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Der Wächter des Flügels

GeschichteFamilie / P16 / Gen
Astrid Hofferson Haudrauf der Stoische Heidrun Hicks der Hüne Ohnezahn
08.01.2018
01.04.2021
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25.12.2020 6.533
 
Yee-haw, wir haben die Wartezeit vom letzten Mal um mehr als anderthalb Monate verkürzt!

*stöööööööhn

Das macht’s dennoch nicht sehr viel besser XD
______________________________________


«Also, was ist euer Lieblingsfisch?»

Er grinste in die größtenteils sehr missmutig dreinschauende Runde hinein. Größtenteils missmutig. Die Sonne war inzwischen untergegangen und die Berkianer saßen mit ihrem eigenen Feind und seinem schwarz geschuppten Reptil am selben Feuer auf dem Plateau, das sich am Hang des Vulkans des Eruptodon befand.

«Also ich hätt ja ganz gerne Kabelj- autsch!», quietschte Fischbein, als er ärgerlich von Astrid in die Seite geknufft wurde.

«Halt die Klappe», zischte sie leise, ohne ihren durchdringenden Blick vom Wächter abzuwenden.

Besagter Wächter saß ziemlich einsam auf seiner Seite des Feuers an seinen Nachtschattenfreund gelehnt. Zu stören schien ihn das keineswegs. «Kommt schon, ziert euch nicht so! Es gibt genug Fisch für alle.» Mit diesen Worten wies er auf den kleinen Berg Fisch, der sich nur etwa zwei Meter vor Ohnezahns Nase befand.

«Ich würde doch viel lieber über etwas anderes-», fing ein recht angespannter und verärgerter Haudrauf an, bevor er direkt wieder unterbrochen wurde.

«Oder seid ihr mehr so die Aal-Kandidaten? Bäh», machte der Wächter und schüttelte sich. «Wenn ja, dann vergesst es lieber. Bis auf einige wenige Ausnahmen halten die Drachen einen ganz besonders großen Abstand von den kleinen flossenlosen Glitschies.»

Astrid atmete genervt tief durch. «Ganz ruhig bleiben», murmelte sie sich selbst zu. «Solange sich keiner auf seine Spielchen einlässt, kann er nicht ewig ablenken…»

«Hat euch Heidrun eigentlich zu unseren inseleigenen Wildschweingruben geführt?», fragte der Wächter mit einem verdeckten frechen Grinsen.

«Hat er Wildschweingrube gesagt?»

«Wir lieben Wildschweingruben!»

«Wo?»

«Wann?»

«Wie viele?»

«Wie groß?»

«Warum?»

«Hast du gerade ernsthaft gefragt: Warum?«

«Verzeih, Schwesterchen, ich hab die Beherrschung verloren. Lass die unbehelmte Thorston-Kopfnuss meine Strafe sein!»

«Nichts lieber als das!»

Rotzbacke klatschte sich die Hand ins Gesicht. «Diese Schafsköpfe… Ich fasse es einfach nicht.»

«Und ich fasse es nicht, dass ich mal genauso wie du empfinde», stöhnte Fischbein.

Astrid war drauf und dran sich selbst, den Zwillingen und vor allem dem dreifach verfluchten Wächter einzeln die Haare auszureißen. Als dann Taffnuss wirklich seinen Helm abnahm und Raffnuss mit ihrem Helm noch immer auf dem Kopf schließlich Anlauf nahm, flippte sie komplett aus.

«JETZT REICHT‘S!», schrie sie, stapfte auf Raffnuss zu, riss ihr den Helm vom Kopf und verpasste damit ihrem Bruder eine derartige Klatsche, dass es in seinem Kopf klingelte wie tausend wütende Snoggletog-Glöckchen. Dann richtete sie den Helm geradewegs auf den Wächter, der in seiner unberührten Arroganz nicht einmal mit der Wimper zuckte und sie unter seiner Maske geradezu unverschämt angrinste. «Du Wicht hast uns jetzt lange genug zum Narren gehalten! Seit einer halben Stunde sitzen wir hier schon, nachdem wir den ganzen Berg wieder hochgelatscht sind und du uns versprochen hast, uns alles über Hicks zu erzählen, was du weißt! Jetzt rede auch endlich!»

«Lass mich an der Stelle nur einmal erwähnen, dass ich etwas derartiges nie gesagt habe», entgegnete er amüsiert, rupfte einen Grashalm ab, ignorierte völlig die Existenz der höchst erzürnten Schildmaid vor sich und spaltete das kleine, grüne Gewächs mit einem Fingernagel. «Ich hab nur gesagt, dass ich heute Abend keine Lügen erzählen werde. Und ich habe auch nicht gesagt, wie viel ich euch überhaupt erzähle.»

Astrid verlor vollends die Fassung. «DU KLEINER WICHTIGTUERISCHER ALPTRAUM!», brüllte sie und wollte sich gerade auf ihn stürzen, als Fischbein und Rotzbacke im letzten Moment noch je einen ihrer Arme packen konnten.

«Whoa, komm wieder runter, Astrid!», beschwichtigte Rotzbacke sie, der sich mit aller Kraft bemühte, keinen Ellenbogen ins Gesicht zu bekommen.

«Astrid!», brachte Haudrauf laut dazwischen ein. Ihr Kopf schnellte herum. «Bitte. Das bringt nichts.»

Nach einigen Augenblicken entspannte sie sich wieder sichtlich. Er hatte recht. Sich so zu verhalten hatte einfach keinen Sinn. Er spielte mit ihnen und das Schlimmste daran war, dass er sich über die Tatsache bewusst war, dass er theoretisch ewig so weitermachen könnte.

Denn er hatte nicht nur Waffen, sondern auch Drachen. Und sie hatten nicht einmal eines davon.

Mit einem Ruck befreite sie ihre Arme aus Rotzbackes und Fischbeins Griff, sandte dem Wächter einen vernichtenden Blick und setzte sich wieder auf ihren Fleck im Gras. Die beiden anderen taten es ihr gleich.

Mittlerweile stand auch Raffnuss wieder auf. «Und was ist jetzt mit den Wildschweingruben? Ich kann es kaum erwarten, einen ordentlich glänzenden, eingefetteten Eret, Sohn von Eret mit ein paar Wildschweinen rangeln zu-»

«ES! GIBT!», fing Astrid an und war schon wieder kurz davor, die Nerven zu verlieren, bevor sie sich dann doch selbst zur Ruhe rief und tief durchatmete. «Keine. Wildschweingrube.»

«Echt jetzt?», fragte Taff ungläubig und seine Schwester verschränkte murrend die Arme.

«Echt uncool…»

Wieder setzte das große Schweigen ein, doch dieses mal saß der Wächter nicht ganz so entspannt da. Stattdessen war er leicht nach vorn gelehnt und hatte die Hände vor sich gefaltet, ganz als ob er scharf über etwas nachdenken würde.

«Habe ich zu Unrecht für einen Moment geglaubt, dass dein Wort etwas wert ist?», kam eine spitze, wenn auch betont ruhig ausgesprochene Bemerkung vom Häuptling von Berk. Als nach einer Weile noch immer keine Antwort kam und der Wächter einfach weiter ins Feuer starrte, seufzte Haudrauf. Für einen Moment gab er sich einfach seinen Gefühlen hin und senkte den Kopf. «Bitte, ich… Dein Drache ist der letzte, der gemeinsam mit meinem Sohn gesehen wurde. Wir sind nicht in der Lage, Forderungen zu stellen. Das wissen wir und dessen bist auch du dir durchaus bewusst. Aber ich bitte dich, mir dennoch zu sagen, was mit meinem Sohn geschehen ist.» Erneut seufzte er. «Du weißt nicht, wie es ist, seine gesamte Familie zu verlieren.»

Als er wieder aufsah, bemerkte er, dass der Wächter ihm direkt in die Augen sah. Zum allerersten Mal konnte er im Schein des Feuers Augen hinter der Maske des Mannes ausmachen, der in diversen berkianischen Gerüchten bereits verdächtigt wurde, ganz einfach nicht menschlich zu sein. Diese wie der Wald satten, grünen Augen, die ihn nachdenklich und mit einer Spur Trübsal – auch wenn er es sich vielleicht nur einbildete – anstarrten, hatten etwas zutiefst vertrautes.

Bevor er jedoch weiter darüber nachdenken konnte, sah der Drachenreiter zurück ins Feuer.

Eine Weile passierte wieder nichts, doch dann erhob er sich seufzend.

Die anderen – Astrid eingeschlossen – bemerkten gar nicht, wie sich ihre Münder ungläubig ein Stück öffneten. Das war schon fast mehr Bewegung in einer halben Minute, als er in der letzten halben Stunde getätigt hatte.

Der Unglaube wurde noch größer und wurde stellenweise von ein wenig Angst begleitet, als er auf einmal an seine Hüfte und den auf Berk mittlerweile recht gefürchteten zylinderförmigen Gegenstand griff.

Ohnezahns Ohren stellten sich für einen Moment neugierig auf, doch dann tatzte er wieder mit einem Pranke nach vorn und holte sich die nächste fischige Mahlzeit heran.

Einige Berkianer gingen fast in den Fluchtmodus um, als der Wächter die so für ihn ikonische Flammenklinge per Knopfdruck aus ihrem Behältnis beförderte.

«Dann habe ich wohl kaum eine Wahl», sagte er dann, doch statt auf sie loszugehen, womit einige der Berkianer inzwischen fest gerechnet hatten, hielt er die andere Seite des Zylinders in die Luft und ließ etwas Zippergas ausströmen, bevor er es mit der Flammenklinge zu einer kleinen Explosion entzündete.

Es dauerte einige Augenblicke, doch dann hörte man das Gebrüll eines Drachen durch die Nacht hallen.

Ungewohnterweise völlig ohne Deckung ließen die Berkianer nervös ihre Blicke schweifen. Von ihrer Position aus konnten sie praktisch nichts erkennen. Den Drachen bemerkten sie erst, als er nur wenige Meter vom Feuer entfernt landete.

Zu allem Überfluss handelte es sich um einen orange-roten Riesenhaften Alptraum. Es beruhigte sie nur mäßig, dass er sie nicht zähnefletschend anstarrte, sondern seinen recht neutralen Blick auf den Wächter richtete, der langsam auf ihn zuging. Als sie sich praktisch gegenüberstanden, machte der große Drache den Mund auf. Der erste Gedanke der Berkianer war, dass das Maul gleich wieder mit einer gewissen Person zwischen den Kiefern gewaltsam zuschnappen würde, auch wenn die Überlegung eine schwachsinnige war. Stattdessen fuhr die lange Zunge des Reptils heraus, die dem Wächter gleich erstmal über die Maske schleckte.

Besagter Drachenreiter fluchte lautstark. «Verdammter Alptraum. Du bist noch schlimmer als Ohnezahn.»

Beide Drachen machten Geräusche, als würden sie ihn auslachen. Der Wächter selbst grinste nur hinter seiner Maske, schüttelte den Kopf und kraulte den großen Drachen dann unter seinem Kinn. «Kannst du was für mich tun, Großer?», fragte er ihn und stellte sogleich seine Bitte. «Bring uns doch bitte die bearbeiteten Baumstämme, die neben dem Haus liegen, ja?»

Der Alptraum stupste ihn kurz sanft an, blies heiße Luft aus seiner großen Nase und stapfte dann in Richtung Haus davon.

«Was…», begann Astrid skeptisch. «Was genau tut er da?»

Der Wächter drehte sich nicht einmal um, sondern sah nur dem Drachen nach. «Sitzgelegenheiten holen. Das wird eine Weile dauern.»

«Also wirst du uns doch erzählen, was du weißt?», fragte Haudrauf hoffnungsvoll.

Der Häuptling konnte einem wirklich leid tun. Fünf lange Jahre hatte er widerwillig den Gedanken akzeptiert, dass sein Sohn verschwunden und tot war, genau wie dessen Mutter lange vor ihm. Und nun bekam er seit Wochen zu hören, dass Hicks nun doch noch am Leben sei. Sein rationaler Verstand riet ihm, es einfach auf sich beruhen zu lassen. Aber wenn man wochenlang mit Informationen gefüttert wurde, die ihm gegen seinen rationalen Verstand Hoffnung gaben, so konnte dieser gern auch mal aussetzen.

Der Wächter seufzte. «Du hattest Recht, Häuptling von Berk», sagte er und drehte sich mit verschränkten Armen zu ihm um. «Ich weiß nicht, wie es ist, seine gesamte Familie zu verlieren. Das liegt daran, dass ich nie wirklich eine hatte. Ich habe kaum gute Erinnerungen. Meine Mutter verschwand früh und meinen Vater hatte ich danach auch nicht besonders lange. Keine Geschwister, keine Freunde. Nur ich und meine Fantasien und Träume.» Mit einem Seitenblick auf Ohnezahn lächelte er. «Schlussendlich ist dennoch etwas daraus geworden. Hicks… war ähnlich.»

Er wartete kurz, bis der Riesenhafte Alptraum wiederkehrte und die beiden als Sitzgelegenheiten präparierten Baumstämme neben das Feuer fallen ließ. Dann sah er den Wächter erwartungsvoll an.

«Guter Junge», sagte der Maskierte wohlwollend und kratzte ihn unter dem Kinn. Der Drache schloss die Augen und schnurrte geradezu. Dann deutete der Wächter auf den kleinen Haufen Fische neben Ohnezahn. «Bedien dich, mein Großer.»

Murrend musste der Nachtschatten mit ansehen, wie der orange-rote Drache sich einige Fisch genehmigte und dann wieder davonflog. Dann tatzte er sich den nächsten Fisch herbei und kaute darauf herum wie auf einem Spielzeug.

Währenddessen zogen sich die Berkianer die Baumstämme zurecht, damit sie in der Nähe des warmen Feuers anständig darauf sitzen konnten. Als jeder Platz genommen hatte, sahen sie wieder erwartungsvoll den Wächter an, der es sich nur wieder an der Seite seines treuen Freundes gemütlich machte.

«Bildet euch nicht ein, dass ich alles erzählen werde», stellte er zunächst klar und sah ins Feuer.

«Warum nicht?», hakte Fischbein nach.

Ein kurzes amüsiertes Grunzen entfuhr dem Wächter, er ignorierte die Frage aber ansonsten für’s Erste, legte seine Hand stattdessen auf Ohnezahns Kopf und fuhr sanft über die sichtbare Narbe, die dem Drachen quer durch das Gesicht verlief. «Wisst ihr eigentlich, wie er die hier bekommen hat?»

«Nein», antwortete Astrid, zog dann aber nachdenklich ihre Augenbrauen zusammen. «Wobei… bevor Hicks verschleppt wurde, meinte er noch, er hätte ihn erwischt.»

«In diesem katastrophalen Drachenangriff vor dem Drachentraining und der Nestsuche etwa?», kam es von Rotzbacke, der sich dunkel erinnerte und dann grinste. «Heiliger Thor, was er da für ein Chaos angerichtet hat.»

«Genau», bestätigte Astrid und auch Haudrauf nickte. «Nach diesem Angriff meinte er doch, er hätte einen Nachtschatten getroffen.»

«Und keiner hat ihm geglaubt», fügte Fischbein an.

«Also hat er sich in eben dieser Nacht auf den Weg gemacht, den Nachtschatten zu suchen», erzählte der Wächter nun weiter. «Und er fand ihn auch. Eingefangen in einer Bola, die er zuvor mit seinem Bolawerfer in den Himmel geschossen hatte. Sie hatte sich so fest um ihn gewickelt, dass ihm eines der Seile in die Stirn schnitt.» Erneut fuhr er über die von dieser Wunde zurückgebliebene Narbe, fast wie eine Entschuldigung.

«Aber er hat sich befreit?», riet Astrid und der Wächter grinste nur.

«Falsch. Nein, die Bola hatte den Nachtschatten zu fest im Griff. Von selbst konnte er sich nicht befreien. Er bekam Hilfe.»

«Von dir?»

«Von Hicks.»

Die Berkianer sahen völlig verständnislos drein. Naja, alle bis auf Raffnuss und Taffnuss. Denen schien das alles irgendwie zu langweilig zu sein. Daher hatten sie sich ein Spiel überlegt, bei dem es darum ging, dem anderen Zwilling immer einmal öfter eine zu klatschen als der andere. Keiner hatte den Nerv, ihnen zu sagen, dass sie sich dasselbe Spiel schon ein paar hundert Male neu überlegt hatten.

«Aber wieso sollte er das tun?», fragte Haudrauf. «Er wollte doch schon immer einen Drachen töten.»

«Es sei denn, du tischst uns doch Lügenmärchen auf», warf die sehr skeptische Astrid ihm vor. «Bevor er verschleppt wurde, hat Hicks mir noch gesagt, dein Nachtschatten wolle an ihm Rache nehmen dafür, dass er von ihm verletzt wurde.»

«Das hat er dir gesagt. So viel ist richtig», entgegnete der Wächter lachend. «Aber glaubt mir, wenn der liebe Hicks will, kann er wirklich eiskalt lügen. Apropos», sagte er und sah sie direkt an. «Ich habe es schon oft genug deutlich gemacht. Ich lüge nicht. An keinem einzigen Punkt. Vielleicht sind hier und da ein paar Viggo-Wahrheiten enthalten, aber ich werde mich hüten, euch die Unwahrheit zu erzählen.»

«Und diese Viggo-Wahrheiten sind solche Aussagen, die zumindest keine Lüge beinhalten, aber trotzdem darauf ausgelegt sind, uns zu täuschen? Das ist nicht viel besser», erwiderte die blonde Schildmaid barsch und mit verschränkten Armen.

Der Wächter schüttelte schmunzelnd den Kopf. «Nichts von dem, was ich sage, ist auf Täuschung ausgelegt. Es kommt einzig und allein darauf an, wie ihr euch das Gesagte zurechtlegt. Wenn ich euch zum Beispiel sage, dass die Sonne nicht scheint, heißt das nicht automatisch, dass der Himmel bewölkt ist. Es könnte auch einfach Nacht sein.»

«Und wie finden wir dann jemals die Wahrheit heraus, wenn du uns andauernd nur mit Doppeldeutigkeiten fütterst?» Dieser Kerl machte sie absolut wahnsinnig.

«Entweder schaut ihr selbst nach, wie es um Sonnenschein bestellt ist oder ihr stellt bessere Fragen.»

«Jetzt hör mir mal zu, du mieser kleiner-»

«Warum hat Hicks den Nachtschatten nicht getötet?» Zumindest Fischbein schien seinen Ratschlag augenblicklich anzunehmen. «Wir wissen alle, dass er schon immer einen Drachen töten wollte und alles auf dieses eine Ziel ausgerichtet hat. Wenn er sich aber diesbezüglich etwas überlegt hat, hat es entweder nicht funktioniert oder ist komplett nach hinten losgegangen. Also warum hat er dann auf einmal darauf verzichtet?»

Erst schmunzelte er, woraus aber mit einem Seitenblick in Astrids Richtung schnell ein leises Lachen wurde.  «Das ist die erste gute Frage, die ich bis jetzt gehört habe.» Sie schäumte geradezu vor Wut. «Und keine einfache noch dazu… Ich… glaube, dass er sich seinen ersten Drachen ganz einfach anders vorgestellt hat.»

«Wie dürfen wir das verstehen?», hakte der Häuptling nach.

«Ich denke, er hat sich eine ganz andere Situation vorgestellt», versuchte er zu erklären. Er stand auf und bewegte seine Hände auf eine geradezu theatralische Art und Weise, während er lautstark fortfuhr. «Mit einem Schwert in der einen Hand und einem Schild in der anderen, einem in Flammen stehenden, furchterregenden Drachen gegenüber, dem der Schaum aus dem Maul läuft, direkt in die Augen sehend, umgeben von Schreien und brennenden Häusern. Als wäre er ein Held, ein Retter, der in einem furchtbaren Kampf ganz allein einen Drachen niederringt und sich feiern lässt. Mit dem Gefühl, dass er Leben gerettet und sein Dorf beschützt hat. Ich glaube, er wollte sich fühlen wie sein Vater, wenn er seinen ersten Drachen erschlägt.»

Nachdenklich ins Feuer blickend warf er nebenbei ein paar Stöcke hinzu, die kaum etwas als Brennmaterial taugten. Aber zumindest tat er etwas. Dann setzte er sich wieder. Die Berkianer um ihn herum nickten vorsichtig. Das Gefühl kannten sie alle.

«Und was hat er stattdessen bekommen?», fragte er, ohne dass jemand außer ihm die Antwort kannte, die er ihnen sogleich darlegen würde. «Einen mächtigen Drachen, zweifelsohne. Den stärksten und sagenumwobendsten, den man auf Berk je gesehen – oder zumindest gehört – hatte. Aber er hatte weder Schwert noch Schild. Nur einen mickrigen Dolch und ein kleines Büchlein. Der Drache stand nicht in Flammen. Stattdessen hatten sich die Seile der Bola so sehr um ihn gewickelt, dass ihm eine beliebige Bewegung nichts als Schmerzen bereitete. Kein Schaum im Maul, nur jämmerliches und ängstliches Wimmern. Nicht im brennenden Dorf oder umgeben von den Menschen seines Stammes, die eine heroische Tat bezeugen könnten, sondern allein im stillen Wald. Da war nur eines, das wie in seiner Vorstellung war, abgesehen von dem mächtigen Nachtschatten.»

Am Feuer vorbei sah er direkt Astrid an und setzte eine betrübte, fast schon reuevolle Miene auf.

«Nur eines. Nur die Augen, in die er sah.» Wieder strich er über die Stirn seines Drachens. «Nur große, grüne Augen, gefüllt von Angst und Verzweiflung, nicht Mordlust und Hass. Nicht der Blick eines kämpferischen Wolfs, sondern der eines Lamms auf der Schlachtbank, das bereits nicht mehr zappelte und sich seinem Schicksal ergab.»

«Aber hätte er ihn getötet, wäre er für das Erschlagen eines Nachtschattens doch gefeiert worden», warf Rotzbacke verständnislos ein. «Das muss er doch-»

«Du hast mir nicht richtig zugehört», unterbrach der Wächter ihn mit leiser Stimme. «Es hat sich nicht angefühlt, als könnte er ihn „erschlagen“. „Erschlägt“ man ein Kind? Einen Alten? Einen Feind, der völlig ausgemergelt, kraft- und wehrlos vor dir steht? „Erschlägt“ man einen an die Wand geketteten Gefangenen?» Der Maskierte schüttelte den Kopf. «Man kann sie alle töten, sicherlich. Aber etwas, das mehr an abschlachten grenzt als irgendwas anderes, hat nichts Heroisches an sich.»

«Sprich für dich selbst», entgegnete Astrid und verschränkte die Arme. «Und überhaupt, was ist das bitte für ein Vortrag? Als würde es hier um Menschen gehen… Es sind Tiere.»

«Drachen sind mehr als einfach nur Tiere», warf der Wächter scharf ein und sandte einen durchdringenden Blick in ihre Richtung. «Ebenso wie deine Axt für dich mehr ist als einfach nur eine Waffe.»

«Halt bloß die Klappe», zischte die Schildmaid gereizt und war schon wieder kurz davor, aufzuspringen.

«Wieso sollte ich? Ergibt es etwa langsam Sinn, was ich sage?», entgegnete er ärgerlich und schüttelte dann seufzend den Kopf. «Von dir hätte ich wirklich mehr erwartet, Astrid Hofferson. Hast du den ganzen Tag denn überhaupt nichts gesehen oder gelernt?»

«Ich habe vorher schon mehr als genug gesehen und gelernt», konterte sie. «Darüber, was Drachen mit Menschen anstellen. Mit Männern, Frauen, Kindern, mit Häusern und Dörfern und-»

«Und einem gewissen Onkel?»

Fischbein sog scharf die Luft ein und schielte zu Astrid hinüber, die vor Wut geradezu brodelte, während Rotzbacke nur mit großen Augen unbeteiligt Däumchen drehte und Haudrauf sich unbequem räusperte.

«Richtig gehört, Hofferson», sprach der Maskierte und grinste. «Geh davon aus, dass ich alles weiß, was Hicks wissen könnte.»

«Und diese herzzerreißende Geschichte?», zischte Astrid mit beißendem Sarkasmus. «Lass mich raten: Die hat dir Hicks höchstselbst erzählt.»

«Du glaubst mir nicht?», fragte der Wächter lachend.

«Wieso sollte ich? Bisher hast du uns keinen einzigen Beweis geliefert, dass du überhaupt weißt, wovon du redest. Was ich weiß, ist Folgendes: Dieser Drache», sie deutete auf Ohnezahn, der soeben einen weiteren Fisch verschluckte, «hat Hicks entführt. DEIN Drache. Und seitdem haben wir ihn nicht mehr gesehen. Ende. Und bisher hast du viel erzählt, aber Beweise gibt es für nichts davon.»

Einen Moment war es still.

Dann grinste der Wächter nur noch breiter, stand auf und wandte sich der Reihe nach an die Berkianer. «Fischbein Ingermann», sprach er.

Der dickliche Wikinger zuckte kurz zusammen. «Ja?»

«Sohn von Yakbein Ingermann. Wandelnde Chronik. Wenig Kampfgeist, dafür gesegnet mit einem scharfen Verstand. Mit Hicks hättest du dich sicher hervorragend verstanden und das wusstest du auch, aber du wolltest deinem Dorf und deiner Familie nicht den Eindruck vermitteln, so wie er zu sein.»

Ein paar Male machte der blonde Wikinger den Mund auf und zu, bevor er schließlich den Blick senkte und einfach nur nickte.

«Rotzbacke Jorgenson», fuhr der Maskierte fort und sah ihn an. Dieser schaute ihm vorsichtig entgegen. «Sohn von Kotzbacke Jorgenson und Hicks‘ Cousin. Obwohl Familie das einzige ist, das ewig an deiner Seite bleibt, warst du nie auf seiner. Im Gegenteil: Du hast ihn behandelt, als gehörte er gar nicht dazu und du hast nie ein Geheimnis daraus gemacht. Du bist stark und ein guter Kämpfer, aber ein grausiger Cousin und völlig apathischer Kerl», sprach er trocken.

«Apathisch?», fragte Rotzbacke mit hochgezogener Augenbraue.

Der Wächter wollte ihm die offensichtliche, nur halb ausgesprochene Frage gerade beantworten, als Taffnuss dazwischenplatzte: «Apathisch, Adjektiv, Eigenschaftswort.»

Und Raffnuss fuhr einfach fort. «Synonym für: Desinteressiert»

«Unbewegt», zählte ihr Bruder weiter auf und es schien, als wollten sie sich abwechseln.

«Ungerührt.»

«Unbeteiligt.»

«Gleichgültig.»

«Abgestumpft.»

«Teilnahmslo-»

«OKAY, ich hab’s kapiert», rief Rotzbacke dazwischen und sie hielten grinsend die Klappe.

Kurz musste der Wächter wieder grinsen, bevor er seinen Blick auf die Zwillinge richtete. «Raffnuss und Taffnuss Thorston, Kinder von Baffnuss Thorston. Und ich habe absolut keine Ahnung, wie ihr einzuschätzen seid», gab er zu und lachte kurz. «Ihr seid völlig unberechenbar und ich weiß nicht, ob das etwas Gutes oder etwas Schlechtes sein soll. Ihr wart nicht fieser zu Hicks als zu anderen. Es ist, als wäre er euch tatsächlich einfach nur egal.»

«Gar nicht wahr!», rief Taffnuss übertrieben aufgebracht dazwischen und der Maskierte blinzelte kurz verwundert.

«Hicks ist voll abgefahren!», erklärte seine Schwester weiter und nun war der Wächter vollends überrascht.

«In-Inwiefern?», fragte er mit einer Spur Verständnislosigkeit.

«Also erst einmal hat er in bestechender Regelmäßigkeit schlicht wunderschöne Zerstörung verursacht.» Die anderen stöhnten dank dieses doch recht offensichtlichen Grundes. Die nächste Aussage überraschte sie jedoch. «Und außerdem braucht es echt ein paar Eier aus Stahl, um mit einem Nachtschatten aus Berk zu fliegen.»

«Hicks ist unser absolutes Vorbild.»

«Moment… ist?», fragte Astrid und hob abwehrend die Hände. «Kleinen Augenblick mal, wir wissen doch noch gar nicht, ob er am Leben ist.»

«Sprich für dich selbst, Hoffi. Hicks ist ein absolutes Biest.»

«Wie hast du mich gerade ge-»

«Wie auch immer», unterbrach der Wächter lautstark und fuhr sich reflexartig mit der Hand über die Maske, als hätte er schon wieder vergessen, dass er sie überhaupt aufhatte. Dann richtete er seinen Blick kopfschüttelnd auf den Häuptling. «Haudrauf der Stoische.»

Der Angesprochene war fast gespannt, was sein Gegenüber ihm zu sagen hatte.

«Vater von Hicks und Sohn von… holla, ich hab keine Ahnung, wessen Sohn Berks Häuptling ist. Interessanterweise konnte mir Hicks darüber nichts sagen.» Die Stimme des Wächters triefte geradezu vor Sarkasmus, den er dann aber doch mal wegsteckte. «Das einzig verbleibende, wirklich nahe Familienmitglied, das ein junger Wikinger hatte. Und es hat nie mit ihm geredet.»

«Das ist absolut nicht wahr», protestierte der Häuptling, doch bevor er fortfahren konnte, platzte der Wächter wieder dazwischen.

«Dann korrigiere ich: Hicks‘ eigener Vater, die einzige Person, an die man sich als Sohn eigentlich immer wenden können sollte, egal was es für ein Problem gibt, eben dieser Vater hat nur dann Worte mit seinem Sohn gewechselt, wenn es über irgendetwas zu streiten gab.»

«So ein Unsinn», schnaubte Haudrauf.

«So? Dann nenne mir den letzten Zeitpunkt, an dem ihr mal einer Meinung wart.»

«Das ist leicht. Der Tag, an dem ich ihm gesagt habe, dass er endlich am Drachentraining teilnehmen darf. Er hatte es sich schon so lange gewünscht.»

«Ganz sicher?», hakte der Wächter nach. «Denn ich meine mich daran erinnern zu können, was er an diesem Abend gesagt hat: „Vater, ich kann keinen Drachen töten.“»

Erst schnaubte er wieder und winkte ab, bevor ihm dann doch auffiel, dass ihm die Worte seltsam bekannt vorkamen. Dann sah er rat- und verständnislos drein, schüttelte nachdenklich den Kopf und sah dann den Wächter mit großen Augen an. «Woher weißt du-»

«Ich sagte es bereits», unterbrach der Drachenreiter scharf. «Geht immer davon aus, dass ich alles weiß, was Hicks weiß.» Dann sah er mit einem leichten Schmunzeln zur Klippe, die dem Dorf zugewandt war, in dem man sich noch immer um Grobian kümmerte. «Aber Grobian, euer Dorfschmied… Er war für Hicks alles, was sein eigener Vater nie sein konnte. Oder wollte. Mentor, Freund, Vater. Der einzige, dem er sich anvertrauen konnte. In allem bis auf eine einzige Sache.»

Einen Augenblick später spürte Astrid seinen Blick auf sich lasten und sah ihm mit zusammengezogenen Augenbrauen entgegen. «Und was gibt’s zu mir zu sagen, hm?»

«Jede Menge. Das Beste kommt schließlich zum Schluss», antwortete er und zwinkerte mit einem frechen Grinsen, während sie nur missmutig dreinblickte. «Astrid Hofferson, Tochter von Helga Hofferson, Schildmaid ohne Furcht.» Er nickte sanft lächelnd. «Ohne Furcht wie ihr Onkel Finn.»

«Nimm seinen Namen nicht in den Mund!»

«Und wieso nicht, Astrid?», fragte er herausfordernd. «Schämst du dich für dieses Schandmal deiner Familie? Oder ist es, weil er dein großes Vorbild war und von einem Drachen getötet wurde, während ich selbst Drachen reite? Oder etwa sogar beides?» Sein Blick wurde von immenser Belustigung erfüllt. «Fragst du dich denn gar nicht, woher ich das alles weiß?»

Sie sah bereits so aus, als würde sie gleich wieder aufspringen wollen, um ihm die Hände um den Hals zu legen und ganz fest zuzudrücken.

Aber er redete einfach weiter. «Wie lange ist es wohl her, dass man über Finn Hofferson gesprochen hat? Ein Jahr? Zwei Jahre? Drei?»

«Acht», gab sie zähneknirschend an.

Er breitete schulterzuckend und grinsend die Arme aus. «Also wie sollte ich von ihm wissen, wenn mir Hicks nicht von ihm erzählt hätte?»

Astrid wusste, dass er recht hatte. Das würde sie ihm aber ganz bestimmt nicht sagen. Stattdessen sah sie ihn einfach nur finster an, und tat etwas, das mehr an Geschmolle als etwas anderes grenzte.

«Was ist eigentlich auf einmal los, Astrid?», fragte Haudrauf verwirrt. «Vor wenigen Stunden hast du noch darauf bestanden, dass Hicks am Leben ist.»

«Das war, bevor ich bemerkt habe, wie manipulativ dieser Mistkerl ist», murrte sie.

«Manipulativ?», wiederholte der Wächter schmunzelnd. «Bis jetzt habe ich nur die Wahrheit gesagt.»

«Eine Wahrheit, die niemand bestätigen kann», entgegnete sie misstrauisch. Dann sah sie ihn forschend an. «Du sagtest, Hicks hätte deinen Drachen abgeschossen. Zumindest den Teil hat er mir selbst erzählt. Wo warst du in dieser Nacht?»

Eine scharfsinnige Frage, die auch die Aufmerksamkeit der anderen erregte. Der Wächter hatte aber für den Fall bereits eine kleine Geschichte gesponnen.

Selbstverständlich ohne jede Lüge. Nur eben vollgepackt mit… Viggo-Wahrheiten.

«Ich war dort», antwortete er und erntete zu seinem Amüsement schlaffe und geschockte Gesichter. «Ich war immer da. Immer, wenn der Nachtschatten da war, war ich dabei.» Das hieß selbstverständlich nicht, dass er nicht auf Berk war, wenn mal der Nachtschatten fehlte, aber das konnte er ihnen ja schlecht sagen.

«Aber…», begann Fischbein baff. Man konnte sehen, wie es in seinem Schädel ratterte. «Der Nachtschatten ist vor zehn Jahren das erste Mal bei uns aufgetaucht… Wie lange kennt ihr euch schon?»

Der Maskierte streichelte seinem geschuppten Freund über die warme Flanke und lächelte. «Ich kenne Ohnezahn schon mein ganzes Leben hier.» Dabei hieß „hier“ selbstverständlich „auf der Vulkaninsel“. «Fühlt sich wie eine Ewigkeit an…»

«Aber Hicks hat euch doch abgeschossen», stellte Rotzbacke klar. An der Stelle sagte er lieber nichts, denn da hätte er lügen müssen. Glücklicherweise fuhr der Wikinger fort. «Dass dein Nachtschatten den Sturz überlebt, kann ja sein, aber ein Mensch?»

«Wenn wir fallen, nimmt er den Sturz immer auf sich», antwortete der Wächter und streichelte Ohnezahn weiterhin. «Wofür ich ihm jedes Mal auf’s Neue unendlich dankbar bin.»

«Moment», fuhr Astrid skeptisch dazwischen. «Als er Hicks entführt hat, hatte er noch keinen Sattel», sagte sie und wies auf die lederne Sitzmöglichkeit des Nachtschattens. «Und außerdem… wo warst du, als Hicks entführt wurde?»

«Ich war hautnah dabei.»

«Aber es hat niemand auf ihm gesessen!»

«Bist du dir da sicher? Du hast den halben Kampf von der Klippe hängend verbracht.»

Der Mund klappte ihr auf. «Du warst wirklich dort…?», hauchte sie.

«Könnte auch sein, dass ich lüge», warf er bereitwillig ein.

Astrid schüttelte nur den Kopf. «Dazu hättest du keinen Grund.»

«Also denkst du, dass ich die Wahrheit spreche?», fragte er verschmitzt.

Kurz versteifte sie sich, bevor sie beleidigt brummte. «Halt die Klappe…»

Nun kam Fischbein wieder zu Wort. «Und… was ist mit dem Sattel?»

«Eine etwas komplizierte Geschichte und zugegeben etwas peinlich», gab der Wächter zu und kratzte sich am Hinterkopf. «Nachdem wir Berk verlassen hatten, gerieten wir auf dem Weg zur Vulkaninsel in einen ziemlich fiesen Sturm. Ähnlich wie ihr», ergänzte er leise lachend. «Im Gegensatz zu euch haben wir es jedoch noch mit einer Bruchlandung hergeschafft. Dabei… blieb leider eine seiner Schwanzfinnen irgendwo hängen.»

Kurz griff er neben sich und zog Ohnezahns Schweif herbei. Dieser half ihm und legte ihn Hicks über den Schoß, sodass er die Prothese zeigen konnte. «Königin Mala war alles andere als glücklich, als sie erfuhr, dass der Sohn von Haudrauf dem Stoischen auf dieser Insel gelandet war. Als Beweis dafür, dass er Ohnezahn nichts Böses wollte, sollte er ihm wieder die Möglichkeit zu fliegen geben. Anderenfalls…»

«Anderenfalls…?», hakte Fischbein nach.

Die Augen der Wikinger wurden groß und die Gesichter teils bleich, als der Wächter sein Kinn hob und mit einem Finger über seinen Hals strich, während er ein „Krrrrk“-Geräusch machte.

Der Drachenreiter winkte jedoch ab und lachte kurz. «Keine Sorge, er hat’s geschafft. Und ab diesem Tag durfte er auf dieser Insel leben. Und er tut es bis heute.»

«Er hat ganz allein eine Prothese für einen Drachen gebaut, die komplett seine Schwanzfinne ersetzt und mit der er ohne fremde Hilfe fliegen kann? Wow», gab Fischbein von sich, aber der Wächter schüttelte leicht den Kopf.

«Ganz so einfach ist es dann doch nicht», warf er ein. «Heidrun und ich haben anfangs auch unseren Senf dazugegeben. Jedoch kam dabei nur eine Prothese raus, die vom Rücken des Drachens gesteuert werden konnte. Daher auch der Sattel. Denn ein Nachtschatten fliegt eben sehr gerne und ihr habt ja keine Ahnung, wie unangenehm platt man sich den Hintern auf einem Drachenrücken sitzt und wie die Beine nach einiger Zeit verkrampfen. Nach einiger Zeit konnte sie jedoch perfektioniert werden.» Er tätschelte Ohnezahns Hals und schmunzelte. «Aber er hat sich so daran gewöhnt, dass er praktisch nie ohne mich fliegt, obwohl er die Möglichkeit hätte.»

Für einige Momente schien es so, als seien alle Fragen beantwortet, doch dann fiel Haudrauf noch etwas ein. «Was mich wundert…», begann der Häuptling der Berkianer. «Warum hat Hicks es einfach zugelassen, dass ihr ihn entführt und hat nie versucht, zurückzukommen?»

«Ich habe nie gesagt, dass er entführt wurde», entgegnete der Wächter stumpf und warf dann die Arme in die Höhe. «Könnt ihr mich bitte nicht so ansehen? Ihr habt halt nie gefragt!»

«Willst du uns allen Ernstes weismachen, dass er von Berk weg WOLLTE?»

«Exakt ganz genau das will ich damit sagen.»

«Das ist doch absurd!», fuhr es aus Haudrauf heraus. «Er hätte keinen Grund, zu-»

«Tu nicht so, als hättest du auch nur den Hauch einer Ahnung davon, was Hicks wollte und nicht wollte oder was er worüber dachte, Haudrauf der Stoische!», schmetterte der maskierte Drachenreiter scharf zurück. «Wir haben vorhin schon festgestellt, dass du es nicht einmal mitbekommen hast, als er nicht zum Drachentraining wollte!»

«Als wenn das der einzige Grund wäre», entgegnete der Häuptling schnaubend.

Ihm entfuhr fast ein verärgertes Knurren, als er diese Bemerkung augenblicklich wieder abwies. «Dafür, dass mir hier Fragen gestellt werden, hört ihr Berkianer ganz schön schlecht zu. Ich habe vorhin so einige Gründe aufgezählt», gab er bekannt und sah wieder in die Runde, bei Fischbein beginnend. «Jemand, der aus Angst um sich selbst keine Freundschaft mit Hicks schloss. Ein Cousin, der ihn erniedrigte, gewisse Zwillinge, denen er nur dann nicht egal war, wenn er mal wieder angreifbar wurde, eine Schildmaid, zu der er aufschaute, während sie auf ihn herabsah, ein Vater, der ihm nicht zuhörte und mit ihm nie um seiner selbst willen sprach und ganz allgemein ein komplettes Dorf, das seine Abwesenheit noch nicht einmal bedauert hätte. Mal ganz davon abgesehen: Bedauert man auf Berk inzwischen Hicks‘ Abwesenheit?», fragte er mit einem aggressiven Unterton.

«Selbstverständ-»

«Man oder du?», unterbrach der Wächter sofort wieder den berkianischen Häuptling, bevor er wieder von seinem Sitzplatz an Ohnezahns Seite aufstand und wild mit den Armen herumfuchtelte. «Eines sage ich euch: All das wären für mich mehr als genug Gründe.»

«Als ob du davon eine Ahnung hättest», gab Astrid stinkig zurück.

«Wovon?» Die wütend funkelnden, grünen Augen des maskierten Reiters bohrten sich in ihre. «Wie es ist, von zu Hause zu flüchten? Königin Mala selbst drohte mir mit der Verbannung für meinen Traditionsbruch, auf Ohnezahn zu reiten. Ich kam ihr zuvor, befreite einen Haufen Drachenjäger und zog mit ihnen gegen Drago Blutfaust. Wir verloren gute Männer und Drachen. Viggo verlor seinen Bruder und ich», rief er und zeigte zum ersten Mal wirklich deutlich seine Beinprothese, «habe mein linkes Bein dafür gegeben um zu sehen, wie Blutfaust von einer Zippergaswolke eingehüllt wurde. All die Drachenjäger und ich haben bereitwillig unsere Leben und unseren Anspruch auf ein sicheres Zuhause dafür auf’s Spiel gesetzt, zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Maßnahmen aus den richtigen Gründen zu treffen. Und jetzt frage ich euch: Habt ihr ein einziges Mal in eurem Leben etwas getan, wofür ihr alles aufgegeben habt? Euer Zuhause, euer Leben, eure eigenen fest eingebrannten Überzeugungen? Etwas, das gegen euren Verstand ging, das aber ihr trotzdem getan habt, weil euer Herz von der Richtigkeit dieser Sache überzeugt war?»

«Wir setzen uns bei jedem Drachenangriff für unser gesamtes Dorf ein und setzen unsere Leben auf’s Spiel! Wage es nicht, das infrage zu stellen!», protestierte Astrid, stand auf und presste ihm einen Finger gegen die Brust.

Er wich keinen noch so kleinen Schritt zurück und starrte sie in Grund und Boden. «Und wenn du dich für andere opferst, wird man dich als Heldin feiern, Astrid Hofferson», entgegnete er kalt. «Die furchtlose Schildmaid, der das Leben der anderen wichtiger ist als ihr eigenes… Hätte man sich an uns erinnert, wären wir gescheitert?», fragte der Wächter. «Reiker Grimborn? Wer ist das? Ein verräterischer Narr, der für einen Drachen gestorben ist? Viggo? Eret, Sohn von Eret? Alles Verräter an der Menschheit und Drachenliebhaber», spie er mit gespielter Verachtung. «Und hätten wir trotz unseres Scheiterns überlebt? Nein, unser einziger Ausweg war der nahezu aussichtslose Sieg und dennoch hat ihn niemand gefürchtet.» Langsam, aber entschieden schob er Astrids Finger wieder weg. «Letzten Endes leben und sterben wir, damit andere von uns lernen. Leben und Tod ohne Lehren für andere sind die größte Strafe. Also frage ich dich, Astrid Hofferson: Möchtest du einen bedeutungslosen Tod irgendwo im Nirgendwo sterben?»

Sie wich einen Schritt zurück und schluckte schwer, während er sich noch immer kein Stück rührte. Dann wandte er sich wieder an alle anderen. «Maßt euch nicht an, dass ihr irgendetwas versteht, was in Viggo, Eret, den ehemaligen Drachenjägern und in mir vorgeht. Oder dass ihr Hicks in irgendeiner Hinsicht kennt. Ihr würdet ihn nicht einmal verstehen oder erkennen, wenn er hier und jetzt vor euch stünde!»

«Mach dich nicht lächerlich! Natürlich würde ich meinen eigenen Sohn-»

«Sehr schön, dann steht es also fest», grollte der Wächter mit einer unterschwelligen Genugtuung. «Solange ihr auf dieser Insel seid, steht es euch frei, nach Hicks zu suchen und ihn zu überzeugen, euch nach Hause zu begleiten, wenn ihr das wollt. Euch sollte jedoch klar sein, wie schwer es ist, jemanden zu finden, der unauffällig ist und mit euch nichts zu tun haben will.»

Auch Astrid wollte gerade wieder den Mund aufmachen, doch der Reiter des Nachtschattens verdrehte schwer genervt die Augen.

«Und ja, er lebt genau hier auf dieser Insel», verkündete er klar und unmissverständlich, bevor er den an seinem einzigen Stiefel befestigten Dolch zog und ihn Astrid in die Hände drückte. «Wieso sollte ich seinen Dolch behalten, wenn er doch seit fünf Jahren tot ist und ich nie vorhatte, euch jemals auf meiner Insel zu treffen?»

Die blonde Schildmaid wusste nun überhaupt nicht mehr, was sie sagen oder entgegnen sollte. Das war wirklich und ganz eindeutig unverkennbar Hicks‘ altes Messer. «Warum… warum trägst du es?»

«Ein Andenken an die Tage, als Entscheidungen begannen, mir leicht zu fallen», erklärte er schnippisch, bevor er sich an die anderen Wikinger wandte. «Ruht euch meinetwegen hier oben aus, bevor ihr morgen zu suchen beginnt. Eines werde ich jedoch klarstellen: Ich bin der letzte, der euch viel Erfolg wünschen wird.»

Mit diesen Worten richtete sich ein grummelnder Nachtschatten auf, mit dem der Wächter gemeinsam zum völlig im Dunkeln stehenden Haus zurückging, während sie die Berkianer beim Feuer allein zurückließen.

Für eine Weile hörte man nur das Feuer knacken und knistern, bevor die Zwillinge die ansonsten peinliche Stille durchbrachen.

«Was meinst du, Schwesterherz?»

«Dasselbe wie du, Bruderherz.»

«Worüber zum Henker sprecht ihr zwei Schafsköpfe?», stöhnte Rotzbacke und rieb sich die Schläfen.

Die beiden Thorstons sahen sich erst gegenseitig an, bevor sie Rotzbacke befremdlich anstarrten. «Ist doch wohl total offensichtlich», sprachen sie gleichzeitig. «Er ist Hicks.»

«Wollt ihr mich verarschen?!», platzte es aus Astrid heraus. «Habt ihr überhaupt mit einem halben Ohr in letzter Zeit zugehört?»

«Mal abgesehen davon, dass sie damit vermutlich recht hat», warf Fischbein befremdet ein, «trägt der Wächter im Gegensatz zu Hicks eine Beinprothese.»

«Eben!», meldete sich Astrid erneut. «Und außerdem ist Hicks nicht so ein massiver Arsch!»

Raffnuss neigte abwägend den Kopf zur Seite. «Als massiv würde ich ihn nicht bezeichnen, aber einen knackigen Hintern hat er schon…»

Die blonde Schildmaid versteifte sich und verschluckte sich beinahe an ihrem eigenen Speichel, was dazu führte, dass sie erst einmal irgendetwas völlig Unverständliches blubberte, bevor sie wieder zu Wort kam: «Ich habe nie auf seinen Hintern angespielt!»

«Aber verneint hast du es gerade auch nicht», merkte der weibliche Zwilling an.

«Ich hab ein Messer, Raff!»

«Keine Sorge», sprach Raffnuss und zwinkerte ihr aufmunternd zu. «Ich bin mehr so ein „Eret, Sohn von Eret“-Typ. Kannst ihn also ganz für dich haben.»

Astrid war kurz vor einem Schreikrampf.

«Genug jetzt!», tönte Haudrauf mit zusammengezogenen Augenbrauen. «Mit einer Sache hatte er auf jeden Fall recht. Wir müssen uns ausruhen. Morgen wird ein langer Tag.»

Mit diesen Worten legte er noch ein paar weitere Holzscheite nach, bevor sie sich alle in Nähe des Feuers hinlegten.

Der Wind nahm zu und Astrid rutschte noch ein Stück näher zum Feuer. Die Nacht war für ihren Geschmack ein wenig zu frisch, aber das war nebensächlich.

Für den morgigen Tag brauchten sie unbedingt einen Plan.
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Aaaaaalso… an alle, die sich jetzt fragen, warum dieses Kapitel so früh kam:

(Hinweis: Du hast keine Kontrolle mehr über dein Leben, wenn du denkst, dass zwei Monate und zwei Wochen eine kurze Zeit sind, nur weil du beim letzten Mal etwas mehr als vier Monate gebraucht hast)

Ich… äh… hab’s beim letzten Mal einfach verpeilt, auf Reviews zu antworten. War eher ungeil. Hab mir stattdessen aber fest vorgenommen (und es in den extrem verspäteten Reviewantworten mehrfach hoch und heilig versprochen), innerhalb der nächsten zwei Wochen ein komplettes Kapitel fertigzustellen.

Also bin ich jetzt hier, mit einem Puffer von weniger als einer Stunde, bevor die Deadline ausläuft, die ich mir selbst gesetzt habe.

Ich bin Haldinaste. Das „F“ steht für Pünktlichkeit.

Aber davon mal abgesehen wär’s schon legendär, wenn das nächste Kapitel nochmal anderthalb Monate eher kommt, nicht wahr? :)))

LOL, träumt weiter.

LG Haldinaste ;)
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