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Vom Glück Liebe zu finden

von Isaria
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Agron Nasir OC (Own Character)
07.01.2018
19.02.2021
19
85.117
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07.01.2018 4.691
 
Suche netten Mann bis 28 Jahre, der wie ich an die zweite Chance im Leben glaubt, um das große Glück Liebe zu finden und miteinander durch das Leben zu gehen. Gerne mit Kind und/ oder Haustier. Ich bin 25 Jahre, syrischer Abstammung und gewillt nach überwundener Krankheit noch einmal mit dir von vorne zu beginnen. Chriffe Nr. 281793



Im Wartezimmer seines neuen Psychotherapeuten las Agron aus Nervosität die auf dem Tisch liegende aktuelle Zeitung. Eigentlich wollte er die Stellenanzeigen durchsehen aber dann blieb er bei der Partnersuchtsseite hängen und las neugierig die Anzeigen in der Rubrik Er sucht Ihn. Diese eine Anzeige blieb ihm im Gedächtnis und er riss sie sich vorsichtig heraus.

Kaum hatte er die Zeitung wieder hingelegt, als die Schwester auch schon seinen Namen aufrief und ihn ins Behandlungszimmer wies. Unsicher die Hände knetend, saß er auf dem Stuhl und versuchte seine Anspannung zu beherrschen.

So recht wusste er nicht, wo er mit seinem Bericht anfangen sollte. Gerade erst zwei Wochen in der Stadt, die neue Wohnung zur Hälfte eingerichtet, auf der Suche nach einem neuen Job. Und ja, der kleine Bruder war gerade erst vor drei Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Und ja, dessen Ehefrau war dabei ebenfalls gestorben. Zurück blieb eine kleine Tochter von drei Jahren, für die er nun der letzte lebende Verwandte war und die er nun bei sich aufgenommen hatte.

Was noch? Ach ja, 26 Jahre alt, von Beruf Kunstschmied, interessiert an Kampfsport mit Wettkampferfahrung und stolzer Besitzer eines Katers und eines Wellensittichs. Ja, die beiden kamen gut miteinander aus, der Vogel tanzte dem Kater wortwörtlich auf der Nase herum und zupfte ihn hinterm Ohr, was der leise schnurrend über sich ergehen ließ.

Der Tod seines Bruders Duro mit gerade mal 23 hatte ihn in ein Loch fallen lassen, da auch schon seine Eltern vor acht Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen waren. Es war danach schwer gewesen, Schule und Ausbildung, die erste Liebe, die Vermählung des Bruders mit Sandra, sein Outing, der erste Freund, der ihn schließlich mit einem anderen betrog.


Nun lebte er allein, wenn man von Duros Tochter Peggy und dem Kater und dem Vogel absah. Die Anzeige rumorte in seinem Kopf und er hatte Mühe den Ausführungen des Arztes zu folgen.


Gewiss, er brauchte erst einmal wieder einen vernünftigen Job und dafür als Voraussetzung einen Kindergartenplatz für Peggy, möglichst in Wohnungsnähe. Von der Jugendfürsorge hatte er eine Liste mit Kitas , öffentlichen Spielplätzen und Kinderärzten erhalten und auf dem Weg nach Hause kam er an einem kleinen Kindergarten vorbei, der erstaunlicherweise nicht auf der Liste verzeichnet war.

Das kleine zweigeschossige Haus war von einem Garten umgeben und als er das Grundstück betrat, hörte er das Kreischen einer Kreissäge und ging neugierig um das Haus herum. Hier befand sich ein kleiner Spielplatz mit Sandkasten, einem Klettergerüst in der Form eines Pilzes, eine Rutsche und sogar zwei Schaukeln. Der Mann an der Kreissäge schnitt breite Holzbretter zurecht und da Agron ein gutes Auge hatte, wusste er, dass hier gerade eine Sitzbank gefertigt wurde.


Langsam ging Agron wieder um das Haus zum Vordereingang und klingelte. Eine ältere Frau öffnete ihm und ließ ihn eintreten. Er fragte nach der Leiterin und sie führte ihn nach einem prüfenden Blick ins Büro. Auf dem Weg dorthin konnte er schon einen Blick auf das Geschehen im Haus werfen. Er hörte Kinderlachen, leise Musik und das Klappern von Tellern und Tassen. Aus einem der Räume klang es als würde mit Besteck auf den Tisch getrommelt und unversehens dachte Agron an seine eigene Kindheit zurück, wo er mit Duro zusammen immer vor dem Essen ein solches Besteckkonzert veranstaltet hatte.


„Ein vertrautes Geräusch, das viele Erinnerungen weckt.“, meinte Agron zu der Leiterin, die sich schon für den ungewohnten Lärm entschuldigen wollte. „Was kann ich für sie tun Herr...?“ Er reichte ihr die Hand zum Gruß und erwiderte lächelnd. „Mein Name ist Agron Kerst und ich bin auf der Suche nach einem Kita-Platz für meine dreijährige Nichte Peggy. Ich bin mit ihr vor gut zwei Wochen hierher gezogen und ich versuche jetzt Arbeit zu bekommen und dafür benötige ich erst einmal einen guten Kita-Platz für das Kind. Von der Jugendfürsorge habe ich zwar etliche Adressen erhalten aber ihr Haus ist nicht dabei.“


„Ja, Herr Kerst, das rührt wahrscheinlich daher, dass wir eine private Einrichtung sind und wir mit öffentlichen Geldern nicht unterstützt werden. Unser Haus ist klein, wir haben hier drei Kindergruppen, nach Alter eingeteilt. Es gibt eine eigene Küche, im Keller einen kleinen Sportraum und die Garderoben. Wir haben einen großen Waschraum mit Toiletten, einen Spielplatz und einen kleinen Gemüsegarten. Ihre Nichte ist drei Jahre alt? Dann kommt sie in die Flohgruppe, die von Nasir Karun betreut wird.“ Jetzt machte Agron ein recht verdutztes Gesicht. „Habe ich das eben richtig verstanden? Ein Mann arbeitet hier als Kindergärtner?“ „Ich bevorzuge das Wort Betreuer, Herr Kerst. Herr Karun ist zwar noch recht jung aber er hat das notwendige Studium mit Auszeichnung abgeschlossen und obwohl er noch sehr jung ist, bringt er eine Menge Erfahrung mit. Die Kinder in seiner Gruppe lieben ihn und alle anderen beneiden sie um ihn. Das Geräusch von eben kam aus seinem Raum, jetzt ist Mittagszeit und es gibt heute Nudeln mit Tomatensoße und Fleischklößchen.“ Agron nickte und vereinbarte am nächsten Tag mit seiner Nichte probeweise für drei Stunden kommen zu dürfen. Danach könne er sich entscheiden ob er das Mädchen hier im Haus unterbringen möchte und dann würde man über die Kosten sprechen und weiter sehen.


Auf dem Heimweg fuhr Agron noch zum Supermarkt, um dort für die nächsten Tage einzukaufen. Die Einkaufsliste war recht lang, da er alles, was ihm in den Sinn gekommen war, notiert hatte. Zuerst suchte er das Katzen- und Vogelfutter, dann die nötigen Sanitärartikel, danach die Lebensmittel zum Essen kochen, die Getränke, dann das Obst und Gemüse und zum Schluss blieben noch Peggys Wünsche offen. Das Kind wollte etwas buntes zum Frühstück, eine dunkle Marmelade, Kakao und weiches Brot.

Höchst zufrieden verstaute er seine Einkäufe im Auto und fuhr nach Hause. Noch einmal tief durchatmend, öffnete er die Heckklappe und wollte schon die große Box anheben, als die Haustür aufgerissen wurde und Peggy auf ihn zustürzte.

„Onkel Agron, ich will auch tragen.“ Er lächelte und legte ihr die Packung Toilettenpapier auf die ausgestreckten Hände. Dann schloss er die Tür auf und machte eine ausladende Geste. „Bitte sehr, mein Mäuschen.“ „Ohh, so ein großes Paket. Guck, schaff´ ich ganz allein.“ Mit der großen Box folgte ihr Agron langsam. Die Wohnung befand sich im zweiten Stock und wenn er ehrlich zu sich selbst war, war es doch irgendwie eine Erleichterung, dass Peggy vor ihm ging, so dass er sich Zeit nehmen konnte mit dem Hinauftragen der recht schweren Box.

In der Wohnung trug Agron die Box in die Küche und fing an sie auszupacken. Das Toilettenpapier legte Peggy ins Bad und rannte dann in die Küche. „Ich will auch auspacken.“, rief sie fröhlich. Agron nickte und nahm zwei Nudelpackungen aus der Box und zeigte auf den Schrank. „Dort hineinstellen, mein Kind. Und dann habe ich noch Pudding und Joghurt für den Kühlschrank. Die kannst du dann auch noch einräumen, wenn du magst.“

Begeistert machte sich das Mädchen ans Werk und stellte die kleinen Pudding- und Joghurtbecher der Reihe nach in den Kühlschrank. Agron machte einen langen Hals, um einen prüfenden Blick zu werfen aber es gab eigentlich nichts zu beanstanden. Zum Schluss durfte sie noch die leere Box in die kleine Kammer stellen, während Agron die Vorbereitungen für das Abendessen traf. „Ich will Rührei haben und Brot mit roter Wurst.“ „Rührei mit Tomaten, mein Mäuschen? Und welchen Tee magst du haben? Roten oder gelben?“ „Gelben und morgen grünen, ja, Onkel Agron?“ Grüner Tee? Er musste erst einmal nachdenken, ob er überhaupt welchen da hatte. „Peggy, legst du bitte schon mal die Brettchen auf den Tisch und das Brot und die Butter auch?“

Eine gute halbe Stunde später war alles zum Abendessen bereit und Agron machte der Kleinen eine Scheibe Brot mit Teewurst zurecht, die er anschließend in kleine mundgerechte Häppchen zerteilte. Das Rührei hatte er mit Milch angerichtet und es dann stocken lassen. Und darunter hatte er frische Tomatenstückchen gerührt und den versprochenen gelben Tee gab es auch zu trinken. Für sich selbst machte er eine Scheibe mit Leberwurst und kleckste ein wenig Senf darauf. Neugierig verfolgte Peggy sein Tun und da brach er ein Stück ab und legte es auf ihr Brettchen.

„Iihh.“, presste sie mit verzogenem Gesicht hervor und schon liefen die ersten Tränen an ihren Wangen hinunter. Sofort zückte Agron ein Taschentuch und hielt es der Kleinen vor den Mund. „Ausspucken, ja so ist gut.“ Er wischte ihr die Tränen ab und gab ihr einen kleinen Kuss auf die Wange. Sie schniefte und wies dann auf sein Brettchen. „Kann ich eins ohne das komische Zeug haben?“ „Aber ja.“ Und wieder legte er ein Stück Brot bestrichen mit Leberwurst auf ihr Brettchen, aber diesmal ohne Senf. Tapfer aß sie das Stück auf und schluckte es hinunter aber hinterher schüttelte sie sich. „Mag ich nicht haben. Aber die da will ich haben.“ Sie zeigte auf den Bierschinken und da gab ihr Agron eine Scheibe in die Hand. „Und?“, fragte er sie, während sie langsam kaute. „Besser, Onkel Agron.“, erwiderte sie und griff dann wieder nach ihrem eigenen Brot.

Nach dem Essen durfte sie abwaschen helfen und nach einem Blick auf die Uhr schickte er sie ins Badezimmer. „So, mein Mäuschen, Zeit für die Badewanne. Such dir schon mal ein Spielzeug für die Wanne aus und mache die Heizung an.“

Als Agron ins Bad kam, saß die Kleine auf dem Hocker und hatte sich bis zur Unterhose bereits ausgezogen. Im Schoß hielt sie ein Plastikboot fest und sah dann erwartungsvoll dabei zu, wie Agron die Wanne zustöpselte und dann das Wasser einließ und ihr Schaumbad einträufelte. Mit der Hand prüfte er die Temperatur und nickte schließlich zufrieden.

Dann drehte er sich zu dem Mädchen um und zog ihr die Unterhose aus und hob sie dann hoch und setzte sie langsam in die Wanne. Sie atmete tief durch und da stupste er sie auf die Nase. „Ist es zu heiß? Wenn ja, dann drehe ich das kalte Wasser ein wenig auf.“ Sie schüttelte den Kopf und planschte los. „Nein, nicht zu heiß.“ „Gut.“, erwiderte er und fing an sie sorgfältig einzuseifen und dann mit einem weichen Schwamm abzuspülen. Hinterher stellte er den kleinen Wecker auf den Hocker und erklärte. „Schau Peggy, wenn der große Zeiger hier ankommt, rufst du mich. Ja? Bis dahin kannst du noch in der Wanne bleiben und mit deinem Boot spielen. Soll ich dir noch ein wenig heißes Wasser einlassen?“

Während das Mädchen jetzt noch gute zehn Minuten allein in der Wanne zubrachte, räumte er das Geschirr weg und deckte im Kinderzimmer das Bett auf, öffnete das Fenster und nahm den Schlafanzug aus dem Schrank. Anschließend stellte er im Wohnzimmer den Fernseher an und suchte den Kinderkanal. Nach dem Sandmännchen würde er Peggy ins Bett bringen und sich dann noch für ein paar Stunden an den Laptop setzen und an seinen Bewerbungsunterlagen arbeiten. Und vielleicht aber auch nur vielleicht eine Antwort auf die Anzeige verfassen, die ihn einfach nicht los ließ. Welcher junge homosexuelle Mann suchte per Inserat das große Liebesglück und noch dazu mit Kind und Haustier? Und was für ein Mann arbeitete ausgerechnet als Kindergärtner, nein als Betreuer in einem Kindergarten? Allein schon der Name suggerierte eine arabische Abstammung, halt Moment, war nicht der Mann in der Anzeige syrischer Abstammung?

Agron seufzte. Die Kinder liebten ihren Betreuer Nasir Karun und auch die Leiterin schien ihn zu mögen. Eine helle Kinderstimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Onkel Agron, der Zeiger ist an der Stelle! Onkel Agron!“

Schnell wischte er die Gedanken beiseite und eilte ins Bad. Mit einem „Allez Hopp.“ fasste er das Kind unter die Achseln und hob es aus der Wanne und stellte es auf die weiche Matte. Ein Griff zum Regal und schon war das Mädchen unter einem großen weichen Badetuch verschwunden. Mit geübten und behutsamen Bewegungen trocknete er die Kleine ab, kämmte ihr die nassen Haare und zog ihr den Bademantel an und trug sie anschließend ins Wohnzimmer und setzte sie in den Sessel.

Er drehte den Fernseher ein wenig lauter und stupste ihr dann auf die Nase. „Sandmännchen, mein Mäuschen und hinterher Zähne putzen und danach in die Falle.“ Sie schüttelte den Kopf. „Und auf Klo, noch was zu trinken und eine Geschichte. Papa erzählt immer eine Geschichte mit Geräuschen und so. Das ist lustig. Onkel Agron?“

Er hatte sich abgewandt und wischte sich verstohlen eine Träne von der Wange. Duro und seine selbsterfundenen Geschichten, etwas was er so vermisste und oft dabei zugesehen hatte, wenn er ihn besucht hatte. Er war nicht gut darin Geschichten zu erfinden aber Peggy liebte diese sehr und er wusste, dass er ein Maß an vertrauten Dingen beibehalten musste, um den Verlust zumindest ein wenig auszugleichen.

So nickte er lächelnd und erwiderte. „Gut, eine kleine Geschichte und dann wird geschlafen. Deal?“ Peggy lachte. „Deal.“ Es war dieses Wort und die damit verbundene Absicht, die sie an ihm liebte und die es nur mit ihm gab. Weder Papa noch Mama benutzten diesen Ausdruck, nur Onkel Agron tat das. Es war wie ein kleines Geheimnis zwischen ihnen, dass sie hüteten.


Endlich war das Kind im Bett und er setzte sich zu ihr und fing an zu erzählen. Er brauchte nichts zu erfinden, er berichtete einfach wie sich sein Kater und sein Wellensittich bei ihrem ersten Treffen verhalten hatten. Peggy kicherte und Agron lachte lauthals mit.

Als Agron das Zimmer verlassen wollte, rief sie ihm ängstlich hinterher. „Tür offen lassen.“ Sofort drehte er um und umarmte sie noch einmal ganz fest. „Keine Angst, mein Mäuschen, die Tür lasse ich einen Spalt offen. Ich bin im Wohnzimmer und arbeite noch ein wenig am Computer. Ich werde nicht weggehen und dich allein hier lassen.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Hab dich lieb, Onkel Agron.“ „Ich dich auch, mein Mäuschen.“

Zurück im Wohnzimmer aktualisierte er zunächst seinen Lebenslauf und sah sich danach im Internet nach einer passenden Stelle um. Die Angebote waren nicht wirklich berauschend und da fing er an nach Kleinanzeigen zu suchen. Manchmal waren Privatleute auf der Suche nach Handwerkern, die eine besondere Aufgabe erfüllen konnten.

Er wurde alsbald fündig und schrieb sich die Kontaktdaten auf. Ein Blick auf die Uhr und er seufzte leise auf. Zwei Stunden saß er schon hier und da fuhr er den Laptop herunter und ging nachsehen, um das Kind schlief und alles in Ordnung war.

Bei seiner Rückkehr fand er den Kater auf seinem Stuhl vor und nahm ihn kurzerhand auf den Schoß und streichelte ihn hinter den Ohren und am Hals. Der Kater schnurrte vor Behagen und da griff er nach der Partnersuchtsanzeige und legte sich ein leeres Blatt Papier und seinen Kugelschreiber hin.

Er wusste nicht so recht, wie er beginnen sollte und schloss die Augen, um besser nachdenken zu können. Der Kater maunzte leise und da streichelte er ihn etwas herzhafter. „Hast du eine Idee, wie man so etwas verfasst? Ich kenne ihn ja nicht, ich weiß nur, wie der Mann sein sollte, mit dem ich zusammen sein möchte.“ Der Mann in der Anzeige suchte offenbar eine Familie, also warum nicht die Wahrheit schreiben? Mehr als keine Antwort zu erhalten, konnte ja nicht geschehen.

Er atmete noch einmal tief durch und fing an zu schreiben. „Hallo Unbekannter,...“ Den fertigen Brief ließ er auf dem Schreibtisch liegen und ging dann ins Bad und hinterher ins Bett. Vorher stellte er noch den Wecker auf halb sieben, da er ja mit Peggy um acht in der Kita sein wollte.




Der nächste Morgen begann mit einem Schock für Agron. Er öffnete die Kinderzimmertür um Peggy zu wecken aber er fand das Bett leer und das Fenster weit aufgerissen vor. Und schon ertönte auch noch die Sirene eines Rettungswagen und er blieb wie gelähmt neben dem Bett stehen. Er wurde von Panik erfasst und musste sich zwingen zum Fenster zu gehen und nach unten zu schauen. Weder lag das Mädchen auf der Straße, noch standen viele Leute auf dem Bürgersteig und wiesen nach oben und auch der Rettungswagen war nirgends zu entdecken.

Eine helle Kinderstimme brachte ihn in die Realität zurück. „Onkel Agron? Ist Coco weg?“ Langsam drehte er sich um und fasste die kleine Gestalt hinter ihm ins Auge. Zwei Schritte und dann hob er das Kind hoch und drückte es fest an sein Herz.

„Peggy, mein Mäuschen. Nein, Coco ist nicht weggeflogen. Aber du warst nicht im Bett und das Fenster war offen und da dachte ich, dass du...“ Weiter kam er nicht, weil die Tränen der Erleichterung seine Stimme zu ersticken drohten. „Ich war auf dem Klo. Nicht weinen, Onkel Agron.“ Er wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und gab ihr lächelnd einen Stupser auf die Nase. „Ist alles gut, mein Kind. Zieh´ dich bitte an und dann können wir frühstücken und danach bringe ich dich zu einem Kindergarten für drei Stunden.“

„In einen Kindergarten? Lass mich bitte nicht allein dort.“ Leise seufzend schloss er für einen Moment die Augen und hockte sich dann vor sie hin. „Peggy, ich muss Arbeit finden und da brauche ich einen Ort für dich an dem du bleiben kannst während ich tagsüber arbeite. Es gibt keinen Grund Angst zu haben. Dort sind viele Kinder und du kannst dort mit ihnen spielen und zusammen basteln und gewiss viel Spaß haben.“

Für den Augenblick gab sich das Mädchen damit zufrieden und ging zum Stuhl, über dem bereits ihre Sachen hingen und zog sich zügig an. Inzwischen war Agron in die Küche gegangen und machte alles für ihr Frühstück zurecht. Er kochte für sich Kaffee und für Peggy Kakao und stellte dann das Brot mit der Pflaumenmarmelade und eine kleine Schale mit Cheerios für sie hin.

Nur wenig später saß Peggy auf ihrem Platz und klatschte fröhlich in die Hände. „Onkel Agron, machst du mir eine Scheibe Brot fertig? Und Kakao auch.“ „Hier hast du deinen Kakao und willst du vielleicht Milch auf deine Cheerios haben?“ Sie schüttelte verneinend den Kopf und für die nächsten zehn Minuten kehrte so etwas wie Ruhe ein.

Bevor sie gegen halb acht die Wohnung verließen, sah Agron noch nach ob sein Kater Timmy und sein Sittich Coco alles hatten um die nächsten Stunden unbeschadet zu überstehen. Beide hatten genug Futter und Wasser in ihren Näpfen und auch die Fenster waren allesamt geschlossen, so dass er alle Zimmertüren offen stehen lassen konnte. Timmy liebte es abwechselnd in seinem eigenem Bettchen als auch in Peggys und Agrons Bett eine Runde zu schlafen. Zudem bot Peggys Fensterbank die beste Außenansicht und Coco würde ihm dort wahrscheinlich Gesellschaft leisten.

Den Brief wollte er auf dem Weg auf der Post aufgeben und danach in einem kleinen Cafe die neue Zeitung lesen und nach weiteren Jobangeboten durchsehen.

Die Kita erreichten sie pünktlich und ein wenig ängstlich drängte sich Peggy eng an Agrons Beine als er sie an die Hand nahm und dann an der Tür klopfte, hinter der sich laut dem Schild die sogenannte Flohgruppe befinden sollte.

Zuvor hatte sich Agron bei der Leiterin gemeldet, die sie willkommen hieß und dann zum betreffenden Zimmer geschickt hatte.

Auf sein Klopfen vernahm er ein lautes „Herein.“ und öffnete daraufhin die Tür und zog Peggy mit sich hinein. An vier kleinen Tischen saßen an die zwölf Kinder und sahen sie neugierig an.
Bei ihrem Eintreten erhob sich ein junger Mann aus seiner hockenden Stellung und trat auf sie beide zu. Es dauerte länger als einen Moment bis Agron bei seinem Anblick die Fassung zurückgewann und seine Hand zum Gruß ausstrecken konnte.

Der Mann vor ihm nickte und nahm die dargebotene Hand in die seinige. Ihre Blicke trafen sich und jeder war fasziniert von dem, was er sah. Eins der Kinder fing an zu kichern und schon lösten sie sich voneinander und traten jeweils einen Schritt zurück.

„Guten Morgen, mein Name ist Agron Kerst und das hier ist meine Nichte Peggy. Bitte entschuldigen sie aber sie sind, wow, ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Er räusperte sich und suchte fieberhaft nach den richtigen Worten, um noch zu retten, was zu retten war. Der andere sah ihn lächelnd an und wandte nun seine Aufmerksamkeit dem Mädchen zu.

„Guten Morgen Peggy. Ich bin Nasir und betreue diese Kinder. Wir haben gerade angefangen zu erzählen, welche Tiere wir mögen und vor welchen wir uns fürchten. Hast du nicht Lust dich dort hinzusetzen und mitzumachen? In einer halben Stunde gibt es Frühstück und danach gehen wir nach draußen und spielen im Garten.“

Nach einem prüfenden Blick in die Runde löste sich Peggy von Agron und sah ihn fragend an.
„Geh nur, mein Mäuschen. In drei Stunden bin ich wieder da. Und du sei lieb und höre auf Nasir.“ „Ja, mach ich.“ Ein kleiner Kuss auf Agrons Wange und schon war sie an einem der Tische und setzte sich dort auf den freien Platz.

„Gut, also dann Nasir, bis später und achten sie bitte gut auf meine Peggy.“ „Natürlich Agron, darf ich Agron sagen? Ich werde ein gutes Auge auf sie haben, sie brauchen sich wirklich keine Sorgen zu machen.“

Bevor Agron den Raum verließ, winkte er noch einmal Peggy zu, die fröhlich zurück winkte. Noch ein letzter Blick und dann schloss er die Tür. Im Gang wartete er noch eine Minute aber die Tür blieb geschlossen und noch einmal tief durchatmend ging er auf die Straße hinaus.

Auf der Post gab er den Brief auf und dann ging er in eine kleine Bäckerei und bestellte sich einen großen Kaffee und dazu eine Rosinenschnecke. Unterwegs hatte er sich eine Zeitung besorgt und suchte nun den Anzeigenteil.

Doch zu seinem Leidwesen fand er nichts Brauchbares und legte die Zeitung auf den Tisch. Noch während er seinen Kaffee trank, hörte er am Nebentisch einen Mann mit jemandem übers Telefon streiten. Offenbar seine Frau oder zumindest seine Freundin und er seufzte.

Er hatte niemanden mit dem er sich dermaßen streiten konnte, auch wenn er es gern wollte. In dem Streit ging es um einen Tisch, den er wohl kaufen wollte aber das Modell schien ihr wohl nicht zuzusagen. Ein solches Gespräch würde er selbst gern führen, am liebsten mit Nasir. Halt, er zwang sich von diesem Gedanken zu lösen. Vor keiner halben Stunde hatte er einen Brief an einen unbekannten Mann verschickt und doch fühlte er sich wie ein Betrüger. ´Interessierst dich für den einen Mann in der netten Anzeige und denkst gleichzeitig an einen anderen, den du gerade erst getroffen hast und von dem du im Grunde gar nichts weißt, abgesehen von seinem Namen und seinem Arbeitsplatz.`

In seiner Vorstellung verschmolzen beide Männer in ein und dieselbe Person. Die Herkunft und das Alter schienen bei beiden ja identisch zu sein. Und so ließ er seine Gedanken wieder zu Nasir schweifen. Der Mann mochte Kinder und wohl auch Tiere und er sah so verdammt gut aus. Und dann dieses Lächeln und diese schokoladenbraunen Augen, die gerade Nase, die langen Wimpern, der schmale Körper, der dennoch sehnig und muskulös zu sein versprach und diese Haremshose und dieses Tunikashirt. Und vor allem diese langen seidig glänzenden rabenschwarzen Haare, lose in einem Zopf gebunden und diese eine Haarsträhne, die ihm ständig in die Stirn fiel.

Sein Blick verklärte sich und er war in seinen Tagträumen so versunken, dass er erst wieder in die Realität zurück fand, als es hinter ihm laut klirrte und er vor Schreck seinen Kaffee verschüttete und ihm die heiße Flüssigkeit über die Finger rann und er vor Schmerz zusammenzuckte.

Mit der Serviette säuberte er sich und nahm danach erneut die Zeitung zur Hand. Er hatte ja genügend Zeit und las nun den einen und anderen Artikel mit Interesse durch. Derweil war sein Kaffee lauwarm geworden und er trank ihn blitzschnell aus und verließ dann die Bäckerei.

Nach einem Blick auf die Uhr entschied er noch einkaufen zu gehen und besorgte im Blumenladen eine Topfpflanze für die Küche.


Überaus pünktlich stand er schließlich wieder in der Kita und wollte Peggy abholen. Ein wenig irritiert trafen sich ihrer beiden Augen, da die Tische bereits für das Mittagsmahl gedeckt zu sein schienen. Nasir wollte zwischen den beiden vermitteln und trat lächelnd auf Agron zu.

„Sie kommen gerade recht zum Mittagessen Agron. Es gibt heute Milchreis mit zerlaufener Butter, Zucker und Zimt und dazu Pflaumenkompott. Es wird auch gewiss für sie reichen und sie können an meinem Tisch sitzen und mir Gesellschaft leisten, wenn sie möchten. Es war ein schöner Vormittag und ihre Peggy hat sich hier recht wohlgefühlt. Also, was meinen sie? Wollen sie zum Essen bleiben? Ich würde mich sehr darüber freuen.“

Agron sah kurz zu Peggy hinüber, die ihn bittend anblickte. „Milchreis mit Pflaumenkompott? Ja, warum eigentlich nicht? Erspart mir zumindest die Mühe zuhause selber noch zu kochen.“ „Gut.“


Sie saßen sich gegenüber und unterhielten sich halblaut. Ab und zu huschten Nasirs Blicke zu den Kindern hinüber, um sich dann wieder Agron zuzuwenden. Lächelnd beobachtete Nasir, dass sowohl Peggy als auch Agron ihre Portion Milchreis auf die gleiche Weise vertilgten. Beide hatten zunächst die Butter und die Zimtzuckermischung langsam und ausgiebig in den Milchreis verrührt und hinterher klecksten sie auch noch die Hälfte von ihrem Kompott dazu bevor sie zu essen begannen.

„Familientradition.“, meinte Agron nur und erntete dafür einen fragenden Blick von Nasir. „Meine ganze Familie samt Duro und meiner Mutter aßen Milchreis so.“ „Duro war ihr Bruder und der Vater von Peggy, nicht wahr? Sie haben ihr altes Leben für ihre Nichte aufgegeben und jetzt versuchen sie ihr ein guter Vater zu sein.“

„Nein, das versuche ich keineswegs. Ich bin ihr Onkel und ich werde alles tun, damit sie sich immer an ihre richtigen Eltern erinnert. Aber es stimmt, ich bin wegen ihr in diese Stadt gezogen, um sie nicht allem zu entreißen, was sie kennt. Und ja, es ist nicht einfach. Meine Wohnung ist nur zur Hälfte eingerichtet aber ich habe alles, was wir brauchen. Zumindest alles für sie und den Kram, den ich benötige, nun ja, wenn ich wieder Arbeit habe.“

Nasir seufzte leise und sah nachdenklich aus dem Fenster. „Hingegen ist meine Wohnung das reinste Sammelsurium an Möbeln von meiner Schwester und von mir selbst. Ich lebe allein, wenn ich von Raya absehe.“ „Raya?“ „Meine Hündin, ein liebes Geschöpf, die ich vor gut einem Jahr auf der Straße aufgelesen habe. Wir schenken uns gegenseitig Liebe und Vertrauen.“

„Ich habe einen Kater namens Timmy und einen Wellensittich mit dem Namen Coco.“ Nasir wirkte ungläubig. „Was tun sie, wenn sie nicht zu Hause sind? Halten sie die beiden dann in getrennten Zimmern?“ „Nein, das ist nicht nötig.“ Agron lachte auf.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass beide in diesem Moment auf der Fensterbank in Peggys Zimmer aufeinander hocken und die Aussicht genießen.“

Inzwischen waren ihre Teller leer geworden und nun bot Nasir ihm einen Tee an. Agron nahm das Angebot an und rührte einen gestrichenen Teelöffel Zucker unter, während Nasir zwei gehäufte Löffel in seinen Becher tat.

„Und Agron, was denken sie? Werden sie Peggy auch morgen hierher bringen? Wir sind zwar eine private Einrichtung aber die Kosten sind nicht ganz so hoch, wie sie womöglich befürchten.“ Agron nickte langsam. „Ich bekomme einen Zuschuss von der Jugendfürsorge und wenn ich arbeiten gehe, wird es sich auf jeden Fall auch finanziell bessern.“

„Was für eine Arbeit suchen sie denn? Vielleicht kann ich ihnen ja weiterhelfen.“ „Ich bin Kunstschmied und ich liebe meinen Beruf, nur sind im Augenblick die Jobangebote etwas rar.“ „Reden sie mit der Leiterin und bieten sie ihre Hilfe an. Wir benötigen ein neues Gartentor und ein neues Treppengeländer.“

„Sie bieten mir gerade eine Arbeitsstelle an? Das wäre in der Tat großartig.“

„Nein Agron, das sehen sie falsch. Ich biete ihnen meine Freundschaft und einen Job an, dessen Bezahlung sie in ein wenig über die Runden kommen lässt, bis sie einen geeigneten Arbeitsplatz gefunden haben.“

Über dieses Angebot war Agron mehr als nur begeistert und als er schließlich mit Peggy die Kita für heute verließ, hatte er einen besseren Blick auf seine Zukunft.

Und was noch besser war; es verschaffte ihm die Möglichkeit Zeit mit Nasir zu verbringen.







 
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