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The Prince of silver fountains (2)

GeschichteFantasy, Suspense / P18 / Gen
Fili Kili Legolas OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2018
01.04.2021
96
443.675
63
Alle Kapitel
203 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
21.03.2021 3.873
 
Hey zusammen :)

Ich habe erst einmal all eure lieben Revis beantwortet - vielen Dank dafür :)
Die Nachtschichten sind rum, weshalb das neue Kapitel zu humaneren Zeiten kommt ^^
Und es geht gen Ende. Noch zwei Kapitel + Danksagung und wir werden uns in einem neuen Berg mit neuen Problemen wiederfinden ;)

Ich wünsche euch jetzt viel Spaß beim Schmökern,
CasseyCass *-*

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Tess
Ich summte leise vor mich hin, während ich die frisch gewaschenen Klamotten zusammenlegte und in die Reisetruhe legte. Morgen Abend würde ich die Nacht woanders verbringen. Wahnsinn. Endlich raus aus diesem Berg. Weg von all den Problemen, die hier lauerten. Ich konnte es kaum erwarten mit Kili die nächsten Wochen zu verbringen. Wie die Blauen Berge wohl waren? Luftiger und offener hatte Kili gesagt. Tja, das war nicht schwer. Niko gähnte in seinem Körbchen und ich sah lächelnd zu im. Ich war gerade von einem kleinen Spaziergang mit ihm zurückgekehrt. Der Kleine würde hier bleiben, wohl behütet von Judy, und damit er mich nicht komplett vergaß, war ich mit ihm rausgegangen. Aber Niko war schlichtweg zu klein, als mehrere Wochen auf meinem Schoß durch die Gegend zu galoppieren. Er wäre bei Judy in guten Händen. Der ging es mittlerweile wieder etwas besser. Selbst Cains Abreise hatte ihr nur dezent zugesetzt. Letztens hatte ich sie sogar summen gehört, was sie seit… sehr langer Zeit nicht mehr getan hatte. Ich war mir bloß unschlüssig, ob sie sich nur zusammenriss oder das alles nicht nur gespielt war, damit Cain, ich und Kili und dann schließlich Fili, in Ruhe abreisen konnten…

“Der letzte Arbeitstag wurde gemeistert!” Kili kam ins Zimmer gerasselt und warf seinen dreckigen Überwurf auf den Stuhl. Seit unsere Abreise immer näher rückte, wurde er zusehends entspannter. Niko bellte erfreut auf, weigerte sich jedoch seine gemütliche Position im Körbchen aufzugeben, weshalb Kili ihn dort zur Begrüßung kurz am Bauch kraulte. Dann kam er zu mir und schlang die dreckigen Arme um mich, bevor er mir einen Kuss auf die Wange gab. “Hallo, mein Liebling”, flüsterte Kili. “Hey-”, gab ich lächelnd zurück. “Wie war dein Tag?” “Gut. Sehr gut. Und deiner?” “Ja, ebenfalls gut. Es war recht ruhig und ich bin in Bereitschaft gegangen. Wir müssen schließlich noch jede Menge packen-” Kili ließ mich los und begann sich aus der dreckigen Wäsche zu schälen. “Die Blauen Berge haben alles, was wir brauchen, Tess”, sagte er. “Nimm bitte nur das Nötigste mit-” Seine Augen blieben vielsagend auf der Truhe liegen. “Aber…” Ich redete nicht weiter. Irgendwie wurde mir gerade klar, dass ich mich echt zu einer Lady gemausert hatte. Mein Schrank quoll über von Kleidern, ich hatte bestimmt fünf Paar Schuhe, ganz zu schweigen von meinem Schmuckkästchen. Und nun war ich richtig kleinlich, was mein Gepäck anging.

“Ich bin sehr verwöhnt geworden, was?”, fragte ich. “Ghivashel, du bist meine Frau, die bekommt nun mal alles, was sie will-” “Ja, aber das heißt nicht, dass ich alles auch brauche.” Kili knöpfte sich den Wams auf und riss die Tunika von seinem Oberkörper. “Dann sortier aus. Ich wette Judy kann was damit bei Projekt Circe anfangen.” Hm. Das wäre eine Überlegung wert. Je nachdem welche Leute dort eintrafen, brauchte sie vielleicht frische Kleider. Und mit dem Schmuck könnte sie etwas zu essen einkaufen oder neues Schulmaterial. “Das ist eine gute Idee”, nickte ich und grinste Kili dankbar zu. Ich bekam ein Zwinkern geschenkt. “Ich dusche schnell. Essen wir mit den anderen?” “Denke, oder nicht? Schließlich sind wir morgen schon fort.” “Guter Einwand.” “KilI!” Ich deutete auf den Stapel Dreckwäsche, den er vorm Bett hinterlassen hatte. “Du weißt wohin.” Er rollte die Augen, sammelte jedoch die Wäsche ein. “Bitt’schön, Mylady.” “Danke, der Herr.” Aber die Zofe sollte nicht noch die Dreckwäsche suchen müssen. Dafür hatten wir doch den Wäschepuff drüben stehen. Ich begann die Kleider wieder aus der Reisekiste zu holen. Das war sowieso eine blöde Idee gewesen. Man hätte sie uns hinterhergeschickt, aber es wäre doch viel praktischer, wenn wir ein paar Ersatzklamotten einfach in unsere Reittaschen pressen würden.

Während im Bad das Wasser ertönte, sortierte ich hin und her. Ein paar meiner Kleider waren neu, ein paar andere hatte Kili mir geschenkt. Die würde ich nicht hergeben, obwohl das eine bereits auseinanderfiel. Es war das erste Kleid überhaupt gewesen, was er mir besorgt hatte. Er hatte damals gemeint, es wäre ein Danke dafür, dass ich ihn geheilt hatte. Ob es mir noch passte? Ich hatte es sicher seit einem Jahr nicht mehr getragen. Ich warf meine Hose und mein Top fort und schlüpfte in den blauen Baumwollstoff. Mehr als Baumwollkleider hatten wir damals nicht gehabt, so kurz nach dem Krieg. Doch Kili hatte es irgendwie geschafft mir ein Kleid zu besorgen, dass nur aus zwei Stofffetzen bestanden hatte, die auch noch so zusammengenäht worden waren, dass es beinahe kunstvoll wirkte. Ich lächelte etwas. Ein bisschen zu eng unter der Brust, doch davon abgesehen. Ich lachte, als ich den Fleck am Saum sah, wo Oin bei einem Treffen seine Pfeife hatte drauf fallen lassen. An dem Kleid hingen so viele Erinnerungen… Ich drehte mich vor dem Spiegel hin und her. Schwenkte den Saum und blickte zu Niko, der meine affigen Bewegungen mit einem seiner “Was-macht-die-Irre-nu’-schon-wieder”-Blicke bedachte.

“Tess, ist mein Haarwasser schon wieder leer oder-” Kili brach ab, als er mich in dem Kleid sah. Mit nur einem Handtuch um den Hüften schob er sich aus dem Bad. Ich grinste ihn im Spiegel an. “Erkennst du es?”, fragte ich. “Das habe ich dir geschenkt”, sagte er und räusperte sich, weil seine Stimme belegt war. “Es war mein erstes Kleid überhaupt”, nickte ich. “Und es passt noch fast genauso gut. Ich habe etwas zugenommen, aber ansonsten-” “Es sieht toll aus. Ich habe mich damals hundsmiserabel gefühlt.” “Wieso das?” Ich drehte mich um. “Weil du mein Leben gerettet hattest und ich dir als Danke nur diesen Fetzen anbieten konnte.” Kili schüttelte den Kopf. “Ich schäme mich bis heute.” Ich seufzte. Zwerge und ihr Ehrgefühl. “Ich habe es geliebt, Chaoszwerg”, erwiderte ich vielsagend. “Es war mein erstes Kleid, ich hatte das Gefühl endlich angekommen zu sein. Und du warst so schüchtern, wie du es mir gegeben hast…” “Von wegen schüchtern”, brummte Kili, doch seine Wangen wurden etwas Rot. “Das hat mich echt Nerven gekostet. Du warst sowas wie eine Berühmtheit hier im Berg geworden, während ich halb tot herumgelegen hatte. Man kam nie an dich ran, weil du immer von dutzenden Zwergen umgeben warst. Als ich dir das Kleid gegeben habe, hoffte ich sogar für einen kurzen Augenblick, du wärst nicht im Zimmer-”

Das war ein Geständnis. Der sonst so draufgängerische Chaoszwerg, der mich mehr als nur einmal wegen meiner Schüchternheit aufgezogen hatte, hatte vor mir Respekt gehabt. Fast schon Furcht. Ich lächelte etwas. Das war irgendwie süß. “Du bist niedlich, wenn du Rot bist”, neckte ich. “Haha.” “Nein, ich meine das Ernst. Ich kenne dich nur als Chaoten und als Draufgänger, ich finde es beruhigend, dass du auch verletzliche Seiten hast.” Kili legte überrascht den Kopf schief, dass eine seiner Haarsträhnen ihn übers Gesicht fiel. “Dachtest du, die hätte ich nicht?” Tja. Wenn man verletzlich reagierte, zeigte das doch nur, dass einem etwas wichtig war, richtig? Nahm ich an, dass Kili nichts wichtig genug war, um verletzlich zu reagieren? Nein, eigentlich nicht. Also wieso hatte ich dann angenommen, dass er bloß chaotisch oder tough war? “Ich dachte”, sagte ich vorsichtig, “dass du Verletzlichkeit eher überspielen würdest.” Ja, das passte so in etwa. “Tja…” Kili raufte kurz die Stirn. “Um ehrlich zu sein, war ich bei dir nie etwas anderes als verletzlich-” “Du lügst.” “Nein. Nein, ehrlich, Tess, du… ich wusste nie, was ich tat, wenn ich in deiner Nähe war. Schätze, das habe ich wirklich überspielt. Und jetzt… Nun ich denke, jetzt machst du mich verletzlich, weil du mir so viel bedeutest.”

Ja, das hatte ich gewusst. Judy hatte mir erzählt, wie er drauf gewesen war, als ich nach dem Aufstand ohnmächtig geworden war. Er hatte wohl richtig Angst um mich gehabt und tagelang mein Bett nicht verlassen. Ich ging auf ihn zu und legte die Hände an sein hübsches Gesicht. Fuhr über seinen Bart und mit dem Daumen über die Lippen. Er hob die Hand und griff nach meiner Rechten, um ihr einen Kuss aufzudrücken. Dann näherte sein Gesicht meinem und ich spürte den Kuss nun auch auf dem Mund. Vorsichtig zog Kili mich näher an sich heran und ich fuhr ihm in den Nacken, bevor er auf die Idee käme, den Kuss zu beenden. Ich spürte seine Zuneigung in jedem Augenblick, den wir zusammen verbrachten. Wenn er mich ansah, wenn er mit mir sprach, wenn er neben mir schlief, wenn er mich berührte. Jedes Mal. Ich zweifelte keine Sekunde an ihm. “Ich mag deine verletzliche Seite”, flüsterte ich schließlich. “Egal ob du sie überspielst oder nicht.” “Naja, so oft überspiele ich sie nun auch nicht-” Ich grinste und zupfte an seinen Nackenhaaren. “Jaja, du mich auch. Dein Haarwasser steht übrigens im Regal. Ich habe beim Putzen vorhin aussortiert und umgeräumt.”

“Wieso putzt du und sortierst du und räumst du?”, seufzte Kili. “Wir haben eine Zofe, Tess.” “Ja, du hast sie mir aufgeschwatzt und nur weil ich weniger cholerisch veranlagt bin als Judy, habe ich sie akzeptiert.” “Du arbeitest viel, ich will dir nur Arbeit abnehmen.” “Die eigentliche Wahl wäre gewesen, Liebster, wenn wir die Arbeit zwischen uns aufteilen. Und wenn das auch gescheitert wäre, hätten wir über eine Zofe reden können.” “Genau. Und den mittleren Teil habe ich einfach übersprungen-” Er grinste und gab mir einen Kuss. “Zieh dir was an”, gab ich zurück und stieß ihn gen Bad. “Was, fühlst du dich von meinem Aussehen in Verlegenheit gebracht?” Ich lachte und schob ihn noch weiter zurück. “Nein-” “Du wirst ja ganz rot Tessilein-” “Verschwinde, Kili!” “Sonst was?” “Sonst sperre ich dich ein und gehe allein in die Blauen Berge.” Niko bellte, als würde er mich darin unterstützen wollen, wo er vermutlich nur verwirrt war, wieso ich Kili von mir wegstieß. “Du hast Recht, das wäre schrecklich”, murmelte Kili. “Dann ziehe ich mich eben an. Schätze, ich werde in den kommenden Tagen noch oft genug nackt sein-” Er grinste frech und brachte mich zum Lachen. Manchmal befürchtete ich, war Thorins Erziehung doch erheblich daneben gegangen.

Fili
Es war laut und feucht, wie immer, wenn die Zwergengemeinschaft feierte. Bis auf Balin, der ja in Moria weilte, waren alle aus der Truppe zusammengekommen, um Tess und Kili in die Blauen Berge zu verabschieden. Bofur und Nori grölten bereits auf den Tischen und Dwalin hatte sicher schon zwei komplette Bierkrüge umgeworfen. Weshalb es hier so feucht war. Er wiederum lehnte einfach nur bei der Anrichte neben seiner Mutter und beobachtete das bunte Treiben. “Willst du wirklich schon wieder zurück nach Moria?”, fragte Dis und Fili konnte die mütterliche Wehmut darin hören, wie immer, wenn er oder sein Bruder für längere Zeit verschwanden. Er legte einen Arm um seine Mutter und drückte sie fest. “Ich habe Balin komplett allein gelassen, Mutter, er braucht meine Unterstützung. Wobei ich zugeben muss, etwas in Sorge um den Erebor zu sein. Das letzte Mal als ich fortging vergingen nur wenige Wochen, ehe es zum Aufstand kam-”

Dis lächelte etwas. “Breeda ist in den Tiefen des Kerkers, wo sie hingehört”, sagte sie, “es wird so schnell nicht wieder zu einem Aufstand kommen. Und sieh dir Thorin an… Jeder, der an seiner Entscheidung zweifelt, sollte den König einmal privat erleben, um zu erkennen, wie glücklich er ist.” Ja, Thorin benahm sich tatsächlich sehr… trunken. Mehr wie seine Neffen als der zurückhaltende, mürrische Herrscher, der er manchmal sein konnte. Gerade versuchte er sich im Armdrücken gegen Dwalin, Ori als Schiedsrichter. Die beiden Männer grinsten einander an, wohlwissend, dass es wie immer eng werden würde. Hätten sie über die Jahrzehnte eine Strichliste geführt, wer beim Armdrücken gewinnt, würde noch immer absoluter Gleichstand herrschen. Bloß hatte Thorin diesmal Judy auf seiner Seite, die ihn gerade von hinten umarmte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, was ihn breit grinsen ließ. Mit der richtigen Motivation, konnte ein Mann alles erreichen- “Was hat sie ihm geflüstert?”, fragte Fili. “Das, mein lieber Sohn, willst du nicht wissen.” Er lachte etwas. Nein, vermutlich nicht. Die Tür ging auf und Tatjanah trat ein, gefolgt von Sir Joyclan. Tess und Judy begrüßten sie herzlich und gaben ihr sofort etwas Apfelwein weiter. Fili lenkte die Augen weg von der Truppe, als er sah, wie selbstverständlich Joyclans Hand auf Tatjanahs Rücken ruhte.

“Du hast damals das Richtige getan, sie in die Eisenberge zu schicken”, sagte Dis sanft. “Ich weiß”, murmelte Fili. Manchmal glaubte er jedoch, dass er somit seine Chance verpasst hatte. Wäre Tatjanah hier geblieben, hätten sie sich kennen lernen können, so reiste sie umher, wurde selbstbewusster und traf nun ihre eigenen Entscheidungen, wie im Falle Sir Joyclans oder ihrem Beitritt zu Judys Rat. Nicht, dass Fili sie lieber verängstigt im Berg gehabt und für seine Zwecke ausgenutzt hätte. Niemals, er… wollte ihre Angst und ihre Vergangenheit nicht für sich ausnutzen- “Willst du wissen, was ich denke?”, fragte Dis da und Fili seufzte. “Nein, eigentlich nicht, aber du wirst es mir ja dennoch sagen.” “Ganz richtig. Sieh, dein Onkel und dein Bruder sind mit zwei Weltenwandlerinnen zusammen. Eine der Beziehungen hat für Unmut hier und da gesorgt, die andere für einen Aufstand. Was denkst du, würde passieren, wenn der Thronfolger nun eine Frau auswählt, die weit unter seinem Stand geboren ist?” Fili warf seiner Mutter einen zweifelnden Blick zu. “Mutter-” “Ich denke, sie ist bei Sir Joyclan, weil sie dich und den Berg durchaus sehr mag und euch beide schützen möchte. Vor einem weiteren Skandal.”

“Mutter!” Das war doch echt abwegig oder nicht? Er hatte Tatjanah zweimal gebeten über eine engere Freundschaft nachzudenken und beide Male hatte sie ihn abblitzen lassen. Das hatte sie nicht aus Gutdünken getan sondern ganz schlicht aus der Tatsache heraus, dass sie nicht mehr als Freundschaft für ihn empfand. “Worüber redet ihr?” Judy kam zu ihnen, um ihren Becher aufzufüllen. Thorin und Dwalin schwitzen noch immer über ihren Armen. “Fili sieht schon wieder aus, als hätte man ihn zu einem Minigolf-Match genötigt.” “Haha”, grummelte er. Auch wenn er und Judy sich nie eins zu eins über ihr Circe-Projekt ausgesprochen hatten, hatten sie nach der Überraschung in Joyclans Räumlichkeiten stillschweigend Frieden geschlossen. “Ich habe Fili gerade versucht zu erklären, dass Tatjanah Joyclan nicht über ihn gewählt hat, weil sie Fili nicht mag, sondern im Gegenteil, weil sie ihn sehr mag”, fasste Dis knapp zusammen. “Ja, das denke ich auch”, nickte Judy. “Wie bitte?”, fragte Fili perplex. “Ja, du siehst es an ihrer ganzen Körperhaltung”, meinte sie und deutete mit dem Becher auf Tatjanah und Joyclan, die von Tess gerade zu zwei freien Stühlen geleitet wurde.

“Pärchen, die einander zugeneigt sind, sehen einander an”, erklärte Judy, “aber während Joyclan die ganze Zeit über Blickkontakt sucht, ist Tatjanah nur auf Tess fixiert. Außerdem quittiert sie Joyclans Fragen sehr knapp und ruhig. Pärchen lachen und grinsen und feixen ununterbrochen, alles, was der Partner sagt, ist potenziell eine Diskussion wert. Nicht bei ihr. Dann erwidert sie seine Berührungen nicht. Seine Hand liegt zu weit oben an ihrem Rücken, zwischen den Schulterblättern, als würde er sie lenken wollen. Normal wäre mindestens mittig auf dem Rücken oder, bei Pärchen, die schon etwas intimer sind, kurz über dem Hintern. Und jetzt greift er zwar nach ihrer Hand, aber sie erwidert den Händedruck nicht. Sie akzeptiert ihn bloß. Pärchen verschränken die Finger oder lächeln sich selbst einer so kleinen Geste an, Tatjanah tut rein gar nichts. Nur, um ein paar Beispiele zu nennen.” Sie nippte an ihrem Apfelsaft und hob vielsagend eine Augenbraue. “Nun, sie hat nicht die besten Erfahrungen mit Männern gemacht-”, hob Fili an. “Nein, aber sie ist auch nicht unerfahren. Außerdem geschieht vieles von dem, was ich beschrieben habe, eher unterbewusst. Sie könnte sich gar nicht gegen wehren, selbst wenn sie wollte.” “Was eigentlich nur bedeutet”, flüsterte Dis verschwörerisch, “dass ihr kein so hoffnungsloser Fall seid, wie du denkst-” “MUTTER!”

Dis und Judy grinsten einander an. “Ich finde es schade, dass wir alle momentan happy sind, nur du nicht”, sagte Judy. “Ich habe ehrlich gesagt keine Lust, ein weiteres Mal eine Abfuhr zu bekommen”, brummte Fili. “Das verstehe ich sogar. Aber aller guten Dinge sind drei, nicht wahr?” Sie zwinkerte ihm zu und verschwand dann wieder zu Thorin, der gegen Dwalin zu gewinnen schien. Und tatsächlich - als Judy ihn an der Schulter berührte, sah er kurz auf und lächelte sie an. Nur kurz, aber er reagierte auf sie. Tatjanah hingegen hatte nun sogar die Hände im Schoß gefaltet und lauschte Tess bei irgendeiner Erzählung. “Ich denke, du solltest Tess eine Erfrischung bringen, hm?”, schlug Dis vor und reichte ihm zwei Becher. “Dein Bruder ist nämlich noch mit seinem vierten Schnitzel beschäftigt.” “Ich weiß genau, was du bezwecken willst”, sagte Fili, der reflexhaft die Becher entgegen nahm. “Gut. Dann weißt du hoffentlich auch, was du nun tun musst-” Lächelnd, aber rigoros wie Mütter nun mal sein konnten, schob Dis ihren Sohn auf den Tisch mit Tess, Tatjanah und Joyclan zu und Fili beugte sich seinem Schicksal. Sie würde ihn nicht aus diesem Raum herauslassen, bis er mit ihr gesprochen hatte.

“JAAA!” “VERFLUCHTE OCHSENSCHEIßE!” Lachen und Brüllen vermischten sich am Tisch von Dwalin und Thorin. Der König hatte ganz offensichtlich gewonnen, denn Dwalin fegte seinen leeren Becher mit einem Knall durch den Raum. “DU HAST GESCHUMMELT!”, rief er und deutete auf Thorin. “Nein. Ich habe bloß die beste Motivation im gesamten Berg-”, entgegnete Thorin ungerührt grinsend und zog Judy auf seinen Schoß. “Solltest du auch mal probieren, mein Lieber-” “Ich fass es nicht”, grollte Dwalin in Judys Richtung, “nach allem, was ich für dich getan habe…” “Oh Dwalin, sei ein Mann und stell dich deiner Niederlage”, grinste Judy. “Das war abzusehen”, sagte Tess, als Fili sich zwischen ihr und Tatjanah auf einen Stuhl fallen ließ und ihr einen frischen Becher zu schob. “Absolut. Aber Dwalins Stolz ist größer als der aller anderen Zwerge im Berg, also-”, er hob die Schultern. Prostete Tatjanah und Joyclan zu. “Hallo ihr beiden.” “Hallo Eure Majestät”, nickte Joyclan. Tatjanah lächelte ihn nur leicht an. Er hatte sie seit ihrer Abfuhr eher zurückhaltend behandelt und war Gesprächen aus dem Weg gegangen. Sie musste sich wundern, was er hier tat. “Eure Majestät, ich hörte, Ihr brecht bald wieder nach Moria auf?”, fragte Joyclan. “Ja, Mitte nächster Woche. Es wartet viel Arbeit auf mich in den Mienen-” “Zweifelsohne.”

“Ich bin Euch auch sehr dankbar”, sagte Fili, “Ihr habt meiner Schwester einen großen Dienst erwiesen, in dem Ihr ihr die Räumlichkeiten verkauftet.” “Nun ich unterstütze ihre Idee. Meine eigene Frau hätte eine solche Rückzugsmöglichkeit zu ihrer Zeit auch gut getan, nicht wahr, Liebes?” Joyclan fuhr Tatjanah über die Wange und diese nickte kurz. “Ich denke auch”, erwiderte sie. Innerlich schüttelte Fili den Kopf. Judy hatte mir ihrer Analyse aber auch derart richtig gelegen! “Sir Joyclan, wollen Sie etwas essen?”, fragte Tess da. “Wir haben grandiose Rouladen.” “Nun-” “Kommen Sie, die Schlange ist gerade nicht so lang.” Sie stand auf und Joyclan folgte etwas überrumpelt. Er sah noch einmal zu Tatjanah, die ihm ein kurzes Lächeln zuwarf, eher er zwischen den Zwergen verschwand. Schweigend saßen Fili und Tatjanah an dem Tisch, schielten sich einander ab und zu unsicher an, doch niemand ergriff das Wort. Judy und Thorin diskutierten gerade, was Dwalin an Leistung erbringen sollte, da er ja verloren hatte und der Krieger sah aus, als würde er beide am liebsten im Bierfass ertrinken. “Es ist schön, wie Judy in seiner Nähe aufblüht”, sagte Tatjanah. “Ich war etwas um Sorge um sie.” “Judy ist stark, innerlich wie äußerlich”, beruhigte FIli sie, “sie hätte noch länger durchgehalten, hätte sie das gemusst.”

“Ja, sie ist echt inspirierend. Ich beneide sie sehr darum-” “Wieso?”, fragte Fili verdutzt. “Weil ich nicht diese Stärke habe-” “Das ist doch verrückt, natürlich hast du die”, erwiderte er fest. “Du hast dich deinen Ängsten gestellt und bist allein in die Eisenberge und hast am Ende Partei für Judy gegen alle anderen ergriffen. Du bist mindestens genauso inspirierend wie sie-” Tatjanah musterte ihn aus ihren hübschen Augen und lächelte mit einem Mal. “Danke.” “Gerne, Meine Dame.” Nun grinste sie sogar. “Ich dachte ehrlich gesagt, du wärst sauer auf mich”, gestand sie da und schlug die Augen nieder. Oh. Fili schluckte. “Wieso das?” “Weil du immer den Raum verlässt, wenn ich ihn betrete. Und… kaum ein Wort mit mir wechselst oder mich gar ansiehst-” Ja. Ja, das stimmte alles. Fili schlug die Augen nieder und nahm einen Schluck von seinem Bier. “Ich war nicht sauer”, sagte er schließlich leise, “aber ich will auch nicht lügen. Ich war nicht sehr erpicht darauf, mit dir in einem Raum zu sein.” “Ja, das verstehe ich sogar”, gab Tatjanah zurück. “Ich wollte dich auch nie verletzen, ich wollte nur-” “Du hegst doch gar keine Gefühle für ihn”, unterbrach Fili sie etwas harsch. Tatjanah verstummte.

“Ich verstehe, wieso du ihn über mich wählst, ehrlich. Meine Position muss dich erschrecken, ich habe wenig Zeit, werde regelmäßig in Schlachten verwickelt, bin eher zurückhaltend und grummelig wie mein Onkel und lebe in den Tiefen Morias statt an der sehr eindrucksvollen Nordseite der Eisenberge. Und ich denke, dass Joyclan nett ist und… gesittet und dir ein stabiles, ruhiges Leben in Aussicht stellt, hier im Berg, wo du Freunde hast und eine Position bei Judy im Rat. Du triffst eine sehr vernünftige Entscheidung mit ihm.” Tatjanah räusperte sich etwas. “Aber?” “Nichts aber.” Fili rang sich zu einem Lächeln durch. “Ich mag dich, sehr sogar. Ich würde behaupten, bin dir weitaus mehr zugetan zu sein, als Joyclan es je sein wird. Weshalb ich deine Entscheidung respektiere und dich nicht mit irgendwelchen schillernden Versprechen locken möchte. Ich will, dass du glücklich bist, nicht, dass du dich in ein Abenteuer stürzt, das keiner von uns voraussehen kann und was dich ängstigt oder bei dem du dich nicht wohl fühlst. Das ist in Ordnung.” Fili griff nach Tatjanahs Hand in ihrem Schoß und spürte, wie die Zwergin instinktiv den Druck erwiderte.

“Versprich mir nur, dass du auf dich achtest, ja?”, bat er. “Such dir einen Traum oder ein Ziel und strebe dem nach. Nicht nur Judy inspiriert andere, du auch und das darfst du ruhig nutzen. Egal wo und egal mit wem.” Sie öffnete etwas den Mund, als würde sie etwas sagen wollen und sich kurzfristig doch nochmal zurückhalten. Am Ende nickte sie einfach stumm und Fili zog seine Hand zurück, kurz bevor Joyclan wieder am Tisch auftauchte. Dis und Judy hatten vermutlich erwartet, dass er Tatjanah noch einmal zu überzeugen versuchte, aber er hatte es ernst gemeint - er wollte keine dritte Abfuhr. Und wenn Tatjanah bei Joyclan glücklich war, dass war er es auch. Ende der Geschichte. Mit einem kleinen Lächeln stand Fili nun auf und legte Tatjanah kurz eine Hand auf die Schulter. “Ich muss auch mal was essen”, ließ er verlauten, “sind die Rouladen gut, Joyclan?” “Großartig”, nickte dieser. “Sehr gut, dann weiß ich ja, was ich mir holen werde. Bis gleich.” Er ließ die beiden allein und stellte sich hinter Bombur an das Buffet an. Nächste Woche wäre Fili wieder in Moria und könnte sich etwas von dem Erebor-Chaos ablenken. Vielleicht war es ganz gut, wenn Tatjanah hier war und er nicht…
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