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Blinde Eifersucht

GeschichteDrama / P18 / Gen
Catherine Chandler Jacob Wells Mary Vincent
17.01.2018
17.01.2018
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Blinde Eifersucht

                                                                        von

                                                                 Ingrid Klyk


Es war Freitagabend. Nach einer anstrengenden Woche freute sich Catherine auf ein ausgiebiges Bad. Doch lang konnte sie sich nicht in der Badewanne aufhalten. Der Blick auf die Uhr verriet ihr, dass es Zeit war sich anzuziehen. Denn der Abend war noch nicht beendet. Vincent würde sie in etwa einer Stunde im Central Park erwarten. Die Kinder gaben eines ihrer Konzerte. Worauf sich jeder ohne Ausnahme freute. Catherine wollte sich dies ebenfalls nicht entgehen lassen.
Zur selben Zeit tief unter den Strassen von New York, saß Vincent mit seinem Ziehvater, Jacob Wells, in der Bibliothek. Sie beredeten das bevorstehende Konzert.

Vater: „Ich bin sehr gespannt darauf, womit uns die Kinder bei dem Konzert überraschen wollen.“
Vincent: „Ja, ich auch. Genau wie dir, haben sie mir nichts verraten. Ich weiß nur, dass sie tief in den Tunneln geprobt haben, damit niemand herausfindet was sie spielen werden.“
Vater: „Das klingt wirklich sehr geheimnisvoll. Wann holst du Catherine ab?“
Vincent: „In einer Stunde erwarte ich sie im Central Park. Catherine hat eine anstrengende Woche hinter sich und freut sich wie ein kleines Kind auf das Konzert.“ Über Vaters Gesicht huschte ein Lächeln. In den letzten drei Jahren hatte er Catherine ins Herz geschlossen. Anfangs gab es ein paar Schwierigkeiten zwischen Vater und Catherine. Vater konnte oder wollte es nicht wahr haben, dass sich eine Frau so sehr für seinen Ziehsohn interessieren, ihn zum Mittelpunkt ihres Lebens machen und ihn abgöttisch lieben würde. Als er jedoch vor einem oder anderthalb Jahren erfuhr, dass die Beiden den letzten entscheidenden Schritt getan hatten, ist er aus allen Wolken gefallen. Er bemerkte aber an seinem Sohn eine Veränderung. Eine positive Veränderung. Der sonst so zurückhaltende Vincent war offener und selbstbewusster geworden.
Vincent: „Was schmunzelst du in dich hinein?“
Vater: „Ich musste eben daran denken, wie sehr du dich verändert hast.“ Verdutzt sah Vincent ihn an.
Vincent: „Verändert?“
Vater verriet ihm seine Gedanken, die er eben hatte. Sein Sohn wurde leicht verlegen und machte sich fertig, um Catherine abzuholen. Lächelnd sah er Vincent hinterher.

Auf dem Weg zu Catherine dachte er andauernd über Vaters Worte nach. Selbst als er oben am Tunneleingang ankam, wartete er gedankenverloren auf seine Liebste.
Catherine näherte sich vorsichtig dem Tunneleingang, um nicht entdeckt zu werden. Zu ihrem Erstaunen sah sie Vincent, der bereits auf sie wartete. Freudestrahlend lief sie in seine Arme und ihre Augen verloren sich in seinen. Vincent erging es nicht anders. Er war immer noch fasziniert von ihrer Schönheit, ihrer Ausstrahlung und ihrer Liebe zu ihm.
Vincent beugte sich zu ihr herunter, gerührte sanft mit seiner Hand ihr Kinn und küsste sie zärtlich. Catherine lächelte leicht. Sie legte ihre Arme um seinen Hals, zog ihn näher an sich heran. Ihr Kuss wurde leidenschaftlicher, inniger, fordernder und wollte nicht enden. Doch schließlich mussten sie sich dazu zwingen diesen schönen Moment zu beenden.


Vincent: „ Lass uns gehen“, flüsterte er ihr zu.
Catherine: „Wen du mir versprichst, dass ich später noch solch einen Kuss bekomme…“ Catherine klang heiser ihre Wangen waren leicht gerötet. Vincent antwortete ihr nicht, sondern küsste ihre Stirn und schmunzelte.
Was Catherine und Vincent nicht ahnten war, dass sie beobachtet wurden!!! Diese Person schien ihren Augen nicht zu trauen, als sich die Beiden innig küssten. Nachdem Catherine und Vincent gegangen waren, folgte ihnen die Person unauffällig.
Ab einem bestimmten Punkt der Tunnel hörte man aus weiter Ferne bereits Musik. Die Kinder hatten folglich schon angefangen. Abseits von den Anderen ließen sie sich auf den Stufen einer Treppe nieder, da alle anderen Plätze besetzt waren. Vater und Mary sahen die zwei kommen und nickten ihnen zu.
Zur Überraschung aller spielten die Kinder einen Auszug aus der Nussknackersuite. Catherine strahlte Vincent an. Denn die Nussknackersuite war ihr Lieblingsstück. Seit sie es als Kind zum ersten Mal hörte, war sie stets begeistert. Beim Tanz der Zuckerfee geriet Catherine ins Träumen. Sie drängte sich ganz nah an Vincent heran, sodass er sie fest in seine Arme schloss. Verträumt sah Catherine ihn an. Als sich ihre Blicke trafen, formten ihre Lippen den Satz `Ich liebe dich`. Vincent ließ sich nicht lang Bitten.
Die Person, die ihnen gefolgt war, schlich unbemerkt an sie heran. Eine Etage über den versammelten Bewohnern konnte diese alles überblicken. Ihr stockte der Atem, als Catherine und Vincent sich immer wieder küssten. Mal war es nur ein federleichter Kuss und mal ein längerer inniger Kuss. Währenddessen strich Catherine sanft sein Gesicht. Sie sah ebenfalls, wie Vater dies ebenso beobachtete. Doch dieser hatte ein sanftes Lächeln aufgesetzt. So unbemerkt, wie die Person gekommen war, war diese auch wieder verschwunden. Sie hatte genug gesehen!
Im Anschluss an das Konzert gab es einen gewaltigen Applaus und standing ovation. Die Kinder, die das Konzert veranstaltet hatten, strahlten über das ganze Gesicht Der Stolz war ihnen regelrecht ins Gesicht geschrieben. Sie ernteten Lob von allen Seiten. Das nächste Konzert ließ sicherlich nicht lang auf sich warten.
Noch bis spät in den Abend hinein saßen die Erwachsenen zusammen und diskutierten freudig über das Konzert der Kinder. Sie konnten nicht recht glauben, was sie zustande gebracht haben, ohne die Hilfe eines Erwachsenen.

Ein paar Tage später, Vincent war gerade mit Vater und Catherine in der Bibliothek, kam Geoffrey die Treppen herunter mit einem Brief in der Hand.
Vater: „Geoffrey, wohin so eilig?“
Geoffrey: „Es ist ein Brief abgegeben worden, für Vincent.“ Er reichte Vincent den Brief und verschwand.
Als er ihn öffnete und begann zu lesen, konnte man ihm eine gewisse Unruhe im Gesicht ablesen.
Catherine: „Vincent? Ist alles in Ordnung?“ Sie klang besorgt.
Vincent: „Das kann nicht wahr sein…“ murmelte er. Verdutzt sahen sich Vater und Catherine an.
Vater: „Vincent, was…“ Doch weiter kam er nicht.
Vincent: „Lisa! Sie ist wieder in der Stadt und will sich mit mir treffen!“ dabei wandte sich sein Blick zu Catherine, die ein bedrücktes Gesicht machte. Ihr kamen auf einmal all die Geschehnisse vor Augen, die vor zwei Jahren passierten. Lisa war nach fast 20 Jahren wieder in Vincents Leben getreten. Wollte wieder in die Tunnel zurück! Zurück zu Vincent! Doch brachte sie viele Probleme mit, zog Catherine mit hinein und verschwand wieder.
Vater: „ Sie ist also wieder da. Wirst du dich mit ihr treffen?“ Vater fragte sehr vorsichtig.
Vincent: „Nein! Ganz sicher nicht…“ Erleichtert atmete Catherine auf.
Catherine: „Was wird sie von dir wollen?“
Vincent: „Gute Frage…Ich hoffe nur, dass sie mich in ruhe lässt.“ Vincent zerknüllte den Brief, warf ihn in Vaters Papierkorb und verließ ohne ein weiteres Wort die Bibliothek. Er machte einen langen Spaziergang und kehrte erst spät in seine Kammer zurück, wo Catherine bereits auf ihn wartete.
Sie lag auf seinem Bett und lass in einem Buch. Erleichtert blickte sie ihm entgegen.
Catherine: „Vincent, da bist du ja. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“
Vincent lächelte leicht: „Du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich musste über einiges nachdenken. Ich weiß, dass sie etwas vorhat. Aber was!“
Catherine: „Du denkst, sie führt etwas im Schilde?“ Vincent nickte nachdenklich.
Catherine weiter: „Das letzte mal wollte sie dich zurück, Vincent.“
Vincent: „Ja, ich weiß.“
Catherine: „Glaubst du, sie wird es wieder versuchen?“
Vincent: „Ich hoffe nicht!“
Catherine: „Warum gibt sie nicht endlich auf? Was könnte der Grund sein?“
Vincent: „Ich schätze, Lisa und ich haben vor Jahren einen entschiedenen Fehler gemacht…“  er klang nachdenklich.
Catherine: „Einen Fehler? Was für einen Fehler…“ Sie konnte sich keinen reim darauf machen, was er meinte.
Catherine: „Vincent?“ bohrte sie noch einmal nach, als er nicht antwortete.
Vincent: „Erinnerst du dich, wie ich dir beichtete, dass ich sie verletzte?“
Catherine: „Ja, natürlich. Sie tanzte dir etwas vor. Sie wollte dich damit verführen und spielte mit dir. Und als du darauf reagiertest, hattest du sie an der Schulter verletzt.“
Vincent: „Richtig…Das war…jedoch nicht alles.“
Catherine: „In wie fern?“
Vincent: „Ein paar Wochen später bin ich ziemlich krank geworden. Ich war nicht mehr ich selbst. Du weißt schon, meine andere Seite in mir wurde immer stärker und versuchte die Oberhand zu gewinnen. Ich war erst 16! Nun ja, in diesem Zeitraum hat sich auch mein gesamter Körperbau verändert. Ich wurde innerhalb von ein paar Tagen größer, muskulöser und stärker. Als dieses Trauma endlich vorüber war, hatte ich größten teils mein Gedächtnis verloren. Alle wurden darüber in Kenntnis gesetzt, so auch Lisa. Sie besuchte mich mehrmals täglich und wir kamen uns ziemlich nah. Vater hatte ihr oft gesagt, wie er mir allerdings erst Jahre später gestand, sie solle mich sich von mir fern halten. Er hatte wohl etwas geahnt. Sie wiederum log mir vor, wir wären fest zusammen. Wären, sozusagen, ein Paar. Da ich mich daran nicht erinnern konnte glaubte ich ihr. Und dann kam irgendwann das, was passieren musste…“ Vincent redete nicht weiter.
Catherine: „Ihr habt miteinander geschlafen…“ Vincent nickte.
Catherine weiter: „Was hat Vater dazu gesagt?“
Vincent: „Er weiß es bis heute nicht!“
Catherine: „Du meinst, ihr konntet es vor ihm geheim halten?“
Vincent: „Ja, ein Jahr lang…“
Catherine: „Was geschah dann?“
Vincent: „Unsere Wege trennten sich. Sie schloss sich einer Theatergruppe an und sah dort ihre Chance als Balletttänzerin.“
Catherine: „Und vor zwei Jahren hattest du sie erst wieder gesehen.“
Vincent: „Ja.“
Mittlerweile lagen beide auf dem Bett und dachten weiter darüber nach, was Lisa wohl wollte. Und über das, was vor vielen Jahren zwischen Lisa und Vincent geschah.


Die Tage vergingen. Ebenso die Aufregung über Lisas Brief an Vincent. Er war nicht zu ihrem Treffen erschienen. Sehr erbaut war Lisa darüber nicht. Sie beschloss die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
Eines späten Abends machte sie sich auf den Weg in die Tunnel. Lisa nahm nicht den gewöhnlichen bewachten Weg, sondern über viele Umwege gelangte sie hinein. Gezwungenermaßen führte ihr Weg am Spiegelteich vorbei. Sie blieb etwas oberhalb des Sees stehen und betrachtete seine Schönheit.
Plötzlich hörte sie, wenn auch nur leise, zwei Stimmen. Neugierig machte sie sich auf die Suche. In einer kleinen versteckten Bucht fand sie wonach sie suchte. Auch wenn es ihr keineswegs gefiel. Lisa entdeckte Catherine und Vincent. Die beiden lagen im weichen warmen Sand unter einer Decke und liebten sich. Heute war ihr dritter Jahrestag, den sie gebührend feierten. Lisa hatte von all dem keine Ahnung und hielt sich weit entfernt, damit sie nicht gesehen werden konnte. Ein paar Minuten verharrte sie an ihrem Beobachtungspunkt und konnte nicht glauben was sie da sah. Ihr Vincent schlief mit einer anderen Frau. Und diese Frau war auch noch Catherine…ihre Rivalin! In Lisa brodelte es. Sie sollte an Catherines stelle sein! Immer und immer wieder küssten sie sich. Vincent gewaltige Muskeln bewegten sich spielerisch. Das konnte Lisa selbst aus dieser Entfernung sehen. Doch nun hatte sie genug. Leise zog sie sich zurück.

Am darauf folgenden Tag saßen Vater, Mary, Catherine und Vincent in der Küche und tranken gemeinsam Kaffee, als plötzlich Lisa am Eingang stand. Mary hatte sie als erste entdeckt.
Mary: „Lisa…was für eine Überraschung. Wir hatten mit dir gar nicht gerechnet. Komm, setz dich zu uns.“ Mary ahnte nicht im geringsten, dass es niemandem recht war. Vater blieb höflich.
Vater: „Lisa, wie geht es dir?“
Lisa: „Gut, danke.“ Von Catherine und Vincent kam ein schlichtes aber ebenfalls höfliches „Hallo…“.
Catherine wurde unwohl zumute.
Vincent: „Komm, lass uns gehen, Catherine.“
Catherine: „Gute Idee…“
Lisa: „Nein…ich möchte das du bleibst, Vincent.“
Vincent: „Wozu?“
Lisa: „Du weißt warum.“ Lisa legte eine Hand auf seinen Brustkorb und kam ihm sehr nahe. Vincent trat einen Schritt zurück, um sich ihrer Berührung zu entziehen.
Vincent: „Lisa, was willst du von mir.“ Vincent klang verzweifelt.
Lisa: „Ich will dich wieder zurück haben, Vincent. Ich möchte, dass es wieder so sein wird wie früher.“ Bei jedem Wort schüttelte Vincent den Kopf. Nun mischte auch Vater sich ein.
Vater: „Lisa, es wäre wohl besser, wenn du jetzt gehst!“ forderte er sie auf. Mary sah dem Schauspiel zu. Sie war weder in der Lage zu reden noch in der Lage den Raum zu verlasen.
Lisa: „Gehen? Warum sagst du das? Wir gehören zusammen, Vincent.“
Catherine: „Lisa, bitte lass uns endlich in ruhe. Lass Vincent seinen Frieden!“
Lisa: „Du sagst mir ich solle gehen? Catherine…Vincent gehört mir! Du weißt gar nicht was zwischen uns war!“
Catherine: „Oh doch…ich weiss was zwischen euch passierte…vor vielen Jahren. Wie du ihm etwas vorgelogen hast, um das zu bekommen wovor du dich erst so gefürchtet hattest. Wie du seine Unwissenheit ausnutztest!“ Vincent musste Catherine bremsen. Vater und Mary sahen gespannt diesem Schauspiel zu. Noch nie hatten sie Catherine so ausrasten sehen.
Vincent: „Catherine, bitte…beruhige dich. Wir gehen jetzt…“ Vincent packte sie sanft am Arm und zog sie hinter sich her.



In ihrer Kammer angelangt setzte sich Catherine schnaufend und wütend aufs Bett. Vincent lehnte sich angespannt an die Felswand. Er schüttelte stumm immer wieder seinen Kopf.

Vincent: „Kannst du mir vielleicht mal erklären, was eben in der Küche passiert ist?“
Catherine: „Tut mir leid. Mir sind die Nerven durchgegangen…“
Vincent: „Das meine ich nicht. Du warst großartig, danke. Ich wusste nicht wie ich weiter reagieren sollte. Ich hatte Mühe mich unter Kontrolle zu halten.“
Catherine: „Es ist nicht einfach für dich die richtigen Worte zu finden. Du wolltest ihr nicht wehtun.“
Vincent: „Ich kann mir nicht vorstellen, weshalb sie nicht merkt oder versteht, dass nichts mehr so sein wird wie es mal war. Das ist über 20 Jahre her. Was stellt sie sich vor?“ Vincent war verzweifelt und vergrub das Gesicht in seinen Händen. Catherine ging zu ihm und nahm ihn in den Arm. Nachdenklich sah Vincent sie an.
Catherine: „Vincent, ich möchte nicht das Lisa alles das kaputt macht was wir uns erarbeitet haben.“ Catherine klang ängstlich.
Vincent: „Das will ich genauso wenig wie du, Catherine. Nach der Vorstellung von vorhin…können wir davon ausgehen, dass sie alles versuchen wird, um an ihr Ziel zu kommen.“

Die nächsten Tage waren für Vincent Wort wörtlich `die Hölle`. Lisa passte ihn bei jeder möglichen Gelegenheit ab. Sie wartete bis er allein war und versuchte ihm ständig ins Gewissen zu reden. Sie versuchte ihn davon zu überzeugen, dass sie beide zusammen gehören würden. Vincent dagegen verlor fast die Fassung. Sobald Catherine die Tunnel verlassen hatte, flüchtete er irgendwo hin, wo sie ihn nicht finden konnte. Nicht immer gelang es ihm. Catherine hatte er nichts davon gesagt.

Catherine saß an ihrem Schreibtisch und wurde mit Akten nur so überhäuft. In ein paar Minuten hatte sie Mittagspause. Sie entschied sich für ein gemütliches Essen bei ihrem Lieblingsitaliener, der ganz in der Nähe war.
Gerade beim Essen sprach sie ein Mann von der Seite an.

„Hallo Catherine…“
Catherine: „Steven…“
Steven: „Überrascht? “
Catherine: “Das kann man wohl sagen, ja. Wie geht es dir?“
Steven: „Danke der Nachfrage…gut und dir? Ich meine, seit du dich von mir getrennt hast, haben wir uns nicht mehr gesehen.“
Verlegen sah Catherine ihn an. Nach ihrem schrecklichen Unfall hatte sie sich von Steven getrennt. Dies kam für ihn wie aus heiterem Himmel.
Catherine: „Mir geht es gut. Ich arbeite seit 3 Jahren bei der Staatsanwaltschaft. Es macht mir dort sehr viel Spaß.“
Steven: „Das freut mich für dich. Ich bin immer noch mit meinen Immobilien hoch im Kurs und hab wenig Zeit…Gibt es jemanden in deinem Leben?“ Diese Frage kam sehr vorsichtig.
Catherine: „Ja, ich bin mit jemandem zusammen. Was ist mit dir?“
Steven: „Ich bin leider Solo…Nach dir habe ich niemandem mehr an mich ran gelassen. Meine Arbeit hat mich sozusagen getröstet…Ich bin froh, dass du jemanden gefunden hast, der deiner würdig ist. Wirklich.“
Catherine: „Das ist nett von dir, danke Steven. Du wirst schon noch deine Traumfrau treffen.“  Darauf sagte Steven nichts. Er quälte sich ein Lächeln raus und machte gute Mine zu bösem Spiel…Denn Catherine war seine Traumfrau!
Steven: „Kommst du oft zum Essen hier her?“
Catherine: „Zurzeit schon, warum?“
Steven: „Nun ja, hättest du etwas dagegen, wenn ich ab und zu mal mittags vorbei komme? Zum Essen meine ich…“
Catherine: „Ich würde mich freuen.“
Steven: „Das ist schön. Also…ich muss wieder an die Arbeit. Wir sehen uns?“
Catherine: „Ja, wir sehen uns.“

Am Abend kehrte Catherine wie gewohnt in die Tunnel zurück. Vincent war noch nicht in seiner Kammer. Sie ging zu Vater in die Bibliothek, der gerade ein medizinisches Buch las. Er bemerkte Catherine erst, als sie direkt vor seinem riesigen Schreibtisch stand.

Vater: „Catherine…ich habe dich gar nicht reinkommen gehört, entschuldige.“
Catherine: „Guten Abend, Vater. Du warst sehr in dein Buch vertieft. Dabei wollte ich dich eigentlich nicht stören. Sag mal, weißt du wo Vincent ist? Er ist jedenfalls nicht in seiner Kammer.“ Vater machte ein besorgtes Gesicht und suchte nach Worten.
Catherine: „Vater? Stimmt etwas nicht?“
Vater: „Ich weiß nicht wo er den ganzen Tag steckt, Catherine. Das einzige, das ich weiß ist…sobald du die Tunnel verlässt, ist Vincent fast unauffindbar und…wenn du am Abend kommst, ist er kurze später wieder in den bewohnten Tunneln. Sehr oft ist er über viele Stunden in der großen Halle, wo all die Trainingsgewichte stehen. Er stemmt dort solange die Gewichte, bis er nicht mehr kann. Ich habe schon mehrmals versucht ihn darauf anzusprechen, aber er blockt jedes Mals ab und geht einfach ohne ein Wort. Zurzeit kommt er nicht zur Ruhe.“ Catherines Gesicht versteinerte sich.
Catherine: „Dass es so extrem ist habe ich nicht bemerkt. Oh Gott…das kann doch nicht wahr sein. Er hat alles überspielt und sich mir gegenüber nichts anmerken lassen. Lisa…!“
Vater: „Was hat sie damit zu tun? Ich sehe sie hauptsächlich bei den Kindern.“
Catherine: „Einiges, Vater…mit den Kindern hat es am aller wenigsten zu tun. Aber ich werde erst mal nach Vincent sehen.“
Unterwegs traf sie Randolph. Der ihr die lange Suche ersparte.
Randolph: „Hi Catherine, wenn du Vincent suchst, er ist in der großen Halle und trainiert sich seine Aggressionen ab.“ Stumm nickte sie und machte sich auf den Weg.
Am Eingang der großen Trainingshalle blieb sie stehen. Ihre Augen suchten nach ihm. Weit im hinteren Teil der Halle fand sie ihn. Erst als Catherine schräg hinter Vincent stand bemerkte er sie. Vincent war vollkommen durchgeschwitzt. Die Schweißtropfen rannen an seinem Körper herunter. Catherine wusste nur zu gut, dass es eine menge Anstrengung brauchte bis Vincent nur annähernd anfing zu schwitzen.
Vincent: „Bist du schon lang hier?“ Versuchte Vincent seiner Worte Herr zu werden, er war völlig außer Atem.
Catherine: „Ich habe dich gesucht…seit wann bist du hier?“ flüsterte Catherine ihm zu. Doch Vincent antwortete nicht. Er setzte sich stattdessen auf eine nahe stehende Gewichtheberbank. Catherine konnte sehen, wie er mit sich ringte und ging zu ihm. Vor ihm niederkniend sah sie in Vincents Augen. Mehrmals schloss er seine Augen, warf den Kopf zurück und atmete tief durch. Catherine legte ihre beiden Hände auf seinen Brustkorb, um ihn zu beruhigen. Allmählich bekam er sich unter Kontrolle.
Catherine: „Warst du den ganzen Tag hier?“
Vincent: „Seit Nachmittag.“
Catherine: „Und die anderen Tage?“ erstaunt über ihre Kenntnis sah er sie an.
Catherine: „Vater sagte mir vorhin, dass man dich seit Tagen nicht mehr sieht. Du sollst die meiste Zeit weit weg außer Reichweite oder hier in der Halle gewesen sein. Was ist los, Vincent?“
Vincent: „Es hat nichts mit dir zu tun, Catherine.“
Catherine: „Ist es Lisa?“ Als der Name fiel, stand er abrupt auf. Verwundert und besorgt zu gleich sah Catherine ihm nach.
Catherine: „Sie lässt dich nicht in ruhe…“ Auch darauf antwortete er nicht.
Catherine: „Vincent, bitte rede mit mir!“ flehte sie ihn an.
Vincent: „Was soll ich dir denn sagen, Catherine!“
Vincent: „Soll ich dir berichten, dass Lisa mir bei jeder möglichen Gelegenheit auflauert? Das sie mich verfolgt wie ein Schatten?...Gott, ich…ich werde noch wahnsinnig!“
Catherine: „Warum hast du mir das nicht schon eher gesagt, Vincent!“
Vincent: „Und was dann? Catherine…ich weiß doch selbst nicht, wie ich mich verhalten soll. Ihr die Meinung sagen…das bringt nichts. Du hast es selbst gemerkt! Selbst Vater hatte sie mehrmals gebeten zu gehen. Aber sie geht nicht! Du weißt, ich bin oft am Abend beim Schwimmen und ich fühle…wie sie mich beobachtet…“ Vincent war verzweifelt. Er ließ seinen Kopf hängen und wieder stieg eine art Unwohlsein in ihm auf.
Catherine trat an Vincent heran und hielt ihn an seinen Hüften fest. Sie küsste seinen Brustkorb. Der salzige Geschmack auf seiner Haut war verführerisch. Vincent ließ seinen Kopf auf ihre Schulter sinken.
Catherine: „Komm, lass uns etwas im See schwimmen. Wir könnten beide eine Abkühlung vertragen.“ Vincent nickte.
Gemeinsam gingen sie zum See. Vincent hatte sein Hemd nur übergestreift, ohne es zuzuknöpfen. Ihm war warm genug!
Unterwegs, wie sollte es anders auch sein, kam ihnen Lisa entgegen. Vincents Anblick ließ ihr Blut in Wallung bringen. Die Art und Weise wie er sein Hemd lässig übergezogen hatte, machte sie fast verrückt. Sie hatte nur Augen für ihn! Catherine, die neben ihm stand, schien Lisa gar nicht wahr zu nehmen. Lisa ging ganz nah an Vincent heran, legte eine Hand auf seine Brust, ließ diese unter sein Hemd gleiten und warf ihm einen viel sagenden Blick zu. Danach ging sie ganz langsam und eng an ihm vorbei, ohne seinem Blick auszuweichen. Auch Vincent konnte sich ihrem nicht entziehen.
Catherine: „Ich glaube das reicht jetzt, Lisa!“ Fuhr Catherine sie an.
Lisa: „Was denn…bist du etwa eifersüchtig?“
Catherine: „Lass deine Finger von ihm!“
Lisa: „Und wenn nicht?“
Catherine: „Dann wirst du mich kennen lernen, meine Süße!“
Vincent: „Hört auf!“ Verwundert sahen die beiden Streithähne ihn an. Vincent löste sich von beiden und machte sich auf und davon. Lisa lächelte hämisch in sich hinein und Catherine konnte nicht glauben, dass Vincent sie einfach so stehen ließ. Wutentbrannt trennten sich Lisas und Catherines Wege.
Erst spät in der Nacht kam Vincent zurück. Ausgepowert ließ er sich auf seinem Stuhl nieder, lehnte sich zurück und dachte nach. Catherine spürte seine Gegenwart und wachte auf.
Catherine: „Vincent?“
Vincent: „Ja, ich bin hier.“
Catherine: „Wo warst du? Ich habe die halbe Nacht auf dich gewartet.“
Vincent: „Ich war überall, schätze ich…“ Die Antwort war wie ein Flüstern.
Catherine: „Kommst du ins Bett?“ Müde nickte er, entledigte sich seiner Sachen, zog sich seine Schlafsachen über und legte sich zu ihr. Catherine wollte ihn keineswegs mit Zärtlichkeiten überrumpeln. Sie merkte schon seit Tagen, dass es zwischen ihnen weniger Streicheleinheiten gab.

Catherine: „Hältst du mich fest?“
Vincent: „Komm her.“ Sachte schmiegte sie sich an seine Seite.
Catherine: „Bekomme ich einen Gute Nachtkuss?“
Vincent: „Sicher, entschuldige…“ Ihr beider Kuss war erst vorsichtig. Nicht wie sonst, so voller Leidenschaft und Hingabe. Allmählich jedoch, wurde er intensiver. Dennoch hielt ihn etwas zurück. Er konnte sich seinen Gefühlen einfach nicht hingeben.

Die darauf folgenden Tage verliefen nicht anders. Vincent zog sich immer mehr zurück. Auch Catherine bekam ihn kaum noch zu Gesicht. Dies blieb Vater und den anderen nicht verborgen. Normalerweise frühstückten sie alle zusammen. Oft sah man die beiden am See sitzen oder am Abend redeten sie über den vergangenen Tag. Seit langem gab es das nicht mehr. Vater und Mary sprachen oft mit Lisa und baten sie zu gehen. Doch als Antwort kam immer nur:
„Was wollt ihr dagegen tun? Ihr könnt mich nicht zwingen mein Zuhause zu verlassen. Und was Vincent und mich angeht, das geht euch nichts an!“ Sie waren ratlos.

Catherines Situation ihrem Ex – Freund gegenüber hatte sich ebenfalls geändert. Steven passte sie fast jeden Tag bei ihrem Italiener ab, um mit ihr Mittag zu essen. Er machte ihr ununterbrochen Komplimente, die Catherine sehr verlegen machten. Selbst, als Catherine die Mittagspause an ihrem Schreibtisch verbrachte, um Steven aus dem Weg zu gehen, kam er mit verpacktem Essen zu ihr ins Büro. Catherine glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Sie bat ihn nach draußen, um ungestört reden zu können.

Catherine: „Steven, was soll das bitte!“
Steven: „Ich dachte mir, wir könnten wieder zusammen zu Mittag essen.“
Catherine: „Das ist…wirklich nett von dir, aber ich habe keine Zeit und…Steven…ich glaube du nimmst das viel zu ernst.“
Steven: „Wie meinst du das? Ich denke du gehst gern mit mir essen?“
Catherine: „Es tut mir leid, wenn ich da falsche Hoffnungen in dir geweckt habe, aber ich dachte ab und zu. Nicht jeden Tag!“
Steven: „Catherine, mit dir wieder zusammen zu sein…ist…wie ein Wunder. Für mich ist ein Traum wahr geworden.“ Catherines Gesicht war ohne jede Regung.
Catherine: „Steven, was redest du denn da! Wir waren mal zusammen, ja! Aber das ist vorbei!“
Steven: „Du hast mit mir Schluss gemacht, Catherine. Ich bin bis heute nicht darüber hinweg. Bitte gib mir die Chance, mich langsam von dir zu lösen. Ich bitte dich!“
Catherine: „Steven, es tut mir so leid, dass ich dir so sehr weh getan habe, aber ich liebe nun mal jemand anderen.“
Steven: „Ich möchte dich ab und zu mal ausführen.“
Catherine: „Bitte Steven…quäl mich nicht!“
Steven: „Mal ins Theater…“ Seine Augen flehten sie an.
Catherine: „Ich werde es mir überlegen, okay? Ich…ich muss jetzt wieder ins Büro zurück.“
Steven: „Ja, ist gut…“
Mit angespannter Mine kehrte sie an ihren Schreibtisch zurück. Auf ihre Arbeit konnte sich Catherine keineswegs mehr konzentrieren.
Der Nachmittag zog sich für Catherine dahin. Geschafft hatte sie fast gar nichts mehr. Die Konfrontation mit Steven machte ihr zu schaffen.


Als sie am Abend wieder in den Tunneln war, ging sie direkt zu Vincent in die Trainingshalle. Die anderen Männer waren bereits gegangen. Vincent verräumte die Gewichte, als Catherine plötzlich hinter ihm stand.

Catherine: „Hey…“ überrascht drehte er sich zu ihr um.
Vincent: „Ich habe dich gar nicht gehört.“ Ein leichter Kuss zur Begrüßung war alles.
Catherine: „Ich war auch ganz leise. Wie geht es dir…“
Vincent: „Heute hatte ich mal meine Ruhe…“
Catherine: „Wenigstens du!“ Verwundert sah Vincent sie an. Verlegen und nach Worten suchend sah Catherine zu Boden.
Vincent: „Was ist los?“ Sie atmete tief durch. Es fiel ihr sichtlich schwer darüber zu reden.
Catherine: „Vor zwei Wochen etwa war ich Mittags beim Essen. Da tauchte auf einmal Steven auf…mein Ex – Freund.“ Sie machte eine kleine Pause.
Catherine weiter: „Seit dem passt er mich jeden Mittag ab. Heute, dachte ich mir, bleibe ich im Büro und verbringe meine Mittagspause dort…und wer taucht mit Essen in der Hand vor meinem Schreibtisch auf? Steven…“ Catherine musste erstmal wieder tief Luft holen und redete weiter.
Catherine: „Er sagte mir…dass er es bis heute nicht verwunden hat, das ich ihn vor 3 Jahren verlassen habe. Er meinte…er möchte sich langsam von mir lösen und ob ich mal mit ihm ins Theater gehen würde und so weiter…Ich weiß nicht was ich tun soll, Vincent!“
Vincent: „Dann geht es dir wie mir…du willst dem jenigen nicht weh tun und vor den Kopf stoßen. Man war schließlich eine zeit lang mit  ´ihr ´oder ´ihm´ zusammen. Darunter leidet aber auch die bestehende Beziehung der jeweiligen Personen. Keiner weiß wirklich wie man darauf reagieren oder was man dagegen machen kann.“ Erstaunt sah Catherine ihn an. Vincent hatte recht mit dem was er sagte. Jetzt konnte sie sich in ihn herein versetzen.
Catherine: „Und…was sollen wir jetzt tun?“ Vincent hob seine Schultern und schüttelte mit dem Kopf.
Vincent: „Ich weiß überhaupt nichts mehr, Catherine. Ich weiß nicht was ich denken soll! Ich weiß nicht was ich fühlen soll! Gar nichts! Wenn ich Lisa sehe, dann…denke ich an früher. Das einzige was ich bei ihr weiß ist, das sie alles versuchen wird, um mich zu verführen. Und davor, Catherine….habe ich die meiste Angst. Ich habe Angst es erst zu bemerken, wenn es bereits zu spät ist.“
Catherine blieb jetzt stark und gefasst. Diese verzweifelten Worte von Vincent zu hören überraschte sie. Dies war Catherine von ihm nicht gewohnt.
Catherine: „Das, was Frauen wirklich gut können ist zu wissen, wie man einen Mann verführt. Und Männer fallen oft darauf rein, wenn der Reiz oder die Verführung zu groß ist.“
Vincent: „Aber ich will es nicht!“ Eindringlich sah er sie an.
Catherine: „Ich weiß, dass du es nicht willst, Vincent. Ich schon gar nicht! Sie darf keinen Keil zwischen uns treiben.“
Vincent: „Hat sie das denn nicht schon getan?“
Catherine: „Was? Vincent was redest du da!“
Vincent: „Ich entferne mich von dir, Catherine. Die Art und Weise wie sie mir gegenüber tritt. Dieses…sie kann die Hände nicht von mir lassen. Catherine, jede Berührung die du bei mir versuchst…ich denke jedes Mal es könnte Lisa sein! Der Gedanke, sie könnte es schaffen an deiner Stelle zu sein…macht mich krank. Deshalb versuche ich, niemanden an mich heran zu lassen.“
Catherine: „Das ist es…Deshalb lässt du dich von mir nicht mehr in den Arm nehmen. Ja, ich habe gemerkt, dass du mich nicht an dich heran lässt. Selbst, wenn wir uns küssen. Vincent…du fehlst mir!“ Catherines Augen füllten sich mit tränen.
Vincent: „Ich weiß…du fehlst mir genauso.“
Nichts ahnend von alldem standen Vater und Mary hinter ihnen.
Vater: „Ist alles in Ordnung mit euch?“ Vincent drehte sich in eine Richtung, in der man sein Gesicht nicht sehen konnte und Catherine wischte sich verstohlen ihre Tränen weg.
Mary: „Sagt mal ihr zwei, was zum Teufel ist hier seit Wochen los? Man sieht euch nicht zusammen und wenn, dann…ich weiß nicht. Hier stimmt doch was nicht!“
Vincent: „Gut erkannt, Mary!“
Vater: „Vincent! Was ist hier los!“ Vater hatte sein strenges Gesicht aufgesetzt.
Vincent: „Ich werde für eine Weile weg gehen, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.“ Dabei sah er Catherine die ganze Zeit an. Ihre Tränen kamen wieder. Vincent war im begriff zu gehen, als Vater ihn am Arm packte und eindringlich ansah.
Vincent: „Lass mich bitte los, Vater.“
Vater: „Nicht bevor du mir sagst was hier vor sich geht. Das ist mein Ernst!“
Trotzig warf sich Vincent sein Hemd über, lehnte sich an einen nahe gelegenen Tisch, steckte seine Hände lässig in die Hosentaschen und suchte nach Worten.
Vater: „Nun?“  Vincent schüttelte den Kopf.
Vincent: „Vater, bitte…frag nicht weiter!“
Mary: „Catherine? Kannst du uns sagen was mit euch beiden passiert?“ Hilfe suchend sah sie zu Vincent, doch der rührte sich nicht.
Catherine: „Es ist Lisa…“ stumme Blicke wechselten von einem zum anderen. Vincent warf seinen Kopf zurück.
Vater: „Was ist mit ihr! Ich sehe sie kaum.“
Vincent: „Wie auch…sie ist ständig auf der Suche nach mir!“
Mary: „Wie bitte?“ Vincent wollte nicht näher auf dieses Thema eingehen.
Vincent: „Hört zu. Ich will nicht darüber reden…Ich werde ein paar Sachen zusammenpacken und für eine Weile verschwinden.“ Catherine ging auf ihn zu, griff nach seinem Hemd und zog ihn sanft an sich heran.
Catherine: „Bitte geh nicht…“
Vincent: „Ich kann so nicht klar denken, Catherine. Mach dir keine Sorgen.“ Gerade als er sich von ihr abwenden wollte, hielt sie ihn weiter fest. Vincent beugte sich zu Catherine herunter und küsste sie. Danach verließ er die Halle, ohne noch einmal zurück zuschauen und war verschwunden. Stumm rannen Catherine die Tränen herunter. Vater und Mary konnten darauf nichts sagen. Zu sehr waren sie von den Geschehnissen geschockt. Sie konnten sich ebenfalls keinen Reim darauf bilden, worum es im Einzelnen ging. Fassungslos starrten sie Catherine an, jedoch unfähig sie zu fragen. Nach ein paar Minuten hatte sich Catherine wieder einigermaßen im Griff.

Catherine: „Ich werde für eine Weile nach oben gehen.“ Ihre Stimme war gebrochen.
Mary: „Catherine, um Gottes Willen. Sag doch endlich was zwischen euch vorgefallen ist!“ Ein gezwungenes Lächeln brachte sie hervor.
Catherine: „Zwischen Vincent und mir ist nichts vorgefallen. Wenn, dann hätten wir das Problem gemeinsam lösen können, Mary. Es ist ganz einfach Lisa! Sie…sie treibt einen gewaltigen Keil zwischen Vincent und mich. Sie versucht uns auseinander zu bringen.“
Vater: „Was ist passiert…“ Vater redete sehr einfühlsam. Doch Catherine brachte kein weiteres Wort heraus. Stattdessen schüttelte sie den Kopf und zog sich, wie Vincent zurück.
Vater: „Mary, lauf so schnell du kannst zu Vincent und versuch ihn irgendwie aufzuhalten.“
Mary: „Was wirst du tun?“
Vater: „Ich werde mir Lisa vorknöpfen, um herauszufinden, was hier vor sich geht. Wieso habe ich nichts bemerkt?“
Mary: Mach dir darüber keine Vorwürfe, Jacob.“
Vater: „Leichter gesagt als getan. Komm, wir müssen uns beeilen.“


Mary hatte große Mühe den ganzen Weg über schnell zu laufen. Sie war eben nicht mehr die Jüngste. Doch wie es das Schicksal so wollte, kam sie noch rechtzeitig. Vincent war gerade im Begriff zu gehen, als Mary plötzlich vor ihm stand. Besorgt sah er sie an. Nie zuvor hatte er sie völlig außer Atem gesehen.

Vincent: „Mary, ist alles in Ordnung mit dir?“
Mary: „Das frag ich dich, mein Junge.“
Vincent: „Mary, bitte…“
Mary: „Vincent. Was soll das! Warum redet ihr zwei nicht mit uns!”
Vincent: „Es gibt nun mal Dinge, wobei ihr uns nicht helfen könnt. Versteh das doch bitte!“
Mary: „Versuch es einfach…“ Mary flehte ihn förmlich an. Aber Vincent ließ nicht weiter mit sich reden. Er wollte eben an Mary vorbei, als Lisa herein kam.
Vincent: „Was willst du hier! Hast du nicht schon genug angerichtet?“
Mary: „Lisa, was hast du mit alldem hier zu tun!“
Lisa: „Eine ganze Menge, schätze ich!“ Sie klang sehr siegessicher. In dem Moment betrat Vater Vincents Kammer.
Vater: „Dich habe ich gesucht, Lisa! Vincent, schön das du noch da bist!“
Vincent: „Nicht mehr lange!“
Mary: „Jacob, ich denke mir Lisa hat einiges zu dieser Situation beigetragen.“
Vincent: „Ihr könnt gern weiter reden, aber ich gehe!“
Lisa: „Wo willst du hin?“ Sie klang herrisch. Vincent ging nah an sie heran.
Vincent: „Irgendwo hin, wo du mich nicht findest!“
Lisa: „Keine bange, ich werde dich schon finden, mein Schatz.“ Sie schien sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. Vincent antwortete dagegen mit einem tiefen Grollen aus seiner Kehle.
Mary und Vater waren sich nun über den Ernst der Lage bewusst.
Lisa ging ebenfalls sehr nah an Vincent heran und flüsterte ihm zu.
Lisa: „Du weißt genau, dass mich dein Grollen nicht im geringsten abschreckt. Ganz im Gegenteil! Egal wo du jetzt hin gehst…ich werde dich suchen und ich werde dich finden!“
Vincent: „Dann werde ich wohl an ein paar Schluchten vorbei gehen müssen. In der Hoffnung, dass du diese nicht schaffst!“ Mary und Vater hatten alles genauestens verstanden und dies machte ihnen Angst.
Vater: „Lisa das reicht jetzt! Pack deine Sachen und verschwinde von hier! Ich sage es dir nicht noch einmal! Komm nie wieder!“
Vincent blieb davon wenig beeindruckt und ging. Lisa scherte es nicht was Vater zu ihr sagte. Ihr einziger Gedanke galt Vincent.
Lisa: „Vincent gehört bald wieder mir…ihr werdet schon sehen!“
Vater senkte seinen Blick und schloss die Augen. Er wusste nicht mehr, wie lange es her war, dass er auf jemanden so wütend geworden ist. Lisa schaffte es! Mary kannte Vater lang genug um zu wissen, dass er kurz davor war loszubrüllen.
Mary: „Lisa bitte, tu dir und uns einen Gefallen und geh! Randolph! Josef!“ überrascht sahen Vater und Lisa sie an.
R. + J.: „Wir sind hier, Mary!“
Mary: „Bitte seid so gut und bringt Lisa nach oben. Sie muss noch packen.“ Die beiden angesprochenen nickten. Lisa glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. Jedoch kam sie auch nicht dazu sich darüber Gedanken zu machen. Randolph und Josef packten sie am Arm, geleiteten sie in ihre Kammer, halfen ihr beim Packen und brachten sie ohne Umwege nach oben. Vor ihren Augen wurde das Gatter geschlossen, eine Kette um die Gatterstäbe gelegt und von innen verschlossen.
Ihr sollte somit klargemacht werden, dass sie in den Tunneln nichts mehr verloren hatte. Doch so schnell ließ sich Lisa nicht vertreiben! Sie war wütend! Ihre eigene Familie hatte sie verbannt!
Randolph und Josef meldeten sich bei Mary zurück, die sich um Vater kümmerte. Nach dieser Konfrontation ging es ihm nicht gut.

Mary: „Sollen wir Vincent bescheid sagen, dass Lisa weg ist?“
Vater: „Nein, noch nicht. Geben wir den beiden ein paar Tage. Das wird ihnen gut tun.“
Mary: „Was ist, wenn sie wieder runter kommt? Sie kennt sich hier unten eben so gut aus wie die anderen.“
Vater: „Ich weiß es nicht. Mehr als sie zu verbannen können wir nicht tun.“

Vincent war viele Stunden unterwegs. Er kannte einen geheimen Platz weit unten. Noch weiter als die Katakomben. Dort verlief ein unterirdischer Fluss, dessen Geplätscher eine beruhigende Wirkung auf ihn hatte. Vincent sammelte Holzstücke, entfachte ein Feuer, da es langsam Kalt wurde und schlug sein Lager auf.

Catherine dagegen ging gezielt in ihr Appartement. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, überkam sie die Traurigkeit. Catherine ließ sich auf ihr großes Bett fallen und weinte die Nacht hindurch bis zum Morgen.
Am nächsten Tag in ihrem Büro angekommen, sah Catherines Boss Joe Maxwell ihre tiefen Augenringe und bat sie noch ins Büro.
Joe: „Catherine, ist alles in Ordnung mit dir? Du gefällst mir überhaupt nicht.“
Catherine: „Entschuldige, Joe. Ich…ich habe zurzeit ein paar persönliche Probleme.“
Joe: „Das tut mir leid, Catherine. Wenn ich etwas für dich tun kann, dann sag es bitte.“
Catherine: „Danke Joe…ich brauche nur Zeit.“
Joe: „Hör zu, wir kommen die nächsten Tagen gut zurecht. Es sind genug Leute da und wenn du ein paar Tage brauchst, dann nimm sie dir. Du hast genug Resturlaub.“
Catherine: „Okay, wenn du mich brauchst, dann…“
Joe: „Jetzt hau schon ab!“ Dies ließ sich Catherine nicht zweimal sagen.

Bei sich im Appartement angekommen wollte Catherine nicht sehen und nichts hören. Folglich schloss sie die Tür hinter sich ab und schaltete den Anrufbeantworter ein.                            
Steven Bass, Catherines Ex – Freund, erkundigte sich ununterbrochen nach ihr. Er rief fast täglich in der Kanzlei an. Als man ihm dort keine Auskunft gab, setzte er alle Hebel in Bewegung, um Catherines Adresse und Telefonnummer heraus zubekommen. Für ihn waren es vier anstrengende Tage…

Als er ihre Telefonnummer endlich hatte, rief er sie an. Catherine hatte zu ihrem Glück den Anrufbeantworter angeschalten.
Steven: „Hallo Catherine, hier ist Steven. Seit Tagen versuche ich dich krampfhaft zu erreichen, aber du stehst ja nicht gerade im Telefonbuch. Weshalb ich anrufe…ich wollte dich fragen, ob du mit in die Oper kommen möchtest. Ich habe zwei Karten und dachte mir, du hättest Lust mich zu begleiten. Die Vorstellung wäre nächste Woche und ich würde mich freuen, wenn du mitkommen würdest. Ich melde mich bald wieder bei dir. Bitte gib mir Bescheid. Mach´s gut“

Catherine stand vor ihrem Telefon und hörte sich die Nachricht an. Etwas Abwechslung würde ihr sicherlich gut tun. Vincent hatte seit über einer Woche nichts von sich hören lassen und ihr fiel die Decke auf den Kopf. Doch hatte sie Zweifel, ob es richtig war.
Nach ewigen hin und her, das fast eine Woche dauerte, rief sie Steven an und verabredete sich mit ihm. Er war völlig aus dem Häuschen. Catherine war sich ihrer Sache nicht mehr so sicher.
Vincent spürte die ganze Zeit ihren Konflikt. Catherine musste jedoch, genau wie er selbst, mit der Vergangenheit abschließen. Welches war nur der richtige Weg?
Lisa hatte stattdessen einen anderen Weg in die Tunnel gefunden. Unbemerkt schlich sie an den Wachen vorbei. Ihr Weg führte sie in die Nähe der Katakomben. Dort suchte sie alles nach Vincent ab. Vergeblich! Aufgeben wollte Lisa erst recht nicht! Die Nacht verbrachte sie in der Kälte.
Hartnäckig begab sie sich am nächsten Tag weiter in das verzweigte Tunnelsystem hinab. Nach mehreren Stunden hörte Lisa das leise Rauschen von Wasser. Sie folgte dem Geräusch und gelangte an einen Fluss. Noch ahnte sie nicht, dass sie Vincents Aufenthaltsort gefunden hatte. Neugierig sah sich Lisa um und entdeckte eine kleine Feuerstelle. Direkt daneben ein Schlaflager. Von Vincent war weit und breit nichts zu sehen. Als sie plötzlich seine Schritte hörte, zog sie sich schnell zurück. Sie wollte warten bis er sich schlafen gelegt hatte.

Catherine war derweil den ganzen Tag aufgeregt. Sie war seit langem nicht mehr in der Oper gewesen. Nervös machte sie der Gedanke an Steven, der sie in ein paar Stunden abholen würde. Wie würde der Abend verlaufen? Intensiv überlegte Catherine was sie anziehen sollte. Bloß nicht zu freizügig, sonst könnte Steven denken, sie wäre leicht zu haben.
Gegen acht Uhr klopfte es an Catherines Tür. Es war Steven. Gemeinsam fuhren sie in die nähe des Central Parks, wo ein neues Opernhaus eröffnet wurde. Steven hatte für sie beide einen Logenplatz reserviert. Es schienen die besten Plätze im ganzen Opernhaus zu sein. Sie waren vollkommen ungestört.
Während der Vorstellung sah Steven sie mehrmals von der Seite an. Sein Gesicht verriet Sehnsucht. Sehnsucht nach Catherine.
An einer sehr sentimentalen Stelle des Opernstücks, ließ Steven vorsichtig seine Hand auf die von Catherine gleiten. Sie schloss ihre Augen und versuchte ihrer Gefühle Herr zu werden. Catherine sah ihn flehend an dies nicht zu tun. Folglich zog er seine Hand zurück. Ihr Herz klopfte und befürchtete, er könnte es hören.
Das Stück ging fast drei Stunden. Steven hatte ihr mehrmals während der Vorstellung Komplimente gemacht. Wie schön und bezaubernd sie sei. Wie sehr ihr das Kleid stand, welches sie trug.
Nach der Oper lud er Catherine zum Essen ein. Es war bereits reichlich spät und Catherine war sehr müde. Dennoch konnte er sie dazu überreden. Bei ihrem nächtlichen Essen sprachen sie viel über ihre gescheiterte Beziehung. Catherine sah Steven an, dass es ihm immer noch sehr weh tat darüber zu reden. Sie versuchte ihm eindringlich klar zu machen, dass es für sie beide keine gemeinsame Zukunft geben würde. Doch er ließ nicht locker.

Steven: „Catherine, bitte sag mir was ich falsch gemacht habe und ich werde es ändern. Doch ich flehe dich an! Komm zu mir zurück.“
Catherine: „Das hat nichts mit dir zu tun, Steven. Nach unserem letzten Abend bin ich im Central Park überfallen worden. Das weißt du. Seit diesem Zwischenfall habe ich mich verändert. Ich bin nicht mehr dieselbe Catherine die du kennen gelernt hast.“
Steven: „Aber ich könnte mich anpassen.“
Catherine: „Nein, Steven. Es gibt einen anderen Mann in meinem Leben. Und ich liebe ihn.“ Verstohlen sah Catherine auf ihre Uhr. Sie wollte alldem ein Ende bereiten.
Catherine: „Hör zu, Steven. Es ist schon sehr spät. Kannst du mich bitte nach Hause bringen?“
Steven: „Ja, natürlich. Es tut mir leid…“
Auf dem Weg zu Catherines Appartementhaus wechselten sie kaum ein Wort.
Dort angekommen wollte Catherine nicht unhöflich sein und gestattete ihm sie bis zur Wohnungstür zu bringen. Um neugierigen Blicken auszuweichen, bat sie ihn sogar in die Wohnung. Als Catherine sich zu ihm umdrehte stand er auf einmal nur eine Handbreit vor ihr.

Catherine: „Danke für den schönen Abend.“ Ihre Stimme zitterte. Sie war sich der Spannung in diesem Moment mehr als bewusst.
Steven: „Bitte überleg es dir noch mal.“
Catherine: „Quäl mich bitte nicht. Die Zeit, die wir zusammen waren möchte ich nicht missen. Glaube mir bitte, wenn ich dir sage das es kein `uns` geben wird.“
Steven: „Darf ich dich noch um einen Gefallen bitten?“ flüsterte er ihr zu. Catherine sagte nichts. Steven kam ihr immer näher. Vorsichtig berührten seine Lippen die ihren. Er merkte, dass Catherine nicht zurück wich und verstärkte somit seinen Druck. Sie gab sich ihren Gefühlen hin. Er drückte sie fest an sich. Konnte nicht genug von ihr bekommen. Seine Hände wanderten über ihren Rücken, ihre Schultern. Als er jedoch ihr Kleid öffnen wollte schreckte Catherine zurück. Erst jetzt wurde ihr bewusst, was Steven vorhatte. Sie schob ihn von sich und bat ihn zu gehen.
Steven: „Catherine, was ist denn?“
Catherine: „Das fragst du noch? Hast du das alles hier geplant?“ Der angesprochene antwortete nicht sondern senkte seinen Blick zu boden.
Catherine: „Für wen hältst du dich eigentlich! Geh Steven! Bitte geh…“
Kaum war er gegangen ließ sie sich geschockt über das eben geschehene auf ihre Couch fallen.
Catherine: „Oh Gott…was habe ich getan! Wie konnte das nur passieren? Vincent vergib mir!“

Am selben Abend, nur an einem anderen Ort beobachtete Lisa Vincent dabei, wie er den Fluss rauf und runter schwamm. Als er aus dem Wasser stieg waren seine Muskeln angespannt und das restliche Wasser tropfte an ihm herunter. Sein flacher muskulöser Bauch und sein Brustkorb gingen mit jedem Atemzug mit. Beim Abtrocknen verlor Lisa fast die Nerven. Sie wollte zu ihm!
Nach einigen Minuten entschloss sie sich zu ihm zu gehen. Langsam schlich sie an Vincent heran. Bis jetzt hatte er sie nicht bemerkt. Vincent war am Lagerfeuer eingeschlafen.
Vorsichtig legte sich Lisa neben ihn. Seine Nähe machte sie wirr.
Zärtlich ließ sie ihre Hand über seine Brust gleiten bis zum Bauch und wieder zurück. Lisa beugte sich über ihn und küsste ihn sanft. Langsam öffnete Vincent seine Augen und sah sie verwirrt an.

Vincent: „Lisa, was…“ Zu mehr kam er nicht. Lisa verschloss seinen Mund mit dem ihren. Vincent wollte sich sachte von ihr trennen, um ihr nicht weh zu tun.
Vincent: „Tu das nicht…bitte!“ Lisas Atmung war rapide angestiegen.
Lisa: „Bitte Vincent…kämpf nicht dagegen an. Ich will dich…nur dich…und keinen anderen!“ Lisa überrollte ihn förmlich mit all ihren Gefühlen, dass er sich letztendlich geschlagen gab.
Er küsste sie ebenso wie sie ihn. Lisa lag auf ihm und küsste ihn voller imbrunst. Vincents Hände wanderten über ihren Körper, als wenn sie nie etwas anderes getan hätten. Sie öffnete ihre Bluse, die sie schon halb offen hatte. Vincent schob das Kleidungsstück über ihre Schultern, warf es achtlos zur Seite und drehte Lisa auf den Rücken. Sie legte ihre Arme um seinen Hals, zog ihn zu sich runter und nahm ihn gefangen.
Lisa: „Liebe mich, Vincent…schlaf mit mir…“
Auf einmal hielt Vincent inne. Er besann sich. Er kam wieder zu sich und sah Lisa seltsam an.
Lisa: „Was ist? Warum hörst du auf?“
Vincent: „Ich glaube einfach nicht, was ich hier tue!“
Lisa: „Es ist in Ordnung, Vincent.“ Versuchte Lisa ihn zu überzeugen und streichelte seine Brust.
Vincent: „Nein, nichts ist in Ordnung! Wieso tust du das, Lisa!“
Lisa: „Weil du mir gehörst, Vincent! Deshalb!“
Vincent: „Dir gehören? Lisa…als wir zwei zusammen waren, sind wir Teenager gewesen. Hast du eigentlich begriffen, wie lange das her ist? Über 20 Jahre…Hast du wirklich geglaubt, dass ich die ganzen 20 Jahre auf dich gewartet habe? Wir hatten ein gemeinsames Jahr und es war schön mit dir. Dann bist du ohne ein weiteres Wort gegangen. Nach vielen Jahren tauchst du wieder auf mit vielen Problemen im Gepäck. Du ziehst Catherine in gefährliche Dinge mit hinein, dann verschwindest du wieder. Und nun verlangst du von mir Catherine zu verlassen? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“ Vincent zog sich an, packte seine Sachen zusammen.
Lisa: „Was hast du vor?“
Vincent: „Wonach sieht es denn aus? Ich Idiot wäre fast auf dich hereingefallen. Das kann nicht wahr sein!“
Lisa: „Du kannst mich doch hier nicht allein lassen!“
Vincent: „Du hast allein her gefunden, also wirst du auch in der Lage sein zurück zufinden.“ Kurz darauf war Vincent verschwunden.

Vincent lief die ganze Nacht hindurch. Gegen Mittag betrat er Vaters Bibliothek und meldete sich zurück. Fast drei Wochen war Vincent weg gewesen. Vater schloss seinen Jungen erleichtert in die Arme.
Vater: „Wie geht es dir?“ Vaters prüfenden Blick entging nichts.
Vincent: „Nichts sagend…Wie geht es Catherine?“
Vater: „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Nachdem du gegangen warst, ist sie ebenfalls gegangen und seit dem nicht mehr hier unten gewesen. Was ich nur weiß ist, dass es ihr nicht besonders gut ging.“ Vincent nickte stumm.
Vincent: „Ich lege mich für eine Weile hin…“
Vater: „Ist gut…“ Vater wollte vorerst nicht weiter in der Wunde herumstochern.

Eines Tages kam Peter unverhofft in die Tunnel. Seit einer Ewigkeit hatte er sich nicht mehr blicken lassen. Als Peter die Bibliothek betrat leuchteten Vaters Augen. Die beiden Männer verband seit Jahren eine tiefe Freundschaft.
Vater: „Peter, schön dich zu sehen!“ Vater ging auf ihn zu, reichte ihm die Hand und umarmte seinen besten Freund.
Peter: „Schön wieder hier zu sein, Jacob. Wie geht es dir, alter Freund?“ Peter sah eine gewisse Bedrücktheit in seinen Augen.
Vater: „Mir geht es gut, danke. Dir hoffentlich auch.“
Peter: „Sehr überzeugend klingst du nicht. Und um ehrlich zu sein, mache ich mir Sorgen um Catherine.“ Vater lehnte sich zurück und lauschte seinen Worten.
Peter weiter: „Gestern rief ich bei ihr im Büro an und man sagte mir, dass Catherine für unbestimmte Zeit Urlaub genommen hatte. Ich konnte sie in ihrer Wohnung ausfindig machen. Sie klang gar nicht gut, Jacob. Sehr traurig! Als ich sie nach Vincent fragte und wissen wollte, wie es so lief, fing sie an zu weinen und meinte, dass sie ihn so sehr vermissen würde. Weiter kamen wir nicht. Ich habe dann das Gespräch beendet.“ Vater schüttelte seltsam den Kopf, rieb sich seine müden Augen.
Peter: „Weißt du was genaueres darüber, Jacob? Ich habe Catherine noch nie so erlebt.“
Vater: „Das, was ich weiß ist nicht genug, um dir zu erklären was los ist. Ich wünschte es wäre anders. Dann könnte ich den beiden vielleicht helfen. Aber die zwei hüllen sich in Schweigen und entfernen sich von einander. Seit drei Wochen haben sie sich nicht mehr gesehen.“
Peter: „Was könnte es sein?“
Vater: „Nun, vor mehreren Wochen tauchte Lisa hier auf…“
Peter: „Oh je…ich ahne schlimmes!“
Vater: „Weißt du etwas, was ich wissen sollte?“
Peter: „Kannst du dich noch daran erinnern, wie Lisa ihm, als sie Teenager waren hinterher lief?“
Vater: „Ich weiß, dass sie ihm immer vortanzte…“
Peter: „Erzähl du am besten weiter.“
Vater: „Wie gesagt, sie kam eines Tages hierher und begann ihm ständig hinterher zu laufen. Sogar vor unseren Augen in der Küche…und nicht zu vergessen, Catherine stand gleich neben ihm, beanspruchte sie ihn für sich. Danach haben wir Vincent immer weniger gesehen. Auch zusammen mit Catherine haben wir ihn nicht mehr gesehen. Das wurde so schlimm, dass Vincent plötzlich seine Sachen packte und für Drei Wochen verschwand. Niemand wusste wohin. Catherine ist seit dem oben.“
Peter: „Und Lisa?“ Vater lief um seinen Schreibtisch.
Vater: „Lisa haben wir nach oben gebracht, samt ihren Sachen und es ihr untersagt, jemals wieder her zu kommen.“
Peter: „Glaubst du sie hält sich dran?“
Vater: „Ich hoffe…Wenn nicht, dann weiß ich auch nicht.“
Vater weiter: „Wie auch immer, wir müssen einen Weg finden, um Catherine und Vincent wieder zusammen zu bringen.“
Peter: „Wie stellen wir das am besten an? Ich meine, ich kenne Vincent gut genug um zu wissen, dass er nicht mit sich reden lässt. Jedenfalls was persönliche Dinge angeht.“
Vater: „Stimmt. Selbst mit mir kann er nicht über alles reden…“ ratlos sahen sich die beiden Männer an.
Peter: „Catherine kann ich übernehmen. Das mach ich gleich heute Abend.“
Wie vom Himmel gefallen stand auf einmal jemand am Eingang der Bibliothek, der sich lange nicht mehr hatte sehen lassen! Es war Devon, Jacobs leiblicher Sohn und sozusagen Vincents Halbbruder. Mit ihm hatte wirklich keiner gerechnet.
Vater: „Devon! Du meine Güte!“ Vater sprang von seinem Stuhl auf und nahm seinen Sohn in den Arm.
Devon: „Solch eine Begrüßung habe ich mir gewünscht. Schön dich wieder zu sehen, Dad. Hallo, Peter. Entschuldige bitte, dass ich dich nicht gleich begrüßt habe.“
Peter: „Darüber mach dir mal keine Sorgen. Dein Vater hat Vorrang.“
Devon: „Und? Was gibt´s neues? Wo ist mein kleiner Bruder? Ich kann es kaum abwarten ihn zu sehen.“ Verstohlen sahen sich Peter und Vater an.
Devon: „Okay, was ist hier los!“
In kurzen Sätzen berichtete Vater von den letzten Wochen. Und dem Drama das sich abgespielt hat. Devon konnte nur ungläubig den Kopf schütteln.
Vater: „Ich weiß nicht was vorgefallen ist, Devon. Von den beiden sagt keiner ein Wort.“
Devon: „Nichts für ungut, Dad. Aber, wenn weder Catherine noch Vincent ein Wort über das wirkliche Problem verlieren und sich niemanden anvertrauen, dann werden sie dafür driftige Gründe haben.“
Peter: „Da muss ich Devon recht geben, Jacob. Wir können uns nicht einfach in Dinge einmischen die uns nichts angehen.“
Vater: „Ihr habt recht…Dennoch sollten wir mit ihnen reden.“
Peter: „Ich werde rauf gehen zu Catherine. Mal sehen, was ich in Erfahrung bringen kann. Wir sehen uns später!“
Vater: „Danke, Peter!“
Devon: „Gut, dann werde ich mir mal meinen Bruder vorknöpfen!“
Vater: „Du kamst im rechten Augenblick, mein Sohn. Schön, das du da bist.“
Devon: „Wofür hat man denn Kinder?“ Devon schaffte es, aus Vater ein Lächeln hervor zu zaubern und schmunzelte schelmisch zurück.
Devon weiter: „Ich werde ihn mal suchen gehen.“

Nach einer ausgiebigen Suche fand Devon seinen Stiefbruder. Wie schon seit mehreren Wochen verbrachte Vincent seine Freizeit in der Trainingshalle.

Devon: „Überraschung…“ sang Devon freudig. Verwundert sah Vincent sich um. Ihm huschte ein Schmunzeln übers Gesicht.
Vincent: „Devon. Ich glaub es nicht…Mit dir hat wirklich niemand gerechnet.“ Die beiden Männer gingen auf einander zu und nahmen sich in die Arme.
Devon: „Schön dich zu sehen, Brüderchen. Ganz allein hier in der Halle? Es hält wohl keiner so lange durch wie du, was?“ Vincent lächelte verlegen.
Vincent: „Witzbold! Ein paar Gewichte würden dir auch mal wieder gut tun, großer Bruder! Ich glaube du bist geringfügig schmäler geworden.“ Die beiden Brüder genossen diese Neckereien.
Devon: „Und wie ich sehe, hast du noch Muskelmasse aufgebaut.“
Vincent: „Das scheint nur so.“ Versuchte Vincent abzulenken.
Devon: „Du hättest mal Vaters Gesicht sehen sollen, als ich auf einmal am Eingang der Bibliothek stand. Er war genauso überrascht wie du.“
Vincent: „Das kann man wohl sagen. Es ist schön, dass du da bist, Devon.“ In Vincents Stimme konnte Devon eine gewisse Wehmut heraushören.
Devon: „Und? Erzähl doch mal! Wie geht´s dir und Chandler?“
Devons seltsamer Unterton ließ Vincent vermuten, dass er bereits von den Vorkommnissen der letzten Wochen unterrichtet wurde. Vincent sah Devon prüfend an. Er kannte seinen Stiefbruder sehr genau und sah in seinen Augen, dass er wusste das etwas vor sich ging.
Vincent: „Devon, ich höre an deiner Stimme und sehe an deinen Augen, dass du schon informiert wurdest. Also, warum fragst du noch?“ Verlegen sah Devon zu boden.
Devon: „Nun ja, ich kenne ein paar Details. Als ich vorhin hier ankam überraschte ich Vater und Peter bei einem vertraulichen Gespräch. Die zwei machten sorgenvolle Gesichter. Was ich weiß ist, dass ihr zwei, also du und Catherine, seit Wochen nicht mehr miteinander geredet oder euch gesehen habt. Keiner weiß wirklich warum. Weder Vater noch sonst jemand. Und der Auslöser scheint Lisa gewesen zu sein.“
Als Devon ihren Namen erwähnte schnaufte Vincent gereizt und wandte sich von ihm ab. Devon nickte kaum merkbar mit dem Kopf.
Devon: „Ah ja…deiner Reaktion zu urteilen liege ich da wohl richtig.“
Devon: „Willst du mir nicht endlich erzählen was los ist?“
Vincent: „Devon, bitte!“ Vincent klang genervt.
Devon: „Herr Gott noch mal, Vincent! Es kann doch nicht sein, dass ihr von heut auf morgen miteinander Schluss gemacht habt? Oder irre ich mich?“ Devon wurde allmählich wütend.
Vincent: „Damit du dich wieder beruhigst…wir haben nicht Schluss gemacht!“
Devon: „Was ist es dann?“
Vincent: „Devon…kannst du oder willst du es nicht verstehen! Ich will mit niemanden darüber reden!“
Devon: „Ich gehe hier nicht eher weg bis du mir gesagt hast was passiert ist.“
Vincent wollte eben an Devon vorbei, um die Halle zu verlassen, als Devon ihn am Oberarm festhielt. Überrascht sahen sie sich an. Devon sah den Schmerz in Vincents Augen.
Devon: „Ich bin dein Bruder, Vincent. Wir haben uns doch immer alles anvertraut. Warum nicht auch jetzt?“
Es kam ihnen vor, als hätten sie sich minutenlang in die Augen gesehen. Vincent ließ plötzlich seinen Kopf hängen und atmete angespannt durch.
Devon: „Ich sehe dir deutlich an, dass mehr dahinter steckt, als das es den Anschein hat. Mir kannst du nichts vormachen, Vincent.“
Vincent löste sich von Devon, lehnte sich gegen einen nahe stehenden Tisch und zog sein Hemd über.
Vincent: „Was willst du von mir hören…“
Devon: „Du weißt was ich wissen will! Wie kam es dazu, dass ihr zwei euch auseinander gelebt habt?“
Vincent: „Wir haben weder Schluss gemacht, noch haben wir uns auseinander gelebt! Es fing alles damit an, als Lisa hier auftauchte.“
Devon: „In wie fern?“ Vincent atmete tief durch.
Vincent: „Lisa kam mit dem einen Gedanken hierher… sie wollte mit mir zusammen sein. Sie forderte Catherine regelrecht dazu auf mich zu verlassen, um an ihre Stelle zu treten. Und das in der Gegenwart von Vater, Mary und mir! Vor Catherines Augen hat sie versucht mich zu verführen. Das ging sogar soweit, dass Lisa mir ständig nachstellte. Sobald ich allein war, egal ob in meiner Kammer oder am Abend beim Schwimmen suchte sie mich auf, näherte sich mir, versuchte mir immer und immer wieder ins Gewissen zu reden…Ich weiß gar nicht mehr wie oft ich ihr sagte, sie solle mich in ruhe lassen.“
Devon: „Wieso ist sie so hartnäckig? Da steckt doch mehr dahinter.“
Vincent: „Da liegst du richtig.“
Devon: „Ach, tu ich das?“
Vincent: „Als Lisa und ich 16 Jahre alt waren…waren wir zusammen.“
Devon: „Wie, zusammen.“
Vincent: „Mein Gott, Devon! Muss ich dir das wirklich näher erklären?“ Devons Augen weiteten sich.
Devon: „Du meinst…ihr habt…miteinander geschlafen?“
Vincent: „Ja…“
Devon: „Und Vater?“
Vincent: „Er hat bis heute keine Ahnung und so soll es auch bleiben.“
Devon: „Vater hatte von alldem nichts gemerkt?“ Wortlos schüttelte er den Kopf.
Vincent: „All die Annäherungsversuche hatten eine gewisse Auswirkung auf unsere Beziehung. Wenn ich mit Catherine zusammen war, sie mich berührte oder umarmte, sah ich Lisa vor mir.“
Devon: „Lisa hatte dich eben so sehr bedrängt, dass es für dich unangenehm wurde.“
Vincent: „Ich hatte es nicht mehr ausgehalten...Ich will mit Catherine zusammen sein.“
Devon: „Hast du mit Catherine darüber geredet?“
Vincent: „Ja. Und zu meinem erstaunen erging es ihr in der zeit ähnlich.“
Devon: „Was?“
Vincent: „Bevor wir uns kennen lernten war Catherine in festen Händen. Nach ihrem Unfall trennte sie sich von ihrem damaligen Freund und kam zu mir. Bis heute hatte er es nicht verwunden, dass Catherine ihn verlassen hatte. Nun ja, durch Zufall sahen sie sich wieder. Catherine ging ein paar Mal mit ihm Mittag essen und er ließ sie, wie Lisa bei mir, nicht in Ruhe. Er passte sie ab, rief sie ständig zu Hause an u.s.w. An dem Tag sagte ich ihr, dass ich für ein paar Tage verschwinden würde. Wie sollte es auch anders sein, kamen Vater und Mary ebenfalls dazu und löcherten uns mit Fragen.“
Devon: „Hast du ihnen was erzählt?“
Vincent: „Nicht viel. Ich bin dann einfach gegangen. Vater hatte Lisa samt Sachen nach oben bringen lassen.“
Devon: „ Konntest du wenigstens über alles Nachdenken?“
Vincent: „Erst schon…bis Lisa mich fand!“
Devon: „Ich denke du warst weit weg?“
Vincent: „War ich auch. Dachte ich zumindest.“
Devon: „Und?“
Vincent: „Sie hat mich gesucht…gefunden, wie auch immer sie es fertig gebracht hat und eines späten Abends hat sich mich…sozusagen…im Schlaf überrascht, um den kleinen Finger gewickelt und…“ Er sprach nicht weiter.
Devon: „Ihr habt doch nicht etwa…miteinander…“
Vincent: „Nein, den letzten Schritt Gott sei dank nicht…aber viel hatte nicht gefehlt. Das sag ich ganz ehrlich!“ verblüfft über diese Worte sah Devon seinen Bruder an, atmete erleichtert tief durch.
Devon: „Warum lassen wir Männer uns nur so leicht verführen?“
Vincent: „Frauen wissen ganz genau wie es geht.“
Devon: „Und Catherine? Wie ging es bei ihr?“
Vincent: „Ich weiß es nicht. Seit unserem letzten Gespräch haben wir uns nicht mehr gesehen. Wir wollten uns Zeit geben.“
Devon: „Wäre es nicht allmählich an der Zeit, Vincent…dass du…zu ihr gehst?“
Vincent: „Ja…ich weiß nur nicht was ich ihr sagen soll.“
Devon: „Lass es auf dich zukommen. Das klingt einfacher als gesagt, ich weiß…aber…ihr müsst miteinander reden, Vincent. Das kann nicht so weiter gehen. Ihr entfremdet euch!“
Darauf antwortete Vincent nicht. Gedankenverloren wandte er sich von Devon ab, stimmte ihm jedoch stumm zu.

Zur selben Zeit stand Peter vor Catherines Wohnungstür und klopfte. Als sie
Zögernd öffnete, lugten ihr ein paar mitleidenserregende Augen entgegen. Peter betrat ihre Wohnung, nahm Catherine sogleich in seine Arme, hielt sie fest und versuchte sie zu trösten.
Gemeinsam auf der Couch sitzend versuchte Peter ihr auf den Zahn zu fühlen. Doch genau wie Vincent wollte Catherine kein Wort darüber verlieren. Sie ließ sich jedes Wort aus der Nase ziehen, druckste herum. Mittlerweile stand Catherine an ihrer Balkontür und starrte gedankenverloren in die Dunkelheit hinaus.

Peter: „Catherine, ich bitte dich. Wir machen uns alle große Sorgen um euch. Ich mache mir Sorgen!“ verdeutlichte er mit Nachdruck.
Peter: „Deinen Eltern hatte ich hoch und heilig versprochen immer auf dich aufzupassen. Auch, wenn es Liebeskummer sein sollte.“ Bei dem Wort Liebeskummer huschte ihr ein kleines Lächeln übers Gesicht und drehte sich zu Peter. Plötzlich brach sie ihr Schweigen. In kurzen Sätzen schilderte sie, welche Probleme zwischen ihr und Vincent standen, die Lisa mitbrachte.
Catherine: „Sie hat ihm aufgelauert, abgepasst. Mit allen Mitteln versuchte sie ihm körperlich nahe zu kommen. Das ging über mehrere Wochen. Vorerst hatte ich nichts bemerkt.
Doch allmählich ließ Vincent keine Zärtlichkeiten mehr zu. Selbst wenn wir uns küssten hielt er sich zurück.“
Catherine: „In einem Punkt kann ich dich beruhigen, Peter.“ Erstaunt sah er sie an.
Catherine weiter: „Vincent und ich haben nicht schluss gemacht, wenn du das mit Liebeskummer gemeint hast.“ Peter nickte stumm.
Peter: „Hast du mit ihm darüber geredet?“
Catherine: „Ja, eben daher weiß ich es. Vincent sagte mir, dass er…jedes Mal Lisa vor sich sah, wenn wir zusammen waren. Das war auch der Grund, warum er für längere Zeit weg ging. Er konnte einfach nicht mehr!“
Peter: „Wann habt ihr euch das letzte mal gesehen?“ Sie überlegte angestrengt.
Catherine: „3 oder 4 Wochen…Mir kommt es wie eine Ewigkeit vor, Peter. Ich vermisse Vincent so sehr, dass ich kaum noch schlafen kann.“
Peter: „Vincent scheint es nicht anders zu gehen als dir.“ Mit großen Augen sah Catherine ihn an.
Catherine: „Ist Vincent wieder da?“
Peter: „Ja, aber frag mich nicht seit wann. Man sieht ihn kaum. Laut Vater geht er allen größt möglichst aus dem Weg.“ Abrupt stand Catherine auf, griff nach ihrer Jacke. Erstaunt blickte Peter sie an.
Peter: „Du willst doch jetzt nicht etwa runter gehen? Weißt du eigentlich wie spät es ist?“
Catherine: „Es ist gleich 01 Uhr in der früh und ich weiß, dass Vincent um diese Zeit noch wach ist.“ Sie fuchtelte mit ihren Armen vor Peters Gesicht herum.
Peter: „Catherine, sei bitte vernümpftig. Um diese Zeit in den Central Park zu gehen ist gefährlich.“
Catherine: „Peter, ich habe eine unendliche Sehnsucht nach Vincent. Ich will ihn sehen, mit ihm reden…“ ihr fehlten die Worte, doch Peter verstand sie auch so.
Peter: „Dann lass mich dich nach unten begleiten.“ Erleichternd stimmte Catherine ihm zu.

In Windeseile verließen Peter und Catherine die Wohnung, nahmen den Fahrstuhl zur Empfangslobby, stürzten nach draussen und waren auf dem Weg zum Central Park. Peter hatte Mühe mit Catherine Schritt zu halten. Er bat sie oft einen Gang runter zu schalten. Vergebens! Schließlich war er auch nicht mehr der Jüngste, wie er feststellen musste.
Kurz bevor Catherine den Tunneleingang im Central Park erreichte, hörte sie zwei vertraute Männerstimmen. Abrupt blieb sie stehen. Peter war dies nur recht. Er war völlig außer Atem. Nach genauerem Hinhören erkannte Catherine diese Stimmen. Es waren die von Devon und Vincent! Catherine sprang hinter dem Baum hervor und ging langsam auf die beiden zu. Bis jetzt hatten Devon und Vincent nichts bemerkt. So sehr waren sie in ihr Gespräch vertieft. Devon sah sich um und erblickte plötzlich Catherine. Er blieb mit großen Augen stehen, packte Vincent am Oberarm, deutete stumm in ihre Richtung. Vincent folgte Devons vielsagendem Blick…und da stand sie…Catherine.
Wie in Trance ging Vincent auf sie zu. Catherines Augen füllten sich mit Tränen. Jetzt bemerkte sie umso mehr, wie sehr sie ihn in Wirklichkeit vermisst hatte. Mehr, als ihr bewusst war.
Ihre Schritte beschleunigten sich bis sie sich um den Hals fielen. Unendlich lang hielten Catherine und Vincent einander fest. Catherine ließ ihren Tränen freien lauf.
Peter und Devon nickten sich zur Begrüßung stumm lächelnd zu. Die Beiden hielten sich weit abseits und achteten darauf, dass niemand fremdes in ihre Nähe kam. Sie kamen sich vor, wie zwei geheime Bodyguards.
Immer und immer wieder küssten sie sich innig und leidenschaftlich. Catherine fuhr ihm mehrmals durch seine Mähne, hielt seinen Kopf fest.
Vincent verbarg sein Gesicht in ihren Haaren, küsste sanft ihren Hals. Als sie sich irgendwann langsam von einander lösten, sahen sich die beiden unentwegt und fast abwartend an. Catherine streichelte sein Gesicht.

Catherine: „Ich hab dich so sehr vermisst“, brach sie als erste das Schweigen. Wieder liefen ihr vor Rührung stumme Tränen die Wange herab. Zärtlich strich Vincent jede einzelne von ihnen weg.
Vincent: „Ich dich auch. Sehr sogar…Komm, lass uns spazieren gehen.“ Vincents Stimme war nur ein Hauch. Ein Hauch, den Catherine so sehr an ihm liebte. Vorallem, wenn er ihr vorlas.
Vincent gab Devon und Peter ein lautloses Zeichen. Er gab ihnen damit zu verstehen, dass sie allein sein und in ruhe reden wollten. Sie ließen sich nicht ein zweites Mal Bitten.
Während Catherine und Vincent vorerst schweigend nebeneinanderher liefen, klopften sich Peter und Devon gegenseitig, mit Worten, auf die Schulter.

Devon: „Ich glaube wir haben heute ein stück Geschichte geschrieben.“ Peter schmunzelte.
Peter: „Wie, um alles in der Welt, hast du es geschafft an Vincent heranzukommen? Ich meine…Jacob und Mary haben mehrfach versucht mit ihm zu reden. Ohne Erfolg. Er hat ihnen nicht einmal zugehört.“
Devon: „Peter…du weißt, Vincent und ich sind zusammen aufgewachsen. Ich hab all die Jahre auf ihn aufgepasst. Wir sind mehr als nur Brüder! Wir vertrauen uns alles an. Sei es noch so schlimm oder was auch immer. Es hat zwar eine Weile gedauert bis er sich mir öffnete, aber er hat es getan.“
Peter: „Darauf kannst du stolz sein, Devon. Es gibt nur sehr wenige denen Vincent sich anvertraut.“ Verlegen sah Devon Peter an und lächelte.
Devon: „Ich weiß…“

Vater konnten sie die Neuigkeit noch nicht vermitteln. Um diese unchristliche Zeit war selbst er nicht mehr wach.
Unterdessen gingen Catherine und Vincent eng aneinander geschmiegt durch den Central Park. An einem kleinen Teich im Park angekommen kamen sie zum stehen. Immer noch wortlos wandte sich Vincent ihr zu. Verträumt streichelte er Catherines Gesicht. Sie ergriff seine große, starke Hand, presste sie fest an ihre Wange und schloss ihre Augen.
Vincent drückte Catherine fest an sich. Noch immer sagte keiner von beiden ein Wort. Doch irgendwann musste es sein! Und so machte Vincent den ersten Schritt… Er löste sich behutsam von ihr, sah ihr tief in die Augen.

Vincent: „Wir sollten reden…“ Es war wie ein Flüstern. Catherine senkte ihren Blick.
Catherine: „Ja, ich weiß…“ Ernst blickten sie sich an.
Catherine weiter: „Ich weiß nur nicht, wo ich beginnen soll.“
Vincent: „Da geht es dir wie mir. Gut, dann…frag ich ganz direkt. Wie ging es mit Steven weiter?“ Catherine suchte nach Worten.
Catherine: „Wir sind ein paar mal ausgegangen. Eines Abends brachte er mich bis in meine Wohnung. Dort hat er mich geküsst und…nun ja, er wollte mehr. Mit aller macht wollte er mich zurück. Ich hab ihm die Meinung gesagt und rausgeschmissen.“ Vincent nickte stumm und nachdenklich.
Catherine: „Was ist mit dir?“ Vincent wandte sich von ihr ab, ging ein paar Schritte auf den Teich zu. Catherine trat hinter ihn.
Vincent: „Einige Tage, nachdem ich meine Sachen gepackt hatte und verschwand, hatte sie sich auf den Weg gemacht, um mich zu suchen...Sie fand mich!“
Catherine: „Und…“ Catherine stiegen Tränen in die Augen.
Vincent: „Eines Nachts schlich sie sich an mich heran und…verführte mich.“
Catherine: „Habt ihr miteinander geschlafen?“ In diesem Moment sah er Catherine wieder an.
Vincent: „Nein…aber es wäre beinahe passiert. Es ist mir erst bewusst geworden, als sie mir sagte, sie wolle mit mir schlafen.“ Nun liefen Catherine erleichternd die Tränen herunter. Sie ging auf ihn zu und nahm ihn in den Arm. Dort ließ sie ihren Tränen freien lauf. Vincent hielt sie so fest er konnte. Sie hatten sich einander anvertraut. Dies war der Beste Vertrauensbeweis und eine große Last wurde ihnen genommen.
Nach einem ausgiebigen, nächtlichen Spaziergang gingen Catherine und Vincent in die New Yorker Tunnelwelt zurück. Gemeinsam auf Vincents Bett liegend besprachen sie was in den letzten Wochen passierte. Erst gegen früh am Morgen schliefen sie ein.
Als ein paar Stunden später Catherine und Vincent in Vaters Bibliothek auftauchten, glaubte dieser seinen Augen nicht zu trauen. Mit einem breiten Lächeln erhob er sich, ging auf die Beiden zu und nahm sie in die Arme.

Vater: „Was auch immer war…ich hoffe ihr habt es geklärt.“ Darauf antwortete keiner von beiden. Sonst würde Vater sie mit unzähligen Fragen löchern. Dennoch stellten sie sich die Frage, wie es mit Lisa weitergehen soll.

Einige Tage später kam Peter vorbei um nach dem rechten zu sehen. Gemeinsam mit Vater, Mary, Catherine und Vincent saß er im Gemeinschaftsraum. Peter hatte die letzten Tage ausführlich über das Problem mit Lisa nachgedacht. Unabhängig davon hatte er sich eingehend mit einem Psychologen unterhalten. Er beschrieb ihm Lisas Verhalten gegenüber Vincent. Natürlich gab er keine Namen preis!
Der Psychologe stufte dieses aufdringliche und uneinsichtige Verhalten als sehr bedächtig ein. Er wies Peter auch darauf hin, dass es schlimmer werden könnte. Diese Menschen seien zu allem fähig. Sie würden sogar die, die sie begehren, ohne weiteres verletzen. Nur, um ihnen nahe zu sein.
Peter hatte so etwas schon geahnt und wollte Gewissheit haben. Sein Kollege riet ihm Lisa dringend psychologisch betreuen zu lassen.
Diese Erkenntnisse gaben ihnen zu denken. Geschockt sahen sich die Anwesenden nacheinander an. Keiner wagte ein Wort zu sagen. Catherine ergriff Vincents Hand, hielt sie fest. Sie hatte Angst um ihn. Vincent dagegen konnte diese Stille nicht mehr ertragen und machte einen langen Spaziergang.

Mary: „Wir müssen unbedingt Augen und Ohren offen lassen.“
Vater: „Leichter gesagt als getan. Wir können Vincent nicht rund um die Uhr beobachten. Das geht nicht. Er brauch seinen Freiraum.“
Peter: „Lisa ist hier unten aufgewachsen. Sie kennt jeden Winkel, alle Wege…“
Vater: „Wir können nur hoffen, dass sie endlich aufgegeben hat.“ Catherine schüttelte ihren Kopf und sah Vater an.
Catherine: „Lisa wird so einfach nicht aufgeben, Vater. Sie wird erst ruhe geben, wenn sie hat was sie will.“
Mary: „Dann werden wir darauf vorbereitet sein.“
Peter: „Wie willst du dich darauf vorbereiten, Mary? Du weißt nicht was sie als nächstes tun wird. Vorallem nicht wann und wie…“ Devon kam in diesem Moment dazu.
Devon: „Wir können nur abwarten und müssen sehen was passiert. Selbst, wenn ich sie oben suchen und finden würde, könnten wir nichts gegen sie unternehmen.“
Peter: „Devon hat recht. Auch wenn der Psychologe mir dringend riet sie in psychologische Behandlung zu geben, kann ich sie erst dazu zwingen, wenn sie…das klingt jetzt sehr schrecklich…wenn sie ihm oder anderen Schaden zufügt. Catherine, du wirst mir da recht geben müssen. Du als Staatsanwältin weißt das auch.“ Resigniert stimmte Catherine ihm zu.
Catherine: „Peter hat recht. Eher kann man nichts tun.“
Devon: „Also warten wir bis Lisa Vincent etwas antut. Das kann doch nicht wahr sein! Das ist so absurd! Wo liegt denn darin die Logik? Kann mir das mal einer erklären?“ Diese Worte kamen von einem verzweifelten Devon.
Die Runde saß noch eine ganze Weile zusammen und beriet was zu tun war. Aber eine vernünftige Lösung war nicht in greifbarer Nähe.

Die Tage vergingen. Catherine und Vincent waren zur Freude aller Bewohner wieder öfter zusammen. Man sah die zwei am Spiegelteich, beim Schwimmen oder bei Vater in der Bibliothek. Catherine verbrachte jede Nacht bei Vincent. Keinen Moment wollte sie ihn über Nacht allein lassen. Zu groß war ihre Angst, dass Lisa diese Chance nutzen würde.


Und als ob Catherine es geahnt hätte, tauchte eines Nachts Lisa in den Tunneln auf. Niemand hatte ihr Kommen und Gehen mitbekommen. Sie machte einen kurzen Abstecher in Vincents Kammer und sah ihn mit Catherine in einem Bett liegen. Die Eifersucht stieg in ihr hoch. Dies war ein Bild, welches sie nicht ertragen konnte. Lautlos schlich sie aus seiner Kammer. Ihr kam eine Idee!
So lautlos wie sie Vincents Kammer betrat und wieder verlassen hatte, machte sie das gleiche bei Vater. Seine Kammer war in zwei Bereiche aufgeteilt. Der Wohnbereich, wo sein Bett, sein Schrank, Bücherregale und ein kleiner Schreibtisch standen und der Arztbereich. Dort befanden sich ein Medikamentenschrank, diverse medizinische Bücher und so weiter. Leise öffnete Lisa den Schrank mit den Medikamenten, las was auf all den Fläschchen und Döschen draufstand und entdeckte zwei kleine Dosen mit Vincents Namen drauf. Diese waren farbig markiert. Was auf diesen Dosen stand konnte Lisa nicht entziffern. Vaters Schrift war typisch für einen Arzt! Kaum lesbar! Lisa fragte sich was wohl passieren würde, wenn Vincent im Gesunden Zustand eine von diesen Kapseln bekäme. Wenn er wieder sein Gedächtnis verlieren würde, wäre der Weg für sie frei. Sie nahm leise aus jeder Dose jeweils zwei Kapseln heraus, verstaute diese in ihrer Jackentasche und verschwand in der Dunkelheit.

Lisa hatte sich seit 3 Wochen nicht mehr blicken lassen und die Hoffnung sie könnte endlich aufgegeben haben stieg von Tag zu Tag. In den Tunneln ging alles seinen gewohnten gang. Die Beziehung zwischen Catherine und Vincent hatte sich ebenfalls gefestigt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten fanden sie endgültig zueinander, als Vater einen Leseabend arrangierte.
Die Gemeinde hatte sich eines Abends in der Bibliothek versammelt. Die besten Plätze waren bereits vergeben als Catherine und Vincent kamen. Ihnen blieb der Aussichtspunkt oberhalb der Galerie, wo Vater seine besten Bücher deponierte.
Vincent lehnte sich lässig ans Geländer. Catherine war nahe bei ihm, an seiner Seite. Vater las „Romeo und Julia“ von William Shakespeare vor. Jeder der Anwesenden kannte das Stück nur zu gut. Im Unterricht hatten sie dies bereits durchgenommen und eingehend erörtert. An gewissen Passagen sah Catherine verträumt zu Vincent rauf, rutschte immer näher an ihn heran. An einem sentimentalen Punkt schmiegte sie sich vollends an Vincent, sah wieder zu ihm rauf und verlor sich in seinen Azurblauen Augen. Vincent legte seine Hände auf ihre Hüften, drehte Catherine zu sich. Er zog sie in den hinteren Teil der Galerie, außer Sichtweite der anderen Anwesenden. Eine gewisse Zeit sahen sie sich einfach nur an, streichelten das Gesicht des anderen, bis sie einander näher kamen, sich zärtlich küssten und liebkosten.
Nach zwei Stunden machte Vater bekanntlich eine Lesepause, um seine Stimmbänder zu ölen. Kurz bevor er wieder begann zu lesen, verschwanden Catherine und Vincent unbemerkt aus der Bibliothek.
Eng aneinander geschmiegt gingen sie in Vincents Kammer, verschlossen den Eingang mit einem Vorhang, entzündeten ein paar Kerzen. In ihrem Lichtschein verbrachten sie einen leidenschaftlichen Abend, sowie eine aufregende Nacht. Ihr beider Band wurde neu geknüpft.

Ein paar Tage später…

Es war endlich wieder Wochenende. Catherine war eben in den Tunneln angekommen, als ihr Vater und Vincent über den Weg liefen. Freudig schlüpfte sie in seine Arme, küsste ihn zärtlich. Vater beobachtete dies mit einem verlegenen Lächeln.
Gemeinsam begaben sich die drei in Vaters Bibliothek. Vincent nahm sich, wie gewohnt eine Tasse Tee aus der Thermoskanne und setzte sich zu Vater an den Tisch. Catherine stand ihnen gegenüber und redete über ihren verkorksten Tag in der Kanzlei. Vater und Vincent lächelten sich mehrmals an. Diese Verstreutheit kannten sie sonst nur von Mouse.
Während Catherine ihr Herz ausschüttete genehmigte sich Vincent eine zweite Tasse Tee. Als er auch diese Tasse leer hatte und sie zur Seite stellten wollte, wurde ihm heiß und schwindelig. Sein glänzendes Gesicht ließ Vater aufmerksam werden. Vaters Stirn legte sich in Falten. Da Catherine ihm gegenüber stand sah sie Vater verdutzt an.

Catherine: „Vater, was…“ sie folgte Vaters sorgenvollen Blick in Richtung Vincent. Als sie Vincent ansah stockte ihr der Atem.
Vater: „Vincent…“ in dem Moment glitt Vincent die Tasse aus der Hand und fiel zu boden. Er lehnte sich an einen nahe stehenden Tisch und stützte sich zusätzlich mit den Händen ab. Catherine war sofort an seiner Seite, wusste jedoch nicht was sie tun sollte. Vater fühlte umgehend seinen Puls. Dieser raste…
Catherine: „Vincent? Bitte sag etwas.“ Vincents Herz schlug so schnell und laut, dass Vater und Catherine es hörten. Das Blut rauschte in seinen Ohren das er glaubte sein Kopf würde jeden Moment zerspringen.
Vater: „Kannst du reden?“ Vincent begann zu zittern und schüttelte verneinend den Kopf. Seine Atmung beschleunigte sich von Minute zu Minute, als plötzlich Lisa am Eingang stand.
Erstaunt über ihre Anwesenheit blickte Vater auf.
Vater: „Lisa, dies ist ein denkbar schlechter Zeitpunkt um hier Ärger zu machen.“
Lisa: „Das sehe ich anders! Bis jetzt läuft alles nach Plan.“
Vater: „Ich habe mich wohl verhört!“
Lisa: „Nein hast du nicht.“ Lisa blieb ganz ruhig und ihr Blick wanderte zu Vincent, dem es gar nicht gut ging.
Catherine: „Was hast du getan?“ Nun sah auch Vincent zu Lisa.
Lisa: „Ich sag mal so, wenn Vincent sein Gedächtnis wieder verliert ist der Weg frei für mich. Er wird keinen Gedanken mehr an Catherine verschwenden.“
Vater: „Oh Gott…was hast du ihm gegeben!“ Siegesbewusst holte sie zwei Kapseln aus ihrer Jackentasche, die Vater sofort erkannte. Er selbst hatte diese mit einer bestimmten Farbe markiert.
Lisa: „Ich habe hier durch Zufall etwas in deinem Medikamentenschrank entdeckt, was man ganz leicht in warmer Flüssigkeit auflösen kann.“ Sie legte die beiden übrigen Kapseln auf den Tisch. Catherine starrte darauf und konnte es nicht glauben.
Catherine: „Vater, was hat sie ihm gegeben?“
Vater: „Welche von den Kapseln hast du in den Tee getan!“
Lisa: „Beide…“ Vaters Gesicht wechselte die Farbe von Wütend-Rot auf Leichenblass.
Vater: „Beide? Du hast ihm die beiden Kapseln im vollen Umfang gegeben?“
Catherine: „Vater, sag mir jetzt endlich was sie ihm verabreicht hat!“
Vater: „Später! Wir müssen ihn umgehend ins Krankenzimmer bringen!“ Doch dazu kamen sie nicht. Vincent stieß sich vom Tisch ab, lief wirr durch den Raum. Ein Grollen nach dem anderen entsprang seiner Kehle. Er ballte seine Hände zu Fäusten, schüttelte seine Mähne. Von jetzt auf gleich ließ er sich auf die Knie fallen, atmete unregelmäßig. Sofort waren Vater und Catherine an seiner Seite. Er ließ sie nicht an sich heran.
Vincent: „Kommt nicht näher…ich weiß nicht…wie…wie lange ich mich…unter Kontrolle halten kann.“ Vincent fiel es unsagbar schwer zu reden.
Als Jamie unverhofft rein kam, wurde ihr angst und bange. Dieses Szenario war wie ein Schock für sie. Vater riss sie aus ihren Gedanken.
Vater: „Jamie! Lauf so schnell du kannst zu Peter! Sag ihm es geht um Vincent! Es ist ein Notfall! Lauf!“ Dies ließ sie sich nicht ein zweites Mal sagen und rannte los.
Mehrmals versuchte Vincent aufzustehen, doch da ihm die Atmung schwer fiel und er kaum Luft bekam hatte er teilweise die Orientierung verloren. Der kalte Schweiß rann an seinem Gesicht herunter.

Catherine: „Was hast du dir dabei gedacht, Lisa!“
Lisa: „Du weißt, was ich mir dabei gedacht habe. Bald gehört Vincent wieder mir!“
Vater: „Mit dem was du ihm gegeben hast kannst du ihn umbringen!“ schrie Vater Lisa an. Ab da sah Catherine eine gewisse Unsicherheit in ihren Augen. Daran hatte Lisa wohl nicht gedacht.
Lisa: „Umbringen? Ich will ihn doch nicht umbringen!“ versuchte sie sich zu verteidigen.
Vater: „Das hättest du dir eher überlegen sollen!“ entsetzt sah Catherine ihn an. Vaters Worte hatten auch ihr bewusst gemacht, wie schlimm es um Vincent stand.
Catherine und Vater wechselten stumme Blicke aus. In seinen Augen konnte sie sehen, dass Vater um Vincents Leben bangte.
Catherine: „Was können wir tun Vater?“ sie war verzweifelt. Vincents Grollen wurde immer mehr und lauter. Sein zweites `Ich` schien bereit zu sein! Bereit, diesen Kampf aufzunehmen!
Vater: „Gar nichts…Wir können nur zusehen und abwarten.“
Catherine: „Was? Du musst ihm doch irgendwas geben können!“ Vater schüttelte den Kopf.
Vater: „In seinem Zustand und mit dem was Lisa ihm verabreicht hat, wäre jedes Medikament sein sofortiger Tot…“ Catherine war außer sich vor Angst.
Lang konnte sie sich mit dem Gedanken nicht auseinandersetzen. Vincent war drauf und dran die Bibliothek zu verlassen. Sein Instinkt riet ihm dazu in die tiefer gelegenen Tunnel hinab zu steigen, um sich dort auszutoben. Vater und Catherine sahen deutlich in Vincents Gesicht, wie sehr er sich zusammennehmen musste, um nicht alles kurz und klein zuschlagen. Vincent begab sich zielstrebig zum Ausgang der Bibliothek, wo immer noch Lisa stand. Achtlos wollte er an ihr vorbei, doch hielt sie ihm am Arm fest. In seinem Zustand konnte er das nun gar nicht leiden. Mit einem Ruck packte er Lisa am Hals, drückte sie gegen die Felswand und knurrte sie bedrohlich an. Lisa glaubte ihn zurückzuhaben und lächelte. Seine Mine verriet was anderes. Vincent ging ganz nah an sie heran. Catherine und Vater hielten die Luft an. Was würde wohl passieren?
Lisa: „Komm zu mir zurück, Vincent!“ Mit bebender Stimme gab er zurück:
Vincent: „Für das…was du getan hast…wirst du büßen…ein leben lang!“ Er lockerte seinen Griff und verschwand in der Dunkelheit.
Vater ließ umgehend zwei Wachen kommen, die Lisa in Gewahrsam nahmen. Dicht gefolgt von Mary die sich davon überzeugte, dass Lisa dort blieb wo sie hingebracht wurde.
Nach Marys Rückkehr in die Bibliothek begann die große Ratlosigkeit.

Mary: „Mouse ist Vincent gefolgt. Er behält ihn im Auge.“
Vater: „Gut, mehr können wir im Moment nicht tun. Ihn unbeobachtet lassen wäre ein fataler Fehler. Sich in seine Nähe zu begeben wäre glatter Selbstmord.“ Vater saß an seinem Schreibtisch, vergrub das Gesicht in seinen Händen.
Catherine: „Kannst du mir jetzt sagen, welches Medikament Lisa Vincent gab?“
Mary, die diesen Dramatischen Ablauf  von Anfang an nicht mitbekam, hörte gespannt zu.
Mary: „Dieser Wutausbruch ist nicht natürlicher Natur?“
Vater: „Nein! Lisa hat…wann auch immer…aus meinem Medikamentenschrank zwei verschiedene Präparate entwendet.“
Mary: „Welche…“ Ihr war unwohl zu mute. Sie wusste ebenso wie Vater und Catherine, dass Vincent auf Medikamente anders Reagiert als ein normaler Mensch.
Vater: „Ein Beruhigungsmittel, welches Vincent bekommt, wenn seine andere Seite versucht die Oberhand zu gewinnen. Das andere Mittel, du kennst es bereits Catherine. Ich hatte es vor etwa 2 Jahren bei Vincent angewandt, als bei ihm alle Lebensfunktionen still standen. Damit hatte ich seinen Kreislauf angeregt. So eine art Aufputschmittel.“
Catherine: „Ja, ich erinnere mich. Du hattest es ihm gespritzt.“ Vater nahm eine der Kapseln die Lisa auf den Tisch legte in seine Hand.


Vater: „Richtig. Aber in dieser einzigen Kapsel ist genug von diesem Medikament, um Vincent mehrmals ruhig zu stellen. Das Pulver darin wird von Peter oder von mir nach Bedarf portioniert und mit Kochsalzlösung verdünnt. Lisa gab ihm eine volle Dosis von beiden Medikamenten.“ Mary und Catherine schlugen ihre Hände vors Gesicht.
Catherine: „Das heißt, wir müssen mit allem rechnen.“ erfurchtsvoll
Vater: „Mit wirklich allem, ohne Ausnahme.“ Die Stimmung war aufs äußerste gespannt.

Nach einer guten Stunde kam Peter die Stufen heruntergerannt. Er sah in drei sorgenvolle Gesichter. Seine Arzttasche hatte er dabei und stellte diese auf einen nahe stehenden Stuhl.
Vater schilderte seinem langjährigen Freund und Kollegen die Situation. Catherine kannte Peter schon eine Ewigkeit. Immerhin war er bei ihrer Geburt mit dabei und ein enger Freund der Familie. Aber an diesem Tag sah sie an ihm einen neuen Gesichtsausdruck. Den Ausdruck von Sorge, Angst und Ratlosigkeit. Genau wie Vater war Peter der Meinung, dass Vincent kein weiteres Medikament gegeben werden darf.
Peter: „Sie hat es tatsächlich fertig gebracht!“
Vater: „Keiner hat etwas gemerkt.“
Mary: „Wir sollten ein paar Dinge zusammenpacken und in Vincents Nähe sein.“ Mary klang entschlossen.
Catherine: „Du sprichst mir aus dem herzen, Mary. Ich würde mich auch um vieles besser fühlen, wenn ich in seiner Nähe bin, Vater. Es ist mir egal, ob es gefährlich sein könnte.“ Flehend sah sie zu Peter. Die beiden Männer sahen sich eine zeit lang an, nickten stumm und begaben sich zur Krankenkammer. Einige medizinische Dinge wurden von Peter, Mary und Vater zusammengepackt.
Die vierer Gruppe war noch nicht lang unterwegs, als sie Schritte hörten. Aus der Dunkelheit heraus konnte man drei Personen erkennen. Es waren William der Tunnelkoch und Pascal. Zu ihrem erstaunen stützten sie Vincent, der zwar noch laufen konnte, aber sehr schwach zu sein schien. Mouse, der in Vincents Nähe war, lief ihnen hinterher. Als dieser Vater sah, quetschte er sich an Pascal vorbei.
Mouse: „Vater! Haben Vincent hier! Kam ganz allein zu  mir…Mouse sollte niemanden rufen.“ Vater strich Mouse über seinen Wuschelkopf und beruhigte ihn.
Vater: „Ist schon gut, Mouse. Das hast du richtig gemacht.“ Peter war derweil an Vincent herangetreten. Catherine stand hinter ihm.
Peter: „Wie fühlst du dich, mein Junge?“ Doch er war nicht fähig zu antworten. Vater fühlte seinen Puls, tastete seinen Kopf ab. Einige Schrammen in Vincents Gesicht und Blutergüsse konnte er erfühlen.
Vater: „Bringt ihn in die Krankenkammer. Hier ist es zu dunkel.“ William und Pascal taten was Vater sagte und brachten den immer schwächer werdenden Vincent in die Krankenkammer.
Vincent wurde ins Bett gelegt, gründlich von Peter und Vater untersucht. Peter nahm Vincent Blut ab, um festzustellen, wie viel von beiden Medikamenten noch in seinem Körper vorhanden ist. Ohne eine Regung ließ er alles über sich ergehen.
Um Vincents Kreislauf zu stabilisieren wurde ihm eine Infusion mit Kochsalzlösung gelegt. Catherine setzte sich auf die andere Seite des Krankenbettes und streichelte vorsichtig sein Gesicht. Wie in Trance blickte Vincent sie an. Immer wieder schloß und öffnete er seine Augen.
Vater: „Das Beruhigungsmittel scheint überwiegend zu wirken.“
Catherine: „Ist das ein gutes Zeichen?“ Ihre Frage kam äußerst vorsichtig.
Vater: „Nicht unbedingt…“ er klang bedenklich.



Peter: „Zur Sicherheit sollten wir Atmung und Herzaktivität im Auge behalten.“ In dem Moment geschah etwas, wovor Vater von Anfang an Angst hatte. Als Peter seine Atmung kontrollierte stellte er fest, dass diese von Minute zu Minute flacher und unregelmäßiger wurde.
Peter: „Jacob! Wir müssen ihn dringend nach oben bringen!“ Noch bevor Vater antworten konnte raunte Catherine Peter an.
Catherine: „Peter! Vincent nach oben bringen? Wir können ihn nicht einfach in ein Krankenhaus bringen!“ Sie was außer sich.
Vater: „Catherine beruhige dich bitte. Peter hat alle nötigen Gerätschaften in seiner Praxis.“
Peter: „Ich habe oben in meiner Praxis ein kleines Krankenhaus. Ich erkläre dir später alles genauer, kleines. Wir müssen ihn umgehend in meine Praxis bringen.“ Hastig stimmte sie zu. Vincent hatte in der Zwischenzeit das Bewusstsein verloren. Es war höchste Eile geboten.
William und zwei andere Männer hatten Vincent behutsam auf eine Trage gelegt. Nach einem langen Fußmarsch gelangten sie an den Lastenaufzug, der in einer stillgelegten Lagerhalle endete. Dort parkte Peter seinen kleinen Transporter, wenn er seine Tunnelfreunde besuchte. Vorsichtig transportierten die Männer den Patienten in den Transporter, stabilisierten alles um ihn herum.
Während Peter den Wagen in Bewegung setzte und Catherine als Beifahrer neben ihm saß, wachte Vater über Vincents Zustand. An seiner Seite Mary, die ihm so gut es ging assistierte. William und Josef waren ebenfalls dabei, um Vincent in die Praxis zu tragen.

Eine halbe Stunde später…

Peters Transporter bog in eine einsame Strasse ein, näherte sich einem abgelegenen Haus. Er fuhr um sein Haus herum zum Hintereingang. William und Josef packten die Trage mit sicherem Griff, brachten Vincent in Peters Praxis und legten ihn sachte aufs Krankenbett zur weiteren Untersuchung.
Vater schickte Catherine und die Anderen nach draussen. Peter bat sie unterdessen die beiden Männer wieder zurück zu bringen. Erst wollte sie nicht von Vincents Seite weichen, doch Peter versicherte ihr, dass sie vorerst nichts für ihn tun könne.
Catherine machte sich mit William und Josef sofort auf den Weg. Sie wollte so schnell wie nur möglich wieder bei Vincent sein.
Unterdessen hatten Vater und Peter ein weiteres Problem. Vincents Zustand verschlechterte sich rapide. In der Zwischenzeit hatte seine Atmung ausgesetzt. Er musste intubiert und an das Beatmungsgerät angeschlossen werden. Überall an seinem Körper wurden Überwachungselektroden angebracht, die an sämtliche Geräte angeschlossen wurden. Die zwei Ärzte wollten kein Risiko eingehen. Dafür war die Situation zu ernst.
Vater wachte bis zu Catherines Rückkehr an Vincents Krankenlager, während Peter das Blut analysierte, welches er ihm abnahm.
Als Catherine zu einem späteren Zeitpunkt bei Peter in der Praxis ankam, bot ihr der Anblick von Vincents Zustand ein Bild des Schreckens. Vater erklärte ihr in groben zügen, was sich in ihrer Abwesenheit ereignet hatte. Auch, das es dauern kann bis Vincent das Bewusstsein wieder erlangen würde. Selbst wenn sein Körper die Medikamente vollkommen abgebaut hat, wird er sich von diesem Schock erholen müssen. Laut der Blutwerte überwiegte das Beruhigungsmittel. Das Aufputschmittel schien fast vollkommen neutralisiert worden zu sein. Peter und Vater konnten sich dies nicht erklären. Vincents Organismus reagierte nun mal anders.



Am nächsten Tag arrangierte Peter ein Treffen mit dem Psychologen, den er bereits über Lisa informiert hatte. Zusammen mit Catherine holte Peter Lisa aus den Tunneln. All ihr flehen und Betteln half nichts. Beide wussten, dass sie alles nur spielte. Sie ließen sich nicht von ihr beirren, brachten sie zum Wagen und auf dem direkten Weg zu Peters Kollegen.
Nach einem intensiven Gespräch mit Lisa, stufte der Psychologe ihre Persönlichkeit für sehr gestört ein. Er hielt es für das Beste, Lisa für eine gewisse Zeit unter Beobachtung in die Klinik zu bringen.

Die Tage vergingen…

Vincents Zustand änderte sich von Tag zu Tag. So sehr wie man sich den einen Tag freute das es Berg auf ging, so sehr war dann aber auch die Hoffnung im Keller, dass Vincent je wieder gesund werden würde. Das Fieber kam und ging.
Vater und Catherine blieben Tag und Nacht an seiner Seite. Catherine schaffte es sogar ihren Boss Joe Maxwell dazu zu überreden, dass sie ihre Arbeit mit nach Hause nehmen durfte. An einem Schreibtisch neben Vincents Bett bearbeitete Catherine ihre Akten ab und konnte jede freie Minute bei ihrem Schatz bleiben.
Vater nahm seinem Ziehsohn jeden Tag Blut ab und analysierte es. Er konnte beruhigt feststellen, dass die Blutwerte immer besser werden.

Catherine: „Und? Was machen seine Blutwerte?“ Sie saß auf Vincents Bettkante, streichelte sein Gesicht. Ihr wurde immer noch unwohl zu mute, wenn Catherine an das Beatmungsgerät berührte.
Peter: „Wenn es danach geht, Cathy, sieht es gut aus. Ich hoffe nur, dass der Schock für Vincent nicht all zu groß war.“
Catherine: „Es wird nicht nur der Schock der Medikamente sein, Peter. Die letzten Monate waren für Vincent der reinste Horror.“ Peter tätschelte freundschaftlich ihre Hand und nahm sie in den Arm.
Catherine: „Glaubst ihr, dass Vincent bald nicht mehr Beatmet werden muss?“
Vater: „Schwer zu sagen, Catherine. Er ist sehr geschwächt. Wie du bereits sagtest, es liegt nicht nur an den verabreichten Medikamenten, sondern auch an dem, was Wochen und Monate davor geschah.“

Eines Tages, es war etwa gegen Mittag, glaubte Catherine ihren Augen nicht zu trauen. Vincent lag da und hatte seine Augen geöffnet. Sie lief zu seinem Bett, setzte sich auf die Bettkante und sprach zu ihm. Vincent jedoch reagierte nicht. Vater bekam dies mit. Sprach ebenfalls mit ruhiger Stimme zu seinem Ziehsohn. Genau wie bei Catherine gab es keine Reaktion. Mit angsterfülltem Gesicht sah Catherine zu Vater.

Catherine: „Was hat das zu bedeuten, Vater?“ Ihr kamen die Tränen.
Vater: „Laut den Werten, die ich hier ablese, scheint Vincent in der Aufwachphase zu sein.“
Catherine: „Aufwachphase? Vater! Das…das ist ja wunderbar!“ Sie fiel Vater vor Freude um den Hals. Ganz nah ging Catherine an Vincent heran. Sie sah in seine leeren, offenen Augen und redete mit ihm ununterbrochen. Immer in der Hoffnung er würde sie hören.
Catherine: „Vincent…wach auf. Komm zurück zu mir, “ flüsterte sie ihm zu, strich ihm durch seine dichte Mähne, sein Gesicht.

Einige Tage hielt dieser Zustand an. Tagsüber hatte Vincent seine Augen geöffnet und nachts geschlossen. Wie in Trance starrte er an die Zimmerdecke ohne jede Regung. Obwohl er immer und immer wieder angesprochen wurde. Catherine las Vincent häufig aus einem Buch vor. Bücher, die er sehr gut kannte und mit ihr erörterte, wenn sie zusammen waren.
An einem sonnigen Samstag saß Catherine wie gewohnt an Vincents Bett, las ihm vor. Am Abend zuvor hatte Peter Vincent das Beatmungsgerät entfernt. Er hatte genügend Kraft aufgebaut, um selbstständig Atmen zu können. Die Werte waren stabil und unverändert geblieben. Daher konnte er es wagen dieses Risiko einzugehen. Er sollte Recht behalten. Während Catherine las und die Zeit um sich herum vergaß, hörte Vincent in seinem Unterbewusstsein viele Vögel zwitschern und das Rascheln von Blättern an den Bäumen.
Die Geräusche wurden für ihn immer lauter und realer. Vincent hörte auch jemanden reden. Die Stimme war ihm vertraut. Träumte er? Sollte er es wagen seine Augen zu öffnen?
Catherine bemerkte eine Veränderung an Vincent und legte ihr Buch zur Seite. Sie sah, dass Vincent unruhig seine Augen bewegte. Ihr Herz klopfte vor Aufregung.

Catherine: „Vincent? Vincent…ich bin es, Catherine. Hörst du mich? Vincent…wach auf…bitte wach auf. Ich brauche dich.“ Mehrmals nannte sie seinen Namen, redete mit ihm. Dann sahen sie zwei müde, azurblaue Augen an.
Catherine: „Vincent…guten Morgen.“ Flüsterte sie ihm mit Tränen in den Augen zu. Sie nahm seine Hand in die ihren und drückte sie fest an sich, streichelte sein Gesicht, küsste seine Stirn.
Peter hörte Catherines Stimme nicht mehr und war neugierig warum sie ihm nicht mehr vorlas. Als er das Zimmer betrat, in dem Vincent lag, machte sein Herz Luftsprünge. Eilig begab er sich zu den beiden, stellte sich hinter Catherine. Vincent hatte mühe seine Augen offen zu halten. Mal wachte er auf, mal schlief er schnell wieder ein.
Peter: „Ich werde Vincent untersuchen, wenn er richtig wach ist.“
Catherine: „Okay…“
Sobald Vater wieder da war und die Neuigkeit erfuhr, konnte er es kaum erwarten zu seinem Ziehsohn ans Krankenbett zurück zu kehren.
Am Abend kam Vincent erneut zu sich. Draussen war es bereits dunkel.
Catherine: „Hey…“
Vincent: „Hey…“ Von seiner Stimme war nicht viel zu hören. Es klang wie ein kratzendes Flüstern. Vincent fasste sich an seinen Hals.
Catherine: „Ist alles in Ordnung?“ Sie klang besorgt.
Vincent: „Meine Stimme…“
Catherine: „Keine Angst, deine Stimme wird bald wieder da sein. Du musstest für eine gewisse Zeit beatmet werden. Wie fühlst du dich sonst?“
Vincent: „Ganz gut…denke ich.“
Vater und Peter kamen hinzu, untersuchten ihn und stellten ein paar Fragen.
Vincent: „Wo bin ich hier?“ er war etwas verwirrt.
Peter: „Beruhige dich, es ist alles in Ordnung. Du bist in meiner Praxis.“ Vincent sah ihn ungläubig an.
Vater: „Wir mussten dich hierher bringen, mein Junge. Dein Zustand war mehr als nur ernst. Peter hat hier in seiner Praxis die nötigen Instrumente.“
Vincent: „Was ist eigentlich passiert?“
Catherine: „Du hast keine Erinnerung mehr daran?“ Vincent versuchte sich angestrengt daran zu erinnern.
Vincent: „Ich weiß nicht…“
Vater: „Was ist das letzte woran du dich erinnern kannst?“ Er dachte nach.
Vincent: „Wir waren in der Bibliothek…mehr…kann ich nicht sagen.“
In kurzen Sätzen berichtete Vater ihm was passiert war. Er konnte kaum glauben was er hörte. Nach Peters und Catherines Gesichtern zu urteilen schien es zu stimmen was Vater ihm erzählte.


Vincent: „Wo ist sie jetzt?“
Peter: „Sie ist in einer speziellen Klinik. Dort kann ihr geholfen werden.“ Stumm nickte Vincent.
Der nächste Morgen war für Vincent wie ein Wunder. Seine Kraft war soweit zurückgekehrt, dass er laufen wollte. Gedankenverloren stand Vincent am Fenster seines Krankenzimmers. Er hatte schon oft mit Catherine zusammen das Wochenende in ihrer Wohnung verbracht. Den Sonnenauf- und Sonnenuntergang mit ihr beobachtet und bei Tageslicht auf ihrem Balkon gestanden.
Bei Peter hinter dem Haus war nur eine große Wiese, dahinter ein Waldgebiet. Keine Hochhäuser, keine Menschenmassen, keine Autos. Die Vögel flogen von Ast zu Ast.
Catherine schmiegte sich unbemerkt an Vincent heran und hielt ihn fest. Gemeinsam standen die beiden am Fenster, sahen nach draussen.

Catherine: „Ich bin so glücklich, dass du wieder bei mir bist, Vincent.“
Vincent: „Ich kann mich so gut wie an nichts erinnern was danach passierte.“
Catherine: „Das ist auch gut so.“
Vincent: „Ja, so kann ich beruhigt mit allem abschließen.“ Vincent drückte Catherine fest an sich. Nach unendlich langen und angsterfüllten Tagen waren sie wieder zusammen. Zärtlich wagte Vincent den ersten Schritt und küsste seine Catherine. Für sie war es wie der erste Kuss. Sie hatte Schmetterlinge im Bauch.
Von Tag zu Tag ging es Vincent besser. Eines Abends packten Vater, Catherine und Vincent ihre Sachen zusammen und verstauten diese in Peters Transporter. Während Peter seinen Freund Jacob zur Tunnelgemeinde fuhr, entschlossen sich Catherine und Vincent den Weg zu Fuß zu meistern. Vincent konnte weder sitzen noch liegen. Er musste sich bewegen! Sie waren etwa eine Stunde unterwegs. Sie redeten über das was war und das, was kommen wird. In den Tunneln unten angekommen verschlug es ihnen den Atem!
Die Gemeinde arrangierte einen herzlichen Empfang für Vincent.

ENDE













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