Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Der Wächter des Flügels

GeschichteFamilie / P16 / Gen
Astrid Hofferson Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
08.01.2018
18.08.2021
14
98.675
74
Alle Kapitel
142 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
01.04.2021 10.071
 
Ah sh*t, here we go again…
______________________________________


Ihre Sinne kehrten langsam aus einem langen und überraschenderweise recht erholsamen Schlaf zurück.

Da war ein wenig Wind… eine sanfte Brise, die durch Grashalme fuhr und die Blätter von Bäumen rascheln ließ.

Da waren auch ein paar Vögel, die um die Wette zwitscherten…

Leiser und lauter werdendes Stampfen…

Drachengebrüll…

Drachengebrüll?

Astrid riss die Augen auf und fuhr auf der Stelle hoch. Auf dem Weg wurde sie von ihren eigenen Haaren an der Fähigkeit zu sehen beeinträchtigt, rupfte sich daher erst einmal halb durch das strohblonde, fast vogelnestartige Gestrüpp, bemerkte dann, dass sie ein ganzes Büschel davon im Mund hatte, versuchte dies eilig auszuspucken, was selbstverständlich nicht beim ersten Versuch gelang, bis sie realisierte, dass ihr Gestrampel für die Verwandlung einer Decke aus Bärenfell in ein wortwörtliches Labyrinth sorgte und sie sich nun auch noch daraus befreien musste.

Begleitet wurde dies von lautstarken Flüchen, die jedoch nur gedämpft hervorkamen. Kaum einige Meter daneben saßen die unmaskierte Heidrun und ihr Klingenpeitschling Windfang, die beide nur verwirrt in Richtung der blonden Wikingerin starrten und sich dann gegenseitig ratlos ansahen.

Astrids Kampf um Leben und Tod ging weiter, als sie einen neuen Feind entdeckte: Ihre eigene Ungeduld. Ihr Gezappel und Gezeter wurden ihr zum Verhängnis, als sie mit dem Kopf gegen einen der Steine knallte, die das längst in der Nacht erloschene Lagerfeuer umringten und daher Benommenheit ihre Liste der momentanen Probleme erweiterte.

Und als würde das ihr Multitasking nicht schon mehr als genug beeinträchtigen, entschied sie sich auch noch dazu, aufgrund der imminenten Gefahr nach ihrer Waffe zu greifen. Sie erinnerte sich schließlich jedoch, dass ihre Axt für immer auf den Grund des Meeres gesunken war und griff deshalb wild um sich, was ihre Situation nicht unbedingt verbesserte.

Irgendwann bekam sie den Griff einer Waffe zu spüren. Sie griff danach und nachdem sie sich aus dem Bärenfell und praktisch aus sich selbst befreit hatte fuhr sie schnurstracks nach oben.

«DRACHENANGRIIIIiiii…» Ihr als Warnung und Kampfansage zusammengefasster Schrei fand ein freiwilliges, schnelles Ende, als Astrid aufgrund der sichtbaren Geschehnisse nur verdutzt dreinblicken konnte.

Da waren Drachen, ja, und sie waren auch im Kampf, durchaus, aber erstens nicht gegen Menschen und zweitens auch nicht sonderlich ernsthaft.

Ein Alptraum, ein Nadder, ein Gronckel und ein Zipper tobten über das Plateau, jedoch ohne ihre Flügel oder Feuer zu benutzen. Sie schienen etwas nachzujagen und wie Hunde wedelten sie dabei mit ihren Schwänzen.

Erst bei genauerem Hinsehen konnte Astrid erkennen, was der Grund für die fast schon spielerisch aussehende Jagd war: Eine Prothese. Aber keine Prothese, wie sie auf Berk zu sehen war. Eher wie…

«Au weia!», rief Taffnuss, der sich auch gerade aus seiner Bärenfelldecke schälte, nachdem er so rüde geweckt wurde. «Die Drachen haben Hicks gefressen!»

«Was?! Wo? Mein Sohn!», kam es nun auch von Haudrauf, der eilig aufsprang, nur um dann zu realisieren, was vor sich ging und missmutig brummte.

«Leute, wie schon gesagt, Hicks hat keine Prothese», murmelte Fischbein müde.

«Für euch Schafsköpfe nochmal zum Mitschreiben», meldete sich nun auch Rotzbacke, «Hicks ist nicht der Drachenmeister… oder der Wächter, wie auch immer sein bekloppter Name ist.»

«Sein Titel», korrigierte Heidrun amüsiert, die nur einige Schritte entfernt an ihren Drachen gelehnt saß. «Und wenn ihr mich fragt, klingt „Drachenmeister“ wirklich bescheuert. Warum nicht der „Sohn der Nacht“ oder der „schwarze Reiter“?»

«Ganz ehrlich, das ist ein guter Punkt», gab Fischbein zu.

«Leute!», rief Astrid und winkte den anderen wie wild ins Blickfeld. «Können wir uns vielleicht auf das Wesentliche konzentrieren? Diese Drachen… keine Ahnung… spielen? Mit der Prothese des Wächters! Wo zum Henker steckt der Kerl eigentlich?»

«Er macht nur einen Spazierflug und holt ein paar Vorräte aus dem Dorf. Er wollte irgendetwas schmieden, glaube ich…»

«Mit einem Bein?»

«Nein, er hat natürlich einen Ersatz für seine Prothese.»

«Mhm, klar», machte Raffnuss und strich sich mit spielerischer Eleganz über das Kinn. «Und wer sagt uns, dass du ihn nicht gefressen hast?»

«Wer, Windfang?», fragte Heidrun verwirrt und ihr Drache sah nicht aus, als würde sie es besser verstehen, was man von ihnen wollte.

«Nein, du!», meldete sich Taffnuss korrigierend.

«Wen, den Wächter?»

«Ja, Hicks!», riefen beide gleichzeitig.

Während Heidrun verwirrt und forschend in die Gesichter der anderen starrte und sich fragte, wie sie bereits um seine Identität wissen konnten, jedoch ohne sich zu fragen, wie bei allen Göttern die Zwillinge darauf kamen, sie hätte Hicks gefressen, schlug sich Rotzbacke mit der flachen Hand ins Gesicht.

«Ich krieg noch einen totalen Koller… Zum letzten Mal, ihr Spatzenhirne, Hicks ist nicht der Wächter. Erstens – und ich glaube jetzt nicht, dass ich das wirklich sage – hat er kämpferisch echt was drauf. Hicks dagegen… ihr erinnert euch?»

«Zweitens», fügte Fischbein an, «hat er eine Prothese.»

«und drittens ist er im Gegensatz zu Hicks ein arroganter, missgünstiger, sarkastischer, respektloser Haufen Yakdung», beendete Astrid ärgerlich, während sie ihre Haare zu entwirren versuchte.

«Dafür ist er südlich seines Rückens ziemlich ansehnlich», ergänzte nun Raffnuss mit einem frechen Grinsen. «Hab ich nicht recht, Astrid?»

«Ich habe keine Ahnung, wovon du redest und ich habe immer noch ein Messer!», kam die gereizte Antwort.

Dieses verbale Geplänkel ging noch ein wenig zwischen den Berkianern hin und her und Heidrun fragte sich langsam, wie sich dieser Stamm von Wikingern noch nicht längst selbst ausgelöscht hatte und es gleichzeitig neben den eigenen Bewohnern auch noch mit eiserner Widerstandskraft Drachen standhalten konnte.

«Seid ihr dann fertig?», fragte sie schließlich müde. «Ich würde heute gern noch etwas anderes machen als den Babysitter für ein paar Dickköpfe zu spielen, die trotz ihrer Starrsinnigkeit scheinbar vergessen haben, was sie eigentlich heute machen wollten. Wie ich hörte, wart ihr gestern noch ganz darauf versessen, euren verschollenen Hicks zu suchen.»

«In Ordnung, ich geh dann mal zum Wächter», fing Taffnuss schon wieder an. Raffnuss nickte und wollte gerade auch etwas dazu sagen, als der Häuptling ihr zuvorkam.

Haudrauf platzte fast der Kragen. «Okay, ihr zwei. Noch ein Wort von euch oder irgendwem dazu, dass Hicks angeblich der Wächter ist und ihr dürft die Rückreise schwimmend zurücklegen!»

Fischbein seufzte und wandte sich schließlich an Heidrun. «Irgendwelche Tipps, wo man anfangen könnte?»

Sie grinste schelmisch und tippte sich zweimal gegen ihr Kinn. «Na gut, einen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er gerade im Dorf ist», sprach sie amüsiert.

«Hilfreich…», brummte Rotzbacke und verdrehte die Augen.

«Wenn du nur wüsstest», entgegnete die schwarzhaarige Beschützerin mit einem kryptischen Lächeln, bevor sie Windfang ein paar Male sanft über die Schuppen fuhr und in die Ferne sah. «Also dann, gibt es noch etwas? Ich würde gern eine Runde drehen.»

«Ich hätte eine Frage», rief Astrid. «Wo sind über Nacht die Bärenfelle hergekommen?»

Heidrun hob erst nachdenklich eine Augenbraue, während es in ihrem Kopf ratterte, bevor es schließlich Klick machte und sie in sich hinein grinsend den Kopf schüttelte. «Du armer Narr», murmelte sie kurz und beantwortete dann die Frage: «Ich nehme an, ihr habt dem Wächter leidgetan. Es war eine vergleichsweise kalte Nacht. Also hat er euch wohl etwas unter die Arme greifen wollen.» Dann sah sie in Erwartung einer weiteren Frage wieder in die Runde. Tatsächlich hob Fischbein höflich die Hand. Kopfschüttelnd, aber mit einem Lächeln nickte sie ihm zu. «Ja?»

«Ein paar kleine Fakten zu deinem Drachen vielleicht?», fragte er und holt gleich wieder den Notizblock hervor, den ihm Viggo gegeben hatte.

Sie schmunzelte. «Klingenpeitschling. Schnell, präzise und flexibel in Flug und Kampf. Heißes, explosives Feuer, giftige Tränen, gute Panzerung und ein rasiermesserscharfer Schwanz zum Durchtrennen und Erwürgen. Kurz und knapp tödlich, aber ein sooo liebes Mädchen. Nicht wahr, Windfang?», gurrte sie und strich ihrem Drachen sanft über die Nase.

Fischbein wagte schon gar keine falsche Bewegung zu machen und schreckte ein Stück zurück, als der Klingenpeitschling langsam ärgerlich grummelte.

Statt jedoch irgendwie in Panik wegen ihres Drachens mit dem umschlagenden Gemüt zu geraten, nahm sie den Kopf wie bei einem kleinen Kind in beide Hände und säuselte weiter: «Ein liebes Mädchen mit einem gesunden Appetit auf Seeschnecken.»

Allein die Erwähnung ihrer Leibspeise lockerte die Stimmung direkt wieder auf und sie fing langsam an mit dem Schwanz zu wedeln.

«Sie fängt schon an zu nörgeln», kommentierte Heidrun das Geschehen grinsend. «Also ich muss jetzt los. Aber wenn du noch ein paar Fragen beantwortet haben willst…», deutete sie an und hielt Fischbein schelmisch eine Hand hin.

«Hm, wie…?», machte er, bevor er begriff, was sie soeben vorschlug und wehrte auf der Stelle mit einem nervösen Seitenblick auf den Klingenpeitschling und wedelnden Händen ab. «Oh, äh… weißt du… heute dann doch lieber nicht. Ich meine, ich muss ja noch was essen und… äh…» Rotzbacke schlug sich eine Hand ins Gesicht und knuffte dem dicklichen Wikinger in die Seite, damit er zu Potte kam. Mit Erfolg. Fischbein räusperte sich kurz. «Also, äh… nein danke.»

Heidrun lachte kurz und schwang sich auf ihren Drachen. «Dein Pech. Viel Spaß mit dem Weg nach unten, ihr Drachenlosen!»

Mit diesen Worten flog sie davon und ließ die Berkianer einfach unbeaufsichtigt zurück.

«Alsooo…», begann Rotzbacke nun. «Ab nach unten oder was? Ist ja nicht so, als wäre hier oben etwas zu holen.»

Die Wikinger zuckten nur mit den Schultern und machten sich an den Abstieg.

«Ich würde ja wirklich gern glauben, dass mein Sohn hier ist, aber irgendetwas sagt mir, dass sie gar nicht wollen, dass wir ihn finden», brummte Haudrauf, während sie den langen, geschlängelten Abwärtspfad verfolgten, den sie nun bereits zum insgesamt vierten Mal abliefen.

«Ich habe auch langsam meine Zweifel», gab Astrid zu und kickte ein kleines Steinchen frustriert aus dem Weg. «Warum können sie uns nicht einfach einen Beweis dafür geben, dass er wirklich hier ist? Das würde es für uns alle einfacher machen.»

«Vorausgesetzt, er ist überhaupt hier, wie gesagt», warf der Häuptling wieder ein.

«Mal angenommen, er ist hier», begann Fischbein nachdenklich, «wie sollen sie es uns beweisen, ohne gleich alles vorwegzunehmen? Oder anders formuliert: Was würde uns denn überzeugen?»

«Ich…», machte Astrid und ließ es in ihrem Kopf rattern. Ein Blick zu Haudrauf verriet ihr, dass auch er keine Antwort hatte. «Keine Ahnung, ehrlich gesagt… Aber sie können doch nicht davon ausgehen, dass wir ihnen jedes Wort glauben.»

«Versuch es mal aus ihrer Sicht zu sehen, Astrid», merkte der dickliche Wikinger wieder an, der an einer besonders steilen Stelle kurz aufpassen musste, bevor er weitersprach. «Wenn ihnen danach wäre, könnten sie uns auch einfach in ihren Vulkan werfen oder von einem Drachen abkokeln lassen. Also was haben sie davon, das nicht zu tun?»

«Sie versuchen uns zu besänftigen, weil ihr Wächter bei den Drachenangriffen gegen uns hilft. Wir wissen jetzt, wo sie sind und sie erhoffen sich vielleicht Nachsicht», vermutete Haudrauf.

«Würden sie uns einfach töten, müssten sie ebenfalls keine Konsequenzen fürchten», entgegnete Fischbein. «Auf Berk würde man einfach vermuten, wir wären mit dem Schiff verunglückt. Ende der Geschichte. Nein, der Grund ist ein anderer, da bin ich mir sicher.»

«Du klingst ziemlich überzeugt von dir», bemerkte Rotzbacke. «Also was denkst du, was das hier werden soll? Sie werden uns wohl kaum zu Drachenreitern bekehren wollen.»

Fischbein lächelte. «Nein, das glaube ich auch nicht. Würden sie das tun und mal angenommen, sie schaffen es auch, wäre ihnen die Aufmerksamkeit des gesamten Archipels gewiss. Bis gestern wussten wir gar nicht von ihrer Existenz, was dafür spricht, dass wir es hier mit einem sehr eigenbrötlerischen und stillen Volk zu tun haben. Eines, das garantiert nicht gern im Zentrum von Aufmerksamkeit steht. Die rational beste Entscheidung für sie wäre es, uns einfach tot umfallen zu lassen, damit sie diesen Zustand beibehalten können.»

«Komm zum Punkt, Fischbein», brummte Haudrauf.

«Ich will nur sagen», fuhr der blonde Wikinger fort, «es geht hier nicht um die Drachen, den Krieg oder die anderen Wikingerstämme. Es geht hier um uns als Personen, als Berkianer.» Als der Rest immer noch nicht schlauer aussah – die Zwillinge schon gar nicht, die nicht einmal mit einem halben Ohr zuhörten – erklärte er weiter. «Wir sind nicht hier, wo wir jetzt sind und sehen nicht das, was wir gerade sehen, weil es diese Leute so wollen. Nein, wir tun es, weil es ein einzelner Mann so will. Jemand spielt ein Spiel mit uns und diese Leute machen mit.»

«Und was soll das für ein Spiel sein?»

«Ganz einfach. Das Spiel lautet: Wissen wir wirklich, wer und wie Hicks ist?»
______________________________________

«Also nochmal von vorne, Fischbein», sagte Astrid und schüttelte den Kopf im Versuch, alles zu verarbeiten. Sie hatten nun bereits ein ganzes Stück nach unten zurückgelegt. «Du denkst, jemand will uns am Leben lassen, um uns im Endeffekt nichts anderes als eine Lektion zu erteilen?»

«Wenn die Lektion beinhaltet, am Leben bleiben zu dürfen, dann ist es mir ehrlich gesagt mehr als recht», merkte Rotzbacke an.

«So in etwa, ja», sagte Fischbein. «Überlegt doch mal! Wir leben noch. Das muss doch irgendetwas heißen, wenn wir hier unter Leuten sind, die wir unter normalen Umständen als unsere natürlichen Feinde betrachten würden. Und sie profitieren garantiert nicht davon, dass sie uns hier bei sich behalten. Gefangene? Zu welchem Zweck? Als Geiseln gegen Lösegeld? Nochmal: Das sind sehr abgeschiedene Leute, die Ewigkeiten ganz unter sich gelebt haben. Die Aufmerksamkeit der anderen Stämme ist das Letzte, das sie wollen.»

«Und deshalb denkst du, dass jemand im Hintergrund ein paar Fäden gezogen hat, damit wir am Leben bleiben?», schlussfolgerte der Häuptling.

Mittlerweile waren sie unten am Berg angekommen und sahen sich dem Eingang des Dorfs gegenüber. Doch nun hielten sie an, anstatt direkt hineinzugehen.

«Fast», merkte nun Fischbein wieder an. «Nicht einfach nur jemand. Hicks.»

«Bist du sicher?»

«Ja.»

«Wie sicher?»

«Etwa 87,734-»

«Okay, schon kapiert, so genau wollte ich es jetzt auch nicht wissen», brummte Haudrauf.

«…Prozent», vervollständigte Fischbein noch langsam.

«Aber wenn er dazu in der Lage ist», mutmaßte Astrid nachdenklich, «dann muss er einen gewissen Einfluss haben.»

«Apropos Menschen mit Einfluss», mischte sich nun Taffnuss ein und zeigte auf sich uns seinen Zwilling, «wir gehen dann mal zu Hicks.»

«Warte, zu-», begann Haudrauf wieder, bevor er sich wieder erinnerte, wer da gerade gesprochen hatte, und grollte missgünstig. «Jaja, geht ruhig.»

An den Zwillingen ging das Kommando völlig vorbei. Sie waren ohnehin schon auf dem Weg. Sie konnten nur noch Raffnuss hören, wie sie sagte: «Aber wenn wir auf Eret, Sohn von Eret, treffen, dann will ich, dass wir anhalten. Ich will wieder diese großen, starken, muskulösen-»

Astrid atmete vor Erleichterung tief ein und aus, als die Zwillinge schließlich außer Hörweite waren.

«Also suchen wir nach jemandem mit Einfluss und hoffen, dass er Hicks sein könnte», schlussfolgerte Haudrauf nun. «Ganz offensichtlich fallen da die Königin, ihr Leibwächter, Eret und Viggo raus.»

«Das sind jetzt natürlich die, die in der Hierarchie hier ganz oben sind», gab Fischbein zu bedenken. «Sicherlich gibt es noch viele andere, die zumindest eine etwas geringere, aber dennoch angesehene Stellung innehaben. Was könnte das zum Beispiel sein?»

«Vielleicht einer, der für die Nahrungssuche verantwortlich ist?», schlug Astrid schulterzuckend vor. «Oder ein Händler? Ein angesehener Handwerker? Eventuell sogar ein Ausbilder…»

«Unwahrscheinlich», warf Rotzbacke nachdenklich ein. «Letzteres zumindest. Aber schaden kann es nicht, alles zu überprüfen. Hicks war doch auf Berk Grobians Lehrling? Vielleicht könnte ein Blick in die Schmiede helfen?»

«Rotzbacke», kam es überrascht von Astrid. «Seit wann hast du ein Hirn?»

«Macht es mich heiß?»

«Du solltest wissen, dass ich dich nur deshalb jetzt nicht umhaue, weil ich sonst befürchte, dass dir jegliche neu gewonnene Hirnmasse zur Nase rausflutscht…»

«Du machst dir Sorgen um mich?» Rotzbacke strahlte förmlich, während sich Astrids Miene kein Stück verzog.

«Ich kann auch ganz schnell darüber hinwegsehen, was ich gerade gesagt habe», drohte sie.

«Schluss damit», unterbrach Haudrauf das schon wieder aufkeimende Gezanke. «Fischbein, Rotzbacke, ihr beide sucht nach jedem Mann auf dieser Insel mit grünen Augen und auch nur dem kleinsten Funken Einfluss. Fangt bei den Docks an und arbeitet euch hoch. Ich werde mich ein wenig mit der Königin unterhalten, von Oberhaupt zu Oberhaupt. Wenn ich verstehe, wie diese Leute ticken, finde ich vielleicht auch heraus, wie sie mit uns verfahren wollen. Daraus können wir vielleicht Schlüsse ziehen, wie sie sich das mit uns und Hicks vorstellen.»

«Was ist mit mir? Was soll ich tun?», fragte nun die Schildmaid.

«Du bekommst die vielleicht wichtigste Aufgabe», verkündete der Häuptling. «Dieser Wächter ist uns noch immer ein einziges Rätsel. Alles, was du über ihn oder die Drachen herausfinden kannst, ist eventuell nicht unbedingt jetzt gerade nützlich, kann uns aber auf Berk ungemein weiterhelfen. Möglicherweise weiß er sogar mehr darüber, warum diese Drachenangriffe stattfinden. Aber vor allem möchte ich von dir, dass du von ihm mehr über Hicks herausfindest. Der gestrige Abend hat gezeigt, dass er mehr über uns und über ihn weiß, als mir lieb ist. Auch das kann uns weiterhelfen, wenn wir meinen Sohn finden wollen.»

«Mach ich.»

«Gut… und denkt dran, wenn Fischbein richtig liegt, dann hat Hicks irgendeinen Plan von uns, auch wenn wir ihn noch nicht ganz durchdringen.»
______________________________________

«Dieser Plan ist wirklich absolut scheiße», murrte Hicks mit abgesetzter Maske, die neben ihm auf einem Tisch lag.

Er und Heidrun befanden sich in der Schmiede des Dorfes am Fuß des Vulkans. Sie waren gemeinsam in einem Hinterzimmer.

«Wieso sagst du das?», fragte Heidrun und gluckste.

«Was hat sich Viggo dabei überhaupt gedacht? Die Berkianer an die Drachen gewöhnen, indem wir sie damit locken, dass sie hier ihren lieben Hicks wiedersehen können? So etwas Blödes…»

«Für mich klingt das gar nicht so abwegig, wenn ich ehrlich bin», meinte die schwarzhaarige Drachenreiterin schulterzuckend. «Ich hab sie vorhin gesehen, wie sie den Berg runtergelaufen und ins Dorf spaziert sind. Als hätten sie die Drachen kaum wahrgenommen. Für mich klingt das nach Fortschritt.»

«Ja, sie haben sie nicht wahrgenommen, weil sie darauf fokussiert sind, MICH zu finden», entgegnete er und vergrub das Gesicht in den Händen. «Die Drachen sind ihnen völlig egal. Sie werden gar nichts lernen. Und es kommt noch schlimmer…»

«Ach, was könnte denn für unseren lieben Wächter noch schlimmer sein als Menschen, die nicht nach seiner Pfeife tanzen?», fragte Heidrun neckend, bevor die Tür zum Hinterzimmer aufgerissen wurde und zwei blonde Gestalten hereingestürzt kamen.

Ehe einer von ihnen reagieren konnte, befand sich Hicks – noch immer ohne Maske – schon im Schwitzkasten, wenn auch in einem, der fast freundschaftlich aussah. Bei den beiden Eindringlingen handelte es sich um die Thorston-Zwillinge.

«Hey, Hicks, mein Alter!», rief Taffnuss begeistert und fuhr dem Wächter mit der Faust rau durch die Haare.

«Runter…! Taffnuss… Luft!», brachte Hicks gerade so hervor.

«Jetzt lass ihn schon los, Bruderherz. Jetzt wo er wieder unter den Lebenden wandelt, wollen wir ihn doch nicht gleich wieder umbringen», warnte die Thorston-Schwester.

Also ließ Taffnuss den unmaskierten Wächter wieder los. Seine Belohnung sah so aus, dass Heidrun ihn von der Seite rammte und sein Gesicht auf den nächstbesten Tisch drückte.

«Das wirft den kompletten Plan über den Haufen», realisierte sie und sah Hicks ratlos an. «Was machen wir mit ihnen?»

Unterdessen richtete der Wächter seine Haare wieder, dass er nicht mehr wie ein vom Skrill geschocktes Yak aussah. «Nichts», antwortete er mürrisch. «Sie wissen es bereits seit einer Weile.»

«Wie bitte?» Heidruns Griff wurde lockerer und Verwirrung zeichnete sich ab.

«Bloß nicht nachlassen», protestierte Taffnuss stöhnend. «Ich hab ein paar verspannte Stellen. Greif fester zu.» Heidrun folgte seiner Bitte augenblicklich. «Oh ja… viel besser», kam es aus ihm heraus, während seiner Schulter ein Knackgeräusch entlockt wurde.

«Seit wann wissen sie von dir?»

«Seit dem ersten Augenblick, als wir ihn gesehen haben natürlich», beantwortete Raffnuss die Frage und Hicks nickte genervt. «Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen.»

«Es war gestern, Raff», stellte der Wächter missmutig klar.

«Ich war eng an Eret, Sohn von Eret, den schönsten und stärksten Mann unter der Sonne, so flink wie ein Wildschwein und mit dem Gesicht eines Schafs-»

Während sie brabbelte, tauschte Heidrun einen verunsicherten Blick mit dem anderen Drachenreiter. «Ich bin verwirrt… Sind das Beleidigungen oder ist das einfach nur ihre Art zu zeigen, dass sie gleich beide Augen auf ihn geworfen hat?»

«Wenn du mich fragst, ist das Beleidigung genug», antwortete Hicks seufzend und wartete weiter in der Hoffnung, Raffnuss möge bald mit ihrer Schwärmerei aufhören.

«…und höchstwahrscheinlich mit dem Gemächt eines großen-»

«Also!», unterbrach Hicks lautstark und frustriert. «Du wolltest erzählen, wie du mich erkannt hast.»

Der weibliche Zwilling sah ihn an, als wäre ihm ein zweiter Kopf gewachsen. «Hä? Na, die Art wie du stehst und läufst…»

«Wie stehe und laufe ich denn?»

«Wie ein neugeborenes Lamm. So richtig staksig.»

«Das ist doch Blödsinn!», entfuhr es ihm, doch Taffnuss quatschte ihn aus seiner unangenehmen (oder eben angenehmen, je nach Betrachter) Lage seitlich an.

«Es ist wahr», sprach er, als sei es ein Naturgesetz.

«Aber…» Hicks fand absolut keine Worte mehr und wandte sich mit zusammengezogenen Augenbrauen an Heidrun. «Denkst du auch, ich stehe da wie ein…» Dann bemerkte er ihren Blick. «Echt jetzt?»

«Najaaa…»

«Das darf doch wohl nicht wahr sein…»

«Und für mich war es noch einfacher!», meldete sich Taffnuss wieder, der noch zusätzlich etwas zappelte, damit seine Gelenke und Sehnen leichter knackten. Die Blicke richteten sich erwartungsvoll auf ihn. «Also gestern war ja Donnerstag und morgen ist Vollmond und weil sich Gronckel auf Furunkel reimt und Trolle große Steine klauen, aber zu einem Paar Socken immer drei Löcher gehören, musste ich nur eins und eins zusammenzählen. Deshalb war es total klar, dass er Hicks ist.»



«Aber-», begann Heidrun, die an ihrem eigenen Hörvermögen zweifelte, während Hicks seine Stirn mehrfach gegen die nächstbeste Holzwand hämmerte. «Wa-… Gestern war Mittwoch! Und wir hatten erst Neumond! Und Gronckel reimt sich nur dann auf Furunkel, wenn man mit Reimen wirklich – und ich meine wirklich – WIRKLICH großzügig ist.»

«Und Trolle klauen nur linke Socken», murrte Hicks gedämpft, sein Gesicht gegen die Wand gedrückt. «Das weiß doch jeder.»

«So?» Taffnuss runzelte verwirrt die Stirn, zuckte dann aber mit seinen nach wie vor eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten die Schultern. «Naja, aber ich lag ja anscheinend trotzdem richtig.»

Heidrun schüttelte die Verwirrung ab mit dem Gedanken, dass zumindest diesem Zwilling absolut nicht mehr geistig zu helfen war. Sie wandte sich lieber an Personen, deren psychischen Zustand sie einschätzen konnten. «Und woher wusstest du nun, dass sie es wussten?»

«Weil sie gestern Nacht…» Der Wächter unterbrach sich kurz, seufzte, drehte sich zu ihr und sah murrend zu Boden. «Sie sind in der Nacht bei mir reingeschlichen, haben sich auf mich gestürzt, mich in meine Decke eingerollt und gebrüllt: „Du sagst gar nicht immer die Wahrheit! Du hast uns wegen der Wildschweingruben angelogen!“ Was übrigens totaler Blödsinn ist, möchte ich nur einmal sagen. Ich habe von unseren inseleigenen Wildschweingruben gesprochen, aber nicht auf welcher Insel sie sind.»

«War trotzdem fies», brummten die Zwillinge gleichzeitig.

«Und Ohnezahn fand es anscheinend witzig. Er hat sie einfach machen lassen», schimpfte Hicks wie ein Rohrspatz. «Deshalb verbüßt er gerade seine Strafe als Kauspielzeug der kleinen Nachtschatten auf dem Dorfplatz.»

Heidrun schlich sich ein breites Grinsen auf’s Gesicht. «Es ist ihnen gelungen, dich einfach so zu überwältigen? Dich, den großen und einzig wahren Wächter des Flügels?»

«Ich hab geschlafen!» Seine Stirn platzierte er wieder an der Wand. «Deshalb hab ich gemeint, dass der Plan scheiße ist. Weil die beiden jetzt von mir wissen. Und wenn sie es wissen, dann auch die anderen. Und ich werde ab sofort keine ruhige Minute mehr haben, sobald die anderen Berkianer mich hier finden…»

«Naja, sie glauben uns halt nicht», meinte Taffnuss beiläufig.

Die Köpfe der beiden Drachenreiter drehten sich zu ihm um. «Was hast du gesagt?»

«Wir haben es ihnen mehrfach gesagt», funkte Raffnuss dazwischen und zuckte mit den Schultern. «Aber sie glauben es uns einfach nicht. Ich kann mir gar nicht vorstellen, warum…»

Heidrun warf einen Seitenblick auf Taffnuss, mit Rückblick auf seine Anwendungen logischer Zusammenhänge. «Also ich schon», gestand sie ehrlich.

¬¬¬¬«Also nochmal langsam», begann der Wächter wieder und wischte mit den Händen in der Luft herum, als könne er damit seine Gedanken ordnen. «Ihr wollt mir sagen, dass die anderen noch gar nicht wissen, dass ich Hicks bin?»

Die Zwillinge nickten. «Frustrierend, nicht wahr?»

Die beiden Drachenreiter sahen sich gegenseitig an, bis von draußen eine Stimme ertönte.

«Ist der Wächter da drin?», fragte eine weibliche Stimme den Betreiber des Schmieds an seinem Arbeitsplatz im vorderen Teil des Gebäudes.

«Ja», brummte er fast schon missmutig. «Hinten. Gemeinsam mit der Kriegerin und zwei blonden Irren. Sag den vieren mal, sie sollen mit ihrem Geplärre aufhören oder meine Schmiede verlassen.

«Oh, danke», ertönte die Stimme überrascht. Sie schien keine Antwort, sondern vielmehr feindliche Blicke erwartet zu haben. «Ach ja… darf ich Euren Namen wissen?»

Kurze Pause. Dann ein Seufzen. «Der Starke. Wieso?»

«Och… nur so…»

«Das ist Astrid», realisierte Heidrun und Hicks war bereits in völliger Panik auf der Suche nach seiner Maske verfallen. Mit einem Augenrollen half sie ihm. «Du hast das Ding in der Hand.»

Nur einen Moment später war das „Ding“ aufgesetzt, nicht mal einen Augenblick bevor Astrid langsam die Tür zum Hinterzimmer der Schmiede öffnete, hereinsah und nicht anders konnte, als sich unmittelbar zu fragen, was hier passiert war.

«Was ist denn-», setzte sie gerade verwirrt an, als sie Taffnuss in einem von Heidrun durchgeführten praktisch unlösbaren Griff sah, doch der männliche Zwilling tat etwas, das man wirklich nur als schräg bezeichnen konnte.

Er stöhnte. «Oh ja, bitte fester!»

«Okay, nein.» Das war nun auch Heidrun zu viel, die ihn fast schon angewidert losließ und einen Schritt zurück machte.

Auch Astrid räusperte sich kurz mit großen Augen, bevor sie erneut ansetzte. «Was genau wird das hier?»

Bevor Raffnuss auch nur den Mund aufmachen konnte, machte der inzwischen wieder maskierte Wächter einen Schritt auf die blonde Schildmaid zu. «Stell dir vor», begann er lautstark. «Die beiden kamen hier doch tatsächlich rein und haben mich mit „Hicks“ angesprochen. Ich meine… ist das denn zu fassen?», fragte er mit einem unglaublich schlecht geschauspielerten Lachen.

Zu jedermanns Überraschung kaufte es Astrid ihm nicht nur ab, sie knallte sich auch noch die flache Hand gegen die Stirn. «Schafsköpfe», murmelte sie und schüttelte den Kopf. «Wir haben es ihnen schon den ganzen Morgen klarmachen wollen… Ich meine», sie lachte, «wie beknackt ist der Gedanke denn bitte? Du und Hicks? Dafür bist du viel zu… zu…»

Während sie nach den passenden Worten grübelte, war der Wächter auf eine amüsierte Art und Weise nur allzu gespannt darauf, was sie nun als nächstes sagen würde.

Astrid erinnerte sich jedoch prompt an ihren Auftrag und entschloss kurzerhand, sich ein wenig zurückzuhalten. «Du bist einfach viel zu… du. Ja…», murmelte sie und schüttelte dann ihren Kopf frei. «Wie auch immer, ich wollte dich nur etwas fragen.»

«So?» Hicks lehnte sich an die Wand. «Wenn ich dann auch eine Frage stellen darf… Schieß los.»

«Also ich wollte fragen, wie-»

«Hey Raff, Schwesterchen, du musst dich auch mal von Heidrun derart in die Mangel nehmen lassen», quatschte Taffnuss prompt und lautstark dazwischen, was ihm einen genervten Blick von Astrid einbrachte, die er so rüde unterbrochen hatte.

Also setzte sie erneut an. «Also… ich wollte fragen, wie-»

«Vielleicht mach ich das mal, Bruderherz», begann nun Raffnuss. «Aber nur, wenn du mal die Muskeln von Eret, Sohn von Eret, diesem männlichen, mächtigen, kräftigen, starken-»

«wie gut du-»

«Also das waren jetzt aber drei Worte für dieselbe Eigenschaft», unterbrach Heidrun den weiblichen Zwilling, während Astrid beinahe verzweifelt versuchte, ihre Frage zu vermitteln. «Fällt dir echt sonst nichts ein, womit du ihn beschreiben könntest?

«du und Hicks-»

«Es gibt noch andere wichtige Eigenschaften?», kam die verwunderte Frage von der Thorston-Schwester.

«wie gut ihr-»

«Na sicher!», antwortete Heidrun lachend. «Er ist entschlossen und starr, kann aber manchmal auch echt witzig sein, meistens jedoch unfreiwillig. Einmal war er sturzbesoffen und hat einen Gronckel geküsst.»

«zwei befreun-»

«Also ich will eigentlich nur», meldete sich nun wieder Taffnuss, «dass Heidrun mich wieder hart rannimmt. Das macht mich ganz-»

«OKAY, ICH HAB DIE SCHNAUZE VOLL!», donnerte Astrid auf einmal los und zerrte den Wächter geradewegs am Handgelenk nach draußen, während sie den anderen Blicke zuwarf, die einen Alptraum rösten konnten. Und der Drache war feuerfester als feuerfest.

«Oha, Milady, nicht gleich so stürmisch!» Die blonde Schildmaid versuchte diesen anzüglichen Kommentar einfach zu überhören.

Nun, da das Geplapper der Zwillinge nicht mehr ansatzweise so störend und laut war, konnte sie endlich ihre Frage stellen: «Also, wie gut sind du und Hicks befreundet?»

«Wir sind praktisch ein Herz und eine Seele.»

«HA!», tönte es von drinnen, als Heidrun diese Antwort mitbekam.

Astrid sah erst verwirrt zurück zur Schmiede, bis sie wieder den Wächter ansah. «Hab ich was Falsches gesagt?»

«Eigentlich das genaue Gegenteil», antwortete der Drachenreiter beiläufig, bevor er schließlich zu seiner Frage kam. «Wie hast du mich eigentlich gefunden?»

Astrid zuckte mit den Schultern. «Heidrun meinte vorhin, du wärst für Vorräte ins Dorf gegangen und erwähnte dabei die Schmiede…»

«Verräterin», brummte er missmutig, als er daran dachte, mich welchem Gedanken er sich eigentlich wirklich versteckt hatte, nämlich mit dem, dass er längst aufgeflogen war und ein Versteck brauchte.

«Aber daran hab ich mich bis vorhin schon gar nicht mehr erinnert», gab sie ehrlich zu.

«Bitte? Wie hast du mich denn dann gefunden?»

«Auf der Schmiede sitzt dein Nachtschatten und er sieht nicht glücklich aus.»

Hicks blinzelte überrascht und wagte einen Blick nach oben. Und tatsächlich, auf dem Dachfirst der Schmiede saß der wirklich ziemlich verärgerte Ohnezahn. Ob er wirklich sauer auf seinen Reiter war, konnte man nur bedingt erahnen, aber fest stand, dass die vier kleinen Nachtschatten, die an seinem Kopf herumkauten und auf ihrem kämpften, durchaus etwas mit seiner Stimmung zu tun hatten.

«Oh… hey Kumpel? Wie geht’s?»

Er knurrte, während der kleine Nachtschatten mit den weißen Augen – das einzige Weibchen außer der Königin, wie sich Astrid erinnerte – mit ihrem bloßen Zahnfleisch an seinem linken Ohr herumkaute und der rotäugige mit fast schon niedlichen, stumpfen Klauen aggressiv seinen Nacken zu kratzen versuchte.

«Äh… ja, Kauspielzeugzeit ist vorbei, würde ich sagen», meinte der Wächter entschuldigend in der Hoffnung, nicht gleich mit beinahe tödlicher Intention angefallen zu werden.

Missmutig schüttelte der ältere Nachtschatten die kleinen Schlüpflinge schließlich ab, sodass sie allesamt das Dach runterpurzelten.

Astrid vergaß beinahe, dass es sich hierbei um kleine Drachen handelte und wollte schon versuchen, zumindest einige vor ihrem Fall vom Dach zu bewahren, aber sie war ohnehin zu spät. Die Kleinen blieben jedoch unverletzt, auch wenn der gelbäugige Nachtschatten kurz wie ein hilfloser Käfer strampelnd auf dem Rücken lag. Er rappelte sich aber schnell wieder auf, schüttelte kurz den Kopf und machte prompt einen katzenartigen Buckel, als er Astrid gerade mal zwei Schritte von sich entfernt erblickte, bevor er zu seinen Geschwistern rannte.

«Wolltest du gerade einem Drachen helfen?», fragte der Wächter von hinten belustigt.

Ertappt drehte Astrid sich um, machte kurz den Mund auf, dann wieder zu, und schnaubte schließlich verächtlich. «Pff, wieso sollte ich so etwas tun?»

«HA!», machte der Wächter und schmunzelte. «Einem professionellen Halbwahrheiten-Erzähler wie mir kannst du nichts vormachen.»

«Bitte?», fragte sie verwirrt.

«Komm schon, von einer Frage mit einer Gegenfrage abzulenken ist doch der älteste Trick der Welt», entgegnete er und grinste unter seiner Maske. «Gib’s doch zu. Du wolltest einem Drachen helfen. Die Frage, die ich mir aber stelle, ist: Warum?»

«Ach, lass mich doch in Ruhe», brummte sie missmutig und verschränkte die Arme vor der Brust.

Er schmunzelte. «Wie auch immer, bist du wirklich nur hergekommen, um mich zu fragen, wie dicke Hicks und ich miteinander sind?»

Sie seufzte. «Eigentlich nicht, aber…»

«Aber?»

«Ich weiß nicht recht, wo ich anfangen soll, wenn ich ehrlich bin…», antwortete sie und kratzte sich am Hinterkopf.

Er lachte. «Also ich kenne den perfekten Ort, um alles in Ruhe auszudiskutieren, ohne sich hier irgendwo in den Dreck setzen zu müssen», meinte er und streckte ihr die Hand aus.

Zögerlich und skeptisch nahm sie seine Hand entgegen und packte sie fest. Ihre Skepsis wurde nicht weniger, als für einige Sekunden nichts passierte und sie einfach nur dastanden wie Idioten.

Der Wächter räusperte sich. «Und jemand wird eine ganz besonders große Portion Isländischen Dorsch bekommen, wenn wir und jetzt sofort auf den Weg machen.»

Astrid sah ihn verwirrt an. «Aus welchem Grund sollte das jetzt ein Anreiz für mich-», begann sie, bevor sie erstarrte und blass wurde.

Das Grinsen unter der Maske wurde nur breiter. «Gut festhalten, Milady», brachte er gerade noch heraus, ehe etwas seine Schultern packte und seine Füße den Boden verließen.

Ihr eigener Griff war bereits vollkommen schlaff geworden, aber der Griff des Wächters war so fest, dass Astrid gleich mit in den zweifelhaften Genuss kam, ebenfalls abzuheben.

«HAST DU NOCH ALLE ZIEGEL AM DACH?!», schrie sie völlig panisch und entgeistert, als der Boden beängstigend schnell Entfernung zu ihnen… halt, das ist nicht richtig… als sie beängstigend schnell eine große Entfernung zum Boden herstellten. Sie sah zum Wächter auf und sah die grenzenlose Belustigung in seinen Augen funkeln. «LASS MICH RUNTER, ABER EIN BISSCHEN PLÖTZLICH!»

«Sicher?»

Sie sah nochmal nach unten und wurde noch bleicher, sofern das überhaupt möglich war. «Nein… eigentlich nicht», piepte sie kleinlaut und griff seine Hand mit eiserner Festigkeit.

Auch wenn es ihr unglaublich schwer fiel, richtete sie wieder den Blick nach vorn und war schon fast erleichtert zu sehen, dass sie auf das Plateau an der Seite des Vulkans zuflogen. Erst dann merkte sie, dass sie bis eben wie am Spieß schrie. Um sich die Scham zu ersparen, versuchte sie die Geräuscherzeugung ihrer Stimmbänder so gut wie möglich zu unterdrücken. Es gelang zumindest teilweise.

Astrid hatte sich fast ein wenig beruhigt, bis sie bemerkte, dass sie geradewegs auf die Klippe des Plateaus zusteuerten. Ein Schrei entrang sich wieder ihrer Kehle, bis Ohnezahn im letzten Moment in einen waagerechten Gleitflug über das Gras der hoch gelegenen Ebene überging.

«Ähm…», versuchte sich der Wächter bemerkbar zu machen und lockerte seinen Griff. «Du darfst jetzt loslassen, Milady.»

Astrid hörte gar nicht hin und sehen konnte sie mit ihren vor Panik geschlossenen Augen schon gar nichts.

Ohnezahn schien nach der kleinen Gleitpartie jedenfalls die Geduld zu verlieren und ließ seinen Reiter mitsamt des Mitbringsels einfach los, sodass die beiden einfach gemeinsam im Gras herumrollten, bevor sie zu einem Stillstand gelangten.

Astrid hatte noch immer die Augen geschlossen, aber so langsam kam sie auch von allein zu der Erkenntnis, dass unter ihr kein Gras war.

«Milady haben große Lungen», bemerkte der Wächter mit einer Spur Belustigung in der Stimme, «und einen festen Griff. Und wenn ich das so sagen darf… du bist leichter als ich dachte.

Nun riss sie doch die Augen auf, und kaum hatte sie dies getan, so legte sie auch schon beide Hände auf die Brust des unverschämten Kerls unter ihr und stieß sich geradewegs nach unten. Das hatte den für sie sehr netten Nebeneffekt, dass es ihm die Luft aus den Lungen trieb.

«Uff…», machte er und rang kurz nach Atem. «Den letzten Teil nehme ich zurück.»

«Sag mal, wurdest du als Baby einmal mehr in die Luft geworfen als aufgefangen?!», rief sie mit einer Mischung aus Empörung und Entgeisterung.

«Schon, aber da bin ich dann auf einen fliegenden Drachen gefallen», scherzte er, stand auf und fegte sich mit den Händen die Grashalme von der Rüstung. «Wieso? Hat dir unser kleiner Flug etwa nicht gefallen?»

«Also jedenfalls fehlen dir zwei, drei Gehirnwindungen, du wahnsinniger Irrer», schimpfte die blonde Schildmaid und funkelte ihn böse an. «Selbstverständlich nicht! Es war der Horror!»

«Dafür war es wesentlich schneller, deutlich weniger langweilig und ganz bestimmt nicht ansatzweise so ermüdend, wie den ganzen Vulkan wieder nach oben zu klettern», entgegnete er und lachte.

«Glaub ja nicht, dass ich das nochmal mit mir machen lasse!»

«Im Gegenteil! Ich setze sogar darauf, dass du das nächste Mal freiwillig fliegen wirst.»

«Wie bei allen Göttern kommst du intellektuell unbeeindruckender Volldepp denn auf diesen Quatsch?»

«Niemand fliegt nur einmal im Leben», sagte er nur und zwinkerte.

«Soll ich dir deine Hirnreste wieder gewaltvoll einhämmern?», fragte sie und knackte mit den Knöcheln.

«Du kannst es ja gern versuchen», entgegnete er lachend.

„Dann komm her, du arroganter Mistkäfer», knurrte sie und ging auf ihn los.

Er blinzelte kurz überrascht, als sie ihren Worten tatsächlich Taten folgen ließ und geradewegs zu einem kräftigen Schlag ausholte, den er jedoch an sich vorbeigehen ließ.

«Aber Milady», protestierte er, «das hatten wir doch schon ein paar dutzend Mal.»

Sie sah ihn finster an und ließ einen weiteren Schlag folgen, dieses Mal aber wesentlich präziser, sodass er ihn aktiv blocken musste. «Und ich hab dir schon mehrfach gesagt, dass du mich gefälligst nicht so nennen sollst!»

«Wie denn sonst?»

Ein weiterer Schlag, der darin endete, dass er ihre Faust auffing und sie in einem puren Kräftemessen gegeneinander drückten. Ihre jeweils anderen Hände machten kurz danach dasselbe. Der Vorteil des Wächters: Seine Größe. «Wie wäre es mit „die Frau, die dich über’s Knie legen wird?»

Er zuckte spielerisch mit den Schultern und grinste. «In Ordnung, „Frau, die dich über’s Knie legen wird.“»

Verwirrung und Irritation setzten bei ihr ein «Nein, di-»

Ihren Moment der Unaufmerksamkeit nutzte er schamlos aus, und drückte nicht mehr mit purer Kraft gegen sie, sondern gab nach und nutzte ihre Schwung, um sie geradewegs über seine Schulter zu befördern, sodass sie rücklings im Gras landete.

«Genau, Milady. Du dich selbst», bestätigte er und hielt ihr wieder die Hand hin, um ihr nach oben zu helfen.

Murrend nahm sie die Hand entgegen und ließ sich auf die Beine ziehen.

Er schmunzelte. «Du bist eine wirklich gute Kämpferin, Milady. Aber wenn du mir gegenüberstehst, lässt du dich nur allzu schnell von deinen Emotionen übermannen und ablenken. Das passiert dir doch sonst bei niemandem? Sonst wärst du ja auch nicht die berühmte beste Zweikämpferin auf ganz Berk.»

«Warum sollte es dich interessieren?», grummelte sie. «Dir geht es doch hervorragend dabei.»

«Sicherlich, aber es ist schade, wenn man keine richtige Herausforderung bekommt», entgegnete er frech und stumpf.

«Ich geb dir gleich eine Herausforderung!», keifte sie ärgerlich.

Er sah nur gelangweilt drein. «Was schön wäre, aber wir wissen beide, wie das ausgeht.» Der Wächter seufzte. «Ernsthaft, es ist nicht schwer zu erkennen, dass du ein persönliches Problem mit mir hast. Was ist es, Milady?»

«Das!», rief sie und stampfte wütend auf den Boden. «Genau das! Diese herablassende Art, die grenzenlose Arroganz und die ständigen Provokationen. Mit Rotzbacke komme ich klar, aber du! Du gleitest mir ständig durch die Finger und machst alles nur noch schlimmer!»

«Das soll es sein?», fragte er skeptisch. «Damit habe ich erst eine ganze Weile nach meinem ersten Angriff auf Berk begonnen. Und auch davor warst du bei aller Bescheidenheit kein Gegner. Ich habe dich immer auf fast demselben Level wie Heidrun eingestuft, und noch bis vor Kurzem hat sie mit mir noch komplett den Boden aufgewischt. Also was-»

«Weil du mit allem zu tun hast, was mir mein ganzes Leben über an schlechten Dingen widerfahren ist!», platzte es nun aus ihr heraus.

Für einen Moment war er völlig perplex. «Ich… glaube nicht, dass ich alt genug bin, um für alles Schlechte in deinem Leben verantwortlich gemacht zu werden.»

Sie ignorierte seinen Einwand und hielt ihm drei Finger hin. «Drei Dinge. Nummer Eins war die Tötung meines Onkels Finn durch den Leuchtenden Fluch.»

«Und was habe ich damit zu-»

«Vor vier Jahren», unterbrach sie ihn zornig, «hatte ich die Chance, eben diesen Leuchtenden Fluch bei Orendels Feuer zu töten. Ich hatte dem Vieh einen Hinterhalt gelegt. Es setzte sich kaum zwei Dutzend Schritte von mir entfernt auf die andere Seite eines Baches im Wald», erklärte sie und funkelte den Wächter an. «Ich warf meine Axt und sie hätte getroffen, aber jemand sprang dazwischen und rettete diese Kreatur. Ein Drachenreiter. Du hast mir die Rache für meinen Onkel genommen!»

Er runzelte hinter seiner Maske die Stirn und seufzte dann. «Das war ich nicht, Milady.»

«Lüg mich nicht so dreist an.»

«Ich lüge nie!», widersprach er heftig. «Das ist etwas, auf das ich stolz bin und ich lasse es mir nicht von dir infrage stellen!»

«So?», sprach sie provokant und stieß mit einem Zeigefinger gegen seine Brust. «Wer war es dann? Heidrun etwa?»

«Nein.» Er seufzte. «Heidrun hat bis vor zwei Jahren die Vulkaninsel nie mit ihrem Drachen verlassen… Ich nehme an, dir und den anderen Berkianern wurde bereits erzählt, dass wir zwei die ersten Drachenreiter waren.»

Sie nickte mürrisch.

Hinter seiner Maske zogen sich die Augenbrauen zusammen. «Ich fürchte jedoch, es gibt noch einen, der diesen Titel vor uns beanspruchen konnte. Ein Drachenreiter, den bisher nur Heidrun und ich beobachten konnten. Er – oder sie, ich habe absolut keine Ahnung – hat bei meiner Flucht von der Insel der Drachenjäger geholfen und er hat uns Drachen als Unterstützung geschickt, als diese Insel von Viggo und seinen Männer vor zwei Jahren überfallen wurde. Und dann nochmal vor… einem halben Jahr…» Den letzten Teil murmelte er fast betrübt.

«Dann kannst du mir auch sicherlich sagen, wie dieser Drachenreiter aussieht?», fragte sie misstrauisch und ließ an keinem Punkt den Finger von seiner Brust.

«Blaue Rüstung, gehörnte Maske, Doppelstab?», fragte er trocken und unbeeindruckt.

Kurz runzelte sie die Stirn und entspannte sich etwas zögerlich, aber dann stieß sie ihm den Finger erneut gegen die Brust. «Wer versichert mir, dass du es nicht doch nur in einer anderen Rüstung warst? Mittlerweile wissen wir beide gut genug, dass du jederzeit die Wahrheit verdrehen kannst.»

«Vor vier Jahren war ich kämpferisch ein blutiger Anfänger», entgegnete er lachend. «Ich war jung, schmächtig und klein. Ernsthaft, für wie alt hälst du mich?»

«Hmpf», brummte sie skeptisch. «Vielleicht warst du es wirklich nicht. Aber es gibt noch andere Dinge. Das war erst Punkt Eins.»

«Dann überrasch mich», sprach er amüsiert.

Ärgerlich funkelte sie ihn an. «Ich halte es noch immer für ungeheuerlich, aber angesichts eurer Geschichte mit den Drachen auch eine skurrile Weise auch verständlich, dass ihr mit Drachen eine Insel teilt, meinetwegen auch friedlich miteinander lebt, zum Henker, es ist mir sogar relativ egal, dass ihr auf ihnen reitet!» Sie schnaubte verächtlich. «Aber gemeinsam mit Drachen, die seit Jahrhunderten Angst und Schrecken unter den Wikingern verbreiten, uns anzugreifen? Was für einen kranken Sinn für Humor muss man haben?»

«Ich versuche lediglich, den Schaden auf beiden Seiten in Grenzen zu halten», protestierte der Wächter.

«Es mag stimmen, dass unsere Todeszahlen gefallen sind, aber obwohl weniger sowohl in den Überfällen als auch aufgrund der Folgen gestorben sind, so mussten doch viele meiner Leute in den letzten zwei Wintern mehr Hunger leiden als zuvor.» Das böse Funkeln in ihren Augen wollte gar nicht aufhören. «Du lässt Menschen am Leben, nur um für ihr Leiden verantwortlich zu sein.»

«Du denkst, euch geht es schlecht?», grollte Hicks aufgebracht. «Oh nein, die Menschen. Oh nein, die Berkianer. Oh nein, der Hunger. Ich werde dir mal etwas sagen, Astrid.» Die blonde Schildmaid war kurz verblüfft. Er hatte doch tatsächlich ihren Namen benutzt. «Ihr seid nicht die einzigen, die Essen gegen ihr Leben eintauschen.»

Gerade der letzte Satz machte Astrid stutzig. Die Augenbrauen zogen sich fragend zusammen. «Was… meinst du damit?»

Er seufzte, legte eine Hand über seine Augen und schüttelte den Kopf. «Das hätte ich nicht sagen dürfen», murmelte er und drehte sich um. «Das war ja mal selten bescheuert…» Er ging auf die nächste Klippe zu und setzte sich mit dem Rücken zu ihr.

Nun umso mehr verwirrt ging sie zu ihm und setzte sich in einigem Abstand daneben.

Ohnezahn hingegen wurde es langsam zu blöd, darauf zu warten, dass ihm sein Freund und Reiter endlich die Extraportion Isländischen Dorsch gab. Stattdessen trampelte er einfach in Richtung des Geheimvorrats, der eigentlich vor ihm geheim gehalten worden war. Aber er kannte den Ort sowieso.

«Also?», fragte Astrid voller Erwartung einer Antwort.

«Ich muss dazu nichts sagen», sagte er schlicht.

«Aber wieso denn nicht?»

Ein Seufzen. «Weil es ohnehin nichts ändert.»

«Soll ich den Standpunkt von euch Drachenreitern nachvollziehen können oder soll ich euch weiter hassen?»

«HA!», rief er humorlos, riss gereizt ein Büschel Gras aus und warf es die Klippe hinab. «Als ob du ein Interesse daran hättest, die Beschützer des Flügels nicht als Verräter der Menschheit einzustufen.»

«Überrasche mich», schnaubte sie.

Ein weiteres Seufzen, gefolgt von einer kleinen Pause. «Nachdem wir Drago Blutfaust besiegten, ich aus dem Dorf der Beschützer verbannt und mich vom Verlust meines Beins erholt hatte, begann ich zunächst, einfach nur bei den Drachenangriffen zu helfen, um das Verhalten der Drachen zu untersuchen. Ob du es mir glaubst oder nicht, aber das Verhalten der Drachen, die euch angreifen, ist alles andere als normal. Ich habe nach einem Grund für dieses Verhalten gesucht.»

Astrid hörte mit einer gesunden Skepsis zu, erkannte aber an, dass sich das Verhalten der Drachen auf Berk und der von der Vulkaninsel in ihrem Verhalten grundsätzlich zu unterscheiden schienen.

«Irgendwann fand ich die Ursache. Den Grund für alle Drachenangriffe, die in den letzten 300 Jahren stattgefunden haben. Und mit dieser Ursache gemeinsam fand ich ihre Insel.»

«Du hast ihre Insel gefunden? Wo-»

«Und wenn du denkst, ich verrate dir, wo sie ist oder wie ich sie gefunden habe, dann vergiss das ganz schnell wieder.»

«Aber wieso?», protestierte sie lautstark. «Wenn du die Wahrheit sprichst, dann wollen wir die Ursache für die Drachenangriffe beide beenden. Du kennst den Ort. Sag ihn und wir können uns darum kümmern.»

«Nein.»

«Aber wir können das schaffen! Egal, was es ist!» Langsam wurde sie wieder sauer. Wie konnte ein einzelner Mann nur so stur sein? «Wir sind Wikinger! Wir-»

«Und genau aus diesem Grund, genau wegen diesem Satz hast du dich gerade komplett disqualifiziert», entgegnete der Wächter ärgerlich. «Ihr Wikinger seid alle gleich. Ihr hört nicht zu, ihr stürzt euch in jeden Kampf ohne einen Gedanken an einen Plan zu verschwenden. Irgendeinen Plan. Er muss ja nicht mal gut sein. Aber genau diese Gedankenlosigkeit würde es sein, die euch alle umbringt. Das kann und will ich nicht verantworten. Deshalb werde ich euch nicht sagen, was auf dieser Insel ist – du würdest es mir ohnehin nicht glauben – oder wo es ist.»

Astrid schwieg eine Weile. «Also… was kannst du mir denn sagen?»

Er schloss kurz die Augen, bevor er von der Klippe auf das Meer hinaussah. «Über ein Jahr lang habe ich gerätselt, wie man diese Ursache für die Kämpfe beseitigen konnte. Ich schmiedete Pläne, wochenlang, nur um dann ein neues Hindernis zu entdecken und wieder von vorne anzufangen. Und vor einem halben Jahr hatte ich es dann… dachte ich zumindest.»

«Vor einem halben Jahr…», murmelte Astrid und versuchte sich an etwas zu erinnern. Dann leuchteten ihre Augen kurz auf. «Richtig! Jemand hat davon erzählt, dass vor einem halben Jahr Drachen ihre Reiter verloren haben. Und umgekehrt.»

Er schüttelte betrübt den Kopf. «Ich trat vor Mala mit meinem Plan. Ich brauchte Unterstützung, viel Unterstützung. Und ich bekam sie. Jeder Beschützer mit einem Drachen folgte uns, folgte meinem Plan.» Er machte eine kurze Pause und sah die Klippe hinab. «Dutzende unserer Leute und Drachen starben bei dem Versuch, die Ursache für die Drachenangriffe zu beseitigen. Alles aufgrund eines weiteren Hindernisses, das ich zuvor übersehen hatte. Mala und die Nachtschattenkönigin Valpu überlebten nur knapp, aber nicht dank mir. Der Drachenreiter, der mir bereits zweimal zuvor geholfen hatte und dir deine Rache am Leuchtenden Fluch verwehrte, ging mit einer großen Horde Drachen dazwischen und gab uns die Chance für einen Rückzug ohne weitere Verluste.»

«Du wirfst dir den Tod all dieser Leute vor?», fragte Astrid.

«Nein», grollte er, aber nicht aus Wut auf die Schildmaid, sondern aus Wut auf sich selbst. «Nicht nur wegen der Menschen. Wegen der Drachen. Ich war so übermütig zu denken, dass ich alle Probleme lösen könnte. Für uns alle. Für die Drachen, die Drachenreiter und auch für die Wikinger.» Dem Wächter entfuhr erneut ein schwerer Seufzer. «Nach diesem furchtbaren Tag blieb mir nur noch, nicht die Kämpfe, sondern Tote zu verhindern. Auf beiden Seiten. Weil ich wusste, dass ich diesen Krieg wahrscheinlich nie beenden kann…»

«Nie?», kam es ungläubig aus Astrid heraus. «Wie lange hast du vor, das zu machen?»

«Wie lange?», wiederholte er und zuckte dann mit den Schultern. «Keine Ahnung. Bis ich tot von meinem Drachen falle, von ihm runtergeschossen werde oder verbrenne, schätze ich. Denn ich bin der Wächter und über die Kämpfe zu wachen ist meine Aufgabe.»

«Das klingt nach einem… nicht sehr erfüllten Leben», warf Astrid trocken ein.

Der Wächter lachte mit einer halben Portion Spott und dem Rest Amüsement. «Sagt die Wikingerin, die ihr ganzes Leben lang Drachen bekämpfen möchte.»

«Gar nicht wahr», entgegnete sie schmunzelnd. «Ich will diesen Krieg auch beenden.»

Er schnaubte. «Entschuldige, wenn ich nicht sonderlich begeistert darüber bin, dass du dafür wahrscheinlich jeden Drachen ausmerzen würdest, nur um die Chance eines weiteren Angriffs vollständig Null werden zu lassen. Ich kann dir hier und jetzt mein Wort geben, dass dieses Nest das einzige ist, das Chaos verursacht. Und trotzdem wirst du nichts erreichen.»

«Wenn du das sagst», meinte sie augenrollend und schnaubte amüsiert. Egal was er sagte, was konnte schon stärker sein als ein ganzes Dorf, wenn nicht sogar mehrere Wikingerstämme? «Was macht dich eigentlich so sicher, dass die einzigen überfallenden Drachen aus diesem Nest kommen?»

«Nun», sprach er, «das Volk der Beschützer des Flügels hat seinen Ursprung nicht auf der Vulkaninsel gefunden, sondern in einem Land weit von hier entfernt. Weit, weit im Osten, wo die Menschen anders sind und Drachen angebetet werden.» Er schmunzelte. «Und obwohl es in diesem Land nicht viele Drachen gibt, gab es mit ihnen nie ein ernsthaftes Problem.»

«Drachen werden in anderen Völkern als Götter behandelt?», fragte Astrid überrascht und höchst skeptisch.

Der Wächter lachte. «Nein. Wenn ich das richtig verstanden habe, werden sie einfach als physische Manifestation von Geistern angesehen. Aber ich bin da kein Experte. Mala hat davon nur ein einziges Mal erzählt und das Volk von heute hat nur wenig mit seinen Ursprüngen zu tun. Abgesehen von der Nähe zu Drachen wurden nur noch einige Kampftechniken übernommen. Wie du bemerkt hast, kämpfe ich nicht direkt wie ein Wikinger.»

«Nein», stellte sie zustimmend fest. «Eher weniger. Dein Kampfstil ist… schräg.»

«Sagte sie zu einem Einbeinigen, sehr geschmackvoll…»

«Du weißt genau, was ich meine», entgegnete Astrid kopfschüttelnd, aber schmunzelnd.

Für eine kurze Zeit schwiegen sie, bevor er wieder das Wort ergriff. «Und was war der dritte?»

«Wie?»

«Der dritte Grund, warum du mich so verabscheust.»

«Oh… richtig…», murmelte sie und ihr Blick verfinsterte sich einen Moment kaum merklich. Für einen Augenblick hatte sich das tatsächlich einfach wie ein Gespräch zwischen zwei… Menschen angefühlt. Nicht wie eins zwischen ihr und… als was auch immer er letztendlich einzustufen war.

«Also?»

«Du hast Hicks ge-… naja, nicht getötet, wie sich herausstellt», gab sie zu und ließ eine Schulter nach einer kurzen Geste mit der Hand fallen. «Sondern eher verschleppt oder… ihm zur Flucht verholfen, obwohl das wieder so eine Halbwahrheit sein könnte, so wie ich dich kenne», brummte sie misstrauisch.

Er lachte. «Das wäre zumindest möglich, aber das ist wohl nicht der Punkt, den du machen willst. Du willst mir wohl kaum an den Kragen, weil ich dir Hicks genommen habe», schlussfolgerte er amüsiert, bevor sich eine seiner Augenbrauen hob und er sich ihr direkt zuwandte. «Oder doch?» Er grinste. «Milady, da waren doch nicht etwa Gefühle für einen gewissen-»

«Warum denken Männer eigentlich immer, dass man Gefühle für irgendjemanden hat?», entgegnete sie seufzend. «Nein, so ist es nicht. Nicht ganz. Ich bin wütend – streich das – ich bin stinksauer, dass du ihn uns genommen hast.» Er wollte gerade weiter nachfragen, aber mit einer scharfen Handbewegung schnitt sie ihm förmlich das Wort ab. «Lass es! Das muss jetzt raus. Seit mir mein Onkel Finn durch einen Drachen genommen wurde, habe ich mich mein ganzes Leben lang nur ins Training gestürzt. Ich habe mich geschunden, kämpfen gelernt und an meiner Präzision gearbeitet, damit so etwas nicht noch einmal passiert. Und dann kommt da eines Tages dieser Nachtschatten.»

Der Wächter ließ sie einfach nur ausreden. Es schien ihr besonders wichtig zu sein.

«Dieser Drache, den zuvor kein Wikinger gesehen hatte, und ich war die einzige, die zwischen ihm und dem Sohn unseres Häuptlings stand.» Sie schien sich eine Menge Schimpfworte zurecht zu legen, doch sie brach sich selbst mit einem Seufzer ab. «Natürlich konnte ich nicht gegen einen Nachtschatten ankommen, das war mir klar. Aber ich konnte doch jedenfalls versuchen, ein Leben zu retten. Etwas, auf das ich mich mein ganzes Leben lang vorbereitet hatte. Und Hicks… dieser dämliche, verblödete, hirnlose Volldepp…!»

Hicks persönlich musste sich zurückhalten, nicht auf einmal amüsiert aufzulachen, denn er schien zumindest im Ansatz zu verstehen, worauf sie hinauswollte.

«Ohne jegliches Training, ohne jegliche Ausbildung warf er sich einfach dazwischen. Ich wollte ihm sein verfluchtes Leben retten, aber nein, er musste ja den Helden spielen… Du weißt ja, wie es ausging…» Sie schimpfte noch ein wenig in unverständlichem Gemurmel vor sich hin, und das sehr farbenfroh. «Und dann kommst du daher, mit dieser dummen Arroganz, deinem dummen Feuerschwert und deiner noch viel dümmeren Maske, auf ausgerechnet diesem Nachtschatten herumreitend, als wäre nie irgendetwas geschehen.» Frustriert warf sie einen Stein die Klippe runter, ließ sich rücklings ins Gras fallen und reckte die Arme gen Himmel. «Und… weißt du… ich hatte mir so lange Vorwürfe gemacht und habe geschworen, meinen Fehler wieder gutzumachen, indem ich den Drachen, der uns Hicks genommen hat, zur Strecke bringe. Und dir war es einfach egal und ich-»

«Ich verstehe», unterbrach der Wächter mit einem sanften Lächeln. Nicht, dass sie es hätte sehen können, aber ein beruhigender Tonfall war definitiv herauszuhören.

«Ach was, tust du ni-»

«Du dachtest, du schuldest ihm dein Leben», unterbrach er sie erneut und traf den Nagel auf den Kopf. Astrid sagte nichts. Er ließ sich ebenfalls rücklings ins Gras sinken. «Du hattest so lange trainiert, um Menschen zu helfen, nur um vom unfähigsten aller unfähigen Wikinger im gefährlichsten aller Kämpfe gerettet zu werden.» Er lachte leise. «Die Ironie…»

«Mach dich nur darüber lustig», murrte sie und verschränkte die Arme vor der Brust.

«Mach ich nicht», widersprach er ruhig und drehte den Kopf zu ihr. «Aber lass mich Folgendes klarstellen: Dein Leben war nie in Gefahr. Das Ziel war immer nur, ohne jemanden zu gefährden Hicks fortzubringen. Nicht dich zu töten oder Schuldgefühle auszulösen. Ich weiß, das ist dir jetzt fünf Jahre später nicht mehr viel wert, aber für mich schon. Astrid?» Widerwillig und mit gesenktem Blick drehte sie den Kopf zu ihm. «Es tut mir wirklich leid, dass du jahrelang damit leben musstest. Aber dich trifft keine Schuld. Und du schuldest Hicks nichts.»

Sie konnte es schlecht zugeben, aber seine Worte erleichterten sie. Mit einem leicht übersehbaren Lächeln richtete sie ihren Blick wieder nach oben.

Dann wedelte ein zusammengefaltetes Blatt Papier vor ihrer Nase. Es irritierte sie.

«Nimm», sprach der Wächter mit einem unterschwelligen Vergnügen. «Nenn es Instinkt oder Vorsehung, aber ich hatte heute Morgen das Gefühl, dass ich es brauchen könnte.»

Mit gerunzelter Stirn nahm sie es ihm ab und entfaltete es langsam. Ihre Augen wurden groß und ihr Atem stockte. «Das ist doch-»

«Hicks», vervollständigte der Wächter und nickte, bevor er mit einer Schulter zuckte. «Oder jedenfalls ein recht detailliertes Bild seines Gesichts.» Er grinste sie an. «Ich bin etwas überrascht, dass du ihn sofort erkannt hast.»

«Nun, ich…» Astrid war immer noch nicht ganz darüber hinweg, dass sie ein Bild von ihm in den Händen hielt. «Ich hab mich zumindest gefragt, wie er wohl aussehen würde, wenn er nicht… naja…»

«Von einem Nachtschatten gefressen worden wäre?», vervollständigte er scherzhaft und lachte.

Ein kurzes Grinsen schlich sich auch auf ihre Lippen. «Wer hat es gemacht?», fragte sie, ohne den Blick davon zu lassen.

Er schmunzelte beim Gedanken an diesen Tag. «Heidrun hat ihm vor etwa einem Jahr einen Spiegel vor die Nase geknallt und gesagt: „Zeichne! Zeichne, was du siehst und zeichne, wie du siehst!“ Also tat er es. Mit einem Lächeln auf den Lippen.»

Ein kurzer Moment der Skepsis durchzog sie, aber dann bemerkte sie die kleine Narbe an Hicks‘ Kinn auf dem Bild. Sie fiel nicht jedem auf, aber ihr schon. Nur jemand, der Hicks wirklich kannte oder zumindest lange beobachtet hatte, konnte diese Narbe zeichnen. «Also hast du die ganze Zeit wirklich die Wahrheit gesagt», murmelte sie nachdenklich.

«Gab es daran jemals Zweifel?» Er grinste breit.

«Jetzt nicht mehr», antwortete sie und zuckte dann leicht lächelnd mit den Schultern. «Oder zumindest weniger.» Sie seufzte kurz betrübt beim Anblick des Bildes. Hicks trug darauf ein Lächeln. «Er ist hier wirklich glücklich, oder?»

Eine kurze Pause. «Ich denke schon, ja.»

Sie drehte sich wieder zu ihm um. «Waren wir wirklich so furchtbar zu ihm? So sehr, dass er das Gefühl hatte, nur noch zu Drachen zugehörig sein zu können?»

«Nicht einfach nur Drachen. Menschen auch. Menschen, die ihn akzeptierten, so anders wie er eben ist und immer war. Aber das ist Vergangenheit.» Er richtete sich wieder direkt an sie. «Was gedenkst du nun mit diesem Wissen zu tun?»

Sie überlegte einen Moment. «Wozu hast du es mir denn gegeben?»

«Um zu verstehen?», schlug er vor und zuckte dann zum wiederholten Male mit den Schultern. «Ich weiß es selbst nicht ganz. Ich schätze… ich schätze, du kannst es einfach als eine Art Belohnung sehen.» Auf ihren fragenden Blick hin vervollständigte er sich lächelnd: «Dafür, dass du so offen warst.»

«Tja, bitte schön, schätze ich», murmelte sie amüsiert und sah dann wieder auf das Bild, während sich langsam ein Gedanke manifestierte. «Ich glaube, ich werde es den anderen zeigen. Das sollte fast alle Zweifel im Keim ersticken. Und gerade Haudrauf wird es freuen.»

«Wir werden sehen», sagte er einfach nur mit einem etwas bitterlichen Unterton.

«Hey», sagte sie dann, sodass er seinen Blick wieder auf sie richtete. Ein ehrliches Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. «Danke. Wirklich.»

Auch sein Gesicht unter der Maske schmückte ein ehrliches Lächeln, nicht aus Spott oder reiner Belustigung, sondern wirklich aus reiner Freundlichkeit geschaffen. «Tja, danke, schätze ich», sagte er lahm und sein Lächeln wurde wieder zu einem schelmischen. «Milady.»

Sie knuffte ihm herzhaft in die Seite und grinste, während er sich spöttisch die Seite hielt und gespielt stöhnte. Astrid verdrehte die Augen und sah erneut einfach nur nach oben, was er ihr nachtat.

Dann ein Hornstoß. Und ein lautes Drachenbrüllen.

Beide richteten sich verwirrt in eine sitzende Haltung auf. Mit zusammengekniffenen Augen erkannte die blonde Schildmaid mitten auf dem Meer ein kleines Schiff, über dem drei Drachen kreisten. «Was ist da denn los?», fragte sie und sah recht verdutzt drein, als der Wächter einfach ein kleines Röhrchen aus einer Gürteltasche hervorholte, es in eine längere Form zog und dort hindurchschaute.

«Händler Johann?» Er klang sehr überrascht, aber Astrid fand es deutlich weniger überraschend als den Fakt, dass er es tatsächlich erkennen konnte. «Unsere Späher haben ihn wohl entdeckt und als Neuankömmling gemeldet. Er will wohl tatsächlich andocken.»

«Du kennst Händler Johann?», fragte sie.

Er schnaubte. «Wer kennt ihn und seine seltsamen Geschichten nicht? Aber normalerweise treibt er sich in diesen Gewässern einfach nicht herum. Er ist zum ersten Mal hier.»

Als er sie wieder ansah, zeigte sie fragend auf dieses Röhrchen.

Er sah darauf und wieder zu ihr. «Oh!» Er begriff und reichte es ihr. «Das ist ein Fernglas. Schau hindurch und freu dich, dass alles größer ist.»

Sie tat es, aber seltsamerweise wurde alles kleiner. Sie wollte gerade etwas sagen, als-

«Andersherum!», tönte es in einiger Entfernung von ihr lachend.

«Oh», machte sie und drehte das Fernglas um. Dann konnte sie das Schiff von Händler Johann sehr deutlich erkennen. «Das erklärt einiges.»

«Willst du mit?»

Sie runzelte die Stirn und löste ihren Blick vom Schiff, nur um sich umzudrehen, Ohnezahn gegenüberzustehen und vor Schreck fast nach hinten von der Klippe zu kippen. «Was zum-», brachte sie nur heraus, bevor sie begriff, was er soeben vorgeschlagen hatte. «Bei Helheim, nein! Ich steig doch nicht auf diesen Drachen auf!»

«Sicher?», fragte er schelmisch und beugte sich über den Hals seines Gefährten, der gerade noch heimlich einen letzten Dorsch verdrückte. «Der Weg nach unten ist lang und vor allem unglaublich öde. Im Flug vergeht es wie… naja, im Flug eben. Also?»

«Nein.»

«Sicher? Komm schon, jeder, der mal geflogen ist, will noch ein weiteres Mal.»

«Nein!»

«Ganz sicher?»

Astrid seufzte und runzelte die Stirn, bevor sie den langen Weg nach unten schaute und nachdachte.
______________________________________

So, beim letzten Mal habe ich ja geschrieben, wie witzig es wäre, wenn das nächste Kapitel innerhalb eines Monats erscheint, nicht wahr?

Naja, ich hab mich an die angeborene Eigenschaft der Unlustigkeit gehalten und dann doch lieber meine „geregelten“ Uploadabstände befolgt. Sprich: Drei Monate und eine Woche. Bitteschön, dankeschön.

Jetzt ist aber erst einmal die Frage, über die ihr euch alle die Birne einhauen dürft :)

Ist Johann in dieser FF ein guter oder ein böser Bub wie in der Serie?

Beeilt euch nicht zu sehr mit den Spekulationen, ihr habt ja… eins, zwei, drei… vier Jahrzehnte Zeit :p

Und wieder geht es zurück in die vor Lynchmobs schützende Grotte O:)

LG Haldinaste ;)
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast