Der Einsiedler

KurzgeschichteFreundschaft, Tragödie / P16
13.01.2018
03.02.2018
3
8515
5
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Das Licht schmerzte, fraß sich tief in ihn hinein und verzehrte ihn. Unsäglicher Schmerz, der nicht enden wollte. Er wollte schreien, aber das göttliche Licht füllte seine Kehle. Es durchdrang ihn, zerriss ihn, bis es ihn in einer tosenden Woge verschlang. Er gab auf. Es war sinnlos, dagegen anzukämpfen. So sollte es denn enden, hier und jetzt, aber das Licht weigerte sich, ihn in die Endlichkeit ziehen zu lassen.



Ein schmaler Grat war es auf dem er stand, zu schmal um sich umzudrehen und zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Dieser dunkle, blutgetränkte Punkt an den er nicht zurückkehren wollte und der doch näher zu kommen schien, vor dem er nicht fliehen konnte.
Ein schmaler Grat, auf dessen rechter und linker Seite der Absturz in sämtliche Höllen auf ihn wartete, der Wahnsinn und mehr als nur der Tod.
Vor ihm sollte das Licht der Erlösung liegen, Friede, vielleicht Hoffnung und jeder Schritt in diese Richtung, die einzige in die er wollte, erwies sich als unendliche Mühsal, als Qual. Nach all dieser Zeit war ihm, als könne er kaum mehr auf zwei Beinen laufen. Nicht nur geschwächte Muskeln waren der Grund dafür, vielmehr vermochte er sich nur noch unter Schmerz daran erinnern, wie es funktionierte. Und so schmerzte jeder Schritt auf dem schmalen Grat, auf dem er in eine fragliche Sicherheit und eine Zukunft, die vielleicht auch für ihn Schönes bereithielt, voran trat.
Seine Gedanken schweiften ab, als der Wind, der unablässig durch die weißen Schluchten der Hebra – Berge pfiff, wie zornig an den verschlossenen Fensterläden rüttelte.
Im Kamin loderte ein Feuer und das Knistern der Flammen vermischte sich mit dem Geräusch des raschelnden Schnees, der sich erst in den Sommermonaten auf die Gipfel und Bergflanken zurückzog.
Er dachte an die Schneeflocken. Kalt und weiß, und doch war eine jede von einzigartiger Schönheit, die er nie sah und zu begreifen vermochte. Manchmal, in den späten Nachtstunden, wenn sich das schillernde Nordlicht erhob und die Flocken wie magisch illuminierte, konnte er beinahe verstehen, was die Hylianer, die in den winzigen Waldsiedlungen lebten so wunderschön an diesen Schauspielen der Natur empfanden.
Er hätte die Möglichkeit sie zu fragen, konnte, so er wollte, mit ihnen darüber sprechen, aber er wollte nicht.
Zurückgezogen in der Einsamkeit wollte er warten. Worauf? Das wusste er nicht. Wie lange? Auch das konnte er nicht erahnen. Seine übermüdeten Lider wollten sich über trübe Augen senken, hin zu einem unruhigen Schlaf der ihn zurück auf den schmalen Grat brächte, zurück zu einem Weg von dem kein anderer abzweigte. Ein Weg, den er nie mehr gehen wollte. Einst war er ein Gott unter Sterblichen gewesen, vor mehr als nur einer Ewigkeit. Zeitspannen, die kein lebender Geist zu begreifen vermochte. Er war der Strahl der Dunkelheit, der das Licht zerschnitt. Die Dunkelheit war sein Heim. Mehr als das. Er war die Finsternis, war Nacht. Seit Urzeiten und unzählbaren Dekaden.
Wo er wandelte herrschte Dunkelheit, sie folgte ihm und schritt ihm voraus. Er war der unheilige Geist, der den Lebenden den Schlaf raubte, der sie sich angstvoll umblicken ließ, wann immer die wandernden Schatten an Größe gewannen. Deshalb gehörte er an diesen fernen Platz. Ein Ort, an dem die Nächte die Tage an Länge überflügelten. Ein stiller Ort, an dem das einzige Geräusch sein Atmen war und das bedeutungslose Rascheln der Schneeflocken, deren schiere Masse auf das Dach drückte.

Einmal nur wollte er das Licht sehen, es so sehen, wie die Hylianer es taten. Einmal nur, und alles gäbe er dafür. Nur besaß er in dieser Einöde nichts von Wert das er dagegen hätte eintauschen können. Das einzige was ihm blieb, war sein leeres Leben.
Es war genug. Es sollte aufhören. War es das, worauf er wartete? Dass es endlich aufhörte? Dass der Schmerz in seiner Brust schwand, auf dass er frei atmen konnte? Ja, vielleicht.
Müde lehnte er sich in seinem ledernen Sessel zurück, drückte seinen schweren Kopf gegen die dicken Polster und zog sich die Wolldecke fester gegen den Körper. Sein Blick ruhte auf den Flammen und der grauen Asche, den Scheiten in die das Feuer Risse fraß und eine weißliche Schicht zurückließ.
Hinter dem Geräusch des heulenden Windes hörte er ein tiefes Poltern und darauf ein zaghaftes Klopfen. So zart, dass er glaubte, es sich eingebildet zu haben. Wer sollte denn auch an seine Tür klopfen? Doch er irrte. Denn das Klopfen wurde schneller und drängender.
Er erhob sich von seinem Ruheplatz und zog die schwere Tür auf. Im dichten Schneegestöber erkannte er zwei Kaiserbären mit riesigen erhobenen Pranken, und vor seinen Füßen ein kleines Mädchen, ein zartes Wesen aus der Wirklichkeit jenseits des selbst erschaffenen düsteren Schleiers, in den er sich hüllte. Ein Mädchen, dessen rotblonder Haarschopf ihm nur eine Handbreit über das Knie ragte. Ihr Haar war nass, voller gefrorener Kristalle, ihr silbergraues Mäntelchen zerrissen, ihre Wangen verschmutzt und zerkratzt. Mit zitternden Lippen bat sie schluchzend um Einlass. Vor den Bären sei sie geflohen und fast alles, was sie im Wald sammelte, sei verloren gegangen. Barsch wollte er sie abweisen und zog stattdessen die Tür weiter auf. „Tritt ein, Kind.“




Als die schnellen Schatten der beginnenden Abenddämmerung ihr Sichtfeld streiften, blickte Helvi überrascht auf. Sie konnte nicht glauben, dass bereits so viel Zeit vergangen war, seit sie von der kleinen Hütte ihres Vaters am Fuß des Hebra- Gipfels aufbrach. Sie nagte an ihrer Unterlippe. Gewiss war ihr Herr Vater bereits daheim und wartete mit Schelte auf sie. Er mochte es nicht, wenn sie zu viel ihrer Zeit in den verschneiten Wäldern verbrachte.
Es sei zu gefährlich und für gewöhnlich war das auch die Wahrheit. Unbedachte Wanderer mochten sich rasch verirren, in Schneeverwehungen geraten, oder den wilden Tieren begegnen, von denen nicht alle vor Furcht die Flucht ergriffen.
Mit einem kindlichen Seufzer wollte Helvi sich von ihrem Pfad abwenden und betrachtete ihre Ausbeute an Pilzen und Wildbeeren, die sie in einem Weidenkörbchen am Arm trug.
Hinter einem niedrigen Bergkamm, umrahmt von schneebeladenen Tannen, stieg grauer Rauch in den frühabendlichen Himmel. Der Anblick ließ das Mädchen stutzen, denn in dieser Gegend lebte weder jemand, noch gab es eine Schutzhütte, in der ein Wanderer Zuflucht vor Nacht und Kälte suchen konnte.
Von ihrer unbändigen Neugier getrieben, erklomm sie den Gipfel, der diesem Namen eigentlich spottete, und blickte von oben hinab. Dort stand eine Hütte, ganz passabel gezimmert, mit einem unerwartet schön geformten Dach und einem vollgepackten Holzlager, aber ihr gänzlich unbekannt.
Wer mochte dort leben? Niemand zog sich doch freiwillig in diese Einsamkeit zurück, wenn es weiter unten ein schönes Dorf gab, das, seitdem die Verheerung vor zehn Jahren besiegt worden war, blühte und gedieh.

Von der anderen Seite des Tales, dort, wo sie mit Mühe die hohen Zinnen und den Turm der Kathedrale von Hyrule – Stadt sehen konnte, trug der Wind das Echo der schweren Glocken mit sich, die die volle Stunde verkündeten.
Helvi raffte ihr Kleid und zog den Wintermantel fest um ihre Schultern, doch als sie sich von der Hütte abwenden wollte, sah sie zwei Kaiserbären, die sich ihr durch den Schnee leise näherten und sich auf die Hinterbeine aufrichteten, als sie bemerkten, dass ihre Beute ihrer gewahr geworden war.
Der Boden erzitterte, als die Tiere sich fallen ließen und ihr mit drohendem Gebrüll entgegen stürmten. Schneefall setzte ein. Schneller und stärker als jemals in ihrer Erinnerung.
Helvi wandte sich in die einzige Richtung, in der es für sie Rettung geben konnte: zu der unbekannten Hütte. Eine der riesigen Pranken zerfetzte ihren Mantel. Helvi riss den Mund auf als wolle sie schreien, während sie kopfüber in den Schnee stürzte. Der Henkel des Weidenkörbchens drückte sich tief in ihren Bauch und der Schmerz ließ tiefe Übelkeit in ihr aufsteigen. So schnell als möglich rappelte sie sich wieder auf, den fauligen Atem eines Bären bereits im Nacken spürend. Tödliche Kiefer schlugen dröhnend aufeinander.
Ein Stück ihres Kleides wurde abgerissen und Helvi nutze aus, dass der Bär es zerkaute. Ehe er bemerkte, dass er kein Fleisch zwischen seine Fänge bekommen hatte, stolperte Helvi geradewegs zur Tür, riss sich an Ästen und Zweigen, und dann erreichten ihre vorgestreckten Hände die Tür und schlugen in einem erst leichten, dann zunehmend wilden, verzweifelten Rhythmus dagegen.
Ewigkeiten schienen zu vergehen, bevor ihr geöffnet wurde und eine tiefe, grausame Stimme sie bat, einzutreten.
Ohne ein weiteres Wort setzte sich der Mann der sie einließ, zurück auf seinen Sessel und schien sie im nächsten Augenblick schon wieder vergessen zu haben.
Für Helvi war es, als lebte der Mann in seiner eigenen kleinen Welt, die seinen Geist nicht verließ.

Unschlüssig blieb sie hinter der Tür stehen. Wenigstens danken sollte sie ihrem grimmigen Retter, weshalb sie vorsichtig zu ihm trat. Als sie vor ihm stand, blickte er sie unverwandt aus gelblichen Augen an. Alles in ihr erschauderte. Der Mann war ein Hüne, mit breiten Schultern und dem verblichenen Hauch eines gewissen Adels in der Haltung. Doch seine Kleidung war zerschlissen, kaum mehr als Lumpen die notdürftig zusammengeflickt worden waren. Sein Gesicht war kantig und rau, geprägt von einer großen Nase und dicken roten Augenbrauen. Ein Rot, das auch seine Haare zeigen sollten, aber die einst wohl prachtvolle Mähne hing schlaff und schmierig herab. Sein Blick war leer. Sie erkannte einen Mann, dessen breiter Brust gewiss kein wohlmeinendes, jedoch ein zerschlagenes Herz innewohnte.
Der Mann war gebrochen und vielleicht wäre es besser, sie würde wieder gehen. Doch was, wenn die Bären noch immer vor der Tür lauerten?
„Danke“, sagte sie stattdessen. „Danke, dass Ihr mir Einlass gewährtet. Mein Name ist Helvi. Wie lautet der Eure?“
Zunächst schien es, als hätte er sie nicht gehört oder verstanden, doch dann hob er den Blick.
„Meinen Namen willst du wissen, kleines Mädchen?“ Er lachte kalt und erhob sich. „Ich kümmere mich um die Bären, damit du nachhause gehen kannst, und anschließend wirst du nie wieder hierher kommen oder  mich nach meinem Namen fragen.“
Er trat aus der Hütte und ließ Helvi verwundert und verängstigt zurück. Wie wollte er sich denn unbewaffnet den Bären stellen?
Aber es dauerte nur wenige Augenblicke bis er zurückkehrte und auffordernd die Türe offenließ.
„Geh“, sagte er mit Nachdruck und Helvi huschte an ihm vorbei in die Dämmerung. Wie ein Menetekel fiel die Tür ins Schloss, ein Geräusch, welches sie schlimmer frösteln ließ als die Kälte, die durch ihre zerrissene Kleidung fuhr.
Helvi wollte keinen weiteren Gedanken an diesen Mann verschwenden und begab sich ins Tal zurück. Sie folgte den Spuren der Bären, in der Hoffnung, rasch etwas von den Kadavern mitnehmen zu können, bevor der Mann seine Beute holte.
Doch sie konnte nichts finden. An der Weite der Schritte erkannte sie, dass die Bären sehr schnell gelaufen waren, bis sie zu einer Stelle kam, an der die Spuren abrupt verschwanden. Von breiten Füßen war der Schnee hier kreisrund plattgetreten worden, aber von den Bären war nicht ein Haar übriggeblieben, ganz so, als hätten sie sich in Luft aufgelöst.
Wer mochte dieser Fremde sein, der selbst Bären zur Flucht trieb? Angstvoll schüttelte sie sich und lief rasch ins Dorf zurück.

Spätnachts lag sie im Bett in ihrer kleinen Kammer unter dem Dach ihres bescheidenen Hauses. Unten hörte sie ihren Vater mit Geschirr hantieren. Er hatte sie nicht geschimpft, nachdem er sah, in welchem Zustand sein kleines Mädchen heimgekehrt war. Auch über die fehlenden Pilze und Waldbeeren verlor er kein Wort. Dann würden sie eben morgen erneut auf die Suche nach Essbarem gehen müssen. Selbst wenn so gut wie jeder im Dorf von dem bescheidenen Wohlstand profitierte, so waren die Angebote auf dem örtlichen Wochenmarkt, von hylianischen Händlern aus den wärmeren Regionen angepriesen, des Winters teils zu teuer. Nicht teuer im Sinne von unerschwinglich, doch sollte man sich in den besonders eisigen Monaten fragen, ob man  Durianfrüchte und Bananen aus Phirone unbedingt benötigte. Der Wald gab ausreichend Nahrung her, und Helvi ließ ein scheues Lachen hören, denn es wäre mehr, würde ihr Herr Vater ein besserer Jäger sein. Womöglich liefe dann auch sein hingebungsvolles Projekt „Gerberei“ besser und er müsste nicht stundenlang am glühenden Schmiedeofen ausharren und den Blasebalg bedienen.
Die Tür zu ihrem Kämmerlein wurde behutsam aufgeschoben und eine flackernde Kerze warf einen ausgefransten Lichtkegel auf den rötlichbraunen Dielenboden.
Helvi stellte sich schlafend und ihr Vater lächelte liebevoll, ehe er die Tür wieder zuzog. Sie hörte, wie er die Stufen ins Döns und zu seinem Alkoven hinabstieg, und schließlich wurde es still in ihrem kleinen Haus.
Von ihrem Bett hatte Helvi freien Blick durch das winzige Fenster und in den klaren Nachthimmel. Wenn sie die Sterne betrachtete, wie sie funkelten und glitzernden wie das Diadem der Prinzessin, da fragte sie sich, wie es wohl war, im Schloss zu leben. Wie mochte es sein, von Dienstmägden, Zofen und Dienern umgeben zu sein, die einem jeden Wunsch erfüllten, egal zu welcher Tag - und Nachtzeit?
Sie missgönnte es der Prinzessin nicht in Wohlstand zu leben, denn ihr Vater erzählte ihr von der großen Verheerung und vom schweren Kampf der Prinzessin und des Mannes der an ihrer Seite war und, glaubte man dem Gerede am Dorfbrunnen, noch in diesem Monat der neue König werden würde. Königin Zelda und König Link, dachte sie. Das gefiel ihr. Vielleicht würden sie ja zu den Zeremonien in die Stadt gehen können.
Aber dann wanderten ihre allmählich schläfrig werdenden Gedanken zurück zu dem einsamen Mann in den Bergen.
Wäre der gewaschen und etwas besser genährt, würde er durchaus zu jenen Männern gehören, an denen ihr Vater Gefallen fand.
Doch nicht dieser Gedanke beschäftigte sie. Sie wollte wissen, warum er sich dort oben vergrub, fernab von jedwedem zivilisiertem Leben. Und wieso war er so traurig? Obwohl „Trauer“ es nur indirekt traf. Da war etwas tief in ihm, ein alter unstillbarer Schmerz, dem er nicht länger etwas entgegensetzen konnte.
Sie wollte erneut zu ihm gehen. Ihr eigener sonniger Geist sagte ihr, dass es auch für ihn Hoffnung in der Einsamkeit geben musste.