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Stranger from the DARK

KurzgeschichteMystery, Liebesgeschichte / P16 / Het
Adam / Jonas Kahnwald OC (Own Character)
19.01.2018
19.01.2018
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6.229
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Ich grüße Euch! :-)
Wie immer mal wieder gibt es zwischendurch (während meiner Arbeit am 3. Roman) eine kurze Fanfiktion von mir, wenn mich ein Film, Serie, speziell ein Charakter daraus besonders inspiriert hat, wie es bei „Dark“ der Fall war. Dieser gefühlvolle One Shot deutet die Handlung der Serie zunächst nur an, aber ich schreibe gerade an einer Fortsetzung.
Und jetzt viel Vergnügen beim Lesen. Bis bald, Euer Dreamer


...


Es war dunkel und nasskalt, als ich nach draußen ging, um den Müll in die Tonne zu werfen. In der Luft waren unzählige, winzige Wassertropfen gefangen, die sich an allem festsetzten und das Atmen erschwerten. Durch den Dunst konnte man kaum weiter als fünfzig Meter sehen.
Als ich den Deckel der Tonne herunter klappte und mich dem kleinen Bungalow zuwandte, in dem ich wohnte, stand plötzlich eine Gestalt neben der riesigen alten Eiche, die das Grundstück säumte. Mein Haus war das letzte in der Straße und außer dem Postboten und Leuten, die mich besuchen wollten, verirrte sich kaum jemand in das bergauf gelegene Ende dieser Sackgasse.
Ich erschrak, jedoch nur für einen Moment, denn vor mir stand ein junger Mann, der gerade erst das Erwachsenenalter erreicht hatte. Die Haare waren zerzaust, er trug eine gelbe Regenjacke über einem schwarzen Pulli und war völlig durchnässt. Er zitterte leicht und sein Blick wirkte gehetzt. War er etwa vor etwas auf der Flucht? Er war aus Richtung des Waldes gekommen, nicht aus dem Ort.
Reglos beobachtete ich ihn und während ich überlegte, welche Handlung am klügsten wäre, stellte er mir eine Frage, die mir einen Schauer über den Rücken jagte und mich an seinem Verstand zweifeln ließ.
„Welches Jahr haben wir?“
Unbehagen befiel mich, denn diese Frage konnte bedeuten, dass er womöglich aus einer psychiatrischen Einrichtung geflohen war und somit eine nicht unerhebliche Gefahr darstellte. Geistig verwirrte Menschen waren unberechenbar.
Ungeduldig trat er einen Schritt auf mich zu und wiederholte seine Frage etwas lauter. Unwillkürlich zuckte ich zusammen und wich ebenso einen Schritt zurück, doch das Geländer der kleinen Treppe, die zu meiner Haustür führte, hinderte mich daran.
Der Blick des jungen Mannes drückte Verzweiflung aus und ich beschloss, ihm die Frage ruhig und ehrlich zu beantworten. Somit war die Chance am größten, dass er gleich wieder verschwand. „2017.“
Er riss die Augen auf und ich glaubte plötzlich, Tränen in ihnen schimmern zu sehen. „Das…“ seine Unterlippe zitterte, „…das kann nicht sein“ flüsterte er heiser und schüttelte den Kopf, „das kann nicht sein… es sind doch immer 33 Jahre…“
Aus seinem Gestammel wurde ich nicht schlau und hoffte, dass er schnell wieder verschwand. „Hör zu“ versuchte ich es mit ruhiger Stimme, „weiter unten im Dorf ist eine Kneipe, vielleicht kann Ihnen da jemand weiterhelfen. Sie müssen nur die Straße runter und an der Kirche…“
Plötzlich schluchzte er auf und sank auf die Knie, so dass ich verstummte und ihn anstarrte. Was war mit ihm los? Sollte ich ins Haus rennen und die Polizei rufen?
Das wäre wohl am vernünftigsten gewesen, denn der junge Mann benötigte offensichtlich Hilfe. Aber er tat mir auf einmal leid, wie er dort so völlig verzweifelt am Boden kauerte. „Es müssen 33 Jahre sein… ich bin hier falsch.“ wimmerte er und ich hatte nicht die geringste Idee, was er damit meinte. Seine Hände krallten sich in den nassen Untergrund und ich erkannte, dass er einen Rucksack trug.
Langsam ging ich auf ihn zu, vielleicht konnte ich ihm ja doch irgendwie helfen. „Soll ich… Sie irgendwohin fahren?“ bot ich an, obwohl ich einen so offensichtlich verwirrten Fremden weder in mein Haus, noch in mein Auto lassen sollte.
„Ich muss zurück..“ keuchte er plötzlich und begann, auf allen Vieren in die Richtung zu kriechen, aus der er gekommen war, „… zurück zur Höhle.“
Er schien zu erschöpft, um wieder aufzustehen, außerdem hatte ihn die feuchte Luft bis auf die Haut durchnässt. Wer wußte schon, wie lange er hier bereits durch die Gegend irrte. Ich beschloss, noch nicht die Polizei zu rufen, sondern mir erst selbst ein Bild von der Lage zu machen.
„Warten Sie“ rief ich und lief auf ihn zu. Doch er kroch weiter, Wassertropfen perlten von seinen Haaren und er murmelte: „zurück zur Höhle…“
Als ich ihn erreicht hatte, ging ich neben ihm in die Hocke, „Welche Höhle meinen Sie? Es gibt hier keine Höhle“ sagte ich.
Er verharrte in der Bewegung und sein Kopf ruckte herum, fassungslose, tränenfeuchte Augen starrten mich an. Sein Körper zitterte vor Kälte und die blassen Lippen bebten. „Was?“ hauchte er ungläubig. Er musste dringend ins Trockene, wenn er sich keine Lungenentzündung zuziehen wollte. So konnte ich ihn unmöglich wieder in den Wald zurück lassen.
Sein beinah panischer Blick aus aufgerissenen Augen wechselte zwischen meinen hin und her. „Doch… doch, da ist eine Höhle, durch die bin ich gekommen.“
Erneut zweifelte ich an seinem Verstand oder aber er musste etwas Schlimmes erlebt haben, das ihn so durcheinandergebracht hatte.
„Ich muss dahin…“ sagte er tonlos und kroch weiter.
„Bitte, es gibt hier keine Höhle, glauben Sie mir. Ich kenne diesen Wald seit meiner Kindheit“ sagte ich und fasste ihn an der Schulter. Erneut erstarrte er und blickte zu mir zurück. In seinen Augen lag eine so tiefgründige Traurigkeit, wie ich sie nie zuvor bei jemandem gesehen hatte, schon gar nicht bei einem so jungen Menschen. Es war offensichtlich, dass er seit Tagen nicht oder nur sehr schlecht geschlafen hatte und dass ihn etwas Großes belastete.
„Gehen Sie nicht wieder zurück, Sie müssen ins Warme! Ich werde Ihnen Hilfe holen…“
„Nein“ keuchte er entschlossen, wand sich aus meinem Griff und rappelte sich mühsam auf die Beine, stolperte fort von mir in Richtung Wald.
„Warten Sie“ rief ich erneut und war nun fest entschlossen, ihn nicht seinem Schicksal zu überlassen, denn ich war mir inzwischen sicher, dass von ihm keine Gefahr ausging, er schien ganz andere Sorgen zu haben. „Bitte!“ Ich griff nach seinem Arm und tatsächlich hielt er inne, blickte mich verzweifelt an. Die Spuren der Tränen auf seinen Wangen waren von der Feuchtigkeit der Umgebung nicht zu unterscheiden und ich wollte jetzt wissen, was mit ihm los war. „Bitte kommen Sie rein und wärmen sich auf. Ich habe etwas zu essen gekocht.“
An seiner Lippe und der rechten Augenbraue erkannte ich kleinere Wunden, die von getrocknetem Blut gesäumt waren. „Sie essen etwas und können mir erzählen, was passiert ist… natürlich nur, wenn Sie das möchten.“
Diesmal protestierte er nicht, vielmehr schien er am Ende seiner Kräfte. Noch einmal verzog er die Mundwinkel, unterdrückte jedoch ein Schluchzen, bevor er sich schicksalsergeben umwandte und mir ins Haus folgte.
Behutsam nahm ich ihm die völlig durchnässte Regenjacke ab und hängte sie ins Badezimmer. Er hatte die Arme um seinen Körper geschlungen und zitterte furchtbar. Auch sein Pullover war durchnässt, ebenso wie die mit Schlamm und Schmutz verschmierte Jeans, zudem hatten seine Lippen einen bläulichen Schimmer angenommen, so dass es höchste Zeit zum Handeln war. Wer konnte schon sagen, wie lange er sich bereits dort draußen befand.
Ob seine Familie ihn als vermisst gemeldet hatte?
Doch darüber konnte ich jetzt nicht nachdenken, er musste aus diesen Sachen raus, wenn er nicht ernsthaft krank werden wollte. Ich entschuldigte mich für einen Moment und eilte ins Schlafzimmer, um in meinem Kleiderschrank zu wühlen. Ich fand etwas, das ihm passen konnte und holte außerdem eine Wolldecke und dicke Socken heraus.
Nachdem keine Gefahr von ihm ausging, hatte mich das Mitleid nun voll im Griff.
Zurück bei ihm drückte ich ihm die Sachen in die Hand und bat ihn in mein Badezimmer, damit er sich umziehen konnte. Ich schloss die Tür und machte mich daran, den Tisch für zwei zu decken. Während er sich aufwärmte, konnte er etwas essen und vielleicht würde er dann mit der Sprache herausrücken, warum er derart neben der Spur war.
Es vergingen mehrere Minuten und ich setzte mich, als alles vorbereitet war, an den Tisch und wartete. Im Bad vernahm ich das Rauschen von Wasser. Nachdem es abgestellt war, dauerte es nicht lange, bis die Tür leise geöffnet wurde.
Ich hoffte, es ging ihm nun ein wenig besser. Zögernd blickte er um die Ecke und erkannte mich am Tisch sitzen. Sein blondes Haar war trockengerieben und mit den Händen notdürftig in Form gebracht, Der angedeutete Seitenscheitel und der Schnitt bis knapp über Ohrlänge passten gut zu ihm und rahmten sein Gesicht ein.
Schüchtern blieb er stehen und noch immer lag dieser unsagbar traurige und verzweifelte Ausdruck in seinen Augen. Er war noch so jung, aber schon so sehr von Schmerz gezeichnet, das passte nicht zusammen. Andere Männer in seinem Alter schweiften von Party zu Party, hatten eine mehr oder weniger feste Freundin und erfreuten sich ihres Lebens, unbeschwert wie es sein sollte. Aber er, der hübsche Unbekannte, war das Gegenteil von alldem.
„Möchtest du dich setzen?“ fragte ich lächelnd.
Seine unsichere Körperhaltung und der gepeinigte Blick blieben, doch wenigstens zitterte er nun nicht mehr. Er war in einen warmen Pulli und eine Jogginghose von mir geschlüpft, die ihm nur bis zu den Knöcheln reichte, seine Füße steckten in warmen Socken und die Wolldecke lag über seinen Schultern.
„So ist es besser, oder?“ stellte ich fest, während er sich ganz langsam auf dem Stuhl mir gegenüber niederließ. „Ich habe Tee gekocht oder möchtest du lieber ein Glas Wasser?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, schon gut, vielen Dank.“
Ich goss uns ein und verteilte das Essen auf den Tellern. „Lass es dir schmecken“ sagte ich, obwohl sich mein Appetit in Grenzen hielt. Viel mehr waren meine Gedanken von Neugierde geprägt, was er zu erzählen hatte und ob er das überhaupt wollte.
Zunächst lächelte ich über seinen Hunger, denn nach dem ersten Bissen begann er, hastig alles in sich hinein zu schlingen. So schlecht waren meine Kochkünste offenbar nicht. Als er mein Lächeln bemerkte, blickte er mich mit gesenktem Kopf schüchtern an und murmelte mit vollem Mund eine Entschuldigung.
„Kein Problem“ grinste ich, „iss so viel du möchtest, ich habe genug.“
Tatsächlich schaufelte er auch noch eine zweite Portion in sich hinein, bevor er die Gabel beiseitelegte und sein Glas mit dem inzwischen lauwarmen Tee austrank. Dann lehnte er sich zurück, so gesättigt lag schon wesentlich mehr Ruhe in seinem Blick.
Seine Augen wanderten zu dem Kamin, in dem Feuer knisterte und eine wohlige Wärme verbreitete, dennoch zog er die Decke wieder enger um seine Schultern. Offenbar kam die Kälte, die ihn noch immer befiel, von innen. Minutenlang starrte er gedankenverloren in die Flammen, während ich seine Silhouette und den rötlichen Schimmer in seinen geweiteten, nun wieder trauriger wirkenden Augen betrachtete. Gedanklich schien er sehr weit weg zu sein und ich beschloss, ihn in Ruhe zu lassen.
Vorsichtig nahm ich die Teller vom Tisch, um sie in die Küche zu tragen. Doch kaum war ich aufgestanden, kehrte sein Blick zu mir zurück und er schien sich an seine Manieren zu erinnern. Augenblicklich legte er die Decke über die Stuhllehne und stand auf, um mir zu helfen. „Bleib doch sitzen, das bisschen schaffe ich auch alleine“ sagte ich, doch er nahm mir die Teller entschlossen aus der Hand und trug sie nach nebenan. „Das ist das mindeste, was ich tun kann“ entgegnete er. „Ich danke dir für deine Gastfreundschaft.“
Doch ich winkte ab. „Nicht der Rede wert. Du warst eindeutig in Not und da kann ich nicht anders.“ Ich machte eine ausladende Bewegung in Richtung meines großzügigen Sofas. „Setzen wir uns noch einmal?“
Der junge Mann nickte, nahm die Wolldecke vom Stuhl und wartete, bis ich Platz genommen hatte. Dann setzte er sich neben mich und bot mir ein Stück der Decke an, woraufhin ich sie mir lächelnd über die Knie legte. „Danke.“
Die Sitzfläche des Sofas war breit genug, dass man beim Sitzen die Beine ausstrecken konnte.
„Soll ich deine Kleidung waschen und trocknen? Du könntest heute Nacht hier auf der Couch schlafen und dich morgen früh mit frischen Sachen auf den Weg machen?“
Forschend blickte er mich an, ohne zunächst auf meine Frage einzugehen. „Du sagtest doch, dass das, wohin ich will, nicht existiert?“
Ich schluckte, als ich mich an seine Worte der mysteriösen Höhle erinnerte und nickte langsam. „Wenn du noch immer diese Höhle meinst, dann ja, ich habe sie nie gesehen. Und ich kenne diesen Wald sehr gut.“
Seine Kiefer mahlten aufeinander, es fiel ihm sichtlich schwer, sich mit dieser Annahme anzufreunden. „Dann lass uns morgen zusammen dorthin gehen“ sagte er schließlich mit leicht bebender Stimme, „entweder hast du recht oder ich…“
Erneut nickte ich langsam. „In Ordnung.“
Sein durchdringender Blick, der so sehr nach Antworten suchte, nahm mir die Luft zum Atmen, so dass ich abrupt aufstand. „Ich stelle jetzt die Waschmaschine an“ sagte ich und ging ins Badezimmer, ohne noch einmal zurückzublicken. Tief holte ich Luft, stopfte die verschmutzte Kleidung in die Waschmaschine, füllte Pulver ein und stellte sie an. Danach ging ich zu ihm zurück und beschloss, ihm jetzt etwas genauer auf den Zahn zu fühlen.
Sein Blick ruhte zunächst wieder in den wärmenden Flammen, doch sah er mich sofort an, als ich mich zu ihm setzte. „Was ist dort?“ fragte ich geradeheraus, „in der Höhle, die du suchst, was soll dort sein, das dir so wichtig ist?“
Ich sah ihn an und erwartete eine Antwort, doch diese blieb zunächst aus. Sein Blick war erneut erfüllt von einer Traurigkeit, die nicht erst seit gestern entstanden sein konnte. Schon lange musste ihn etwas quälen, das ich jetzt versuchen wollte, aus ihm herauszubekommen.
„Du kannst mir alles sagen. Auch wenn wir uns nicht kennen, von mir erfährt niemand etwas, das kannst du mir glauben.“
Seine Augenlider zuckten und sein gesamter Körper bebte aufgrund dieser Angst, die ich nicht deuten konnte. „Das… ist es nicht. Aber…“ wie willst du mir glauben, wenn es nicht einmal die Menschen können, die es betrifft?“
Seine Frage war mir ein Rätsel, wie überhaupt alles, was das anging.
Ich hob die Schultern und wich seinem Blick nicht aus, der an meinem festzuhalten schien. „Versuche es einfach.“
Kurz senkte er den Kopf und seine Schultern kippten nach vorne. Es schien, als sei er plötzlich von aller Kraft verlassen. Doch kurz darauf richtete er sich wieder auf, zog die Beine eng an den Körper und legte sein Kinn auf den Knien ab. „Durch diese Höhle muss ich in die Vergangenheit reisen, um ein Verbrechen an meinem Vater zu verhindern.“
Erschrocken riss ich die Augen auf. Was erzählte er mir da? Und so fest seine Stimme dabei war, so überzeugt wirkte er auch. Er musste tatsächlich den Verstand verloren haben, obwohl er nicht so wirkte. Das machte mir Angst und plötzlich bereute ich es wieder, mir einen geistig Verwirrten ins Haus geholt zu haben.
Ich versuchte, mich unauffällig ein Stück von ihm zu entfernen, doch plötzlich legte er seine Hand auf mein Bein und blickte mich durchdringend an. „Bitte, ich weiß, es klingt verrückt. Aber wenn du mir nicht glaubst, dann mache ich mich morgen früh sofort auf den Weg und du musst mich nie wieder sehen. Aber du wolltest meine Geschichte erfahren, dann höre sie auch zu Ende an, in Ordnung…?“
Mit großen Augen starrte ich ihn an und erkannte das Flehen in dem Blau der seinen. Das Knistern des Feuers hallte auf einmal unangenehm laut in meinen Ohren wider und ich war noch immer bereit, aufzuspringen. Dennoch beschloss ich, seiner eindringlichen Bitte nachzukommen. Und so nickte ich und entspannte mich wieder ein wenig.
Dankbar setzte auch er sich wieder lockerer hin, wandte mir jetzt jedoch sein Gesicht zu. „Ich weiß, wie sich das anhören muss. Ich hätte mir auch nie vorstellen können, dass mir so etwas passiert. Aber diese Höhle dort draußen ist etwas ganz Besonderes. Menschen, die dort hineingehen, verschwinden und ich habe endlich herausgefunden, dass sie in der Vergangenheit wieder auftauchen – oder in der Zukunft, je nachdem, welche Abzweigung sie nehmen…“
Erneut schüttelte ich heftig den Kopf. „Das ist verrückt! So etwas gibt es nicht! Diese Höhle existiert nicht, das habe ich dir doch gesagt. Was zur Hölle hast du dort draußen sonst gesucht?“
Nun wirkte er enttäuscht. Enttäuscht davon, dass ich ihm noch immer nicht glaubte. Er musste realisieren, dass er mit seinem Problem ganz alleine war.
„Was ist mit deiner Familie?“ wollte ich stattdessen wissen. „Du wohnst doch sicher noch zuhause?“
Sein Alter schätzte ich auf ungefähr zwanzig und mir fiel auf, dass ich noch nicht einmal seinen Namen kannte.
Erneut spiegelte sich Enttäuschung in seinem Blick, offenbar lief etwas in seinem Leben alles andere als rund. Ein Seufzen seinerseits unterstrich diese Annahme und er senkte den Kopf, bevor er weitersprach: „Ich bin ein Einzelkind und lebe noch bei meiner Mutter. Mein Vater ist gestorben, als ich noch klein war…“
Ich war verwirrt und unterbrach ihn: „Aber du sagtest doch, dass du ein Verbrechen an ihm verhindern willst?“
„Ja, eines in der Vergangenheit, damit ich überhaupt erst existieren kann.“
Seine Aussprache war klar und deutlich, jedoch rätselhaft und somit angsteinflößend. Zeitreisen existierten einfach nicht, dennoch stellte ich ihm spontan eine Frage: „Aber wenn du alles so lässt und nichts unternimmst, dann lebst du doch?“
Eine ganze Weile blickte er mich forschend an und stellte schließlich fest: „Deine Frage schließt aus, dass du an meinen Worten zweifelst!“
Erstaunt weiteten sich meine Augen aufgrund seiner gewählten Ausdrucksweise. Bis auf seinen Spleen mit der Zeitreiserei machte er einen äußerst klugen und für sein Alter auch vernünftigen Eindruck. „Meine Zweifel sind weiterhin vorhanden und ich denke, du solltest die Finger von diesem Thema lassen. Es macht dich zum Außenseiter und erschwert unnötig dein Leben.“
„Unnötig findest du das?“ fragte er vorwurfsvoll und blickte mich direkt an, „meine Familie wieder zusammenzuführen? Und ein Außenseiter bin ich ohnehin schon. Viele der Gleichaltrigen halten mich für verrückt... so wie du!“
Als ich nicht sofort antwortete, nickte er selbstbestimmt und der Schein des Feuers spiegelte sich verstärkt in den Tränen, die nun in seine Augen traten. Das Glitzern versetzte mir einen Stich. Keinesfalls wollte ich ihn kränken oder verletzten, aber ich war mir sicher, dass ein junger Mann sich nicht mit solchen Hirngespinsten belasten sollte. Er schien so schwer mit seinem Schicksal zu hadern, dass er keinen anderen Ausweg sah.
Wie sollte ich ihm dabei helfen?
„Hör zu…“ begann ich und wollte ihn mit Namen ansprechen, „… wie heißt du eigentlich?“
Er schluckte gegen die Tränen und bemühte sich um eine klare Stimmlage. „Jonas.“
„Ich wollte dich keinesfalls kränken Jonas, oder mich negativ über deine Familienverhältnisse auslassen. Aber das alles klingt so abstrakt und ich kenne dich schließlich überhaupt nicht. Aber wenn es irgendetwas gibt, das ich für dich tun kann, dann sag es mir. Ich werde alles daran setzen, damit du an dein Ziel kommst, in Ordnung?“
Mit großen, ehrlichen Augen sah ich ihn an, meinte jedes meiner Worte ehrlich und unterstrich sie damit, dass ich meine Hand um seine legte. Er nickte, wirkte aber weiterhin unglücklich, während ich weiterhin nicht wußte, was sein Geheimnis war.
Ich sah ihn mit weiteren Tränen ringen und diesen Kampf schließlich verlieren. Schmerzlich verzog er das Gesicht und senkte den Kopf. Vielleicht war es nur die Erschöpfung, die ihn befiel oder es gab noch andere unausgesprochene Dinge, von denen er mich nichts wissen ließ. Ein Schluchzen entwich ihm und seine Schultern begannen zu beben, während er in gebeugter Haltung vor mir saß. Seine Hand, die noch immer in meiner lag, umklammerte diese nun fester.
„Hey“ sagte ich leise und fuhr ihm durch die Haare, „ist ja schon gut. Ich versuche, dir zu glauben und morgen machen wir uns gemeinsam auf die Suche nach dieser Höhle, ja? Aber heute Nacht schläfst du dich erstmal hier aus, in Ordnung?“
Der junge Mann saß weiterhin gebeugt und schluchzend vor mir, schien kaum Kraft zu haben, sich zusammenzureißen. Erneut stieg mein Mitleid sprunghaft an und ich nahm ihn behutsam in die Arme. „Bitte weine nicht mehr, das tut mir weh. Wir bekommen das schon hin und ich helfe dir so gut ich kann“ flüsterte ich in sein Ohr und streichelte ihm über den Rücken.
Ein Wimmern entwich ihm, bevor auch er die Arme um mich schlang und sich regelrecht an mich drückte. Nun erst brach eine Flut von Tränen hervor und er weinte herzzerreißend. Ich drückte ihn an mich, fuhr mit der Hand immer wieder über den Rücken und durch seine Haare, um ihm Trost zu spenden. Er musste wirklich Schlimmes erlebt haben und ich hoffte für ihn, dass er zur Ruhe finden würde.
Minutenlang hielten wir uns in den Armen, während all die Trauer, die schon die ganze Zeit in seinen Augen sichtbar gewesen war, aus ihm herausbrach und die enorme Anspannung irgendwann einer tiefen, befreienden Entspannung wich.
Als die letzten Tränen versiegt waren, strich er mit seiner feuchten Wange an meiner entlang. „Tut mir leid“ flüsterte er mir ins Ohr und ich spürte den Hauch seines Atems auf meiner Haut.
„Nicht der Rede wert“ gab ich zurück und fuhr ihm noch einmal durch die weichen Haare in der Annahme, dass er sich nun von mir löste. Doch stattdessen tasteten sich seine Lippen hauchzart meinen Hals entlang und auf der gegenüberliegenden Wange fühlte ich seine Hand, die mich sanft in Position hielt. Einen Moment lang wagte ich nicht zu reagieren, zum Teil aus Überraschung, zum anderen aus der Sorge heraus, mit einer zu heftigen Reaktion erneut etwas Negatives in ihm auszulösen,
Sein Atem streifte den Pfad seiner Tränen, den er auch auf meiner Haut verteilte und seine Lippen erreichten mein Ohrläppchen. Ich schloss die Augen und ein Schauer durchlief meinen Körper. Die angenehmen Gefühle wurden jedoch durch das Wissen gedämpft, dass ich vom Alter her seine Mutter sein könnte und er zudem ein völlig Fremder war.
In diesem Wissen wich ich ein Stück von ihm zurück, wurde jedoch von seinen Fingern aufgehalten, die sich sanft um meinen Nacken legten. Für Sekunden erhaschte ich den Blick in seine tränenfeuchten Augen, die unter schweren Lidern hingen und mich sehnsuchtsvoll anblickten. Ich musste schlucken und wollte etwas sagen, doch mir fiel nichts ein. Mein Verstand reagierte verlangsamt, denn dieser Anblick paralysierte mich.
Offenkundig reagierte ich einen Moment zu langsam, denn Jonas neigte den Kopf ein wenig und senkte seine Lippen auf meine. Zunächst ebenso hauchzart, wie sie zuvor meinen Hals erkundet hatten, doch als ich nicht reagierte, weil ich nicht in der Lage dazu war, begann er mich zaghaft zu küssen.
Ein Seufzen unterdrückend hauchte ich ein „Bitte…“ gegen seinen Mund und hoffte, dass er meinen schwachen Widerspruch akzeptieren würde. Doch er verstand ihn nicht oder wollte ihn nicht verstehen, flüsterte seinerseits „bitte küss mich…“ und schloss die Augen. Es fiel mir unsagbar schwer, ihm dies abzuschlagen und obwohl mein Verstand warnte, dies sofort zu unterbrechen, reagierte mein Körper auf seine Zärtlichkeiten. „Bitte…“ forderte er noch einmal und brachte meinen Widerstand zum Einstürzen. Okay, ein einziger Kuss sagte ich mir, danach würde ich in mein Schlafzimmer verschwinden und ihm eine gute Nacht wünschen.
Vorsichtig ging ich auf seine Berührungen ein, strich seine Lippen entlang und spürte dabei eine Schar lange verborgen gebliebener Schmetterlinge in meinem Bauch aufsteigen.
Was tat dieser junge Fremde mit mir?
Durch meine Reaktion offenbar etwas mutiger geworden, brachte er kurz darauf auch seine Zunge mit ins Spiel, stupste in der stummen Bitte um Einlass gegen meine Lippen. Ohne wirklich darüber nachzudenken ließ ich ihm Zutritt, war zu fasziniert von den Gefühlen, die mich durchströmten. Ich nahm den salzigen Geschmack seiner Tränen wahr, was mich noch einmal beflügelte. Mit geschlossenen Augen und mich nur auf diese Berührung konzentrierend küsste ich ihn und spürte, dass es genau das war, was er wollte und offenbar auch das, wonach ich mich sehnte.
Das Knistern des Feuers und die Wärme des Kamins untermalten diese Szene und Jonas streifte sich die Decke von den Schultern. Er drängte mich ein Stück zurück, seine Hand stützte gleichzeitig meinen Nacken und er verstärkte noch einmal den Kuss. Ich spürte, wie mir mit jeder Sekunde die Kontrolle mehr entglitt und mein Verstand noch einmal versuchte, mich zu ermahnen. Jonas konnte schließlich nicht wissen, ob ich verheiratet war oder einen Lebensgefährten besaß, der jeden Moment durch die Tür hereinkommen könnte. Doch da ich bisher dahingegen nichts geäußert hatte, ging er wohl davon aus, dass dies nicht der Fall war.
Seine Zunge in meinem Mund, wie sie zärtlich mit meiner rang, verhinderte ein vernünftiges Denken, ich schmeckte ihn, fühlte seine Wärme und wurde so immer mehr zu Wachs. Daran änderte sich auch nichts, als seine Hand unter mein Oberteil wanderte und sanft meine Brüste berührte. Vielmehr entwich mir ein Seufzen, das ich gerne verhindert hätte.
„Ich möchte…“ hauchte er mit halb geschlossenen Augen, „etwas Positives fühlen.“
Aber ich war die Ältere und sollte die Kontrolle behalten. Dies schien mir auch zu gelingen, als seine Finger plötzlich zaghaft unter meinen Hosenbund glitten. „Halt“ sagte ich atemlos und griff nach seinem Handgelenk. Unsere Blicke trafen sich und ich sah den Schleier in seinen Augen, der sich zweifellos auch in meinen widerspiegelte. Die Traurigkeit war weitgehend der Begierde gewichen, was eine unglaubliche Ausstrahlung besaß. Ebenso erkannte ich die unausgesprochene Frage in seinem Blau, welches bei den Lichtverhältnissen dunkel und tiefgründig wirkte. „Wir… dürfen das nicht“ begründete ich hilflos den Versuch, dieses wunderschöne Spiel zu unterbrechen.
Kurz löste sich sein Blick von meinem und wanderte im Raum umher, bevor er zu mir zurückkehrte. „Wird jemand kommen, um uns zu stören?“ fragte er leise.
„Nein, aber... du bist noch so jung“ argumentierte ich schwach.
„Nicht dafür“ hauchte er mir ins Ohr und schob seine Hand zärtlich, aber bestimmt und entgegen meines viel zu schwachen Protestes vor. Die Zeichen meines Körpers waren eindeutig und er entlockte mir ein Keuchen, als einer seiner Finger wie von selbst in mich hineinglitt. Plötzlich spürte ich ihn lächeln, denn seine Wange lag dicht an meiner. „Du hast verloren“ wisperte er und ich konnte nicht glauben, woher er diesen Erfahrungsschatz nahm. Unwillkürlich bäumte ich mich seiner Berührung entgegen, obwohl ich genau das Gegenteil tun sollte. Er war zwar ein erwachsener Mann mit eigenem Willen, aber meine Zweifel aufgrund des Altersunterschiedes waren hartnäckig.
Er bewegte den Finger und strich dabei über meine innere, empfindliche Stelle, die Folge war ein weiteres Aufbäumen. „Du kannst dich nicht gegen etwas wehren, wonach du dich so sehr sehnst“ hauchte er mir ins Ohr und leckte an meinem Ohrläppchen. Gleichzeitig presste er seine Hüfte gegen meine und nun konnte auch ich spüren, wie erregt er war.
Mit zusammengepressten Lippen stieß ich ein Brummen aus und spürte all meinen Widerstand einstürzen. Kurz schloss ich die Augen und holte tief Luft, bevor ich schließlich nachgab und die Beine öffnete. Er reagierte prompt, war Sekunden später wie eine geschmeidige Katze über mir und drang in mich ein.
Wir stöhnten gleichzeitig auf und meine Hände krallten sich zunächst in die Unterlage, dann in seinen Rücken und das weiche Haar. Keuchend verharrte er, blickte mir in die Augen und ich erkannte neben der vorherrschenden Trauer nun auch Hoffnung und ehrliche Zuneigung darin aufblitzen. „Das ist das Schönste, was ich seit langem verspürt habe…“ sagte er mit seiner jugendlichen, aber tiefen Stimme.
Überwältigt von diesem Geständnis, dessen Tatsache nur schwer zu begreifen war, ließ ich meine Hände über seine Wangen streichen und zog ihn zu einem Kuss heran, der lange und sehr zärtlich ausfiel, bevor er sich in mir zu bewegen begann. Die sanfte Reibung jagte einen wohligen Schauer durch meinen gesamten Unterleib und ich drängte mich ihm entgegen, begann in seinen Rhythmus miteinzusteigen.
Es war in der Tat auch das Schönste, das ich seit langem erlebt habe. Seit dem Scheitern meiner kinderlosen Ehe war bereits über ein halbes Jahr vergangen und ich hätte mir nie träumen lassen, einmal etwas mit einem so viel jüngeren Mann zu haben. Ich war sicher, dass dies für ihn nur eine einmalige Sache war, denn seine Interessen lagen sicher in einem ganz anderen Bereich, wenngleich er mir mit seinem sentimentalen und sehr erwachsen wirkenden Verhalten nicht diesen Eindruck machte.
Mein vernünftiges Denken verabschiedete sich in diesen Sekunden ohnehin und ich begann, diesen Moment in vollen Zügen und ohne Zweifel zu genießen. Er brachte mich dazu, mich fallenzulassen, weil er das ebenso tat. Die Hände neben meinem Kopf aufgestützt, konnte ich in sein hübsches Gesicht blicken. Er keuchte mit geschlossenen Augen und bewegte seine Hüfte mal schneller und mal langsamer. Offenbar hatte er nicht vor, es zu schnell enden zu lassen. Ich legte beide Hände auf sein Hinterteil und bog den Kopf zurück, die Gefühle, die mich durchströmten, waren unglaublich intensiv und ich glaubte bereits jetzt, dem Höhepunkt nicht weit entfernt zu sein.
Jonas schien längst alles um sich herum ausgeblendet zu haben und er sah so unglaublich heiß in dieser Situation aus, die ihn vollkommen gefangen hielt. Immer mal wieder zog er angestrengt die Stirn zusammen und hielt inne, wollte es so lange hinauszögern wie möglich. Wir beide hatten die Rechnung ohne mich gemacht, denn sein Anblick fachte mich so sehr an, dass ich mich ihm nur noch ein paar Mal entgegendrängte und mich plötzlich ein unglaublicher Orgasmus überwältigte. Mein Inneres zog sich um ihn zusammen, so dass er mir nur Sekunden später folgte und dabei ein lautes, ungehaltenes Stöhnen ausstieß. Ich klammerte mich an ihn, wollte ihn so eng bei mir haben, wie es möglich war, fühlte seine Bewegungen und auch, wie er sich in mir ergoss.
Die ganze Szenerie war so unglaublich, dass wir uns minutenlang völlig überwältigt in den Armen lagen und nach Atem rangen. So schnell wollte ich ihn nicht loslassen, war noch gefangen in dem Strudel dieser unglaublichen Gefühle und ließ meine Hände unentwegt über seinen Körper streichen.
Jonas lag auf mir und entspannte sich langsam, seine Finger spielten mit meinen Haaren und ich genoss jede Sekunde dieses wundervollen Augenblicks. Ich war der festen Überzeugung, dass es das für ihn gewesen war und er so schnell wieder verschwinden würde, wie er aufgetaucht war. Seine ganze Geschichte, die er mir zuvor erzählt hatte, womöglich nur eine Farce, um mich um den Finger zu wickeln.
Doch zunächst hatte er offenbar nicht vor, so schnell aufzuspringen, denn in einsetzender Entspannung lag er mit seinem ganzen Gewicht auf mir und seinen Atemzügen vernahm ich,  dass er kurz vorm Einschlafen war. All die Anspannung schien von ihm abgefallen zu sein und die körperliche Entspannung tat ihr Übriges. Noch ein paar Sekunden genoss ich diese wunderschöne Nähe und sein Atem direkt an meinem Ohr, doch dann ließ ich meine Hand in sein Haar wandern und kraulte ihn am Hinterkopf. „Hey Süßer“ wisperte ich in sein Ohr, „nicht einschlafen.“
Er stieß ein kurzes Brummen aus und murmelte, „warum nicht?“
Langsam rutschte er von mir herunter und glitt auch erst jetzt aus mir heraus. Ohne die Augen zu öffnen, schmiegte er sich eng an mich. „Es ist so schön bei dir…“
Dies waren tatsächlich seine letzten Worte, bevor er einschlief.
Ein glückliches Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus und ich ließ die letzten Minuten noch einmal Revue passieren. Entspannt, befriedigt und sehr glücklich war mir im Augenblick noch nicht nach Schlafen, genoss vielmehr seine Nähe und Wärme, lächelte mit geschlossenen Augen selig vor mich hin und streichelte ihn sanft.
Eine Weile später, als das Feuer im Kamin verglomm, stand ich noch einmal auf, um zur Toilette zu gehen. Danach holte ich eine Decke und gesellte mich lächelnd zu meinem fremden Besuch auf das Sofa. Ich breitete die Decke über seinen nackten Körper, damit er nicht fror und betrachtete sein friedlich schlafendes Gesicht mit den leicht geöffneten Lippen, das mich zutiefst glücklich stimmte.
Beflügelt von den Gefühlen, die mich durchströmtem, konnte ich lange nicht einschlafen und schlug die Augen bereits wenige Stunden später wieder auf. Es war noch früh am Morgen, kurz nach sieben und im noch schwachen Licht des Tages erkannte ich Jonas noch immer neben mir. Er lag zusammengerollt da, die Beine an den Körper gezogen und ich lauschte seinen gleichmäßigen, tiefen Atemzügen. Eine ganze Weile sah ich ihn einfach nur an, seine Gegenwart war wunderschön.
Irgendwann erhob ich mich, um Kaffee zu kochen und meinem Besuch ein ausgiebiges Frühstück zuzubereiten. Zudem lud ich seine gewaschene Wäsche in den Trockner und stellte diesen an. Ich arbeitete leise und warf ihm immer wieder verstohlene Blicke zu, die ein Lächeln auf mein Gesicht zauberten.
Die Zeit verrann und als ich glaubte, er wolle gar nicht mehr erwachen, erledigte ich etwas Büroarbeit und konzentrierte mich auf Rechnungen und Behördenschreiben, als sich plötzlich von hinten zwei Arme um mich legten. Jonas bettete den Kopf auf meine Schulter und mein kurzer Schrecken wich einem angenehmen Gefühl. „Hallo Fremder“ scherzte ich, obwohl er das noch immer irgendwie war, umgriff seine Hände und schmiegte mich in die Umarmung. Die Tatsache, dass er noch immer nackt war, weil sich seine komplette Kleidung in meinem Wäschetrockner befand, trug nicht gerade zu meiner Entspannung bei.
„Das war das erste Mal seit langem, dass ich einmal nicht von einem Alptraum aus dem Schlaf gerissen wurde“ gestand er mir und küsste sanft meinen Hals.
Diese Aussage stimmte mich wehmütig, doch er lenkte sofort davon ab, als er die Nase aufgrund des Kaffeedufts reckte. Auf dem Tisch stand ein Korb mit frischen Brötchen, gekochten Eiern, Orangensaft und allem, was ein gutes Frühstück ausmachte. „Das sieht fantastisch aus und ich habe schon wieder Hunger. Vielen Dank für deine Mühe.“
„Keine Ursache“ antwortete ich und drehte mich zu ihm um. Die Umarmung blieb und bevor ich etwas sagen konnte, versiegelte er meine Lippen mit einem wunderschönen Kuss, der sofort wieder Gedanken an die letzte Nacht aufkommen ließ.
„Ich habe dir so viel zu verdanken, trotz der kurzen Zeit“ sagte er anschließend und ich nahm berührt zur Kenntnis, dass der Trauerschleier und die gestern noch vorherrschende Angst fast gänzlich aus seinen blauen Augen verschwunden waren. „Du hättest mich auch abweisen und wieder wegschicken können, schließlich kanntest du mich überhaupt nicht.“
Zärtlich strich ich ihm über die Wange und lächelte über seine zerzausten Haare. „Ich habe gespürt, dass von dir keine Gefahr ausgeht. Aber dass du eine ältere Frau auf so wundersame Weise verführen würdest, wäre mir nie in den Sinn gekommen.“ Aufgrund meiner eigenen Worte musste ich grinsen.
Zum ersten Mal sah ich auch ein Lächeln auf seinem jugendlichen Gesicht und es entschädigte für so vieles. Gestern noch stand er frierend, zitternd und tränenüberströmt vor mir und heute war aus ihm ein lebensfroher, wenn auch weiterhin melancholisch anmutender junger Mann geworden, der noch damit kämpfte, was zweifellos auf seinen Schultern lastete.
Anschließend schlüpfte er in die Kleidung von mir, die er gestern Abend schon getragen hatte und gesellte sich zu mir an den Frühstückstisch. Er schenkte mir ein ehrliches Lächeln, als er etwas Milch in seinen Kaffee goss. Er war hübsch und wirkte beinahe unbeschwert, doch ich dachte an das, was vor ihm lag. Hatte er wirklich vor, in dem Wald nach einer Höhle zu suchen, die ihn durch die Zeit schicken würde? Das war so absurd, dass ich das Thema am liebsten gar nicht mehr aufgreifen würde, doch er schien meine Gedanken zu lesen. Mit ernstem Blick sah er mich an. „Stehst du noch zu dem, was du gestern gesagt hast? Dass du mir helfen willst?“
Erstaunt weitete ich die Augen. „Ich weiß nicht, ob ich in der Lage bin, dir bei dieser Sache zu helfen.“
Eindringlich blickte er mich an und ich konnte in seinen Augen lesen, dass er nach dem Vertrauen suchte, welches ich ihm zu schenken bereit war. „Diese Sache…“ erklärte er, „hat einen existenziellen Wert für mein Leben.“
Ich unterdrückte ein leises Seufzen, denn ich wollte diese schöne Stimmung keinesfalls verderben. „Das sagtest du bereits…“ Da ich nicht wußte, wie ich diese Aussage beenden sollte, senkte ich den Blick und konzentrierte ich mich darauf, meine Brötchenhälfte zu belegen. Plötzlich legte er seine Hand auf meine und brachte mich so dazu, ihn wieder anzusehen. „Ich bin dir nicht böse, wenn du mir nicht glaubst und es dir anders überlegt hast. Trotzdem möchte ich dir sagen, dass die Nacht mit dir wunderschön war und nichts damit zu tun hat, ob wir bei diesem Thema einer Meinung sind oder nicht.“
Ich schluckte aufgrund seiner Worte, denn ich empfand genauso. Auf dieser Grundlage war es mir unmöglich, einen Rückzieher zu machen. „Ich habe dir versprochen, dass ich mitkomme und das werde ich auch. Danach werde ich entscheiden, ob ich dir glaube oder nicht, in Ordnung?“
Er nickte, während sein Blick zwischen meinen Augen hin- und herwechselte. „Na klar, das ist vollkommen okay.“
Nun konnten wir genussvoll zu Ende frühstücken und ich hielt an diesen wertvollen Minuten fest, die wir hier gemeinsam saßen, genoss jede Sekunde davon.
Nach dem Frühstück räumten wir gemeinsam den Tisch ab und ich holte seine Kleidung aus dem Trockner. „Ich hoffe, es ist nichts eingegangen“ sagte ich lächelnd und hielt ihm die warmen Kleidungsstücke entgegen.
„Das denke ich nicht!“ Jonas bettete sein Gesicht hinein und holte tief Luft. „Viel besser“ freute er sich, „dankeschön.“
Während er sich anzog, bepackte ich seinen Rucksack mit Proviant, denn ich wusste schließlich nicht, wie lange seine Reise noch dauerte. „Brauchst du etwas Geld?“ wollte ich wissen, als ich keines bei ihm fand.
Mit großen Augen schüttelte er den Kopf. „Nein, nein, schon gut, du hast genug für mich getan. Etwas zu essen und trinken ist perfekt.“ Lächelnd kam er auf mich zu und wir küssten uns noch einmal.
Als wir das Haus verließen, kehrte zwar nicht mehr die Trauer, zumindest aber die Nachdenklichkeit in seinen Blick zurück. Daraufhin nahm ich seine Hand fest in meine und lächelte ihn aufmunternd an. „Jetzt lass uns gemeinsam nachsehen, was dort im Wald ist.“
Mit großen Augen sah er mich an, nickte dankbar und wir setzten uns in Bewegung.



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