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The Prince of silver fountains (2)

GeschichteFantasy, Suspense / P18 / Gen
Fili Kili Legolas OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2018
01.04.2021
96
443.675
63
Alle Kapitel
203 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
28.02.2021 4.117
 
Tick Tock, Tick Tock - der Countdown für den dritten Teil läuft :D Ich habe so viel geplant, ich bin gespannt, was ihr am Ende so darüber denken wird.
Noch sind wir aber hier im Berg und hier geht es sehr beschaulich weiter. Lasst mich wissen, was ihr über Thorins weitere Überraschung sagt ;)
Vielen Dank auch an die lieben Rückmeldungen! :)
Genießt den Sonntag und die Sonne, einen guten Start morgen in die Woche, wünscht euch CasseyCass *-*

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Fili
Thorin drehte sich zum wiederholten Male zu ihnen um und Fili seufzte. “Onkel, irgendwie habe ich nicht das Gefühl, dass du mir vertraust.” “Doch, das tue ich, aber ich bin… besorgt.” “Hm-” Judy seufzte ebenso. “Wir sind doch bald in der Eingangshalle, richtig? Und du hast Fili geholt, damit du und er und Cain euch abwechseln könnt, mich auf den Beinen zu halten. Also-” Thorin drehte sich wieder nach vorn. Ihre Hand schloss sich fester um Filis Arm und als er Judy ansah, wechselten sie einen bedeutungsvollen Blick. Es hatte Fili gefreut, seine namad wieder auf den Beinen zu sehen. Blass und etwas schwankend, aber fitter als noch vor einer Woche. Sie gehörte auf ihren Balkon in die warme Sonne, wo sie Vitamin D tanken und gesund werden konnte. “Wie geht es Tatjanah?”, fragte Judy da und Cain hinter ihnen murmelte ein “oh-oh”. “Was? Wieso Oh-Oh?” Judy raufte verwirrt die Stirn. “Ich war bei ihr und habe sie gefragt, ob sie sich eine Beziehung vorstellen könnte”, sagte Fili ruhig und möglichst unbefangen. “Und sie hat nein gesagt?”, fragte Judy vorsichtig.

“Sagen wir so”, meinte Cain, “ihr lieber Sir Joyclan kam herein-” “Oh-” Nun verstand sie. “Hat sie denn gesagt, dass sie und er-” “Nein, aber sie war dabei mich abblitzen zu lassen”, sagte Fili. Er rang sich zu einem Lächeln durch. “Nicht weiter schlimm, namad.” “Doch”, murmelte sie, “sonst würde es dich nicht traurig machen.” Fili schluckte hart. Traurig. War er das? Traurig? Weil Tatjanah ihn schon vor Wochen abserviert hatte? Erneut? Dazu hatte er doch gar keinen Grund. Sie waren einmal zusammen ausgegangen und hatten die Wochen danach miteinander Briefkontakt gehalten. Und sie hatte tolle Arbeit geleistet, während Thorin krank gewesen war. Aber es hatte keinerlei Berührungen oder Gesten oder… mehr gegeben. “Es ist alles in Ordnung”, sagte er ruhig. “Ich bin in ein paar Tagen wieder in Moria, dann ist die Geschichte eh aus der Welt.” Judy erwiderte nichts darauf. Thorin drehte sich mal wieder um, sah aber diesmal nicht zu Judy sondern zu seinem Neffen, die Augenbraue skeptisch gelüpft. Fili schüttelte nur warnend den Kopf. Wehe, er machte sich auch noch Sorgen um sein Liebesleben! Das war absolut nicht nötig.

Zugegeben - Fili hatte noch nicht viele langlebige Beziehungen gehabt. Ja, mit all seinen Frauen hatte er geschlafen und er war ihnen sehr zugeneigt gewesen, aber nie hatte eine der Beziehungen länger als ein Vierteljahr gehalten und die letzte davon war schon eine ganze Weile her. Aber er war einfach nicht der Typ Mann, der in einer Beziehung aufging. Ja, er respektierte seine Partnerin, aber Respekt war keine Zuneigung. Selbst wenn ihm eine Frau gefiel und er eine Frau mochte, konnte man nicht von Zuneigung sprechen. Der Unterschied zu Tatjanah war eben gewesen, dass er sie deutlich mehr mochte als seine vorherigen Partnerinnen. Eine Art von Mögen, die dem Begriff Zuneigung deutlich näher lag als bei den anderen Zwerginnen. Dennoch war es für Thorin kein Grund besorgt zu sein. Weder Fili noch Kili hatten Druck einen Thronerben zu zeugen, wieso sollte er sich nun schon binden? Kili liebte Tess ganz offensichtlich, das war etwas anderes. Dagegen konnte ein Zwerg nichts machen, wenn es passierte, passierte es eben. Das war bei Fili allerdings nicht der Fall, also machte er keinen großen Aufstand darum.

“Ich will ja nichts sagen”, meine Judy da, “schließlich habe ich mich bereits einmal hier unten verirrt, aber… sind wir hier richtig?” “Wir gehen einen anderen Weg zurück, Amrâlimé”, ließ Thorin verlauten. Er lächelte sie etwas amüsiert über die Schulter hinweg an. “Ich weiß, wo wir sind.” “Okay-” Sie verdrehte etwas die Augen. “Hier unten sieht halt alles gleich aus.” “Du gewöhnst dich dran”, sagte Cain hinter ihnen. “Du brauchst Wegmarken und kleine Hinweise, die nur du erkennst-” “Hm, sowas wie Schilder und Wegweiser wären sogar noch besser!” Fili lächelte etwas. “Dann geht aber der Charme verloren, namad.” “Der Charme von was? Nacktem Stein? Skeletten auf dem Boden, die von Menschen stammen, die sich verirrt haben und dann jämmerlich verhungert sind? Ja, auf den Charme steh’ ich auch.” Cain lachte. Judy wurde etwas langsamer und Fili blieb mit ihr stehen. “Alles gut?”, fragte er leise. “Ja. Ich habe nur das Gefühl, alle halbe Stunde für ein paar Sekunden einzuknicken.” Statt ihr nur seinen Arm anzubieten, schlang Fili ihn fest um ihre Taille. “Wir sind gleich da”, sagte Thorin, der sofort stehen geblieben war. “Und oben wartet ein frisch bezogenes Bett auf dich.” Er strich ihr über die Wange und Judy lächelte. “Klingt toll-”

Sie schoben sich langsamer voran und Judy war so darauf bedacht ruhig zu atmen, um nicht zu kollabieren, dass sie gar nicht bemerkte, wie immer mehr Zwerge ihre Wege kreuzten und grüßten. Ein paar Mal nickte sie abgelenkt ein Hallo, wenn jemand sie direkt ansprach, doch die meiste Zeit lehnte sie an Fili und ließ sich vorwärts führen. Thorin bog links ab und mit einem Mal war Judy aufmerksamer. “Hier war ich schonmal!”, sagte sie und drehte sich hin und her. “Eh… Denke ich zumindest. Doch! Sir Joyclans Räumlichkeiten liegen hier unten.” “Genau”, sagte Fili und unterdrückte ein Grinsen, weil sie tatsächlich keine Ahnung hatte, wieso sie ausgerechnet hier entlang gingen. “Zumindest waren es einmal Sir Joyclans Räume”, meinte Thorin. “Er hat sie endlich verkauft?” “Ja.” “Oh, das freut mich für ihn. Er ist seit seiner Ankunft im Berg dran, sie los zu werden. Weißt du, wer der Käufer ist?” Thorin sah erneut über die Schulter, kurz zu Fili und dann zu Judy. “Du.” Judy runzelte die Stirn. “Was, ich?” “Du bist der Käufer.” Man konnte sehen, wie in ihrem Kopf die Räder drehten und Judy offenbar nach dem Moment in ihrem Leben suchte, in dem sie den Vertrag unterschrieben hatte.

Thorin blieb schließlich stehen und nickte auf die Tür, die aus den Angeln gehoben war, damit die Arbeiter besser hinein und hinaus kamen. Drei Räume - eine kleine Kammer links, ein großer Mittelraum und ein viereckiger Raum rechts - alle verbunden mit großen Durchgängen taten sich vor ihnen auf. Es war noch recht dreckig und staubig, doch die kaputten Möbel und die mottenzerfressenen Vorhänge waren verschwunden. Helles Licht strömte in den Mittelraum, durch den gerade ein Arbeiter lief und der Truppe höflich zunickte. “Ich habe definitiv nichts unterschrieben”, sagte Judy. “Nein, das hast du noch nicht”, stimmte Thorin ihr zu, ehe er in seinen Wams griff und ihr einen Zettel gab. “Das habe ich übernommen.” Eine Falte erschien auf ihrer Stirn, wie immer, wenn Judy nicht wusste, was sie von einer Situation halten soll. Sie klappte den Kaufvertrag auf und las ihn durch, immer wieder sah sie kurz zu Thorin auf. Langsam schien sie zu begreifen, was gerade geschah und sie löste sich von der Truppe um in die Mitte des Raumes zu gehen. Stemmte die Hände in die Hüfte und drehte sich unschlüssig einmal um sich selbst. “Sie schweigt nur, weil sie tatsächlich ergriffen ist.” Tess lehnte sich in den Übergang zum Nebenraum und grinste.

“Du wusstest hiervon?”, fragte Judy leise. “Natürlich, wir alle-” Kili und Tatjanah und Dis tauchten hinter ihr auf. Fili sah absichtlich nur kurz zu der Truppe. Er versuchte sich auf Judy zu konzentrieren. “Wir haben gerade überlegt, wie wir die Räume aufteilen, oh und ich hatte eine Namensidee, die ich aber nicht darlegen konnte, weil ich den Namen vergessen habe-” Sie lachten auf. “Welchen Namen?”, murmelte Judy. “Den von dieser griechischen Göttin, die auf die einsame Insel verbannt wird, weil sie zu selbstständig für die Götterwelt war und die in der Odyssee erwähnt wird.” “Circe.” “Genau! Circe. Also - was hältst du von dem Circe-Projekt? Circe hatte auch einiges durch, nicht wahr? Liebhaber, alleinerziehende Mutter, fehlender Respekt und Selbstzweifel und… dennoch ist sie eine der wichtigsten Personen der griechischen Mythologie, die Männer, die sich nicht zu benehmen wissen, in Tiere verwandelt.” “Ja, sie ist… Sie wäre perfekt als Namensgeberin”, nickte Judy und lächelte Tess an, aber nur kurz, weil sie dann die Hand vor den schlug, um ihre Schluchzer abzufangen. “Oh!” Tess löste sich von dem Durchgang und nahm Judy in den Arm.

“Oh, nicht weinen, wir wollten dir doch eine Freude machen!” “Ja, weiß ich, ‘tschuldigung-” Doch Judy schluchzte nur noch mehr. Versuchte sich die Tränen wegzuwischen, nur damit noch mehr flossen. “Ist nur…. Ich… brauche das… das hier… echt… für mich…” “Ja, das wissen wir, deshalb haben wir es doch gekauft, hm? Oder wohl eher Thorin, der hat’s gekauft und naja - Kili und die Bauarbeitet versuchen den Laden hier auf Vordermann zu bringen und zu gestalten und Tatjanah steuert natürlich die Stoffe bei-” “Ja, so eine Irre hat mir einen Haufen sündhaft teurer Kleider geschenkt”, warf diese ein und brachte Judy unter Tränen zum Lachen. “-und Fili hat nach Leuten Ausschau gehalten, die wir einstellen können und Dis kocht für alle.” “Aber ich dachte…”, Judy hickste, “...dass wir dieses Zentrum nicht haben können wegen… Allem.” “Manchmal ist es nicht wichtig, was man kann und nicht kann, sondern nur, was richtig ist”, sagte Thorin ruhig. “Und weder ich noch Fili haben uns diesem Thema gegenüber adäquat verhalten.” Er machte eine kurze Handbewegung, als Judy ihm widersprechen wollte.

“Du weißt, dass ich Recht habe. Ja, es gab “nur” 30 Fälle seit wir hier in den Berg gezogen sind, wo Männer gegenüber ihren Frauen in irgendeiner Form auffällig geworden sind. Im Vergleich zu Menschen, ist das wenig. Und es stimmt auch, dass diese Fälle nie zur Anzeige kamen, weil ein Gesetz besteht, dass seit 1500 Jahren Züchtigung in der Ehe erlaubt. Bis das Gesetz abgeschafft werden kann, braucht es vermutlich noch etwas. Doch jeder dieser 30 bekannten Fälle ist einer zu viel-”, Judy tropften Tränen über die Wange, “-jede von euch zählt. Jede Frau zählt. Und an vorderster Front du und Tatjanah-” Thorin nickte zu der Schneiderin und diesmal sah Fili direkt zu ihr. Sie hatte den Blick gesenkt und kurz huschten die Bilder vor Filis Auge entlang, wie sie im Krankentrakt gewesen war. Musste man erst ihr und seiner Schwester wehtun, dass sich etwas änderte. Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. Fili hatte das Projekt abgelehnt, weil er nicht daran glaubte, die zwergische Gesellschaft würde sich ändern können. Weil er Judy und Tatjanah beschützen wollte vor Zwergen, die nicht mit ihrem Kampf zufrieden wären.

Doch Judy war mittlerweile eine Durin. Genauso wie Tess. Und was hatte Thorin gesagt, kurz vor der Schlacht der fünf Heere? “Ein Durin fürchtet keine Schlacht.” Sie sollten auch diese nicht fürchten. Judy löste sich von Tess und ging auf Thorin zu, der sie mit einem kleinen Lächeln empfing. Fili glaubte, sein Onkel wollte eigentlich etwas sagen, doch Judy nahm sein Gesicht in die Hände und küsste ihn. Ihre Tränen flossen von ihren Wangen auf seine und zwischen ihren Lippen hindurch. “Ich liebe dich”, schluchzte sie. “Du bist ein verdammter Sturkopf, aber ich liebe dich.” Thorin lächelte etwas und strich ihr über die Wange, über die Taille hinunter und zog sie fester an sich. Drückte ihr einen Kuss an die Schläfe. Als hätte Kili das als als Ansporn genommen, schlang er die Arme von hinten um Tess. So viel Geturtel. Fili räusperte sich. “Wollen wir heute noch nach oben gehen oder das Bett lieber her holen?” “Also-!” Dis sah ihn kopfschüttelnd an. “Du unsensibler Schrat!” Judy grinste und lehnte den Kopf so an Thorins Brust, dass sie guten Blick auf Fili hatte. “Wir gehen jetzt hoch, Bruderherz”, murmelte sie. “Ich erlöse dich aus deinem Elend der Einsamkeit-” “Ich bin auch einsam”, sagte Cain da und winkte. “Also falls du mich von hinten umarmen willst, Fili- nur zu. Ich bin bloß hier in der Gegend etwas kitzelig-” Er rieb sich über den Magen und zwinkerte Fili zu.

Kurz herrschte perplexe Stille im Raum, bevor erst Tatjanah leise kichern musste und dann auch Tess auflachte. Nach und nach brachen sie alle in Gelächter aus. Tess lehnte sich herzhaft-lachend an Kili, Dis hielt sich am Türrahmen fest und selbst Judy lachte. “Oh, Fili, du müsstest deines Gesichtsausdruck sehen”, sagte Tess. Sie wischte sich eine Lachträne fort. “Ich entschuldige mich offiziell für meine Familie”, meinte Fili zu Tatjanah. “Du hast ein schweres Leben, mein Prinz, ich muss mich bei dir entschuldigen, dir nie genug Mitleid geschenkt zu haben”, erwiderte sie. “Also irgendwie habe ich das Gefühl, das niemand meine Einsamkeit ernst nimmt”, warf Cain eingeschnappt ein. “Natürlich, wir nehmen sie ernst!”, rief Tess aus. Sie löste sich von Kili und umarmte den Soldaten, Judy folgte sofort. “Oh- Ladies, ein Gruppenkuscheln-” “GRUPPENKUSCHELN!”, rief Kili und warf sich auch noch auf die Truppe. Thorin schüttelte bei Judys Blick den Kopf. “Nein, Amrâlimé, es gibt Grenzen.” Auch Tatjanah hielt sich zurück, doch Dis schloss sich der Gruppe an. Fili sah zu der Schneiderin, die einfach nur dort im Übergang lehnte. Er würde in einer Woche, spätestens in anderthalb Wochen abreisen. Und eigentlich wollte er nicht gehen, ohne mit ihr noch einmal zu reden.

Aber so schwer Thorin und Judy anfangs ihre Beziehung fiel, so schwer fiel es nun Fili auf Tatjanah zuzugehen. Er würde sich verabschieden, definitiv. Aber vorher musste er sicher gehen, nicht wieder einer seiner emotionalen Anwandlungen zu erliegen. So wie der Rest seiner Familie gerade. “Also daran kann ich mich gewöhnen”, meinte Cain und nickte leicht. “Ja, doch drei hübsche Frauen, die mich umarmen-” “Und was ist mit mir?!”, brummte Kili, der irgendwo zwischen Dis und Tess feststeckte. “Du bist die Kirsche auf der Sahne.” Erneut mussten sie lachen. “Ihr seid solche Quatschköpfe”, meinte Judy. “Ehrlich. Schwer zu top- zu toppen.” “Das ist unser Zeichen”, sagte Tess, die Judy am Arm festhielt, ehe sie zusammensinken konnte. “Entschuldigt… Es geht wieder, denke ich...” Judy atmete tief ein, doch ihre Gesichtsfarbe wurde noch blasser und diesmal gaben ihre Beine komplett nach. Cain fing sie ab und ließ sie vorsichtig auf den Boden herunter. “Immer wenn das Adrenalin nachlässt, klappt dein Kreislauf zusammen”, sagte Tess und legte Judys Beine an ihre Schultern. “Das wird wieder, du musst nur regelmäßig essen.” Thorin zog seinen Umhang aus, faltete ihn zusammen und legte Judys Kopf darauf ab. “Wir haben Zeit”, sagte er nur.  

Fili hatte gehört, dass Judy heute Morgen in der Küche wohl auch schon zusammengebrochen war, aber es war dennoch… beunruhigend. Judy war immer jemand gewesen, der wie ein Fels in der Brandung gestanden hatte. Bis auf das eine Mal in Bruchtal hatte er nicht erlebt, dass seiner Schwester der Kreislauf kollabiert war. Immerhin war Tess gut vorbereitet mit etwas Salz und Zuckertee, die Judy wieder stabilisierten. Sie war echt geschafft, die Ärmste… “Wir sind jetzt gleich in der Eingangshalle”, sagte Thorin, als er fest den Arm um Judy legte. “Da werden dich vermutlich ein paar Leute ansprechen, die die Aushänge schon gesehen haben. Wir kürzen die Gespräche ab, aber da musst du wohl durch-” “Ich dränge mich dreist dazwischen”, warf Fili ein und zwinkerte Judy zu. “Ihr seid in Nullkommanichts im Zimmer.” “Klingt gut. Ich weiß nämlich nicht, wie lange Salz und Tee mich noch oben halten können.” “Dann mal los”, befand Kili, “ehe wir hier unser Lager aufschlagen müssen…”

Judy
Seit dem Gruppenkuscheln ließ mein Wohlbefinden drastisch nach. Mir war schwindelig ohne Ende und ich musste mich an Thorin lehnen, weil ich sonst in die andere Richtung umgekippt wäre. Ich wollte in mein Bett. In unser Bett. Ich wollte schlafen und morgen früh in Thorins Armen aufwachen. Er hatte mir die Räume gekauft. Und die anderen halfen mit der Ausstattung, dem Personal und so fort. Wenn ich mit einem nicht mehr gerechnet hatte, dann damit. Ich hatte mir vorgenommen das Projekt zu pausieren und in einem Jahr oder so einen neuen Anlauf zu nehmen und jetzt… Jetzt bekam ich eine komplett neue Möglichkeit geschenkt. Hätte ich genug Kraft gehabt, wäre ich jubelnd durch den Berg gesprungen. Langsam, Schritt für Schritt, erklommen wir die Treppe hinauf zur Eingangshalle. So wie ich Thorin vor einer Woche noch gestützt hatte und mit ihm pausieren musste, schleifte er nun mich hinauf. Zugegeben - er hatte in der Zeit, in der ich geschlafen hatte, wieder mehr Farbe bekommen und die Eintopf-Kur von Tess schien auch zu wirken. Er sah nicht mehr ganz so knochig und wieder mehr wie ein gestandener Krieger aus. Aber auch Thorin hielt am Ende der Treppe kurz inne und verschnaufte.

Ich rieb ihm über die Brust. “Wir sind gerade kein sehr schillerndes Königsgespann”, grinste ich. “Das kommt noch”, versprach er heiser. Ich spürte sein rasendes Herz unter meinen Fingerspitzen. “Alles gut?” Fili und Cain kamen bei uns an und ich nickte. “Treppen sind momentan eine große Herausforderung.” “Onkel, soll ich mich um Judy kümmern?”, bot Fili besorgt an. “Ich weiß nicht, ob es hilfreich ist, wenn eine kranke Person eine andere kranke Person stützt.” “Ich bin nicht mehr krank”, entgegnete Thorin und reckte das Kinn etwas, “und ich werde nicht stärker, wenn ich mich nicht fordere. Es ist alles in bester Ordnung.” Hm. Ich nickte Fili kurz zu, um ihm zu zeigen, dass ich ein Auge auf ihn haben würde. “Und ich bin ja auch noch da, richtig?”, schob Tess hinterher. Bis auf Tatjanah und Dis, die beide noch andere Termine hatten, waren alle mit hinauf gekommen. Es war ja auch bald Mittagszeit. Wir steuerten die Treppe an und obwohl ich an den beiden Saaltüren ein paar von Thorins Ankündigungen sah, schienen nur wenige uns wirklich wahrzunehmen - als Paar wahrzunehmen. Sie nickten uns zu, wie sie uns immer zunickten. Gut, ein paar Zwerge nannten mich Mylady statt Miss, aber das musste nicht unbedingt an dem Schmierpapier an den Toren liegen.

Ich hoffte schon ohne einen Zwischenfall im Zimmer anzugelangen, doch dann kam, wer hätte es gedacht, Lord Obian auf uns zu. “EURE MAJESTÄT!”, rief er und breitete die Arme aus. “Ich bin froh und erleichtert, Sie wieder hier oben zu sehen. Wir wussten zwar alle, dass Sie nur Ihren… partnerschaftlichen Verpflichtungen nachkamen-”, Obians Blick glitt kurz zu mir, eher die Hand von Thorins löste und Fili, Kili und Cain begrüßte “-aber hier ist es doch, wo sie hingehören, nicht wahr? Guten Tag, Misses-” Jetzt erst sah Obian mich und Tess an. “Wir alle sind froh, wieder hier zu sein”, erwiderte Thorin ruhig. “Wir brauchen noch etwas Ruhe, aber in ein paar Tagen sollten die gesamte Königsfamilie wieder auf den Beinen sein.” “Stimmt genau, es gab ja diese… ominöse Nachricht-” Obian zeigte eines der Pamphlete. “Ist sie wirklich wahr?” Thorin hielt mich etwas fester. “Ja ist sie.” Der Lord musterte mich kalt, aber lächelnd und griff nach meinem Unterarm. Schüttelte ihn fest. “Es ist mir eine Freude, Miss Judy.” Ich nickte bloß. Wollte meinen Arm zurückziehen, doch er hielt ihn fest.

“In ein paar Tagen, sagtet ihr, ja?”, fragte Obian Thorin, die Augen weiterhin auf mich gerichtet. “Wie wäre es dann mit einer kleinen… Feier?” Endlich ließ er mich los und ich schob mich fast hinter Thorin. Dieser Kerl hatte mir immer Angst gemacht und ohne meinen Titel konnte ich nichts gegen ihn tun. Wäre ich Obian allein hier über den Weg gelaufen… “Lord Obian, wir haben die Ankündigung absichtlich auf dieser Ebene geführt, um eine Feierlichkeit zu umgehen”, sagte Thorin. “Miss Judy ist noch krank und-” “In ein paar Tagen erst, wie wäre es am kommenden Montag? Dann hat Miss Judy noch genug Zeit sich ausruhen und ich bereite alles vor. Es gibt ein paar Zwerge, die sich gerne bei Judy bedanken würden und ich wette, dass Eure Ankündigung… Neugierde geschürt hat.” Meine Finger krallten sich in Thorins Wams und ich konnte spüren, wie ich meine Nervosität nicht mehr verbergen konnte. Dieser Kerl war mir aber auch nah- Ich sah aus dem Augenwinkel, wie die anderen hinter uns Stellung bezogen hatten. “Ich kann Ihnen keine Versprechungen geben, Lord Obian”, wiederholte Thorin noch immer gefasst und höflich. “Wenn es meiner Partnerin übers Wochenende nicht besser geht, dann-”

“Ich kann Ihnen meinen Leibarzt empfehlen”, unterbrach Obian dreist. “Er ist großartig und hat mich schon von so manchem Leiden… geheilt.” Immerhin grinste er nun Tess an. Seit wann hatte er denn auch was gegen sie? Das war doch absurd. “Okay, wir sind da.” Thorin sah zu mir herunter, erstaunt. Ich lächelte ihn an. “Wenn Lord Obian sich solche Mühe machen will, sollten wir ihn nicht davon abhalten, richtig? Umso mehr können wir die anschließende Ruhe genießen.” Und er würde sicher nicht von uns ablassen. Am Ende startete er eine Überraschungsparty und das konnte ich noch weniger ab. Ich wollte hoch ins Bett und schlafen und dieser Sack nervte wie ein Schwarm Stechfliegen am See. Sollten wir die Feier hinter uns bringen. Irgendwie hatte er ja auch Recht, es gab sicher eine Menge Leute, die unsere Bekanntmachung neugierig gemacht hatte oder sie sogar etwas wütend wären, weil wir eben keine Versammlung einberufen hatten. Lieber quälte ich mich durch den einen Abend, als mir über Wochen hinweg irgendwelches zickiges Getuschel anhören zu müssen.

“Montagabend, Lord Obian”, sagte ich und drehte mich in Thorins Arm offensiv fort. “Ich wünsche einen guten Tag.” “Montagabend dann”, murmelte Obian uns hinterher. “Ich hasse ihn”, murmelte ich auf der Treppe. “Wie eine personifizierte Ratte.” “Wieso hast du dann angenommen?”, fragte Kili. “Das würde mich auch interessieren”, meinte Thorin. “Weil er es nicht auf sich hätte beruhen lassen. Naja und sein Grund war berechtigt - wir schulden den Leuten eine Erklärung. Die sollten sie bekommen.” Ich hob die Schultern. “Klasse”, warf Cain ein, “das macht einen tollen Eindruck, wenn du dann im Saal zusammenbrichst.” “Ich breche schon nicht zusammen. Ich erhole mich am Wochenende und dann kriege ich die paar Stunden irgendwie gemeistert.” Irgendwie. Betonung auf irgendwie. “Wie du meinst.” Ich seufzte. “Hast du eine bessere Idee, Thorin? Bitte nur her damit. Der Kerl belästigt mich nämlich seit du krank geworden bist und mir gehen mittlerweile die Ideen aus, wie ich ihn los werde.” “Es tut mir Leid, dass du dich mit ihm herumschlagen musst”, sagte er, “aber Obian ist ein Zwerg, den du einfach ignorieren musst. Sobald er versteht, dass er auf taube Ohren stößt, lässt er einen in Ruhe.” “Dich vielleicht. Mich nicht.” Die Erfahrung hatte ich mittlerweile gemacht.

Wir kamen endlich beim Zimmer an und ich seufzte erleichtert auf, als ich die Vorhänge und das Bett sah. “Ich war noch nie so froh, hier zu sein”, sagte ich und seufzte. “Die Küche ist aufgefüllt, es wurde einmal komplett grundgereinigt” sagte Cain. Wahnsinn. Ich kroch einfach quer in das Bett und umschlang das Kissen mit den Armen. “Sorry, Leute”, nuschelte ich, “ich bleib’ jetzt so liegen und rühr mich nicht mehr.” Tess lachte etwas. “Wir besprechen uns draußen, namad”, sagte Fili und gab mir einen Kuss auf den Hinterkopf. “Ruh dich etwas.” “Ich habe noch etwas für dich”, sagte Tess und setzte sich neben mich. Sie hielt mir eine rote Phiole vor die Nase. “Ich wollte deine Creme anrühren und bin gescheitert. Die Kräuter sind erst in drei Monaten reif, aber ich habe diese Pflanze gefunden, die… Hm… eine Mischung aus Ibuprofen und Opium ist.” “Opium?”, wiederholte ich skeptisch und setzte mich nochmal auf, um die Flasche anzusehen. “Ja. Deshalb bitte nur nehmen, wenn du akut sehr schlimme Schmerzen hast. Und dann nur ein oder zwei Tropfen.” “Alles klar-” Ich roch daran und verzog das Gesicht. Wow, wie süß. “Ich dachte, es sei besser als nichts.” “Nein, absolut richtig! Danke, Tess. Das hilft mir wirklich.” Sie grinste und umarmte mich kurz.

“Wie geht es dir eigentlich?”, fragte ich und stellte die Flasche auf den Nachttisch. Tess hob die Schultern. “Ich freue mich, wenn Kili und ich bald weg sind.” “In einer Woche reist ihr ab, richtig?” “Ja, in neun Tagen. Ich will dich hier nicht zurücklassen, aber langsam… ist meine Kraftreserve aufgebraucht.” “Das verstehe ich. Du hast bestimmt ebenso viel durchgemacht wie ich-” “Ich wünschte, du könntest mit Thorin weg”, sagte Tess. “Irgendwohin. Ans Ende der Welt.” Hm. Das würde für eine lange Zeit nicht möglich sein… “Mach dir keine Gedanken um mich. Ich bekomme das irgendwie unter die Füße.” Tess glaubte mir nicht, aber darum ging es mir nicht. Sie sollte mit Kili davon fahren und sich erholen, ohne sich über mich sorgen zu müssen. “Tut mir Leid”, gähnte ich, “aber ich bin fix und fertig-” “Schlaf”, nickte Tess. “Dein Mann wird auf dich achten.” Oh, das klang gut. Mein Mann. “Bis später-” “Bis dann, Jiji.” Und noch bevor sie aus dem Zimmer draußen war, griffen die dunklen Arme des Schlafes nach mir…
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