Ich habe Angst davor zu träumen

von panypany
GeschichteAllgemein / P12
OC (Own Character)
08.01.2018
08.01.2018
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Lange war ich schon nicht mehr zu Hause gewesen. Man sagt, zu Hause sei dort wo dein Herz ist. Mein Herz schlägt schon lange nicht mehr dort wo ich einst einmal war, wo ich aufgewachsen bin, wo ich das Rad fahren erlernt habe, wo ich mir die Knie blutig geschlagen habe, wo ich zum erstem und zum letzten Mal geraucht habe.
Mit dem Umzug hat sich einiges verändert. Wir waren in die Stadt gezogen, die um so viel mehr größer war als das kleine Örtchen am Lande. Wo hingegen die Wohnung mir vorkam als würden wir in einem Puppenhaus hausen. „Papa hat einen besser verdienten Job, Papa hat dann nicht mehr so weit zur Arbeit", erklärte mir meine Mutter. Papa hat uns ein Jahr nach dem Umzug für eine jüngere verlassen.
In dieser Zeit fehlte mir mein altes zu Hause stärker den je. Ich bin immer noch überrascht darüber, dass ich zu dieser Zeit ruhig geblieben bin. Vielleicht war es der Gedanke daran, dass ich immer wieder die Möglichkeit hatte dort hin zurück zu kehren. Dass ich die Möglichkeit hatte, so wie in einem Spiel den Speicherstand zu laden und wieder dort aufzuwachen, wo immer noch Frieden in mir stattfinden würde.

Meine Mutter hatte das Haus nicht verkauft. Es war seit Jahrzehnten in Familienbesitz. Sie brachte es einfach nicht über das Herz es gegen Geld einzutauschen. Nötig hatten wir es nicht und so funktionierte sie es in ein Ferienhaus um, mit der Möglichkeit, immer wieder dorthin zurück kehren zu können.
Um die Räumlichkeiten kümmerte sich meine Tante Erna, die natürlich am Gewinn beteiligt war und immer auch noch ist. Anfangs fuhr ich noch oft nach Hause. Die direkte Zugverbindung erleichterte mir den Sprung in der Vergangenheit. Doch von Mal zu Mal wurde der Drang in mir weniger mein altes Ich zu besuchen. Denn mit den Jahren wurde diese neue Stadt zu meiner Stadt.
Ich fand Freunde, entdeckte neue Hobbys, wurde älter und fand meinen eigenen Stil. Mein neues Ich schien mir zu gefallen und ich brach den Kontakt zum Alten ab.
Zu den Besuchen zu Weihnachten nickte ich immer, dem Teil von mir der immer dort geblieben war zu und gab zu erkennen, dass es mir gut ginge. Doch mehr Kommunikation fand zwischen uns nicht mehr statt. Den Glauben daran, dass früher alles besser war legte ich ab und konvertierte zum Optimismus.

Der Zug ratterte über die Schienen, je weiter wir auf das Land kamen desto dichter wurde die Schneedecke. Ich mag Schnee doch irgendwie hatte ich das Gefühl vergessen wie sehr ich ihn liebte. In der Stadt schneite es zwar, jedoch blieb er nie lange liegen.
Ich hatte nie die Möglichkeit einen stillen Schneespaziergang zu machen. Ich nahm mir nie die Zeit den Schneeflocken beim Tanzen zu zu sehen. Ich hatte verlernt den Schnee zu lieben. Der Anblick der weiß bedeckten Felder erweckten in mir ein Gefühl, welches ich schon lange nicht mehr hatte. Es war das Gefühl der Freude wieder nach Hause zurück zu kehren, auch wenn es nur für einen Abend war.
Im Winter konnte man hier in der Gegend Ski fahren und einige Langlaufloipen rund um den See nutzen, eine Zeit, in dem unser Haus durchgehend Besetzt war, doch irgendwie hatte ich das Glück, dass es gerade an diesem Wochenende leer stand.

Es war das Wochenende der Skipisten-Eröffnung.
Diese Eröffnung wird von Jahr zu Jahr mehr zelebriert als ein Silvesterabend. Verschiedene Bands spielen den ganzen Samstag über auf mehrere Bühnen. Man kann es mit einem kleinen Festival vergleichen. Nur ohne Zelte, der Rest ist gleich.
Eigentlich hatte ich nie vor dort hin zu gehen und eigentlich fangen die besten Geschichten mit einem „Eigentlich" an. So auch meine Geschichte.
Nun zurück zur Erzählung. Eigentlich hatte ich nie vor zu dieser Skipisten-Eröffnung zu gehen, doch vor einer Woche wurde eine meine Lieblingsbands angekündigt. Ein paar deutsche Jungs die über dies und das und jenes rappen und dies und das und jenes fällt schon mal unter die Gürtellinie. Okay, dies und das und jenes fällt immer unter die Gürtellinie doch die Mucke, die diese Jungs produziert ist meines Erachtens richtig gut. Die Gelegenheit packte ich also am Schopf, checkte ob unser Haus frei wäre und stieg eine Woche später in den Zug.
Die Konzerte der Jungs waren restlos ausverkauft und da ich wieder mal den Startschuss des Verkaufs der Tickets verpasst hatte musste ich für meine Verpeiltheit bezahlen und ging leider leer aus. Da kam mir diese Skipisten-Eröffnung gerade recht. Ich hatte aber niemanden von meinen alten Freunden im Dorf erzählt, dass ich kommen würde. Bei der Veranstaltung auf Facebook hatte ich gesehen, dass sie dort einige meiner damaligen Schulfreunde herumtreiben werden. Vor allem war Pia, meine beste Freundin aus dem Kindergarten, mit der ich ab und zu noch Kontakt hatte die Tochter des Veranstalters und deshalb war ich mir ziemlich sicher, dass ich mich zu ihr gesellen könnte.

Ich war etwas spät dran, da die Bahn Verspätung hatte. 'Was für eine Überraschung' (Ironie aus) Ich torkelte langsam durch die Gassen, Stress wollte ich mir keinen machen. Es war inzwischen dunkel geworden und die Häuser in der Nachbarschaft hatten bereits ihre Weihnachtsbeleuchtungen eingeschaltet.
Auch wenn Weihnachten schon vorbei war, genoss ich den Anblick der funkelnden Lichter. Auch unser Haus war mit Lichterketten geschmückt. Onkel Ingo gab sich da immer richtig Mühe. Während Tante Erna für das Putzen im Haus zuständig war erledigte er den Kram den eben Männer machen. Reparaturarbeiten, Rasen mähen und und und.

Ich angelte den Schlüssel aus meiner Tasche. Steckte ihn in das Schloss und drehte ihn um. Nachdem ich in das Haus eingetreten war, schloss ich die Tür hinter mir, öffnete meine gebundenen Schuhe und stellte sie ordentlich auf die dafür vorgesehene Ablagefläche.
Jahrelang hatte meine Mutter mit mir geschimpft, dass ich meine Schuhe genau auf diese Fläche stellen sollte und jahrelang hatte ich das nicht getan. Zurückblickend war ich schon ein schwieriges Kind. Bevor ich meine kleine Reisetasche in mein Zimmer bringen wollte, hatte ich vor noch ein Glas Wasser zu trinken.
Dafür musste ich durch das Wohnzimmer. Ich hatte rießen Durst, denn wie ich schon erzählt habe, bin ich eine leicht verpeilte Person und so hatte ich vergessen, mir ein Wasser zu kaufen. Doch mein Durst wurde nicht sofort gelöscht. Auf dem Weg durch das Wohnzimmer stieß ich einen Lauten grillen Schrei aus. Irgendjemand saß, vertieft in einem Buch, auf dem Sofa. Ein dünner jemand, mit komischen Bart und braunen Haar, welches ihm leicht ins Gesicht fiel. Dieser dünner Jemand blickte nun auf. Seine strahlend braunen Augen blickten mir entgegen. Dann stand ich einfach so da und ich konnte nicht fassen, wer dieser Jemand war.
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