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Spiel der Beschwörer

OneshotFantasy / P12 / Gen
14.01.2018
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In der weiten, geräumigen Vulkanhöhle stand die Luft heiß und stickig. Schwaches Licht ging einzig von den langgestreckten Lavatümpeln aus, die in Erdspalten den schroffen Boden durchbrachen. Hitze wallte über ihnen und erschwerte die Sicht, je weiter man in die Ferne zu blicken versuchte. Wachsam sahen sich die drei Helden um, die eben erst wie aus dem Nichts inmitten dieses Vororts der Hölle erschienen waren. Eine Frau und zwei Männer, inetwa in demselben jungen Alter von nicht ganz zwanzig Jahren und alle drei mit ähnlicher dunkelblauer, fast schwarzer Haarfarbe. Worin sie sich unterschieden, waren insbesondere ihre Waffen, führte doch jeder von ihnen eine andere mit sich. Jeder aus einer anderen Welt herbeigekommen und bis vor Kurzem noch zu Gast bei den Wächtern von Askr, musterten sie ihre vom Zufall erwählten Verbündeten erstaunt.
Die junge Frau zeigte sich besonders interessiert an einem der beiden anderen Helden, dessen unaufdringlich schlichte, goldene Reifenkrone ihr vertraut vorkam – sie selbst trug eine ebensolche auf dem Haupt. Auch die royalen, gold akzentuierten Blau- und Rottöne von Kleidung und Brustharnisch sowie des weiten Umhangs deuteten sehr offensichtlich darauf hin, wen sie hier vor sich hatte. Den endgültigen Beweis lieferte der goldene Schwertgriff mit rotem Zierstein in der Scheide an seinem Gürtel.
„Ihr müsst Marth sein, Prinz von Altea“, stellte sie fest, und aus ihrem Tonfall sprach respektvolle Bewunderung.
„Du kennst mich?“, fragte der Angesprochene verwundert.
„Ich habe mich einst für Euch ausgegeben, um den Untergang meiner Welt zu verhindern“, ließ sie ihn wissen.
Verhalten lachte Marth und meinte: „Du scheinst nicht sehr viel auf dich zu halten, wenn du dich meiner Identität bedienen musst, um Heldentaten zu vollbringen.“
Ihm antwortete ein geheimnisvolles, nichtsdestoweniger freundliches Lächeln. „Eure Bescheidenheit wird den Legenden über Euch gerecht. Man hat mir viel von Euch erzählt, Marth. Ich bin nämlich eine späte Nachfahrin von Euch und Eurer Gemahlin.“
Bei dem Gedanken an seine Verlobte – die er zu der Zeit, der er entstammte, noch nicht geheiratet hatte – legte sich Marth unwillkürlich eine Hand auf die Brust. „Shiida, mein Talysherz …“, flüsterte er, und Sehnsucht beschattete für einen Moment sein Gemüt. Sodann hob er den Blick wieder zu der Frau, die ihm nun gegenüberstand. Auch sie war in königliches Blau gerüstet, trug dazu einen leichten Schild und eine prunkvolle Lanze bei sich, die eher wie ein Kunstobjekt denn wie eine richtige Waffe wirkte. Unerwartet fühlte sich Marth von Stolz erfüllt. Welch stattliche Kriegerin aus seiner Blutslinie hervorgegangen war!
„Ich bin Lucina, Kühne Prinzessin“, stellte sich Marths Erbin nun endlich vor und wies auf den jungen Mann neben sich. „Und dies ist Ike, Kühner Söldner.“
Anders als seine blaublütigen Verbündeten, war der dritte im Bunde in kein eindeutiges Farbschema gewandet. Seine ganze Aufmachung erweckte den Anschein, als sei sie aus dem praktischsten an Kleidung und Rüstungsteilen zusammengeworfen worden, das gerade zur Verfügung gestanden hatte – durchaus nicht ungewöhnlich für einen Söldner. Der safranfarbene Umhang war unordentlich, aber zweckdienlich um die breiten Schultern gebunden, und der Krieger stützte sich auf den Holzstiel einer gewaltigen Streitaxt.
Auch über Ike ließ Marth den Blick schweifen. „Ich kenne die Namen einiger großer Helden, die nach mir kamen“, hob er an, „so auch die euren. Ich meine, mich zu erinnern, dass ihr beide eigentlich Schwertkämpfer seid, doch nun steht ihr mit Lanze und Axt vor mir.“
Bestätigend nickte Lucina. „Zumeist führen wir tatsächlich Schwerter, das stimmt. Aber … das Königreich von Askr birgt so manche Verwirrungen sowohl im Raum als auch in der Zeit.“
Nachdenklich schwieg Marth.
Seine Erbin wandte sich Ike zu, der sich ebenso stumm gab. „Jetzt sag doch auch mal was, Sonnenschein!“, forderte sie ihn freundschaftlich auf. „Oder hat dir die Anwesenheit des legendären Heldenkönigs etwa die Sprache verschlagen?“
„Ich bin nur ein gewöhnlicher Held wie jeder andere auch“, warf Marth widersprechend dazwischen.
Neckisch stupste Lucina Ike mit dem Ellbogen an. „Was soll überhaupt diese grimmige Miene?“, wollte sie von dem Axtkämpfer aus Crimea wissen.
„Wir haben uns einander vorgestellt“, brummte Ike nun endlich missgestimmt. „Schön und gut. Aber wer ist das?“ Mit einem Fingerzeig machte er Prinz und Prinzessin auf eine vierte Person aufmerksam, die bislang unauffällig auf Abstand geblieben war. Trotz des großzügig geschnittenen, weißen Kapuzenmantels, der ihre Gestalt ganz verhüllte, war eindeutig zu erkennen, dass es sich hierbei um eine kleine, zierliche Frau handelte. „Diese Klamotte ist so ähnlich wie die, die mein Beschwörer in Askr trägt“, überlegte Ike laut. „Aber das ist eindeutig nicht er.“
„Seltsam“, fügte Lucina verwundert hinzu. „Meiner ist das auch nicht.“ Beide tapferen Helden sahen nun Marth erwartungsvoll an.
Der Heldenkönig nickte ihnen zu. „Ganz recht. Dies ist meine Beschwörerin.“
„Ellihanna ist mein Name.“ Die Vermummte trat näher an die drei Krieger heran. Deutlich glänzte nun der Lavaschein auf den goldenen, askranischen Stickereien, die die Säume des Mantels zierten. Die Kapuze verbarg die obere Hälfte des Gesichts der Beschwörerin, die untere wurde von der Dunkelheit der Höhle geschluckt. „Marth habe ich selbst hergerufen“, erklärte sie, „doch euch beide hat mir der Zufall zugewiesen. Und ich bin sehr zufrieden mit seiner Auswahl. Meine letzten paar Dreiertrupps sind nicht so ausgewogen gewesen wie ihr drei.“
„So, Ellihanna“, ergriff Ike das Wort. „Wenn du die Beschwörerin bist, hast du hier wohl das Sagen.“
„Das ist richtig.“
„Nun, aber nicht über mich!“ Demonstrativ hieb Ike das Axtblatt in den Boden, sodass es darin stecken blieb, und verschränkte die Arme. „Ich mag ein Söldner sein, trotzdem verschreibe ich mich nicht der Sache jedes beliebigen Beschwörers, der mir über den Weg läuft!“
Ruhig behauptete Ellihanna: „Ich kämpfe für dieselbe Sache wie deiner, sonst wärest du jetzt nicht hier.“
Nun mischte sich Lucina ein. „Die Beschwörer Askrs sind alle sehr gewissenhafte Menschen. Ich bin mir sicher, Ellihanna handelt nur nach den edelsten Beweggründen.“ Entgegen dieser Worte, die die Vermummte unterstützen sollten, war der Prinzessin anzuhören, dass sie selbst daran zweifelte. Verunsichert blinzelte sie zu ihrem Vorfahren hinüber.
Dies verstand Marth als Aufforderung, ebenfalls etwas zu sagen. „Es wird nicht das erste Mal sein, dass ihr gegen Helden kämpfen müsst, die vom Kontrakt mit Prinzessin Veronica gebunden sind. Möglicherweise habt ihr einst selbst darunter gestanden.“
Die beiden nickten einstimmig.
„Dann wisst ihr auch, mit welchen Bedingungen dieser verknüpft ist.“ Marths Stimme nahm einen eindringlichen Unterton an. „Welchen Kriegern auch immer wir hier begegnen werden, wir müssen sie besiegen, um sie aus ihrer Sklaverei zu erlösen!“
Auch wenn es ihm sehr missfiel, murmelte Ike sein Einverständnis und nahm seine Axt wieder auf.

„Also, die gegnerische Truppe ist ähnlich ausbalanciert wie ihr“, begann Ellihanna ohne weitere Umschweife zu erklären. „Zum einen haben wir da Cecilia, Etrurias Generalin.“ Sie deutete auf eine violett gekleidete, grünhaarige Reiterin auf einem Schimmel ganz am jenseitigen Ende der Höhle. „Sie nutzt ein Grünes Buch, und ein Blaues Buch haben wir hier bei Reinhardt, Donners Faust.“ Ihr Fingerzeig wies nun in eine andere Richtung. Am gegenüberliegenden Ufer einer mit Lava gefüllten Erdspalte tänzelte ein graubraunes Pferd nervös im Kreis. Auf seinem Rücken saß ein in adrettes Schwarz gekleideter Edelmann. „Euer dritter Gegner ist ein Schwertkämpfer“, ergänzte Ellihanna. Weit hinter Reinhardt war tatsächlich noch eine weitere, allerdings unberittene Gestalt zu sehen. Doch durch Entfernung, Dunkelheit und Hitzeflimmern war nicht zu erkennen, wer diese war.
Nun forderte Ellihanna ihre drei Helden mit einer weitfassenden Geste dazu auf, sich genauer in ihrer Umgebung umzuschauen. Die Höhle wurde durch jene Erspalte, die quer durch sie verlief, in zwei ungleiche Teile getrennt. Der weitaus größere Abschnitt wurde eingenommen vom Feind, während Ellihannas kleine Armee sich mit der übrigen Fläche begnügen musste. Aufmerksam lauschten die Helden, als die Beschwörerin mit ihrer Analyse fortfuhr: „Das Terrain ist für zwei Magier sehr vorteilhaft. Sie können euch einfach über die Lava hinweg angreifen, ohne dass ihr zum Kontern kommt.“ Wo die Erdspalte endete, lag etwas versetzt zu ihr, weiter im offenen Bereich der Höhle, ein kleinerer Lavatümpel; es führte nur ein schmaler, sicherer Pfad zwischen diesem und der massiven Vulkanwand vorbei, der von Cecilia bewacht wurde. „Weil ihr nur nahkämpfende Infanterie seid, kann ich euch weder einzeln, noch geschlossen durch dieses Nadelöhr schicken. Cecilia und Reinhardt würden euch vernichten, ehe ihr ihnen überhaupt nah genug zum Angriff kommt.“
„Wieso greifen sie nicht an?“, stellte Lucina eine sehr berechtigte Zwischenfrage und musterte Reinhardt misstrauisch.
„Weil ihr nicht in ihrer Reichweite steht“, antwortete Ellihanna. „Leider ist es bei Helden, die nicht von einem Beschwörer befehligt werden, oft so, dass sie erst dann selbst handeln, wenn jemand ihre Gefahrenzone betritt.“ Sie senkte die Stimme auf ein verschwörerisches Raunen. „Wir müssen sie einzeln an die Engstelle locken, damit sie ihren Vorteil gegen euch verlieren.“
„Und wie stellst du dir das vor?“, wollte Ike nun wissen.
Ellihanna sah ihren eigenen Helden an. „Ich gedenke, dass Marth sich zunächst in Cecilias Reichweite begeben sollte, damit sie sich nah genug heranwagt, um …“
„Moment!“, unterbrach Lucina sie. „Ihr wollt Marth von ihr angreifen lassen?“ Als die Beschwörerin nickte, begehrte sie auf: „Das ist Irrsinn!“
„Nicht so sehr, wie du denken magst“, widersprach Ellihanna. „Marths Resistenz gegen Magie ist höher sowohl als deine wie auch Ikes. Außerdem ist er als Schwertkämpfer im Allgemeinen weniger anfällig für Cecilias Grünes Buch.“
„Aber …“, wollte die Prinzessin von Ylisse weiteres Veto einlegen, doch ihr Urahn brachte sie mit einer Handgeste zum Verstummen.
„Ellihanna hat recht, Lucina“, sagte Marth bestimmt, „und ich vertraue ihrem Urteil.“
Verbissen presste die Zurechtgewiesene die Lippen aufeinander und enthielt sich jedes weiteren Kommentars.
Da das nun geklärt war, wandte sich Ellihanna mit weiteren Anweisungen an die beiden Verbündeten des Heldenkönigs. „Ike, du wirst dich in Marths Nähe halten, doch weit genug von ihm entfernt, dass du nicht selbst ein Ziel abgibst.“
Gewohnt, Befehle anzunehmen, nickte der Söldner. „Verstanden.“
„Du, Lucina“, sprach die Vermummte weiter, „wirst dich zunächst zurückhalten.“
„Und was machst du, allwissende Beschwörerin?“, feindete Ike sie trotz seines strategischen Gehorsams sarkastisch an.
Ein einseitiges Grinsen blitzte unter der weiß-goldenen Kapuze hervor. „Ich bin die Taktikerin. Ich halte mich im Hintergrund und sorge dafür, dass wir als Sieger aus diesem Kampf hervorgehen.“
„Also müssen wir“, Ike deutete auf sich und die Blaublütigen und sah dann missbilligend auf Ellihanna hinab, „die Drecksarbeit erledigen, während du ganz fein raus bist, was?“
„Ike“, seufzte Lucina, wenngleich ihrerseits widerwillig, stellte sich vor ihn und schob ihn mit sanfter, aber bestimmter Gewalt von Ellihanna fort. „Lass gut sein. Es hat keinen Wert.“
„Das hier muss getan werden“, stimmte Marth seiner Erbin zu.

Gestikulierend gebot Ellihanna den Kriegern mit Schwert und Axt, auf welche Positionen sie sich zu begeben hatten: Marth an die Engstelle in Cecilias Sichtlinie, Ike links von ihm weiter von der Höhlenwand entfernt. „Und geh nicht zu nahe an die Erdspalte heran“, mahnte die Beschwörerin den Söldner.
„Wieso? Denkst du, dass ich sonst in die Lava falle?“, gab dieser zynisch zurück.
„Du würdest in Reinhardts Reichweite gelangen und er dich aus der Ferne angreifen.“
Mit erstaunter Erkenntnis begegnete Ike über den heiß glühenden Tümpel hinweg dem Blick des magiebegabten Reiters, der ganz offensichtlich darauf wartete, dass genau das passierte, was Ellihanna prophezeite. Angespannt mahlte der Axtkämpfer mit den Zähnen.
Obwohl Marth dem ihm gestellten Befehl Folge leistete, nahm er nun doch nur zögerlich seinen Posten ein. Deutlich spürte er, wie Cecilia ihn von der anderen Seite der Höhle beobachtete. Mit dem nächsten Schritt, den der Prinz von Altea tat, trat er in ihre Gefahrenzone – und weckte sie somit aus ihrer Untätigkeit. Sofort gab Etrurias Generalin ihrem Pferd die Sporen, und dieses galoppierte nahezu augenblicklich los. Im Reflex zog Marth sein Schwert, das mächtige Falchion, auch wenn er wusste, dass er nicht würde kontern können. Weit außerhalb der Reichweite jeder Nahkampfwaffe brachte Cecilia ihren Schimmel zum Halt und klappte ihr Buch auf, dessen Seiten ein reines, grünes Licht verströmten. Kreisend ließ sie die Hand darüber schweben, nahm die Magie auf und warf sie dem Heldenkönig entgegen.
Dutzende Raben aus purer Energie schossen im Schwarm auf Marth zu. Unwillkürlich ergriff er mit der Linken seinen Umhang, riss ihn schützend vor sich wie einen Schild, als die magischen Vögel auch schon über ihn herfielen. Kräftige Flügel schlugen nach ihm, scharfe Schnäbel hackten auf ihn ein. Um festen Stand bemüht, sank er auf ein Knie und stach Falchion vor sich in den Boden. So stellte sich der Prinz von Altea dem Sturm der Gronnraben, der um ihn tobte. Aus sicherer Entfernung sahen Lucina und Ike zu und staunten über seinen unerschütterlichen Widerstand.
Als sich Cecilias Magie endlich verflüchtigte, erhob sich Marth wankend. Die Gronnraben hatten ihm den Schwertarm zerkratzt, und wo sie sich durch seinen Umhang gerissen hatten, hatten sie ihn auch da verletzt.
„Marth!“, rief Lucina schockiert und erleichtert zugleich.
Ihr Vorfahre lächelte beruhigend zu ihr hinüber. „Alles gut. Nur ein paar Schrammen.“ Entschlossen wandte er sich wieder Etrurias Generalin zu. „Jetzt bin ich am Zug!“ Andächtig hielt er Falchion vor sich und legte die Rückhand an die schlanke Klinge. „Verzeih mir …“, murmelte er, als entschuldige er sich bei der Waffe für das, was unmittelbar folgen würde. Als er vorpreschte, trat Cecilias Pferd unruhig auf der Stelle, aber seine Reiterin war nach ihrem beherzten Erstangriff zur Untätigkeit verdammt. Schon hatte der Heldenkönig sie erreicht, führte sein Schwert zu zwei raschen, geschmeidigen Streichen gegen die grüne Magierin.
Der Schimmel stieg spitz wiehernd und warf Cecilia ab. Die unglückselige Generalin schrie vor Schmerz und Schock – und verschwand, noch bevor sie auf dem Boden aufkam, mitsamt ihres Reittiers in einem Lichtblitz. Dies geschah stets in der Welt der benachbarten Reiche Askr und Embla mit Kriegern fremder Dimensionen, wenn sie auf dem Schlachtfeld fielen. Sie wurden in ihre Heimatwelt zurückversetzt, befreit von den Banden, die sie an die wahnsinnige Herrscherin des Emblanischen Imperiums gefesselt hatten.
Es war ein kurzes, unfaires Gefecht gewesen. Cecilia hatte nicht die geringste Chance gegen den Schwertkämpfer gehabt.
Auf der anderen Seite der Erdspalte setzte sich Reinhardt in Bewegung.
„Zieh dich zurück, Marth!“, befahl Ellihanna sofort, „und Ike, stell dich vor ihn!“
„Mit Vergnügen“, erwiderte der Söldner bärbeißig und lief zu dem Prinzen, der sich rückwärtsgehend von der Passage entfernte. Bei ihm angekommen, stieß Ike ihn noch weiter zurück. „So weit kommt’s noch, dass meine Kameraden einfach so gegrillt werden!“
Tänzelnden Schrittes wahrte Marth das Gleichgewicht und steckte Falchion wieder ein. Auch wenn ihre Hilfe nicht vonnöten gewesen wäre, eilte Lucina besorgt zu ihm.
„Alles in Ordnung, Kumpel?“, wollte Ike von ihm wissen.
„Wie gesagt, nur ein paar Schrammen“, beharrte der Heldenkönig und machte eine abwinkende Geste in Richtung seiner Nachfahrin.
Verunsichert trat sie von ihm fort. „Falchion wird ihn gleich heilen“, meinte sie langsam. Auch sie besaß eines dieser von den Göttern selbst stammenden Schwerter und wusste daher um dessen besondere Wirkung auf seinen Träger.
„Dazu wird es nicht kommen.“ Bitter lächelte Marth und sah dabei Ellihanna an.
„Wovon sprichst du, Mann?!“, platzte Ike hitzig.
Reinhardts Pferd umrundete den kleinen Lavatümpel und hielt auf die drei Helden zu.
„Unser Gegner ist ein magiebegabter Kavalerist“, sagte Marth verdächtig ruhig. Schicksalsergeben. „Welcher Fußkämpfer könnte einer solchen Reichweite schon entkommen?“
„Was?“, gab Ike verwirrt von sich, als Reinhardt auch schon heran war. Todesmutig stellte sich der Söldner ihm entgegen, hielt den Stiel seiner Axt Urvan beidhändig schräg vor sich, damit der Reiter nicht an ihm vorbei kam und ihr ohnehin schon kleines Machtgebiet infiltrieren konnte. Doch das musste Donners Faust auch gar nicht: Kurz, bevor sein Ross Ike niedertrampelte, blieb es stehen und stieg, sodass der crimeanische Söldner vor den wirbelnden Vorderhufen zurückweichen musste. Reinhardt hob die in einen weißen Handschuh gehüllte Linke und schickte einen vernichtenden Fatalen Donner auf den Heldenkönig hernieder.
Knapp unterhalb der Höhlendecke erblühte ein blauweißes Licht, und zwei Blitze schossen daraus hervor wie übernatürliche Speere. Der Prinz von Altea sah sie auf sich herabkommen wie die Gronnraben, und ebenso wie zuvor lag in seinem Gesichtsausdruck keinerlei Angst. Nur die Gewissheit, dass alles, was geschah, so seine Richtigkeit hatte. Der Fatale Donner erfasste ihn, schloss ihn augenblicklich in eine gleißende Aura. Der legendäre Heldenkönig schrie in Todesqualen, als ihm seine Resistenz gegen Cecilias grüne Magie nun mit der blauen Reinhardts zum Verhängnis wurde. Seine Verbündeten mussten gegen das blendende Strahlen des Zaubers die Augen abschirmen, unfähig, ihm zu helfen.
Im nächsten Moment erlosch das Licht – und Marth war verschwunden. Ob er wie Cecilia in seine Heimatwelt zurückgekehrt war, blieb zu bezweifeln. Er war nicht an den Kontrakt mit Veronica gebunden gewesen …
Entsetzt starrten Lucina und Ike auf die Stelle, wo er eben noch gestanden hatte. „Nein“, stieß letzterer hervor, als er heimgesucht wurde von den Erinnerungen an seinen Vater Greil, niedergestreckt vom Schwarzen Ritter, dem Finsteren General. An das Gefühl, einen wichtigen Teil seines Lebens verloren zu haben.
Zorn wallte in Ike auf. Seines Vaters Waffe hoch über die Schulter schwingend, fuhr er zu Reinhardt herum, in dem er in seiner blinden Wut nur noch den verhassten, schwarz gepanzerten Mörder sah. Urvans gewaltiges Axtblatt baute seinerseits die ungeheure Gewalt eines zu Stahl erstarrten Blitzes auf und nahm beispiellose Rache an Donners Faust.
Als somit auch Reinhardt und sein Pferd vom Schlachtfeld gefegt waren, zog Ike die Axt, deren Schneide sich in das harte Gestein gefressen hatte. „Mögest du in deiner Heimatwelt frei sein von dieser Tyrannin“, wünschte der Bezwinger dem Verlierer. Er drehte sich um und erkannte, dass Ellihanna das Geschehen ohne jede Gefühlsregung beobachtet hatte. „Wie kannst du nur so ruhig bleiben?!“, brüllte er die Beschwörerin an. „Dein eigener Held wurde gerade vor deinen Augen getötet!“
„Sein Verlust war einkalkuliert“, erwiderte die Vermummte kühl.
Einkalkuliert?!“, echote Ike als aufgebrachter Gegenpol zu Ellihannas Gelassenheit. „Du wolltest, dass Marth stirbt? Was bist du nur für eine Taktikerin!“
„Eine sehr gerissene.“ Lucina trat an ihren axtschwingenden Verbündeten heran.
„Was meinst du damit?“, verlangte dieser von der Prinzessin zu wissen.
Ihre betreten zu Boden gerichteten Augen verrieten ihre tiefe Trauer um den Verlust ihres Ahnen, dennoch erklärte sie gefasst: „Helden, die unter Veronicas Kontrolle stehen, greifen einen Gegner nur an, wenn er sich in ihrer Reichweite befindet. Sind es mehr als einer, so wählen sie das leichtere Opfer …“
Grüblerisch musterte Ike erst die Erbin des Heldenkönigs, dann die Beschwörerin und kniff argwöhnisch die Augen zusammen. „Jetzt kommt mir die Erleuchtung“, sagte er bedeutungsschwer. „Du wusstets genau, dass es so kommen würde, schon als du Marth Cecilia wie auf dem Silbertablett serviert hast. Und du hast ihn hinter mir stehen lassen, damit Reinhardt ihn angreift – und nicht mich.“
„Nicht nur“, präzisierte Ellihanna. „Das diente auch dem Zweck, dass Reinhardt nah genug an dich rankommt, dass du ihn sofort ausschaltest. Marth hat das gewusst und billigend auf sich genommen.“
Säuerlich, weil er unwissentlich nach ihrem geheimen Plan gehandelt hatte, gab Ike zurück: „Wenn ich statt Urvan Ragnell bei mir hätte, hättest du mich dann auch einfach so geopfert?“
„Wahrscheinlich“, gestand Ellihanna unumwunden. Immerhin verlieh Ikes mystisches Schwert seinem Träger die Fähigkeit, selbst magische Angriffe aus der Ferne zu kontern. Dies wäre ein entscheidender Faktor in diesem Kampf gewesen, hätte er denn überhaupt bestanden.
Empört über ihre Ehrlichkeit, insistierte Ike: „Dann hättest du das auch jetzt machen können. Reinhardt hatte ein Blaues Buch, ich bin Axtkämpfer. Ich hätte seinen Angriff bestimmt überstanden.“
„Das Risiko war zu groß“, behauptete die Vermummte, „und du warst zu wichtig dafür, ihn zu besiegen.“
„Ich hätte das auch geschafft.“ Beschwörerin und Söldner horchten auf und wandten sich Lucina zu. Die Prinzessin von Ylisse ließ ihre Lanze herausfordernd durch die Vulkanluft zischen. „Das wäre kein Problem für Geirskögul gewesen.“
Darauf erwiderte Ellihanna nichts. Sie hatte ihre Entscheidung gefällt, und der Erfolg ihrer Taktik gab ihr recht. Stattdessen ließ sie den Blick über die Erdspalte wandern. „Es ist noch nicht vorbei“, erinnerte sie ihre verbliebenen Recken. Auch diesen war der letzte Held des gegnerischen Trupps wieder eingefallen, der zu Beginn der Schlacht in den fernen Tiefen der Höhle gestanden hatte. Während die zaubernden Reiter, die auf seiner Seite gekämpft hatten, besiegt worden waren, war er dem Engpass zwischen Lavatümpel und Steinwand immer näher gekommen. Nun beschritt er denselben Weg, den auch Reinhardt entlanggeritten war. „Lucina, nun bist du an der Reihe“, verkündete die Beschwörerin, doch die Lanzenträgerin achtete ihrer nicht, hatte nur Augen für den Schwertkämpfer, den sie jetzt genau erkennen konnte.
Fast unscheinbar wirkten die schwarzblaue Weste und Hose vor dem strahlend weißen Umhang, der sich hinter seinem Träger bauschte wie eine Feldfahne. Während die Schulter der Rückhand von einem stählernen Harnisch geschützt wurde, prangte auf dem entblößten rechten Oberarm ähnlich einer Tätowierung das Emblem der Wyrmgöttin Naga, das Erkennungszeichen der von Marth abstammenden ylisseanischen Königslinie.
„Lucina?“, rief Ike die Prinzessin an. „Was ist los? Wer ist das?“
Schatten umwölkten ihr Gesicht, als sie tonlos flüsterte: „Mein … Vater.“
Geschockt riss Ike die Augen auf und verglich hastig seine Verbündete mit ihrem vereinsamten Gegner. Tatsächlich war die Ähnlichkeit frappierend, insbesondere da der Mann, obwohl er eine Generation älter hätte sein müssen, im selben Alter wie seine Tochter zu sein schien. Doch das war nicht weiter verwunderlich, denn wie Lucina selbst bereits angemerkt hatte und die Begegnung mit ihrem Urahn bewies, konnten in Askr Helden aus allen Welten und Epochen zusammenfinden. Die Waffe des feindlichen Schwertkämpfers war von derselben Machart wie das Falchion, das Lucina für gewöhnlich anstelle einer Lanze verwendete, ja war sogar eben jenes, nur aus einer anderen Zeit.
Tief enttäuscht fragte die Kriegerin Ellihanna: „Habt Ihr gewusst, dass Chrom hier ist?“
„Natürlich“, kam aalglatt die Antwort. „Ich habe Einsicht auf das gesamte Spielfeld.“
Wutentbrannt verkrampfte Ike die Hände fester um Urvans Stiel, als wolle er damit auf die Vermummte losgehen wie eben auf Reinhardt. „Spielfeld? Ist das alles nur ein Spiel für dich?“
Die Ruhe selbst erwiderte Ellihanna seinen hasserfüllten Blick. Als Beschwörerin besaß sie die Macht, diesen wahnwitzigen Kampf umgehend zu beenden und die geliehenen Helden in deren Askr zurückzuschicken; doch dann wäre Marths Opfer umsonst gewesen, und das kam sowohl für sie selbst wie auch für Ike nicht infrage.
Es war schließlich Ike, der sich schnaubend abwandte und nach etwas suchte, woran er, um nicht erneut die Selbstbeherrschung zu verlieren, seinen Zorn stattdessen abgreagieren konnte – und fand dies in dem langsam heranrückenden Gegner. Voll Erwartung schwang der Söldner seine Waffe herum. „Ich habe zwar eine Axt, aber keine Angst vor Schwertern! Ich mach ihn …“
„Nein, Ike“, hielt Lucina ihn zurück, als er schon losstürmen wollte. Ihr Verbündeter drehte sich zu ihr um, fassungslos darüber, dass sie ihn zurückpfiff. Dankbar lächelte die Kriegerin. „Glaub mir, mein Freund, ich weiß deinen Einsatz sehr zu schätzen.“ Sie zwinkerte und legte ihrem Verbündeten kameradschaftlich die Hand auf die Schulter. „Aber ich selbst hatte heute noch nicht das Vergnügen eines Kampfes. Gönnst du mir es denn gar nicht?“
„Er ist dein Vater!“, brauste Ike auf, für den es unverständlich war, wie Lucina sich diesem guten Gewissens stellen konnte.
„Er ist ein Schwertkämpfer, der unter Veronicas Kontrakt steht“, korrigierte die Prinzessin und wirbelte Geirskögul geschickt herum. „Und wer eignet sich besser, ihn zu befreien, als ein Lanzenträger? Außerdem“, fügte sie hinzu, hob geringfügig die Lider, und in ihrem linken Auge glomm dasselbe Zeichen wie auf Chroms Arm, „muss ich dies tun, eben weil er mein Vater ist.“
Ike öffnete den Mund, als wolle er weitere Widerworte äußern, doch die Entschlossenheit, mit der Lucina an ihrem Vorhaben festhielt, ließ ihn dann doch kapitulieren. Schweigend trat er zur Seite und ließ sie passieren.
Die Kriegerin dankte es ihm mit einem Nicken. Bevor sie sich in Bewegung setzte, warf sie Ellihanna einen letzten vielsagenden Blick zu. Die gold bestickte Kapuze verbarg jeden Gesichtsausdruck, den die Vermummte aufgesetzt haben mochte.
Als Lucina außer Hörweite war, funkelte Ike die Beschwörerin an, die seiner nicht achtete und der Prinzessin nachsah. Die Zurückgebliebenen wechselten weder Worte noch Blicke, doch das Misstrauen, das der Söldner Ellihanna entgegenbrachte, hing drückender zwischen ihnen als die stickige Vulkanluft.
Indes waren sich Lucina und Chrom nahe genug gekommen, dass die Prinzessin ihrem Vater genau in die Augen sehen konnte. In diesen lag kein Erkennen, was durchaus darin begründet sein konnte, dass es ihn zu einem Zeitpunkt nach Askr verschlagen hatte, als Lucina noch nicht in die Vergangenheit gereist und ihm begegnet war. Doch dieses Starren, mit dem Chrom, Erhabener Prinz, seine zukünftige Tochter betrachtete, hatte etwas geradezu Unheimliches an sich. Nicht nur, dass er sie nicht zu erkennen schien, war es Lucina, als nehme er sie nicht richtig wahr, und das war ihr auch schon bei Cecilia und Reinhardt aufgefallen. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass der emblanische Kontrakt einen Helden nicht seines freien Willens beraubte. Er blieb stets bei klarem Bewusstsein, folgte lediglich bereitwilliger dem Befehl, zu kämpfen, als es für gewöhnlich der Fall wäre. Die magiebegabten Kavaleristen hingegen hatten seltsam abwesend gewirkt, ihre Handlungen nur von berechnendem Kalkül gesteuert. Auch Chrom ließ nun keinerlei Gefühle erkennen, schien geradezu katatonisch wie ein Schlafwandler. Unmöglich konnte es Veronicas imperialer Einfluss sein, der auf ihm lag, sondern ein ganz anderes, ein emotionsloses Bewusstsein, das allein darauf aus war, diesen Kampf zu führen. Um jeden Preis.
Die Jahrhunderte, die an Falchion vorbeigezogen waren, hatten sein Aussehen gewandelt, sodass sich Chroms Waffe nun von der Marths unterschied: Am Ansatz breiter, verjüngte sich die Klinge zur Spitze hin, ein goldener Streifen zog sich entlang ihres Mittelgrats. Oberhalb des Hefts war ein Durchbruch eingeschmiedet, dessen ovale Form dem Tropfenelement in Nagas Symbol nachempfunden war. Die göttliche Waffe hebend, nahm Chrom die ihm eigene Kampfpose ein, die Lucina ihm als seine Schülerin nacheiferte – wenn sie selbst ein Schwert führte. Jetzt schwang sie ihre Lanze, zu allem bereit. Ihr Gegner mochte ihr Vater sein, doch war er auch auf sehr rätselhafte Weise ein Fremder.
Nach wie vor ohne jede Gefühlsregung, stürmte Chrom auf sie zu, hieb mit Falchion nach seiner Tochter.
„Vater, was auch immer dich befallen hat …“, sprach Lucina und hob den Schild, um die Attacke abzublocken – die sich jedoch sogleich als Finte herausstellte: Chrom riss sein Schwert herum, umging ihre Verteidigung und stach nach ihrer Schulter. Die aus einem Drachenzahn geschliffene Klinge durchbrach Lucinas Rüstungsteil, als bestünde es aus Ton, und schnitt ihr tief in die Haut. Ob des scharfen Schmerzes, der durch ihren Schildarm fuhr, zischte Lucina und wich zurück. Schnell fing sie sich, umfasste Geirsköguls Schaft fester und trat entschlossen vor. „… ich werde dich davon befreien!“, verkündete sie lauthals, holte weit nach hinten aus – und ließ ihre Waffe vorschnellen.
Sie spürte nur geringen Widerstand, als die Lanzenspitze ihren Gegner in den Rumpf traf. Chrom stieß einen qualvollen Schrei aus, der erschreckend ähnlich dem Marths in seinen letzten Sekunden klang. Askrs sonderbare Magie brachte auch den Nachfahren des Heldenkönigs zum Verschwinden und ersparte Lucina so den Anblick Chroms, aufgespießt von Geirskögul. Von ihr.
Kraftlos sank Lucina auf ein Knie, stützte sich schwer auf die Lanze, um nicht ganz zusammenzubrechen. Dabei war es nicht die Wunde, die sie so bekümmerte, oder die Tatsache, dass ihr eigener Vater sie ihr willenlos beigefügt hatte – sondern viel mehr das, was sie selbst hatte tun müssen. Erst vor wenigen Augenblicken war sie Zeuge des Todes ihres Urahnen und Idols geworden. Jetzt auch noch zu so einem grausamen Kampf gegen ihren Vater und Lehrmeister gezwungen gewesen zu sein, ertrug die Kriegerin nicht länger. Ihr belastetes Gemüt wurde auch durch das Wissen nicht gemildert, dass Chrom sicher und wieder Herr seiner selbst nach Ylisse zurückgekehrt war. Dass sie ihn nicht getötet hatte …
Bei der Vorstellung zitterte Lucina vor Entsetzen, bis sie eine Berührung an der Schulter fühlte. Überrascht hob sie den Kopf und erkannte Ike, der an ihre Seite getreten war. Auch wenn seine Hand auf ihrer Schulter nahe der Verletzung ruhte, verfehlte die Geste nicht ihre tröstende Absicht. Über Lucinas verbitterte Miene huschte ein trauriges Lächeln, dankbar für seinen stummen Beistand, doch der crimeanische Söldner sah dies nicht.
Stattdessen musterte er Ellihanna, die sich gerade zu ihnen gesellte, mit unverhohlenem Vorwurf. Feindselig zischte Ike der Beschwörerin drohenden Tonfalls zu: „Hast du nun deinen Spaß bei diesem Spiel? Vater und Tochter aufeinanderzuhetzen?“
„So dramatisch ist es nicht“, versicherte Lucina mehr sich selbst als ihm. „Ich wollte nur, es gäbe aus diesem Albtraum endlich auch ein Erwachen …“
Darauf ging Ike nicht ein, und auch Ellihanna äußerte sich nicht zu seinen Anschuldigungen, was nicht dazu beitrug, dass der Söldner Vertrauen zu ihr fasste. Im Gegenteil hatte er mehr und mehr den Eindruck, dass die Beschwörerin nicht viel besser war als Veronica, die die Helden fremder Welten tatsächlich zur eigenen Belustigung gegeneinander antreten ließ.
Gerade holte er Luft, um die Beschwörerin erneut anzuätzen, als die Vulkanhöhle plötzlich von strahlendem Licht erfüllt wurde. Obwohl bei weitem nicht von der elektrischen Härte von Reinhardts Fatalem Donner, blendete es die auf dem Schlachtfeld verbliebenen Helden. Die beiden kniffen die Augen zu, und blind, wie sie waren, spürten sie nur die Veränderung, die plötzlich in ihrer Umgebung vorging: Die Temperaturen fielen rapide vom Glühen flüssigen Gesteins auf die angenehme Kühle einer milden Frühlingsbrise. Sowie sich der Helden Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, sahen sie sich blinzelnd um – und erkannten verwundert, dass sie sich nicht mehr in der Höhle befanden.

Die rauen Vulkanwände waren verschwunden; nur ein Gebirgszug in weiter Ferne war damit noch vergleichbar. Ein strahlend blauer Himmel, an dem Wolkenfetzen entlangtrieben, spannte sich bis in diesige Unendlichkeit. Der Boden war nicht mehr von der Natur, sondern Menschenhand bearbeitet, bedeckt von grauen, uralten Fliesen, die an vielen Stellen von Wildwuchs durchbrochen waren.
So wundersam dies alles auch schien, war es tatsächlich nicht die veränderte Kulisse, die Lucina und Ike am meisten in Erstaunen versetzte. Es waren die vielen anderen Helden, die mit ihnen an diesem Ort versammelt waren: Lanzenträger, Schwert- und Axtkämpfer, Nutzer von Magie und Drachensteinen aller Farben, Bogenschützen, Dolchwerfer und Heiler sowohl als Infanteristen, Gepanzerte wie auch als Reiter zu Pferd, Pegasus oder Wyvern – kurz, Waffen und Bewegungsarten in allen möglichen Kombinationen aller Helden, die je einen Fuß auf askranischen Boden gesetzt hatten. Viele Gesichter waren der Prinzessin aus Ylisse und dem Söldner aus Crimea nicht bekannt, doch gab es auch Krieger, die sie in ihren Welten bereits getroffen hatten. Die Helden hatten sich in Dreiergruppen zusammengefunden, bei denen jeweils ein in einen weißen, gold bestickten Mantel gekleideter Beschwörer dabeistand. Das monotone Summen dutzender Gespräche erfüllte die Luft.
„Wo … wo sind wir hier?“, äußerte Ike die Frage, die sich seine Verbündete ebenso stellte wie er.
Ratlos hob Lucina die Schultern. Dabei fiel ihr auf, dass das Stechen in der linken abgeklungen war. Die von Chrom geschlagene Wunde war vollständig verheilt wie unter dem Segen Falchions, und auch der von der göttlichen Waffe zerstörte Harnisch war ganz wiederhergestellt. Ob das etwas mit diesem merkwürdigen Ort zu tun hatte, an den sie mit Ike teleportiert worden war?
Der Söldner, der sich nicht von ihrer Seite gerührt hatte, rief plötzlich aus: „Marth!“
Lucina, noch immer kniend, blickte hinter sich. Voll verwirrten Staunens starrten die beiden auf Marth hinab, der am Boden saß und genauso verwundert wie sie die Umgebung sondierte. Auch bei ihm waren die Kratzer und die Schäden in seiner Kleidung, die Cecilias Gronnraben gerissen hatten, von einer wohlwollenden Macht restlos getilgt worden.
„Marth!“, stieß auch Lucina in grenzenloser Erleichterung aus. Geirskögul als Aufstiegshilfe nutzend, sprang sie auf und eilte zu dem verloren geglaubten Heldenkönig. „Ich kann es nicht glauben! Du bist …“ Sofort unterbrach sie sich und besann sich auf ihren ehrerbietigen Respekt für ihren Vorfahren zurück. „Ihr seid am Leben!“ Hastig wischte sie eine Träne fort, die sich aus ihrem Auge zu stehlen drohte.
Wie in Trance sah Marth zu seiner Erbin auf, hob dann die Hand vors Gesicht und musterte sie, als sei sie ihm soeben erst gewachsen. „Ja, ich lebe“, stellte er fest und konnte es selbst kaum fassen. Zu schrecklich waren die Qualen gewesen, die die Blitze ihm bereitet hatten.
„Natürlich lebt er noch.“
Die drei wiedervereinten Helden wandten sich in die Richtung, aus der die Stimme zu ihnen gesprochen hatte. Obwohl es hier unter freiem Himmel deutlich heller war als in der düsteren Vulkanhöhle, war Ellihannas vermummtes Gesicht noch immer nicht deutlich zu erkennen, im Gegenteil: Es schien, als vertiefe das Sonnenlicht die Schatten unter ihrer Kapuze nur noch mehr. Gebieterisch hob sie das Kinn. „Solange ich hier bin, kehrt jeder meiner Helden wieder. Das müsst ihr doch von euren eigenen Beschwörern gewohnt sein.“
Während Lucina beschämt das Haupt senkte, weil sie in ihrer Sorge um ihren Ahnen nicht so weit gedacht hatte, lieferte sich Ike mit Ellihanna ein unverändert trotziges Blickduell. Resigniert seufzend erhob sich Marth und schüttelte Staub aus seinem Umhang.

Das einzige Bauwerk auf dem weiten Platz war ein wuchtiger, steinerner Rundbogen, in den bandartige Musterungen eingemeißelt waren. Auf diesen hielt Ellihanna nun zu und bedeutete ihren Helden, ihr zu folgen. So geleitete sie die drei durch den Bogen auf eine schmale Treppe zu, die ohne ein Geländer auf ein Podest hinaufführte, das über dem Pflaster zu schweben schien. Darauf ruhte in entspannter Liegeposition ein weißer Pegasus, die vogelartigen Schwingen an den grazilen Körper gelegt. Er war beschmückt wie ein Paradepferd mit rotem Tuch und einem dazu passenden, kunstvollen Zaumzeug. Neben ihm kniete eine junge Frau, streichelte ihn und sang ein liebliches Lied, das auch über das Gemurmel der Versammelten gut zu hören war.
Bis fast an die erste Stufe trat Ellihanna heran und blieb dann stehen. Die ihr folgenden Helden hielten größeren Abstand. Als der Pegasus ihrer gewahr wurde, hob er interessiert den Kopf, und auch die Sängerin unterbrach ihre musikalische Darbietung. Sie lächelte freundlich, stand auf und stieg die Treppen herab. Die Dame trug einen festlichen, azurblauen Kimono, der mit ihren langen, ähnlich gefärbten Haaren harmonierte und im Kontrast zu den zitronengelben Augen stand. Ihr Haupt schmückten ein weißer Schleier und eine ebenfalls weiße, rosenähnliche Blüte. In der Rechten hielt sie ein traditionelles Hagoita, einen hölzernen Spielschläger, violett lackiert und mit stilisierten Blumen bemalt.
„Ellihanna!“, nahm sie die Beschwörerin fröhlich in Empfang, ihre Stimme noch immer so harmonisch, als sänge sie gerade weiter. „Wie schön, dich wiederzusehen.“ Am unteren Ende der Treppe angekommen, blieb sie vor der Vermummten stehen.
„Ja, leider hat es etwas gedauert“, musste Ellihanna zu ihrem Leidwesen eingestehen. „Ich habe mich in den letzten Kämpfen nicht besonders gut gemacht.“
Verständnisvoll nickte die Sängerin, wobei die himmelblaue Haarsträhne, die ihr mitten im Gesicht hing, sich vor und zurück wiegte. „Mein großer Bruder ist nunmal ein Ehrbarer Samurai. Es war klar, dass seine Armee sich nicht so leicht würde unterkriegen lassen.“ Ihr Augenmerk fiel auf Ellihannas Helden und deren mächtige Waffen; auf Marth und Falchion, Lucina und Geirskögul, Ike und Urvan. „Aber meine hat auch einige sehr fähige Kämpfer, wie ich sehe.“ Höflich verneigte sie sich. „Ich bin Azura, seit Neujahr in Feierlaune und dankbar für unsere Schicksale, die uns hier und heute zusammengeführt haben.“
„Azura“, sprach Ellihanna die blaugewandete Dame im Geschäftston an, und diese horchte auf. „Ich unterstütze dich mit zweihundert Kampfflaggen.“
Die Sängerin strahlte vor Freude und tirilierte: „Das ist großartig! Es läuft gerade ein Multiplikator, das wird mir sehr viele Punkte einbringen.“
Ellihanna schmunzelte kühl. „Ganz uneigennützig ist es ja nicht.“
Azura seufzte theatralisch, wirkte aber nicht wirklich verzweifelt. „Leider ist mir Ryoma zur Zeit voraus …“ Nun lächelte sie wieder ehrlich. „Aber ich bin mir sicher, durch deine Hilfe und die der vielen anderen Beschwörer und ihrer Helden werde ich am Ende gegen ihn gewinnen. Genau wie gegen Camilla.“ Sie stutzte, kicherte und hielt sich in vorgetäuschter Verlegenheit den Schläger wie einen Fächer vor den Mund. „Ich meine natürlich Oneechan. Als Winterreisende besteht sie darauf, dass ich sie so nenne“, erklärte sie ungefragt.
„Nun gut!“, verkündete Azura abschließend und verneigte sich ein weiteres Mal. „Ich bedanke mich für deine Unterstützung, Ellihanna. Es wäre mir eine Freude, dich auch in der kommenden letzten Runde hier begrüßen zu dürfen.“
Die Beschwörerin nickte feierlich. „Auch ich bin zuversichtlich, mich für die richtige Armee entschieden zu haben.“
Mit einer Verbeugung verabschiedete sich Azura auch von den Helden, kehrte dann um und erklomm wieder die Treppen hinauf zum Podest.
„Azura?“, rief Ellihanna sie noch einmal zurück; die Sängerin blieb stehen und sah zu ihr herab, ohne sich ganz umzudrehen. Ihre Worte sorgsam abwägend, meinte die Vermummte: „Ich habe gehofft, dich im aktuellen Fokus eventuell beschwören zu können …“
Die blaugewandete Feierlaune schenkte ihr ein kokettes, distanziertes Lächeln. „Einfach weiter versuchen“, riet sie Ellihanna, wandte sich ab und nahm, ihren Gesang fortsetzend, den Weg zu ihrem Pegasus wieder auf.
„Wenn es nur so einfach wäre …“, murmelte die Beschwörerin niedergeschlagen.

Hinter ihr hatten die drei Helden schweigend ihrem Wortwechsel mit Azura beigewohnt.
Ike war der erste, der seine Zunge wiederfand. „Dafür haben wir gekämpft?“, brauste er brüskiert auf, umklammerte Urvans Axtstiel, als suche er daran Halt. Die ganze Zeit über hatte er bereits geahnt, dass Ellihanna auf etwas ganz anderes aus war, als sie ihnen hatte glauben machen wollen. „Für einen dummen, kleinen Geschwisterwettstreit, wer die meisten Punkte bekommt?!“
Auch Lucina war fassungslos. „Also ich wusste ja, dass die Königskinder von Hoshido und Nohr ihre Eigenheiten haben. Aber das …“ Ungläubig schüttelte sie den Kopf und war froh, dass sich ihre Familie und Freunde nicht an solch einem lächerlichen Unsinn beteiligten. Worum es sich bei dem Bewusstsein, das die gegnerischen Helden kontrolliert hatte, gehandelt haben mochte, konnte sie mit diesen neuen Erkenntnissen jedoch noch immer nicht lösen.
„Die Wyrmgötter fällen Entscheidungen, die uns manchmal sonderbar anmuten“, sinnierte Marth und legte gedankenverloren eine Hand ans Heft Falchions, das existierte, damit die Menschen sich ebendieser Willkür der Drachen zur Wehr zu setzen vermochten. „Wenn wir diese schon nicht recht nachvollziehen können, wie sollen wir dann je die Intentionen der Mächte begreifen, denen sich gar die Götter beugen müssen?“
Ellihanna drehte sich um, und der Heldenkönig schritt auf sie zu.
„Die wahren Gründe, aus denen wir nach Askr gerufen werden, bleiben wohl immer ein Mysterium“, führte er seinen Rätselspruch fort. „Doch scheinen sie nobler zu sein als das bloße Vergnügen, aus dem Prinzessin Veronica Helden ihren Kontrakt aufzwingt.“ Tief sah der Prinz von Altea in Ellihannas umschattete Augen. „Immerhin sind sie davon frei, wenn sie im Kampf fallen …“
Die Beschwörerin ließ den Kopf sinken, sodass ihr Gesicht wieder hinter der Kapuze verschwand. „Das ganze Leben ist ein Spiel“, orakelte nun auch sie. „Zwangsläufig wird man zur Spielfigur in etwas, dessen wahres Ausmaß zu erfassen man nicht imstande ist.“ Nachdenklich musterte sie Lucina und Ike, die sie verwirrt ansahen und deren Beschwörer sich dieser Wahrheit ebenfalls bewusst waren.
„Lebt wohlt, ihr tapferen Helden“, hob Ellihanna an, sich von der Prinzessin und dem Söldner zu verabschieden. Ein weißliches Glühen ging von den vier so ungleichen Personen aus. „Vielleicht begegnen wir uns eines Tages wieder …“
Rasch hüllte sie das Licht zur Gänze ein und brachte Ike, Lucina sowie Marth und Ellihanna zurück in ihr jeweiliges Askr.
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