Alles was zählt

OneshotSchmerz/Trost / P12
05.01.2018
05.01.2018
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"Geht es dir gut, Mon?"

Gleich nachdem Chandler von der Arbeit heimkam entdeckte er Monica weinend auf der Couch.

"Du kommst aber früh", schniefte Monica als sie auf die Uhr sah und sich Tränen aus dem Gesicht wischte.

"Ich bin heute früher auf der Arbeit fertig geworden", antwortete Chandler und schüttelte den Kopf darüber, seine Frau hatte geweint und er redete über die Arbeit, "bist du sicher dass alles in Ordnung ist? Denn du siehst nicht so aus… ist irgendwas passiert?"

Chandler war vor Monica auf die Knie gegangen.

"Alles in Ordnung, Chandler. Keine Sorge" Monica lächelte gequält und Chandler ging nicht weiter darauf ein. Er wunderte sich warum seine bezaubernde Frau Tränen vergossen hatte.

"Du solltest deinen Mantel ausziehen. Bist du hungrig?"

Monica stand auf und ging an Chandler vorbei in die Küche.
Chandler noch immer auf den Knien sah ihr verwirrt hinterher.


"Isst du nichts", fragte Chandler als Monica ihn allein am Esstisch sitzen ließ um sich auf der Couch ein Magazin anzusehen.

"Ich bin nicht hungrig, Liebling"
Monica drehte sich nicht zu ihm um. Sie vermied Augenkontakt seit sie vorhin von der Couch aufgestanden war.

Chandler ließ das Essen unangetastet und ging hinüber zu Monica. Er nahm ihr gegenüber auf dem Couchtisch platz, wurde dafür nicht zu Recht gewiesen und starrte auf das Magazin, dass sie wie eine Wand trennte. Zahnpastawerbung mit einem schneeweißen Gebiss anstelle seiner Frau.

Mit den Fingern drückte er die Zeitschrift nach unten und nach kurzem Widerstand ließ Monica ihn gewähren. Endlich konnte er ihr in die Augen sehen. Warum war sie so traurig?

"Hey", grinste Chandler.

"Hey", flüsterte Monica vorsichtig und Chandler erhaschte ein flüchtiges Lächeln.

"Hi", er hatte keine Ahnung was er als nächstes sagen sollte, "Weißt du heute ist irgendwie ein komischer Tag"

"Das tut mir leid", wisperte Monica den Tränen nahe, "Ich-"

"Stopp", unterbrach Chandler sie ruhig, stolz dass er so selbstbeherrscht war und nicht ausflippte, so wie er es innerlich tat bei dem Anblick seiner verzweifelten Ehefrau, nicht wissend was los war und wie er ihr helfen konnte. "Du brauchst es mir nicht zu sagen, wenn du nicht willst", flüsterte er. Es brachte ihn beinah um Monica so zu sehen.

"Wie wäre es wenn ich noch einmal nach Hause komme", Chandler stand auf, denn sonst hätte er Monica in die Arme genommen. Sie hätte dann noch mehr geweint und weil sie so sehr damit kämpfte ihn ihre Tränen nicht sehen zu lassen, wollte Chandler ihr etwas Zeit geben, "in ein paar Minuten komme noch einmal herein. Ich bin die letzte Stunde gar nicht hier gewesen"

Auf halbem Weg zur Tür wurde er schneller, wollte ihr jegliche Gelegenheit ihm antworten zu müssen nehmen. Chandler lehnte sich im Flur gegen die geschlossene Wohnungstür und versuchte seine Atmung zu beruhigen. Wie würde es gleich sein wenn er das Appartement wieder betrat?

"Geht es dir gut?" Joey war die Treppe heraufgekommen und klang besorgt. Chandler öffnete die Augen und mimte ein Lächeln, es war ein eigenartiges Deja vu, die gleiche Frage hatte er vorhin seiner Frau Monica gestellt.
"Ja, Monica bereitet eine Überraschung vor", log er.
"Ahhh", zwinkerte Joey begeistert, "Viel Spaß euch beiden"
Chandler war sich nicht sicher was ihn in der Wohnung erwartete wenn er wieder eintrat, aber spaßig würde es sicher nicht.
"Danke, Joey", grinste Chandler widernatürlich als Joey mit einem Daumen hoch in seiner Wohnung verschwand.

Chandler legte den Kopf in den Nacken. Was war hier nur los?

"Ich bin zuhause", rief Chandler als er sich wieder in die Wohnung traute. Monica kam mit geröteten Augen aus dem Schlafzimmer, Chandler kommentierte es nicht.
"Hey, wie war die Arbeit?", Monica küsste Chandler flüchtig und stellte das warmgehaltene Essen wieder auf den Küchentisch, "Du kommst genau richtig, das Essen ist fertig"
Chandler war dabei gewesen als Monica hochkonzentriert gekocht hatte um nicht mit ihm reden zu müssen. Was für ein Schauspiel.
Sie lächelte breit, doch ihre Augen erreichte es nicht. Sie sah  traurig und verloren aus und damit kam Chandler überhaupt nicht klar. Er konnte nicht so tun als wäre alles in Ordnung, wenn es das so offensichtlich nicht war.

"Das… das funktioniert nicht", stammelte er.
"Was hast du gesagt, Liebling?"
Wie konnte sie diese fröhliche Fassade aufrecht erhalten? Chandler fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht.
"Ich kann das nicht Monica"
Monica erstarrte und blickte ihn eisig an.
"Es war deine Idee, Chandler Bing"
"Ich weiß, aber es bricht mir das Herz dich so zu sehen"
Ihr Blick veränderte sich und sie verschränkte die Arme vor Brust.
"Wie siehst du mich denn?", zischte sie angriffslustig.
"Ich habe versprochen dich glücklich zu machen, aber das bist du nicht."
"Woher willst du das wissen?", schmetterte sie ihm die Worte entgegen. Sie kanalisierte ihre Gefühle um, vielleicht zum Schutz oder weil es besser war als zu weinen. Es war falsch, Chandler wusste das, Monica war es sicher auch bewusst, aber keiner von beiden beendete es.
"Bist du glücklich, Monica? Hier und jetzt?"
"Ja, das bin ich", schrie sie schrill.
"Schön", brüllte Chandler zurück. Einen Moment lang blieb es still.
"Gut, können wir dann essen?", schaltete Monica auf Knopfdruck drei Gänge zurück.
"Ich bin nicht hungrig", raunte Chandler und ging hinüber zu Joey, der in seinem Sessel vorm Fernseher Chips in sich stopfte. Wortlos setzte sich Chandler auf die Couch und ließ den Kopf auf seine Handflächen sinken.

"Schlechte Überraschung?"
"Halt die Klappe", murmelte Chandler. Das eben war ziemlich mies gelaufen.
"Woah", Joey setzte sich neben seinen Freund und legte ihm den Arm über die Schulter, "was ist passiert?"
"Ich habe keine Ahnung" Es ging alles so schnell von jetzt auf gleich war die Stimmung gekippt. Chandler wanderte vor der Couch auf und ab.
"Diese Frau in unserer Wohnung ist nicht Monica"
"Da ist eine fremde Frau in eurer Wohnung?", blickte Joey erschrocken auf.
"Nein, Joey. Es ist Monica, aber sie benimmt sich nicht wie Monica"
"Ah", Joey nickte zufrieden, Chandler nahm das als Zeichen einer Lösung seines Problems und wartete auf Joeys Antwort. Wusste Joey irgendwas?
"Frauen sind manchmal so"
"Das ist alles?"
"Ja, komm damit klar" Was redete sein Freund da? Benahmen sich heute alle eigenartig? War das vielleicht nur ein schlechter Traum?

Chandler klopfte gegen Joeys Kopf.
"Hallo? Wo ist Joey hin?"
"Ich bin hier, man"
"Seit wann bist du bewandert was sich komisch benehmende Frauen angeht? Was soll ich tun Joey?"
"Nichts", zuckte Joey mit den Schultern.
"Was?"
"Ruf sie nicht an, triff sie nicht mehr. Ignoriere sie. Problem gelöst"
"Sie ist nicht irgendeine Frau. Wir sind verheiratet. Monica ist meine Frau, ich muss mit ihr leben"
Joey dachte nach.
"Richtig, dann solltest du…" Joey nahm seine Ich-rieche-einen-Furz Pose an.
"Was, Joey?"
"Ich habe keine Ahnung", gab Joey zu.
"Großartig, danke für den Rat", spuckte Chandler ihm sarkastisch entgegen.
"Schön, dass ich dir helfen konnte"
Joey setzte sich wieder in seinen Sessel und sah weiter fern.
Chandler war kein Stück weitergekommen.

Als Chandler wieder in die gemeinsame Wohnung zurückkehrte war Monica fort und Ross saß essend am Küchentisch.
"Wo ist Monica?", fragte Chandler und setzte sich dazu.
"Vor ein paar Minuten zur Arbeit gegangen", wunderte sich Ross und aß weiter während Chandler nur in seinem essen stocherte.

"Ist irgendwas nicht in Ordnung?", erkundigte sich Ross.
"War Monica merkwürdig als sie vorhin ging?", erkundigte sich Chandler vorsichtig bei seinem Schwager.
Ross legte seine Gabel auf dem Tellerrand ab "Naja, sie ist Monica. Warum?"
"Sie war heute eigenartig"
"Jetzt wo du es sagst" Ross sah Chandler streng an, "was hast du getan?"
"Ich? Nichts, also anfangs…"
Ross schob seinen Teller von sich.
"Chandler, was ist passiert?"
Chandler nahm einen tiefen Atemzug. Er wusste er musste mit jemandem Reden sonst würde er durchdrehen. Joey war dafür nicht die richtige Person, Ross wusste vielleicht einen Rat. Immerhin war er Monicas Bruder.

"Ich kam heute früher von der Arbeit und Monica saß weinend auf der Couch. Sie wollte offensichtlich nicht darüber sprechen und ich wollte sie nicht drängen, was am Ende irgendwie schief lief. Hat sie irgendwas gesagt als sie ging?"

"Nein. Sie war ganz normal. Ein wenig in Eile vielleicht. Soll ich mal mit ihr reden?"

"Danke, nein, ich werde es selbst noch einmal versuchen."

"viel Glück"


Chandler blieb auf und saß am Küchentisch als Monica spät nachts nach Hause kam. Sie wankte ein wenig und fiel fast über ihre eigenen Füße.

"Hey", machte Chandler auf sich aufmerksam.

"Oh, Chandler, du bist wach"

Chandler stand auf. "Ich dachte wir sollten nochmal reden"
Er griff ihren Arm als sie drohte das Gleichgewicht zu verlieren.

"Danke", flüsterte Monica

"Bist du betrunken, Mon?"

"Bis zum geht nicht mehr", grinste sie und nahm mit der Hand Maß an ihrer Stirn um es Chandler zu demonstrieren.

"Das sehe ich", Chandler lächelte zurück und gab vor ebenso begeistert zu sein wie sie, „Was war los?"

"Melinda hat die Crew in die neue Bar eingeladen. Sie haben tolle Cocktails dort, wir sollten auch mal dahin."

"Hört sich toll an, Monica. Also hattest du einen schönen Abend ja?"

"Ja. Und du? Wie war dein Abend?"

"Ach, ich hatte einen Streit mit meiner Frau und habe darauf gewartet, dass sie von der Arbeit kommt um es zu klären"

"Aber sie kam nicht?", unterbrach Monica ihn besorgt.

"Nein, sie kam nicht, Monica" Chandler schüttelte den Kopf, "und später kam sie sturzbetrunken nach Hause"

"So wie ich", lehnte sich Monica zu ihm, ihre Finger krallten sich ihn sein Shirt um die Balance zu halten.

"Genau" Chandler wusste nicht ob er aufgrund dieser Unterhaltung lachen oder weinen sollte.

Monica kam näher und Chandler hielt die Luft an, so sehr roch ihr Atem nach Alkohol.
"Ist sie hier?", wisperte Monica

"Wer?", flüsterte Chandler.

"Deine Frau, hätte sie wohl was dagegen wenn ich dich küsse?"
Monica legte ihre Lippen auf Chandler, aber er schob die von sich. Das war einfach zu viel.

"Ok, wir sollten dich jetzt ins Bett bringen."

Monica grinste, "In dein Bett", gluckste sie

Chandler kratzte sich seufzend am Kopf "unglaublich"

"Du und ich, das ist großartig, Chandler"

Chandler brachte Monica ins Bett und schlief selbst im Gästebett.
Monica verschlief den nächsten Morgen und obwohl es Wochenende war entschied Chandler ein paar Stunden auf der Arbeit zu verbringen auch wenn er nicht allzu konzentriert war.

Auf dem Rückweg kaufte er eine Zeitung und las sie im Bus. Kurz bevor er aussteigen musste fiel sein Blick auf einen bekannten Namen.

"Oh, mein, Gott", murmelte Chandler und eilte nach Hause.

Monica lag noch immer im Bett und starrte an die Decke. Chandler beobachtete sie im Türrahmen stehend.
"Es tut mir leid, Monica", er meinte es aus tiefstem Herzen und steckte seine ganze Liebe für Monica in die Worte.

Sie drehte ihm den Kopf zu.
"Es tut mir so leid", wiederholte Chandler und wartete auf ein Zeichen ihrerseits um auf sie zuzugehen.

Monica streckte die Hand nach ihm aus und Chandler betrat langsam den Raum.
"Du weißt es", wisperte sie.
"Ja, Monica", setzte sich Chandler neben sie auf das Bett und griff nach ihrer Hand. Monica entzog sie ihm und versteckte ihr Gesicht hinter den Händen.
"Oh, Chandler", schluchzte sie los, "Du musst mich hassen"
"Nein, wieso denn? Ich hasse dich doch nicht"
Monicas Körper bebte vom Weinen "du musst mich so sehr hassen", jammerte sie.
"Hör auf damit Monica" Chandler zog ihre Hand von ihrem Gesicht und zwang sie ihn anzusehen.
"Hör zu, ich hasse dich nicht, Monica. Ich liebe dich"

"Du liebst mich trotzdem?" Monica beruhigte sich ein wenig.
"Ich liebe dich mehr als alles andere in meinem Leben"
Ihre Gesichtszüge entspannten sich.
"Warum?"
Chandler lächelte. "Wie kannst du mich jetzt noch lieben wo du weißt, dass ich wegen eines anderen Mannes weine?"
"Du hast ihn immer geliebt"
"Ja, irgendwie"
"Richard war ein großer Teil deines Leben, deines Herzens. Du hast so ein großes Herz, dort ist Platz für uns alle. Dein Verlust tut mir leid und es ist in Ordnung dass du deswegen traurig bist. Liebst du mich?"
"Ja, Chandler. Ich liebe dich so sehr"
"Das ist alles was zählt"
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