Schulliteratur in der DDR

OneshotHumor, Parodie / P6
05.01.2018
05.01.2018
1
587
10
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Es ist doch unglaublich, welche Literatur heutzutage an deutschen Schulen gelesen wird. Meine Tochter musste solch eine verstörende Geschichte wie „Bahnwärter Thiel“ lesen. Über 100 Jahre alt, mein Gott, und so brutal. Was bin ich froh, wenn sich meine Kinder zu Weihnachten niedliche Bücher von Neil Gaiman wünschen. So was wie „American Gods“ oder „Sandman“.

Zu DDR-Zeiten lief das alles in geregelten Bahnen. Generationen von Schülern lasen (fast) dieselben Bücher. Eine Frau konnte einen zehn Jahre älteren Mann heiraten und sie hatten dasselbe literarische Niveau. Einige der Bücher der Schullektüre in der DDR habe ich mir ins Gedächtnis zurückgerufen.

„Die Reise nach Hundeschitt“ von Benno Pludra beschreibt das triste Leben der DDR-Kinder. Sie wurden als Laufburschen für die Erwachsenen benutzt und wenn sie von einem Ort in den anderen gelangen wollten, konnte eine Entfernung von 15 km durchaus einen Tag in Anspruch nehmen. Der Hauptheld reist irgendwelchen Jugendlichen hinterher; als ob die sich ernsthaft mit einem kleinen Jungen abgeben würden.

Von demselben Autor stammt das Buch „Lew Matew und die heiße Muschi“. Der Hauptheld, benannt nach einem russischen Offizier, ist ein vernachlässigter Junge, der sich seinen täglichen Fisch selber fangen muss. Kein Wunder, dass er davon träumt, eines Tages die heiße Muschi zu finden. Blöd, dass er deswegen aufs offene Meer fährt und in einen Sturm gerät. Nicht den ersten in der DDR.

In „Die Jagd nach dem Stiefel“ von Max Zimmering geht es um den für die DDR typischen Mangel an elementaren Konsumgütern wie Winterschuhe, der sich bereits lange vor Gründung der DDR abzeichnete. Gebrauchsgüter des täglichen Bedarfs, die in einem normalen Laden schwer zu bekommen waren, nannte man „Bückware“. Bücken mussten sich auch die Kinder nach dem Stiefel-Abdruck.

Zur Schulliteratur der DDR gehörten aber auch Propaganda-Machwerke, die bereits die Kleinsten vor dem Grauen außerhalb der DDR warnen wollten, z.B. „Robinson Crusoe“ von Daniel Defoe. Sein Vater warnt den jungen Robinson eindringlich davor, zur See zu gehen, dort würde er untergehen. Doch Robinson Crusoe missachtet diese Ermahnungen und wird überfallen und versklavt. Wir alle lernten dadurch, dass es verkehrt und gefährlich ist, die DDR zu verlassen, vor allem über den Seeweg.

Die wirklich schlimmen Bücher und Filme waren in der DDR verboten. Dennoch gelang es immer wieder Künstlern, auf kreative Weise gegen solche Zensur zu protestieren. Im Film „Karate Kid“ bezieht der Karate-Lehrer Miyagi neben technischen auch philosophische Aspekte ein, was den DDR-Oberen ein Dorn im Auge war. Doch die Band Karat gab sich unerschrocken einen Namen, der an den Film erinnerte.

Das Buch „Heidi“ war ebenfalls verboten. Nun hätte es keine Band gewagt, sich die „Heidis“ zu nennen, das wäre zu krass gewesen. Aber „Puhdys“ – das ging gerade so noch unentdeckt durch.

Mit den verbotenen Büchern über Winnetou verhielt es sich so: Zuerst muss man erkennen, dass Winnetou ein englisches Wort ist und eigentlich „winne two“ geschrieben wird. Man muss es dann noch englisch aussprechen, also [winni tuh], dann das zweite Wort als römische Zahl schreiben und fertig war der Bandname „Winni II“. Schwer zu enttarnen, bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Und konnte dadurch garantiert nicht von der Stasi beanstandet werden.


Wer mir nicht folgen konnte, erhält hier die Literaturliste (Pflichtlektüre, zu lesen bis Montag!):
Benno Pludra: Die Reise nach Sundevit
Benno Pludra: Lütt Matten und die weiße Muschel
Max Zimmering: Die Jagd nach dem Stiefel
Daniel Defoe: Robinson Crusoe