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The Prince of silver fountains (2)

GeschichteFantasy, Suspense / P18 / Gen
Fili Kili Legolas OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2018
01.04.2021
96
443.675
63
Alle Kapitel
203 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
31.01.2021 4.748
 
So ihr Lieben,
es geht weiter :) Ich weiß, wir hatten eine Menge Judy in letzter Zeit - nach diesem Abschnitt, kommen die anderen auch wieder zu Wort. Aber ich musste mal in der Geschichte vorankommen. Uuuuuund - Trommelwirbel - wir haben noch weniger als 10 Kapitel, bis zum dritten Teil :o
Ich danke euch für all eure lieben Revis  und wünsche euch nun viel Spaß mit dem neuen Kapitel. Einen guten Start in die Woche allerseits!
CasseyCass *-*

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Judy
Am nächsten Tag war ich krank. Ich wachte neben Thorin auf, seinen Arm fest um meinen Bauch und spürte die Schmerzen in meinen Muskeln allein bei dem Gedanken an sie. Druck lag hinter meinen Augen, sie brannten und meine Wangen waren unnatürlich warm. Oh und hatte ich die Unterleibsschmerzen erwähnt?! Ja. Große Klasse. Ich biss die Zähne zusammen um eine Schmerzwelle zu ertragen. Ich hatte in all dem Chaos das Zählen durcheinandergebracht und erst in einer Woche mit meiner Periode gerechnet. Shit. Mein Bauch grummelte und ich verzog das Gesicht. Ich musste ins Bad, nichts war Beschissener als Blut im Bett. Vorsichtig legte ich Thorins Arm nach hinten und stand auf. Was würde ich für Ibuprofen und Tampons geben. Ich wühlte in der kleinen Box bei der Toilette nach meinen Hygieneartikeln - was tatsächlich nur dicke Stoffstreifen waren, die man wieder auswusch. Wogegen ich mich vehement wehrte. Ich warf sie fort. Am Ende lockte ich irgendwelche Fliegen bei den Wäschereien an und die Pest brach aus. Igitt. Ich hatte hier bei Thorin auf gut Glück welche deponiert - Frau wusste nie - und war dankbar für mein rationales Ich.

Was ich aber eigentlich suchte - nämlich meine mittelalterliche Version von Ibuprofen - war leer. Tess hatte mir die Creme angerührt, wohl wissend, dass ich die ersten beiden Tage meiner Periode immer Amok lief vor Schmerzen. Die Creme wurde etwas warm und hatte irgendwelche Kräuter und Öle drin, die beruhigend und entkrampfend wirkten. “Scheiße”, fluchte ich. Bis die Creme durchgezogen war, würde mindestens ein Tag vergehen. Ein Tag, indem mein Bauch sich anfühlte als hätte ein Tiger ihn mit scharfen Krallen ausgeschabt. Und drüben hatte ich auch nichts mehr. Es klopfte an der Tür. “Amrâlimé, alles in Ordnung?” “Ja, ich bin sofort da”, rief ich zurück. Shit, shit, shit. Ich brütete eine Grippe aus und bekam meine Blutung, so ein Scheiß passierte nur mir. Vorsichtig stand ich auf, spülte und wusch mich sorgfältig, ehe ich mir die Haare irgendwie zusammenband und hinaus trat. Thorin band sich gerade die Hose zu und griff nach seinem Überwurf. Als er mich sah, ließ er die Hände sinken. “Wie siehst du denn aus?! Bist du krank?” “Ich würde mich drüben schnell umziehen und kurz zu Tess gehen”, erwiderte ich möglichst ruhig. “Ich brauche eine neue Kräutercreme.” Thorin runzelte die Stirn, ehe er auf mich zukam, besorgt wie Rocko bei der Geburt seines Kindes. “Hast du Schmerzen?”

“Nur die allmonatlichen Probleme einer Frau”, sagte ich beruhigend und er verzog mitleidig das Gesicht. “Brauchst du irgendetwas? Tee oder neue Stofffetzen?” “Nein, danke dir. Es ist nur diese blöde Creme, die leer ist. Mach dir keine Gedanken.” “Hmm… Soll ich in der Küche Linseneintopf bestellen?” “Eh- Wieso?” “Linsen haben einen hohen Eisengehalt. Dis hat ihn immer gegessen, wegen des Blutverlustes.” Ich blinkte Thorin überrascht an. “Ja, das klingt… sinnig.” “Naja, du isst kein Fleisch, also-” Er hob die Schultern. Boah, was ein Schatz. Ich wusste kaum, was ich sagen sollte. Also zog ich ihn an seinem noch offenen Überwurf an mich heran und küsste ihn. Überrascht erwiderte Thorin den Kuss und raufte daraufhin die Stirn. “Wofür war der?” “Für dich. Dafür, dass du du bist.” “Oh. Nun, ich schätze, dass du das noch oft genug verfluchen wirst.” “Ist das ein Versprechen, ja?” Thorin grinste in den Kuss. “Ich bringe dich zum Krankentrakt.” “Nein, Thorin-!” “Keine Widerrede! Du siehst aus als würdest du gleich zusammenbrechen.” Ja so fühlte ich mich auch… Trotzdem! “Gut, dann hol mich in fünf Minuten drüben ab, ich ziehe mich schnell um.” “Rennst du weg?” “Thorin! Ehrlich? Ich bin keine fünf mehr!” “Naaa-” Pff, also wirklich. Kopfschüttelnd trat ich aus seinem Zimmer und sah nicht nur Cain neben meiner Tür lehnen sondern auch Milic und Salia neben ihm.

“Du kommst aus der falschen Tür”, begrüßte Cain mich grinsend. “Und sie trägt die gleiche Klamotten wie gestern”, fügte Milic hinzu. “Ihr seid schrecklich”, brummte ich. “Ich könnte an dir riechen, weißt du? Das hast du letztens auch bei mir getan.” “Du, mein Lieber, hast ja auch gerochen, als hättest du in einem Blumenbeet gebadet-” Milic lachte auf. “Vielleicht riechst du ja nach extra Männlichkeit?” “Du mich auch. Darf ich mich nun umziehen?” “Weil du es bist-” “Salia, Sie sollten sich neue Kameraden suchen, solange es noch geht.” “Dafür ich es, fürchte ich, zu spät, Miss”, meinte der Soldat schief grinsend. Natürlich war es das. Ich warf ihm und den anderen beiden Chaoten ein Lächeln zu. “Oh, Judy, die Bauarbeiter sind noch auf dem Balkon”, sagte Cain da. “Die sind gestern mit der Vorrichtung nicht fertig geworden-” “Schon wieder?” “Naja, die bestückten dutzende Balkons, ich glaube gestern war auch nur einer von ihnen da…” War ja auch eigentlich egal. Mich störte das weniger. “Danke.” Ich schloss die Tür hinter mir und kramte mir endlich aus meiner Kommode neue Klamotten heraus. Da meine Vorhänge noch immer fehlten, jetzt aber wildfremde Zwerge auf dem Balkon arbeiteten, zog ich mich im Wohnraum um. Dann sammelte Thorin mich ein und wir gingen zusammen zum Krankentrakt.

Nur noch ein paar Aufständige lagen hier, die meisten waren entlassen worden und die Krankenschwestern hatten wieder ihren normalen Workload zurück. “Soll ich warten?”, fragte Thorin und lugte in den Krankensaal. “Iwo. Geh zum Frühstück, ich bin in 20 Minuten selbst da. Ich muss mich nur mit Tess verquatschen und dann stehst du hier herum.” “Wie du meinst. Bis gleich.” Er gab einen kleinen Kuss, doch als er sich abwandte und seinen Soldaten zunickte den Weg zurückzugehen, ergriff ich seine Hand und zog Thorin wieder zu mir. Sinnlich drückte ich die Lippen gegen seine und kreuzte die Arme in seinem Nacken. Mir egal, was seine Soldaten dachten. Thorin hatte gestern mit mir Schluss machen wollen, wer wusste, was auf dem Weg zum Frühstückssaal nicht alles geschehen konnte. Er musste sich gut einprägen, wieso er mich wollte. “Bis gleich, Eure Majestät”, wisperte ich und Thorin strich mir den Rücken hinunter. “Bis gleich, Amrâlimé”, gab er ebenso leise zurück. Mit einem letzten Kuss ließ ich ihn gehen und huschte erst in den Krankensaal, als er um die Ecke gebogen war. “Tess?” Ich lugte in die Kräuterkammer und in den großen Gemeinschaftsraum, doch die blonde Mähne meiner Freundin war nicht zu sehen. “Miss Judy-” Ich fuhr herum. “Hallo.” “Kann ich Ihnen helfen?” Die Krankenschwester, deren Namen ich partout nicht aufrufen konnte, legte ein Klemmbrett auf den Tresen. Ana hieß sie, glaubte ich.

“Ist Miss Tess nicht hier?” “Eigentlich schon, aber sie wurde zu einem Notfall gerufen. Kann ich Ihnen helfen?” “Nein, ist schon gut, ich… Können Sie mir sagen, wo dieser Notfall ist? Vielleicht treffe ich sie dort noch an.” “Natürlich-” Ana, wenn sie denn so hieß, erklärte mir den Weg zu dem Patienten und ich nickte ihr dankbar zu. Es war etwas weiter weg und würde demnach etwas länger dauern, bis ich zurück wäre, dafür hätte ich meine Bestellung sicher abgegeben. So viel ich wusste, hatte Tess das Rezept nämlich nicht öffentlich gemacht. Zwerginnen hatten weniger Schmerzen bei ihrer Periode und tranken lieber ein halbes Fass Bier. Also machte ich mich auf in einen sehr tiefen, dunklen Teil des Erebors. Hier unten wohnten viele Wäscherinnen, einfache Bauern und Handwerker. Arm war in diesem Berg niemand, aber verglichen mit dem Prunk, indem Thorin lebte, mussten die Zwerge sich wie Zwangsarbeiter fühlen. Amiras Gemach hatte immerhin noch ein Fenster gehabt, hier unten die Zimmer hatten gar keines. Sie wurden von großen Fackeln erleuchtet und der Kamin brannte unaufhörlich, um die Wärme im Gestein zu halten. Es roch nach Kohle und Rauch und vielen, durcheinandergewirbelten Essensgerüchen. Ich musste mir teilweise tatsächlich die Hand vor den Mund legen, um mich nicht zu übergeben.

Hoffentlich roch es in den Zimmern besser. Es konnte nicht gesund sein mit dieser Art der Belüftung zu leben… Der Gang ging etwas bergab und ich hielt mich am Rand, um mich an der Wand abstützen zu können. Hoffentlich machte Thorin sich jetzt keine Sorgen. Ich wäre jetzt schon länger fort als geplant. Gut, vielleicht nahm er an, dass ich mich mit Tess verquatscht hatte, wie gewarnt hatte. Trotzdem, ich würde mir nachher mal wieder etwas von “unverantwortlich” und “unbedacht” anhören müssen. Andererseits war ich ein großes Mädchen, richtig? Ich war bis vor zwei Tagen Regentin gewesen, also… Ich blieb an einer Weggabelung stehen und runzelte die Stirn. Shit. Links oder rechts? Rechts. Dachte ich… Wäre ich mal nicht so in Gedanken gewesen. Es kam nur alle paar Meter eine Fackel und als die Abstände auf gut zehn Meter anschwollen, nahm ich mir eine davon aus der Halterung. Ich würde hier unten sicher nicht im Dunkeln festsitzen wollen. Ich bog zwei weitere Male ab und glaubte langsam, mich verlaufen zu haben. Ich war an genau drei Zimmern bisher vorbeigekommen und ich würde sicher nicht hier unten, ganz allein an eine fremde Tür klopfen. Ich wollte niemanden etwas unterstellen, aber bisher hatten die Zwerge nicht gerade an einer gesunden Vertrauensbasis gearbeitet. Schließlich blieb ich stehen und drehte mich seufzend um. Das brachte doch nichts. Ich sollte zurück zur Eingangshalle und nochmal genau die Abzweigungen durchdenken. Oder noch besser: Dort oben auf Tess warten.

Mein Bauch grummelte und ich drückte die Hand dagegen. Auf ein Neues. Ich machte mich den Weg wieder zurück, blieb nach wenigen Schritten jedoch wieder stehen. Diese Abzweigung hatte ich eben nicht gesehen. Mein Fackellicht hatte nicht so weit gereicht. An wie vielen Abzweigungen war ich vorbeigegangen, ohne es zu wissen? Ich räusperte mich kurz. Keine Panik. Du hast Stunden im Abfluss zugebracht, du schaffst das hier auch. Allerdings war die Kanalisation Deutschlands, wie es die Deutschen so mochten, klar strukturiert und beschriftet… Naja und ich hatte Googel gehabt. Ich ging weiter. Nie im Leben war ich nur zwei Schritte gegangen, bis ich wieder umgekehrt war. Das waren mindestens fünf Minuten gewesen. Zumindest hatte es sich wie fünf Minuten angefühlt. Dieser Berg war aber auch beschissen groß. Ich zählte die Sekunden mit. Bei fünf Minuten angekommen, hatte ich seit Ewigkeiten keine Abzweigung mehr gesehen. Es musste also die nächste sein. Die ging sogar bergauf, was mir schonmal ein gutes Zeichen war. Ich war bergab gegangen, also musste ich nun bergauf gehen. Komisch war nur, dass es hier gar keine Türen mehr gab. Und auf dem Weg nach unten war ich sicher an welchen vorbeigekommen.

Ich blieb erneut stehen, aber diesmal, weil ich eine Pause brauchte. Ich schwitzte und bekam nur schwer Luft. Mein Gesicht glühte mittlerweile wie ein Atomkraftwerk und diese Unterleibsschmerzen! Ich stützte mich an der Wand ab und keuchte dagegen, wollte weitergehen und bemerkte das Schwarz an meinen Fingern. Schwarz?! Ich war die ganze Zeit über mit der Hand an der Wand entlang gegangen und sie war nie schwarz geworden! Das hier war gewiss nicht der Gang, aus dem ich gekommen war. Scheiße. “Eins-Mississippi”, flüsterte ich, “zwei-Mississippi, drei-Mississippi…” Okay, wie kam ich hier wieder raus? Den Gang weitergehen und hoffen irgendwo auf einen Quergang zu stoßen? Was, wenn das hier eine Sackgasse war? Ich war nie so weit hier unten gewesen, ich war so oft abgebogen, dass ich genauso gut am anderen Ende des Berges sein könnte. Wäre mir nicht so schwindelig! Ich ging zurück. Bog rechts ab und ging weiter geradeaus. Langsamer als zuvor, weil es ebenfalls leicht anstieg und mir die Kraft ausging. Das lag bestimmt auch an der Dunkelheit und dem vielen Stein über meinem Kopf. Immerhin hatte ich die Fackel mitgenommenn… Irgendwie wünschte ich mir jetzt doch, dass Thorin sich Sorgen machte und jemand nach mir schickte. Er selbst sollte in seinem Zustand nicht hier unten sein, aber irgendjemand, dem ich vertrauen könnte…?

Da hörte ich Stimmen. Nur ein paar Meter vor mir. MENSCHEN! LEBEWESEN! Ich hechtete los. Die konnten mir bestimmt weiterhelfen. Sie bräuchten ja nicht mitkommen, mir nur sagen, wo ich war und mir die Richtung angeben. Vermutlich war es etwas ganz simples, zweimal rechts und einmal links oder so… Es dauerte ein paar Schritte, bis ich raffte, dass da keine Zwerge waren. Der Gang schlängelte sich vor mir entlang, schnurgerade und keine Menschenseele war zu sehen. Ich hatte mir die Stimmen eingebildet… Und ich Idiot war gerannt. Was hatte ich von dutzenden Fünf-Freunde-Hörbüchern eigentlich gelernt? Nichts, ganz offensichtlich. Ich hatte mir nichts überlegt, wie ich den Weg markieren könnte. Ich hatte nicht aufgepasst wann ich wo abgebogen war. Ich war nicht, als ich die Orientierung verloren hatte, an einem Ort geblieben. Und… ich war gerannt und hatte nun endgültig verloren. Ich rieb mir über die geschwitzte Stirn. Scheiße, scheiße, scheiße… Ich stöhnte auf und schlang die Arme um meinen Körper, der schmerzte, als hätte ich die vergangenen Tage nicht auf einem gepolsterten Stuhl gesessen sondern als wäre ich auf Händen und Knien durch die Minen gerobbt. Und mir war kalt. So kalt, dass meine Zähne aufeinander schlugen, während mir Schweißtropfen über die Stirn tropften. Wie konnte man so schnell so krank werden?!

“Shhht-” Ich fuhr herum. War da…? “Hallo?!” Meine Stimme versank in der Dunkelheit. “Shhht-” Zögerlich ging ich etwas zurück lugte in eine dunkle Abzweigung hinein. Vermutlich nur der Wind. Ja, das sagten die Leute auch im Krimi, bevor sie jemand mit dem Hackbeil umbrachte. “Shhht…” Ich wich zurück. Schloss die Augen, weil der kleine Lichtkegel meiner Fackel sich zu drehen begann. Vielleicht musste ich nur kurz eine Pause machen. Nur kurz hinsetzen, bis mein Kreislauf sich stabilisiert hatte… “Shhht…” Ich riss die Augen wieder auf, als dieses unheimliche Geräusch direkt neben meinem Ohr erklang. Samt Fackel fuhr ich herum. Sir Groi grinste mich an, die Narbe flackerte unheilvoll auf. “Buh”, sagte er. Meine Fackel fiel aus meinen schmerzenden Fingern und ich strauchelte nach hinten, versuchte mich an der Wand abzufangen. Doch ich verfehlte sie. Knallte auf den Boden und-

Tess
Boah, wie ich den Aufstieg aus den unteren Leveln hasste. Die Stufen von den Minen hoch waren schon immer Folter, aber aus den unteren-unteren Leveln… Horror. Schnaufend wie eine Dampflock kam ich in der Eingangshalle und sog tief die frische Luft ein. Ich war zu einer älteren Zwergin gerufen worden, die seit einiger Zeit Herzstolpern hatte. Das war in ihrem Alter normal und ihr Herz war soweit auch okay, aber sie war nun mal alt. Und meine Behandlung, weniger Fett und Zucker und Alkohol zu nehmen, stieß bei Älteren hier immer wenig auf Begeisterung. Ich raffte mein Kleid und begann den Aufstieg zum Krankentrakt. Was gab’s eigentlich zu Mittag? Vielleicht sollte ich mal Flammkuchen vorschlagen. Das könnte jeder sich selbst belegen und es ging recht schnell, weil der Teig so dünn war. Damit könnte ich vielleicht auch Judy wieder zu uns locken. Ich konnte ihren Abgang vorgestern echt verstehen. Und auch, dass sie uns gestern aus dem Weg gegangen war. Wirklich, wirklich verstehen. Thorin hatte sie komplett übergangen. Zugegeben, der Kerl hatte sie vergewaltigen wollen, aber sie hatte entschieden, dass es ihn mehr strafen würde, wenn er sein Leben lang im Knast sitzen würde. Sie hatte für Kurze Zeit die Kontrolle an ihn verloren und es war ihre Art gewesen ihm zu sagen, dass sie sie zurückgewonnen hatte. Wäre Thorin nicht mit dem Bulldozer drüber…

Zwerge und ihr Temperament, ich würde es wohl nie verstehen. Kili hatte sich natürlich auf Thorins Seite geschlagen, rein aus Prinzip, wie ich fand, aber das war mir ziemlich gleich. Diese Story gehörte Judy und Thorin, nicht mir und Kili. Ich machte ein paar Soldaten Platz und sah zu meinem Erstaunen, wie Cain die Treppe herunter geeilt kam, Besorgnis auf seinem Gesicht. “Tess!” “Hey du”, lächelte ich. “Was ist los?” “Wo ist Judy?” “Ich weiß es nicht-” “Thorin sucht sie. Sie wollte zu dir, wegen ihrer Unterleibsschmerzen.” “Und wann war das?” Er biss die Zähne zusammen. “Vor zwei Stunden.” Wow. Dass er erst jetzt nach ihr suchte war erstaunlich. Vermutlich sein eigener Bestrekord. Oder Thorins. Moment, Thorin suchte sie?! “Ich war bei einer Patientin”, erklärte ich und deutete hinter mich, ohne mir meine Verwirrung ansehen zu lassen, “das hat etwas länger gedauert-” “Ich weiß”, unterbrach er mich, “Judy war auf dem Weg zu dir. Ich war gerade im Krankentrakt, deine  Kollegin meinte, sie wäre dort gewesen und hätte zu dir kommen wollen.” “Bei mir ist sie nie angekommen, Cain…” Er fluchte leise auf Khuzdul, ließ die Augen hinter mir über die Eingangshalle streifen. “Thorin sagte, sie hätte echt krank ausgesehen… Ich habe sie nur kurz gesehen.” Naja, wenn sie ihre Blutung hatte… Ich war okay in den paar Tagen, aber Judy hatte schon so manche Male Probleme damit gehabt. Sie war in der Pubertät regelmäßig zusammengeklappt.

“Okay, wir können den Weg zu meiner Patientin gerne nochmal abgehen, aber von dort kam ich wie gesagt gerade erst und wenn Judy sich vor zwei Stunden auf den Weg gemacht hat-” “Wo genau wohnt deine Patientin?”, fragte Cain. “Im unteren Ostflügel.” “Wo genau?” “Ebene 14.” Er schloss entnervt die Augen. “Da gibt’s bestimmt 500 Abzweigungen, an denen sie falsch abgebogen sein könnte”, murmelte er. “Und weiter unten wohnt Gesindel, dem du nicht im Dunkeln begegnen willst.” Das wusste ich. Meine Patientin war schließlich eine davon, die nur wegen ihres Sohnes etwas weiter oben wohnte. Langsam begann allerdings auch ich mir Sorgen zu machen. Denn Judy wusste sicher nicht, wer da unten lebte. “Dann Abmarsch. Judy kann gut die Nerven behalten, wenn sie sich verlaufen hat, wird sie sich nicht mehr von der Stelle rühren, bis wir sie gefunden haben.” “Thorin wird das nicht gefallen-” Ich berührte ihn kurz an der Schulter. “Wir finden sie. Schicken auf dem Weg dorthin, jemanden bei Thorin vorbei. Nur keine Pa-” “TESS! CAIN!” Ich drehte mich um. Kili stand unten am Fuße der Treppe und breitete die Arme aus. Winkte uns heran. “Was denn?!” Wir eilten herunter. “Ich suche euch schon die ganze Zeit”, sagte Kili. “Okay?” “Wisst ihr wo Judy ist?”

“Die wollten wir gerade suchen”, seufzte ich. “Sie war wiederum auf der Suche nach mir und hat sich wahrscheinlich verlaufen.” “Ach wahrscheinlich?” Kili schüttelte kurz den Kopf und deutete auf einen alten, gebeugten Zwerg hinter sich. “Das ist Sir Gallii. Er hat Judy gefunden - bewusstlos im Dunkeln auf Ebene 21! Was in DURINS NAMEN hatte sie dort verloren?!” “Sie hat sich verlaufen, auf der Suche nach mir”, wiederholte ich. Ich lächelte Gallii an. “Guten Tag, Sir”, sagte ich, “Sie haben Miss Judy gefunden?” “Ja, Miss, Sie… Sie sieht nich’ gut aus. Hohes Fieber, wenn Sie mich fragen.” Meine Augen sprangen zu Cain. “Fieber? Nein, sie war… blass, aber Thorin hat nichts von Fieber gesagt. Dann hätte er sie nicht gehen lassen”, sagte er verwirrt. “Thorin?”, fragte Kili verblüfft. “Okay-” Ich hob die Hände. “Wir kommen mit Euch, Sir. Kili, kommst du mit?” “Ja.” Seine Augen sprangen wütend zwischen mir und Cain hin und her. “Wenn sie dich suchen war, Ghivashel, wo warst du dann?” “Ebene 14, bei einer Patientin.” Er schnalzte wütend mit der Zunge. “Weißt du-” “Ja, Kili, weiß ich. Und? Soll ich den Leuten dort unten eine ärztliche Behandlung versagen, nur weil sie nicht auf einem Berg Gold sitzen?” “Nein, gewiss nicht, aber-” “Kili.” Ich nahm sein Gesicht in die Hände und küsste ihn. “Chaoszwerg, ich weiß, was ich tue. Judy wiederum wusste es nicht, weshalb wir Sir Gallii nun folgen werden, hm?”

Kili nickte nur. “Sir Gallii”, sagte ich, als wir uns auf den Weg machten, “wie haben Sie Judy gefunden?” “Nun, ich war auf’m Rückweg von ‘nem Freund. Bin eine kleene Abkürzung jegang’ und hab’ Rufe jehört. Was unjewöhnlich für dort unten is’. Meist sieht ma’ nur ‘n paar Ratten, aber da es keen Licht mehr jibt dort unten… Nun, bin fast über sie gefall’n. Lag mitten im Weg, bewusstlos und hat jezittert wie verrückt.” “Vom Fieber?” “Nun, sie hat Fieber, Miss. Ihr Jesicht glüht und sie schwitzt und is’ weeß wie ‘n Stück Kreide. Aber der Rest von ihr war eiskalt.” Das klang gar nicht gut. “Ihr habt sie mitgenommen?”, fragte Cain. “Ja, Sir. Hab’ sie natürlich erkannt und wer weeß, was passiert wär’, wenn eener der üblen Sort’ se so jefunden hät’. Die ham sich vielleicht nich’ am Aufstand beteiligt, aber auch nur, weil selbst Miss Breeda sie zu unheimlich war’n un’ niemand von denen sich schert, wer auf’m Thron sitzt. Für die ändert sich ja nichts.” Die. Es waren alles mögliche an Zwergen, die sich auf den Ebenen unter 13 verbargen. Viele Prostituierte, Drogenabhängige, Aussätzige, Verbannte, Hochkriminelle. Kili hatte schon Recht, wenn er sich sorgte. Aber wenn mich eine ehemalige Prostituierte zu sich rief, würde ich mich sicher nicht von ihr abwenden.

“Wo ist Judy jetzt, wenn Sie hier sind?”, fragte ich. “Bei meiner Frau, Miss. Ham da unten wahrlich nich’ viel, aber ‘n warmes Bett und ‘nen Kamin. Meve kümmert sich toll um die kleene Miss, lässt sich kaum von wem an’ers berühr’n. Hat se mal schlechte Erfahrung gemacht, ja?” Kili räusperte sich, ehe ich mich verplappern konnte. “Is’ ja auch ejal”, winkte Gallii ab, ohne das Räuspern wahrzunehmen. “Is’ in juten Händ’n. Hät’ se sicher nich’ alleen jelass’n. Die kleene Miss weiß es wahrscheinlich nich’, aber se hat was unterschrieb’n, was uns über die Rund’n hilft. Sin’ dankbar.” “Wir sollten Thorin und den anderen Bescheid geben”, sagte ich leise zu Kili. “Ich habe schon nach ihnen schicken lassen”, gab er zurück, “und nach Mutter, aber die habe ich auf die Schnelle nicht finden können.” “Hauptsache sie wissen Bescheid.” “Tun sie.” Wir waren bestimmt auf Ebene 17 abgestiegen und der Stein drückte von oben auf uns nieder. Eine Gruppe düsterer Zwerge kam uns entgegen und passierte uns. Einer von ihnen musterte mich offensiv und hob eine Augenbraue, begleitet von einem kleinen Pfeifen. Ehrlich? Catcalling im Erebor?! Kili tauschte augenblicklich die Seite mit mir und Cain lockerte sein Schwert. Er sagte etwas auf Khuzdul, leise und grollend und die Männer hoben bloß abwehrend die Hände. Wenn die gegen eines nicht ankämen, dann gegen einen der Soldaten des Thrones.

Mit Gallii vor mir, Kili links, der Wand rechts und Cain hinter mir, war ich so vor fremden Blicken geschützt, dass die anderen Gruppen mich kaum wahrnahmen. Zwar wurde es ruhiger, je weiter wir runter kamen, aber das bedeutete auch, dass, sollten wir auch Zwerge treffen, diese immer unangenehmer werden konnten. Doch wir blieben verschont. “Ebene 19”, sagte Gallii und trat an eine Tür heran, die so rußgeschwärzt war, dass sie sich kaum von der Wand abhob. “Sie haben Judy aus eben 21 bis hier her geschleppt, Sir?” Gallii nickte. Wow. Starker kleiner Opi. Wie auch Amiras Zimmer, bestand dieses hier aus zwei Räumen. Der Erste eine Wüche - ein Wohnzimmer und Küche - und dann eine Tür, die zum Schlafzimmer führte und wo ein winziges Bad angrenzte. Alles wurde von Kerzen erhellt, war rustikal gehalten und sehr gemütlich. Die Tür zum Schlafzimmer stand einen Spalt offen und ich schob mich an Gallii vorbei. Klopfte an. “Lady Meve?” Die Zwergin, die sicher die 240 bald überschritt und deren graue Haare zu einem wahnsinnig langen, hübschen Zopf geflochten waren, drehte sich um. “Miss Tess, nehme ich an”, lächelte sie. “Gut, dass mein Mann Sie gefunden hat.”

Ich trat auf die Zwergin zu und nahm ihre faltige, knochige Hand. “Wir stehen tief in Ihrer Schuld”, sagte ich leise, “wer weiß, was Judy ohne Sie geschehen wäre-” “Ach nein, Kindchen, das ist selbstverständlich. Sie hat uns geholfen, nun helfen wir ihr.” “Darf ich?” “Natürlich.” Meve rückte zur Seite und ich setzte mich neben Judy aufs Bett. Sie wirkte verloren mitten in dem Doppelbett, blass wie das Laken unter ihr. “Judy?”, flüsterte ich und nahm vorsichtig ihre Hand. Zog sie sofort wieder zurück, als mich Schmerz wie ein Blitzschlag traf. Hinter mir wurde es unruhig, als Cain und Kili und Gallii sich auch noch ins Schlafzimmer schoben. Ich wappnete mich gegen die Schmerzen und berührte Judy erneut. Heiß und schneidend drang er in mich ein und biss mir auf die Unterlippe. So viel konnte ein Mensch unmöglich fühlen. Ich spürte, ihre Unterleibsschmerzen - das Normalste an dieser Sache hier - spürte Erschöpfung, so tief und schwarz, dass es mich verschlucken könnte. Und dann multiple Schmerzherde. Ihr Kopf, ihre Finger und Arme, ihr Brustkorb und ihre Beine. Alles fühlte sich an, als würde jemand sie in Eisenklauen festhalten und ihre Muskeln von innen durchs Fleisch ziehen. “Judy?”, flüsterte ich erneut und versuchte sie mit etwas Magie zu wecken.

Diesmal rollte ihr Kopf zur Seite. Ihre Augen fieberten mich an, erkannten mich jedoch. “Tess”, wisperte Judy. “Ja, ich bin hier.” Judy stöhnte auf. “Wo schmerzt es?”, fragte ich, obwohl ich es genau fühlte. “Überall. In meinen Muskeln… Meine Beine. Meine... Finger. Mein Kopf. In mir drin. Es schmerzte in mir drin, Tess-” Ich strich ihr beruhigend über die Stirn. “Hat man dir wehgetan?”, fragte Cain da. Judy schüttelte den Kopf. “Nein”, hauchte sie. “Aber du warst in Ordnung, als du gegangen bist”, sagte er beinahe verzweifelt. “Cain-”, hob ich an. “Ehrlich, Tess sie war in Ordnung! Thorin dachte das auch!” “Ja, Cain, das glaube ich dir. Das hat nichts mit dir oder Thorin zu tun. Könntet ihr uns kurz allein lassen?” Ich sah zu Kili, der sofort nickte. “Natürlich. Cain, los, raus hier.” Kili packte den Zwerg am Ärmel und zerrte ihn aus dem Zimmer. Auch Meve und Gallii ließen uns allein. Erst als die Tür zufiel, strich ich die Decken zurück. “Mir ist so kalt”, wisperte Judy. “Ja, ich weiß. Aber ich muss nachsehen ob…” Ich fuhr über ihre Beine. “Judy, wieso fühlst du hier Schmerzen, als hätte dich jemand gepackt und dir die Oberschenkel aufgerissen?”, fragte ich bebend. Ich war nach dem Aufstand bewusstlos gewesen, ich hatte sie nie berührt, nachdem sie angegriffen worden war. Und wenn es sich so angefühlt hatte, war ich auch ehrlich froh darüber.

“Weil Sir Groi genau das getan hat”, wisperte Judy und ich hörte Tränen in ihrer Stimme. “Und weil sein Oberkörper meinen Brustkorb zerquetschte und sein Geselle mich an den Oberarmen herumgerissen hat-” Ganz langsam arbeitete ich mich von ihren Beinen hinauf über ihren Bauch und ihren Brustkorb, zu ihrem Hals und ihrem Kopf. Kühl pressten ich meine Finger an meine Schläfen. “Oh, Jiji…” Das war ja fürchterlich. Ich ließ ihren Kopf los, deckte sie wieder zu und fuhr ihr über die Haare. “Das wird wieder”, sagte ich leise. “Du schläfst und schläfst und schläfst-” “Ich kann nicht. Die Bilder-” “Ich bringe dir etwas. Hm?” “Okay.” Ich lehnte meinen Kopf an ihren. “Das tut mir so Leid, Judy. Ich war selbst bewusstlos nach dem Aufstand, ich wusste nicht, was du ertragen musstest. Du warst schon wieder okay, als ich aufwachte. Zumindest dachte ich das bis heute. Dabei warst du ganz und gar nicht okay-” Ihre Finger schlossen sich um meine Hand und drückten sie. Sie hatte über Wochen alles in sich zusammengehalten. Hatte um ihre Contenance gekämpft und all ihre Schmerzen heruntergeschluckt. Und nun, fand ihr Körper die Möglichkeit sich auszuruhen und zu heilen und ergriff die Chance, ehe er wieder zurückdrängt wurde.

Das Fieber, der Schüttelfrost, die Kopfschmerzen, all die Schmerzen - versteckte Traumata. Judy wurde von ihrem eigenen Körper gezwungen, sich mit ihnen auseinander zu setzen, denn bevor das nicht geschah, würde er nicht heilen können. Ich heilte sie hier und da etwas. Nicht, dass es irgendetwas brachte, schließlich bekämpfte ihr Körper keinen Infekt an sich, sondern versuchte nur, Judy ans Bett zu fesseln. Sie war nicht krank im klassischen Sinne. Dennoch versuchte ich, ihr die Schmerzen erträglicher zu machen. Aber ich meinte, was ich sagte: Schlaf, Schlaf, Schlaf. Ruhe. Wärme. Geborgenheit. Das kleine 1x1 jeder Mutter, deren Kind krank war. Ich ließ sie wieder einschlafen, versuchte sie innerlich so weit zu beruhigen, bis ich die Medikamente hier hatte. Erst als ich aufstand, um hinaus zu gehen um den anderen zu erzählen, was los war, merkte ich, dass ich weinte. So viel, dass der Kragen von meinem Kleid bereits ganz nass war. Mir war dieses Frauenzentrum bisher ziemlich gleichgültig gewesen. Insofern, dass ich das immer als einen von Judys feministischen Gerechtigkeitskämpfen gesehen hatte, die sie nun mal regelmäßig austrug. Erst jetzt verstand ich jedoch, dass sie dieses Zentrum selbst benötigte. Sie brauchte Hilfe. Und da niemand ihr helfen konnte, wollte sie sich selbst helfen. So einfach war das.
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