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The Prince of silver fountains (2)

GeschichteFantasy, Suspense / P18 / Gen
Fili Kili Legolas OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2018
01.04.2021
96
443.675
63
Alle Kapitel
203 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
06.02.2021 4.247
 
Hallo zusammen :)
Es geht weiter mit der Story, mit einem eher ruhigen Kapitel. Das Konzept für den dritten Teil steht auch schon - ich bin richtig gespannt, wenn es los geht *-*
Vielen Dank an euch und eure liebe Revis!
Habt noch ein schönes Wochenende und bleibt gesund.
CasseyCass *-*

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Tess
Ich trat aus dem Schlafzimmer und stellte zu meiner Überraschung fest, dass Thorin und Fili auch endlich eingetroffen waren. Der kleine Raum war proppenvoll und ich lehnte mich einfach nur an die Tür hinter mir. “Wie geht es ihr?”, fragte Thorin und unter seinem tiefen Bariton konnte ich Sorge heraushören. Große Sorge. “Miserabel”, murmelte ich und schloss kurz die Augen. “Sie… Nach dem Aufstand und dem Übergriff konnte sie sich nicht ausruhen, sie konnte sich nicht mit dem auseinandersetzen, was geschehen war. Sie verstand, was geschehen war, aber du verarbeitest ein Trauma nur, wenn du dich aktiv damit auseinandersetzt und dir klar machst, was dir da angetan wurde. Die Zeit hatte sie nicht. Sie musste funktionieren und ihre Wunden heilten. Aber jetzt, ohne den Titel und die damit verbundenen Erwartungen, kommt Judy zur Ruhe und ihr Körper bekommt Panik. Panik, dass er nicht die Ruhe bekommt, die ihm zusteht. Daher das Fieber. Er zwingt Judy ans Bett, um die Erholung zu bekommen, die er braucht. Und mit der Erholung kommen die Erinnerungen zurück. Judy verarbeitet gerade ein Trauma - die Schmerzen… Hätte ich auch nur ansatzweise gewusst, was für Schmerzen sie nach dem Übergriff hatte! Wusstet ihr das?!” Meine Stimme zitterte gefährlich. “Nein”, murmelten die Zwerge. “Sagen wir so - fünfmal schlimmer als das, was Kravagh ihr antat.”

Ich seufzte. “Ich kann Magie in sie hineinpumpen, wie ich will, es wird nichts ändern. Ihre Psyche kann ich nicht beeinflussen und die versetzt Judy in diesen Zustand. Sie muss schlafen, ich bringe ihr ein paar Medikamente und versuche ihr die Schmerzen so erträglich wie möglich zu machen. Aber wir müssen warten.” “Wie lange?”, fragte Fili. “Fünf Tage? So in etwa. Dann sollte ihr Körper einigermaßen erholt sein und der Rest folgt.” “In Ordnung, ich organisiere eine Trage-” “Unsinn.” Meve schaltete sich sein. “Die kleine Miss ist krank und ihr wollt sie 19 Ebenen durch den Berg schleppen? Das lasse ich nicht zu. Ich und Gallii schlafen hier im Wohnzimmer - das haben wir schon getan, als unsere Schwiegertochter dort im Zimmer lag und niederkam und ihr eigenes Zimmer noch nicht bezugsfertig war. Miss Judy kann hier bleiben und sich ausruhen, bis sie sich selbst stark genug fühlt.” “Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, Lady Meve”, sagte Fili, “aber meine Schwester benötigt Sonne und frische Luft-” “Ich weiß schon, was Sie sagen wollen, Eure Majestät”, schnappte Meve. “Ich bin 241 Jahre alt, bin hier geboren, bevor der Drache kam und bin wieder in dieses Zimmer, als der Drache fort war. Tatsache ist, dass ich gesünder bin, als so manche Zwergin in den oberen Ebenen. Die kleine Miss braucht eine andere Umgebung, die sie nicht daran erinnert, wie man ihr wehtat. Ende.”

Ich musste ihr Recht geben. “Sie hat ein Bett und belüftet werden die Zimmer ja dennoch”, murmelte ich. “Sie jetzt zu bewegen, fände ich auch nicht förderlich. Lasst sie hier, wir behalten sie im Auge und sobald Judy stark genug ist, um eigenständig durch den Berg zu laufen, kann sie ja hoch.” Fili sah noch immer nicht überzeugt aus, doch Thorin nickte. “In Ordnung. Tess, du kümmerst dich um die Medikamente. Cain, wir benötigen Wachen vor der Tür. Fili, ich hole mein Arbeitszimmer solange hier herunter-” “Was?!” “Du bist hier und kannst meine Anwesenheit vertreten. Ich habe ein Auge auf Judy.” Das überraschte auch mich. Da hatte jemand offenbar ein schlechtes Gewissen… “Kili, ich will, dass Sir Gallii und Lady Meve ein Bett bekommen. Niemand schläft hier auf dem Boden.” “Eure Majestät-” “Keine Widerrede.” “Aber Eure Majestät, Miss Judy hat uns schon so geholfen!” “Das meintet Ihr bereits”, sagte ich, “aber ich verstehe es nicht so richtig. Wie hat Judy euch geholfen?” “In vielerlei Hinsicht”, sagte Meve. “Ich hatte ihr geschrieben und ehrlich gesagt nicht gedacht, Rückmeldung zu bekommen, es ging um meine Nichte. Sie hat letztes Jahr geheiratet und wurde kurz darauf schwanger, verlor jedoch das Kind.” Oh nein.

“Ihr Ehemann Sir Jarazzo, obwohl er ein guter Mann ist, ist vor Kummer fast umgekommen und hat meine Nichte verstoßen. Als wäre es ihre Schuld gewesen… Nun, ich bat Miss Judy um Unterstützung und sie hat meiner Nichte nicht nur etwas Geld zukommen lassen, sie hat ihr Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, sowie eine Frau ausfindig gemacht, die ihr für Gespräche bereit steht.” “Un’ sie hat Jarazzo die Leviten jelesen”, schob Gallii ein. “Ohja!” Meve nickte eifrig. “Unsere Nichte hat uns berichtet, wie Miss Judy ihn auf dem Flur abgegriffen hat und ihn ungespitzt in den Boden rammte. Die kleine Miss kann wohl ziemlich wütend werden-” Wenn sie wusste… “Ich erinnere mich”, sagte Cain nachdenklich. “Judy war bei Karen. Karen, richtig?” “Ja, richtig.” “Sie hat lange mit ihr gesprochen, während ich bestimmt ein Kilo Kekse gegessen habe… Und dann traf sie Sir Jarazzo zufällig direkt vor der Tür. Ganz großes Theater, Sir Jarazzo wird sich demnächst zweimal überlegen, ob er Ihre Nichte abweist.”  Ich grinste.  “Karen will ihm eine zweite Chance geben”, erwiderte Meve schwach lächelnd, “schließlich war es eine außergewöhnliche Situation und niemand macht einem Vater Vorwürfe, wenn er sein Kind verliert… Aber man musste ihn einmal in seine Schranken weisen und Miss Judy hat da nicht lange gefackelt.”

Wir schwiegen. Jeder hier wusste, dass Judy sich für Frauen einsetzte, wann immer es ging. Aber sie handelte auch, wenn sie konnte. “Wie geht es Eurer Nicht nun?”, fragte Fili leise. “Den Umständen entsprech’nd”, antwortete Gallii. “Sie und Jarazzo leb’n noch jetrennt, aber Karen is’ mittlerweile bei der Kinderbetreuung - meint, wenn sie schon ken eijenes ham’ kann, kann sie immerhin anjere betüdeln.” “Es wird noch etwas Zeit brauchen”, sagte Meve ruhig, “aber Dank Miss Judy wird das schon werden.” Mensch, war ich stolz auf meine Freundin. Taffe Judy. Shit, ich sie war bisher schon eine tolle Regentin gewesen, aber was würde sie für eine Badass-Königin sein, wenn sie die Zeit dafür bekäme. Ich sah zu Thorin, der die Arme verschränkt hielt und Meve und Gallii anstarrte, als wären sie der Grund für sein beschissenes Gewissen. Was sie vermutlich waren. Denn was auch immer der Rat und alle anderen gesagt  hatten, um Judy von ihrer Idee abzubringen - die Zahl derjenigen, die offenbar ein Frauenzentrum brauchten, stieg jeden Tag kontinuierlich an. Schande über die, die ihr den Mund verboten hatten. Schmoret in der Hölle. “Ich hole die Medikamente”, sagte ich in die Stille hinein. “Ich komme mit dir”, sagte Kili sofort, “du solltest hier nicht allein durch die Gänge wandern.” “Da hat er Recht”, brummte Gallii.

Als ich an Thorin vorbeikomme, murmelte ich: “Wann immer Judy ansprechbar sein sollte, schuldest du ihr was.” Er sagte nichts, doch anhand seiner Haltung konnte ich erkennen, dass er selbst schon zu dieser Einsicht gekommen war. Kili hielt mir die Tür auf und griff draußen nach meiner Hand. Stumm gingen wir für ein paar Sekunden nebeneinander her. Wir waren genauso müde und abgekämpft wie die anderen und unsere alltäglichen, ausgeprägten Konversationen waren auf ein Minimum geschrumpft. Dafür genossen wir umso mehr unsere Anwesenheit. Gerade abends - ich lehnte mich an ihn und wir schwiegen und nichts geschah - und wir waren okay damit. Bis auf die kleine Winzigkeit, dass Niko es blöd fand allein in seinem Körbchen zu liegen, während ich und Kili ja da so viel bequemere Bett zusammen genießen konnten. Er knurrte und jammerte und diskutierte dann mit uns über Stunden hinweg. “Könntest du sie wirklich nicht heilen?”, fragte Kili da. “Nein.” “Weil sie nicht krank an sich ist oder weil du deine Macht nicht nutzen kannst?” Ich schwieg. “Ana hat mir gestern davon berichtet”, schob er leise hinterher. “Ich brauchte für die Minen ein neues Notfall-Paket und sie fragte, wie du deine letzte Panikattacke überstanden hast.”

Ja, die. Wo ein Zwerg reingekommen war, der von seinem Wagen gestürzt war, unter die Räder geriet und dessen Arterie wunderschön wie ein Brunnen gesprudelt hatte. Ich hatte dort gestanden, gewusst, dass ich heilen musste und war in einen der Privaträume gestürzt, damit niemand meine Panikattacke mitbekam. Ana hatte es als einzige bemerkt und mit Wasser und etwas für die Nerven draußen gewartet. “Tess-” Kili blieb stehen und wischte mir zärtlich die einzelne Träne auf meiner Wange fort. “Wieso wusste ich davon nichts?” “Weil ich nicht wahrhaben will, dass ich selbst ein Trauma habe”, flüsterte ich. “Du kommst nicht mehr an die Macht ran?” Ich hob vage die Schultern. “Ich kann Kratzer und kleine Wunden heilen und Schmerzen nehmen, aber heilen wie… Amira oder einen akuten Blinddarm oder… Ich blockiere.” Die letzten Worte waren geflüstert. “Seit dem Aufstand?” Ich nickte. Kili sah mich nur an. Versuchte mich nicht zu trösten oder in irgendeiner Weise aufzumuntern. Es hätte auch nicht funktioniert. Ich hasste es nutzlos zu sein und ich vermisste die warmen Energieströme in meinen Adern. Ich konnte sie sehen und einen winzigen Teil von ihnen nutzen, aber das große Ganze… Als hätte mein Körper einen Staudamm errichtet. Und ich vermisste es. Ich vermisste meine Macht wie einen guten Freund.

“Ich sag ein paar Männern Bescheid”, sagte Kili ruhig, “dass sie unsere Sachen packen sollen. Sobald Judy wach ist, reisen wir ab.” “Kili-” “Nein, wir schieben das seit Wochen vor uns her, Ghivashel. Jedes Mal kommt irgendetwas dazwischen.” Jetzt streckte er die Hand nach mir aus und legte sie mir an die Wange. “Zusehen zu müssen, wie Judy krank wurde und am Boden war, war schlimm. Ich werde das bei dir erst gar nicht zulassen, denn das würde ich sicher nicht durchstehen.” Ich machte einen Schritt auf ihn zu und drückte die Stirn an seine. “Ich werde nicht zusehen, wie du leidest”, wisperte er. “Alles, aber nicht das. Nie wieder.” Ich wusste, dass er gelitten hatte, als ich bewusstlos war. Wir hatten nie darüber gesprochen, aber die Art und Weise wie er mit mir umging - ständig besorgt, leicht gereizt, immer ein Auge auf mich gerichtet. “Gut, gib’ ihnen Bescheid”, sagte ich. Meine Hände fuhren in seinen Nacken und kraulten seinen Haaransatz. “Ja?” “Ja. Du hast Recht, ich muss hier raus. Wir beide müssen mal raus. Und wir werden nie den Absprung schaffen, wenn wir nicht die Reißleine ziehen, denn dieser Berg zieht Probleme an wie eine Flamme Motten.” “Wem sagst du das.” Wir standen mitten auf dem Flur, Stirn an Stirn. Er hatte die Augen geschlossen, doch ich musterte sein Gesicht so nah vor meinem.

Den leichten Bartschatten, die dichten Wimpern, die gerade Nase und die hübschen Lippen. Ich liebte ihn. Mehr, als ich jemals angenommen hätte. Leicht drückte ich meinen Mund auf seinen und spürte die zaghafte Erwiderung Kilis. Ich sah eine kleine Falte auf seiner Stirn, löste mich von seinen Lippen und küsste ihn stattdessen auf die Stirn. “Chaoszwerg, du hattest mir versprochen, nicht zu einer zweiten Version deines Onkels zu werden”, erinnerte ich ihn leise. “Das ist leichter versprochen als getan.” “Und dennoch-” Ich ließ weitere Küsse folgen. “Wenn du mich nicht bald anlächelst oder etwas sagst, was mich Rot werden lässt, werde ich dich wieder in Muffin-Teig einwickeln müssen.” Kili lachte etwas. “Es gibt schlimmere Bestrafungen. Zwerglinge hüten zum Beispiel.” Wir küssten uns grinsend und fest, dass ich etwas ins Hohlkreuz gehen musste um den Druck auszugleichen. Solange wir uns so küssten, war alles okay. Trauma hin oder her.

Thorin
Er hatte gehofft so schnell nicht wieder Wache an Judys Bett halten zu müssen. Doch hier war er nun. Thorin hatte sich einen bequemen Stuhl in eine dunkle Ecke gestellt, einen Tisch dazu, auf dem sich all seine Papiere stapelten. Nicht, dass er den Stuhl brauchen würde. Er saß einfach an ihrem Bett, kühlte ihre Stirn mit feuchten Tüchern und redete leise mit ihr, wenn sie in ihrem Träumen hin und her wand. Er hätte mit ihr gehen sollen. Sie war so blass gewesen heute Morgen, viel zu blass, als das nur ihre Blutung daran Schuld gewesen wäre. Stattdessen war ein Bote in die Küche geplatzt, komplett außer Atem und hatte irgendetwas von “Miss Judy - schwer krank - Ebene 19” stammelnd. Dieser Berg gab einem aber auch keine Minute um zu Atem zu kommen. Eigentlich müsste Thorin dankbar sein. Er hätte sich nie selbst eine Pause gegönnt, obwohl seine Knochen schmerzten und sein Kopf vor Müdigkeit voller Watte war. Judy atmete zitternd im Schlaf ein, schlotterte vor Kälte. Trotz Kamin und drei Decken waren ihre Lippen blau.

Da kam Thorin eine Idee. Er stand auf, zog seinen Übwurf aus und die Decken vorsichtig zurück. Dann legte er den noch warmen Stoff über Judys Oberkörper und schlug die Decke wieder zurück. Strich ihr vorsichtig über die Wange. “Ach Amrâlimé”, flüsterte er. Würde es ihm doch leichter fallen zu sagen, was er dachte und fühlte und wieso er handelte, wie er handelte. Aber immer wenn Thorin sich seine Worte zurecht gelegt hatte, versiegten sie wieder. Er war einfach nicht gut darin emotionale Reden zu schwingen. Und dann war da diese Mauer, die zwischen ihnen stand… In dem einen Moment nur ein Schemen, wie gestern Abend als Judy ihm sagte, sie würde ihn lieben. Und dann wieder unüberwindbar hoch. Es klopfte und Cain huschte in den Raum. “Ich habe Wachposten aufstellen lassen”, sagte er gedämpft. “Vor den Türen, sowie an den nächstliegenden Abzweigungen. Milic wiederum geht die Gänge ab. Er bleibt am ehesten unsichtbar.” “Danke, Cain”, sagte Thorin aufrichtig. Zögerlich kam der Soldat näher. “Wie geht es ihr?”, fragte er. “Unverändert”, seufzte Thorin. “Ihr Mal verstärkt es?” Überrascht sah der König auf. “Sie hat dir davon erzählt?” “Ja. Sie hat mir eine ganze Menge erzählt…” “Achja?” “Ja. Wir ihr euch kennen gelernt habt. Von ihrem Mal. Ihrer Krankheit…” Er stockte kurz. “Ich weiß auch, dass du sie geschlagen hast.” Die Überraschung wich Anspannung. Dass Judy so einfach alles ausplauderte… Wobei, einfach war ihr das sicher nicht gefallen.

“Keine Sorge, ich musste versprechen alles für mich zu behalten”, brummte Cain. Der Soldat fixierte Thorin mit einer Wut in den Augen, die der König ihm gegenüber eigentlich nicht zulassen sollte. “Ich habe es ihr versprochen”, wiederholte Cain fest, “aber wenn ich Wort erhalte, Thorin, dass du ihr gegenüber die Hand oder gar die Stimme erhebst, warst du die längste Zeit mein König. Ich diene keinem Mann, der seine Frau nicht respektiert.” Der ewig rechtschaffende Cain, dachte Thorin. Er hatte Dains Sohn aufwachsen sehen - er begab sich gerne in chaotische Situationen, aber durch Cains Adern floß reines Ehrgefühl. “Wieso?”, fragte er leise, die Augen wieder auf Judy gerichtet. “Wieso was?” “Du dienst nicht nur mir sondern auch deinem Hauptmann, deinem Vater, deinen Lehrern- Bist du dir sicher, dass sie alle ein so reines Gewissen haben?” Cain schwieg. “Das dachte ich mir. Also? Wieso ist die Judy wichtiger als andere? Sicher nicht, weil du sie etwas besser kennst und du mit ihr geschlafen hast.” Thorin kannte die Antwort auf seine eigene Frage. Er wollte sie aber auch von Cain hören. Dieser hielt jedoch den Mund. Also übernahm er wieder das Reden, mit einer einfachen Feststellung: “Du liebst sie.”

Ein Seufzen perlte über seine Lippen und Thorin stand wieder vom Bett auf. “Ich bin etwa doppelt so alt wie du, Cain, und habe schon dutzende Zwerge kennen gelernt, die ihr Herz an eine Frau verloren, die ihre Gefühle nicht erwiderte. Oder umgekehrt. Ich würde dir gerne sagen, dass du zumindest mein Mitleid meinerseits hast, aber das wäre gelogen. Es würde bedeuten, dass ich Judy lieber an deiner Seite sehen würde als an meiner. Zugegeben: Sie hätte es bei dir deutlich einfacher. Ich habe einst versucht sie in Kleider und Diamanten zu stopfen und bin grandios gescheitert. Daran hat sich nichts geändert oder… wenig. Auf jeden Fall würde sie mir zuliebe Königin werden, nicht weil sie für diesen Posten lebt oder an ihn glaubt. Du würdest sie nicht dazu zwingen und könntest ihr dennoch das gleiche Leben bieten wie ich. Wohlstand, Sicherheit, einen Titel, Zufriedenheit, Fröhlichkeit, Zuneigung, irgendwann womöglich eine Hochzeit und in ferner Zukunft, wenn du ihre innere Hürde diesbezüglich überwunden hättest, auch Kinder. Und so wie du und ich das wissen, weiß auch sie es. Doch statt mit dir bereits vor Wochen in die Eisenberge geritten zu sein, liegt sie hier in diesem Bett, krank und von Träumen geplagt, die sie nur wegen mir hat. Das zeigt mir, dass zumindest ein winziger Teil von ihr, das Gleiche empfindet, wie ich für sie. Und solange ich diesen Funken sehe, werde ich sie nicht frei geben. Keine. Sekunde. Meines. Lebens.”

Thorin stand mittlerweile vor Cain. “Eine ziemlich egoistische Sichtweise”, murmelte dieser. “Und deine Gründe sind es nicht?”, erwiderte Thorin. “Sieh, wenn sie aufwacht und mir sagen würde, dass sie hier weg will, würde ich sie ziehen lassen. Wenn sie ins Auenland will - von mir aus. Wenn sie Legolas besuchen möchte: Alles in Ordnung. Und auch wenn sie mit dir geht, lasse ich das zu. Aber sie würde es mir sagen müssen, Cain. Ich handele auf ihre Entscheidungen hin-” “Ja? So wie vorgestern im Thronsaal?” “Willst du mir sagen, dass du anders gehandelt hättest?” “Nein. Ich weiß nicht, was ich getan hätte. Ich weiß aber, dass ich, in so vielerlei Hinsicht ich dir auch nicht das Wasser reichen kann, immerhin einen Vorteil dir gegenüber habe.” “Aha?” “Ich höre ihr zu.” Das hatte Thorin nicht erwartet und raufte etwas die Stirn. “Sie ist damals nach Thal gegangen, weil sie Angst hatte, euch zu verletzen-”, sagte Cain. “Sie sagte mir, dass sie Abstand bräuchte wegen… des Berges.” “Ja, das klingt nach Judy.” Thorin musste sich zusammenreißen dem jungen Zwerg keinen Klaps zu geben. Arroganter Sack. “Gut, nehmen wir ein anderes Beispiel - die Anlaufstelle für Frauen. Sie wurde abgelehnt, mehrfach. Aber Judy wollte diesen Ort nicht nur für andere, sondern vor allem für sich. Und das konntest du sehr deutlich heraushören.”

“Das habe ich”, knurrte Thorin. “Und doch sehe ich nicht, wie Bauarbeiter in diese Räumlichkeiten gehen und anfangen diesen Rückzugsort zu säubern”, erwiderte Cain. “Thorin, sie hat uns förmlich darum angebettelt, sie hat es uns ins Gesicht geschrien! Wieso haben wir sie gehört, aber ihr nicht zugehört? Denn ich bin der festen Ansicht, dass sie dann nicht hier liegen würde.” Der Kleine hatte Herz, das musste Thorin ihm zugestehen. “Ich behaupte nicht, dass ich alles mitbekomme, was sie will”, murmelte Cain, “aber immerhin ignoriere ich nicht absichtlich das, was ich höre. Sie ist eine so eigenständige Frau, die über Wochen hinweg dieses Königreich geführt hat und kaum bist du zurück, sagst du ihr, dass ihre Entscheidungen nichts taugen. Was, um ehrlich zu sein, mir nur zeigt, dass sie tatsächlich etwas für dich empfindet. Sie lässt dir all diese Sachen durchgehen, weil sie dich wirklich gern hat. Und solange sie das möchte, ist das für mich in Ordnung. Sollte sie aber irgendwann bei mir vor der Tür stehen, werde ich keine Sekunde zögern, sie aufzunehmen. Du hast diese eine Chance und keine mehr.” Thorin musterte Cain, der ihm unerschrocken in die Augen starrte. Der Aufstand hatte offenbar nicht nur Judy verändert sondern auch den Soldaten. Vermutlich war es der Übergriff gewesen, den Cain nicht hatte verhindern können und der den Zwerg nun so empfindlich reagieren ließ.

“Ich denke, du solltest dich zurückziehen, Cain”, sagte Thorin ruhig. “Wir beide haben unsere Standpunkte klar gemacht und wir akzeptieren den des jeweils anderen. Was bedeutet, dass ich in diesem Raum bleibe, bis Judy wach ist. Dich brauchen wir hier jedoch nicht.” Erneut flackerte Wut in Cains Augen auf, doch er fing sich recht schnell. Er sah zu Judy, die ruhiger atmete als eben noch und tief und fest schlief. “Wenn etwas ist, weißt du, wo du mich findest”, murmelte er. “Ja, das tue ich.” Cain nickte knapp, den Blick noch immer auf Judy und eine kleine, besorgte Falte auf seiner Stirn. “Cain! Ich bin hier. Ich habe ein Auge auf sie, versprochen.” “Ja, Eure Majestät, das weiß ich”, flüsterte er. Abrupt drehte Cain bei und verschwand aus dem Schlafzimmer. Ließ Thorin etwas einsam und verloren zurück. Cain hatte Recht. Er war egoistisch. Wäre er es nicht, würde er und nicht der Soldat das Zimmer verlassen. Hinter ihm im Bett raschelte es und Thorin fuhr herum. Er konnte nicht genau sagen, ob Judy wirklich wach war oder nur benommen, aber sie sah ihn an, ohne ihn… zu sehen. Thorin rührte keinen Muskel, starrte nur zurück. Doch langsam erkannte sie ihn. Judy blinzelte einmal. Zweimal. Lächelte. Thorin hockte sich aufs Bett, lehnte sich weit über sie und strich ihr über die Wange. “Ich bin hier Amrâlimé”, flüsterte er. Sie blinzelte ein drittes Mal. Dann schloss sie wieder die Augen. Wisperte: “Danke.”

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Mit einer Judy zu arbeiten, die krank war, war kompliziert. Sie lenkte Thorin mit jedem Atemzug ab. Während er versuchte zu arbeiten, seufzte sie im Schlaf, warf sich hin und her, redete teilweise. Sie träumte ununterbrochen und Thorin wollte sich nicht ausmalen, was sie träumte. Tess verabreichte ihr einmal am Tag einen schmerzlindernden Tee und versuchte etwas von ihrer Magie einzusetzen. “Es wird besser werden”, sagte sie am dritten Tag an Thorin gewandt. “Sie erholt sich langsam. Die Schmerzen lassen auch etwas nach, aber… wirklich nur sehr langsam.” “Was hat er mit ihr gemacht?”, fragte Thorin leise, die Arme verschränkt und den Blick fest auf Judy gerichtet. Judy hatte ihm erzählt, was passiert war, aber was hatte dieser Dreckskerl gemacht, dass sie so litt? “Er hat sie nicht vergewaltigt, falls es das ist, was du denkst”, murmelte Tess. “Aber er hat ihr… wehgetan und er hat ihr Angst gemacht. Sehr wehgetan und große Angst gemacht.” Er schluckte hart. “Wird sie wieder?” “Mit viel Geduld und Liebe”, meinte Tess. Sie berührte ihn kurz am Arm. Geduld und Liebe, dachte Thorin. Das sollte er doch schaffen oder nicht? Das schuldete er ihr. Sie lag schließlich nur wegen ihm dort.

“Wohin werdet ihr gehen?”, fragte Thorin, während er Tess zur Tür geleitete. “Ich und Kili?” Er nickte. “In die Blauen Berge. Ich will sehen, wo er aufgewachsen ist.” Thorin lächelte. “Du wirst es dort mögen. Es ist offener als hier im Berg. Nicht so düster.” “Darauf zähle ich. Aber ich bleibe, bis Judy wach ist, versprochen. So lange halte ich noch durch.” “Das wird schwer werden”, murmelte er. “Du und Kili geht in die Blauen Berge, Cain zurück in die Eisenberge und Fili nach Moria-” “Cain geht auch?” “Ja. Er wartet, bis Judy auf den Beinen ist und wird sich dann verabschieden.” “Weiß er das? Oder bist nur du es, der will, dass er geht.” “Hm. Ich verstehe deine Skepsis, aber tatsächlich haben wir uns gestern einvernehmlich dazu entschieden. Ich und Judy müssen allein an uns arbeiten. Er ist ein guter Soldat, er hat sie beschützt, aber mit ihm im Berg werden wir nie komplett allein sein. Ich… Wenn Judy sich entscheidet ihm zu folgen, dann ist das ihre Entscheidung, aber ich will sie nicht beeinflussen. Nicht… weiter beeinflussen.” Tess grinste etwas. “Du beeinflusst sie mit deiner Anwesenheit mein Lieber. Wenn du eine neutrale Ebene schaffen willst, dann solltest du auch den Berg verlassen.” “Also von neutral war nie die Rede-”

Er musste das alles irgendwie wieder gut machen. Das war von Anfang an seine Intention gewesen. Die Zofe sollte Judy entlasten. Ja, er hatte ihre Gemächer als Saustall bezeichnet, aber nicht der Zofe gegenüber. Er hatte es vielmehr in seinen Bart gebrummt. Judy mochte es genauso wenig dreckig, sie war einfach nicht zum Putzen gekommen, er konnte es nicht und war selbst noch zu schwach um auf den Knien zu hocken und das Holz zu polieren. Daher Vicki. Und Sir Groi hatte er geköpft, weil er eine Gefahr für Judy war. Irgendjemand könnte ihn frei lassen, irgendjemand könnte nach einem ärztlichen Besuch vergessen die Kerkertür zu schließen, er könnte jemanden erpressen. Und so wie er Judy bei der Anhörung angesehen hatte… Dieses Geräusch was er von sich gegeben hatte und wie Judys Augenlider flackerten - er hatte sich nicht zurückhalten können. Dieser Zwerg hatte versucht seine Frau zu vergewaltigen, er hatte ihr Schmerzen zugefügt und psychisch so schwer geschädigt, dass sie nachts schreiend aufwachte. Sie lachte nicht mehr, sie kämpfte nicht mehr, sie schrak zurück, wenn jemand sie plötzlich berührte. Er würde nie die Judy zurückbekommen, mit der er geschlafen hatte. Das wusste Thorin. Aber er wollte sie zumindest an die guten Sachen erinnern. Und er wollte ihr zeigen, dass er auf ihrer Seite stand.

Thorin sah auf die Papiere auf seinem Schreibtisch. Die ersten Abrechnungen für den Wehrgang waren da, die musste er unterschreiben, ebenso eine erste Auswahl von neuen Rekruten. Thorin wollte seine Soldaten kennen und hatte auf die Profile bestanden. Wer seine Männer nicht kannte, verdiente ihr Vertrauen nicht. Schließlich waren sie bereit ihr Leben für ihn zu geben. Zwei große Projekte, die Judy da losgetreten hatte. Vielleicht waren sie nur Ausdruck ihrer Paranoia oder es war eine verdammt kluge Entscheidung ihrerseits gewesen. Eine unterbewusste Ahnung von etwas, das in Zukunft geschehen würde oder geschehen könnte und auf die sie den Berg vorbereiten wollte. Judy gab einen erschöpften Laut von sich und Thorin sah kurz zu ihr. Sie würde ihm nie erzählen, was ihr wirklich zugestoßen war. Er würde sie nie nachvollziehen können und er würde ihr nie die Unsicherheit und Angst nehmen können. Ein Fremder hatte dieses Vertrauen zwischen ihnen kaputt gemacht. Hm. Vielleicht musste ein Fremder es auch wieder aufbauen. Thorin ignorierte die Abrechnungen und griff nach einem Briefbogen und seiner Feder. Er schuldete Judy was. Dutzendfach. Wurde Zeit, dass er begann seine Schuld abzuarbeiten.
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