Nachmittagstee

GeschichteFreundschaft / P12
Minerva McGonagall Pomona Sprout
07.01.2018
07.01.2018
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Nachmittagstee


für rhabarber




Man sollte meinen, im Alter würde alles ruhiger, aber die Weihnachtszeit kam ihr mit jedem Jahr hektischer vor. Wobei es vielleicht einfach eine Illusion war, sich ‚Hogwarts‘ und ‚Ruhe‘ im gleichen Moment vorzustellen, das hätte sie in all den Jahren wirklich lernen können. Und im Vergleich zu den Jahren zuvor hatte 1991 noch zugelegt, was die Hektik betraf. Und es war ja nicht nur der Vorweihnachtsstress, der ja trotz allem etwas von Feierlichkeit und Tradition hatte – Hogwarts schien einfach auf dem Kopf zu stehen, seit Harry Potter an der Schule war. Dass es vor allem in den ersten Wochen zu Aufregung unter den Schülerinnen und Schülern sowie im Kollegium kommen würde, hatte Minerva durchaus erwartet. Natürlich konnte Harry nicht einfach in der Masse untergehen, wie die anderen Elfjährigen. Minerva war dennoch recht zufrieden gewesen, dass der Junge sich dennoch wohl zu fühlen schien. Von dem ständigen Zwist mit dem jungen Malfoy abgesehen – wofür sie aber insgeheim nicht gerade wenig Verständnis hatte – schien er sich in seinem Jahrgang gut eingelebt zu haben und Minerva mochte das Trio aus Harry, Hermine und Ron, die inzwischen untrennbar zusammenhingen, doch sehr gerne, auch wenn sie sich wünschte, dass Hermine einen stärkeren vernünftigen Einfluss auf die beiden Jungs ausüben würde. Doch mit Harrys Einschulung war auch ein ständiges Sorgenmachen eingetreten. Elf Jahre lang hatte Minerva kaum an den Jungen gedacht. Ja, als Albus ihn einfach bei den Dursleys abgeliefert hatte, die sie nach ihren Beobachtungen für absolut ungeeignet und unsympathisch hielt, hatte sie noch wochenlang ab und an darüber nachgesonnen, wie es James‘ und Lilys Kind wohl ginge. Sie hatte sich zusammengerissen, war nicht noch einmal dort aufgetaucht. Sie hatte sich gesagt, dass ihr die Zeit dazu fehlte, doch in Wirklichkeit wollte sie es vielleicht einfach nicht sehen. Wollte sich einreden, dass sie Muggel doch sicher netter waren, als es zuerst den Anschein gehabt hatte, und dass er dort zu einem glücklichen jungen Menschen heranwachsen würde. Dann, nach ein paar Wochen, waren die Gedanken, in denen Harry auftauchte, weniger geworden – nach dem Fall des dunklen Lords hatte sich auch die magische Welt nahezu umgekrempelt, alles war drunter und drüber gegangen, wer könnte es ihr verdenken? Doch als dann der blasse, magere, schüchterne Junge zum ersten Mal in ihrem Klassenzimmer gesessen war, hatte Minerva ein Gefühl von Schuld erfasst, das seitdem an ihr nagte. Sie seufzte. Es ergab keinen Sinn, jetzt darüber nachzugrübeln, was sie vor elf Jahren hätte tun sollen. Sie warf einen warmen Winterumhang über und begab sich nach unten ins Schloss. Wirklich schön, dass Pomona sie gerade heute zu einem vorweihnachtlichen Nachmittagstee eingeladen hatte, heute würde ihr die Ablenkung besonders gut tun. Während Minerva durch das Schloss lief, sog sie genüsslich den Duft nach Tannennadeln ein. Wie jedes Jahr hatte Flitwick die Bäume in der großen Halle so verhext, dass der weihnachtliche Geruch durch das ganze Schloss zog.

Minerva verließ das Gebäude und musste draußen sofort den Mantel fröstelnd enger um sich ziehen. Eine Horde Schüler lieferte sich eine wilde Schneeballschlacht, doch sie tat vor sich selbst und den Schülern so, als habe sie nichts gesehen. Sie war neugierig – nicht in ihr Büro hatte Pomona sie eingeladen, sondern in ein Gewächshaus. Dort hatte sie sich, wie sie erzählte, einen kleinen Wintergarten eingerichtet, was Minerva sich äußerst gemütlich vorstellte.

Schon als sie die Glastür hinter sich schloss, wurde ihr plötzlich wieder so warm, dass sie den wärmenden Umhang ablegen musste. Zwischen all den Pflanzen wusste sie zunächst nicht, ob sie im richtigen Gewächshaus gelandet war, bis die Stimme ihrer Freundin zu ihr drang: „Minerva, bist du‘s? Ich bin hier, am anderen Ende!“
Lächelnd zwängte Minerva sich zwischen Blumentöpfen hindurch, musste ab und zu einer Pflanze, die die sie gar nicht hindurchlassen wollte, einen tadelnden Klaps geben. Am anderen Ende des Glashauses dann fand sie sich vor einem runden Holztisch wieder, um den herum ein paar Korbstühle standen, die mit dicken Kissen in Pastellfarben gepolstert waren. Ein kleines Regal befand sich dort ebenfalls, und daran, dass sich darin hauptsächlich Romane und keine Kräuterkundebücher befanden, erkannte Minerva, dass Pomona diesen Ort wohl hauptsächlich zum Entspannen nutzte. Außerdem zierte das Regal – Minerva schmunzelte – eine höchst ausgewählte Sammlung schottischer Whiskys.

„Nimm Platz!“
Das ließ sie sich nicht zwei Mal sagen und gleich darauf saßen sich die beiden Lehrerinnen in den leise knarzenden Korbstühlen gegenüber. Mit einem fröhlichen Schwenker ihres Zauberstabes ließ Pomona ein Teeservice sowie ein Tablett mit Scones, Clotted Cream und Marmelade erscheinen. Minerva seufzte, schon wieder an diesem Tag, doch diesmal war es ein glückliches, ein erleichtertes Seufzen. „So ein gemütlicher Nachmittagstee ist genau das, was ich gebraucht habe!“ Sie ließ sich eine große Tasse Schwarztee einschenken, und fügte dann einen kleinen Schluck Sahne hinzu, gerade so viel, dass ein schöner heller Wirbel im dunkelbraunen Getränk entstand.
„Das kannst du laut sagen! Die Wochen vor Weihnachten, so schön sie auch sind, rauben mir immer den letzten Nerv!“, pflichtete Pomona ihr bei. „Aber hier kann ich meistens sehr gut ausspannen. Wie ich so im Warmen sitze, gefällt mir auch der Schnee richtig gut.“
Dem konnte Minerva nur zustimmen. Durch die Fensterfronten des Gewächshauses war die glitzernde, weiße Kälte draußen gut zu sehen, ohne dass man sich mit der Nässe und dem Frieren herumschlagen musste. Während die beiden Frauen genüsslich den heißen Tee tranken, betrachteten sie die dicken Flocken, die über den Ländereien zu Boden taumelten, vom leichten Wind manchmal gegen die Fensterscheibe geweht wurden, wo sie dann schmelzend herabsanken. Für eine Weile saßen sie schweigend, die Stille wurde nur durch die Pflanzen, die hinter ihrem Rücken ein raschelndes Eigenleben führten, unterbrochen. Dann fasste Minerva sich ein Herz, ein paar ihrer Sorgen der langjährigen Freundin anzuvertrauen. „Ich muss in letzter Zeit allzu häufig über Harry Potter nachdenken“, begann sie.
„Da ist es ja kein Wunder, dass dir vor lauter Stress der Kopf schwirrt!“, rief Pomona sofort verständnisvoll aus. „Ob er nun Trolle in Mädchentoiletten erledigt oder beim Quidditchspielen fast vom Besen geschleudert wird, er gerät von einem Erlebnis ins nächste!“
„Ja, genau! Und ich kann fast nicht aufhören, mir Sorgen zu machen … Wie froh ich war, als wir endlich so einen grandiosen Sucher gefunden hatten, doch nach diesem Desaster wäre ich fast versucht, ihn zu seiner eigenen Sicherheit vom Spielen zu befreien, bis wir wissen, wer dahinter steckte …“
Pomona warf ihr einen schelmischen Seitenblick zu. „Das würdest du nicht wirklich tun, dafür ist es doch viel zu sehr an der Zeit, dass Gryffindor endlich den Pokal in den Händen hält.“
„Du hast ja Recht, das ginge vollkommen gegen meinen Hausstolz. Obwohl ich es euch ja auch gönnen würde …“
„… Hauptsache nicht schon wieder die Slytherins!“, ergänzten beide.

„Ich freue mich ja auch für Potter, dass er in Quidditch augenscheinlich etwas gefunden hat, in das er gut ist und das ihm richtig Spaß macht. Nach allem, was ich weiß, waren die letzten elf Jahre nicht gerade die angenehmsten für ihn …“ Minerva schwieg, bevor sie weitersprechen konnte. „Ich glaube, die Muggel bei denen er lebt sind ziemlich entsetzliche Menschen. Ich wünschte, ich hätte Albus mit mehr Nachdruck widersprochen, als er das Baby bei ihnen abgelegt hat. Aber ich glaube, ich hatte einfach so viel anderes zu tun – und wollte ehrlich gesagt auch einfach nicht noch mehr Verantwortung tragen und am Ende gar einen Streit mit Albus heraufbeschwören.“
Pomona nickte. „Ich verstehe das vollkommen. Du hast ein gutes Herz Minerva, und du kümmerst dich viel, auch wenn du das gerne versteckst, vor allem vor deinen Schülern. Aber du musst dir auch verzeihen können. Vielleicht hatte Harry wirklich kein besonders schönes Leben. Er ist ein Waise, und seine Eltern hätte ihm die beste Pflegefamilie nicht ersetzen können. Doch die letzten Jahre sind so verlaufen, wie sie verlaufen sind, - glaub mir, ich weiß, wie unmöglich eine Diskussion mit Professor Dumbledore ist, wenn er von einem Plan überzeugt ist - und auch wenn man seine Kindheit nicht rückgängig machen kann, ist er jetzt hier. Und ich bin mir sicher, dass Hogwarts ihm ein Zuhause sein wird, so wie es das vielen Kindern, die aus unschönen Verhältnissen kommen, schon immer war.“

„Wahre Worte, Pomona. Danke.“ Minerva lächelte. „Es tut gut, sich das von der Seele gesprochen zu haben. Aber lass bloß nicht zu, dass je ein Wort über mein weiches Herz an die Schülerschaft gerät!“, drohte sie spielerisch.
„Keine Sorge, ich kann schweigen“, kichert Sprout. „Jetzt aber genüg der trübsinnigen Gedanken! Lass' uns über angenehmere Themen sprechen.“ Sie packte ihr aktuelles Strickprojekt – einen flauschigen Poncho in den Hufflepuff-Farben aus – während sie eine Anekdote aus der letzten Unterrichtsstunde zum Besten gab.

Und den Rest des Nachmittages sprachen sie über die amüsantesten Streiche der Weasley-Zwillinge, den neuesten Klatsch aus der Hexenwoche und die lustigsten Schnitzer aus den Aufsätzen der Schüler. Als dann die Dämmerung den grellen Schnee verdüsterte, beschlossen sie, dass es an der Zeit war, den Tee durch Glennfiddich-Whiskey zu ersetzen, und wäre ein Schüler um die Gewächshäuser geschlichen hätte ihn der Anblick der beiden ausgelassen Lehrerinnen die im warmen Schein der Kerzen im Glashaus sitzen, sicher verwirrt wie amüsiert.

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Liebe rhabarber,
tut mir sehr leid, dass du so lange auf dein Ersatz-Wichtelgeschenk warten musstest! Ich hoffe, du bist gut in 2018 angekommen und wünsche dir ein kreatives neues Jahr mit viel Inspiration und Zeit zum Schreiben.
Liebe Grüße
fortassis =)
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