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The Prince of silver fountains (2)

GeschichteFantasy, Suspense / P18 / Gen
Fili Kili Legolas OC (Own Character) Thorin Eichenschild
11.01.2018
01.04.2021
96
443.675
63
Alle Kapitel
203 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
25.01.2021 3.969
 
Ach, was haben wir alle auf dieses Kapitel gewartet :D
Wie versprochen, rauft Tudy sich schneller zusammen als normalerweise.
Und da ich aus meiner Pause in der Nachtschicht schreibe, endet hier auch schon das Intro ^^
Vielen Dank für eure Rückmeldungen und ich wünsch allen einen guten Start in die Woche,
CasseyCass *-*

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Judy
Es muss immer erst schlimmer werden, bevor es besser wurde. Am nächsten Tag weckte Cain mich mit einem wunderbaren Frühstück und wir gingen anschließend eine lange Runde ausreiten. Den ganzen Tag verbrachten wir im Stall, kümmerten uns um Velvet, misteten die Ställe aus - was in Cains Augen gar nicht ging, weil ich noch immer den Regenten-Stempel auf der Stirn trug. Ebenso wie das Heu stopfen. Während ich knietief im Heu stand und große Batzen davon hinter mich warf, packte Cain diese in die Netze. Uns klebte das Heu an der geschwitzten Haut und die Heumilben bissen uns, aber ich fühlte mich wahnsinnig normal und… nun, mehr wie ich. Am Ende saßen wir draußen auf dem Zaun und aßen Äpfel, die wir vom Ausritt gepflückt hatten. Ich versuchte seine Worte von gestern Abend zu vergessen, weil ich irgendwie das Gefühl hatte, dass sie unsere Beziehung veränderten und mein Verhalten. Es fühlte sich seltsam an. Was es nicht sollte! Ich wollte Cain als Freund nicht verlieren, nur weil… weil er etwas für mich empfand, das ich für jemand anderes aufgehoben hatte. “Der erste Tag als Normalsterbliche”, hielt Cain fest und spuckte einen Apfelkern aus. “Wie fühlen Sie sich, Miss?” “Genau so”, erwiderte ich, “normalsterblich.” Wir grinsten.

Tatsächlich zwickten und zwackten meine Muskeln an allen möglichen Stellen. Diese körperliche Betätigung hatte mich ziemlich angestrengt. Ich war sie einfach nicht mehr gewöhnt… “Du solltest mit Thorin reden”, sagte Cain. “Ich weiß, dass du den Tag zur Ablenkung brauchtest und um deine Wut los zu werden, aber ihr beide habt einiges zu klären und er wird sich ähnlich fühlen wie ich direkt nach deinem Übergriff.” Ich runzelte die Stirn. “Was meinst du? Wie hast du dich gefühlt?” “Verantwortlich”, zählte Cain auf, “verunsichert, miserabel, besorgt, wütend-” “Okay, das reicht mir.” “Ein paar der Gefühle musst du ihm nehmen”, warf Cain ein, “sonst wird diese Sache mit Groi keine Ausnahme gewesen sein. Und andere musst du hinnehmen. Dass er besorgt ist, ist doch logisch, du bist seine Frau und er will, dass es dir gut geht.” Ich nickte. “Ja, ich weiß, Cain.” Ich spielte mit meinem Apfelkern und warf diesen schließlich mit Karacho auf die Weide. Die Pferde würden sich schon drum kümmern. “Ich fühle mich einfach verraten, verstehst du? Erst diese Zofe und dann das mit Groi… und dann diese beschissene Bekanntgabe, dass er die Beziehung nicht öffentlich macht. Cain, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Waren wir vor dem Anschlag einfach zu naiv, das gleich öffentlich zu machen?! War ich zu naiv, weil ich glaubte, mir meine Position neben Thorin zuzutrauen, er aber nicht? Hat der Übergriff etwas geändert? Dass… ich so viel Respekt dadurch eingebüßt habe, dass ich die Position nicht mehr einnehmen kann?”

“Hat er das gesagt?”, fragte Cain verwirrt. “Nein, aber- würde er?” Ich hob eine Augenbraue. Hob die Schultern. “Er braucht eine Königin und das bin ich nicht. Nicht mehr.” “Das darfst du niemals denken, Judy!” sagte Cain scharf. “Würde er eine Königin wollen, hätte er Breeda geheiratet. Aber er hat die Verbindung gelöst, wegen dir. Und dass man sich dir aufzwingen wollte, ändert doch nichts an der Tatsache, dass du eine gute Regentin warst! Im Gegenteil. Du bist jung und weiblich und sehr fortschrittlich und das stößt vielen alten Männern in diesem Berg auf. Ja… Zugegeben… Thorin ist auch älter als du, aber Thorin hat sich immer einen Teil bewahrt, um alle Zwerge im Berg abzuholen. Er versucht wirklich alle Ideen und Bitten umzusetzen und so anzupassen, dass sie allen nützen.” “Du meinst, meine Zielgruppe ist zu spezifisch?” “Das ist doch aber in Ordnung! Deswegen hast du ja Thorin, der die anderen mitnimmt. Tatsächlich denke ich, dass eine Frau sich von Thorin womöglich nie zu einhundert Prozent so angesprochen fühlt wie von dir. Das ist nichts Schlechtes. Es kommt bloß manchmal nur so rüber, als wäre nur ein sehr kleiner Teil des Volkes auf deiner Seite. Verglichen mit den zwei Dritteln, die Thorin vertritt.” Ich rieb mir über die Nase. “Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll.” “Ich schon: Zu ihm gehen und mit ihm reden. Ich hätte noch Versöhnungssex vorgeschlagen, aber der fällt bei euch beiden aus vielerlei Gründen aus.”

Ich lachte leise. “Schade.” “Schade”, grinste auch Cain. Er sprang vom Weidenzaun und streckte die Hand nach mir aus. “Los, kommen Sie, Eure Hoheit. Ich begleite Euch zu diesem unliebsamen Treffen.” Auf dem Weg zurück zum Berg hüllte ich mich in meinen Umhang. Der Himmel zog sich zu. Wir waren in knallender Sonne ausgeritten - ich hatte einen Sonnenbrand auf den Schultern - und nun webten dickte Wolken ein Bild am Himmel. Cain ging versetzt vor mir, bahnte sich einen Weg und sah immer wieder zu mir zurück. “Friert dich?”, fragte er. “Ein wenig. Der Umhang genügt.” Der Wind war etwas frisch geworden und da mir sowieso immer irgendwie kühl war, fröstelte es mich. Aber davon abgesehen, war ich okay. Echt erschöpft, aber okay. War komisch durch das große Eingangsportal zu gehen und anschließend durch die Eingangshalle, ohne dass jemand sich nach einem umdrehte oder ein “Eure Hoheit” durch den Raum hallte. Ich zog mir die Kapuze herunter und sah das Gerüst hinauf, das den Wehrgang stützen würde. Immerhin ein paar Dinge hatte ich zustande gebracht. “Soll ich dich hinauf begleiten?”, fragte Cain. “Nein, danke. So viel wie ich weiß hat Thorin den Nachmittag vom Zimmer aus gearbeitet, dort werde ich ihn schon finden.”

“Wie du meinst… Wenn was sein sollte: Ich bin mit Kili und den Jungs heute Abend etwas trinken. Ebene drei.” “Alles klar.” Ich lächelte ihn dankbar an. Wohl wissend, dass Cain mich nicht aus den Augen lassen würde, bis die Treppe so luftig hoch war, dass er mich nicht mehr konnte, drehte ich mich zwischenzeitlich ein paar Mal um. Er stand wie eine Statue in der Mitte der Eingangshalle, die Arme verschränkt und würde ich seinen Gesichtsausdruck sehen können, so wären die Augen beinahe zusammengekniffen und todernst, weil er seine Beobachtung so ernst nahm. Zwerge waren doch alle irgendwie gleich. Tatsächlich war ich mir nicht sicher, ob Thorin tatsächlich im Homeoffice war. Gut, Soldaten standen vor seinem Gemach, aber da wir die Gänge hier mittlerweile immer bewacht hielten und die Soldaten von Zimmer zu Zimmer zirkelten, musste das nichts heißen. “Ist Seine Majestät da?”, fragte ich Friga, der nickte. “Ja, Miss.” Er öffnete mir lächelnd die Tür und ließ mich herein. Es war irgendwie beruhigend die Gemächer wieder beleuchtet zu sehen. Es roch nicht mehr abgestanden und nach Staub sondern nach Feuer und Thorins Duschzeug. Ich durchquerte den Flur und das Wohnzimmer und klopfte links am Arbeitszimmer an.

“Herein.” Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir. “Hey”, murmelte ich und blieb direkt am Eingang stehen. Thorin sah mich nur stumm an, trotz seiner schmalen Gestalt königlich wie eh und je. Tja. Ausstrahlung konnte man nicht erlernen. “Können wir reden?”, fragte ich leise. “Über gestern? Ich würde mich nämlich gerne entschuldigen. Nicht für die Diskussion, aber für die Art und Weise, wie ich sie beendet habe. Das war… theatralisch.” “So nennst du das?”, fragte Thorin skeptisch und legte die Papiere fort, die er bis eben noch in der Hand hatte. Drehte sich zu mir um. “Worüber willst du sprechen?” “Oh nun, da wäre einiges…” Weitere Stille. Dann: “Ich würde gerne über den Satz sprechen Ich bin gut genug den Thron zu retten und das Bett zu wärmen, aber nicht als eigenständige Partnerin des Königs.” Seine Stimme bebte vor Zorn. Oder Enttäuschung? Oder… Ach, ich konnte es nicht einschätzen. Ich schlug die Augen nieder. “Wie konntest du mir sowas vorwerfen?”, flüsterte Thorin. Verletzt. Er klang verletzt. “Wie kannst du auch nur für eine Sekunde annehmen, dass ich dich nur benutze?” Ich schluckte hart. Ja, das war fair. “Das nehme ich nicht an”, erwiderte ich. “Wieso hast du es dann gesagt?!” “Weil ich wütend war, Thorin! Ich bin es noch immer. Genauso, wie ich verletzt bin und mich noch immer übergangen fühle.”

Er sah mich weiterhin verständnislos an. “Thorin, ich bin drei Wochen durch die wortwörtliche Hölle gegangen und ich habe dabei eine Menge meiner Persönlichkeit eingebüßt. Oder zumindest das, was ich als meine Persönlichkeit definiert habe. Und gestern hatte ich plötzlich das Gefühl, dass das… eben ein Opfer ist, das man bringen muss, wenn man den Thron übernimmt, selbst wenn es nur zeitweise ist. Versteh mich nicht falsch, ich will nicht nur eine kleine Zicke sein, die darüber lamentiert, dass das Arbeitspensum zu hoch war. Aber ich habe mich mit einem Mal mit Erwartungen konfrontiert gesehen, die ich nicht erfüllen konnte oder wollte.” Ich stockte kurz und versuchte mich besser zu erklären, obwohl ich mir selbst gegenüber nicht mal wusste, was ich erklären wollte. Ein Gefühl? Eine… Gegebenheit? Einen Gedanken? “Dass eine Königin oder Regentin oder mit dem König liierte Person eine Zofe benötigt, ist eine Erwartung, die ich nicht erfüllen will. Aber Thorin, nirgendwo in dieser Schriftrolle stand etwas von einem Haufen arroganter Männer, die meinen Rat bildeten. Oder von Aufständigen, die es zu bestrafen galt. Oder von Männern, die dich in einen Raum zerren und dir wehtun.”

Nun schluckte er. “Ich weiß, du gibst dir alle Mühe, Thorin, aber du wirst niemals nachvollziehen können, wie es ist, wenn jemand, der… das Dreifache von dir wiegt, sich auf dich wirft und du spürst, wie ihn diese Situation geil macht. Verstehst du, er… er hat mich festgehalten und mir wehgetan und ich konnte an meinem nackten Bein spüren, wie er hart wurde-” Thorin wandte sich abrupt ab. Ich biss mir auf die Unterlippe, weil ich wusste, wie hart das für ihn war. Cain hatte absolut Recht - Thorin empfand etwas für mich, er wollte, dass es mir gut ging und das war momentan nicht der Fall. “Ich weiß, wieso du ihn umgebracht hast, Thorin, ehrlich und ich verstehe es! Glaub mir, es war das Erste was ich tun wollte, als ich endlich aus diesem Raum draußen war. Aber ich bin nicht wie er! Ich will nicht töten oder dafür verantwortlich sein, dass jemand getötet wird. Ich wollte keine Rache, ich wollte Gerechtigkeit! Ich wollte ihn in dreißig Jahren fragen, wenn du und ich noch immer glücklich zusammen wären, ob es ihm das wert gewesen war. Ich wollte sehen, wie er seine Entscheidung bereute - ob mir zuliebe oder weil er sein Leben vermisste, wäre mir ziemlich egal. Aber ich wollte die Gewinnerin sein. Was… Was bin ich jetzt?”

Ich fuhr mir durch die Haare und versuchte die Gliederschmerzen zu verdrängen. Ich brauchte eine Mütze Schlaf… “Dieser Satz war blöd, das weiß ich. Ich habe keine Sekunde geglaubt, dass ich nur die Frau für alle Fälle bin, der Notnagel, der selbst die schwierigsten Situationen händelt und nebenbei noch gut im Bett ist. Die Entscheidung über Groi war mir bloß echt wichtig und du hast es nicht einmal für nötig befunden, mit mir darüber zu sprechen. Du hast mich im Glauben gelassen, meine Entscheidung zu respektieren und hast sie dann torpediert.” Er hatte sich mir noch immer nicht zugewandt und nun machte ich langsam die ersten Schritte auf ihn zu. Streckte die Hand nach ihm aus und legte sie nur an seine Schulter. Ich wollte momentan selbst nur ungern berührt werden, ich musste respektieren, wenn es ihm genauso ging. Also wartete ich, strich ihm über die stahlharten Schultern und ließ ihm Zeit zum Nachdenken. Und wenn wir die ganze Nacht so hier stehen würden.

Thorin
Er schaffte es nicht, sich umzudrehen. Auf der einen Seite war er noch immer so unfassbar wütend auf sie, weil sie gestern eine solche Szene gemacht hatte, auf der anderen Seite hatte er geahnt und teilweise auch gewusst, wie sie reagieren würde. Thorin wollte einen Neuanfang für sie. Vorhin hatte Kili bei ihm vorgesprochen und erzählt, dass er und Tess sich gerne für ein Vierteljahr rausnehmen würden, einfach um die vergangenen Wochen zu verarbeiten. Sie hatten noch keinen genauen Stichtag - die beiden mussten ja auch die Posten, die sie für die Zeit verließen, besetzen können - aber die Idee hatte Thorin gefallen. Wäre er in der Lage dazu, würde er Judy ebenso schnappen. Doch er war König. Es ging nicht. So gesehen hatte sie Recht: Es gab Erwartungen an eine Regentin, die nicht im Vertrag standen, die einerseits logisch waren und andererseits sehr nervenaufreibend sein konnten und anstrengend. Judy war nicht Regentin geworden, weil sie es unbedingt hatte werden wollen. Daher hatte sie auch durchaus das Recht sich zu beschweren. Es war ein Debakel und eine verdammte Zwickmühle. Nichts wollte Thorin mehr als sie weiterhin als Regentin oder einfach nur als Partnerin an seiner Seite zu haben. Genauso wollte er jedoch, dass es Judy gut ging und das war momentan einfach nicht der Fall.

Und sie würde sich dennoch in den Posten zwingen. Ihm zu Liebe. Ihrer Beziehung zu Liebe. Würde er das jetzt zulassen, würde es irgendwann zurückgeschossen kommen. Irgendwann würden sie an einem Punkt stehen, an dem dieser Moment hier relevant wäre und Thorin wollte nicht, dass Judy ihm dann Vorwürfe machte. Lieber würde er sie jetzt gegen ihren Willen, mal wieder, in eine Zwangspause versetzen. Auch wenn das bedeutete, dass ihre Beziehung dafür auf Eis liegen müsste. Sein Herz ächzte. “Kannst du mit mir reden?”, bat Judy leise. Sie roch nach Stall. “Ich… Ich will nur wissen, ob ich mich verständlich ausgedrückt habe oder mein Geschwafel komplett daneben war-” “Nein, ich habe dich verstanden”, flüsterte Thorin. Er wollte sich so gerne umdrehen, aber das war noch nicht möglich. “Und-?” “Judy, ich… es tut mir Leid, was gestern vorgefallen ist. Tut es mir wirklich. Du hast Recht, ich hätte mit dir sprechen müssen. Natürlich respektiere ich deine Entscheidungen - sowohl was dein Privatleben angeht als auch das Königreich. Ich habe dich gestern in eine blöde Situation gebracht und dass du nach allem, was dir in den vergangenen Wochen zugestoßen ist, keine Lust mehr hast, ist verständlich.” “Aber?”, hakte sie vorsichtig nach.

“Aber…” Thorin zitterte kurz und musste seine Stimme wieder stabilisieren. “Aber ich denke, dass du mit Cain in die Eisenberge solltest.” Ihre Hand rutschte von seiner Schulter. “Was?” Sie klang so geschockt, als hätte Thorin ihr gerade gesagt, er hätte den Aufstand befehligt. Endlich fand er die Kraft sich umzudrehen. Sie sah ihn an, als hätte er den Verstand verloren. “Du musst heilen, Amrâlimé”, wisperte Thorin. “Und das geht weder an meiner Seite noch in diesem Berg, wo man dich so schändlich behandelt hat. Cain ist ein guter Zwerg, ein guter Mann, dem du sehr wichtig bist. Du wärst sicher bei ihm. Und ich kann dir das nicht bieten, Judy. Wenn wir unsere Beziehung jetzt öffentlich machen, wirst du für den Rest deines Lebens keine ruhige Minute mehr haben. Ich habe das selbst durch und ich wünsche es dir nicht. Ich wünsche dir ein Leben, wie es jeder normale Zwerg haben sollte-” Tränen rollten über ihr Gesicht und Thorin brach ab. Er tat ihr gerade so weh. Hätte er sie auf der Tanzfläche, ach was!, damals in der Küche nicht um eine zweite Chance gefragt, würden sie hier nicht stehen. Er hatte ihr Hoffnungen gemacht und nun zerschmetterte er sie. Doch da blitzte etwas in Judys Augen auf, dass nicht mit den Tränen zusammenpasste. Wut. So viel geballte Wut, dass es ihn für zwei Sekunden aus dem Takt brachte.

“Du kannst mich mal, Thorin Eichenschild!”, zischte sie und wischte sich die Tränen von den Wangen. “Denkst du ehrlich, ich kämpfe mich durch drei Wochen Hölle, damit du mit mir Schluss machen kannst?! Du mieses Arschloch!” Sie stieß ihn hart gegen die Brust und Thorin japste auf. “Was in-” “Ich würde dir am Liebsten eine verpassen, weißt du das?! Mich an Cain weitergeben, als wäre ich eine Kaffeetasse, die du auf dem Markt verschacherst und an den Höchstbietenden verkaufst-” Erneut stieß sie ihn. “Das habe ich nie-”, setzte Thorin an, doch Judy unterbrach ihn. Verzweifelt. Wütend. Verletzt. “Ich brauche dich”, wisperte sie tränenerstickt. “Ich brauche dich, um mich zusammenzusetzen. Ich träume bei dir weniger. Und ich fühle mich sicher bei dir. Und… geliebt. Normal. Weil ich nicht deine Regentin bin, sondern nur Judy und weil niemand sonst mehr mich als Judy sieht… Schickst du mich jetzt weg, dann… Woher… Wie soll ich gesund werden, wenn ich nicht weiß, wer ich bin und es mir niemand sagen kann?!” Weitere schwere Tropfen liefen über ihre Wange. “Judy, du bist nur wegen mir so verloren”, entgegnete Thorin flüsternd. “Weil ich dich in diese Schriftrolle geschrieben habe-” “Nein, Thorin, diese Zwerge tragen Schuld! Groi, der mich schänden wollte und die Aufständigen und Lord Obian mit seiner Arroganz. Nicht du! Nicht du.”

Sie weinte leise vor sich hin, die Wut, so schnell sie auch gekommen war, war wieder fort. “Wir haben diese eine Chance”, wisperte Judy. Richtete die Augen schimmernd auf ihn. “Wenn du mich jetzt fortschickst, dann werden wir nie…” Sie brach ab und kurz flackerte Angst in ihrem Gesicht auf. Sie atmete tief ein und aus, als würde sie sich Mut ansammeln. “Sag mir, dass du mich nicht liebst und ich gehe”, sagte Judy fest. “Sag es mir jetzt und hier ins Gesicht. Eher werde ich diesen Raum nicht verlassen, denn ich… denn ich liebe dich.” Die letzten Worte waren kaum zu verstehen. Thorin ließ sie einsickern, wiederholte sie in seinem Kopf. Denn ich liebe dich. Judy, die allseits harte und abweisende Judy, die so viel Furcht vor diesem Wort hatte, der es so schwer fiel, tief zu empfinden, hatte ihm gerade ihr Herz in den offenen Händen hingehalten und gesagt, nimm es oder zertrampel es. Denn ich liebe dich. Der Satz spiegelte sich in ihren Tränen. Sie würde gehen, wenn er es wollte. Sie würde bleiben und sich in eine für sie echt schwierige Situation begeben, wenn er es wollte. Man hatte sie beinahe umgebracht, beinahe geschändet, sie hatte mehrfach miterlebt, wie er beinahe gestorben war, sie hatte diesen Berg verteidigt und dafür gelitten. Und sie sagte: Mir egal, solange du bei mir bist.

“Los sag es”, forderte sie auf, nun bitter. “Schick mich fort. Dann haben wir hier endlich eine klare Linie, richtig?” Thorins Herz, das eben noch ob seiner Worte so geächzt hatte, entspannte sich etwas. Er sollte sie fortschicken, wie er es gesagt hatte, Judy verdiente es. Cain würde sich um sie kümmern. Doch dann… Bei Durin, er würde sich ab dem Moment, wo sie weg wäre niemals verzeihen. Sie war anstrengend und aufbrausend und ein Sturkopf der Extraklasse. Und sie war leidenschaftlich und gütig und herzlich. Thorin würde vermissen, wenn sie mal wieder genervt die Augen verdrehte oder wenn sie leise in sich hineinlachte oder vor sich hinsummte. Er würde das Licht auf ihren Haaren vermissen, den Geschmack ihrer Haut und ihre Wärme, wenn sie sich morgens an ihn schmiegte. Er vermisste es ja schon, wenn sie nur zwei Stunden nicht bei ihm war. Thorin musste lächeln. Immerhin konnte er von sich sagen, dass er es versucht hätte, richtig? “Sag es…”, forderte Judy erneut, doch diesmal schüttelte er den Kopf. “Ich kann nicht”, wisperte er und Judys Bitternis wich Fassungslosigkeit. “Nein?”, fragte sie. “Nein. Nein, Amrâlimé, ich kann nicht-” Sie sprang förmlich auf ihn zu und küsste ihn mit einer Wucht, dass Thorin dankbar für den Tisch in seinem Rücken war. Sie hätte ihn umgeworfen.

Judy gab einen komischen Laut von sich - ein erfreutes Lachen und ein hicksendes Schluchzen. Letzteres gewann und sie brach vor Erleichterung an seiner Brust zusammen. “Du Mistkerl”, schluchzte sie, “tu mir das nie wieder an! NIE WIEDER! Lass mich nie wieder denken, du würdest uns trennen wollen.” “Judy, ich will dich gesund wissen”, wiederholte Thorin, dessen Stimme ebenfalls belegt war. Er war froh, dass Judy an ihm lehnte, sie würde die beiden Tränen auf seinen Wangen nicht sehen. “Ich würde meine eigene Liebe zu dir begraben und verbrennen, wenn es dir besser ginge, wenn du gesund wärst und glücklich und sicher. Dein Leben ist mir ungleich wichtiger als meines-” Judy trennte sich von seiner Schulter und sah ihn an. Fuhr mit den Daumen über seine feuchten Wangen, ohne die Tränen zu kommentieren. Sie sah selbst mit verquollenem Gesicht für ihn so anziehend wie immer aus. “Ich kümmere mich nicht um dich in seidenen Gewändern”, flüsterte er. “Mir ist es egal, ob du Diamanten trägst oder nach Pferd riechst wie gerade. Ja - es steht dir, du siehst wunderschön darin aus und ja, als meine Partnerin erwartet man es von dir. Aber ich habe mich in eine Frau verliebt, die klatschnass und verschlammt in Orkhöhlen auf dem kahlen Boden schlief und gegen einen Drachen kämpfte, dessen Asche noch nach Tagen in ihren Haaren klebte. Ich habe mich in dein komplett normales Ich verliebt, Judy und ich wünschte, es wäre so einfach, dass mein Volk dich auch so lieben könnte. Das ist es nicht und das tut mir Leid. Aber ich… Ich will nur dich. Immer. Egal welche Version.”

“Wiederhol das bitte”, bat Judy und Thorin seufzte auf. “Nein, nicht alles”, schob sie hinterher und schmunzelte etwas. “Nur den wichtigen Teil.” Ah. Thorin lächelte und strich mit dem Handrücken über ihre Wange. “Ich liebe dich.” Ein zaghaftes Lächeln breitete sich auf Judys Gesicht aus und Thorin zog sie in eine Umarmung. Die Worte radierten nicht den Berg an Problemen aus, die sich vor ihnen türmten. Judy war traumatisiert und es würde sie eine lange Zeit kosten, bis sie beide wieder normal miteinander umgehen könnten. Und Thorin war noch immer der Auffassung, dass sie nicht regieren sollte und sie das Öffentlich-machen der Beziehung herauszögern sollten. Aber darüber würden sie morgen reden. Nicht mehr heute Abend. “Hast du zu Abend gegessen?”, fragte er Judy und strich ihr über die Haare. “Nein.” “Soll ich etwas aufs Zimmer kommen lassen?” “Das letzte Mal lagst du anschließend drei Wochen im Koma-” “Ja, nun…” Das war ein gutes Argument. “Vielleicht sollten wir uns dann persönlich etwas aus der Küche holen”, schob er hinterher. Judy hob den Kopf. “Ja, okay.” “Ja?” “Ja.”

“Hör zu-”, Thorin nahm ihr Gesicht in seine Hände, “es schafft nichts an Konflikten aus der Welt nur weil wir-” “Ich weiß.” “Lass uns den gestrigen Tag so weit es geht vergessen, aber morgen müssen wir ernsthaft mit allen darüber reden, wie wir vorgehen. Wir brauchen sie alle auf unserer Seite, wir brauchen ihre Unterstützung-” “Ich weiß…” “Ich will nur, dass du weißt, dass es nicht einfacher werden wird und ich es verstehen kann, wenn du… warten willst. Egal mit was.” Judys Hände legten sich über seine. “Auch das weiß ich.” “Gut.” Mehr hatte er nicht sagen wollen. Zögerlich, weil er nicht wusste, ob der Zeitpunkt gut gewählt war, beugte Thorin sich für einen Kuss herunter und lächelte innerlich, als Judy ihn erwiderte. Am liebsten würde er ihr versprechen, dass niemand ihr mehr wehtun würde, aber das wäre gelogen. Das könnte er nicht mal versprechen, wenn er sie einkerkern würde. Aber er würde ihr helfen können, das Geschehene zu verarbeiten und sich selbst wieder zu finden. In allen Bereichen. Sie trennten sich voneinander und Thorin hauchte Judy noch einen kleinen Kuss auf die Stirn. Fuhr ihr über die Wange und musterte zärtlich die ihm so lieben Gesichtszüge. “Was?”, murmelte Judy und wurde unter seinem Blick tatsächlich etwas Rot.

“Hm, ich dachte nur gerade, dass ich dich damals nicht hätte gehen lassen sollen”, brummte Thorin. “Das hätte uns eine Menge Ärger erspart.” “Hätte es, ja. Andererseits wäre das auch recht langweilig gewesen. Gut - langweilig ist dein Ding, aber-” “Judy!” Sie lachte etwas und lehnte sich wieder für einen Kuss an ihn. “Ist doch egal, oder?”, meinte sie an seinen Lippen. “Wir haben es doch auf die Reihe gekriegt.” Ja. Ja, das hatten sie. Besser spät als nie.
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