Bettgeflüster

von Sithy
KurzgeschichteHumor / P6
Horatio Hornblower Lt. William Bush
09.01.2018
09.01.2018
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Schnarchen!

Gab es für einen Schläfer etwas Entsetzlicheres als dieses Geräusch? Mit tausend Krallen kratzte es an der Schädeldecke und zerrte an den Nerven, als wollte es sie in kleine Fetzen zerreißen. Er wusste nicht, wie oft er sich in dieser Nacht schon in seiner Koje herumgeworfen hatte. Unzählige Male. Ganz bestimmt!

Da! Jetzt war der Schrecken der Nacht endlich verstummt. Selige Ruhe breitete sich in der Kabine aus, die Kommandant Horatio Hornblower, denn um niemand anderen handelte es sich bei der gepeinigten Seele, mit dem wohl begabtesten Schnarcher der britischen Marine teilte.

Hornblower fielen die Augen zu, in die das Sandmännchen bereits seinen Sand gestreut hatte. Der Schlaf breitete seine dicke, weiche Decke über ihn, als jäh ein Krach losbrach, neben dem jeder 24Pfünder wie Kinderlachen war. Eine Horde unsensibler Holzfäller musste sich über ihm zusammengerottet haben, um seinem Schlaf höchstpersönlich den Garaus zu machen. Ein lautloser, dafür umso heftigerer Fluch entkam dem um seinen Schlaf gebrachten Kommandanten. Hart musste er an sich halten, um dem Kerl über ihm nicht die geballte Kraft seines Knies in den Rücken zu rammen. Aber erstens waren einige Zentimeter Hartholz zwischen seinem Knie und seinem Opfer und zweitens hatte er das schon versucht.

Hornblower heulte gequält. Wenn er vorher gewusst hätte, dass sein Lieblingsuntergebener William Bush derart in der Kunst des Schnarchens geübt war, hätte er es sich zweimal überlegt, eine Kabine mit diesem zu teilen. Der Kerl schnarchte über ihm in einer Lautstärke, als wollte er sämtliche Tote der Sieben Weltmeere erwecken!

Und dabei begann es meist ganz harmlos:

Nach einem beiderseitigen „Gute Nacht“, rollte Bush zunächst von links nach rechts und wieder zurück, um dann innerhalb weniger Minuten einzuschlafen. Hornblower selbst war meist noch nicht soweit, überhaupt die Augen zugemacht zu haben, wenn sein verehrter Mr. Bush bereits seligst entschlummert war. Und wenn doch, dann rissen ihn garantiert die ersten Vorboten des späteren Konzerts wieder aus dem Schlaf. Leise, schnarchelnde Geräusche, die gerade noch als niedlich zu bezeichnen waren, verwandelten sich allzu bald in wahre Schnarch-Monstren. War es einmal soweit, dass Bushs Lungen wie ein Blasebalg arbeiteten, knarrte die eingesogene Luft in einer Lautstärke seinen Rachen hinab, die jeden Fluchtversuch unter das Kopfkissen absurd werden ließ. Dabei war sich Hornblower nicht sicher, ob er das Knarren als qualvoller empfand, oder das hohe Pfeifen, wenn Bush die Luft wieder ausstieß.

In diesem Stadium knallte Hornblowers Knie meist zum ersten Mal von unten gegen das Holz. Mit dem immer gleichen Ergebnis. Das Schnarchkonzert brach kurzfristig ab, oben wurde kräftig herumgerollt, gemurrt, genuschelt und sich an unbestimmten Körperstellen gekratzt. Hornblower hatte schon etliche Haare verloren, wenn nach kurzer Ruhepause die Musiker wieder an ihren Platz gingen, um das Konzert fortzusetzen. Der Kommandant hatte niemals nachgesehen, aber er war sich sicher, dass der nächste Satz auf dem Bauch liegend vorgetragen wurde. Definitiv ruhiger, erging sich Bush in einem Adagio von schnaubenden Lauten, die viel Spucke enthielten. Nicht lange und das Orchester setzte wieder in voller Lautstärke ein, als sich über ihm der Körper knarrend zurück auf den Rücken drehte. Hornblower heulte, als abgehackte Grunzer zu einem Stakkato ansetzten, das sich gewaschen hatte. Wenn er bis dahin nicht sämtliche Nerven verloren hatte, dann war es für Hornblower nun an der Zeit, in sein Kissen zu beißen, denn jetzt setzte der fulminanten Schlusssatz ein, der in seiner Lautstärke und Heftigkeit alles übertraf. Untermalt von knarrendem Holz, das unter Bushs unruhigem Herumgerolle ächzte und stöhnte wie die Seelen in der Hölle, musste man fürchten, der Schläfer würde an seiner eigenen Zunge ersticken.

Für gewöhnlich zog sich ein solcher Schlusssatz bis in die frühen Morgenstunden hin und endete mit einem letzten, kurz durch die Nase gezogenen, rauen Schnarren.

„Guten Morgen, Sir!“

Der Komponist verbeugte sich und entließ das wie geräderte Publikum in einen neuen Arbeitstag.

Ja, so in etwa liefen die Nächte ab. Natürlich, Hornblower hätte Bush mitten ins Gesicht schleudern können, dass er seine Schnarcherei gefälligst dorthin stecken sollte, wo keine Sonne mehr schien. Allerdings hätte er damit seinem Untergebenen gegenüber eingestanden, dass er mit dessen Schnarchen nicht fertig wurde. Für Horatio Hornblower ein Unding!

So musste er also weiterhin Nacht für Nacht dieses entsetzliche Konzert über sich ergehen lassen.

Anders in dieser Nacht.

Hornblower war aufgewacht, nicht etwa, weil einer von Bushs Hochfrequenzgrunzern mitten in sein Hirn eingeschlagen hatte, sondern weil es ungewöhnlich still in der Kabine war. Einige Sekundenlang hatte er mit blutunterlaufenen Augen in die Dunkelheit über sich gestarrt. Die üblichen Geräusche eines hölzernen Schiffes auf See drangen an seine Ohren, aber von Bush war kein Mucks zu hören, was Hornblower mit einem Schlag hellwach werden ließ. Kerzengerade setzte er sich auf, ohne daran zu denken, dass ihn nur wenige Zentimeter über seinem Kopf eine massive Hartholzplatte erwartete. Einen sehr unfeinen Fluch auf den Lippen und eine rasch wachsende Beule an der Stirn, kippte er fürs erste zurück auf seine Koje. Kleine bunte Sternchen flackerten vor seinen Augenlidern und traten gegen seine Augäpfel. Bush über ihm regte sich immer noch nicht, was Hornblower dazu veranlasste, derartig hastig aus seiner Schlafstätte zu springen, dass er im ersten Moment auf dem schlingernden Boden um sein Gleichgewicht kämpfte. Bush schnarchte nicht. Etwas Furchtbares musste geschehen sein! Ja, am Ende war sein getreuer Kamerad über ihm erstickt, und er, Hornblower, trug die Schuld daran! Wahrscheinlich hatte der gute Bush mit jeder Faser seines Körpers gespürt, dass er seinem Kommandanten mit der Schnarcherei auf die Nerven ging und hatte von heute auf morgen damit aufgehört. Und jetzt erstickte er qualvoll vor seinen Augen!

„Oh, mein Gott! BUSH!“ Mit einem Satz war Hornblower an der Koje seines Freundes und rüttelte dessen Körper wie ein Wahnsinniger.

„Wach auf! Du darfst nicht sterben!“

Plötzlich fühlte er sich kräftig vor die Brust gestoßen. Bush grummelte irgend etwas von: „Nur noch fünf Minuten, Ma“, drehte ihm die Rückseite zu und sog schnarchelnd die Luft durch die Nase, ohne sich weiter um Hornblower zu scheren.

Wie er da so in der Mitte der Kabine stand, nur mit einem Hemd bekleidet, fühlte sich letzterer plötzlich wie Gottes größter Idiot. Wahrscheinlich hatte er sich gerade um die einzige Chance gebracht, gemeinsam mit Bush eine ruhige Nacht zu verbringen. Schon begann Komponist Bush nämlich die kleine Kabine wieder mit seiner schauderhaften Musik zu füllen, was Hornblower fluchtartig besagte Kabine verlassen ließ.

Und als am nächsten Morgen das Gerücht die Runde machte, ein heulender Geist in weißen Gewändern hätte die Hotspur heimgesucht, hielt ein gewisser Kommandant wohlweißlich seinen Mund.

~Ende~
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