Zwei Welten

von Lady Q
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
Chakotay Kathryn Janeway OC (Own Character)
19.01.2018
07.03.2018
5
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„Kathryn? Kathryn? Hörst du mich? Kathryn, wach auf! Bitte! Wach auf!“

Eine warme Hand griff nach ihrer und streichelte mit dem Daumen über die Fingerknöchel. Es fühlte sich gut an. Sehr sanft, ganz ohne Schwielen oder kratzige Hornhaut, nur ein weicher Daumen.

„Kathryn, bitte. Wenn du irgendwo da drin bist, dann wach bitte auf! Wir brauchen dich hier!“

Die Stimme kam ihr sehr bekannt vor, sehr vertraut, aber auch ein wenig unecht. Sie hatte das Gefühl, sich die Stimme nur einzubilden.

Bildete sie sich den Daumen an ihren Fingerknöcheln auch nur ein? Sie spürte in ihre Hand hinein, und entschied: Nein. Nein, der Daumen war echt.

Dann wurde ein Hypospray an ihren Hals gesetzt, und ein Medikament strömte in ihre Adern. Das Medikament machte wacher und ein wenig beweglicher. Sie hörte jetzt intensivere Geräusche, ein leichtes Hintergrundrauschen. Roch den herben Duft eines Mannes – der, der ihre Fingerknöchel streichelte? Ihre Zunge klebte am Gaumen und sie versuchte krampfhaft, sie zu lösen.

„Doc? Doc, sie hat sich bewegt!“

„Lassen Sie mich durch. Commander! Treten Sie zur Seite! Ja… Sie haben Recht. Es hat gewirkt.“

Der Daumen war verschwunden, statt dessen wurden jetzt ihre Lider einzeln angehoben und ein kahler Kopf mit einem selbstgefälligen Ausdruck schob sich vor die Augen.
„Captain Janeway, falls Sie mich verstehen, bewegen Sie bitte Ihre Finger!“, befahl der kahle Kopf.

Der Doc.

Sie bewegte mit Mühe ihre Finger.

Der Commander neben ihm atmete einmal tief ein und aus. Sie hörte die Erleichterung. Leicht drehte sie ihren Kopf in Richtung des Geräuschs.

Schnelle Schritte, dann streichelte eine Hand ihr Gesicht.
„Kathryn! Ich bin da. Ich bin hier!“

Sie wollte ihre Wange in diese sich so warm und zärtlich anfühlende Hand hinein schmiegen. So vertraut. So nah. Dann war die Hand wieder weg.

„Bei allen Geistern, Kathryn! Ich dachte, wir hätten dich verloren. Tu das nie wieder! Tu mir das nie wieder an!“ Seine Stimme hatte einen panischen Unterton. Er hatte wirklich Angst um sie gehabt.

Langsam öffnete sie ihre Augen. Strahlendes Blau traf auf samtiges Braun. Samtiges, ruhiges, tiefes Braun, das sie besorgt musterte.

„Chakotay?“
„Ja.“ Er lächelte sie an.
„Chakotay? Bist du wirklich...“
„Ich bin da.“
„Bist du real?“
Das Lächeln verschwand. „Was? Natürlich bin ich real!“
„Nein, ich meine… gibt es dich?“ Ihre Finger tasteten nach seinem Gesicht und er sah besorgt auf sie herunter und griff nach ihren tastenden Fingern.
„Natürlich gibt es mich. Ich stehe vor dir!“ Er wandte sich um und rief: „Doc?“

Der Doktor kam nun wieder zu ihnen und hob die Augenbrauen.
„Mit ihr stimmt irgendetwas nicht.“
„Geht es etwas präziser, Commander?“
„Sie… ich weiß nicht. Sie ist noch nicht ganz da.“

Der Doktor nahm einen Trikorder zur Hand und fuhr mit dem Scanner über den schmalen Körper. Sie folgte dem Scanner mit ihren Augen und musste daran denken, dass es schon sehr unwahrscheinlich war, ein geniales Hologramm als Schiffsdoktor zu haben. Ein sich selbst entwickelndes Hologramm, das in seiner Freizeit Opern sang.

Der Doktor ließ den Scanner sinken und sah ihr aufmerksam in die Augen. „Verstehen Sie mich, Captain?“
Sie nickte.
„Wie fühlen Sie sich?“
Tja, wie fühlte sie sich. Überfahren fühlte sie sich. Sie war in diesem Krankenhaus ganz normal ins Bett gegangen, und hier wieder aufgewacht. Und sie hatte keine, wirklich keine Idee, was sie von diesem mehr als lebendigen Traum halten sollte.
„Ein wenig schlapp“, war das leise Zugeständnis, das sie machte. „Und ich habe Kopfschmerzen“, stellte sie müde fest und rieb über ihre Stirn.
„Das ist auch kein Wunder. Es war mal wieder sehr knapp.“

‚Das wäre dann noch so ein Punkt.‘ hallte durch ihren Kopf. Sie schloss die Augen und schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Sorgenvoll beobachtete der Doktor dieses Verhalten. „Captain? Wissen Sie, wo Sie sich befinden?“
Ja. Nein. Doch. Oder? „Ich… auf der Voyager?“ So ganz sicher war sie sich nicht. Und wenn sie nun doch in Seattle war?
„Exakt. Sie haben ein massives Schädeltrauma erlitten, Captain. Und scheinen mir gerade nicht wirklich orientiert.“

Ein Schädeltrauma. Das wäre doch sicher eine gute Erklärung für seltsame Träume, oder? Erleichterung flutete ihr Herz. „Verstehe. Ich bin orientiert, ich habe nur ein wenig… lebhaft geträumt.“

Der Doktor scannte wieder. „Sie lagen im Koma. Da kommen Albträume vor. Sie haben allerdings auch leicht erhöhte Dopaminwerte. Das verstärkt die Wahrnehmung.“ Er ging zu dem medizinischen Replikator und replizierte ein Medikament. Mit dem Hypospray bewaffnet wandte er sich wieder an sie, aber sie hob die Hände.

„Stopp! Was ist das?“

Genervt rollte der Doktor mit den Augen und antwortete mit: „Ein Monoamin-Stimulator.“

„Ein was?“

„Ein Medikament zur Regulation Ihrer Catecholamine.“

„Aha. Und was genau soll das bewirken?“

Der Doktor trat resolut näher, setzte das Hypospray, während er erklärte: „Wenn Tuvok empfiehlt, die Schilde hochzuziehen, fragen Sie dann auch erst nach der Sinnhaftigkeit oder vertrauen Sie seinem fachlich einwandfreien und logisch jederzeit nachvollziehbarem Rat?“

Chakotay schmunzelte.

Sie sagte: „Ähm...“

„Denn wenn Sie Tuvok soweit vertrauen, dann frage ich mich, warum sie mich nicht einfach meine Arbeit machen lassen. Wie Sie wissen, arbeite ich EBENFALLS fachlich einwandfrei und LOGISCH JEDERZEIT NACHVOLLZIEHBAR.“

Sie runzelte mit der Stirn, öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber klappte ihn wieder zu.

„Gut, dann wäre das geklärt. Wie fühlen Sie sich?“

Sie spürte in sich hinein und stellte fest, dass sie sich gut fühlte. Gut und ausgeglichen. Nur die Kopfschmerzen waren noch leicht vorhanden. „Sehr gut. Danke.“ Ihre Beine schwangen vom Biobett hinunter.

„Mooooment. Sie bleiben hier.“

Ganz sicher nicht. Noch nie war sie eine Sekunde länger in der Krankenstation geblieben, als sie unbedingt gemusst hatte. „Nein, danke, Doktor. Ich bevorzuge zur Erholung mein Quartier.“

„Und ich bevorzuge weniger renitente Patienten. Legen Sie sich wieder hin. Sie waren fast drei Tage bewusstlos und Sie sollten nicht mal drüber nachdenken, diese Station zu verlassen. Ich werde Sie per medizinischem Notfalltransport zurück beamen.“

„Ich bin der Captain!“

„Und ich der Leitende Medizinische Offizier. Hinlegen!“

Erbost sah sie vom Doktor zu Chakotay, der sich verlegen am Ohrläppchen zupfte. Außerdem starrte er Löcher in den Boden. Ganz offenbar hoffte er, an dieser Stelle keine Partei ergreifen zu müssen.

„Der Commander kann auf mich aufpassen. In meinem Quartier.“

Chakotay holte etwas zu hastig Luft und der Doktor begann zu grinsen. „Oh nein, Captain. Dieses Mal nicht. Sie können morgen früh in ihr Quartier zurück, aber bis dahin möchte ich Sie medizinisch überwachen. Weshalb Sie im Gegensatz zu den Ensigns Paris und Wildman einfach nicht wieder erwachen wollten, wissen wir nicht. Meiner Auffassung nach haben wir das Rätsel um Ihre Bewusstlosigkeit noch lange nicht gelöst. Sie bleiben hier.“

~~~

Am nächsten Morgen wurde sie vom Doktor geweckt. Eigentlich hatte sie sich fest vorgenommen, Punkt 0600 aufzustehen und die Krankenstation zu verlassen, aber offenbar war ihr Wecksignal deaktiviert worden. Als der Doktor sie nun leicht am Arm rüttelte, war sie daher wirklich überrascht und riss die Augen auf.

„Guten Morgen, Captain Janeway. Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Nacht?“

Kurz musste sie sich orientieren, dann aber setzte sie sich auf und strich mit der Hand über die Augen. „Ja. Ja, danke.“

„Sehr gut.“ Der Scanner fuhr wieder über ihren Körper und der Doktor begann zufrieden zu lächeln. „Ihr hormonelles Ungleichgewicht hat sich erledigt. Alles im grünen Bereich, sehr gut. Freuen Sie sich, ich werde Sie nun ganz freiwillig in ihr Quartier entlassen, ganz ohne Kampf.“

Sie lächelte ein wenig und strich sich nun auch über die Haare, die ein wenig derangiert zu Berge standen.

~~~

Kurze Zeit später stand sie in ihrem Quartier und sah sich um. Die Voyager flog mit Warp 6, und draußen zog der Delta-Quadrant in Überlichtgeschwindigkeit an ihr vorbei.

Dachte sie.

Hoffte sie.

Sie ließ sich auf ihrem Sofa nieder und strich gedankenverloren über das Polster. Der Replikator in der Ecke leuchtete blau. Kurz zog ein Lächeln über ihr Gesicht, als sie an ihre vielen missglückten Versuche dachte, Chakotay eine essbare warme Mahlzeit zu servieren.

Hatte sie wirklich versucht, Chakotay warme Mahlzeiten zu servieren? Hatte es wirklich einen Widerstand namens Maquis gegeben und hatte sie wirklich den Anführer einer Widerstandszelle zu ihrem Ersten Offizier gemacht? Und hatte sie wirklich zugelassen, dass dieser ihr eine hölzerne Badewanne gebaut hatte, ihr Legenden über Krieger und Kriegerinnen erzählte, und sie seitdem offenbar still aus dem Hintergrund anhimmelte?

Er hatte sie auf der Krankenstation mit ihrem Vornamen angesprochen. Zwischen ihnen gab es eine Vertrautheit, die für ein Kommandoduo unter diesen Umständen eigentlich nicht angemessen war. Zumindest nicht, wenn sie sich ihre eigenen Sternenflottenregeln in Gedächtnis rief. Die, wenn sie es genau nahm, eigentlich die Regeln ihres Vaters waren. Inzwischen war sie Anfang Vierzig, und setzte beruflich die Regeln ihres vor 17 Jahren verstorbenen Vaters um. Konnte das sein?

Ernüchtert setzte sie sich vor ihre private Konsole und ging ihre Logbucheinträge durch. Sie las sie, einen nach dem anderen, das Protokoll von viereinhalb Jahren Deltaquadrant, und versuchte, einen objektiven Blick darauf zu bekommen. Die Einträge durch braune Augen unter dunklen Locken zu sehen statt durch blaue.

So manche Entscheidung konnte sie nicht mehr nachvollziehen. Auf der einen Seite las sie von diplomatischen Missionen, bei denen sie höchst raffiniert vorgegangen war. Die Allianz mit den Borg – sie lächelte. Was hatte sie sich dabei gedacht? Dann wieder war sie für ihre Crew in die Bresche gesprungen, als wäre sie eine Löwin, die um ihr Junges kämpft. Höchst emotionale Reaktionen wechselten sich ab mit der Kälte einer Kommandantin, die Verluste riskierte, um vorwärts zu kommen.

Als wäre sie nicht immer sie selbst gewesen. Als hätten verschiedene Menschen an diesem Logbuch geschrieben und sich vorher nicht darauf geeinigt, wie die Frau sein sollte, die sie war.

Chakotay kam ihr wieder in den Sinn, und sie suchte ihre Einträge nach seinem Stichwort ab, auch die privaten. Fand Einträge über gemeinsame Abendessen, bei denen schlussendlich er gekocht hatte, nicht sie. Hatte sie wirklich zugelassen, dass er abends mit ihr aß, ihr Risotto und Gemüseaufläufe kochte, mit seiner exotisch anmutenden, tätowierten Verwegenheit? Und ihr Apfelwein servierte?

Sie lachte auf. Apfelwein. Mit den Fingern tippte sie sich auf ihren Kommunikator. „Janeway an Chakotay.“

„Chakotay hier. Was kann ich für Sie tun, Captain?“

„Commander, haben Sie heute mittag schon etwas vor? Ich dachte, wir könnten die Statusberichte bei einem gemeinsamen Essen durchgehen?

„Gerne. Im Casino?

„Nein, ich lade Sie ein.“

Es entstand ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung, dann bedankte sich der Commander höflich für die Einladung und versprach zu kommen. Sie dachte nicht lange darüber nach, wodurch die Pause entstanden war. Sie hoffte nicht durch ihre Kochkünste.

~~~

Mittags stand pünktlich ihr Erster Offizier vor ihrer Quartierstür und übergab ihr einen Stapel PADDs, die er pflichtbewusst zu diesem offenkundigen Arbeitstreffen mitgebracht hatte. Mit einer Handbewegung lud sie ihn ein, sich zu setzen, und servierte ihm einen einfachen Salat mit Käsecroutons und Walnussbrot. In seinen Augen konnte sie Erleichterung erkennen.

Nach dem Essen saßen sie mit ihren Wassergläsern auf der Couch und gingen wie vorher besprochen die vergangenen drei Tage durch. Während Chakotay redete, schweiften ihre Gedanken ab. Flogen zu einem braungelockten Arzt und seiner mitfühlend-arroganten Art. Zu ihrer weinenden Mutter und dem hellgelben Zimmer.

War sie immer noch dort? Oder war sie hier? Dieser Traum war so echt gewesen. Sie war Realistin. Und sie war geschult, Fakten zu erkennen und logische Schlüsse zu ziehen. Die Umgebung dort hatte sich real angefühlt, aber das tat die Umgebung hier auch. Und eine davon war falsch. Mit Bestürzung erkannte sie, dass sie dort begonnen hatte, dem Arzt zu glauben, und diese leisen Zweifel nicht einfach wieder loswerden konnte. Wieder schüttelte sie unwillig den Kopf.

„Captain?“

„Hm?“

„Wo waren Sie gerade?“

Sie räusperte sich. „Entschuldigen Sie. Ich bin eigentlich fit, aber...“ Sie beendete den Satz nicht. Niemals würde sie aussprechen, nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Leistungsfähigkeit zu sein.

Chakotay sah sie besorgt an, hob seine Hand und legte sie auf ihre, die gerade PADDs auf den niedrigen Beistelltisch ablegte. „Kathryn, was beschäftigt dich?“

Okaaay. Der Wechsel zur vertraulichen Anrede war vollkommen in Ordnung, sie waren unter sich. Aber dass er gemerkt hatte, dass sie etwas beschäftigte, wurmte sie nun doch. Sie zog schnell ihre Hand zurück. „Es ist eigentlich nichts.“ Eigentlich hatte sie ‚es ist nichts‘ sagen wollen, aber das eigentlich war ihr heraus gerutscht.

„‘Es ist eigentlich nichts?‘ Das bedeutet, es ist etwas. Du weißt, dass du mit mir darüber sprechen kannst.“

„Ja. Ja, das weiß ich.“

Er sah sie weiter taxierend an, aber drängte nicht weiter. Das fand sie sehr freundlich, und kurz huschte der Gedanke durch ihren Kopf, dass dieser Mann sie sehr gut kannte. Dass er immer genau wusste, wie weit er gehen musste und konnte.

Was allerdings kein Wunder wäre, wenn dieser Mann nur in ihrem Kopf existierte. Dann hätte sie ihn sich ja quasi gebacken. Hätte eine Form genommen und ihn ausgefüllt mit all den hübschen Eigenschaften, die sie schätzte. Ein erfolgreicher Sternenflottenoffizier, aber grade nicht ganz so erfolgreich wie sie selbst. Intelligent, auf eine deutlich emotionalere Art als sie, mit Interessensgebieten, die ihren eigenen nicht in die Quere kamen. Aber Wissenschaftler, keine Kommando-Bulldogge. Keine echte Konkurrenz, aber ein angenehmer Gesprächspartner, belesen und interessiert. Und dazu höflich, spirituell, ohne zu missionieren, zuvorkommend und ein Mann der alten Schule. Und über all dem schwebte auch noch ledergekleideter Sex-Appeal und eine Tätowierung zu Ehren seines Vaters. Was sie sympathisch fand, weil sie ihren eigenen Vater ebenfalls ehrte.

Kurz gesagt: Er war perfekt. Abgesehen davon, dass sie nichts mit einem Untergebenen anfangen konnte.

Aber auch diese Regel hatte sie selbst aufgestellt. Bewusst sogar.

Die Argumente des braungelockten Vier-Tage-Barts wurden immer schlagender. Sie seufzte. Und schalt sich eine Närrin. Sie war hier, Captain der Voyager, gestrandet im Deltaquadranten, und hatte die Verantwortung für eine vielköpfige Crew, die sie nach Hause zu bringen hatte. Darauf musste sie sich konzentrieren, nicht auf die seltsamen Träume während einer mysteriösen Bewusstlosigkeit. Deshalb hob sie den Kopf, setzte ein strahlendes Lächeln auf und erklärte:
„Ich wüsste einfach nur gerne, warum ich so lange bewusstlos war. Wenn ich Ihren Berichten glauben kann, war meine Verletzung nicht so schwer. Ensign Paris und Ensign Wildman haben ja schnell reagiert.“

Chakotay nickte, das verstand er und das wusste er, dass sie solche unerklärlichen Ereignisse nicht mochte. „Der Doktor überprüft noch einmal seine Testergebnisse.“

„Ja, das hat er mir gesagt.“

„Ich bin mir sicher, er findet die Lösung.“

„Wollen wir es hoffen.“

„Das war nicht das, was dich beschäftigt, Kathryn.“

Gerade hatte sie ihn noch strahlend angelächelt, aber nun verschwand das Lächeln in Zeitlupe aus ihrem Gesicht. Seine Augen ließen sie nicht los. Resigniert ließ sie ihre Schultern sacken. „Nein.“

„Ist es etwas, worüber du nicht reden darfst? Oberste Temporale Direktive oder etwas in dieser Art?“

Sie lachte hell auf. Dieser freundliche Mann gab ihr sogar noch einen durchaus realistischen Ausweg, wie sie sich aus der Affäre ziehen konnte. „Nein.“

Er wartete ab und sie fand es unfair, dass er so viel Geduld hatte, und sie nicht die Kraft und den Mut, zuzugeben, dass sie glaubte verrückt zu sein. Einige Momente wog sie ab, ihn einzuweihen.

Währenddessen sah er ihr beim Denken zu, trank einen Schluck und zog dann Linien in die Kondenströpfchen auf dem Wasserglas.

„Ich glaube, du bist ein Hirngespinst“, platzte es aus ihr heraus.

„Was?“

„Ich glaube, ich habe dich ausgedacht.“

„Ausgedacht?“

„Ja.“

Seine samtigen braunen Augen weiteten sich deutlich. Er stellte vorsichtig das Glas auf dem Tisch ab, holte tief Luft und sagte: „Okay. Von vorne. Erzähl mir, warum du mich... ausgedacht hast.“

Und sie erzählte. Alles, vom ersten Aufwachen in dem gelben Raum, über Gretchen und ihre graueren Haare, über die tiefe Liebe in ihrem Gesicht und ihre Sorge. Von den Linien, die die Sorgen gezeichnet hatten. Von Dr. Braunlocke und seinen schlagenden Argumenten. Von ihrer Reise durch den Deltaquadranten und dass diese einfach zu gut gewesen war. Dass sie nicht sein konnte. Sie war zu unrealistisch und ihre Verluste zu gering. Jedes Alphaquadrant-Schiff hatte mehr Verluste als die Voyager.

Sie erzählte von ihren Zweifeln und dass es stimmte, dass vor 17 Jahren ihr Vater abgestürzt war, und sie eine Mitschuld am Tod auch ihres Verlobten hatte. Und dass sie diese Tatsache wirklich in eine Depression gestürzte hatte und sie sich nun nicht mehr sicher war, ob sie jemals aus dieser Depression herausgefunden hatte.

Sie erzählte nicht von ihren Gedanken, welche Rolle er für sie spielte. Wen er ersetzte, in Dr. Braunlockes Augen.

Chakotay hörte zu. Er saß auf seinem Sessel, seine Hände lagen erst regungslos auf seinen Oberschenkeln, bis sie erwähnte, wie außergewöhnlich es gewesen war, dass sie einen Pick-up von der Erde der Mitte des 20. Jahrhunderts im All schwebend vorgefunden hatten, mit Mist daran. Wie absurd das war. So absurd, dass es nicht wahr sein konnte.
Da nahm er sein Glas und trank es in einem Zug aus. Seine Finger umschlossen dann den schmalen Zylinder und wärmten ihn auf Körpertemperatur, während er sich all die Zweifel und das so sinnhafte Szenario anhörte.

Sie schloss damit, dass sie angefangen hatte zu glauben. Dort. Bis sie auf der Krankenstation wieder erwacht war. Hier.

Er nickte, als sie geendet hatte.

Dann sah er auf und sagte: „Du glaubst es immer noch?“

„Ich weiß nicht, was ich glauben soll.“ Sie lächelte traurig und ergänzte: „Ich meine, ich bin hier. Ich bin ohne Zweifel hier. Es war ein Traum, ich lag im Koma, das ist logisch. Aber...“, sie holte Luft, und zog die Schultern hoch, „aber… was ist wenn nicht?“

„Hast du irgendeinen Beweis dafür?“

„Nein! Wie soll ich das beweisen? Wie soll ich hier beweisen, dass ich in Seattle in einem Krankenhaus liege? Wie soll ich in Seattle beweisen, dass ich hier auf der Brücke stehe?“

Das war nicht möglich, das wusste sie, das wusste er.

Er seufzte und sah sie mitfühlend an. Sie wusste, was jetzt kam.

„Wir müssen mit dem Doc darüber sprechen.“

„Der weist mich ein, wenn ich ihm das erzähle.“

„Nein, wird er nicht. Abgesehen davon würde das ja nichts ändern, nicht wahr? Aber vielleicht hilft ihm das, um die Ursache zu finden?“

Kathryn fühlte Machtlosigkeit in sich aufsteigen. Ein Gefühl, dass sie hasste, zutiefst. Dann aber resignierte sie: „Gut. Wenn es sein muss.“

~~~

„Gab es irgendwelche Hinweise darauf, dass die Umgebung künstlich sein könnte?“

„Nein. Nein, es sah aus, wie… wie ein klassisches, nicht allzu modernes Krankenhaus.“ Innerlich wurde sie tiefrot, dann präzisierte sie: „Korrekterweise wie eine freundliche Psychiatrie.“

„Haben Sie dort Medikamente bekommen?“

„Nein.“ Das Wort weckte eine Erinnerung und sie runzelte die Stirn. „Doch! Der Doktor sagte etwas von einem neuen Medikament. Sie haben mir etwas verabreicht. Allerdings bevor ich dort erwachte. Und doch, ich habe ein Beruhigungsmittel bekommen.“

„Das heißt, Sie haben ein Medikament bekommen, dass sie dazu gebracht hat, dort aufzuwachen, nachdem Sie angeblich 17 Jahre in Apathie verbracht haben?“

„Exakt. Gibt es ein solches Medikament?“

„Mir ist keines bekannt. Eine so lange Phase reiner Apathie wäre sowieso ungewöhnlich und meist finden die behandelnden Ärzte eher über körpertherapeutische Ansätze und klassische Psychopharmaka Zugang zu den Patienten. Ich will es aber nicht ausschließen.“ Er sah sie überaus freundlich an, so ähnlich, wie wenn er Naomi Wildman etwas über Genetik erklärte, und fuhr fort: „Captain, ich will Ihre Erfahrung mit Sicherheit nicht kleiner machen, aber ist es nicht möglich, dass Sie nur eine sehr intensive Art eines Albtraums erlebt haben?“

„Hatten Sie während meiner Bewusstlosigkeit Hinweise darauf sammeln können?“

„Korrekterweise nein. Sie befanden sich in einer sehr tiefen Form des Komas, und Ihre Aufwachphase war bemerkenswert kurz.“

„Dann habe ich wohl auch nicht geträumt.“

„Dann spielt Ihnen möglicherweise Ihr Bewusstsein einen Streich? Möglicherweise erinnern Sie sich an einen vergangenen Traum?“

„Sie glauben mir nicht.“
„Doch! Doch, natürlich!“ Hilfesuchend sah das MHN zu Commander Chakotay, der das Gespräch bisher schweigend verfolgt hatte, aber seinen Captain nicht aus den Augen ließ. Jetzt, nach dieser nonverbalen Aufforderung, mischte er sich in das Gespräch ein.

„Kathryn, wir sind gewillt zu glauben, dass du das erlebt hast. Aber wir leben hier. Und ich zweifle nicht daran, dass ich hier lebe. Es gibt für mich keinen Grund zu glauben, dass es anders sein sollte.“

In ihr kämpfte die Verzweiflung, dass sie das doch ganz genauso sah, mit dem Wunsch, in der Realität zu leben, egal wie diese aussah. Der Kampf kostete sie Fassung und sie wandte sich von den beiden Männern ab. Nie, kein einziges Mal, hatte sie vor Mitgliedern ihrer Crew auch nur eine Träne vergossen, außer bei einer einzigen Gelegenheit, mit einem einzigen Crewmitglied, der zu diesem Zeitpunkt kein Crewmitglied gewesen war, sondern ein potentieller Gefährte. Und der jetzt dummerweise auch da war und dessen besorgter Blick immer besorgter wurde.

Sie würde jetzt nicht damit anfangen. Sie holte einige Male tief Atem, bis sie sich wieder gefasst hatte. Dann straffte sie ihre Schultern und drehte sich auf dem Absatz um. Wollte eigentlich sagen, dass die beiden die ganze dumme Geschichte vergessen sollten. Und dass sie nun auf die Brücke gehen wolle.

Das wollte sie sagen, aber sie kam nicht dazu, denn der Boden raste auf einmal in der Geschwindigkeit eines freien Falls auf sie zu. Das letzte, was sie sah, war das Glänzen auf Chakotays geputzten Stiefelspitzen.
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