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Mitten unterm Jahr

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P16 / Gen
08.01.2018
08.01.2018
14
19.249
 
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08.01.2018 825
 
Hallo ihr Lieben!

hier eine etwas ältere Geschichte von mir.
Bin wie immer gespannt auf Eure Meinung :)

GLG drleapeters

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"Ich bin froh, dass es dich gibt, meine kleine Maus." Die Stimme der jungen Frau, die in ihrem Rollstuhl saß und ihre kleine Tochter fest an sich drückte, klang schwach und zittrig, dennoch voller Liebe. Ihre dünnen Arme schlang sie schützend um die Vierjährige, legte ihren Kopf an den Rücken des Kindes und drückte es fest an sich. Obwohl ich nicht hinsehen wollte, konnte ich meinen Blick nicht abwenden. Diese unendlich tiefgehende Liebe, die die beiden in diesem intimen Moment ausstrahlten, durchflutete den ganzen Gang und erreichte mich wie ein sanfter Windhauch nach einem heißen Sommertag: wohlig und erfrischend. Sie entlockte mir ein zaghaftes Lächeln. Zögerlich strich das kleine Mädchen über die stoppeligen Haare ihrer Mutter. "Wie ein Igel", flüsterte sie und begann zu leise zu lachen. Ihre Unsicherheit, die sie wie eine Erwachsene zu überspielen versuchte, sprang mir förmlich entgegen. Mir war, als würden meine Beine unter mir wegknicken. Ich blinzelte und lehnte mich an den Tresen, der im Empfangsbereich stand, jedoch ohne den Blick von den beiden abzuwenden. Wie gebannt sah ich, dass meiner Patientin, der ich heute Morgen noch hatte eröffnen müssen, dass sie ihren Kampf verlieren würde, eine einzelne Träne übers Gesicht lief und im Pullover ihrer kleinen Tochter versiegte, als hätte es sie nie gegeben. In solchen Momenten hasste ich meinen Beruf ganz besonders. Seit der Schwangerschaft nahmen mich die Schicksale meiner Patienten in einem Maße mit, das mir selbst nicht ganz geheuer war. Ich schluckte und spielte unsicher mit meiner Armbanduhr. Dies war normalerweise einer dieser Momente, in denen ich mich abwendete und ging, doch irgendetwas hielt mich heute zurück. "Frau Kollegin. Guten Morgen." "Guten Morgen", entgegnete ich und drehte mich zu Dr. Brentano um, als auf einmal lautes Stimmengewirr an mein Ohr drang. Ich hörte das Aufschreien eines kleinen Kindes. Blitzschnell drehte ich mich wieder zu meiner Patientin und bemerkte, dass sie in ihrem Rollstuhl in sich zusammengesunken war. Dr. Brentano regierte sofort und lief auf Frau Schnell zu. Er hob das kleine, verängstigte Mädchen von seiner Mutter herunter. Als ich auf die beiden zukam, breitete das Kind die Arme aus und umschloss meine Oberschenkel, dann begann sie zu weinen. Auch wenn mir diese Nähe unangenehm war, ließ ich sie zu, fasste das kleine Mädchen unter den Unterarmen und hob es hoch. Aus tränennassen Augen sah sie mich flüchtig an. "Muss Mama jetzt sterben?", fragte sie mit solch einer Klarheit, die mir einen Augenblick lang den Atem nahm. "Alles wird gut", stammelte ich und drückte die Kleine an mich. Was sollte ich ihr sagen? Dass es an der Zeit war, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ihre Mama nicht mehr länger bei ihr bleiben konnte? Dass sie den Kampf gegen den bösen Krebs nicht gewinnen konnte? Einer 4-jährigen? Ich seufzte und strich dem völlig verängstigten Kind über den Rücken, während ich sie ganz automatisch sanft in meinen Armen hin und her wiegte. "Sie ist wieder da", informierte Brentano mich und teilte mir mit, dass er die Patientin nun aufs Zimmer bringen wollte. "Mama braucht jetzt Ruhe. Möchtest du auf die Kinderstation und ein bisschen mit den anderen Kindern spielen?" Die Kleine schüttelte heftig ihren Kopf und kuschelte sich noch fester an mich. Ihre dünnen Ärmchen umklammerten meinen Hals, so als könne ich sie jeden Augenblick fallen lassen. "Ich will bei dir bleiben", flüsterte sie kaum hörbar und kuschelte ihren Kopf in meine Halsbeuge. Ich haderte mit mir, nahm das Mädchen auf dem Arm dann aber doch mit ins Ärztezimmer. Während ich mit ihr auf dem Sofa saß und sie sich noch immer wie eine Ertrinkende an mich klammerte, spürte ich die vorsichtigen Tritte meines eigenen Kindes in mir. Schlagartig wurde mir bewusst, dass ich sein Leben in meinen Händen trug und wie glücklich ich darüber sein konnte. Frau Schnell würde wahrscheinlich alles dafür geben, um bei ihrer Tochter bleiben zu können. Sie sagte, die Kleine sei der einzige Grund, warum sie sich einer erneuten Chemotherapie unterzog. Ihr war es wichtig ein wenig mehr Zeit für sie zu gewinnen, egal zu welchem Preis. Mir wurde schlecht als ich mich erinnerte, dass es eine Zeit gab, in der ich mein Kind am liebsten abgetrieben hätte. Das kleine Mädchen zuckte zusammen, als es die Tritte meines Kindes spürte. Sie richtete sich auf und sah mich eine Weile an, bevor sie ihr Händchen auf die Stelle legte, an der sich mein Bauch hob und senkte. Sie kuschelte sich lächelnd an mich und streichelte mein Kind. Ich war überwältigt von meinen Gefühlen, musste gegen aufsteigende Tränen ankämpfen. "Wenn Mama und ich doch nur auch für immer zusammen bleiben könnten", flüsterte sie und begann erneut zu weinen. Schützend legte ich meine Hände um den kleinen Körper auf meinem Schoß und schloss die Augen.
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