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Sieben Tage in Tiefwasser

von Fulmaire
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P16 / Gen
OC (Own Character) Valen Schattenhauch
09.01.2018
12.08.2018
9
49.278
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09.01.2018 4.566
 
Noch in der Bewegung spürte Valen, dass er schon wieder den gleichen Fehler gemacht hatte. Seine Stiefelsohle streifte das Holzkästchen, das noch einen kurzen Moment auf der Dachkante balancierte, sich dann aber doch entschied, abzustürzen und metallisch scheppernd auf dem Gehweg zu landen. Valen fluchte, kroch dichter an die Kante und spähte vorsichtig darüber. Immerhin hatte er niemanden getroffen, nur zwei junge Frauen, die auf der gegenüberliegenden Seite entlang gegangen waren, starrten verwundert zu ihm hoch. Valen nickte ihnen beiläufig zu und machte sich dann an den Abstieg. Seine Ungeschicklichkeit machte ihn wahnsinnig. Am Vortag hatte er das Nagelkästchen Durnan vor die Füße geworfen. Der hatte sich mit einer Beschimpfung und wütend gereckter Faust nach oben gewandt, Wort und Geste aber in einen freundlichen Gruß verwandelt, als er den Tiefling erkannte. Unten angekommen hob Valen das Kästchen auf und sammelte die auf dem Gehweg verstreuten Nägel ein. Nachdem er alle gefunden hatte, warf er einen Blick in Richtung Himmel, wo die Herbstsonne schon tief stand und beschloss, nicht wieder auf das Dach zu steigen. Seitdem sich der Trubel um den Sieg über Mephistopheles gelegt hatte, waren einige der Abenteurer aus dem Gähnenden Schlund abgereist. Die Seherin hatte sich zusammen mit Durnans Heilerin Thesta und einer gemischten Truppe aus Drow und Oberweltlern auf den Weg nach Lith My'athar gemacht. Sie plante, die Stadt wieder aufzubauen und via magischer Portale eine schnelle, konstante Verbindung nach Tiefwasser zu errichten, um Handelsbeziehungen zwischen beiden Städten zu schaffen. Die Verbliebenen halfen den Ansässigen, ihr zerstörtes Viertel wieder aufzubauen. Valen hatte schnell entdeckt, dass ihm Reparaturarbeiten an den durch die Wucht von Mephistopheles' magischen Attacken abgedeckten Dächern am meisten Spaß machten und so kletterte er Tag für Tag auf Häuser, um sie gegen die Stürme des nahenden Herbstes abzudichten. Er machte die Arbeit gerne, aber wenn es dunkel wurde, zog er festen Boden unter den Füßen vor. So räumte er sein Werkzeug auf und machte sich auf den Rückweg zum „Gähnenden Schlund“. Nach ein paar Schritten kam ihm Vin entgegen. Er hatte gerade eine Unterrichtseinheit mit Ava hinter sich gebracht und war nun auf dem Weg zum Marktplatz, um Tinte und Papier für Deekin zu besorgen. Als Valen erfuhr, dass Ava und Sharwyn sich mit einer Flasche Wein im Schankraum niedergelassen hatten, entschied er, Vin zu begleiten. Er wollte die beiden Frauen nicht stören und noch weniger wollte er in eines ihrer anspielungsreichen Gespräche verwickelt werden. Unterwegs fragte er Vin nach seiner Ausbildung. Magie war für Valen immer etwas sehr Abstraktes gewesen. Seine Waffe war greifbar, kühles Metall, mit dem er seinem Gegner den Schädel einschlagen konnte. Avas Waffe kam aus dem Nichts und konnte dennoch großen Schaden anrichten. Nun, da Vin ihm erlaubt hatte, bei einigen seiner Unterrichtsstunden anwesend zu sein, begriff er es ein wenig besser. Die beiden Hexenmeister erdachten ihre Zauber, bis sie ein konkretes Bild vor Augen hatten und zwangen dieses dann in die Realität.
Wie lief es heute?“
Mittelmäßig.“
Vin erzählte Valen von seinen Problemen mit Schutzzaubern.
Eine magische Rüstung ist kein Problem, aber diesen verdammten Säurering schaffe ich einfach nicht, dabei beruht beides auf dem gleichen Prin-“
Vin brach mitten im Satz ab und blieb stehen, einen Ausdruck ungläubigen Staunens auf dem Gesicht. Valen folgte seinem Blick zur anderen Straßenseite. Dort stand ein schwarzhaariges Elfenkind, das Vin gebannt anstarrte. Es schien ebenso verwundert, fasste sich aber schneller und machte einen Schritt auf die beiden zu.
Vin?”
Als der Junge seinen Namen rief, wurden Vins Augen blank.
Riley…”
Valen hörte das Flüstern kaum und noch bevor er fragen könnte, was überhaupt vor sich ging, tauchten aus einer Seitenstraße zwei finster aussehende Männer auf und stürzten auf das Elfenkind zu.
Da ist er. Hol ihn dir!”
Der Junge auf der anderen Straßenseite zuckte zusammen, drehte sich um und floh. Die beiden Männer setzten ihm umgehend nach.
Nein!”
Auch Vin rannte los und Valen folgte ihm. Dieses unbedachte Vorpreschen entsprach nicht Vins Natur, was Valen beinahe noch mehr irritierte, als die restliche Situation. An einer Kreuzung erwischte er den Jungen am Gürtel und hielt ihn fest.
Was ist hier los?”
Das ist mein Bruder. Wir müssen ihm helfen.”
Valen hielt erstaunt inne. Ava hatte ihm erzählt, dass Vins ganze Familie bei einem Brand ums Leben gekommen war, aber bevor er etwas einwenden konnte, hatte Vin mit einer schnellen Bewegung den Gürtel gelöst. Ungläubig blickte Valen auf das schmale Lederband in seiner Hand, stieß einen Fluch aus und nahm erneut die Verfolgung auf. Die beiden Männer vor ihnen hatten nicht sonderlich beeindruckend gewirkt, aber sowohl Vin, als auch Valen waren unbewaffnet und die Straßen, durch die sie liefen, wurden zunehmend schmaler, unübersichtlicher und vor allem einsamer. Er hatte das hässliche Gefühl, in eine Falle gelockt zu werden und obwohl Vin diesbezüglich ähnlich empfinden sollte, folgte er dem Gespann in unverändert rasantem Tempo. Valen hatte die Hoffnung, ihn einzuholen längst aufgegeben und musste sich bemühen, den Anschluss zu halten. Vin war verdammt schnell, aber hinter einer Straßenbiegung kam er endlich zum Stehen. In einem Hinterhof hatten die Männer ihre Beute in die Enge getrieben. Die blickte sich gehetzt um, entspannte aber ein wenig, als Vin vortrat.
Lasst ihn in Ruhe.”
Seine Hände formten einen Zauber und er ging einen weiteren entschlossenen Schritt auf die beiden Männer zu.
Vin!”
Der kleinere Elf lächelte und Vin erwiderte es kurz, aber bevor er mehr tun konnte, traf ihn ein Schleuderstein an der Stirn und er sackte zusammen.
Oh Vin!”
Die Stimme des Jungen klang noch immer hell und kindlich, aber nun lag ein hämischer Unterton darin. Er wandte den Blick von seinem bewusstlosen Artgenossen ab und sah Valen an, wobei sich ein bösartiger Ausdruck auf das unschuldige Kindergesicht legte.
Und jetzt Nummer zwei.”
Valen, der begriff, dass seine Befürchtung richtig gewesen war, hob die Fäuste, aber dann traf ihn etwas hart und wuchtig am Hinterkopf und er ging in die Knie.
Der hier ist härter im Nehmen.”
Der stumpfe Gegenstand schlug ein zweites Mal auf Valens Schädel, seine Sicht flackerte,
verschwamm und dann zog ihn warme Dumpfheit in eine dunkle Umarmung.

***


Cliff knetete nervös seine Hände. Langsam war ihm die Sache so weit über den Kopf gewachsen, dass sie ihn unter sich begraben würde, wenn sie einmal einstürzte. Sein Lagerhaus glich inzwischen einer Festung, durch die neben seinen eigenen Männern auch die Leute seines Auftragsgebers patrouillierten. Finster blickende Magier, bullige Kämpfer, Menschen, Elfen, Halborks, eine Gruppe Minotauren und sogar ein verdammter Oger trieben sich in dem großen Gebäude herum. Sein Kontor war längst von seinem Auftraggeber in Beschlag genommen worden. Vorsichtig klopfte Cliff an der Tür und trat ein, als der Elf ihn dazu aufforderte. Er saß in Cliffs Sessel und hatte die Füße auf den Schreibtisch gelegt, ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen.
Cliff! Was kann ich für dich tun?”
Ich will wissen, wann du und dein scheißgruseliges Gefolge endlich verschwindet.
Ich wollte fragen, wie Eure weiteren Pläne aussehen.”
Zuerst einmal warten wir ab, wie Ava auf die neuesten Entwicklungen reagiert.”
Das Lächeln wurde breiter. Cliff schluckte. Entführungen und Erpressungen waren sein Metier, aber die beiden jungen Männer, die seit einigen Stunden in den Kerkerzellen unterhalb des Lagerhauses festsaßen, waren ihm eine Nummer zu groß. Er hatte gehofft, dass der Elf sie durch jenes Portal, durch das ständig neue unheimliche Gestalten auftauchten, wegschaffen würde, aber das schien nicht der Fall zu sein.
Aber wäre es nicht klüger, die beiden Gefangenen an einen sicheren Ort zu bringen?”
Eine Falte erschien auf der makellos glatten Stirn und Cliff begriff, dass er einen Fehler gemacht hatte. Das Wort klüger implizierte, dass Cliff das jetzige Verhalten seines Auftragsgebers verbesserungswürdig fand. Er schluckte und suchte nach einer Möglichkeit, seine Worte anders klingen zu lassen, aber der Elf schüttelte den Kopf.
Sie sind hier so sicher, wie überall sonst auf Faerûn. Selbst wenn Ava ahnte, dass ihre beiden Liebsten so dicht vor ihrer Nase sitzen, würde sie den Teufel tun und das Gebäude stürmen. Also können wir in der Zwischenzeit ein wenig Spaß haben.
Sil!”
Er pfiff durch die Zähne und eine zierliche Silhouette schälte sich aus der Dunkelheit des Kontors. Eine Gänsehaut zog sich über Cliffs Körper. Falls das überhaupt möglich war, fand er den jüngsten Neuankömmling noch beängstigender als seinen Auftraggeber. Sil musste sich das Färbemittel bereits ausgewaschen haben, denn von ein paar gräulichen Strähnen abgesehen, schimmerte sein Haar wieder schlohweiß. In Verbindung mit seiner blassen Haut und der schwarzen Kleidung, ließ ihn das wie eine unheilige Mischung aus Geist und Schatten wirken. Und er bewegte sich auch so, schnell, geschmeidig und lautlos.
Was wünscht Ihr, Meister Galan?”
Galan. Cliff ging auf, dass er zum ersten Mal den Namen seines Auftraggebers hörte. Die Tatsache, dass er in der neuen Hierarchie offenbar unterhalb dieses Kindes rangierte, demütigte ihn zusätzlich zu seiner Angst.
Schau nach, ob unsere beiden Gäste inzwischen wieder bei Bewusstsein sind. Cliffs Leute haben noch eine Rechnung mit dem kleinen Hexenmeister offen.”
Sils Lippen verzogen sich zu einem kurzen Lächeln, das aber nicht bis zu seinen meergrünen Augen reichte. Er deutete eine Verbeugung an und verschwand.
Ein großartiger Junge.”
Galan lächelte ihm hinterher und Cliff gab sich Mühe, das Kompliment zu bestätigen.
Und sehr geschickt.”
Als Kind war er einige Jahre Artist bei einem Zirkus, den ein alter Freund von mir in Niewinter führte.”
Und er hat Euch den Jungen vermittelt?”
Nein.”
Galan schüttelte den Kopf und sein Lächeln wurde breiter.
Irgendwann hatte Sil genug von den albernen Kunststücken. Er hat seinen Meister abgestochen und ist mit dessen Geld getürmt. Glücklicherweise habe ich ihn gefunden, bevor er der Stadtwache oder irgendeiner dieser jämmerlichen Niewinter-Gilden in die Hände fallen konnte.”
Aber...aber er hat Euren Freund ermordet.”
Vor Entsetzen vergaß Cliff seine unbeteiligte Miene aufrechtzuerhalten und sofort glitten Galans Augen über sein Gesicht, suchten unwillkürlich nach einem Schwachpunkt.
Ja. Jammerschade, aber kein Grund, ein solches Talent abzuweisen.”
Der Elf streckte sich und stand auf.
Lass uns sehen, ob sich unsere Gäste bereits eingelebt haben.”
Lächelnd schritt er durch die Gänge und Cliff, der sich beeilte ihm zu folgen, wusste, dass es ihm eventuell gelingen würde, diese Sache körperlich unversehrt zu überstehen, seine Seele aber unrettbar verloren war.

***


Valen? Valen, wach auf!“
Er schlug die Augen auf, weil jemand an seiner Schulter rüttelte und kniff sie sofort wieder zusammen, als ein hässliches Stechen durch seinen Schädel zuckte. Vorsichtig betastete er die Stelle von der der Schmerz ausging und spürte getrocknetes Blut und eine heftige Schwellung an seinem Hinterkopf. Im zweiten Anlauf gelang es Valen, die Augen zu öffnen. Das Licht war trübe und seine Sicht noch verschleiert, aber er stellte fest, dass er sich in einer Art Gewölbe befand. Aufgrund der feuchtkühlen Luft und des modrigen Geruchs, lag es vermutlich unter der Erde. Als Valen den Kopf drehte, entdeckte er Vin, der dicht neben ihm kauerte und ihn besorgt musterte. Die Erinnerung an die Verfolgungsjagd durch die Stadt und den anschließenden Hinterhalt kehrte zurück und mit einem Ruck setzte sich Valen auf. Sofort überkam ihn heftiger Schwindel und er legte sich die Hand über die Augen.
Geht es dir gut?“
Vins Stimme klang dünn. Valen zuckte die Schultern.
Kommt drauf an.“
Er sah sich um, stellte fest, dass sie in einer vergitterten Zelle saßen und spürte, wie Wut ihm in die Kehle kroch. Vin hatte sich unfassbar dumm verhalten und nun saßen sie hier in der Klemme. Er bemühte sich trotzdem, seine Stimme neutral klingen zu lassen:
Was ist überhaupt passiert?“
Ich dachte, ich hätte Riley gesehen.“
Riley?“
Vin rieb sich die Augen und erzählte Valen, wie er sein abgebranntes Zuhause durchsucht hatte und zwar die Leichen seiner Eltern, aber nicht die seines Bruders gefunden hatte.
Ich hatte die Hoffnung, dass er den Flammen entkommen war und begann, in immer weiteren Kreisen nach ihm zu suchen.“
Diese Suche hatte Vin schließlich nach Tiefwasser geführt, wo er plötzlich andere Prioritäten hatte und sich nach und nach damit abfand, dass Riley vielleicht doch gemeinsam mit seinen Eltern verbrannt war. Die Träume, in denen er verzweifelt der Stimme seines Bruders folgte und ihn dennoch nie fand, waren allerdings geblieben.
Nachdem Ava und Deekin verschwunden waren, kamen sie plötzlich auch in meinen Träumen vor. Und du. Sogar Aribeth, dabei kannte ich euch beide überhaupt nicht. Und seitdem ihr zurück seid, war da die Hoffnung, dass Riley vielleicht doch...“
Er brach ab und schluckte. Valens Wut war verflogen, stattdessen empfand er Mitleid. Vin räusperte sich.
Die Seherin sagte, dass nicht alles, was ich verloren glaube, auch tatsächlich verloren sei. Als ich vorhin diesen Jungen sah, war ich so sicher. Und so dumm.“
Er schüttelte den Kopf, dann sah er Valen flehend an.
Und jetzt sitzen wir beide hier fest. Es tut mir so leid.“
Mach dir darüber keine Gedanken.“
Aber diese Leute...“
Wenn sie uns tot sehen wollten, wären wir es längst. Also bleibt uns nur, abzuwarten.“
Valen bemühte sich um einen zuversichtlichen Tonfall. Vin wirkte niedergeschlagen genug, auch ohne dass er ihm zusätzlich Angst oder Vorwürfe machte. Seine Augen waren rot geädert, seine schmalen Hände zitterten und der müde Ausdruck in seinem Gesicht erinnerte Valen daran, dass Vin trotz all seiner Fähigkeiten und Erfahrung kaum älter als ein Kind war. Er zwang sich zu einem aufmunternden Lächeln, fuhr dem Jungen durchs Haar und warf einen Blick auf die Wunde an dessen Schläfe.
Schlimm?“
Vin schüttelte den Kopf und Valen atmete auf. Seine eigene Verletzung schien ebenfalls nicht weiter tragisch. Er streckte sich ein wenig, schüttelte Arme und Beine aus und stellte fest, dass sie noch funktionierten. Falls sich eine Möglichkeit zur Flucht ergab, wollte er in der Lage sein, sie zu nutzen. Auch Vin lockerte seine Beine und Schultern.
Hast du Ärger mit jemandem?“
Nun, da der Junge wieder gefasst wirkte, beschloss Valen, den Geschehnissen der letzten Stunden auf den Grund zu gehen.
Weil sie mich gezielt in die Falle gelockt haben?“
Vin zuckte die Achseln und sprach weiter.
Ich war ein Dieb, da macht man sich nicht nur Freunde. Aber ich denke nicht, dass sie es auf mich abgesehen haben.“
Er lehnte sich dichter zu Valen und senkte seine Stimme.
Allein in der letzten Woche hätten sie mich hundertmal erwischen können. Aber offenbar wollten sie uns beide.“
Valen konnte ihm nicht folgen.
Worauf willst du hinaus?“
Dass weder du, noch ich sonderlich interessant sind. Es sei denn, es geht in Wahrheit um jemanden, dem wir beide wichtig sind.“
Ava...“
Vin nickte und flüsterte:
Wir sind einander begegnet, weil mich irgendwelche Kerle gezwungen haben, sie zu bestehlen. Ich hatte schon damals das Gefühl, dass es weniger um das Relikt, als um Ava selbst ging. Vielleicht ist das hier ein Versuch, über uns an sie heranzukommen.“
Der Gedanke, dass jemand hinter Ava her war, bohrte sich wie ein Messer in Valens Eingeweide, aber er zwang sich, ruhig zu bleiben.
Weißt du, wo wir sind? Ist das ein Gefängnis?“
Vin schüttelte den Kopf.
Das von Tiefwasser habe ich schon ein paarmal von innen besichtigen dürfen und das sieht anders aus. Außerdem glaube ich, dass diese Gitter erst nachträglich eingebaut wurden. Ich nehme an, dass das hier ein Lagerhaus ist.“
Er wollte weitersprechen, aber Schritte auf dem Flur ließen Valen aufhorchen. Er wechselte einen schnellen Blick mit Vin und bemühte sich um eine entspannte Haltung. Ein Pfeifen begleitete die Schritte, ausgelassen, fröhlich und grässlich angesichts der trostlosen Umgebung. Valen, dessen Sicht besser als Vins war, erkannte die schmale Gestalt als Erstes. Es war der Junge, der sie in die Falle gelockt hatte. Er trug eine schwarze Schurkenrüstung und sein dunkles Haar war nun hell. Auch Vin schien ihn erkannt zu haben, er sackte zusammen und verbarg sein Gesicht in den Händen. Er mochte ein brillanter Denker sein, aber letztlich war er der trügerischen Macht der Hoffnung ebenso ausgeliefert wie alle anderen. Vielleicht hatte er sich bis zuletzt an den Gedanken geklammert, dass der schwarzhaarige Junge sein verlorener Bruder sein könnte und nun machte der weiße Haarschopf all diese Hoffnungen zunichte. Leiser Zorn wallte in Valen auf. Der Junge war offensichtlich kein Straßenkind, das man mit dem Versprechen auf Geld oder Essen gelockt hatte, noch schien er mit Gewalt zu diesem grausamen Spiel gezwungen worden zu sein. Tatsächlich wirkte er, als hätte er Spaß daran. Mit einem Lächeln auf den Lippen spazierte er an den Gitterstäben entlang und blieb als er auf der Höhe der beiden Gefangenen angekommen war, abrupt stehen.
Nun, ich sehe, die beiden Herren sind wach. Ich hoffe, Ihr konntet Euch bereits mit den Annehmlichkeiten unseres Etablissements vertraut machen. Mein Name ist Sil und ich möchte Euch im Auftrag Eures Gastgebers, Meister Galan, willkommen heißen.”
Er musterte Vin, der den Kopf noch immer gesenkt hielt.
Geht es ihm nicht gut?”
Die aufgesetzte Besorgnis ließ Valens Wut erneut hochkochen, aber er bemühte sich, seine Stimme neutral klingen zu lassen.
Wir sind einfach besseres gewohnt. Weiche Betten, gutes Essen, du weißt schon. Außerdem langweilen wir uns ein wenig.”
Trotz der saloppen Anrede verzog der junge Elf keine Miene. Stattdessen umfasste er eine der Metallstangen und zog sich scheinbar mühelos daran hoch. Valen sah zu, wie er das Gitter erklomm und auch Vin hatte den Blick gehoben. Kurz verschwand der Junge aus ihrer Sichtweite, dann tauchte er auf ihrer Seite der Zelle wieder auf. Als er sich noch etwa acht Fuß über dem Boden befand, stieß er sich von den Metallstangen ab, landete mit einem eleganten Überschlag nur wenige Schritte von Valen und Vin entfernt und deutete eine Verbeugung an.
Kein Applaus? Ich dachte, Ihr hättet ein wenig Unterhaltung gewünscht.”
Valen schätzte den Abstand zwischen sich und dem Jungen ab, erkannte aber, dass er keine Chance hatte, ihn zu erreichen.
Für den Anfang nicht schlecht, allerdings interessiert mich das weitere Programm.”
„Dann sollte ich Euch nicht weiter auf die Folter spannen. Euren schweigsamen Freund erwarten ein paar Bekannte, die es gar nicht abwarten können, ihn wiederzusehen.”
Er machte einen Schritt auf Vin zu.
Freut Ihr Euch gar nicht? Ich dachte nach der gescheiterten Familienzusammenführung wäret Ihr glücklich, wenigstens Eure alten Freunde wiederzusehen.”
Du elender…”
Vin sprang auf, schneller als Valen erwartet und es selbst gekonnt hätte, aber der andere Elf wich ihm mühelos aus und kletterte das Gitter hoch. Als er außer Reichweite war, klemmte er die Beine zwischen die Stäbe und ließ sich wie eine Fledermaus mit dem Kopf nach unten hängen. Nur sein langes weißes Haar bewegte sich im Luftzug.
Zu spät, Zauberlehrling. Aber nach allem, was ich über Euch gehört habe, seid Ihr mit diesem Problem bereits vertraut.”
Kichernd richtete er sich auf, erklomm er das restliche Gitter und ließ sich auf der anderen Seite wieder elegant zu Boden gleiten.
Sobald er Zeit hat, werdet Ihr Meister Galan treffen. Er freut sich schon darauf.”
Er verneigte sich noch einmal, dann schlenderte er davon. Vin hatte sich die ganze Zeit nicht bewegt, aber sobald das Pfeifen und die Schritte verklungen waren, stürzte er an das Gitter, umfasste die Stäbe und zog sich daran hoch. Etwa sechs Fuß schaffte er, dann sprang er mit einem Ächzen zurück auf den Boden und wirkte einen Zauber, der die Zelle bis unter das Gewölbe erhellte. Das Gitter reichte bis beinahe ganz nach oben, nur unter der Wölbung befand sich ein schmaler Spalt. Ein zu schmaler Spalt.
Keine Chance. Da passen nur Ratten durch.”
Erleichtert erkannte Valen, dass seine Stimme neutral klang. Er hatte befürchtet, dass Vins Wut real war und er wollte, dass der Junge einen klaren Kopf behielt. Offensichtlich war er auf die Provokation seines Artgenossen nur eingegangen, um eventuelle Fluchtmöglichkeiten auszuloten. Valen erhob sich ebenfalls und sah sich um. Ihre Zelle lag am Ende eines Gangs. Davor befanden sich weitere Verliese, die aber leer schienen. Es gab keine Fenster, das schummrige Licht kam von einzelnen Fackeln, die an den Pfeilern im Gang befestigt waren.
Was machen wir jetzt?”
Statt einer Antwort, legte Valen den Finger an die Lippen und bedeutete Vin mit einem Nicken, sich wieder auf den Boden zu setzen, bevor er es ihm gleichtat. Er hörte Stimmen und Schritte, die schnell näher kamen. Eine Gruppe näherte sich ihrer Zelle, angeführt von einem kräftigen Mann. Vor der Zelle blieb der stehen und musterte Vin kühl.
Erinnerst du dich an uns, kleiner Elf?“
Cliff, nicht wahr? Natürlich erinnere ich mich. Wie könnte ich eine Gruppe erwachsener Männer vergessen, die sich von einer einzigen Frau in die Flucht schlagen ließen?“
Vin grinste und der Mann lief rot an.
Dir wird das Lachen schon noch vergehen.“
Er schloss die Zelle auf und drei seiner Leute traten hinein. Valen erhob sich.
Was soll das werden?“
Der Möchtegernzauberer bekommt eine Zelle für sich.“
Er bleibt hier.“
Valen verschränkte die Finger und ließ seine Gelenke knacken.
Lass gut sein.“
Vin war ebenfalls aufgestanden und trat vor Valen.
Es müssen noch mehr von ihnen hier sein, sonst würden sich es nicht wagen, sich so aufspielen.“
Er beugte sich dichter zu ihm und flüsterte:
Solange wir nicht wissen, was sie vorhaben, sollten wir unsere Kräfte sparen.“
Beunruhigt sah Valen zu, wie er sich aus der Zelle führen ließ. Vin wehrte sich nicht, aber sobald die Tür verriegelt war und Valen nicht mehr eingreifen konnte, stellte einer der Männer dem Jungen ein Bein, sodass er lang hinschlug. Vin rappelte sich hoch, bekam aber einen Stoß von hinten und stolperte gegen den Mann vor sich.
Er hat mich angegriffen!“
Der Getroffene fuhr herum und verpasste Vin einen heftiger Kinnhaken. Ein anderer Mann fing ihn auf und wollte ihn festhalten, aber Vin duckte sich weg. Ein paar Angriffen konnte er ausweichen, andere parieren, aber dann schlug ihm einer die Faust in den Magen und Vin ging zu Boden, woraufhin sie ihn umringten und begannen, auf ihn einzutreten. Als der Junge sich schutzsuchend zusammenrollte, hatte Valen genug.
Das langt jetzt.“
Uns noch nicht.“
Der Mann, den Vin 'Cliff' genannt hatte, spuckte aus.
Weil Ihr Euch wie Helden fühlt, wenn Ihr zu fünft auf dieses halbe Kind losgeht?“
Möchtet Ihr mit ihm tauschen?“
Ja.“
Cliffs Frage war rhetorischer Natur gewesen und Valens Antwort überraschte ihn sichtlich. Dann verzog er das Gesicht.
Ihr kommt auch noch dran, keine Sorge.“
Dennoch streckte er die Hand aus und zog Vin auf die Beine. Der Junge hatte etliche Schrammen, aber in seinen Augen loderte gefährlicher Trotz.
War das schon alles?“
Zu Valens Entsetzen griff er Cliff an und landete einen erstaunlich harten Treffer in dessen Nierengegend, aber das blieb sein einziger Triumph. Der Mann schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht, dann verpasste er ihm ein paar Faustschläge in den Magen, bevor er Vin am Kragen packte, ihn festhielt und ihm sein Knie zwischen die Beine stieß. Vin stöhnte auf und ging erneut zu Boden.
Bleib liegen, verdammt! Aber Valens stummes Flehen blieb unerhört. Zitternd hob sich der Elf auf alle Viere, woraufhin Cliff ihm so heftig in die Rippen trat, dass er auf dem Rücken landete. Ein anderer kniete sich über Vin und begann, ihm ins Gesicht zu schlagen. Valen wandte den Blick ab.

***

Kein Kommentar.“
Komm schon...“
Nein.“
Du musst mir auch nicht verraten, was genau er damit macht, ich will nur wissen, ob er ihn benutzen kann.“
Welchen Teil von 'Nein' hast du nicht verstanden?“
Spielverderberin!“
Sharwyn verzog die Lippen zu einem Schmollmund, aber dann lächelte sie Ava an.
Du musst wirklich verliebt sein, wenn man dir nicht einmal ein Fitzelchen Tratsch entlocken kann.“
Ava griff nach dem Wein und goss ihnen beiden nach. Obwohl Sharwyn sie mit Fragen bedrängte, war es angenehm, Zeit mit ihr zu verbringen. Ava hatte erwartet, dass ihre Verliebtheit mit der Zeit abflauen würde, aber tatsächlich wurde sie von Tag zu Tag heftiger und das Gespräch mit der Bardin bot ein angenehmes Ventil für ihre übersprudelnden Gefühle. Zumal die sich aktuell in einer ähnlichen Situation befand.
Du doch auch. Erzähl' mir von dir und Daelan.“
Sharwyn tat ihr den Gefallen und Ava lauschte aufmerksam. Ab und an glitt ihr Blick zu der großen Standuhr in der Schankstube. Valen schien eine Sonderschicht einzulegen.

***


Nachdem die Männer Vin bewusstlos geschlagen hatten, hatten sie ihn in die Nachbarzelle geschleppt und waren lachend und grölend verschwunden. Zorn raste durch Valens Glieder, machte ihn kribbelig, hielt ihn wach und er wanderte rastlos zwischen der schmalen Pritsche und dem schmutzigen Loch im Boden, das wohl zum Verrichten der Notdurft diente, hin und her. Ein paarmal war er ans Gitter getreten und hatte den Namen des Jungen geflüstert. Vin hatte nicht reagiert, aber immerhin atmete er. Als Valen hörte, dass jemand kam, legte er sich auf die Holzpritsche und stellte sich schlafend. Zwischen halb geschlossenen Lidern beobachtete er den einzelnen Mann, der Vins Zelle aufschloss. Es war einer von Cliffs Schlägern und einen Moment blieb er unschlüssig stehen, dann beugte er sich hinab und löste die Kordel an Vins Hüfte. Verwirrt sah Valen ihm zu, aber als der Mann Vins Hose herunterzog, begriff er und stürzte an das Gitter.
Aufhören!”
Der Mann zuckte zusammen und sah Valen erschrocken an, aber dann grinste er.
Schnauze, Missgeburt.”
Er kniete sich über Vin und schnürte seine seine eigene Hose auf. Valen schlug gegen die Gitterstäbe, rasend vor Wut und Hilflosigkeit.
Du bist tot!”
Nein. Aber du eingesperrt.”
Der Mann lachte und spuckte in seine Handfläche, aber noch bevor er Vin berühren könnte, schob sich eine schmale Klinge unter sein Kinn.
Lass das!”
Sil war scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht. Diese Tatsache überraschte Valen so sehr, wie die Waffe, die er dem Mann an die Kehle hielt. Kleine, schmächtige Kämpfer bevorzugten häufig Kurzschwerter oder Dolche, der weißhaarige Elf führte allerdings ein Katana und die Art wie er es hielt verriet, dass er mit dem Umgang vertraut war. Der Schläger wirkte eingeschüchtert, schien aber das Gesicht wahren zu wollen.
Du hast mir hier keine Befehle zu erteilen.”
Meister Galan sieht das anders, aber vielleicht möchtest du das lieber mit ihm diskutieren.”
Sil lächelte, als der Mann zurückwich, dann spuckte er ihm vor die Füße.
Ihr elendes Hafengesindel seid nur am Leben, weil ihr uns nützlich seid. Also sorgt dafür, dass das so bleibt.”
Er nickte in Richtung Vin.
Zieh ihn wieder an.”
Der Mann kam Sils Aufforderung nach und wollte dann seine eigene Hose hochziehen, hielt aber erschrocken inne, als Sil mit der Klinge des Katana seinen Bauch berührte und sie langsam tiefer gleiten ließ.
Vielleicht kannst du dich besser kontrollieren, wenn ich dich hiervon befreie…”
Er deutete einen Hieb an und der Mann schluchzte auf.
Nein...Bitte nicht!”
Na gut.”
Sil ließ die Waffe sinken und musterte sein Gegenüber aus schmalen Augen.
Dann kann ich davon ausgehen, dass du die beiden künftig in Ruhe lässt und das auch an deine Freunde weitergibst?”
Sein Gegenüber nickte ängstlich.
Schön. Meister Galan schätzt es nämlich gar nicht, wenn sich jemand an seinem Eigentum vergreift. Du solltest dankbar sein, dass ich dich erwischt habe. Wenn du dich künftig angemessen verhältst, könnte ich diese ganze Sache vielleicht sogar vergessen.”
Er machte eine ungeduldige Handbewegung.
Und jetzt pack' dein lächerliches Würstchen ein und verschwinde!”
Der Mann kam der Aufforderung umgehend nach. Sil sah zu, wie er den Gang verließ und wandte sich dann an Valen.
Es läge auch in Eurem Interesse, Stillschweigen über diesen unerfreulichen Vorfall zu wahren. Nicht, dass Ihr Meister Galan noch auf Ideen bringt.”
Er wartete keine Antwort ab, sondern huschte, so leise wie er gekommen war, aus Vins Zelle, verriegelte das Schloss und verschwand. Erschöpft ließ Valen sich auf seine Pritsche sinken, Adrenalin kreiste durch seinen Körper und obwohl er sich unendlich müde fühlte, dauerte es ewig, bis er in einen unruhigen Schlaf fiel.



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