mit ihnen zu leiden – ganz besonders dann, wenn es sich um Jugendliche handelte, die vollkommen unschuldig in eine auf den ersten Blick aussichtslose Situation gerutscht waren. Jugendliche, die sich von der gesamten Welt im Stich gelassen fühlten und weder den Mut, noch die Kraft dazu hatten, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Misshandelte und ausgenutzte Kinder, die sich nicht trauten, sich an öffentliche Beratungsstellen zu wenden und manchmal ihre letzte Hoffnung in seine Worte setzten. Ungewollt schwangere Mädchen, die nicht wussten, wie sie ihren Eltern am besten die Wahrheit sagten. Ausgerissene, die sich unverstanden fühlten, mit ihrer Familie zerstritten waren oder aus anderweitigen Gründen nicht nach Hause zurückkehren wollten. Unglücklich Verliebte, denen die Kraft dazu fehlte, sich zu outen und zu dem zu stehen, was sie waren.
Sie alle hatte Rogan schon in der Leitung gehabt. Sie alle hatten ihn um Rat gefragt, hatten ihm ihre Ängste und Sorgen, ihren Kummer und Schmerz anvertraut und ihn um Hilfe angefleht. Da gab es so gut wie nichts, das er in seinen zwei Jahren als Seelsorger noch nicht erlebt hatte. Er war mit beinahe jeder Art von Problem vertraut, kannte alle notwendigen Maßnahmen, um seinen 'Klienten', wie man sie in der Fachsprache gern betitelte, den Weg zu weisen und ihnen nach Kräften gute Ratschläge zu geben – egal, wie undurchschaubar und kompliziert die Situation auch schien.
Er war schlicht und ergreifend ein guter Zuhörer, wusste für jede noch so verfahrene Lage die passende Lösung und hatte immer einen guten Spruch parat, mit dem es ihm gelang, seinen Gesprächspartnern wieder Mut zu machen und ihnen zu zeigen, dass er sie und ihre Probleme ernst nahm. Das war auch der Hauptgrund dafür gewesen, dass er sich dazu entschlossen hatte, ehrenamtlich zu arbeiten.
Er wollte helfen. Er wollte all denen helfen, die zu schwach waren, um aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen. All denen, für die ein Anruf bei ihm der letzte Lichtblick war, den ihr Leben noch zu bieten hatte. Allen, deren Seelen man verletzt oder geschunden hatte und die es nicht schafften, zu irgendjemandem Vertrauen aufzubauen. Sie alle waren mehr für ihn als nur namenlose Anrufer. Sie waren Schicksale. Schicksale, denen es vorherbestimmt war, seinen Weg zu kreuzen und durch seinen Zuspruch wieder den Mut zu finden, an das Gute zu glauben. Und er hatte sich geschworen, dass er sich um sie kümmerte. Um jeden einzelnen von ihnen.
Wann immer jemand seinen Rat brauchte, würde er da sein. Er würde da sein und zuhören, würde sein Gegenüber erzählen lassen und so gut es nur irgendwie möglich war versuchen, ihm zu helfen. Schließlich hatte jeder Mensch es verdient, unbeschwert und frei zu leben. Jeder verdiente es, dass man ihn mit Respekt und Achtung behandelte, dass man seine Wünsche und Hoffnungen, seine Träume und auch Ängste ernst nahm, auch wenn sie für einen Außenstehenden möglicherweise nicht so ganz nachvollziehbar waren.
Trotzdem war jeder einzelne von ihnen es wert, angehört zu werden, vollkommen gleich, wie banal und unbedeutend, wie ausweglos oder schwierig seine Probleme auch immer waren. Jeder hatte das Recht auf Hilfe, wenn er nicht mehr weiter wusste. Das war das oberste Gesetz dieser ehrenamtlichen Organisation, in die er vor nunmehr zwei Jahren eingetreten war.
Und Rogan wusste, dass er diesem Schwur, den er damals geleistet hatte, auch für alle Zeit treu bleiben würde. Er würde helfen so gut er nur konnte. Würde sich mit jedem Anrufer, der ihm sein Vertrauen schenkte, intensiv befassen und gemeinsam mit ihm eine Lösung für sein Problem suchen. Deswegen war er hier. Es war seine Mission. Seine unwiderrufliche Mission, der er jeden Freitag- und Samstagabend bis spät in die Nacht hinein nachging.
Mit einem kurzen Seufzen betrat er schließlich das kleine Gebäude und machte sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz, dazu entschlossen, auch heute wieder alles zu geben und sich intensiv mit jedem einzelnen zu unterhalten, der seinen Rat suchte.
Selbstverständlich hatte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht die geringste Ahnung davon, dass er in nicht einmal ganz zwei Stunden den vermutlich schwierigsten und zugleich interessantesten Fall seines Lebens bekommen sollte, der ihn nicht nur eine Nacht lang, sondern auch noch Monate danach beschäftigen würde. Einen Fall, den er in dieser Form noch niemals gehabt hatte und mit Sicherheit nie wieder vergessen würde.

„Hey Rogan. Alles klar?“, wurde er knappe zehn Minuten später von seinem Freund und Kollegen Mitch Campbell begrüßt, der gerade seinen alltäglichen Feierabendkaffee genoss und sich lässig gegen seinen Schreibtisch gelehnt hatte, welcher mit diversen Akten und Notizzetteln zugepflastert war. „Abend, Mitchie“, antwortete Rogan ihm mit einem freundschaftlichen Lächeln, während er aus seiner Lederjacke schlüpfte und sich rasch eine schwarze Strähne aus der Stirn strich. „Alles wie immer. Und bei dir?“.
„Auch“, gab sein blonder Kollege zurück, ehe er mit einem letzten Schluck seinen Kaffeebecher ausleerte und ihn in dem kleinen, knallorangen Abfalleimer neben dem Schreibtisch verschwinden ließ. „Hatte nicht wirklich viel zu tun heute. Nur ein paar vereinzelte Anrufe hier und da“. „Verstehe“, entgegnete Rogan, als er sich ebenfalls einen Kaffee holte und zwei kleeblattförmige Zuckerwürfel darin auflöste. „Irgendetwas Besonderes?“.
„Ne, das Übliche“, erklärte ihm Mitch mit einem Schulterzucken. „Du weißt schon. Worüber die Leute eben so sprechen wollen“. „Hm“, antwortete Rogan und nickte kurz zur Bestätigung, während sich ein weiteres Lächeln über sein Gesicht zog. „Ich versteh schon, was du meinst“. Mit diesen Worten ging er zum Schreibtisch hinüber und überflog ein paar der kleinen, gelben Notizzettel, die sein Kollege darauf hinterlassen hatte.
Im Anschluss nahm er einen Schluck Kaffee und setzte sich an den Rechner, um einen Überblick über die neuen Fälle zu bekommen, die Mitch angenommen hatte. „Fünf“, sagte er laut, als er sie gezählt hatte, und warf dem Blonden einen flüchtigen Blick zu. „Nur fünf neue Einträge? Nicht mehr?“. „Ne“, lehnte der Angesprochene ab und musste flüchtig grinsen. „Nicht mehr“.
„Sag mal, wie kommt das eigentlich, dass bei dir immer so wenig los ist?“, wollte Rogan wissen und konnte es sich nicht verkneifen, das Lächeln seines Kollegen zu erwidern. „Weiß auch nicht“, antwortete Mitch und zwinkerte ihm zu. „Ist eben so“. Rogan zuckte daraufhin mit den Schultern und öffnete die erste Akte, welche einem siebzehnjährigen Mädchen namens Mylene zugeordnet war.
Aus den Notizen seines Kollegen konnte er entnehmen, dass sie seit zwei Jahren an einer bipolaren Störung litt und bereits des öfteren stationär in einer psychiatrischen Einrichtung behandelt worden war. Des weiteren waren einige soziale Einschränkungen, sowie familiäre Probleme vermerkt, die genauer zu studieren er sich aus Zeitgründen ersparte. Rasch schloss er die Akte wieder und wandte sich noch einmal an Mitch, der bereits im Türrahmen lehnte und ihm zulächelte.
„Na dann“, meinte er und winkte flüchtig. „Denke, du kommst soweit klar, ja? Oder kann ich dir noch irgendwas helfen?“. „Ne, schon okay“, lehnte der Schwarzhaarige dankend ab. „Wenn das alle neuen Fälle sind“. „Ja“, antwortete der Blonde bestätigend. „Mehr gab's heute nicht. Aber sieh's mal positiv: Weniger Arbeit für dich“. „Das kommt ganz darauf an“, erklärte ihm Rogan und grinste. „Mal sehen, wie viele heute noch anrufen“.
„Bestimmt nicht mehr allzu viele“, vermutete Mitch ganz optimistisch. „Naja, hoffe ich jedenfalls. Sonst kann ich mich morgen wieder in die ganzen Neuzugänge einarbeiten“. Er lachte, weil seine Aussage als Scherz gemeint war, doch Rogan verzog nachdenklich das Gesicht und warf ihm einen unmissverständlichen Blick zu. „Sorry“, entschuldigte sich der blonde Junge schnell. „War jetzt nicht abwertend gemeint. Ich weiß ja, wenn jemand unsere Hilfe braucht...“. „...dann müssen wir da sein“, beendete Rogan seinen angefangenen Satz, der sich diese Regel mehr als nur deutlich eingeprägt hatte.
„Ja, wollt ich grad sagen“, meinte der Blonde und versuchte, ebenfalls ganz ernst zu sein, was ihm jedoch nicht so richtig gelingen wollte. „Na, wie auch immer“, fügte er dann hinzu und schwang sich seine Jacke über die Schultern, die in Rogans Augen einen schon relativ abgenutzten Eindruck machte. „Dann verschwinde ich jetzt mal lieber. Will dich nicht länger stören. Außerdem soll's heut Nacht ziemlich stark regnen. Und ich hab echt keine Lust darauf, klitschnass zu werden“.
„Alles klar“, meinte Rogan grinsend und lehnte sich im Schreibtischsessel zurück. „Dann mach mal, dass du nach Hause kommst. Nicht, dass du meinetwegen noch vom Regen erwischt wirst, Mitchie“. „Gut“, entgegnete der Andere und kramte in seiner Jeanstasche nach seinem Autoschlüssel. „Dann wünsch ich dir noch ne ruhige Nacht. Und frohes Schaffen“. „Danke, dir auch“, erwiderte der Schwarzhaarige. „Bis morgen, Mitchie. Komm gut nach Hause“.
„Nacht, Rogan“, verabschiedete sich sein Kollege, ehe er in den Flur hinaustrat und nach wenigen Momenten gänzlich aus dem Blickfeld des Neunzehnjährigen verschwand. Entspannt ließ Rogan einen Seufzer verlauten, während er sich die restlichen vier Neuzugänge vornahm und sich auf eine ruhige und – laut Mitchs Aussage – regnerische Dienstnacht einstellte.
Natürlich hatte er in diesem Augenblick noch keine Ahnung davon, dass er relativ bald einen Anruf erhalten würde, der alles, was er bisher erlebt hatte, um Längen übertreffen sollte.

Careena Bell, vierzehn Jahre, soziale Schwierigkeiten. Eliza Springsteen, siebzehn Jahre, ungewollt schwanger. Mick Anthony, siebzehn Jahre, Opfer von häuslicher Gewalt. Und zu guter Letzt Meredith Birmingham, fünfzehn Jahre, Waisenkind.
Das waren die vier neuen Akten, die Mitch während seiner Dienstzeit angelegt hatte. Vier weitere Klienten, die sich hilfesuchend an die Telefonseelsorge gewandt und in vollem Vertrauen ihre Geschichte erzählt hatten. Vier neue Schicksale, die Unterstützung von außen brauchten, um ihr Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Um die es sich jetzt zu kümmern galt, damit ihnen so schnell wie nur irgendwie möglich geholfen werden konnte.
Rasch sah Rogan sich Akte für Akte durch, um festzustellen, inwieweit er schon Vorarbeit leisten und sich um die nötigen Anlaufstellen für diese vier Neuzugänge kümmern konnte. Die Weitergabe der von ihm herausgefundenen Informationen würde dann morgen von Mitch übernommen werden, sobald er um acht Uhr seinen Dienst antrat. Dies erfolgte entweder per Telefon oder E-Mail – je nachdem, welche Art von Kontaktdaten der Betroffene bei ihnen hinterlassen hatte.
Falls jemand eine anonyme Beratung wünschte, was selbstverständlich auch eine angebotene, zugegebenermaßen aber nicht ganz so häufig gebrauchte Möglichkeit war, gestaltete sich das mit der erneuten Kontaktaufnahme meist äußerst schwierig. Deswegen wurde jedem Betroffenen, der sich bei der Telefonseelsorge meldete, empfohlen, wenigstens eine Kontaktmöglichkeit zu hinterlassen, damit man die Chance hatte, ihnen entsprechend zu helfen.
Wenn jemand dies ganz und gar verweigerte und absolut nichts von sich preisgeben wollte – was in seltenen Fällen auch vorkommen konnte – gab es natürlich auch die Option, sich entsprechende Anlaufstellen, wie etwa beispielsweise Sucht- oder Trauerberatung, direkt per Telefon durchgeben zu lassen. Darüber hinaus wurde jedem anonymen Anrufer eine Webseite ans Herz gelegt, auf der man sich aus eigener Hand über die unterschiedlichen Hilfemaßnahmen zum jeweiligen Problem informieren konnte.
Egal, für welchen Weg man sich auch entschied – sich bei der Seelsorge Informationen zu holen, war auf jeden Fall niemals verkehrt. Dafür war sie schließlich da. Dafür war Rogan da. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, anderen Menschen zu helfen. Hatte sich geschworen, jedem Klienten die bestmögliche Beratung zu bieten und gemeinsam mit ihm Lösungen und Hilfestellungen zu erarbeiten. Schließlich war das der Grund für seinen Entschluss gewesen, sich ehrenamtlich zu engagieren. Und diesen Entschluss hatte er bis zum heutigen Tag nicht eine einzige Sekunde lang bereut.
Mit einem entspannten Seufzen kehrte er schließlich aus seinen Gedanken zurück in die Wirklichkeit und warf einen flüchtigen Blick aus dem Fenster, nur um feststellen zu können, dass Mitch tatsächlich nicht gelogen hatte: Es regnete. Und das nicht zu wenig. Die Tropfen peitschten im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Scheiben, tanzten, vom Wind getrieben, daran entlang, bis sie nach ein paar Sekunden wieder aus seinem Blickfeld verschwanden und ein neuer Schwarm ihnen sogleich folgte.
Doch Rogan ließ sich keineswegs von ihnen stören, sondern lächelte nur, während er sich der kleinen Sammlung an Notizzetteln zuwandte, die sein blonder Kollege auf dem Schreibtisch hinterlassen hatte, und damit begann, sie abzuarbeiten. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Bemerkungen zu den neuen Fällen, die alle noch in die entsprechende Akte eingetragen werden mussten – eine Aufgabe, für die Mitch allem Anschein nach, trotz der überschaubaren Anzahl der Anrufe, nicht die nötige Zeit gefunden hatte.
Typisch Mitchie, dachte der Schwarzhaarige und rollte kurz mit den Augen, ehe er den ersten Ordner auf dem PC öffnete und sich die entsprechenden Notizen dazu heraussuchte. Gerade als er mit einem neuen Eintrag beginnen wollte, klingelte das Telefon und durchkreuzte damit überraschend seine Pläne.
Wenngleich er eigentlich jederzeit auf einen Anruf vorbereitet war, erschrak Rogan leicht und ließ das kleine Zettelchen abrupt sinken, ehe er sich schließlich kurz räusperte und dann den Hörer des zugegebenermaßen recht altmodischen Telefons aufnahm.
„Telefonseelsorge Lifeline“, meldete er sich standardgemäß und wie stets in höflichem Tonfall. „Sie sprechen mit Rogan Keller. Was kann ich für Sie tun?“. Zuerst erhielt er keinerlei Antwort auf diese Frage, weswegen er sich ein weiteres Mal vorstellte. „Hallo?“, sagte er. „Hier ist die Telefonseelsorge. Wie kann ich Ihnen helfen?“. Abermals keine Antwort, nur ein ganz leises, kaum erkennbares Winseln. Dann ein Rauschen, rau und hart, als würde irgendjemand über eine Tapete kratzen.
„Hallo“, wiederholte er ein drittes Mal. „Hier ist Rogan Keller, Telefonseelsorge. Bitte sprechen Sie mit mir“. Ein Seufzen, leise und dumpf, mit aller Kraft hervorgewürgt. Dann eine Stimme, heiser und verweint: „Hilfe... ich... ich kann...“. Schnelles Atmen und ein weiteres Seufzen, heftig und ängstlich. „Ganz ruhig“, sagte Rogan in einfühlsamem Tonfall. „Atmen Sie tief durch, in Ordnung? Ich werde Ihnen helfen. Aber dazu müssen Sie mir sagen, was geschehen ist“.
„Ich... ich kann nicht mehr“, kam nach einigen Augenblicken, die dem Schwarzhaarigen wie eine Ewigkeit erschienen, die Antwort. „Ich... ich kann nicht mehr. Bitte...“. Ein Stöhnen unterbrach den angefangenen Satz seines Gesprächspartners, der allem Anschein nach vollkommen außer Atem war. „Ganz ruhig“, redete Rogan ihm noch einmal gut zu. „Bitte atmen Sie jetzt einmal ganz tief durch, in Ordnung? Und dann sagen Sie mir, was passiert ist, ja?“.
„Ich kann nicht mehr“, flüsterte es erneut durchs Telefon, dieses Mal ein Stückchen deutlicher. „Ich kann einfach nicht mehr“. Ein Schluchzen, verzweifelt und herzergreifend, dicht in Rogans Ohr. „Was?“, wollte er wissen. „Was können Sie nicht mehr?“. „Leben...“, antwortete die leise Stimme, die regelrecht zitterte. „Ich kann so nicht mehr leben. Es geht einfach nicht mehr“.
Suizid, schoss es dem neunzehnjährigen Jungen augenblicklich durch den Kopf. Wen auch immer er jetzt gerade in der Leitung hatte – er stand jedenfalls kurz davor, Suizid zu begehen. Eine überdurchschnittliche Menge an Feingefühl und vor allen Dingen Zurückhaltung war nun das oberste aller Gebote. Auf keinen Fall durfte er jetzt zu viele Fragen auf einmal stellen, durfte seinen Gesprächspartner nicht überfordern oder ihn gar in die Enge treiben. Was er nun brauchte, waren Geduld, Verständnis und sehr viel Zeit, um sein Gegenüber so lange es nur irgendwie ging in eine Unterhaltung zu verwickeln. Nur so konnte er ihm helfen. Bevor es möglicherweise zu spät dafür war.
„Hallo?“, sagte er ganz sanft zu ihm. „Sind Sie noch da?“. „Ich kann nicht mehr“, wiederholte die Stimme am anderen Ende tränenschwer. „Es ist zu viel. Es ist einfach alles zu viel“. „Was ist zu viel?“, hakte Rogan behutsam nach. „Was können Sie nicht mehr?“. „Leben!“, wiederholte sein Gesprächspartner, dieses Mal deutlich lauter. „Ich kann so nicht mehr leben, klar? Es ist zu viel! Es ist alles zu viel!“. „Pss“, versuchte der Neunzehnjährige, ihn zu besänftigen. „Ganz ruhig. Es kommt ganz bestimmt alles wieder in Ordnung. Ich werde Ihnen helfen, das verspreche ich. Aber dazu muss ich erfahren, was passiert ist. Wie ist Ihr Name? Was ist mit Ihnen geschehen?“.
„Das ist doch eh alles egal!“, rief die Stimme aufgebracht zurück und stieß ein Winseln aus. „Bald gibt es mich sowieso nicht mehr!“. „Psst“, wiederholte Rogan mit aller aufzubringenden Ruhe und versuchte es mit einer anderen, vertraulicheren Taktik. „Ist okay. Ist schon okay, ja? Du musst deinen Namen nicht sagen, wenn du nicht möchtest. Aber gestatte mir bitte, dass ich dir meinen verrate. Ich heiße Rogan. Rogan Keller. Und ich möchte dir helfen. Ich möchte dir wirklich sehr gerne helfen“.
„Das kannst du nicht!“, behauptete die Stimme aufgewühlt. „Niemand kann mir helfen! Es ist sowieso alles völlig sinnlos!“. „Aber deswegen hast du mich doch angerufen“, erklärte der schwarzhaarige Junge bedächtig. „Du hast mich angerufen, weil du Hilfe brauchst. Und ich werde dir helfen. Versprochen. Also sag mir doch bitte, was geschehen ist“.
„Ich hab alles zerstört“, antwortete sein Gesprächspartner nach einiger Zeit. „Ich hab alles zerstört, weil ich nicht so bin, wie ich sein soll“.
„Was meinst du damit?“, fragte Rogan nach, erhielt jedoch abermals keine Antwort, sondern nur ein verzweifeltes Seufzen. „Bitte beruhig dich“, sprach er seinem Gegenüber Kraft zu. „Beruhig dich bitte, okay? Du hast mich angerufen. Das ist schon einmal ein sehr, sehr mutiger Schritt, den du da gemacht hast. Und ich bin sicher, dass ich einen Weg finde, dir zu helfen, was auch immer geschehen sein mag. Aber ich glaube, dass das viel leichter geht, wenn du mir sagst, wer du bist. Also, möchtest du mir nicht vielleicht doch deinen Namen verraten? Ich erzähle es auch keinem weiter, versprochen“.
Rogan wusste, dass das ein zugegebenermaßen ziemlich einfallsloser Spruch war, den er da benutzte, doch er verfehlte trotz aller Abgedroschenheit seine Wirkung nicht. „Tina“, gab sein Gesprächspartner leise bekannt. „Ich heiße Tina“. „Tina“, wiederholte der Junge daraufhin ganz sanft. „Das ist ein wirklich schöner Name“. Erneut einfallslos, doch ebenso effektiv.
„Mein Name“, sagte das Mädchen beinahe flüsternd. „Den Namen hab ich mir ausgesucht. Selbst ausgesucht, verstehst du? Mein alter hat nicht zu mir gepasst. Er hat gar nicht zu mir gepasst“. Wenngleich verwirrt von dieser Aussage, versuchte Rogan, seine Taktik beizubehalten und sein Gegenüber so lange wie es ging in der Leitung zu halten. Zwar hatte er, wenn er ehrlich war, noch nicht allzu viel Erfahrung mit Suizidgefährdeten, aber er wusste, dass Geduld, Ruhe und vor allen Dingen Vertrauen die zentralen Faktoren waren, auf die er sich konzentrieren musste, wenn er Schlimmeres verhindern wollte.
„Du hast dir den Namen also selbst ausgesucht?“, wollte er wissen, auch wenn er die Logik in diesen Worten nicht ganz herauslesen konnte. „Ja“, antwortete das Mädchen ihm mit zartem Flüstern. „Ja, hab ich. Tina ist ein guter Name. Ein sehr guter Name. Mein alter hat nicht gepasst. Er war falsch. Er war ganz falsch“. „Wie lautet denn dein alter Name, wenn ich fragen darf?“, erkundigte sich Rogan so vorsichtig er konnte, um keine unnötigen Provokationen hervorzurufen.
„Timmy“, antwortete Tina nach einiger Zeit und machte ein verächtliches Geräusch. „Timmy haben sie mich genannt. Kannst du dir das vorstellen? Ein Mädchen, das Timmy heißt? Das geht doch nicht! Dagegen musste ich was tun“. „Also hast du dich Tina genannt?“, vermutete Rogan, als er ganz langsam zu begreifen begann, was mit seinem Gesprächspartner los war.
„Ja“, klärte sie ihn im Flüsterton auf. „Ja, hab ich. Tina ist doch ein toller Name, findest du nicht auch?“. „Absolut“, gab Rogan ihr Recht, erleichtert darüber, dass er es geschafft hatte, das Thema zu wechseln und eine Unterhaltung anzufangen. „Ein sehr schöner Name, den du dir da rausgesucht hast. Wirklich, ein sehr schöner Name“. „Mir gefällt er auch“, meinte Tina und stieß ein Seufzen aus. „Nur leider akzeptiert ihn keiner. Keiner versteht, dass ich Tina bin. Alle sehen immer nur Timmy in mir. Aber Timmy gibt es nicht mehr!“.
„Wer ist denn Timmy?“, wollte Rogan wissen, woraufhin ein lauter Aufschrei an sein Ohr drang. „Niemand!“, zeterte das Mädchen aufgebracht. „Es gibt ihn nicht mehr!“. „Bitte entschuldige“, äußerte der Schwarzhaarige rasch, um das Stück für Stück entstehende Vertrauen nicht wieder zunichte zu machen. „Entschuldige bitte, Tina. Ich wollte nicht neugierig sein. Vielleicht habe ich es auch völlig falsch formuliert. Deshalb lass es mich bitte noch einmal versuchen: Also, wer war Timmy? Möchtest du mir das verraten?“.
„Mein altes Ich“, meinte das Mädchen in völlig neutralem Tonfall. „Bevor ich Tina wurde. Da haben sie mich Timmy genannt. Sie alle haben mich Timmy genannt, weil keiner sehen wollte, wer ich wirklich bin“. Diese Worte ließen Rogan eine leise Vermutung anstellen, was mit seinem Gesprächspartner los war. Er nahm an, dass er höchstwahrscheinlich mit einer Transsexuellen sprach, die sich in Eigenregie einen neuen Namen verpasst hatte, weil sie sich in ihrer alten Rolle nicht wohlfühlte.
Timmy – oder besser gesagt: Tina – gehörte möglicherweise zu denen, die in das falsche Geschlecht hineingeboren worden waren und sich, so entnahm er es jedenfalls ihren Worten, in dieser Überzeugung von ihrem Umfeld nicht ernst genommen fühlten. Sie war ein verzweifeltes Mädchen, gefangen im Körper eines Jungen und von ihrem Umfeld stets nur als solcher wahrgenommen. Sie wusste nicht mehr weiter und spielte deswegen wahrscheinlich mit dem Gedanken, ihr Leben einfach zu beenden.
Dabei war das vermutlich noch nicht einmal ihr Wille. Nein – Rogan spürte, dass es ein Hilferuf war. Ein mit letzter Kraft ausgestoßener Hilferuf, der Schrei einer gefangenen Seele nach Freiheit. Danach, endlich als das geliebt zu werden, was sie war. Ein Mädchen. Ein tapferes, selbstbewusstes Mädchen.
„Tina?“, sagte er beruhigend, während er sich den Hörer mittels seiner Schulter ans Ohr klemmte und sich dann dem PC zuwandte. „Bist du noch da, Tina?“. „Ja“, antwortete das junge Mädchen zögernd. „Ja, bin ich. Aber ich weiß nicht, wie lange noch. Ich weiß nicht, wie lange ich noch kann. Es geht nicht mehr, Rogan. Es geht einfach alles nicht mehr“. „Tina, hör zu“, erwiderte der Schwarzhaarige besänftigend, um einen weiteren, emotionalen Ausbruch zu verhindern. „Hör mir bitte zu, Tina. Nur noch ein bisschen, okay? Ich möchte nämlich noch mehr über dich erfahren“.
„Warum?“, konterte seine Gesprächspartnerin und Rogan konnte deutlich ihr Misstrauen heraushören. „Warum sollte ich? Und warum willst du mehr über mich wissen? Du denkst doch auch, dass ich nicht ganz dicht bin, oder? Du denkst, dass ich meinen Verstand verloren habe, weil ich so einen Blödsinn rede. Du denkst es, genau wie alle anderen, die mich auch verabscheuen. Stimmt's?“.
„Nein, Tina“, sicherte Rogan ihr fest zu, während er sich im Internet ganz grob über das Thema Transsexualität informierte und sich ein paar Stichpunkte heraussuchte, da er auf diesem Gebiet zugegebenermaßen sehr wenig Erfahrung hatte. „Das denke ich nicht. Ehrlich nicht. Im Gegenteil: Ich finde es total mutig von dir, dass du mir die Wahrheit gesagt und mir deine Geschichte anvertraut hast. Das finde ich wirklich, Tina. Deswegen möchte ich auch mehr über dich erfahren. Zum Beispiel, wie alt du bist. Ich weiß ja, dass man eine Dame nicht nach ihrem Alter fragt, aber ich bin einfach neugierig. Ich hoffe, das verzeihst du mir“.
„Wie... wie alt ich bin?“, hakte das Mädchen zögernd nach. „Das willst du wissen?“. „Ja“, antwortete Rogan und gab sich leicht verlegen. „Das würde ich sehr gern wissen, Tina. Ich verrate dir auch mein Alter, okay?“. „Mmmh... na schön“, stimmte ihm seine Gesprächspartnerin nach anfänglicher Unsicherheit zu. „Aber du zuerst“. „Ich bin neunzehn“, erklärte ihr der Schwarzhaarige, während er einige Internetseiten überflog. „Neunzehn Jahre. Und Geburtstag hab ich am zweiten Oktober“.
„Siebzehn“, meinte Tina schließlich nach anfänglicher Unsicherheit, inzwischen wieder abgelenkt von ihren trüben Gedanken. „Mein Geburtstag ist am einundzwanzigsten März. Genau wie Timmys“. „Ist Timmy denn auch so alt wie du?“, wollte Rogan wissen, auch wenn er natürlich wusste, wie dämlich diese Frage klingen musste. Aber außergewöhnliche Situationen erforderten nun einmal außergewöhnliche Maßnahmen. Und dass die Lage außergewöhnlich war, daran bestand nicht der geringste Zweifel.
„Nein“, gab Tina ihm zur Antwort und lachte aus irgendeinem Grund kurz auf. „Timmy ist nur fünfzehn geworden. Dann hab ich seinen Platz eingenommen. Und ich habe nicht vor, ihn wieder herzugeben“. „Ich verstehe“, meinte Rogan, wenngleich ihm diese Aussage nicht wirklich schlüssig erschien. Doch das spielte im Augenblick nur eine sehr geringe Rolle. Das Wichtigste war es jetzt erst einmal, Tina von ihren Suizidgedanken abzubringen, ihr wieder Mut zu machen und sie, sofern irgendwie die Möglichkeit dazu bestand, zu finden.
Er musste versuchen, ihr noch mehr Infos zu entlocken, vor allem, was ihren momentanen Standort anbelangte. Vielleicht würde sie ihm ja verraten, wo sie sich aufhielt oder zumindest ein paar Anhaltspunkte dazu liefern. Er musste es nur geschickt anstellen. Und vorsichtig. Sehr vorsichtig.
Denn ihm war klar: Falls sie wirklich kurz vor einem Suizidversuch stand, konnte jedes übereilte oder zu neugierige Wort eine Kurzschlussreaktion hervorrufen. Er musste all seine Aussagen, jede einzelne Silbe davon mit Bedacht wählen, um zu verhindern, dass sie auflegte und eine Dummheit beging. Er durfte ihrem Leben, welches ohnehin schon ziemlich auf der Kippe zu stehen schien, auf keinen Fall durch ein unüberlegtes Argument den finalen Schubs in den Abgrund geben. Er musste sie retten. Musste sie finden. Und zwar so schnell wie möglich. Auch wenn es für gewöhnlich nicht seine Art war, auf eigene Faust zu handeln, geschweige denn, seinen Posten hinter dem Telefon einfach zu verlassen – aber wie schon erwähnt: Außergewöhnliche Situationen erforderten ebenso außergewöhnliche Maßnahmen. Und Tina war außergewöhnlich. Sie war sogar noch viel mehr als das.
„Timmy ist also nicht mehr da?“, erkundigte er sich einfühlsam, woraufhin erneut ein flüchtiges Lachen zu vernehmen war. „Ich hab ihn weggesperrt“, meinte sie ganz leise. „Ich musste ihn wegsperren, verstehst du? Er hätte es niemals zugelassen, dass ich an seinen Platz trete. Deswegen musste ich ihn loswerden. Er hätte sich sonst nur über mich lustig gemacht. Genau wie alle anderen auch“.
„Wer?“, hakte der Junge vorsichtig nach. „Welche anderen, Tina?“. „Alle!“, zischte sie aufgewühlt und unterdrückte ein lautes Seufzen. „Alle machen sich über mich lustig. Alle lachen mich aus, weil ich nicht so bin, wie ich sein soll. Sie verstehen nicht, dass es Timmy nicht mehr gibt. Sie wollen, dass ich ihn zurückhole. Aber das kann ich nicht. Das will ich nicht!“.
Ein leichter Schauer kroch Rogans Rücken hinunter, als sie diesen Satz zu Ende gesprochen hatte. In ihren Worten lag eine so starke Überzeugungskraft, so viel Wut und Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und auch eine Spur von Angst. Sie brauchte um jeden Preis seine Hilfe. Er musste sie irgendwie dazu kriegen, ihm noch ein bisschen mehr über sich zu erzählen. Er musste ihr Vertrauen noch stärker auf seine Seite ziehen. Egal, wie lange es auch dauerte.
„Tina“, sagte er zu ihr in besänftigendem Tonfall. „Ganz ruhig, Tina, okay? Bleib ganz ruhig. Atme bitte mal tief durch. Und dann erzähl mir in Ruhe, was geschehen ist. Erzähl mir, warum es Timmy nicht mehr gibt. Warum bist du jetzt an seiner Stelle? Wie kam es dazu, Tina? Möchtest du mir das sagen?“.
„Warum sollte ich?“, entgegnete das Mädchen misstrauisch. „Warum willst du das überhaupt wissen? Du denkst doch ohnehin, dass ich sie nicht alle habe. Du denkst, dass ich völlig krank bin, nicht wahr? Gib es zu, Rogan. Gib zu, dass du mich für übergeschnappt hältst“. „Das ist nicht wahr“, wehrte der Schwarzhaarige verständnisvoll ab. „Das ist überhaupt nicht wahr, Tina. Ich halte dich nicht für übergeschnappt. Ich möchte nur verstehen, was passiert ist. Ich möchte deine Geschichte hören. Darum erzähl sie mir bitte, okay? Erzähl mir, warum du so traurig bist“.
„Nein“, lehnte sie konsequent ab, inzwischen wieder mit tränenschwerer Stimme. „Nein, das kann ich nicht. Wenn ich dir das sage, lachst du mich aus, genau wie alle anderen. Du verspottest mich und machst dich über mich lustig!“. „Das tue ich nicht“, erklärte Rogan ruhig, fest dazu entschlossen, seiner Gesprächspartnerin irgendwie zu helfen. „Das tue ich ganz sicher nicht. Ich verspreche es dir. Ich verspreche, dass ich nicht lache, ganz egal, was du mir auch erzählst. Ich möchte dir helfen, Tina. Das möchte ich wirklich“.
„Warum?“, erwiderte sie, ohne auf seine Worte auch nur ansatzweise einzugehen. „Warum willst ausgerechnet du mir helfen? Du hast schließlich überhaupt keine Ahnung von mir. Du kennst mich nicht, Rogan. Du kennst mich überhaupt nicht!“.
„Gerade deswegen möchte ich ja mehr über dich erfahren“, entgegnete der Neunzehnjährige sanft. „Ich möchte wissen, was geschehen ist. Und warum du so verzweifelt bist. Was ist passiert, Tina? Was haben die anderen mit dir gemacht?“. „Sie... sie hassen mich“, stieß das Mädchen aufgewühlt hervor. „Sie hassen mich für das, was ich bin. Sie wollen mich nicht mehr. Seit ich Tina bin, will mich keiner mehr in seinem Leben haben“.
„Warum nicht?“, wollte Rogan wissen. „Warum will dich keiner mehr haben?“. „Weil ich sie enttäuscht habe“, schluchzte sie mit zitternder Stimme. „Ich hab sie alle furchtbar enttäuscht“. „Wen?“, erkundigte sich der Junge sanft. „Wen hast du enttäuscht?“. „Alle!“, rief das Mädchen schrill aus. „Einfach alle, mit denen ich zu tun habe. Seit es Timmy nicht mehr gibt, haben sie mich verstoßen. Sie haben mich weggeschickt, weil sie nichts mit mir zu tun haben wollen. Sie wollen nur ihn. Aber ihn gibt es nicht mehr! Es gibt nur noch mich!“.
Rogans Nervosität steigerte sich, als sie diesen Satz zu Ende gesprochen hatte, weil er ihm ihre psychische Instabilität ein weiteres Mal deutlich vor Augen führte. Aber nichtsdestotrotz musste er jetzt die Ruhe bewahren. Er musste versuchen, ihr so viel Verständnis entgegenzubringen wie es möglich war, musste auf ihre Worte eingehen, völlig gleich, wie verwirrt oder unlogisch sie sich auch anhörten.
Tina befand sich gerade in einer Extremsituation. Und in Extremsituationen dachte, redete und handelte man nun einmal nicht logisch. Die Vernunft setzte einfach aus und ließ einen Dinge tun oder auch sagen, die für einen Außenstehenden absolut nicht nachvollziehbar waren, das wusste Rogan genau. Deswegen war es jetzt umso wichtiger, Fürsorge zu zeigen und seiner Gesprächspartnerin klarzumachen, dass er sie absolut ernst nahm. Dass er da war, um ihr zu helfen. Er musste ihr beginnendes Vertrauen noch weiter festigen. Vielleicht würde sie ihm dann ja verraten, wo sie sich befand und was sie vorhatte. Nicht lockerlassen, das war jetzt die Devise. Ruhig bleiben und sie so lange in der Leitung halten, bis sie ihren Aufenthaltsort preisgab. Und dann Hilfe holen. Hilfe für sie – und gegebenenfalls auch für Timmy.
„Sag mal“, meinte er zu ihr, während er sich nebenbei ein paar Internetseiten durchlas, um mehr über die von ihm vermutete Transsexualität zu erfahren. „Magst du mir vielleicht noch ein bisschen mehr über dich verraten, Tina? Magst du mir zum Beispiel sagen, welche Haarfarbe du hast?“. „Warum willst du das wissen?“, konterte sie rasch seine Frage. „Warum interessiert dich das? Du kennst mich doch überhaupt nicht!“.
„Ich bin wie gesagt neugierig“, erklärte ihr Rogan so freundlich wie es ging. „Deswegen möchte ich sehr gern erfahren, wie du aussiehst. Ich möchte erfahren, wer du bist“. Natürlich war ihm klar, dass dies nicht direkt der Wahrheit entsprach und er lediglich versuchte, ihr ein paar Informationen zu entlocken, die ihm dabei behilflich sein würden, die Suche nach ihr, welche angesichts der brenzligen Lage, in der sie sich befand, von allerhöchster Dringlichkeit war, zu erleichtern.
„Warum sollte ich dir das sagen?“, widersprach sie seinen Argumenten und stieß einen verächtlichen Laut aus. „Warum sollte ich dir irgendetwas über mich verraten? Das ist doch ganz bestimmt nur ein Trick, um...“. „Nein“, warf Rogan eilig ein, ehe sie ihren Satz zu Ende sprechen konnte. „Nein, das ist es nicht. Wirklich nicht. Mich interessiert nur, wie du aussiehst, das ist alles. Ich will dich nicht reinlegen. Das will ich überhaupt nicht, Tina“.
„Versprochen?“, wisperte sie nach einigen Momenten des Schweigens zurück und unterdrückte mit Mühe ein Schluchzen. „Versprochen, Rogan? Du trickst mich nicht aus, ja? Du bist nicht gemein zu mir, so wie all die anderen?“. „Nein, Tina“, sicherte ihr der Neunzehnjährige zu, dessen Herz vor Aufregung angefangen hatte zu klopfen. „Ich trickse dich nicht aus, Ehrenwort. Ich möchte nur wissen, wie das Mädchen aussieht, mit dem ich da gerade spreche. Du bist doch ganz bestimmt sehr hübsch, oder nicht?“.
Ein ziemlich plumper Versuch, sie aufzubauen, das wusste er, doch etwas Besseres fiel ihm in diesem Augenblick schlicht und ergreifend nicht ein. Die Situation brachte ihn sehr nah an seine Grenzen, weswegen er alle verfügbaren Register zog, um sie nur irgendwie am Telefon und damit auch am Leben zu halten.
„H-hübsch?“, bohrte sie zögernd nach. „Wie... wie kommst du darauf, dass ich hübsch bin?“. „Ich vermute es einfach“, gab er offen zu und musste schmunzeln, wenngleich ihm klar war, dass sie es nicht sehen konnte. „Ich vermute, dass du ziemlich hübsch bist. Oder ist das etwa nicht so?“. Einen Moment lang herrschte Schweigen am anderen Ende, bevor das Mädchen schließlich flüsterte: „Ich... ich weiß nicht“.
„Dann lass es uns doch rausfinden“, insistierte er und bemühte sich, so schmeichelhaft wie nur möglich zu klingen. „Verrat mir doch mal ein bisschen was über dein Aussehen. Es bleibt auch unser Geheimnis, versprochen“. Das war zwar nicht gerade das beste Argument, doch es erfüllte trotzdem seinen Zweck. „Ich hab braune“, erzählte sie ihm zurückhaltend. „Braune Haare. Das war es doch, was du wissen wolltest, oder?“.
„Braune Haare“, wiederholte Rogan freundlich und notierte sich diese, wenn auch nicht wirklich aufschlussreiche Information auf einem Zettel. „Das ist ja wirklich sehr interessant. Möchtest du mir vielleicht noch etwas verraten, Tina?“. „Blau“, war ihre knapp gehaltene Antwort auf diese Frage. „Meine Augenfarbe ist blau, falls du darauf anspielst“. „Hey“, meinte der Neunzehnjährige und tat möglichst überrascht. „Meine auch. Das ist doch mal ein Zufall, oder?“.
„Ja“, gab Tina ihm, wenn auch leicht widerwillig, Recht. „Ja, schon irgendwie“. Zum allerersten Mal seit Beginn ihrer Unterhaltung klang sie ein bisschen amüsiert und Rogan hatte das Gefühl, dass sie langsam aber sicher anfing, sich ihm zu öffnen. Sie war kurz davor, ihm wichtige Details zu verraten, das konnte er ganz genau spüren. Wenn er es nun noch schaffte, dass sie ihm voll und ganz vertraute, dann würde es ihm gelingen, sie aus ihrer Einsamkeit herauszuholen und ihr die Hilfe zu vermitteln, die sie jetzt ganz dringend brauchte.
„Hör mal, Tina“, setzte er seine kleine Fragerunde dezent fort, ohne dabei allzu neugierig oder gar aufdringlich zu klingen. „Wenn wir schon einmal bei diesem Thema sind – magst du mir vielleicht auch noch verraten, was du im Moment anhast? Verrätst du mir, was du gerade trägst?“. „Warum?“, konterte sie rasch seine Frage. „Spielt das denn eine Rolle?“.
„Ich würde es einfach gern wissen“, erklärte ihr Rogan so unverfänglich wie möglich. „Damit ich mir besser vorstellen kann, wie du aussiehst. Außerdem bin ich absolut sicher, dass es etwas ganz, ganz Hübsches ist, oder nicht?“. „Hm... ich... ich weiß nicht“, gab sie leicht verunsichert zu. „Ich weiß nicht, ob es was Hübsches ist. Aber es ist die einzige Kleidung, die ich noch habe“.
„Und wie sieht sie aus?“, hakte er ein weiteres Mal nach. „Was trägst du denn gerade, schöne Tina?“. Wenngleich das mit Sicherheit sehr unprofessionell war, wählte er diese Worte ganz bewusst, um ihr noch weiter zu schmeicheln und sie damit Stück für Stück auf seine Seite zu ziehen. Denn eine andere Chance, darüber war er sich im Klaren, hatte er im Augenblick nicht.
„Ein... ein Kleid“, erklärte sie ihm, offensichtlich leicht verlegen von seiner Aussage. „Ein schwarzes Cocktailkleid mit einer Schleife um die Hüften. Ich mag Schleifen, weißt du. Und Schwarz mag ich auch“. „Das ist aber schön“, äußerte Rogan und bemühte sich, möglichst viel Charme in seine Aussage einfließen zu lassen. „Und steht dir ganz bestimmt super. Schade nur, dass ich es nicht sehen kann“.
„Ist auch besser so“, erwiderte Tina, mit einem Mal wieder völlig niedergeschlagen. „Wenn du mich sehen würdest, würdest du dich ganz bestimmt nur erschrecken. Du würdest mich auslachen oder vor mir weglaufen. Genau wie alle anderen auch“. „Nein“, lehnte der Neunzehnjährige schnell ab. „Nein, das würde ich nicht. Das würde ich wirklich nicht, versprochen. Denn wie ich schon sagte, bin ich mir sicher, dass du ein richtig hübsches Mädchen bist. Das merke ich allein schon an deiner Stimme“.
Einmal mehr unprofessionell, wenn man die Tatsache bedachte, dass er gerade dabei war, mit einer möglicherweise Suizidgefährdeten zu flirten. Doch Rogan wusste sich in diesem Augenblick einfach nicht anders zu helfen. Er musste jedes Mittel anwenden, mit dem er sie ein bisschen besänftigen konnte – auch wenn es möglicherweise nicht dem üblichen Rahmen entsprach.
„Bitte verzeih, wenn ich so neugierig bin, Tina“, fügte er hinzu, als sie nichts auf seine Worte erwiderte. „Aber ich muss offen gestehen, dass ich mit jemandem wie dir noch niemals gesprochen habe. Deshalb nimm es mir bitte nicht übel, dass ich dir so viele Fragen stelle. Mich interessiert ganz einfach, wer das Mädchen ist, zu dem diese unglaublich schöne Stimme gehört“. Abermals ein schmeichelnder Versuch, ihre Sympathie für sich zu gewinnen. Und abermals ein kleiner Erfolg.
Tina lachte. Sie lachte ihm tatsächlich kurz ins Ohr, offensichtlich ein wenig verlegen von seinen scheinbar völlig unverfänglichen, in Wahrheit jedoch wohl bedachten Worten. Ihre Verzweiflung war, zumindest in diesem Moment, gänzlich dahin und er spürte, dass sie begann, ihm zu glauben. Damit begann, sich auf ihn einzulassen.
„Ist das wahr, Rogan?“, hörte er sie ganz leise fragen und stellte sich in Gedanken das flüchtige Schmunzeln vor, das gerade auf ihrem Gesicht lag. „Findest du meine Stimme wirklich schön?“. „Ja“, versicherte er ihr in aller Deutlichkeit. „Ja, Tina. Ich finde sie sogar sehr schön. Ich mag sie. Weil sie etwas ganz Besonderes ist“.
Das war noch nicht einmal gelogen. Rogan hatte wirklich das Gefühl, dass seine Gesprächspartnerin etwas Besonderes war. Sie war kein durchschnittlicher Fall, das hatte er inzwischen schon sehr klar festgestellt. Sie war außergewöhnlich. Und das in jeglicher Hinsicht.
„Und wenn du mich sehen würdest“, unterbrach Tina seine Überlegungen und stieß ein unsicheres Räuspern aus. „Wenn du mich sehen würdest, so wie ich bin – würdest du dann wirklich nicht lachen? Würdest du mich nicht verurteilen und vor mir weglaufen?“. „Niemals“, gelobte der Junge so überzeugend wie möglich. „Das würde ich niemals tun, Tina. Versprochen“.
„Wenn du bereit bist, dein Versprechen zu halten“, meinte sie auf diese Worte hin und schluckte deutlich hörbar. „Wenn du mir schwörst, dass du es ehrlich meinst und dich nicht über mich lustig machst, dann...“. Sie unterbrach sich nervös, offensichtlich nicht sicher darüber, ob sie ihren begonnenen Satz zu Ende sprechen sollte. „Dann...?“, fragte Rogan vorsichtig, die Spannung in seiner Stimme bestmöglich verbergend. „...dann zeige ich dir, wie ich aussehe“, wisperte sie ihm schließlich ganz leise zu, woraufhin ihm vor Überraschung der Stift aus der Hand fiel, mit dem er sich seine Notizen gemacht hatte. „Du... du zeigst es mir?“, fragte er perplex, da er mit dieser Aussage überhaupt nicht gerechnet hatte. „Du willst mir zeigen, wie du aussiehst?“.
„Ja“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Ja, ich zeig es dir. Aber nur, wenn du mir schwörst, dass das kein Trick ist. Nur, wenn du ehrlich bist und mich nicht hintergehst. Ich bin schon zu oft hintergangen worden“. „Das werde ich nicht“, gelobte Rogan schnell, sah endlich die Chance dazu, noch mehr über sie herauszufinden. „Das werde ich auf keinen Fall, Tina. Ich schwöre es dir“. „Bei deinem Leben?“, wollte sie misstrauisch wissen. „Schwörst du es bei deinem Leben, Rogan?“. „Ja“, stimmte der Neunzehnjährige ihr zu. „Ja, Tina. Bei meinem Leben“.
„In Ordnung“, entgegnete das Mädchen zögernd. „Wenn du das wirklich ernst meinst, dann komm in die Hailstorm Avenue. Weißt du, wo das ist?“. „Ja“, antwortete der schwarzhaarige Junge rasch. „Ja, die kenn ich. Sind ungefähr zwanzig Minuten von hier“. „Okay“, erwiderte Tina ernst. „Dann komm da hin. Ich warte dort auf dich. Und wehe dir, wenn du irgendwelche Tricks versuchen solltest. Dann hast du mich das erste und auch letzte Mal gesehen, verstanden?“. „Werde ich nicht“, hielt Rogan eilig dagegen. „Das werde ich wirklich nicht, okay? Ich schwöre es“.
„Eine Sache noch“, fügte sie daraufhin hinzu, noch immer mit dieser Emotionslosigkeit in ihrer Stimme. „Ja?“, erkundigte er sich, zugegebenermaßen mehr als nur gespannt. „Was denn?“. „Komm allein“, verlangte sie ausdrücklich und ziemlich kühl. „Ganz allein, klar? Und zieh mir ja keine Show ab, sonst können wir die Sache nämlich gleich vergessen“.
„Das werde ich nicht“, wiederholte Rogan aufrichtig. „Wirklich nicht, Tina. Ich will dich nicht austricksen oder sonst irgendetwas. Ich bin nur daran interessiert, dich kennenzulernen und dir zu helfen. Ich hab nämlich das Gefühl, dass du ein ziemlich liebes Mädchen bist, oder nicht?“.
„Das kannst du ganz leicht rausfinden“, gab sie ihm zur Antwort. „Wenn du zu dem Treffpunkt kommst, den ich dir genannt habe. Aber keine faulen Tricks, klar?“. „Keine Tricks“, beteuerte er und hob wie zum Schwur die Hand, wenngleich er wusste, dass sie es nicht sehen konnte. „Keine Tricks, Tina. Darauf gebe ich dir mein Wort“.

Als Rogan eine knappe halbe Stunde später seinen Wagen in einer Seitenstraße abstellte und sich zu Fuß auf den Weg zur Hailstorm Avenue machte, klopfte ihm sein Herz vor Aufregung buchstäblich bis zum Hals. Dass es der vollkommene Wahnsinn war, was er hier gerade machte, darüber war er sich natürlich voll und ganz im Klaren. Er wusste, dass er den Verstand verloren haben musste, weil er einfach so seinen Posten verließ und mitten in der Nacht quer durch die halbe Stadt jagte, nur um der Bitte eines Mädchens zu folgen, das allem Anschein nach seine Hilfe brauchte.
Er wusste, dass sowohl Mitchie, als auch natürlich sein Vorgesetzter Gordon Catfield, der von allen immer nur 'Cat' genannt wurde, ihm die Hölle heiß machen würden, wenn sie jemals dahinterkamen, zu welch schwerwiegendem Verstoß er sich hier gerade verleiten ließ. Immerhin war er nur für telefonische Beratung zuständig – und das auch aus gutem Grund. Cat hatte ihm schließlich oft genug eingebläut, dass er nicht mehr objektiv war, sobald er erst einmal persönlichen Kontakt zu einem Anrufer aufgenommen hatte und er diesen Part daher ausschließlich ihm überlassen sollte. Und bisher hatte er sich an diese Regel auch ausnahmslos gehalten.
Aber in diesem ganz besonderen Fall der siebzehnjährigen, vermutlich transsexuellen Tina Wie-auch-immer konnte er einfach nicht anders als das Verbot zu übertreten und sie persönlich kennenzulernen. Er wollte – nein, er musste – ganz einfach herausfinden, wer sie war, musste ihr selbst gegenübertreten, um zu erfahren, wie und womit er ihr am besten helfen konnte.
Cats Vorschrift hin oder her. Dieses Mädchen war ohne jeden Zweifel außergewöhnlich. Und außergewöhnliche Menschen verdienten eine ebenso außergewöhnliche Beratung. Er konnte schlicht und ergreifend nicht anders. Er musste diese Chance einfach nutzen. Musste sie sehen. Sich aus eigener Hand davon überzeugen, dass sie wirklich die war, für die sie sich ausgegeben hatte, weil ihre Geschichte ihn zum einen faszinierte und zum anderen auch unendlich berührte.
Einzig und allein aus diesem Grund hatte er nach dem Telefonat mit ihr seinen Arbeitsplatz verlassen und war jetzt auf dem Weg zur Hailstorm Avenue, zu dem Ort, an dem sie versprochen hatte, auf ihn zu warten. Der starke Regen hatte inzwischen wieder nachgelassen und war in ein dezentes, kaum noch wahrnehmbares Nieseln übergegangen, weswegen Rogan sich nicht extra die Mühe gemacht hatte, einen Schirm mitzunehmen.
Sehr lange würde er an diesem Ort hier sowieso nicht verweilen. Er würde lediglich Tina finden und sie mit ins Büro nehmen, wenngleich er wusste, dass er für dieses Vorhaben höchstwahrscheinlich seine gesamte Überredungskunst aufbieten musste, um sie davon zu überzeugen, dass er ihr nichts Böses wollte. Er wusste, dass es schwierig werden würde, ihr vollständiges Vertrauen für sich zu gewinnen und sie dazu zu bringen, sich helfen zu lassen.
Aber er musste es zumindest versuchen. Er musste versuchen, für sie da zu sein, musste ihr zuhören und ihr die Angst nehmen, die während ihres Telefonats sehr deutlich zutage gefördert worden war. Auf keinen Fall durfte er sie verunsichern, durfte nichts machen, wodurch sie sich überrumpelt oder in die Enge getrieben fühlte. Denn wenngleich ihre Unterhaltung sich zum Schluss ein wenig entspannt hatte, änderte das nichts daran, dass sie psychisch sehr stark angeschlagen war.
Möglicherweise hatte sie auch einen Schock oder ein Trauma, litt an Depressionen oder einem ähnlichen Krankheitsbild. Immerhin hatte sie ja im Verlauf ihres Gesprächs ziemlich unschlüssiges und wirres Zeug geredet, vor allem was Timmy anbelangte, der – sofern Rogan das richtig interpretiert hatte – ihre alte Persönlichkeit als Junge darstellte, inzwischen aber gänzlich von ihrer weiblichen Seite verdrängt worden war.
Inwieweit dies nun für das persönliche Treffen mit ihr eine Rolle spielte, darüber war Rogan sich nicht so ganz im Klaren. Er wusste nicht wirklich, was genau ihn erwartete und wem er da letztendlich in wenigen Augenblicken gegenübertreten würde. Er wusste nicht, ob Tina nun ganz einfach der neue Name eines transsexuellen Jungen war – oder ob es sich bei ihr eventuell um den dominierenden Teil einer gespaltenen Persönlichkeit handelte.
Was von diesen beiden Möglichkeiten auch immer zutreffen mochte – der Neunzehnjährige war fest dazu entschlossen, sein Vorhaben durchzuziehen und sich persönlich mit seiner in jeder Hinsicht außergewöhnlichen Gesprächspartnerin auszutauschen, die er ausschließlich mit dem Namen Tina ansprechen würde. So hatte sie sich bei ihm vorgestellt – und so würde er sie auch behandeln. Als Mädchen. Als vollständiges und vor allen Dingen sehr mutiges Mädchen.
Sein Herz begann, ein ganzes Stück lauter zu pochen, als er nach einiger Zeit Fußmarsch schließlich die Hailstorm Avenue erreichte und damit anfing, sich ausführlich nach allen Seiten umzuschauen. „Tina?“, rief er immer wieder ihren Namen, während er weiterlief und versuchte, in der relativ undurchsichtigen Dunkelheit etwas zu erkennen. „Tina, ich bin's, Rogan. Wir haben miteinander telefoniert. Bist du da?“.
Keine Antwort. Nur der Wind, der ihm ganz leise sein Lied ins Ohr flüsterte. Rasch steckte der Junge beide Hände in die Taschen seiner Jacke, während er noch ein paar Schritte machte und seinen Blick abermals in alle Richtungen schweifen ließ. „Tina?“, rief er erneut, ein wenig lauter diesmal. „Tina, bist du hier?“. Ein kurzes Rascheln erklang, kaum dass er diese Worte hatte verlauten lassen, und in einiger Entfernung tauchte schemenhaft eine Gestalt auf.
„Tina?“, rief er ihr zu und fing an, um einiges schneller zu laufen. „R-Rogan?“, kam nach einigen Augenblicken schließlich eine Antwort. „R-Rogan K-Keller?“. „Ja“, erwiderte der schwarzhaarige Junge und rannte eilig auf sie zu. „Ja, der bin ich“. „B-bist d-du a-a-allein?“, wollte sie mit vor Kälte zitternder Stimme wissen, als er schließlich nur wenige Meter vor ihr zum Stehen kam.
„Ja“, versicherte er ihr, während er die Augen kurz zusammenkniff und versuchte, sie in der Dunkelheit ein bisschen klarer zu erkennen. „Ja, bin ich, Tina. Genau wie ich es dir versprochen habe“. Mit diesen Worten näherte er sich ihr noch ein Stück und holte eine kleine Taschenlampe aus seiner Jackentasche hervor, um sie besser sehen zu können. Doch was er zu Gesicht bekam, war wirklich alles andere als ein schönes Bild.
Ihre langen, dunkelbraunen Haare waren, ebenso wie auch der Rest ihres viel zu dünn bekleideten Körpers, klatschnass und verklebt und als Frisur kaum noch erkennbar. Auf ihrem Gesicht mischten sich die Regentropfen mit Tränen, verwischtem Eyeliner, sowie anderen kosmetischen Substanzen, die sich, bei den Augen beginnend, einen Weg bis hinunter zu ihren Mundwinkeln gebahnt hatten. Auf ihrer Stirn klebten ein paar weitere, regennasse Haarsträhnen und verliehen ihr zusätzlich ein ziemlich mitgenommenes Erscheinungsbild.
Das viel zu kurze Kleidchen, das sie anhatte, war ebenfalls durchnässt und darüber hinaus mit ein paar Flecken bestückt, die sämtliche Eleganz, welche es vermutlich einst besessen hatte, vollkommen zunichte machte. Auch ihre Hände waren schmutzig und mit ein paar feinen Kratzern übersät, die sie sich möglicherweise bei einem Sturz oder etwas ähnlichem geholt hatte.
Ebenso verhielt es sich mit ihren ansonsten relativ zierlich wirkenden Füßen, an denen das passende Schuhwerk gänzlich fehlte. Auch sie waren schmutzig und ein bisschen zerkratzt, was darauf schließen ließ, dass ihr entweder vor, während oder nach dem Telefonat irgendetwas passiert sein musste. Entweder war sie gestürzt, hatte sich irgendwo gestoßen oder sich die Verletzungen unter Umständen auch selbst zugefügt.
Aber das spielte im Augenblick auch gar keine Rolle. Am wichtigsten war es für Rogan jetzt erst einmal, ihr Vertrauen zu gewinnen und sie dazu zu bringen, ihn ins Büro der Telefonseelsorge zu begleiten. Dort konnte er sich ausreichend um sie kümmern und mit allen notwendigen Dingen, wie etwa frischen Klamotten oder einem heißen Getränk versorgen.
Bedächtig machte er noch einen Schritt auf sie zu, woraufhin sie ängstlich zurückwich. „Nicht erschrecken“, redete er in sanftem Ton auf sie ein, um sie nicht noch weiter zu beunruhigen, und sah ihr dann direkt ins Gesicht. „Bitte nicht erschrecken, Tina. Ich will dir nichts tun. Ich bin hier, um dir zu helfen“. „Helfen?“, entgegnete sie mit zitternder Stimme, traute ihm immer noch nicht so recht über den Weg. „Wie willst du mir denn helfen?“.
„Das weiß ich noch nicht“, musste er offen und ehrlich gestehen. „Aber was ich weiß, ist, dass du hier draußen nicht bleiben kannst. Du musst dich wieder aufwärmen und zu Kräften kommen. Ich sehe doch, dass du schon ganz schwach bist“. Mit diesen Worten streckte er ihr seine Hand entgegen, doch nach wie vor zögerte sie. „Was... was hast du vor?“, erkundigte sie sich verunsichert. „Was hast du mit mir vor, Rogan?“. „Ich möchte, dass du mich begleitest“, klärte er sie auf und versuchte trotz der ungewöhnlichen Situation ein vertrauliches Lächeln. „Ich kenne einen Platz, an dem du dich wieder wärmen und zur Ruhe kommen kannst“.
„Wo?“, wollte sie leise wissen, machte immer noch keinerlei Anstalten dazu, ihm ihre Hand zu geben. „In unserem Büro“, informierte er sie mit sanfter Stimme. „Im Büro der Lifeline. Dort kann ich mich um dich kümmern und wir können schauen, wie es weitergehen soll. Aber immer schön eins nach dem anderen. Zuerst solltest du mal aus diesen klitschnassen Sachen rauskommen. Sonst erkältest du dich noch“.
Mit diesen Worten griff er vorsichtig nach ihr, was sie jedoch augenblicklich zurückwies. „Hey“, meinte er bedächtig und probierte ein dezentes Schmunzeln. „Ganz ruhig, Tina, okay? Ich tue dir nichts. Ich bin da, um dir zu helfen. Darum komm bitte mit mir. Du musst dich wieder aufwärmen“. Nur ganz zögerlich ließ sich das braunhaarige Mädchen auf seine Worte ein und gab ihm die Hand, die sich im Vergleich zu Rogans eigener wie ein Eisbrocken anfühlte.
„Meine Güte, bist du kalt“, stieß er erschrocken hervor. „Wie lange bist du denn schon hier draußen, um Himmels Willen?“. Kaum hatte er diesen Satz zu Ende gesprochen, schlüpfte er eilig aus seiner Jacke heraus und reichte sie dem zitternden Mädchen. „Bitte nimm“, sagte er sanft, als Tina keinerlei Anstalten dazu machte, das Kleidungsstück anzuziehen, und drückte sie ihr vorsichtig in die Hand. „Ist zwar nicht gerade modisch, aber dafür hält sie extrem warm“.
Für ein paar Sekunden huschte ein Schmunzeln über das Gesicht der Braunhaarigen, als sie seiner Bitte schließlich nachkam und sich die Jacke über die Schultern hängte. „So ist es doch gleich viel besser, oder?“, meinte er aufmunternd und startete einen neuen Versuch, sie an die Hand zu nehmen. Dieses Mal wehrte sie ihn jedoch nicht ab, sondern ließ sich darauf ein, woraufhin Rogan ihr ganz zart über die Finger streichelte. „Hab keine Angst“, sagte er ihr noch einmal. „Ich werde dir nichts tun. Keiner wird dir was tun, das verspreche ich“.
Sie nickte kurz, beinahe wie zur Bestätigung dieses Arguments, und probierte erneut ein ganz leises Lächeln. „Danke“, sagte sie dann zu ihm, als er ihr behutsam bedeutete, ihr zu folgen. „Danke, Rogan“. „Keine Ursache, Tina“, entgegnete er und schenkte ihr ein flüchtiges Zwinkern, um sie bestmöglich aufzumuntern. „Überhaupt keine Ursache“.

Während der gesamten Fahrt ins Büro hüllte sich das braunhaarige Mädchen beharrlich in Schweigen. Zwar startete Rogan mehrfach einen Versuch, sie in ein Gespräch zu verwickeln und ein paar Informationen aus ihr herauszubekommen, doch nicht ein einziges Mal ging sie auch nur im Ansatz darauf ein. Sie beantwortete ihm weder seine Frage nach ihrer Herkunft, noch gab sie irgendwelche Details darüber preis, was mit ihr passiert war. Stattdessen starrte sie völlig abwesend in die dunkle Nacht hinaus und reagierte noch nicht einmal, als Rogan ihr ein kleines Taschentuch überreichte.
Vermutlich hatte sie wirklich einen Schock, spekulierte der Neunzehnjährige im Stillen. Vermutlich war ihr tatsächlich irgendetwas Schlimmes widerfahren, über das zu sprechen sie absolut nicht in der Lage war. Möglicherweise war sie von zu Hause ausgerissen, hatte etwas Grauenerregendes gesehen oder war unter Umständen auch irgendwo festgehalten worden.
Was auch immer den Grund für ihren traumatischen Zustand darstellte – Rogan wusste, dass es die absolut richtige Entscheidung gewesen war, ihrem Hilferuf zu folgen und sich persönlich mit ihr zu treffen, wenngleich Mitchie und Cat diese Meinung wahrscheinlich nicht teilen würden. Aber das war ihm in diesem Moment offen gestanden herzlich egal. Auch wenn er wusste, dass sein Kollege ihm bestimmt die Hölle heiß machen würde, weil er einfach so auf eigene Faust gehandelt hatte, ohne sich vorher mit ihm abzusprechen, auch wenn er sich wahrscheinlich einige Vorwürfe deswegen anhören konnte – für Tina war es das allemal wert.
Sie brauchte ihn, das konnte er ganz deutlich spüren. Sie brauchte unbedingt seine Hilfe, um einen Weg aus ihrer verzweifelten Situation zu finden und in ihrem Leben wieder neue Perspektiven ins Auge zu fassen. Sie brauchte Unterstützung, um den Schock, den sie mit hoher Wahrscheinlichkeit erlitten hatte, zu verarbeiten und den Blick wieder nach vorne zu richten. Sie brauchte eine Hand, die sie führte, damit sie den Halt nicht verlor und in ihrer Depression nicht unterging.
Ganz egal, was auch immer mit ihr passiert sein mochte und welche Dinge man ihr angetan hatte – es war auf jeden Fall schlimm genug gewesen, um sie in ein tiefes Loch zu reißen, aus dem sich wieder herauszukämpfen sie aus eigener Kraft nicht fähig war. Sie hatte den Boden unter ihren Füßen verloren, das war ihr mehr als nur deutlich anzusehen. Sie hatte unsagbar gelitten und sich mit letzter Mühe dazu durchgerungen, bei ihm anzurufen und Alarm zu geben.
Und Rogan hatte ihren Alarm ernst genommen. Er hatte gleich von Beginn des Telefonats an gespürt, dass sie sich gefährlich nah am Abgrund befand und eine einzige, unbedachte Bewegung zum Absturz führen würde. Deswegen war er so behutsam wie nur möglich vorgegangen, hatte ihr Schritt für Schritt die notwendigen Fakten zu ihrer Persönlichkeit und vor allen Dingen ihrem Aufenthaltsort entlockt, um für sie da sein und ihr seine Hilfe zukommen lassen zu können.
Das schuldete er ihr. Er war es diesem einsamen Mädchen schuldig, ihre Ängste zu ersticken und wieder ein bisschen Licht in ihr Leben zu bringen. Und Rogan schwor sich, dass er nicht eher Ruhe gab, bis Tina wieder von Herzen lachen konnte.
Doch im Augenblick war er von diesem Ziel noch meilenweit entfernt. Ihr Gesicht war eine Mischung aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, durchzogen von verwischter Schminke, kühlen Regentropfen und glitzernden Tränen, durch die sich ihr Kummer mehr als eindeutig Ausdruck verlieh.
Mit einer dezenten, ganz vorsichtigen Bewegung drückte der schwarzhaarige Junge ihr schließlich das kleine Taschentuch in die immer noch zitternde Hand, woraufhin er für einen flüchtigen Moment lang ihre Aufmerksamkeit erhielt. „Bitte nimm es ruhig“, erklärte er mit sanfter Stimme und probierte abermals ein kleines Schmunzeln. Sie nickte auf diese Worte hin kurz, signalisierte ihm, dass sie verstanden hatte, und nahm es schließlich an sich, machte jedoch keinerlei Anstalten dazu, es zu benutzen, sondern drehte es stattdessen einige Male hin und her, bevor sie es in ihrer Faust verschwinden ließ.
Armes Mädchen, dachte Rogan mitfühlend, da ihm diese Handlung ein weiteres Mal klarmachte, wie tief ihr Schock sitzen musste. Wie sehr man sie verletzt haben musste, wenn sie es noch nicht einmal schaffte, sich auf die Reinigung ihres Gesichts zu konzentrieren. Fast wie automatisch drehte er die Heizung noch eine Stufe höher, um zu gewährleisten, dass sie nicht mehr allzu stark fror, bis sie das Büro der Lifeline erreicht hatten.
Daraufhin warf sie ihm erneut einen Blick zu und fing schließlich damit an, mit dem Taschentuch ihre verweinten und makeupverschmierten Augen abzutupfen. Im Anschluss daran setzte sie bei ihren Wangen fort und entfernte auch dort Stück für Stück die Spuren ihrer nach wie vor unübersehbaren Panik. Unter dem ganzen Schmutz zum Vorschein kam eine helle, sehr gepflegt wirkende Haut, die eindeutig darauf schließen ließ, dass es ansonsten nicht ihre Art war, sich selbst dermaßen zu vernachlässigen.
Ganz im Gegenteil: Je mehr kosmetische Reste sie entfernte, je deutlicher ihr Gesicht an die Oberfläche trat, desto mehr bekam Rogan das Gefühl, dass sie schön war. Richtig schön. Nicht so künstlich wie manch andere Mädchen, denen er schon begegnet war, sondern auf ganz natürliche Art und Weise. Ihre Schönheit strahlte von innen heraus, verlieh ihr trotz der verklebten Haare und des schmutzigen Kleidchens, das sie trug diese kleine Spur von Eleganz, die so vielen anderen leider gänzlich fehlte. Er hatte sich wirklich nicht getäuscht, als er am Telefon behauptet hatte, dass sie hübsch war. Denn das war sie. Ziemlich hübsch sogar.
„Ist dir noch kalt?“, wollte er sanft von ihr wissen und schickte sich dazu an, die Heizung ein weiteres Mal höher zu drehen, doch sie legte rasch ihre zarte Hand auf seine und schüttelte dann kurz den Kopf, während sich der Anflug eines Lächelns auf ihrem Gesicht ausbreitete. „Lass ruhig“, sagte sie in dezentem Flüstern und streifte ihn kurz, bevor sie ihre Hand schließlich wieder in ihrem Schoß verschwinden ließ. „Es geht schon, danke“. „Bist du sicher?“, hakte er fürsorglich nach und warf einen erwartungsvollen Blick in ihre blauen Augen, woraufhin ihr Lächeln sich noch ein Stückchen ausdehnte. „Ja, Rogan“, versicherte sie ihm bestätigend. „Ja, ich bin sicher“.
„Wir sind gleich da“, erwiderte er, als er sich dazu bereitmachte, nach links abzubiegen. „Nur noch ein paar Minuten, okay?“. „Mhm“, antwortete sie leise und nickte, ehe sie sich wieder ein Stück zurücklehnte und einen Blick nach draußen in die Nacht warf.
„Du musst keine Angst haben, Tina“, redete er ihr beruhigend zu, um die halbwegs gelöste Stimmung, in der sie sich im Augenblick befand, so lange wie nur möglich aufrechtzuerhalten. „Hab keine Angst mehr, okay? Du bist in Sicherheit. Ich werde dafür sorgen, dass dir nichts passiert. Das verspreche ich dir“.

Mit behutsamen Schritten führte Rogan das Mädchen nur wenig später den nassen Asphalt entlang zum Büroeingang, dabei stets darauf bedacht, sie bestmöglich abzustützen, um ihr sowohl körperlichen, als auch seelischen Halt zu geben. Doch die Braunhaarige war nur mit Mühe in der Lage dazu, sich auf den Beinen zu halten, weswegen der Neunzehnjährige sich rasch dazu entschloss, ihr diese Aufgabe abzunehmen, um sie nicht noch zusätzlicher Belastung auszusetzen.
„Warte“, sagte er zu ihr und blieb stehen, ehe er ganz vorsichtig beide Arme um ihre Hüften legte, was sie allerdings aus einer Reflexhandlung heraus sofort abwehrte. „Nein“, protestierte sie hastig. „Nein, lass mich. Es geht schon“. Kaum hatte sie diesen Satz beendet, wollte sie weiterlaufen, doch ihr rechter Fuß verweigerte seinen Dienst und knickte ein, ließ sie ein Stückchen zusammensinken, was Rogan jedoch durch seine blitzschnelle Reaktion unterbinden konnte.
„Autsch!“, rief sie aus, war allem Anschein nach falsch aufgetreten, weswegen Rogan einen neuen Versuch startete, ihr seine Hilfe anzubieten. „Nicht, Tina“, sagte er fürsorglich, als sie einen weiteren Schritt probierte, und hielt sie mit einer sanften Geste zurück. „Hör auf. Du kannst so nicht mehr laufen. Lass mich dir doch bitte helfen“. „Nein“, lehnte sie konsequent ab. „Nein, geht... autsch!“. Erneut durchzuckte sie ein Schmerz, als sie ihren Fuß aufsetzen wollte, weswegen sie sich, wenn auch widerstrebend, geschlagen gab und sich auf das Angebot des Jungen einließ.
„Okay“, erklärte sie ihm nach anfänglichem Zögern. „Okay, du darfst mir helfen. Aber lass mich bitte nicht fallen, okay?“. „Niemals“, sicherte Rogan ihr zu, während er sie sehr behutsam umfasste und mit einer sanften Bewegung hochhob. „Niemals, Tina. Ganz fest versprochen“. Für einen kurzen Moment huschte ihr ein Schmunzeln über das Gesicht, als er diese Worte gesagt hatte, und sie hakte sich kurzerhand bei ihm ein, um ihn so wenig wie möglich mit ihrem Körpergewicht zu belasten.
Doch für Rogan stellte dies überhaupt kein Hindernis oder gar ein Problem dar. Die Braunhaarige war relativ leicht, weswegen es ihm auch keine Mühe machte, sie zu tragen und gleichzeitig seine Balance nicht zu verlieren. Mit starkem Griff, aber dennoch behutsam hielt er sie fest, hüllte sie so gut es möglich war in seine Jacke ein, während er den Rest des Weges zum Haupteingang zurücklegte, den er selbstverständlich vorsorglich abgesperrt hatte, ehe er zu dieser völlig unerwarteten Mission aufgebrochen war.
Dort angekommen blieb er kurz stehen und bemühte sich, mit einer Hand in seine Jackentasche zu greifen, ohne das Mädchen dabei absetzen zu müssen, was ihm jedoch trotz aller Mühe nicht gelingen wollte. „Tina“, sagte er zu ihr nach einigen erfolglosen Versuchen und blickte ihr kurz ins Gesicht. „Tina, könntest du bitte mal schauen, ob du an meinen Schlüssel rankommst?“.
„Schlüssel?“, fragte sie verwundert nach. „Für die Eingangstür“, klärte er sie rasch auf und musste schmunzeln, wenngleich er selbst nicht genau sagen konnte, warum. „Er müsste in meiner rechten Jackentasche sein. Kannst du bitte mal versuchen, ihn zu erwischen? Sonst muss ich dich absetzen. Und ich möchte nicht, dass du deinen Fuß unnötig belastest, bevor ich ihn mir nicht angesehen habe“. „Ich... ich schaue mal“, antwortete sie zögernd, schien offensichtlich ein bisschen gerührt von seiner ehrlichen Fürsorge für sie zu sein. Geschickt löste sie eine Hand von ihm, ließ sie zu seiner Jackentasche hinuntergleiten und durchstöberte sie, konnte jedoch den von ihm verlangten Schlüssel nicht ertasten.
„Da ist er nicht“, informierte sie ihn schnell. „Nur ein Zettel oder so was“. „Hm...“, überlegte Rogan laut für sich. „Vielleicht ist er auch in meiner Jeanstasche. Ich war vorhin so in Eile, dass ich gar nicht mehr weiß, wo ich ihn eingesteckt habe“. Tina nickte kurz und führte ihre Hand ein Stückchen weiter nach unten, um nachzuschauen, rutschte dabei völlig unabsichtlich ab und glitt einen Moment lang zwischen Rogans Hüften, schreckte blitzartig wieder zurück und zögerte.
„Tut... tut mir Leid“, entschuldigte sie sich schnell und wurde rot, was der Schwarzhaarige aber dank der Dunkelheit nicht erkennen konnte. „Das... das wollte ich nicht. Ich... ähm...“. „Schon okay“, entgegnete Rogan gelassen, der ihre Berührung zwar sehr wohl bemerkt hatte, sich jedoch nichts dabei dachte, und schenkte ihr einen wärmenden Blick. „Nichts passiert, Tina. Versuch es einfach nochmal“.
„Mhm“, erwiderte sie und führte ihre Hand erneut an die Tasche seiner Jeans – dieses Mal jedoch sehr vorsichtig, um nicht wieder eine derart unangenehme Berührung auszulösen. Bedächtig schlüpfte sie hinein und kramte nach dem Schlüssel, zog ihn nach wenigen Augenblicken daraus hervor und hielt ihn dem schwarzhaarigen Jungen vors Gesicht. „Sehr gut“, meinte dieser mit einem erfreuten Lächeln. „Gut gemacht, Tina. Glaubst du, du schaffst es in dieser Position auch, die Tür aufzuschließen?“.
„Ich versuch's“, antwortete sie und drehte sich ganz langsam ein Stück zur Seite, achtete darauf, dass Rogan den Griff um sie nicht allzu sehr lockern musste, suchte dann angestrengt nach dem Türschloss und sperrte selbiges im Anschluss auf. „Super, Tina“, meinte Rogan daraufhin, während er mit dem Arm den Türgriff drückte und mit seinem Fuß die Tür aufstieß. „Wirklich super hast du das gemacht“. „Ähm... danke“, erwiderte das Mädchen und musste ein bisschen verlegen lächeln.
Auch wenn sie nicht genau sagen konnte, woran es lag, aber irgendwie fand sie den Jungen charmant. Ziemlich charmant sogar, wenn sie ganz ehrlich war. Immerhin hatte er nicht nur alles daran gesetzt, sie zu finden und ihr Mut zugesprochen, sondern trug sie jetzt auch noch wie selbstverständlich auf Händen, weil er in Sorge um ihren Zustand war.
Das hatte noch nie jemand für sie getan. Noch nie hatte sich jemand so um sie gekümmert wie Rogan es im Augenblick machte. Nie hatte ihr jemand so zugehört und sie wieder aufgebaut wie er. Nie war es jemandem gelungen, sie, wenn auch nur flüchtig, zum Schmunzeln zu bringen.
Zwar konnte Tina nicht genau sagen, woher dieser Gedanke kam, aber irgendwie hatte sie das Gefühl, dass der Neunzehnjährige ein besonderer Mensch war. Vielleicht war er sogar der eine Mensch, dem sie alles anvertrauen konnte. Vielleicht war er der, dem sie sagen konnte, was geschehen war und woher sie kam. Vielleicht hatte sie jetzt endlich die Chance dazu, ihren Traum zu leben. Vielleicht würde es ihr mit Rogans Hilfe endlich gelingen, ihr altes Ich endgültig hinter sich zu lassen und neu anzufangen.
Sie brauchte nur noch ein bisschen Zeit. Nur noch ein kleines bisschen Geduld – und Timmy würde endlich Geschichte sein. Und zwar ein für alle Mal.

Die relativ schlicht gestaltete Wanduhr im Konferenzzimmer der Lifeline zeigte bereits kurz nach Mitternacht an, als Rogan das siebzehnjährige Mädchen behutsam auf dem schwarzen Sofa absetzte, das Mitchie vor einem knappen halben Jahr angeschafft hatte, um laut seiner Aussage die Atmosphäre während der Besprechungen, die sie zu führen hatten, ein Stückchen komfortabler zu gestalten.
Damals hatte der Schwarzhaarige diese Aktion nur belächelt, doch im Nachhinein betrachtet war das vielleicht sogar eine der besten Ideen gewesen, die sein blonder Kollege jemals umgesetzt hatte. Immerhin hatte Tina so die Gelegenheit dazu, sich ein wenig auszuruhen und wieder zu Kräften zu kommen. Denn wenn sie eines im Augenblick ganz dringend brauchte, dann war es Ruhe.
„So“, meinte der Junge, als er seinen Griff ganz sanft von ihr löste. „Da wären wir, Tina“. Mit diesen Worten schickte er sich dazu an, ebenfalls Platz zu nehmen, woraufhin sie verunsichert ein paar Zentimeter rutschte. „Nicht so nah“, bat sie ihn leise, fühlte sich trotz der sicheren Umgebung nach wie vor ein wenig unwohl. „Bitte nicht so nah, Rogan, okay?“.
„Tut mir Leid“, entschuldigte er sich augenblicklich und ging automatisch auf Abstand, um sie nicht wieder zu verunsichern und diese leise Spur von Sympathie, die sich zwischen ihnen entwickelt hatte, nicht aufs Spiel zu setzen. „Das war keine Absicht, Tina“. „Ich weiß“, entgegnete sie und wich seinem Blick aus, als er ihr ins Gesicht sehen wollte. „Ich weiß, dass es keine Absicht war. Ist auch nicht böse gemeint, Rogan. Aber ich ertrage zu viel Nähe im Augenblick einfach nicht. Nähe macht manchmal alles kaputt“.
Ein unsicheres „Hmm“ war das Einzige, das der Schwarzhaarige auf diese Worte erwidern konnte, da er nicht genau wusste, was sie mit ihrer Aussage anzudeuten versuchte. Möglicherweise, so vermutete er, hatte es irgendetwas mit dem zu tun, was ihr passiert war – was auch immer das sein mochte.
„Nähe zerstört“, fügte Tina nach einer kurzen Pause hinzu, als er keinerlei Anstalten dazu machte, auf ihr Argument einzugehen. „Sie zerstört manchmal alles, was man sich aufzubauen versucht hat. Sie reißt einem alles aus den Händen und vernichtet die fast perfekte Illusion, mit der man sich selbst etwas vormacht. Verstehst du, was ich meine, Rogan?“.
„Nein“, musste der Junge offen und ehrlich zugeben, der von ihren Worten zugegebenermaßen ziemlich irritiert war. „Nein, Tina. Leider nicht. Aber vielleicht möchtest du es mir ja erklären“.
Ohne etwas darauf zu erwidern, vergrub das Mädchen eine Hand in ihren dichten Haaren und riss sie sich vom Kopf, enthüllte damit genau das, was Rogan bereits die ganze Zeit über vermutet hatte. „Verstehst du es jetzt?“, wollte sie dann wissen, während sie ihr ebenfalls braunes Naturhaar kurz ausschüttelte und gegen eine kleine Welle von kalten Tränen anzukämpfen versuchte.
„Timmy“, schlussfolgerte der neunzehnjährige Junge aus dieser Handlung heraus, der sich in seiner ursprünglichen Annahme ein weiteres Mal bestätigt sah. „Das ist Timmy, nicht wahr?“. „Ja“, stimmte Tina ihm mit leiser Stimme zu. „Das ist Timmy. Ich bin Timmy. Wir sind eins. Wir beide sind immer noch eins“. Tränen huschten ihre zarten Wangen hinunter, als sie das gesagt hatte, weil sie annahm, dass sich aufgrund dieser Offenbarung auch Rogan wieder von ihr abwenden würde.
Doch anstatt das Gesicht zu verziehen und ihr vorzuwerfen, wie widerlich sie war, saß der schwarzhaarige Junge einfach nur da und betrachtete sie, machte keinerlei Anstalten dazu, die Nerven oder gar die Kontrolle über sich zu verlieren und sie in hohem Bogen hinauszuwerfen. Er musterte sie nur ganz ausgiebig von oben bis unten und legte dann ein leises Schmunzeln auf.
„Am Telefon hast du gesagt, dass du wissen willst, wer ich bin“, erklärte sie ihm zögernd und fühlte, dass sie erneut kurz davorstand, in Tränen auszubrechen. Er nickte nur, ohne etwas darauf zu erwidern, woraufhin sie einen Moment lang an ihrer Lippe nagte. „Jetzt weißt du es“, meinte sie fast flüsternd, nicht in der Lage dazu, ihm dabei ins Gesicht zu sehen. „Jetzt kennst du die Wahrheit über mich, Rogan“.
„Dann hatte ich also Recht?“, erkundigte sich der Junge, dem inzwischen klargeworden war, dass er mit seiner anfänglichen Vermutung goldrichtig gelegen hatte. „Du bist transsexuell, Tina. Nicht wahr?“. Unter Tränen nickte sie zur Bestätigung, noch immer nicht bereit dazu, auch nur den Hauch eines Blickes mit ihm zu tauschen. „Das ist mein Fluch“, flüsterte sie kaum hörbar und warf die braune Perücke mit einem Schwung zu Boden. „Mein gottverdammter Fluch!“.
„Warum denn?“, wollte Rogan einfühlsam wissen und streichelte aus einem Reflex heraus über ihren Arm, um sie wieder zu beruhigen. „Warum ist es ein Fluch, Tina?“. Wenngleich es für den Jungen ganz normal war, schien die Braunhaarige ziemlich überrascht zu sein, als sie registrierte, wie er sie gerade genannt hatte. „Ti-Tina?“, hakte sie nach, tat sich schwer damit, ihre Verwunderung zu verbergen. „Hast... hast du gerade Tina zu mir gesagt?“.
„Ja“, stimmte Rogan ihr zu und versuchte, sie durch ein kurzes Lächeln aufzumuntern. „Ja, hab ich. So heißt du doch schließlich, oder etwa nicht?“. „Nun“, antwortete sie bedrückt und nagte an ihrer Unterlippe. „Eigentlich ja. Aber... aber sobald ich jemandem zeige, wer ich wirklich bin, sieht er nur noch Timmy in mir. Das war immer schon so“.
„Also ich sehe keinen Timmy“, erwiderte der Neunzehnjährige aufbauend und griff nach ihrer Hand, was sie nach anfänglicher Zurückhaltung schließlich zuließ. „Ich sehe nur Tina. So habe ich dich kennengelernt – und so bist du für mich auch“. „Klar“, meinte sie sarkastisch und riss sich unsanft von ihm los. „Das sagst du doch jetzt nur, weil du mir nicht wehtun willst. Aber in Wahrheit denkst du doch, dass ich total krank bin, hab ich Recht? Du denkst, dass ich völlig gestört bin und würdest mich am liebsten auslachen. Gib es zu, Rogan. Gib zu, dass du mich für übergeschnappt hältst“.
„Das ist Unsinn, Tina“, versicherte ihr der Junge ermutigend. „Das ist wirklich kompletter Unsinn. Ich würde dich niemals auslachen, das habe ich dir doch versprochen. Außerdem habe ich dazu doch überhaupt keinen Grund. Du bist so ein hübsches Mädchen und ich glaube, das weißt du auch ganz genau. Also schlag dir diesen Unfug bitte sofort wieder aus dem Kopf, okay?“.
„Meinst du das ehrlich?“, entgegnete sie teils misstrauisch, teils gerührt. „Hältst du mich wirklich für hübsch? Oder sagst du das nur, weil du mich nicht kränken willst?“. „Nein“, antwortete Rogan aufrichtig und schmunzelte sie an. „Das sage ich nicht nur so. Ich meine es wirklich ernst. Für mich bist du hübsch, Tina. Sehr hübsch sogar“. „Wenn du mich jetzt anlügst...“, konterte sie nach wie vor skeptisch, doch der Junge machte mit der Hand eine ablehnende Geste, um seine Aufrichtigkeit zu beteuern.
„Tue ich nicht“, versicherte er ihr dann. „Ehrlich nicht. Glaub mir, wenn ich nicht so denken würde, dann würde ich dir das offen und ehrlich sagen. Aber das tue ich, Tina. Das tue ich wirklich. In meinen Augen bist du hübsch. Und wenn du mir nicht glauben willst, dann bringe ich dir sehr gern einen Spiegel“.
„Wozu?“, wollte sie wissen und verzog einen Moment lang das Gesicht. „Damit ich meine grauenerregende Erscheinung mit eigenen Augen sehe? Nein danke“. „So ein Quatsch“, antwortete Rogan und schüttelte abweisend seinen Kopf. „Ich möchte dir nur klarmachen, dass ich dich nicht anlüge. Ich möchte, dass du dich so siehst, wie ich dich sehe. Vielleicht verstehst du ja dann, dass es mir fernliegt, dir irgendetwas vorzumachen“.
Diese Worte schienen das Eis endlich gebrochen zu haben, denn ein ganz dezentes Schmunzeln huschte über ihre Lippen und brachte sie sogar dazu, sich ihm ein kleines Stückchen anzunähern. „Wenn du wirklich so denkst...“, wisperte sie, erneut mit Tränen in ihrem Blick. „Würde es dir dann auch nicht schwer fallen, mir eine Bitte zu erfüllen?“. „Nein“, versprach Rogan ihr ehrlich. „Nein, Tina. Du musst mir nur sagen, was ich für dich tun kann“.
„Ich weiß, dass du mich nicht kennst“, antwortete sie ihm ein bisschen nervös. „Und ich kenne dich ebenso wenig. Aber würdest du... würdest du mich bitte trotzdem kurz in den Arm nehmen? Ich... ich hab das Gefühl, dass ich das jetzt gerade brauche und...“. Sie brach in ein erneutes Schluchzen aus, ehe sie ihren Satz beenden konnte, war ergriffen von den Bildern, die sich in ihrem Kopf wie Filme abspielten und ihr das, was sie in der letzten Zeit erlebt hatte, noch einmal ganz deutlich vor Augen führten.
Ohne zu zögern näherte Rogan sich ihr an und schloss sie behutsam in die Arme, fühlte dabei ihre kalte Haut und das regennasse Kleid, das ihren Körper nach wie vor bedeckte. „Pss“, versuchte er, beruhigend auf sie einzuwirken und drückte sie langsam an sich heran, um ihr die Nähe zu geben, die sie im Augenblick wirklich sehr dringend zu brauchen schien. „Ist ja gut, Tina. Es kommt alles ganz bestimmt wieder in Ordnung“.
Die Braunhaarige antwortete nicht, weinte sich stattdessen an seiner Schulter über all das aus, was sie in diese Situation gebracht hatte: Über den Rausschmiss ihrer Eltern, die eine Tochter nicht akzeptieren wollten, die vergeblichen Versuche, irgendwo eine neue Bleibe zu finden und schließlich auch über ihre beiden Beziehungen, die aufgrund ihrer Transidentität kaputtgegangen waren.
All das, was sie bis vor wenigen Momenten noch verdrängt geglaubt hatte, brach jetzt, da sie in Rogans Armen lag, wieder durch. Die Verzweiflung, die der Neunzehnjährige durch seine fürsorgliche Art verscheucht gehabt hatte, kehrte wieder zurück und machte ihr mehr als deutlich bewusst, dass sie ihrem Ziel noch immer keinen Schritt näher gekommen war.
Der einzige Lichtblick, den es für sie im Moment noch gab, war Rogan, der in ihr tatsächlich das zu sehen schien, was sie selbst fühlte. Der sie nicht verurteilte und als unnormal abstempelte, weil sie nicht so lebte wie es von ihrer biologischen Natur erwartet wurde. Er hatte sie als Mädchen angenommen und sie nicht verspottet, als sie ihm ihr wahres Gesicht gezeigt hatte.
Und jetzt hielt er sie, tröstete sie, schenkte ihr den Zuspruch und Mut, auf den sie schon so lange gewartet hatte. Munterte sie nach Kräften auf und half ihr dabei, sich selbst zu akzeptieren. Auch wenn es möglicherweise vollkommen albern war, aber je länger Tina in seinen Armen verweilte, desto mehr bekam sie das Gefühl, dass man ihre Bitten endlich einmal erhört hatte. Vielleicht war Rogan ja der Engel, um den sie den Himmel schon so lange anflehte. Vielleicht konnte sie es mit seiner Hilfe schaffen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen und endlich frei zu sein. Vielleicht würde es ihr mit ihm zusammen gelingen, mit der Vergangenheit abzuschließen und neu anzufangen.
Zögernd ließ sie ihre Hand über seinen Rücken wandern, vergewisserte sich, dass er wirklich echt war und nicht nur ein aus Verzweiflung geborener Wunschtraum. Doch ganz gleich, wie oft sie es auch versuchte – das Resultat war jedes Mal dasselbe. Jedes Mal spürte sie sein dunkles Sweatshirt und die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, sodass sie sich sicher sein konnte, dass dieser Augenblick der Wirklichkeit entsprach. Rogan hielt sie wirklich in seinen Armen, streichelte zärtlich ihre Haare und stützte sie, gab ihr den Halt, den sie selbst im Moment nicht aufbringen konnte. Er war echt. Alles um sie herum war tatsächlich echt.
„Beruhig dich“, hörte sie ihn ganz leise flüstern und spürte, dass er sich behutsam von ihr löste. „Bitte beruhig dich wieder, Tina. Es wird ganz bestimmt alles gut, egal, was auch passiert ist“. Dankbar für diese, wenn auch nicht wirklich einfallsreichen Worte, tastete sie nach seiner Hand und nahm sie, suchte nach mehr von dieser Wärme, die sein Körper ihr gab.
„Ich dachte, du magst keine Nähe“, neckte der Neunzehnjährige sie lächelnd, um sie noch weiter aufzuheitern, woraufhin sie ebenfalls ein leicht verlegenes Schmunzeln aufsetzte. „Deine schon“, erklärte sie ihm, fühlte sich zumindest in diesem Moment wieder ein bisschen entspannt, und rutschte noch ein Stück auf ihn zu. „Deine schon, Rogan. Sehr sogar“.
„Scheint nur leider nicht viel zu nützen“, äußerte der Schwarzhaarige und stieß ein leises Seufzen aus. „Du bist immer noch total kalt, Tina“.
Kaum hatte er diesen Satz zu Ende gesprochen, erhob er sich und lief hinüber zur Tür. „Wohin gehst du?“, wollte sie wissen, plötzlich wieder ein Stück verunsichert. „Nur nach nebenan“, klärte er sie eilig auf. „Ich halte es für das Beste, wenn du erst einmal einen heißen Tee trinkst. Dann wird dir auch ganz sicher wieder ein bisschen wärmer“.
„O-okay“, entgegnete sie zögernd und musterte ihn einen Moment lang. „Aber du gehst nicht weg, oder? Du lässt mich nicht allein, Rogan, versprochen?“.
„Natürlich nicht, Tina“, sicherte er ihr zu, um ihr die Angst zu nehmen, die möglicherweise ebenfalls mit dem zu tun hatte, was ihr passiert war. „Ich mache nur kurz einen Tee für dich. Danach bin ich sofort wieder bei dir. Vielleicht magst du dich ja in der Zwischenzeit ein bisschen hinlegen, hm?“. Sie nickte nur, sagte jedoch nichts darauf, sondern sah ihm nur hinterher, als er das Zimmer verließ und nach nebenan ins Büro verschwand.

Eine halbe Stunde später saß Rogan wieder bei dem braunhaarigen Mädchen im Konferenzraum und wartete geduldig auf seine beiden Kollegen Mitchie und Cat, die er wenige Minuten zuvor verständigt und ihnen grob erklärt hatte, wie die momentane Sachlage war. Um nicht unnötig Zeit zu verschwenden und gleichzeitig einer Predigt seitens Cat aus dem Weg zu gehen, hatte er seinen Alleingang natürlich bewusst verschwiegen und ihnen lediglich erzählt, dass es jemanden gab, der dringend ihre Unterstützung brauchte. Alles Weitere konnte er ihnen genauso gut persönlich erläutern, sobald sie hier eintrafen.
Zugegeben, wirklich erfreut über seine späte Störung war keiner der beiden gewesen und Rogan hatte all seine Überredungskunst aufbringen müssen, um sie davon zu überzeugen, dass der neue Fall, den er angenommen hatte, nicht mehr bis morgen warten konnte, sondern auf der Stelle geklärt werden musste. Und auch wenn vor allem Mitchie sich anfangs ziemlich gesträubt hatte, war es Rogan dennoch gelungen, ihn von seiner Meinung zu überzeugen und dazu zu bringen, zur Lifeline zu kommen.
Weitere Erklärungen oder Details zum Fall hatte er nicht erwähnt, da er sich sicher war, dass diese sich erübrigen würden, sobald seine beiden Kollegen das braunhaarige Mädchen erst einmal sahen. Außerdem hatte er auch weder die Zeit, noch die Lust dazu gehabt, sich am Telefon Beschwerden darüber anzuhören, dass er gegen die Vorschriften verstoßen hatte und auf eigene Faust losgezogen war, um Tina zu finden.
Denn dass solche Suchaktionen nicht Teil seiner Arbeit waren und ausschließlich von der Polizei oder unter bestimmten Umständen von Cat durchgeführt werden durften, darüber war Rogan sich durchaus im Klaren. Er wusste, dass die richtige Vorgehensweise gewesen wäre, seinen drei Jahre älteren Kollegen zu informieren und den Fall damit an ihn abzutreten. Er wusste, dass es nicht in Ordnung gewesen war, einfach seinen Posten zu verlassen und sich mit Tina zu treffen, um ihr seine Hilfe anzubieten.
Aber Himmel – die Braunhaarige war so verzweifelt gewesen. Sie hatte am Telefon so panisch geklungen, so verängstigt und kraftlos, dass er es einfach nicht hatte riskieren können, auch nur eine einzige Sekunde an Zeit zu verlieren. Er hatte ihrer Bitte einfach folgen und sie mit eigenen Augen sehen müssen, um sicherzugehen, dass sie aus einer Kurzschlussreaktion heraus nicht irgendwelche Dummheiten machte.
Inzwischen hatte sich zwar herausgestellt, dass sie niemals vorgehabt hatte, sich das Leben zu nehmen und seine Annahme daher falsch gewesen war – doch das hatte er zum Zeitpunkt ihres Anrufs schließlich nicht wissen können. Die Verzweiflung in ihrer Stimme hatte einfach keine andere Schlussfolgerung zugelassen, weswegen Rogan gar nicht anders hatte handeln können. Er hatte sie suchen müssen, um das Risiko einer akuten Selbstgefährdung auszuschließen und sie in Sicherheit zu bringen.
Das musste Cat einfach verstehen. Er musste verstehen, dass der Neunzehnjährige keine andere Wahl gehabt hatte als nach ihr zu suchen und sie hierher ins Büro der Lifeline zu bringen. Musste einsehen, dass für einen Anruf bei ihm und die damit verbundene Aufklärung über den neuen Fall einfach die Zeit gefehlt hatte. Egal, ob es nun gegen die Vorschriften war oder nicht. In einer solchen Situation kam es nicht darauf an, wer welche Aufgabe übernahm, sondern nur darauf, die betreffende Person auf schnellstem Wege zu finden und ihr nach Möglichkeit zu helfen.
Auch wenn Tinas Suizidabsichten zum Glück ein Irrtum gewesen waren, änderte das nichts an der Tatsache, dass sie psychisch sehr angeschlagen war. Aber nach allem, was sie Rogan im Verlauf ihrer, wenn auch nur relativ kurzen Unterhaltung anvertraut hatte, war das auch wirklich kein Wunder. Das arme Mädchen hatte schon unglaublich viel ertragen müssen, hatte einen verflucht harten Weg hinter sich, auf welchem einzig und allein das Unrecht ihr ständiger Begleiter gewesen war.
Seit der Selbsterkenntnis ihrer Transsexualität, die den vermutlich wichtigsten und entscheidendsten Schritt in ihrem Leben darstellte, gab es so gut wie nichts mehr, das man auch nur im Ansatz als positive Erfahrung einordnen konnte. Nicht eine einzige Erinnerung, auf die sie mit einem Lächeln zurückblicken und sich darüber freuen konnte. Nicht eine Hoffnung, an die sie noch glauben und an der sie festhalten konnte. Nicht ein Mensch, dem sie noch etwas bedeutete.
Seit aus Timmy Tina geworden war, hatten sich nach und nach alle, die sie zu lieben geglaubt hatte, von ihr abgewandt, hatten nichts als Spott und Abscheu für sie übrig gehabt. Noch nicht einmal ihre eigenen Eltern waren dazu in der Lage, sie so zu lieben, wie sie war, sondern hatten sie eiskalt vor die Tür gesetzt, als sie ihnen offenbart hatte, dass sie sich im falschen Körper fühlte. Ihre angeblichen Freunde kannten sie nicht mehr, behandelten sie wie Luft und machten noch nicht einmal den Versuch, ihr aus der Not zu helfen. Und die beiden Liebesbeziehungen, die sie gehabt hatte, waren bereits nach kurzer Zeit in die Brüche gegangen, waren kläglich an der Tatsache gescheitert, dass sie keine anatomisch korrekte Frau, sondern nur eine Transe war.
Man hatte sie durch die Hölle gejagt. Man hatte dieses arme, unschuldige Mädchen im wahrsten Sinne des Wortes durch die Hölle gejagt. Sie war herumgeschubst worden wie ein altes Möbelstück, für das niemand mehr Verwendung fand. Keiner wollte sich um sie kümmern, wollte nichts mit ihr zu tun haben, weil sie nicht nach dem Geschlecht lebte, das ihr biologisch vorherbestimmt war. Für alle stellte sie nur eine minderwertige Sache dar, eine Fehlkonstruktion, die man entsorgen konnte.
Aber das war sie verdammt noch einmal nicht. Tina war ein Mensch. Ein Mensch mit eigenen Hoffnungen, eigenen Träumen und auch Wünschen. Man konnte sie nicht behandeln wie eine Maschine, die keinen Mucks von sich gab, ganz gleich, wie stark man sie malträtierte. Sie war kein Besitz, den man sich aneignen und bei Nichtgefallen einfach wegschmeißen konnte wie Abfall.
Sie hatte Gefühle, verflucht noch einmal. Sie empfand Freude und Schmerz, lachte und weinte genau wie jeder andere auf der Welt. Sie hatte es nicht verdient, behandelt zu werden wie das letzte Stück Dreck. Sie verdiente Glück, hatte wie alle anderen das Recht dazu, ihr Leben nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten und ihre Persönlichkeit so zu entfalten wie sie das wollte. Sie hatte das Recht, als Mensch anerkannt zu werden und war nicht weniger wert, nur weil sie im falschen Geschlecht geboren worden war. Sie zählte genau so viel wie jeder andere, verdiente dieselben Chancen und vor allem den Respekt vor dem, was sie war.
Auch wenn Rogan für gewöhnlich nichts so schnell aus der Fassung bringen konnte, aber während Tina unter Tränen ihre Geschichte erzählt hatte, hatte er für einen Moment lang das Bedürfnis danach gehabt, einfach mit ihr zu weinen. Sie noch einmal in den Arm zu nehmen und gemeinsam mit ihr zu leiden, ihren Schmerz zu teilen und dadurch ein kleines Stückchen zu erleichtern.
Möglicherweise war es Mitgefühl, das ihn überkommen hatte, möglicherweise hatte sie aber auch einfach nur sein Herz erreicht und die ohnehin schon geringe Professionalität, mit der er an diesen Fall herangegangen war, vollständig über Bord geworfen. Auf jeden Fall spürte er mehr als je zuvor, dass die Siebzehnjährige ihn brauchte, dass er sie unter keinen Umständen mehr alleinlassen durfte – ganz gleich, was bei dem Gespräch mit seinen beiden Kollegen auch beschlossen werden würde.
Es war ihm egal, ob Cat sich querstellen und darauf bestehen würde, Tina in eine psychotherapeutische Einrichtung zu bringen. Es war ihm egal, ob er alle Grundsätze, die er im Laufe seiner Dienstzeit gelernt hatte, außer Kraft setzen und sich gegen ihn auflehnen musste. Die Siebzehnjährige neben ihm war kein gewöhnlicher Fall, den man nach erfolgreicher Arbeit zu den Akten legen konnte. Sie war sein ganz persönlicher Schützling. Und er würde sie nicht im Stich lassen. Unter gar keinen Umständen.

Als Mitchie und Gordon um kurz vor halb zwei schließlich eintrafen, nachdem sie sich direkt nach Rogans Anruf auf den Weg gemacht hatten, war dieser gerade damit beschäftigt, Tinas Fuß zu untersuchen, mit dem sie versehentlich falsch aufgetreten war. Zwar hatte die Braunhaarige mehrfach beteuert, dass es gar nicht so schlimm war, doch damit konnte und wollte der Junge sich nicht zufrieden geben.
Schließlich hatte er ihren Gesundheitszustand nun schon viel zu lange vernachlässigt, war zu sehr darauf fixiert gewesen, mehr über sie zu erfahren, anstatt sich um ihre Pflege zu kümmern. Dies holte er jedoch jetzt ganz vorbildlich nach, indem er nicht nur ihren umgeknickten Fuß behandelte, sondern ihr auch ein altes, wenn auch leicht übergroßes Sweatshirt, sowie eine Jeans überließ, damit sie endlich aus diesem klitschnassen Kleid herauskam.
Darüber hinaus hatte er ihr auch dabei geholfen, sich notdürftig zu reinigen, wenngleich er wusste, dass eine Dusche oder ein Bad bestimmt sinnvoller gewesen wären als der kleine Eimer mit heißem Wasser, den er im Augenblick zu bieten hatte. Und natürlich hätte er Tina liebend gerne mit in seine Wohnung genommen, ihr frische Anziehsachen gegeben und sie mit allem Notwendigen versorgt, das stand völlig außer Frage.
Doch solange er sich nicht mit Mitchie und Cat besprochen und das weitere Vorgehen festgelegt hatte, konnte er nicht schon wieder eigenmächtig handeln und einfach verschwinden, auch wenn er ganz genau wusste, dass Cat seine Idee mit Sicherheit alles andere als angebracht finden würde. Aber Rogan dachte nur logisch: Heute würden sie die Siebzehnjährige sowieso nirgendwo mehr unterbringen oder ihr großartig helfen können, das stand zweifelsfrei fest. Und sie hier auf diesem unkomfortablen Klappsofa übernachten zu lassen, war die reinste Zumutung.
Was lag da also näher als sie einfach in seine Wohnung zu bringen und ihr wenigstens für diese eine Nacht den Standard an Menschlichkeit zu bieten, den sie mehr als nur verdient hatte? Was brachte es, so spät noch in irgendeiner psychotherapeutischen Einrichtung anzurufen und sie dort abzuliefern?
Die Braunhaarige brauchte Ruhe. Sie musste sich erholen und war bestimmt alles andere als scharf darauf, schon wieder herumgeschoben zu werden wie ein Umzugskarton. Sie hatte sicherlich weder die Lust, noch die Kraft dazu, in irgendeine Klinik zu gehen und dutzende von Fragen gestellt zu bekommen, auf die sie selbst keine vernünftige Antwort wusste.
Nein, sagte Rogan sich entschlossen. Nein, das tat er diesem unschuldigen Mädchen nicht an. Nicht mehr heute Nacht. Heute Nacht würde er sie zu sich nach Hause bringen und sich nach Kräften um sie kümmern. Würde ihr die Gelegenheit geben, sich auszuruhen und möglicherweise das erste Mal seit langem wieder halbwegs normal zu schlafen.
Erst morgen würde er sich mit seinen beiden Kollegen zusammensetzen und darüber beraten, wie es weiterging. Morgen, wenn sie ihren eiskalten Körper wieder aufgewärmt und sich von ihrem Schock ein wenig erholt hatte, würden sie sich darüber austauschen, welche Maßnahmen man einleiten konnte. Und bis dahin würde er für sie da sein. Er würde alles in seiner Macht Stehende für sie tun – wenn es nötig war, auch die ganze Nacht hindurch.
„So“, meinte Rogan schließlich, nachdem er seine ausgiebige Untersuchung an ihrem Fuß zu Ende geführt hatte. „Ich bin zwar kein Arzt, aber soweit ich das beurteilen kann, ist nichts gebrochen. Wahrscheinlich bist du umgeknickt und hast dir eine Zerrung geholt. Aber trotzdem solltest du das von einem Fachmann untersuchen lassen. Nur um sicherzugehen“.
Die Braunhaarige nickte kurz und wollte etwas darauf erwidern, hielt mit diesem Vorhaben jedoch inne, als aus dem Nebenzimmer Stimmen zu ihnen herüberdrangen. „Rogan?“, flüsterte sie kaum hörbar, nicht in der Lage dazu, ihre Unsicherheit zu verstecken. „Hast... hast du das gehört? Was war das?“. „Keine Angst“, antwortete der Schwarzhaarige, dem das muntere Geplapper aus dem Büro keineswegs entgangen war. „Das sind nur meine Kollegen. Ich hab sie vorhin angerufen und darum gebeten, herzukommen“.
„Kollegen?“, wiederholte Tina und setzte augenblicklich einen misstrauischen Gesichtsausdruck auf. „Warum Kollegen? Was wollen sie hier? Und warum hast du sie angerufen? Was soll das?“. Von Panik ergriffen, wehrte sie den Jungen ab, als er ihr sanft über die Hand streicheln wollte, und setzte sich mit einem heftigen Ruck hoch. „Warum tust du das?“, fragte sie noch einmal, eine weitere Berührung von ihm konsequent abblockend. „Ich hab gedacht, du bist ehrlich, Rogan. Warum hintergehst du mich dann so?!“.
Wütend über den heimlichen Anruf, den er allem Anschein nach getätigt hatte, versuchte sie aufzuspringen, doch der Neunzehnjährige schnappte sich eilig ihre Hand und hielt sie zurück. „Ruhig“, redete er mit sanfter Stimme auf sie ein und streichelte sie bedächtig. „Ganz ruhig, Tina. Hab keine Angst. Es wird dir überhaupt nichts passieren. Meine Kollegen sind nur hergekommen, um dir zu helfen“.
„Wer sagt denn, dass ich ihre Hilfe will?!“, entgegnete sie schroff, woraufhin Rogan sich erhob und vor ihr in die Hocke ging. „Keine Angst“, wiederholte er dann und lächelte sie aufmunternd an. „Die beiden sind ganz nett. Sie werden dir nichts tun. Genauso wenig wie ich. Ich hab sie nur verständigt, damit sie sich ein Bild von der Situation machen können. Also bleib bitte ganz ruhig, okay? Dir passiert nichts. Absolut nichts, Tina, das verspreche ich“.
Wenn auch widerstrebend, gab die Braunhaarige schließlich ihren Protest auf und verschränkte beide Arme vor der Brust, stand seiner unaufgeforderten Aktion nach wie vor skeptisch gegenüber. „Was jetzt?“, fragte sie dann und nagte kurz auf ihrer Unterlippe herum. „Was wirst du jetzt tun, Rogan? Was hast du mit mir vor?“. „Nichts“, versprach der Schwarzhaarige aufrichtig, während er sich langsam wieder erhob. „Gar nichts habe ich vor, Tina. Ich werde nur meine Kollegen über die aktuelle Situation informieren und ihnen sagen, dass du unsere Hilfe brauchst. Aber bevor ich das tue, würde ich dir sehr gerne einen Vorschlag machen“.
„Vorschlag?“, hakte sie zögernd nach. „Welchen Vorschlag denn?“. „Deine Geschichte hat mich berührt“, erklärte er ihr aufrichtig. „Sie hat mich wirklich sehr berührt, Tina. Und deswegen will und werde ich dir auch helfen. Aber hier in der Lifeline habe ich nur begrenzte Möglichkeiten dazu. Darum würde ich dir sehr gern anbieten, dich heute Nacht mit zu mir nach Hause zu nehmen. Dort kannst du dich ausruhen, kannst dir frische Sachen anziehen und auch eine heiße Dusche nehmen. Was hältst du davon? Wäre das ein Angebot?“.
„Zu... zu dir?“, fragte sie vollkommen perplex, da sie mit diesem Vorschlag überhaupt nicht gerechnet hatte. „Zu dir nach Hause?“. „Ja“, antwortete Rogan und nickte zur Bestätigung. „Ich will dich nur ungern hier in der Lifeline übernachten lassen. Deshalb kannst du sehr gerne mit zu mir kommen, wenn du das möchtest“.
„Ist das dein Ernst?“, erkundigte sie sich erneut, konnte sein mehr als nur großzügiges Angebot immer noch nicht richtig fassen. „Willst du mich wirklich mit zu dir nehmen? Auch wenn du mich überhaupt nicht kennst?“. „Du hast mir doch von dir erzählt“, antwortete er und schenkte ihr ein herzliches Lächeln. „Dadurch hatte ich die Möglichkeit, dich ein bisschen kennenzulernen. Außerdem habe ich dir versprochen, dass ich für dich da bin. Und meine Versprechen halte ich auch. Also, was sagst du? Hättest du Lust, bei mir zu übernachten?“.
„Nun, ich... ich weiß nicht so recht“, antwortete Tina zögernd. „Das... das ist zwar ganz bestimmt lieb gemeint, Rogan, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das annehmen kann. Ich meine, ich will dir auf gar keinen Fall Umstände machen und...“. „Das sind keine Umstände, Tina“, erklärte der Neunzehnjährige abweisend und schmunzelte sie an. „Wirklich nicht. Ganz im Gegenteil: Ich würde mich sehr freuen, wenn du mitkommst“.
Ein paar Augenblicke lang schwieg sie, ließ sich seine Idee in aller Ausführlichkeit durch den Kopf gehen und wog gleichzeitig ihre Alternativen ab. Als ihr dabei bewusst wurde, dass sie im Grunde keine Alternativen hatte, gab sie sich schließlich geschlagen und ging auf das Angebot des neunzehnjährigen Jungen ein. „Okay“, meinte sie und blickte ihrem Gegenüber dabei direkt in die Augen. „Okay, Rogan. Ich komme mit. Aber nur für diese eine Nacht, okay? Ich will dir wirklich nicht zur Last fallen. Du hast schon genug für mich getan“.
„Mach dir darum bitte keine Gedanken“, antwortete der Schwarzhaarige ihr mit einem aufbauenden Schmunzeln. „Ich kümmere mich sehr gerne um dich“. „Warum?“, erkundigte sie sich erwartungsvoll. „Warum tust du das alles für mich, Rogan?“. „Weil ich dich mag“, klärte er sie auf und legte einen Moment lang seine Hand in ihre. „Ich mag dich sogar sehr, Tina. Außerdem habe ich dir versprochen, dass ich für dich da bin. Und wie ich schon sagte: Zu meinen Versprechen stehe ich“.
„Ich... ähm... ich mag dich auch“, musste das Mädchen offen zugeben und spürte ein verlegenes Lächeln über ihr Gesicht huschen. Bevor sie jedoch noch irgendetwas hinzufügen konnte, schwang die Tür zum Konferenzraum auf und Gordon betrat das Zimmer.
„Hier bist du“, rief er seinem Kollegen zu und schüttelte sich rasch ein paar Regentropfen aus den dunkelroten Haaren. „Mitchie und ich haben uns schon gefragt...“. Schlagartig hielt er inne, als er sich einen kurzen Überblick über die Lage verschaffte und den Jungen bemerkte, der neben Rogan auf dem Sofa saß. „Oh...“, meinte er und räusperte sich kurz, überrumpelt von dieser völlig unerwarteten Situation. „Oh, hallo. Ich... ähm... ich hab nicht gewusst, dass...“.
Er brachte es nicht fertig, seinen Satz vernünftig zu Ende zu sprechen, fixierte sich stattdessen auf den unbekannten Jungen, der seinem Blick sofort auswich und mit seiner Hand nach Rogan tastete. „Keine Angst, Tina“, sagte dieser daraufhin und legte ein sanftes Lächeln auf. „Ist alles gut, ja? Das ist nur mein Kollege Gordon. Er tut dir nichts“.
Verunsichert ließ die Braunhaarige ihre Augen noch einmal zu dem Benannten hinüberschweifen und musterte ihn, konnte trotz Rogans Zuspruch ihr Unbehagen nur sehr schwer unterdrücken. Doch der Neunzehnjährige wirkte beruhigend auf sie ein, indem er langsam ihre Hand streichelte und sie durch eine kurze Geste darum bat, sich noch einmal hinzulegen. „Ruh dich noch ein bisschen aus, Tina“, meinte er fürsorglich, als sie keine Anstalten dazu machte, auf seine Bitte einzugehen. „Ruh dich aus und versuch, dich ein wenig zu entspannen, okay? Ich gehe mit Gordon solange rüber ins Büro und erkläre ihm, was los ist“.
„Das würde mich allerdings auch interessieren“, erklang plötzlich die Stimme von Mitchie, der wenige Momente später hinter seinem rothaarigen Kollegen zum Vorschein kam. „Was geht hier vor sich, Rogan? Warum hast du uns so spät noch hierherbestellt? Und wer ist der Junge da?“. „Das erkläre ich euch sofort“, versprach der Neunzehnjährige, als er sich schließlich erhob und Tina dabei half, sich wieder hinzulegen. „Geht doch bitte schon einmal rüber ins Büro. Ich komme gleich nach“.
„Rogan, wer ist das?“, erkundigte sich nun auch Cat, die Bitte seines Kollegen dabei großzügig ignorierend. „Was hat das alles hier zu bedeuten?“. „Gleich“, wiederholte der Neunzehnjährige, ohne auf seine Nachfrage einzugehen und forderte die beiden erneut dazu auf, sich nach nebenan zu begeben.
„Na, auf die Geschichte bin ich jetzt aber mal gespannt“, erwiderte Mitchie, ehe er seiner Anweisung schließlich nachkam und gemeinsam mit Cat aus dem Zimmer verschwand. Mit einem aufmunternden Lächeln wandte Rogan sich noch einmal der Braunhaarigen zu und hob rasch ihre Perücke auf, die sie vorhin aus Verzweiflung heraus zu Boden geworfen hatte. „Hier“, sagte er, als er sie ihr ganz sanft in die Hand drückte. „Die möchtest du doch bestimmt wiederhaben, Tina“.
Sie nickte nur flüchtig, ehe sie das künstliche Haar an sich nahm und es einige Male hin und her drehte. „Und jetzt?“, wollte sie dann von dem Jungen wissen, der sich inzwischen auf den Weg zur Tür gemacht hatte. „Was machst du jetzt, Rogan? Was hast du vor?“. „Ich spreche mit meinen Kollegen“, antwortete er ihr und ließ ihr dabei einen fürsorglichen Blick zukommen. „Ich erkläre ihnen, was passiert ist und schildere ihnen deine aktuelle Situation. Und danach kannst du sehr gern mit zu mir kommen, sofern du immer noch damit einverstanden bist“.
„Ja“, antwortete das Mädchen und konnte dabei ein leises Schmunzeln nicht unterdrücken. „Ja, Rogan. Ich bin einverstanden. Aber wirklich nur dann, wenn es dir keine Umstände macht“. „Ach was, papperlapapp“, entgegnete der Neunzehnjährige schnell, ihr Schmunzeln herzlich erwidernd. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich dich mag. Deshalb kümmere ich mich wirklich sehr gern um dich, okay?“.
„Danke, Rogan“, sagte Tina bewegt, während sie sich kurzerhand die Perücke wieder aufsetzte. „Danke, dass du all das für mich tust. Du weißt gar nicht, wie viel mir das bedeutet“. Der Schwarzhaarige nickte rasch, um ihr zu signalisieren, dass er verstanden hatte, und schwang dann mit einem sanften Ruck die Tür auf. „Bis gleich, schöne Tina“, meinte er und winkte ihr flüchtig zu, um ihre entspannte Laune noch weiter zu stärken. Im Anschluss daran verschwand auch er aus dem Raum, um sich dem Gespräch mit seinen ungeduldig wartenden Kollegen zu stellen und sie über sein wohl durchdachtes Vorhaben in Kenntnis zu setzen.

„Wie zum Teufel kommst du eigentlich dazu, so etwas Bescheuertes anzustellen? Was denkst du dir dabei?!“. Von Unverständnis und Zorn getrieben, lief Cat nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit vor dem schwarzhaarigen Jungen auf und ab, konnte noch immer nicht richtig begreifen, was er ihm da eigentlich gerade erzählte. Dass er sich eigenmächtig auf den Weg gemacht hatte, um dieses Mädchen zu finden und hierherzubringen.
Selbst unter Rücksichtnahme auf die von Rogan vermuteten suizidalen Absichten der Siebzehnjährigen, die Cat bestmöglich aufzubringen versuchte, war es einfach nur naiv und grob fahrlässig, was er sich in dieser Nacht geleistet hatte. Auf eigene Faust loszuziehen und irgendwelche Suchaktionen durchzuführen, war weder rein logisch betrachtet sinnvoll, noch mit den Grundbestimmungen der Lifeline vereinbar. Es war ganz einfach nur dumm und unprofessionell, in Eigenregie zu ermitteln und einen auf Detektiv zu machen, nur um eine akute Selbstgefährdung zu verhindern.
Falls wirklich jemand die Absicht verfolgte, sich das Leben zu nehmen, dann war es einzig und allein Sache der Polizei, denjenigen zu finden und ihn nach Möglichkeit davon abzuhalten. Es zählte nicht zu Rogans Aufgabenbereich, persönlichen Kontakt aufzunehmen und sich ins Ungewisse zu stürzen. Sein Mitgefühl für das braunhaarige Mädchen hin oder her – aber damit hatte er eindeutig seine Kompetenzen überschritten. Darüber hinaus hatte er sich durch diese unüberlegte Aktion selbst einer sehr großen Gefahr ausgesetzt. Und das konnte weder Cat, noch die Lifeline in irgendeiner Form verantworten.
„Wieso machst du so etwas?“, zeterte er weiter, wollte sich noch nicht einmal von Mitchie beruhigen lassen, der im Gegensatz zu ihm eine kleine Spur von Verständnis für Rogans Alleingang aufbringen konnte. „Was hast du dir dabei gedacht, Rogan Keller? Warum hast du nicht die Polizei oder wenigstens mich verständigt? Ist dir eigentlich klar, was du getan hast? Ist dir bewusst, dass diese Sache auch ganz anders hätte ausgehen können?“.
„Ja“, murmelte Rogan zur Antwort, der die empfindliche Reaktion des Zweiundzwanzigjährigen bereits haargenau vorausgesehen hatte. „Ja, Cat, ich weiß. Ich weiß, dass ich mich falsch verhalten habe. Aber Tina hat mir so Leid getan. Ich musste ihr einfach helfen. Ich musste sie suchen und hierherbringen. Bitte versteh das doch“. „Ich verstehe nur, dass du die Vorschriften missachtet hast“, konterte der Andere, der vor Wut nach wie vor regelrecht kochte. „Du hast dich mit dieser bescheuerten Aktion selbst in Gefahr gebracht, ist dir das eigentlich klar? Dieser Anruf hätte genauso gut eine Falle sein können, um dich nach draußen zu locken. Und was wäre dann gewesen?!“.
„Mann, Gordon, jetzt beruhig dich doch bitte“, ergriff Mitchie plötzlich Partei für seinen schwarzhaarigen Kollegen. „Komm ein bisschen runter und denk mal darüber nach, was du an seiner Stelle gemacht hättest. Hättest du nicht auch so gehandelt und dich auf die Suche nach Tina gemacht?“. „Nein“, lehnte der Angesprochene forsch ab. „Das hätte ich mit Sicherheit nicht. Ich hätte die Polizei verständigt und ihnen alles erklärt. Aber niemals wäre ich auf eigene Faust losgezogen. Das ist unverantwortlich. Einfach nur unverantwortlich ist das!“.
„Die Polizei, ja klar“, kommentierte Mitchie und hatte das Bedürfnis danach, die Augen zu verdrehen, weil er Cats aufbrausendes Verhalten absolut nicht nachvollziehen konnte. „Als ob man in einer solchen Lage noch an so etwas denkt“. „Wie meinst du das, Mitch?“, wollte der Rotschopf wissen, der dem Argument seines Kollegen nicht so ganz folgen konnte. „Stell dir mal vor, du wärst an Rogans Stelle gewesen“, antwortete der Blonde und legte Rogan, der seinen Blick beschämt zu Boden geheftet hatte, einen Arm auf die Schulter. „Stell dir vor, du hättest den Anruf von dieser Tina bekommen und geglaubt, dass sie sich umbringen will. Glaubst du, du wärst in so einer Extremsituation noch fähig gewesen, logisch zu denken? Bestimmt nicht, Cat. Ganz bestimmt nicht. Wenn du den Verdacht gehabt hättest, dass sie einen Suizid plant, wärst du genauso panisch gewesen wie Rogan und hättest alles daran gesetzt, sie schnellstmöglich zu finden. Also hör bitte damit auf, ihn mit Vorwürfen zu überschütten und sein Fehlverhalten breitzutreten. Er hat absolut richtig gehandelt. Und wenn du nur einen Moment darüber nachdenkst, dann siehst du das auch ein“.
„Ich sehe nur ein, dass er gegen die Regeln verstoßen hat“, erwiderte Gordon unbeeindruckt. „Es war vollkommen unprofessionell, dass er persönlichen Kontakt zu dieser Tina aufgenommen und sie hierhergebracht hat. So etwas ist Sache der Polizei und geht uns überhaupt nichts an. Somit sind meine Vorwürfe also vollkommen berechtigt, Mitchell“. „Gar nichts ist berechtigt!“, konterte der blonde Junge entschlossen. „Überhaupt nichts, Cat. Rogan hat nur das getan, was jeder vernünftige Mensch in so einer Situation tun würde. Er hat sie davon abgehalten, irgendwelche Dummheiten zu machen. Und das rechtzeitig. Hätte er vorher noch rumtelefoniert, wäre es möglicherweise zu spät gewesen. Und was wäre dann?“.
„Du kannst dir diese Aktion schönreden wie du willst“, erklärte Gordon ausdrücklich. „Es ist und bleibt unprofessionell, was Rogan sich geleistet hat. So etwas kann ich nicht verantworten. Es kann nicht sein, dass er einfach eigenmächtig...“.
„Hört auf!“, schrie der Neunzehnjährige plötzlich dazwischen, dem diese unsinnige Diskussion langsam über den Kopf wuchs, und schlug Mitchies Arm von seiner Schulter. „Hört endlich auf, verdammt noch einmal!“. Perplex über diese vollkommen unerwartete Reaktion ihres Kollegen, verstummten die beiden Jungs augenblicklich, gaben nicht einmal mehr einen Mucks von sich.
„Das kann doch nicht wahr sein!“, fuhr Rogan sie an und ballte seine Hände zu Fäusten. „Das kann einfach nicht wahr sein, was ihr hier treibt! Da drin sitzt ein Mädchen, das ganz dringend unsere Hilfe braucht – und ihr zwei Kindsköpfe habt nichts Besseres zu tun als euch darüber zu streiten, wer von euch beiden Recht hat?!“.
„Rogan, wir...“, versuchte Mitchie zu erwidern, doch der Schwarzhaarige schnitt ihm harsch das Wort ab. „Ruhe!“, zischte er wütend, überschwemmt von seinem Mitgefühl für die siebzehnjährige Tina, und wies mit einer Hand hinüber zum Konferenzraum. „Dieses Mädchen ist durch die Hölle gegangen“, rief er aus und funkelte seine beiden Kollegen finster an. „Sie hat Dinge durchgemacht, die man nicht einmal seinem schlimmsten Feind wünscht. Sie hat keine Eltern mehr, keine Freunde und kein Zuhause. Man hat sie herumgeschubst und behandelt wie den letzten Dreck. Wie mangelhafte Ware, die man aussortieren kann. Aber sie ist keine Ware, zum Teufel! Sie ist ein Mensch. Und sie hat Gefühle!“.
Das traurige Schicksal des Mädchens berührte Rogan in diesem Augenblick so sehr, dass ihm eine kleine Träne über die Wange kullerte. „Die Kleine ist verzweifelt“, fuhr er dann fort, wobei seine Stimme beinahe bebte. „Sie ist so verzweifelt und braucht ganz dringend unsere Hilfe. Ihr Anruf bei mir war der letzte Ausweg, den sie noch wusste. Und ich bin froh, dass sie angerufen hat. Ich bin froh, dass ich sie gefunden habe, sonst wäre sie möglicherweise schon erfroren. Immerhin hat sie ja noch nicht einmal mehr vernünftige Kleidung bei sich. Auch die hat man ihr weggenommen. Man hat sie einfach fortgejagt wie lästiges Ungeziefer. Das ist unmenschlich! Das ist grausam und unmenschlich!“.
Rogan weinte, als er seinen Kollegen diese Worte entgegengeschleudert hatte, weil er in diesem Augenblick einfach nicht anders konnte. Die Geschichte des braunhaarigen Mädchens ging ihm viel zu nah, als dass er seine emotionale Distanz noch länger hätte aufrechterhalten können. Tina hatte nicht nur sein Herz, sondern auch seine Seele berührt – und er hätte sich nur selbst belogen, hätte er behauptet, dass ihre Erzählung rein gar nichts in ihm auslöste.
„Hey...“, startete Mitchie einen Versuch, ihn wieder ein bisschen zu beruhigen, doch der Schwarzhaarige wehrte ihn unsanft ab. „Die Kleine braucht mich!“, rief er aus und wischte sich rasch über die Wangen, was an seinem emotionalen Ausbruch allerdings auch nicht viel änderte. „Ich hab ihr versprochen, dass ich für sie da bin und sie unterstütze. Ich hab ihr versprochen, dass wir gemeinsam eine Lösung finden werden. Aber ihr zwei habt ja nichts Besseres zu tun als euch über mangelnde Professionalität zu streiten!“.
„Rogan“, erwiderte Cat in sanftem Ton, als er registrierte, wie nah seinem Kollegen die ganze Angelegenheit ging. „Rogan, bitte beruhig dich wieder. Beruhig dich, okay? Es tut mir Leid, was ich alles gesagt habe. Da habe ich mich wohl völlig falsch ausgedrückt. Ich wollte nur...“. „Falsch ausgedrückt, klar!“, wiederholte der Neunzehnjährige aufgewühlt und stieß Cats Hand von sich weg, als er sie ihm auf die Schulter legen wollte. „Du und deine gottverfluchten Vorschriften! Das ist doch das Einzige, was dir heilig ist. Dass deine blöden Regeln ganz brav eingehalten werden. Ob das jemanden das Leben kosten kann, ist dir doch schnurzpiepegal!“.
Tief in sich war Rogan natürlich klar, dass er es nicht so meinte, doch er war in diesem Moment so wütend, dass er gar nicht mehr richtig wusste, was er eigentlich sagte. „Du unterstellst mir, unprofessionell zu sein“, fuhr er aufgebracht fort. „Du hältst mich für naiv, weil ich Tina auf eigene Faust gesucht habe. Aber in der Zeit, die ich gebraucht hätte, um dich zu informieren, wäre sie möglicherweise erfroren oder hätte sich irgendetwas angetan. Sie hätte vielleicht irgendeine Dummheit gemacht, wenn ich nicht sofort nach ihr gesucht hätte. Und was dann? Dann wäre jetzt ein unschuldiger Mensch tot, nur weil du um jeden Preis deinen Sturkopf durchsetzen musstest! Nennst du das etwa ein professionelles Vorgehen, Gordon?!“.
Diese Worte trafen den Zweiundzwanzigjährigen einerseits tief, machten ihm aber andererseits auch bewusst, dass Rogan absolut Recht hatte. Vielleicht wäre es für Tina wirklich zu spät gewesen, wenn der Schwarzhaarige sich nicht sofort auf die Suche nach ihr gemacht hätte. Vielleicht hätte sie ein Anruf bei ihm tatsächlich das Leben gekostet. Vielleicht waren seine Vorschriften doch nicht so makellos wie er bisher immer geglaubt hatte.
„Rogan, bitte!“, schaltete sich Mitchie wieder ein, der von der Überreaktion seines jüngeren Kollegen ziemlich entsetzt war. „So etwas kannst du doch nicht sagen. Cat ist doch wirklich darum bemüht...“. Er unterbrach sich, als der rothaarige Junge eine Hand hob und seinen Blick dann zu einer schuldbewussten Miene verzog. „Lass, Mitchie“, sagte er leise, hatte inzwischen begriffen, dass er derjenige war, der sich falsch verhalten hatte. „Lass gut sein. Rogan hat Recht. Er hat mit allem Recht, was er sagt“.
Mit diesen Worten nahm er den Neunzehnjährigen an die Hand und streichelte sie kurz, damit er sich wieder ein bisschen beruhigte. „Es tut mir Leid“, entschuldigte er sich nochmals bei ihm und senkte beschämt den Kopf. „Es tut mir Leid, dass ich dich so angefahren habe, Rogan. Natürlich kann ich dir keinen Vorwurf daraus machen, dass du nach Tina gesucht hast. Du wolltest ihr schließlich nur helfen. Und das war richtig. Das war absolut richtig von dir“.
„So plötzlich?“, entgegnete der Schwarzhaarige noch immer verletzt. „Ich dachte, das war vollkommen unprofessionell und dumm“. „Nein“, lehnte Cat aufrichtig ab, der seine harten Worte inzwischen mehr als bereute. „Nein, Rogan, das war es nicht. Wenn hier jemand unprofessionell ist, dann bin ich das. Ich hätte dich nicht so fertigmachen dürfen. Immerhin hast du Tina gerettet. Das ist es, was zählt. Und nicht irgendwelche blöden Regeln“. Rasch reichte er ihm die Hand und legte einen reumütigen Ausdruck auf. „Wieder gut?“, wollte er wissen, woraufhin der Neunzehnjährige nach einigem Zögern schließlich einschlug und schmunzelte. „Wieder gut, Cat“, erklärte er, ehe er für einen Augenblick noch einmal ernst wurde. „Aber nur unter einer Bedingung“.
„Ja?“, erkundigte sich der Zweiundzwanzigjährige erwartungsvoll. „Welche denn?“. „Wir verschwenden keine Zeit mehr mit unnötigen Diskussionen, sondern helfen Tina“, antwortete Rogan entschlossen. „Die Kleine braucht uns jetzt. Sie braucht uns wirklich. Außerdem hab ich sie schon viel zu lange alleingelassen“. „Natürlich machen wir das“, stimmte der Rotschopf rasch zu und nickte zur Bestätigung. „Natürlich kümmern wir uns um sie. Hast du dir denn schon überlegt, womit man ihr helfen kann?“.
„Keine Sorge, Cat“, erklärte der Neunzehnjährige überzeugt und musste aus irgendeinem Grund leise schmunzeln. „Ich hab da schon so eine Idee“.
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