Unter dem Eis

GeschichteRomanze, Fantasy / P18 Slash
OC (Own Character)
13.01.2018
25.01.2020
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Seine Laufschuhe knirschten leise auf dem sandigen Untergrund des Weges, während er in jenem hohen Tempo lief, welches er stundenlang aufrecht halten konnte, wenn es sein musste. Mit voller Ausrüstung wäre er etwas langsamer gewesen oder hätte - wenn es die Situation erfordert - einen Teil seiner telekinetischen Kraft eingesetzt um das Tempo zu halten. Aber an einem Morgen wie diesen, an dem seine Schritte nur der Aufrechterhaltung seiner optimalen körperlichen Fitness dienten, zog er das Tempo so weit an, dass er nach einer Stunde des Laufens das Ziehen seiner Beinmuskeln spürte und sein Atem tief aber effektiv ging. Aden hatte diesen Rundweg um den neuen Stützpunkt der Pfeilgarde anlegen lassen, aber gewiss nicht für Patrouillengänge, sondern zum 'Spazieren'. Kein Pfeilgardist würde auf vorgefertigten Wegen Streife gehen, dies war viel zu vorhersehbar, wenn sich die schwarzgekleidete Gestalt eines Gardisten von dem braunroten Boden des Weges abhob. So sicher ihr neuer Stützpunkt auch war, würde sich die Pfeilgarde nie allein durch die geographische Lage und ein paar Überwachungskameras sicher fühlen. Hier lebte das Zentrum der Garde.
Das neue Zentrum der Garde. Berichtigte sich der Mann in Gedanken. Die Kinder. Von den Kleinsten, die sonst in gesonderten Lagern trainiert worden waren, in Lagern, die Alejandro und jeder von ihnen nur zu gut kannte, bis hin zu den fast erwachsenen. Kinder, welche außer ihren Kameraden und ihren Trainern niemand anderen gesehen hatten und trotz der oft großen Nähe zueinander - eingepfercht in gemeinsame Schlafräume, Gemeinschaftsduschen und intensiven, stundenlangem Training - war jedes Kind doch stets allein gewesen, denn Konkurrenz wurde gefördert. Besser sein als die anderen um seltener geschlagen zu werden.
Hier war es anders. Hier lebten die Kinder unter den Erwachsenen, waren ihnen in Wohngruppen zugeteilt, welche außerhalb der Garde vermutlich als Familie bezeichnet werden würden. Hier war mehr Raum und gleichzeitig so viel mehr Nähe, als es früher gewesen war. Jetzt teilte er sich keine Stube mehr mit acht anderen Pfeilgardisten, welche mehr oder weniger regelmäßig auf Einsätzen unterwegs waren. Nun stand am Ende seines Bettes zwar immer noch eine Truhe, doch diese enthielt nicht allein alle seine Besitztümer. In seinem Zimmer stand ein Schrank, in welchem seine schwarze Kleidung hing und dazwischen sogar ein blassgraues Hemd, welches schillernd herausstach aus der beruhigend Gleichförmigkeit seiner Uniform. Ivy hatte ihm das Hemd zu seinem Einzug geschenkt, zusammen mit gleichfarbiger Bettwäsche und dem Kommentar, beides würde so gut mit seinen Augen harmonieren. Alejandro verstand denn Sinn von farbiger Kleidung nicht - erst recht nicht in Bezug auf individuelle körperliche Merkmale, aber er hatte von dem Brauch gelesen, Freunden aufgrund des Wechsels des Standortes (umgangssprachlich aufgrund eines Umzuges) ein Präsent zu überreichen. Daher hatte er der Empathin gedankt, das Hemd in seinen Schrank gehängt und beim nächsten Wechsel der Bettwäsche das neue Set aufgezogen. Der Stoff war dichter und gleichzeitig weicher als die standardisierte Wäsche, welche er bisher von der Wäscherei erhalten hatte.
Neben dem Schrank für seine Kleidung und der Truhe, besaß er nun auch ein Wandregal, für persönliche Besitztümer. Auf diesem stand ein einzelner Gegenstand - ein Prisma. Die Nützlichkeit eines Solchen in der Herstellung von Lasern war Alejandro hinreichend bekannt, aber Zaira hatte ihn mit in die Sonne genommen, ihr Geschenk aus einem kleinen Beutel aus Samt geholt und es ihm in die Hand gedrückt. Anschließend leitete sie ihn an, wie er es in die Sonne halten sollte - und den Rest des Tages, bis das letzte bisschen Sonnenlicht hinter der Bergkuppe versunken war hatte der Pfeilgardist dagestanden und das Farbenspiel betrachtet.

Alejandro umrundete die kleine Baumgruppe am Rande des Tals, kehrte auf den Weg zurück und lief weiter, seine letzte Runde für heute früh beschließend, da er um Null-siebenhundert mit dem Rest seiner Wohngemeinschaft zum Frühstück gehen würde. Den Sinn von Spazierengehen begriff er immer noch nicht, aber der Weg bildete eine sehr gute Alternative zu der unterirdischen Trainingshalle ihres geheimen Stützpunktes. Hier konnte er sein Training trotz jeder Witterung durchführen und gleichzeitig einen Blick auf die Häuser haben. Er wählte nicht jeden Tag die große Runde am Rande des Talkessels entlang, denn Vorhersehbarkeit bedeutete Verwundbarkeit - jeden Tag wechselte er seine Laufroute nach einem zufälligen Muster, welches ihn nur streckenweise auf den Rundweg führte und dann wieder zurück auf die innerörtlichen Straßen. An Tagen wie heute, an denen nur ein mäßig anstrengendes Training auf seinem Dienstplan stand, ergänzte er den Rundlauf morgens mit drei Durchgängen auf dem Trainingsparcours, den Aden hatte aufstellen lassen. Dabei hatte sich ihr Anführer von dem Parcours eines Leoparden- und eines Wolfsrudels inspirieren lassen, was zu mehreren sehr kniffligen Passagen geführt hatte, welche für Personen ohne Krallen eine wahre Herausforderung waren. Herausforderungen machten Alejandro nichts aus. Sie dienten dazu bezwungen zu werden, damit er noch effizienter war um seine Aufgaben zu erfüllen. Und Zairas Befehle zu befolgen.

Sein Fuß fand für einen Moment Halt auf dem schmalen Trittbrett, von welchem er sich über das nächste Hindernis katapultiert hätte, dieses nur mit einer Hand berührend um auf der anderen Seite sicher auf dem Boden in drei Meter Tiefe aufzukommen. Doch der Morgentau hatte seine Feuchtigkeit über das Holz gelegt und auch wenn Alejandro mit solchen Widrigkeiten im Parkour stets rechnete, glitt sein Laufschuh zur Seite fort und beraubte ihn der Stabilität, die er benötigte, um die Wand in zwei Meter Entfernung zu erreichen und zu überwinden. Prinzipiell verwandte er im Parkour keine mentalen Kräfte, da es hier um das körperliche Training ging, jedoch erkannte Alejandro in dem Moment, als sein Fuß abrutschte, dass er nicht das nächste Hindernis erreichen würde um sich festzuhalten und dass er - derart aus dem Gleichgewicht geraten - sich zumindest eine leichtgradige Verletzung zuziehen würde, wenn er derart auf den Boden stürzen würde. Dies war eine der Stellen, welche für Gestaltwandler leichter zu bewältigen war, deren Knochen stabiler waren und denen ein Sturz aus größerer Höhe weniger schadete, als einem Medialen, dessen Knochenstruktur - trotz allen körperlichen Trainings - viel leichter war. Daher reagierte er in Bruchteilen von Sekunden, als sein Verstand die Situation analysierte und schickte einen telekinetischen Stoß in die Tiefe, welche ihm wiederum genügend wiederstand bot um ihn die Distanz zu der nächsten Mauer überwinden zu lassen. Auch wenn er dort nicht mehr gelassen darüber flankte, wie vorhergesehen, sondern mit dem Brustkorb dagegen prallte, so stürzte er zumindest nicht und zog sich ohne jeden Schmerzenslaut aufgrund seiner geprellten Rippen auf die Kante, hockte dort für einen Atemzug und sprang dann hinab um unten im Sand abzurollen und sich wieder fließend zu erheben. Alejandro hob die Hände über den Kopf, reckte sich in die Höhe und neigte den Torso in alle Richtungen, während er seinen Körper auf schwerwiegender Verletzungen prüfte, aber außer der frischen Prellung nichts fand. Kein Grund das Training frühzeitig zu unterbrechen - und so joggte er zurück an den Anfang um ihn noch zweimal zu durchlaufen. Diesmal berechnete er die Schlüpfrigkeit dieses Trittbretts mit ein, was ihn zwar etwas an Geschwindigkeit kostete, aber ihn nun sicher über das letzte Hindernis brachte, sodass er nicht noch einmal unterbrechen musste bevor er dann nach Hause zurückkehrte.

Nach Hause. So nannten die Gardisten nun die ihnen zugewiesenen Häuser, welche alle unterschiedlich gestaltet waren. Aden hatte das Bauunternehmen der DarkRiver-Leoparden mit der Gestaltung beauftragt, was dazu geführt hatte, dass die Häuser zwar alle in einem ähnlichen Stil, aber dennoch sehr individuell zusammengestellt worden waren. Als hätte sich der Architekt mit Aden und Zaira das Haus für jeden Bewohner einzeln besprochen. Was vermutlich auch geschehen war. Es gab die größeren Gebäude, welche mehrere persönliche Schlafräume und Bäder enthielten, dazu eine gemeinsame Küche und gemeinsame Wohnräume - diese wurden meist von den alleinstehenden Gardisten bewohnt, oder Jugendlichen, welche nicht mehr die räumlichen Zuteilungen zu ihren Betreuungspersonen bedurften. Um es mit Zairas Worten zu formulieren - jene junge Erwachsenen, welche nicht mehr zu Hause bei ihrer Familie lebten. Dann gab es auch noch die kleineren Wohneinheiten, welche von Paaren wie Aden und Zaira und ihrem Schützling bewohnt wurden. Wie eine normale Menschen- oder Gestaltwandlerfamilie. Alejandros 'Zuhause' lag nicht weit von eben dieser Wohneinheit seines Kommandanten und seiner Frau entfernt, damit er sich mental und physisch leichter davon überzeugen konnte, dass Zaira da war und ihn unter Kontrolle hatte.

Alejandro entledigte sich seiner verschwitzten Kleidung und wusch sich mit zügigen, effektiven Strichen unter kaltem Wasser in der Dusche. Es gab hier natürlich auch fließend warmes Wasser, aber der Pfeilgardist war es nicht gewohnt und er hielt es nicht für nötig eine andere Temperatur zu wählen als jene, welche die Leitungen sowieso hergaben. Mit dem Handtuch um die Hüften betrachtete er im Spiegel die sich verfärbende Prellmarke an seiner linken Seite, tastete sie ab und bestätigte sich noch einmal, dass keine größeren Verletzungen entstanden waren, dann rasierte er sich sorgfältig und schlüpfte in seine Uniform. Schwarze Hosen, gleichfarbiges Hemd, die hochgeschnürten schweren Stiefel, wozu auch immer noch das Messer an seinem Schenkel gehörte, aber hier im Tal keine weiteren Waffen. An seine militärisch kurzen, schwarzen Haare brauchte er nicht viel Arbeit verschwenden und mit seinen kleinen Organizer in der Tasche seiner Hose ging er zu seinen Mitbewohnern zum Frühstück. Menschenfamilien zelebrierten das gemeinsame Essen genauso wie Gestaltwandler - dies hatte er in seiner Ausbildung gelernt, denn zu diesen Zeitpunkten waren die meisten Familien berechenbar versammelt und abgelenkt. Ein guter Zeitpunkt für einen Angriff auf diese schwächeren Gattungen. Hatte man ihn gelehrt. Dabei hatte sich in den letzten Jahren gezeigt, dass die anderen beiden Gattungen ebenso berechtigt waren auf dieser Welt zu leben und zu herrschen, wie die Medialen. Allein schon dieser Parcours!

In der Küche hatte Axl bereits das Frühstück für ihre kleine Wohngemeinschaft vorbereitet. Manchmal aßen sie auch in der Gemeinschaftsküche, jedoch hatten die Empathen empfohlen, dass sie sich regelmäßig in kleinen Gruppen trafen um die Individualität und Persönlichkeit der einzelnen Gardisten zu fördern. Laut ihrem Wochenplan war heute Morgen der TP-Mediale für das Frühstück zuständig und so stand pünktlich um Null-Siebenhundert auf jedem der drei Plätze ein hohes Glas mit einem nahrhaften Energieshake und ein Teller mit … Rührei. Man sah Alejandro seine kurze Verwirrung nicht an, als er - dicht gefolgt von Yuri, ihrem dritten Mitbewohner - die Küche betrat. Rührei kannte Alejandro natürlich, aber es gehörte nicht zum gängigen Speiseplan eines Medialen, war es doch je nach Zutaten geschmacksintensiver als es diese Gattung unter Silentium gewohnt war. Das nächste, ungewohnte Accessoire auf dem Tisch war ein schiefes, knallbuntes und augenscheinlich von Kinderhand gewebtes Platzdeckchen, auf welches ein aus filzartigem Stoff ausgeschnittener und ziemlich deformierter Wolf geklebt worden war. Dies war ein Geschenk an den bereits älteren Yuri gewesen, als dieser bei einen der Spieltreffen der Kinder mehrere pelzige Mitglieder des SnowDancer-Wölfe kennengelernt hatte. Kleine pelzige Mitglieder, wie ihm sein Mitbewohner ungewohnt verwirrt erklärte, als er das Deckchen mitten auf den Holztisch gelegt hatte. "Ein Geschenk … einfach so. Sie haben mich umarmt." Yuri war mit seinen siebenundvierzig Jahren einiges älter als Alejandro und tat sich offensichtlich mit den emotionalen Bekundungen der Wolfskinder noch schwerer, als jüngere Mitglieder der Garde, wie zum Beispiel Axl. Oder gar Zaira und Aden.
Gerade für die Älteren unter ihnen war der Übergang - der Fall von Silentium - schwierig - wenn nicht sogar unmöglich, aber wie jeder Gardist tat Yuri sein Bestes für die Garde und dazu gehörte auch, ihre Kinder zu beschützen, wenn sie mit jenen der Leoparden- oder Wolfsrudel spielten. Ihre Kinder und die Gestaltwandlerkinder, denn es bedurfte im Eifer des Spiels immer wieder der Schilde der Erwachsenen, wenn bei jungen Gardisten im Eifer der Gefühle die Kontrolle über ihre Mächte nachließ. Zaira hatte Alejandro erklärt, dass es aber wichtig sei, dass die Kinder spielen dürften, sich nicht eingesperrt fühlten, sondern Freude und Liebe erfuhren. Etwas, was von IHNEN keiner in seiner Kindheit erfahren hatte und was für viele von ihnen unvorstellbar gewesen war - bis sie sich an die Empathen gebunden hatten um diese zu schützen. Oder war es anders herum?

Alejandro nickte grüßend und ließ sich auf seinem Platz nieder. Empathen waren eine absolut selbstzerstörerische Art. Sie besaßen keinerlei Selbsterhaltungstrieb und verausgabten sich Tag für Tag um das Medialnet - ihrer aller Lebensgrundlage - davon abzuhalten zu kollabieren. Empathen mussten beschützt werden, denn sie schützten alle Medialen, nur eben sich selbst nicht. So hatte Zaira es ihm gesagt. Hatte ihm befohlen alle Empathen zu schützen. Genauso wie sie ihm befohlen hatte die kleinen Wölfe, Menschen, Leoparden und all die Kinder zu schützen. Niemals einem Kind etwas zu leide zu tun. Also tat er es. Schützte die Kinder vor ihren eigenen Kräften und denen ihrer Spielkameraden, welche ihrerseits von Gestaltwandlereltern immer daran erinnert wurden DEREN Kräfte nicht im Spiel einzusetzen, was speziell bedeutete: Kleine Katzen benutzen keine Krallen im Spiel!

"Tamar hat mir ein Buch über Essensbräuche in aller Welt geschenkt, als ich ihr erzählte, dass wir unsere Nahrung jetzt manchmal selbst zubereiten. Ich habe mit dem Gericht mit den wenigsten Zutaten angefangen." Selbst wenn seine Gefühle gerade nicht unter einer sicheren, festen Decke aus Silentium-Eis verborgen lägen, hätte Alejandro dennoch keine Unsicherheit in Axls Zügen lesen können. Der andere Gardist erwartete kein Lob, sondern schlicht eine neutrale Kritik für seinen Kochversuch, damit er es beim nächsten Mal optimieren konnte. Tatsächlich waren jedoch Mediale was die Kritik an Nahrung betraf nicht das perfekte Publikum, denn ihre Ansprüche rangierten irgendwo unterhalb des Gefrierpunktes. Für Alejandro sollte es Nahrhaft und zügig zu verspeisen sein. Fertig.
Außer wenn es Speiseeis betraf. Zaira hatte ihn in Venedig ab und an gefragt, welche Sorte er sich wünschte und dann war es wie mit dem Prisma - alles Sorten waren verlockend. Ja. Verlockend. Das sollte er nicht so sehen, sollte es nicht spüren, aber wenn Zaira es ihm anbot, war es gewiss nicht falsch. Es war nichts falsches daran eine Sorte mehr zu mögen als die andere - eine Farbe schöner zu finden als die andere … oder?
"Würzen die Menschen es nicht traditionell mit Pfeffer und Salz?" Yuri war auch in Venedig stationiert gewesen und mehr oder weniger häufig in engeren Kontakt mit Zivilisten und deren Umgangsformen gekommen. "Manche ja… " Meinte Axl und positionierte auf dem quietschbunten Platzdeckchen zwei schlichte, funktionelle Quader - der eine besaß oben ein einfaches Loch, der andere besaß drei und darauf war je ein S und ein P graviert. "… manche nehmen Speck dazu, Zwiebeln, Pilze, jede Art des Gemüses, Curry, Chili, Tomatensauce - mit und ohne Brot oder Kohlenhydrate jeder Form…" Axl klang, als rezitiere er das gelesene Buch und Yuri unterbrach ihn, indem er eine Hand hob. "Ich versuche es erst einmal so."
Als Alle dann saßen, wünschten sie sich - wie sie es bei so vielen Gelegenheiten inzwischen mit den Welpen und Leopardenjungen gelernt hatten - einen Guten Appetit und aßen dann schweigend ihr Mahl. Sich zu unterhalten fiel ihnen noch schwer und allen voran Alejandro. Er verstand den Zweck nicht. Wollte er Informationen weitergeben, dann tat er dies - zu reden, nur damit es nicht still wurde, war für ihn eine Zeitverschwendung, also teilte er sich still einen Brocken von der festen Eimasse ab und aß. Relativ geschmacksneutral, was der Gardist willkommen hieß und daher zügig aß, dazu den Energieshake trank und schließlich, als sein Teller leer war noch zwei Gläser Wasser hinterher um seinen Flüssigkeitshaushalt nach dem Training wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Bis auf den Ausrutscher im Parcours alles in allem ein effizienter Morgen – und selbst aus dem Ausrutscher hatte Alejandro etwas gelernt. Zaira konnte mit ihm zufrieden sein.

****
Die erste Hälfte des Vormittags verbrachte er als Aufsichtsperson im Kurs für Telekinese der fortgeschrittenen Jugendlichen. Zwar leitete er den Kurs nicht, aber da er selbst mit seinen 7,9 auf der Skala einen ausreichend hohen Wert erreichte, diente er als zusätzlicher Schutz bei den Übungseinheiten der einzelnen Zweierteams um die jungen Gardisten vor unnötig schlimmen Verletzungen zu schützen. Es war für ihn ein leichtes, die Kleinen in zusätzlichen Schilden zu halten, die Ausbrüche an Telekinese abzufangen, bevor diese weiche Körper oder harte Mauern zerschmetterten, ohne es zu dürfen. Aber im Vergleich zu den niederen Klassen brauchten sie ihn hier nicht wirklich viel, die Sechzehn- Siebzehnjährigen hier hatten mit ihrer Konditionierung bereits abgeschlossen gehabt bevor Silentium gefallen war und für sie war die Beherrschung weniger schwer, als das Zulassen der neuen … alten Gefühle.  
Alejandro korrigierte seinen Schild ein wenig in der Ausdehnung um die zwei Rekruten und nutzte die Ruhe der Handlung dazu sein Silentium fester über eben jene Gefühle zu legen, die erst vor einigen Wochen derart massiv in ihm ausgebrochen waren. Sorgfältig noch etwas Eis über das Brodeln in seinem Inneren platzierend versuchte er seine Gedanken fort von den Erinnerungen zu lenken, hin zu seiner Aufgabe. Leider war sein Verstand derart trainiert und präzise, dass er diese beiden Dinge gleichzeitig konnte - der ihm von Zaira gestellten Aufgabe nachkommen und die Erinnerung betrachten. Er sollte sie abdecken, in den Tiefen seiner mentalen Gewölbe vergraben und nie mehr daran denken. Schloss um Schloss davorhängen und ignorieren. Nur musste er feststellen, dass sein Silentium nach diesem letzten, massiven Ausbruch in Venedig und unter all den Gefühlen, welche im Medialnet und auch hier im Stützpunkt immer freier kursierten, schwieriger wurde aufrecht zu erhalten. Er sah die Gefühle, war darauf trainiert worden Gefühle zu erkennen, damit er sie vermeiden konnte, damit er sie ausmerzen konnte, damit er jene Medialen auslöschen konnte, welche den Gefühlen nachgaben. So war er ausgebildet worden, so war er konditioniert worden und so hätte er auch seinen Dienst verrichtet, wenn nicht … wenn nicht… Alejandro hob eine Hand und rieb den Ballen an seiner Schläfe, jedoch ohne seine Schutzbefohlenen aus den Augen zu lassen.
Die M-Medialen sagten, sein Gehirn sei blockiert. Dies hatten sie Ming gesagt und auch Aden bestätigt, als dieser regelmäßig seinen mentalen Status überprüfen ließ. Es war den M-Medialen nicht wirklich möglich IN seinen Geist zu dringen, dafür waren seine Schilde zu massiv und zu perfekt, aber unter dem Befehl Zairas konnte er die äußerte Schicht senken und seine äußerliche Stabilität testen lassen. Blockiert, keiner eigenen Entscheidungen mehr fähig. Sagten die M-Medialen.
Ming hatte ihnen allen Jax gegeben um sie gefügig zu machen. Gerade bei ihm hatte Ming großen Wert darauf gelegt ihn gefügig zu machen - immerhin war er ein TK-Medialer mit der Fähigkeit zur Teleportation. War er gewesen. Nicht wie Vasic, der ein TK-R war, ein Reisender, dem die Teleportation so einfach fiel wie das Atmen, aber er war stark und seine Teleportation war weit und zuverlässig gewesen. Bis ihm Jax wiederfahren war. Soweit er den Berichten entnehmen konnte, die er aus dieser Zeit über sich gelesen hatte, war er zunächst wirklich gefügiger gewesen, bis seine Teleportation versagt hatte. Zu diesem Zeitpunkt war seine Kraft auf der Skala abgesunken auf die jetzigen messbaren 7,9 und seine Konzentration zersplitterte. Nein. Das war nicht richtig. Es war nicht seine Konzentration gewesen… es war nicht allein das Jax gewesen…

Noch einmal rieb er sich die Schläfe und schob die Erinnerung wieder soweit fort es eben ging und richtete seine Konzentration zu hundert Prozent auf die Kinder und stellte fest, dass die Übung beendet worden war und gleichzeitig die Unterrichtsstunde. Gerade erhielten die Schüler ihre Hausaufgaben für die nächste Stunde, dann verabschiedeten sie sich von ihrem Lehrer, kamen dann bei Alejandro vorbei und bedankten sich bei ihm, für seine Unterstützung. Arsham, ein hoch aufgeschossener Siebzehnjähriger streckte sogar die Hand aus und berührte Alejandro am Arm. Der Gardist reagierte nicht auf den Körperkontakt, welcher anscheinend ein Zeichen des bröckelnden Silentiums war, aber er nickte. Zaira hatte ihm erklärt, dass die Kinder mehr Körperkontakt brauchen und auch einfordern würden und dass es die Aufgabe der Erwachsenen war, ihnen dies zu geben. Sofern es ihnen möglich war.

Sofern.

Das Prisma kippend fielen die sich auffächernden Farben auf seine Brust hinab und er glaubte fast, jede einzelne Nuance spüren zu können. Brennendes Rot, welches in warmes Orange überging und auf Höhe seines Brustbeins leuchtend gelb wurde. Gerade war das Gelb die Farbe der Mittagssonne, welche über ihn hinweg zog und sich dann in heilendes Grün auf seiner Schulter wandelte. Heilend - wie die Menschen in der Farblehre festgelegt hatten. Aus seiner jetzigen Position heraus konnte er das helle Blau nicht sehen, welches über seine Wange hinweg zum dunklen Schatten wurde, um an seiner Schläfe Violett zu strahlen. Er brauchte die Farben jedoch nicht mit seinen Augen zu sehen, um sie zu kennen. Er … konnte in der Betrachtung dieser Farben versinken, genauso wie in dem Geschmack einer neuen Eis Sorte. Dinge, die es früher in seinem Leben nie gegeben hatte. Dinge, die ihn früher nicht interessiert hatten. Aber seit sein damals Gardisten-perfektes Silentium durch Ming aufgebrochen worden war, hatte er nie wieder zu jener Distanz zurückkehren können. Er war immer noch ein tödlicher Killer, wenn man ihn dafür eingesetzt hatte aber er war nicht mehr für Ming zu gebrauchen gewesen und sollte - aussortiert werden. Es war Aden zu verdanken, dass er nur in Venedig hatte untertauchen müssen, den Radar des Rates verlassen statt zu sterben. Aber dies alles nur unter Zairas Aufsicht. Unter ihren Anweisungen und Befehlen, welche seinem Leben Rahmen gaben seit … seit ihm Ming wiederfahren war.  Bis sich dessen mentale Spinnenbeine durch sein Silentium gegraben hatten, während das Jax ihn äußerlich apathisch und augenscheinlich gefügig gemacht hatte. Bis Ming…

Wie fest er das Prisma umklammerte, fiel ihm erst auf, als sich dessen scharfe Kanten in seine Handfläche bohrten und der sachte Schmerz willkommen durch seine Erinnerung grätschte um ihn zu wecken. Oder eher waren es die leichten Schritte trotz der stabilen Stiefel, die Alejandro hörte und sein Denken auf den inzwischen schattigen Platz im Tal der Gardisten zurückbrachte. Schattig. Hm.
"Alejandro." Zaira berührte ihn nicht, sondern ließ sich nur mit überkreuzten Beinen neben ihm nieder, den Blick in die gleiche Richtung gelenkt und nicht in seine Augen - wofür er dankbar war. Bei ihr brauchte er nicht antworten.
Ruhiger Hand ließ er das Prisma in den Samtbeutel gleiten, zog dessen geflochtene Kordel zusammen und strich dann mit dem Daumen über den weichen Stoff, bevor er ihn in seine Tasche steckte und den Kopf etwas in Zairas Richtung lehnte, seine Frage nach ihrer Anwesenheit damit andeutend. Zaira war niemand der plauderte - nun ja, vielleicht war sie es doch, wenn sie mit Aden allein war, oder bei Ivy der Empathin, oder wie er gehört hatte bei Miane, dem Alphatier der Wassergestaltwandler. Aber nicht bei ihm, denn Alejandro war niemand der plauderte. Sie erwartete nicht von ihm etwas zu tun, was er nicht konnte - natürlich könnte SIE es von ihm verlangen, könnte seine Bindung an sie nutzen um ihn ALLES tun zu lassen. Auch ein Kaffeekränzchen mit dreijährigen Mädchen zu halten und er würde es tun ohne mit der Wimper zu zucken. Oder einen Auftragsmord begehen.
"Morgen haben wir eine größere Spielgruppe von Kindern zu beaufsichtigen und ich brauche noch eine Aufsichtsperson."
Also wohl doch Kaffeekränzchen? Da hätte ihm der Auftragsmord mehr gelegen.
"Trag es in meinen Terminplan ein und schick mir die Informationen, die ich benötige."
Als könnte seine Stimme keine andere Färbung als die klare Neutralität von Silentium mit sich tragen nickte er noch einmal ohne sie anzusehen und erwartete, dass sie wieder gehen würde, wie sie es immer tat.
"Wie geht es dir, Alejandro?" Unvermittelt und unerwartet kam ihre Frage nach seinem Befinden und so wandte er kurz den Kopf um ihren blauen Augen zu begegnen.
"Es liegt eine leichtgradige Prellung meiner mittleren Rippen an der linken Seite vor, aber dies behindert weder meine Beweglichkeit noch meine Aufmerksamkeit. Ich bin zu hundert Prozent einsatzfähig." Er wusste, dass emotionale Gattungen die Frage nach dem Wohlbefinden als regulären Einstieg in eine oberflächliche Unterhaltung ansahen und vielleicht übte Zaira gerade ihre alltäglichen Umgangsformen, nur war er hierfür bekanntermaßen der falsche Übungspartner. Aber vermutlich wollte sie nur sichergehen, dass er kein Risiko für ihren Einsatz am nächsten Tag sein würde, da der Garde der Kontakt zu den Gestaltwandlerrudeln sehr wichtig war. Wie anspruchsvoll konnte es schon sein auf eine kleine Schar Kinder aufzupassen? Er tat dies in den Trainingseinheiten hier, seit sie in dieses Tal gezogen worden waren und hatte noch nie Probleme damit gehabt.
Nur einen Moment huschte Zairas Blick zu seinen Rippen, richtete sich dann aber wieder auf sein Gesicht. "Im Training?" Da sie seine Tagesroutine kannte und als einzige seinen Dienstplan erstellte, konnte sie sich ausrechnen, wie es zu einer Verletzung seinerseits gekommen sein könnte.
"Ich habe die Haftung an Parcourspunkt zweiunddreißig überschätzt."
"Hm - das ist eine gute Idee. Halbdunkel und Nässe auf dem Parcours ohne Vorwarnung."
Die Beine verschränkend verlagerte sie ihr Gewicht nach vorne und erhob sich in einer Geschmeidigen Bewegung. "Vasic holt dich morgen um dreizehnhundert ab. "
Überflüssige Konversation, denn es würde in ihrer Nachricht stehen. Ob dies ein Zeichen dafür war, dass Zaira sich an die emotionalen Rassen adaptierte? Belanglose Konversation?
Er erinnerte sich, dass er vor seiner Zeit von Jax Unterhaltungen mit seinen Kameraden geführt hatte, welche mehr Zweck besaßen, als nur der Informationsweitergabe – aber da war nur das Wissen um die Tatsache, nicht mehr die Erinnerung daran, wie es sich … angefühlt hatte.
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