Unter rauchschwarzen Weiden

von Arduinna
OneshotThriller / P12 Slash
09.01.2018
09.01.2018
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Dieser Text ist mein Beitrag zur zweiten Runde des Wettbewerbs „Mach was draus! Nr.4

Die Vorgaben:
Runde 2
Abkürzungen: URW (You are welcome)  – GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte)
Wählt eine Abkürzung aus!
Zusatzvorgabe: Der Satz „Geh nicht ins Licht“ muss vorkommen.

Wörter laut bluedoc: 1669

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Unter rauchschwarzen Weiden


Di, 14. Februar 2017

Die beiden Mädchen stapften durch den Schnee, Hand in Hand, im Gleichschritt. Keine von ihnen sprach auch nur ein Wort, sie schienen sich lautlos zu verständigen.
Dem rechtsgehenden Mädchen fielen die glatten dunklen Haare immer wieder ins Gesicht, alle paar Sekunden strich sie diese mit der freien Hand zurück. Die honigblonden Locken des Mädchens neben ihr kringelten sich wirr in der Feuchtigkeit der fallenden Schneeflocken.
Im heulenden Wind gingen sie durch die Dunkelheit des Waldes, zwischen Büschen und Bäumen, bis sie schließlich in einem Dickicht aus schneebestäubten Wacholderbüschen verschwanden.

****  


Der Hund rannte voraus, sein Herrchen ignorierend, welches hinter ihm hereilte. Der Mann verfluchte den Schnee, welcher es ihm nicht leichter machte, mit seinem Hund mitzuhalten. Bei jedem Schritt versank er bis zu den Waden im weißen Pulver, welches den Boden in einer glitzernden Schicht bedeckte.
Das schwarze Fell des Schäferhundes wurde nass, doch dieser schien sich nicht groß daran zu stören, als er sich zwischen mehreren Büschen durchzwängte und verschwand.
„Lucky!“ Der Mann blieb stehen und hob die Stimme. „Lucky, komm sofort zurück!“ Nichts rührte sich, es schien, als sei er das einzige Lebewesen in der glitzernden Stille, die um ihn herum herrschte.

In seinem Nacken prickelte es, er spürte, wie Gänsehaut ihn überzog. Sämtliche Warnlampen in ihm gingen an. Doch warum?
„Lucky!“ Zum dritten Mal rief er seinen Hund und diesmal kam eine Antwort in Gestalt eines donnernden Gebells. Der Hund schien sich hinter oder zwischen den Büschen zu befinden. Vergebens wartete der Mann darauf, dass sein Hund herauskommen würde und sie den Heimweg antreten konnten, doch sein Wunsch wurde nicht erfüllt, weswegen er begann, sich vorsichtig einen Weg durch das Dickicht zu bahnen.
Die Härchen auf seinem Arm stellten sich auf, doch er konnte sich sein merkwürdiges Gefühl der Beklommenheit nicht erklären. Er ging oft mit seinem Hund im Wald spazieren und er war schon häufig in den abgeschiedenen Gebieten von diesem gewesen, doch noch nie hatte seine innere Stimme ihn so eindringlich gewarnt, nicht weiterzugehen.

Doch zum Umkehren war es zu spät. Als er die andere Seite des Dickichts erreichte, kam er auf eine Lichtung. Brandgeruch stach ihm in die Nase und jetzt begriff er, dass dieser Geruch es gewesen war, der ihn schon die ganze Zeit verunsichert hatte.
Sein Hund stand beinahe in der Mitte der Lichtung im Schnee, doch direkt vor seinen Pfoten wurde die weiße Pracht von schwarz verkohltem Gras abgelöst.

Der Mann hob den Blick. Unter mehreren angekohlten Weiden in der Mitte der Lichtung lagen, in einem Meer aus weißen Rosen, zwei Mädchen in weißen Kleidern.
Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz … nur das ‚rot wie Blut‘ fehlte …
Die Haut der beiden Mädchen war so blass, dass sie sich kaum von den weißen Blüten abhob, doch das dunkle Haar der einen verwob sich mit den honigblonden Locken der zweiten, was ihnen ein engelsgleiches Aussehen verlieh.
Gemeinsam unter einem Heiligenschein.
Die eine wirkte wie ein Spiegelbild der anderen, die jeweils außenliegende Hand auf dem Bauch ruhend. Fast friedlich. Aber nur, solange man nicht in ihre Gesichter blickte. Sie hatten beide einen ernsten Gesichtsausdruck, es wirkte, als würden sie ganz leicht die Stirn runzeln. Beide Mädchen hatten die Augen geschlossen.
Die verkohlten Weidenäste über ihnen raschelten leise im Wind.

Der Mann rührte sich nicht, bis eine Bewegung ihn aus seiner Starre riss. Eine Krähe hüpfte über die verkohlten Grashalme und beäugte ihn misstrauisch. Als würde sie ihn schließlich als ungefährlich einstufen, flatterte sie ein Stück vor, landete neben dem blonden Mädchen und pickte nach ihrem regungslosen Gesicht.
Und da begann der Mann zu schreien, sodass die Krähe erschrocken davonflog und der schwarze Schäferhund schrill und durchdringend zu heulen begann.

****


„Wissen wir, wer sie sind?“
Kriminalkommissar Niklas Winkler hockte sich neben die beiden Leichen. Nebeneinander lagen sie in ihren jeweiligen Leichensäcken und wirkten … friedlich. Ein anderes Wort hatte er nicht dafür.
Als er gekommen war, waren die Tatortfotos bereits gemacht worden und die Rosen befanden sich schon auf dem Weg in die forensische Abteilung der Landespolizeidirektion der Stadt Wien.
„Bis jetzt noch nicht.“ Seine Kollegin Rebecca Kramer hockte sich ihm gegenüber. In ihren blauen Augen lag eine Melancholie, welche sie immer bekam, wenn besonders junge Menschen ums Leben kamen.
„Aber es wird vermutlich nicht lange dauern. Sie können nicht älter als sechzehn gewesen sein, aber auch nicht viel jünger. Ich werde anfordern, dass die neuesten Vermisstenanzeigen mit den beiden Mädchen abgeglichen werden.“
Niklas griff nach dem Foto, dass Rebecca ihm reichte.
„Die Tatortfotos“, erklärte sie leise. Niklas senkte seinen Blick.

Aufgebahrt im Rosenmeer. Das war das erste, was er dachte, als er die Fotos sah. Die beiden Mädchen trugen weiße Kleider, lagen Hand in Hand, mit geschlossenen Augen, nebeneinander auf den Blüten.
„Wie Schneewittchen.“ Rebeccas Blick wurde trüb. „Aufgebahrt. Weiß wie Schnee, rot wie Blut …“
„… und schwarz wie Ebenholz. Ja, ich weiß.“ Niklas betrachtete das dunkle Haar der Rechtsliegenden, welches sich scharf von den weißen Blumen abhob. „Nur das Blut fehlt.“ Zum Glück.

„Wissen wir, woran sie gestorben sind?“ Niklas trat einen Schritt zurück und wischte sich eine Strähne aus der Stirn.
Die Pathologin Emilia Rainer, welcher der Kriminalkommissar gerade die Erlaubnis erteilt hatte, den Sack zu schließen, schüttelte den Kopf.
„Die Mädchen hatten keine sichtbaren Verletzungen am Körper, auch keine Abwehrspuren. Wir können noch nicht ausschließen, dass sie vergiftet wurden, aber …“ Sie ließ den Satz ins Leere laufen.
„Glauben Sie nicht daran?“, fragte Rebecca.
Emilia schüttelte den Kopf. „Ich glaube gar nichts. Es gibt keine äußeren Anzeichen für eine Vergiftung, aber nicht immer sieht man es den Toten an. Mehr kann ich sagen, wenn ich sie obduziert habe.“ Sie schloss den ersten Sack, Niklas‘ Blick ruhte auf den reglosen Zügen des dunkelhaarigen Mädchens, bevor sich der Reißverschluss schloss.
Niklas nickte.

„Wissen Sie, wann der Todeszeitpunkt war?“, fragte er.
„Ich würde schätzen, dass sie seit dem frühen Abend tot hier liegen“, kam die Antwort der Pathologin. „Also Todeszeitpunkt vor etwa zwölf bis fünfzehn Stunden.“
„Können Sie etwas zu dem Feuer sagen?“ Rebecca deutete auf die angekohlten Bäume, deren Stämme und Zweige rauchgeschwärzt und teilweise verbrannt waren.
„Wir untersuchen den Ort auf Brandbeschleuniger, mehr kann ich Ihnen sagen, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind.“ Die Pathologin schloss den zweiten Sack und ging in Richtung ihres Autos davon.

Niklas blickte in den bleigrauen Himmel. „Was vermuten Sie, was hier passiert ist?“, fragte er und sah zu seiner Kollegin. Diese legte die Stirn in Falten.
„Ich weiß es nicht. Zu viel Merkwürdiges ist hier. Was bedeuten die Rosen? Und wer hat die Mädchen so aufgebahrt? Oder waren sie das selbst?“
„Wir werden es herausfinden“, erklärte Niklas. „Wir werden es herausfinden.“
Es sah aus, wie ein Ort eines Rituals, das musste er zugeben. Doch was war hier passiert?

****  


Artikel des Kuriers am Freitag, dem 1. März 2024

Die Schneewittchentode des Lainzer Tiergartens bleiben ein Rätsel. Ermittlungen nach sieben Jahren eingestellt.

Die Ermittlungen bezüglich der ungeklärten Todesfälle der beiden sechzehnjährigen Schülerinnen Miriam R. und Dora N., welche im Februar 2017 auf mysteriöse Weise ums Leben kamen, wurden eingestellt. Der leitende Kriminalkommissar Niklas Winkler bestreitet jedoch, dass die Ermittlungen je enden würden, solange das Rätsel nicht gelöst war.
„Es ist eine Schande, dass der Tod von zwei jungen Menschen ungeklärt bleibt“, so der eben genannte bei der Pressekonferenz vergangenen Mittwoch.

Die Schnewittchentode sorgten vor sieben Jahren für große Aufregung, als ein Spaziergänger zwei Mädchen wie aufgebahrt in einem Bett aus Rosen tot auffand. Erste Ermittlungen belegten, dass das Feuer schon am Morgen vor dem Tod der beiden Jugendlichen verloschen war, man weiß aber bis heute nicht, wer dies verursacht hatte. Zudem konnte auch die Todesursache der Schülerinnen nicht ermittelt werden, die Polizei spricht mittlerweile von Selbstmord, jedoch konnten an den Leichen keinerlei Gewalteinwirkung festgestellt werden.
Die Wiener Kriminalpolizei wollte keinerlei Antwort auf die Frage geben, ob die Schließung der Akte mit dem Stempel ‚Selbstmord‘ auf tatsächlichen Ermittlungsergebnissen beruht. Man vermutet, dass die Verantwortlichen diese Tode nicht als ungeklärte Todesfälle zu den Akten legen wollten.


****


Mo, 4. März 2024

„Die beiden Mädchen waren in einer Beziehung, wie wir von den Eltern erfahren haben, haben sich geliebt und wurden dafür verachtet und gemieden.“
Niklas blickte seinem Vorgesetzen ohne Angst ins Gesicht und wartete darauf, dass dieser mit seiner Standpauke fortfuhr. „Selbstmord ist die wahrscheinlichste Ursache, dafür spricht auch, dass der Ort so ritualistisch hergerichtet war.“
„Aber wir wissen es nicht genau“, antwortete Niklas, heftiger, als er es vorgehabt hatte. Er fuhr sich mit der Hand durch das, inzwischen schüttere, Haar.
„Die Akte wird geschlossen, Winkler“, fauchte sein Chef. „Sie könnten noch weitere sieben Jahre in dem Fall herumstochern und würden nichts finden. Das wissen Sie genauso gut wie ich.“
Niklas gab sich geschlagen. Im Stillen wusste er, dass sein Vorgesetzter recht hatte. Seit sieben Jahren suchten sie und hatten doch genauso wenig wie am ersten Tag. Die Todesursache blieb verborgen, genauso wie die Hintergründe des merkwürdigen Erscheinungsbildes des Ortes. Er und seine Kollegin hatten gesucht und recherchiert, doch sie tappten nach wie vor im Dunkeln. Selbstmord war tatsächlich die wahrscheinlichste Option, doch er konnte es nicht mit sich selbst ausmachen, einen Fall ungeklärt zu lassen.
In Gedanken entschuldigte er sich bei den Mädchen, in der Hoffnung, dass sie wüssten, dass er alles Menschenmögliche für sie getan hatte.

****


„Geh nicht ins Licht, Niklas. Bleib in den Schatten. Wir sind im Licht, wir sehen alles, doch dir ist es nicht bestimmt, alles zu wissen. Geh nicht ins Licht.“

Niklas erwachte schweißgebadet und starrte in die Dunkelheit. Neben ihm schlief seine Frau, ihr Atem klang ruhig und gleichmäßig.
Die Stimmen in seinem Traum waren warnend gewesen, drohend schon fast. Es war ein Duett aus zwei Mädchenstimmen gewesen und Niklas hatte das sichere Gefühl, dass es sich um die beiden toten Schülerinnen handelte.

Sie hatten ihn gewarnt, seine Untersuchungen fortzuführen, wie Niklas dachte. Gewarnt, als sei die Wahrheit im Licht etwas Schreckliches gewesen, das er niemals sehen sollte. So oder so, er wusste nun, dass die Wahrheit nicht für ihn bestimmt war, dass das Geschehen im Februar 2017 für immer im Licht stehen würde, während er in der Dunkelheit herumtappte. Er würde niemals erfahren, was sich unter jenen rauchschwarzen Weiden zugetragen hatte.
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